Einleitung.
Es gibt heute nichts, was höher im Kurs stände, als die Tatsache. Die knappen Berichte des deutschen Hauptquartiers, die in wenigen, genauen Worten den jeweiligen Stand der größten Erschütterung aufzeichnen, die die Welt je erlebt hat, sind gepreßt voll mit Tatsachen, zwischen denen keine Watte von Gefühl, Betrachtung, Ausmalung liegt. Die genaueste Projizierung vom Geschehnis ist uns heute die liebste, weil sie die reinlichste Aufzeichnung unserer Schicksalslinie darstellt. Was könnte ein anderer hinzutun, das wir selber nicht tiefer und inniger empfänden! Aber als Ergänzung dieser gewaltigen Nüchternheit, die das Gesamtbild haben muß, ist uns die Darstellung des einzelnen Erlebnisses willkommen, in dem wir die Anfänge der großen Dinge spüren und sehen. Die Tatsache ist das Entscheidende; aber ihre Farbe und manchmal ihre Bedeutung erhält sie dadurch, daß sie in Handlung oder im Unterlassen des einzelnen Menschen wurzelt, ein einzelnes Menschenschicksal ist!
Hier ist ein Buch, das solch ein einzelnes Menschenschicksal erzählt, in dem sich aber der Zusammenbruch der alten Welt in den Revolutionsjahren und der Aufstieg der neuen in Napoleon spiegelt, bis auch das Erdbeben und sein Sohn keine Faktoren eines weltpolitischen Lebens mehr sein konnten, sondern ihren Platz nüchternen, aber gewaltigen Erscheinungen abtreten mußten: der allgemeinen Wehrpflicht, dem allgemeinen Stimmrecht, dem neuen Nationalstaat.
Aber dies Buch eines französisch-preußischen Offiziers erzählt eben nicht von hoher Warte, sondern aus dem Gewimmel der vielen heraus, in dem hier und da der Siebenmeilenschritt des kleinen Korporals auftaucht. Ein Mann erzähltein ungewöhnliches, aber auch unbekanntes Leben, Jahr für Jahr, Woche für Woche, von seiner Kindheit in Frankfurt am Main, über der, landsmännisch respektlos behandelt, der Name Goethe steht, von seinem Eintritt in die glorreiche Armee, seinen Feldzügen in Italien, Spanien, im Balkan und auf Korfu, von der preußischen Dienstzeit mit Drill, Langerweile und letzten Erinnerungen an den Gamaschendienst, und schließlich von einem freien Vagabondieren durch ganz Europa, das Deutschland des Frankfurter Bundestags und das Frankreich Ludwigs XVIII., um dessen zerbrechliche Herrlichkeit immer noch das Gespenst des verbannten Napoleon spukt. Ja, als der Verfasser in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist und langsam in die Glorie des stimmberechtigten Bürgers einrückt, taucht noch einmal die bestimmende Gestalt seines Lebens auf: der Kaiser! Er hat ihn bewundert, aber nie geliebt; noch weniger liebt er seine Kerkermeister, die Engländer. So wird er das tätigste Mitglied einer bonapartistischen Konspiration, die den Gefangenen von Sankt Helena mit einem märchenhaften, unwahrscheinlichen und heut, hundert Jahre später, uns so geläufigen Mittel befreien will: mit einem Unterseeboot. Aber der Kaiser stirbt, eh das Wunder verwirklicht werden kann. Und die Welt geht, des Gigantenkampfs müde, zu neuen, etwas muffigen und saftlosen Spielereien über. Das Leben eines Toten kehrt in die Niederungen zurück.
Fünfundzwanzig Jahre durchstreift der Frankfurter Bürgersohn, der mit seinem wahren Namen Friedrich hieß, Europa, und fünfundzwanzig Jahre lang ist ihm Feldzug und Reise fast nichts anderes als der Flug von einer Frau zu einer anderen Frau. Er wird wohl ein wenig übertreiben; aber selbst nach dem Abzug eines mäßigen Prozentsatzes bleiben noch soviel galante Abenteuer über, wie sich sonst nur bei Casanova finden lassen. Und die erzählt er nun mit heller Freude und dem ausgesprochenen Genuß des Nachkostens. Er erlebt all die Frauen noch einmal, die er in Quartieren und im Salon errungen hat, und vergißt bei keiner, die Beweise seiner Kraft aufzuzählen. Allerdings, mit tiefschürfenderPsychologie gibt er sich dabei nicht ab. Er ist auch hier ein unbedingter Anhänger der Tatsache und weiß sich nichts Amüsanteres, als den Weg zu ihr möglichst genau darzulegen. Er kennt hundert Arten der Verführung, und die Frauen, denen er begegnet, kennen, – das muß man zugeben – hundert und eine Art, sich verführen zu lassen. Von der Fürstin bis zum Dienstmädchen kennt er die ganze weibliche Klaviatur des damaligen Europa, und (er ist auch ein großer Musiker) seine Lieblingsoper, die damals noch kaum über Österreich und Deutschland hinausgedrungen war, ist natürlich der unsterbliche Don Juan. Er weiß die Schönheit Mozartscher Musik wohl zu erfassen. Aber ganz uneigennützig ist seine Propaganda für den Meister doch nicht, denn seine größten Liebes-Triumphe erringt er immer wieder durch das Duett Don Juans, das er mit geschickten Impromptus mit der Erkorenen durchnimmt.
Aber die Abenteuer des Toten spielen sich im Rahmen napoleonischer Heerzüge ab! Es sind Feldpostbriefe aus einer Zeit, wo die Kriegsschauplätze so zahlreich waren wie heute. Allerdings muten uns diese Kämpfe, neben dem eisernen, zerfleischenden Ringen von heut, wie Scharmützel an, die mehr jugendlichem Tatendrang als weltgeschichtlicher Notwendigkeit zu entstammen scheinen. Seltsam liest sich die bunte Schilderung des Kleinkriegs am Ende des italienischen Stiefels, Sizilien gegenüber, wo die Engländer in schöner Skrupellosigkeit Tag und Nacht neapolitanische Banditen an Land setzen und mit ihrer Flotte den Franzosen das Leben sauer machen. Die Freunde von heute benutzten damals schon Mittel gegeneinander, die sie heut kräftig miteinander gegen uns ins Werk zu setzen trachten, und gaben einander an Sorglosigkeit in der Wahl der Kampfmethoden nichts nach; das beweist vor allem die ausführliche Schilderung der Land- und Seeschlacht bei Toulon. Aber viel interessanter ist noch der Einblick in das Napoleonische Weltgebäude, das wir in der großen Geschichte sozusagen nur in der Verschalung kennen lernen, während es hier bloßgelegt wird, mit dem Wurm im Gebälk und flüchtig nur aufgenagelten Sparren.Was wissen wir von Napoleons Glück und Ende? Daß er etwa 1805 auf dem Gipfel seiner Macht stand, 1814 Land und Krone verlor, zurückkehrte und am 16. Oktober 1815 als Gefangener auf Sankt Helena landete. Hier aber, aus dem Leben eines Toten, erfahren wir von einem höchstbeteiligten Augenzeugen, wie es um das Weltreich, auch zur Zeit der größten Blüte, bestellt war. Wir erleben mit, wie kaum ein Quadratmeter ruhig und sicher gewesen ist, wie auch in den unterworfensten Städten und Ländern die Empörung züngelte und emporschlug und ständige, blutige Gewaltherrschaft nötig war, um den Schein der Macht nach außen aufrecht zu erhalten. In Neapel, Rom, Venedig, Wien, Madrid, an allen Enden Europas war die Unsicherheit napoleonischer Größe dieselbe. Gewiß, unser Gewährsmann ist ein ganz kleiner Leutnant, aber er kommt überall hin, er ist, wenn auch ein unbedeutendes, so doch ein Glied der Herrscherkaste, er findet seinen Weg immer im Umkreis der Fußstapfen des Titanen, und siehe da: auchdieserKoloß hat tönerne Füße. Nirgends ist seine Herrschaft anerkannt, nirgends an der Peripherie klappen die militärischen Dinge so richtig, nirgends kommt die Verpflegung und der Sold zur rechten Zeit, für nichts hat Napoleon die Zeit sachgemäßer Maßregeln: er dekretiert und sehr oft so, daß seine glühenden Anhänger zu seinen Gegnern werden müssen, weil seine Anordnungen für das betreffende Gebiet tödlich wirken. Tragisch geradezu und in ihrer Komik doch wieder lächerlich wirkt die Liquidation dieses größten Weltreichs. Unser Erzähler sitzt strafversetzt auf Korfu, von der Welt durch die englische Flotte abgesperrt. Und während die Menschheit den Sturz Napoleons tragödienhaft nach der Völkerschlacht bei Leipzig erlebt, nimmt er auf Korfu die Gestalt einer ganz gewöhnlichen Geldklemme an, bis schließlich die Engländer, Wochen nach Napoleons Ende, auch auf der kleinen Insel mit einer längst operettenhaft gewordenen Weltherrschaft Schluß machen. Die kleine preußische Garnison, die unsern Helden später aufnimmt, kann natürlich nach den Abenteuern einer zehnjährigen Kriegszeit nicht gut wegkommen. Der große Schwung der Befreiungskriegeist verflogen, die heilige Allianz lastet auf Preußen, der Garnisondienst ist noch nicht so recht der allgemeinen Wehrpflicht angepaßt, wenn auch die Fuchtel verschwunden ist. Langsam erst konnte aus der Enge von Provinz und Drill das herauswachsen, was damals in den Windeln lag und heut unser aller Rettung und Stolz ist: das deutsche Volksheer!
Die Zeit vor hundert Jahren in einem deutschen Spiegel! Die Zeit, in der die Wurzeln der unseren ruhen! Der Held erlebt sie, wie kaum ein anderer, in fremder Uniform wie so viele, aber mit unverfälschtem Blick für die Not seines Vaterlandes. Was preßt sich alles in die fünfundzwanzig Jahre seiner Wanderfahrt! Er erlebt die erste Aufführung der Zauberflöte in Deutschland und bringt die erste des Don Juan in Italien zustande; er verhaftet den guten Papst Pius VII. und beinahe den nicht minder berühmten Fra Diavolo. Er ist der Liebhaber von Napoleons schönster Schwester Pauline und drauf und dran, der Retter und Erlöser des Gefangenen von Sankt Helena zu werden. Er ist – und das ist das Beste an ihm, dem flotten Erzähler, unermüdlichen Schürzenjäger, mutigen Soldaten – eine der typischen Gestalten, in denen sich deutsche Tatenlust ins Weltgedränge mischte, seit Jahrhunderten fremde Geschäfte besorgte und heut im mächtigen Rahmen deutscher Herrschaft und deutscher Ausdehnung sich im eigenen Haus, am eigenen Werk betätigen muß!
April 1915.Ulrich Rauscher.