Chapter 23

Indessen hatte ich eben nicht mehr viel Zeit in Ravennazu verlieren, denn ich wurde auf meinem Posten zu Velettri erwartet, doch wollte ich die Stadt nicht verlassen, ohne wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, mit der Signora Manichetto eine Bekanntschaft anzuknüpfen; ich mußte also auf Mittel denken, rasch zum Ziel oder wenigstens zu einem Ja oder Nein zu kommen. Ich kaufte einige Kleinigkeiten von Galanteriewaren, die ich zu einem Geschenk für die begleitende Duenna bestimmte und die ich ihr am nächsten Morgen, als sie mit ihrer Begleiterin die Kirche verließ, nebst einem Billettchen einhändigte. In dem letzteren hatte ich meine Liebe zu der schönen Signora mit den lebhaftesten Farben geschildert und gebeten, mir doch einen Ort zu bestimmen, wo ich mit ihr, dem Mädchen, das Weitere besprechen könne; auf meine Erkenntlichkeit könne sie zählen. Noch denselben Tag erfuhr ich von der Duenna, daß, soviel sie gemerkt, ihre Gebieterin mir nicht abgeneigt sei, aber da sie mich gar nicht kenne, doch einiges Mißtrauen hege; außerdem verreise sie in ein paar Tagen, um sich nach Pesaro, ihrem Geburtsort, auf einige Zeit zu ihren Eltern zu begeben. – Ich sagte nun dem Mädchen, daß ich ein zu seinem Vergnügen reisender Partikulier sei, meinen eigenen Wagen bei mir habe und es mir ein großes Vergnügen machen würde, mit ihrer Herrin nach Pesaro zu fahren. – „Wo denken Sie hin,“ erwiderte das Kammerkätzchen, „il Signor Patronehat schon einen Vetturino gedungen, der uns wohlverwahrt dahin bringen muß; aber auf der Reise dahin könnte sich wohl eine Gelegenheit finden, sich zu treffen.“ – „Scharmant, mein liebes Kind! Sieh, wenn du dies veranstalten kannst, dann sollst du noch ein schönes Geschenk von mir erhalten; da, nimm einstweilen auf Abschlag.“ – Ich drückte ihr eine Zechine in die Hand. – „Wissen Sie was,“ sagte sie mir noch freundlicher, „kommen Sie nach der Abendkirche an unsere Wohnung, dann werde ich imstande sein, Ihnen das Nähere mitzuteilen.“ – Drei Stunden nach Sonnenuntergang spazierte ich mit ihr Arm in Arm in der öden Straße, in der die Wohnung ihres Herrn war, und sie teilte mir mit, daß sie mit ihrer Frau übermorgen abreise, ich möge mich nur denselben Tag auf den Weg machen undes einrichten, daß ich in Forli mit ihnen zusammentreffe, dann würde sich das übrige finden. Über diese Nachricht erfreut, gab ich dem dienstbaren Geist noch eine Zechine und fragte, ob sie sich wohl mit einem Billettchen an ihre Dame befassen wolle. „Date pure,“ war die Antwort. Den anderen Tag sah ich Lucilla wieder in der Kirche und konnte aus ihren freundlichen Blicken lesen, daß was ich ihr geschrieben, keinen schlimmen Eindruck gemacht. Die wenige Zeit, die mir noch in Ravenna übrig blieb, verwendete ich darauf, Dantes schönes Grabmal in der Nähe des Franziskanerklosters zu besuchen sowie das dem König Theodorich von seiner berühmten Tochter Amalasonte außerhalb der Stadt errichtete Mausoleum, jetzt Santa Maria Rotonda getauft, dessen breite, über hundert Fuß umfassende Kuppel aus einem einzigen Steinblock gehauen ist und einen hohen Begriff von der Geschicklichkeit der Goten in der Architektur gibt. Ich besah auch noch mehrere andere Kirchen und Gebäude; es ist unglaublich, welchen Reichtum an kostbarem Marmor Ravenna enthält; es rivalisiert in dieser Hinsicht mit Rom, Venedig und Konstantinopel. Der große Tempel des heiligen Apollinarius in einer Vorstadt wird von vierundzwanzig ungeheuren Säulen von griechischem Marmor getragen, die von Konstantinopel hierher gebracht wurden. Die Kathedrale wurde schon im vierten Jahrhundert erbaut, seitdem freilich öfters restauriert.

Noch einmal sprach ich Marietta, so hieß die gefällige Dienerin, den Abend vor unserer Abreise und gab ihr Rendezvous in Forli; am anderen Morgen verließ ich Ravenna vor Sonnenaufgang, kam bald durch den gut und übel berüchtigten Pinienwald und durch die sich bis zu den Apenninen ausbreitenden Sümpfe, den kleinen Fluß Savio passierend, nach dem mitten in den Morästen liegenden Ort Cervia. Hier blieb ich in einer Locande, um einstweilen frühstückend den nachkommenden Vetturino abzuwarten, der mir jedoch die Zeit ziemlich lang machte, so daß ich schon vermutete, es habe irgendein Hindernis die Abreise der Dame verschoben; endlich, als ich eben überlegte, ob ich weiter fahren oder nochwarten solle, vernahm ich das dumpfe Rollen eines herannahenden Wagens, der den von mir ersehnten Inhalt richtig brachte. Ehrerbietig grüßte ich die aussteigenden Frauen und war ihnen behilflich, aus dem Wagen zu kommen. Der Vetturino fütterte hier. Sie ließen sich sogleich ein Zimmer geben, und nach einigen Minuten trat Marietta wieder heraus und lispelte mir zu: „Entrate pure.“ Daß ich mir dies nicht zweimal sagen ließ, versteht sich von selbst, nach ein paar Sekunden küßte ich Lucillas niedliche Hand, und nach einigen Minuten Stirne, Wangen, Rosenlippen und so weiter der schönen Signora, welche die eintretende Zofe in meinen Armen fand und dazu lächelte. Wir brachten hier eine gute Stunde zu, während welcher die schalkhafte Marietta ab- und zuging und aufpaßte, damit unser Tête-à-tête nicht gestört werden konnte; einig und unverstanden waren wir bald, und als die Zofe endlich meldete, daß der Vetturino abzufahren bereit sei, aber der Weg über Cesenatico nach Rimini zu schlecht sei, es darum auch zu spät würde, weshalb er vorziehe, in Cesena zu übernachten, waren wir dies ganz zufrieden und brachten in der letzteren Stadt eine hochvergnügte Nacht zu. Zum zweitenmal passierte ich den anderen Tag den Pisatello (Rubikon), um nach Rimini zu fahren; ich war mit Lucilla übereingekommen, daß sie, Unwohlsein vorschützend, dort einen Tag verweilen sollte, was ihr angegriffenes Aussehen auch glaubhaft machte. In Rimini blieben wir statt einen zwei Tage, ohne das Albergo nur zu verlassen, und löschten die Flammen der durch süße Weine immer wieder angefeuerten Liebesglut zur Genüge, so daß wir den dritten Tag mit ziemlich gedämpftem Feuer den Weg nach Pesaro antraten, wo Lucilla auf das wohlwollendste von ihren Eltern empfangen und wegen ihres Unwohlseins auf das teilnehmendste bedauert wurde. In Rimini verweilte ich noch zwei Tage, nahm dann herzlichen Abschied in meinem Quartier von meiner liebenswürdigen Reisegefährtin und setzte meinen Weg, ohne mich ferner irgendwo aufzuhalten, nach Rom fort, wo ich wohlbehalten ankam, mich bei dem General Miollis meldete, Torlonia besuchte und erfuhr, daß die längst getröstete Cesarininoch immer auf dem Land lebe. Von Rom begab ich mich nach einigen Tagen zu meiner Kompagnie nach Velletri, wo ich die Kommandantur des Platzes wieder antrat und, um mich zu zerstreuen, mit einigen Einwohnern fast täglich auf die Jagd ging, die hier außerordentlich ergiebig ist.

Velletri ist an und für sich ein häßliches Nest, das auf einer Anhöhe am Abhang des Albaner Berges liegt. Es war die alte Hauptstadt der Volsker; schon unter ihrem vierten König, Ankus Martius, sollen es die Römer erobert, aber nicht behauptet haben, bis es der achtzigjährige Camillus, nachdem er die Gallier verjagt, abermals eroberte. Die jetzige Stadt ist schlecht, eng und abhängig gebaut, hat ein paar ansehnliche Paläste, namentlich den Palazzo Ginetti, durch seine schöne Fassade, seine prächtige Treppe und seine Gärten berühmt; was die Stadt am merkwürdigsten macht, ist, daß Augustus hier geboren wurde. Hier und in der Umgegend findet man noch viele altrömische Ruinen von Tempeln, Villen und so weiter. Ich hatte meine Residenz in dem Palast aufgeschlagen, der dem Kardinal Borgia gehört hatte. Auf dem ziemlich großen Marktplatz steht die Bildsäule Urban VIII. Öfters machte ich auch kleine Ausflüge nach Porto d’Anzio, Piperno und so weiter, um dort Kameraden zu besuchen, sowie Jagdpartien in die Pontinischen Sümpfe, in denen es von Geflügelwild wimmelte, namentlich wilden Enten und Wasserhühnern, so daß, wenn man einen Schuß in die Schilfrohre tat, sich eine schwarze Wolke von Vögeln erhob. Auf einer solchen Jagd hatte ein paar Jahre früher ein Leutnant vom Regiment Y., namens Erny aus Darmstadt, das Leben eingebüßt, indem er in einem überwachsenen Sumpf ertrank oder vielmehr erstickte. Man fand seinen Leichnam nur mit Hilfe seines zu ihm führenden treuen winselnden Hundes. Von Velletri aus hat man die Gegend der Pontinischen Sümpfe immer im Angesicht; sie beginnen noch vor Treponti und erstrecken sich bis Terracina. Es gibt Plätze in denselben, wo die Luft so giftig ist, daß sie in wenigen Tagen töten kann. Diesearia cativissimaist wahrscheinlich durch die vielen Überschwemmungen entstanden, welchen diese Gegendso häufig ausgesetzt ist. Cäsar, Trajan, Antonius Pius und andere alte Römer sowie die Päpste Bonifacius VIII., Martin V., Leo X. und besonders Pius VI. haben sich unsägliche Mühe mit der Austrocknung dieser Moräste gegeben, ohne ihren Zweck vollkommen erreichen zu können; die Überschwemmungen zerstörten immer wieder teilweise die gemachten Arbeiten. Das einzige Vieh, das hier gut gedeiht, sind die Büffel, von denen man großen, wohlgemästeten Herden in Masse begegnet. Diesem Vieh scheint überhaupt nur im Morast, Unrat und Schlamm ganz wohl zu sein, diese Erfahrung hatte ich schon in meiner Heimat gemacht. Durch diese Sümpfe ging auch die berühmte Appische Straße, die man unter Pius VI. wieder auffand und die in gerader Linie bis Terracina führt. Die neue Straße, welche Pius VI. 1778 anlegen ließ, geht ihrer ganzen Länge nach, etwa zehn Stunden, durch diese Sümpfe. Rechts von derselben befindet sich noch der Kanal, den Augustus graben ließ, um die Wasser abzuführen und den Horaz auf seiner Reise nach Brindisi beschiffte. Der erwähnte Papst ließ ihn wieder instand setzen. Dieser Weg ist auf beiden Seiten mit hohen Ulmen und Gebüsch begrenzt, in gehöriger Entfernung liegen Posthäuser mit geräumigen Stallungen, die Pferde sind aber meistens halb wild, schwer zu zügeln und gehen gerne durch. Die hier lebenden Individuen sehen hohläugigen, blaßgelben Gespenstern ähnlich. Plinius berichtet, daß in dieser Gegend ehedem dreiundzwanzig blühende Städte gestanden, von denen aber keine Spur mehr vorhanden ist; selbst ihre Namen sind bis auf den der Stadt Pometia, welche den ihrigen den Sümpfen, in deren Mitte sie lag, verlieh, verschwunden. Das Austreten der Flüsse und Bäche, deren Wasser in die Ebene hinabströmte, hat diese Moräste gebildet. Napoleon hatte die Absicht, diese Gegend austrocknen zu lassen, geäußert, aber es unterblieb, wie so manche seiner Projekte. Auf die Einwohner von Velletri selbst und dessen nächste Umgebung scheint jedoch diesearia cattivawenig Einfluß zu haben, denn die Männer haben ein gutes Aussehen und sind von ziemlich kräftiger Natur, und Mädchen und junge Frauen haben blühende Gesichter; unterihnen waren recht hübsche Brünetten und nicht ohne Feuer, wie ich mich während meines Aufenthaltes zu Velletri zu überzeugen hinlänglich Gelegenheit hatte. Sie haben ungefähr dasselbe reizende, kokette und verführerische Kostüm, wie die Frauen zu Albano.

Da so ziemlich mit dem Anfang des Novembers die fatale Regenzeit eintrat und was sich aus Rom hier aufhielt, nun dahin zurückkehrte, so fing ich an, mich bei meiner obgleich ziemlich einträglichen Kommandantur doch gewaltig zu langweilen. Ich erbat mir deshalb öfters Urlaub nach Rom, wohin ich wegen der größeren Entfernung nicht wie von Albano aus tägliche Abstecher machen konnte. Das Haus, welches ich daselbst am meisten frequentierte, war immer wieder Torlonia, wo ich auch in der Regel den General Miollis traf, mit dem ich dort näher bekannt wurde. Von der Cesarini erfuhr ich, daß sie schon längst einen vornehmen Römer zum erhörten Anbeter habe. Eines Abends äußerte Miollis, dem mein musikalisches Talent, das in diesen Soireen wieder in Anspruch genommen wurde, gefiel, gegen Torlonia, daß er eine Mission nach Paris habe, zu der er einen gewandten und zuverlässigen Offizier gebrauche. Torlonia meinte, in mir würde er wohl finden, was er suche, und er eröffnete mir die Äußerung des Gouverneurs. Ich griff sogleich diese Sache mit dem größten Eifer auf, denn schon längst war es mein sehnlichster und heißester Wunsch gewesen, Frankreichs berühmte Hauptstadt, von der alle Teufeleien, Moden und die Welt erschütternde Befehle ausgingen, kennen zu lernen, und ich bat Torlonia, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, es bei dem General dahin zu bringen, mich zu dieser Sendung zu verwenden, wobei ich auch noch Gelegenheit zu finden hoffte, zur kaiserlichen Garde versetzt zu werden, ein anderer nicht minder eifriger Wunsch, den ich längst in meiner Brust nährte. Torlonia versprach sein Bestes in dieser Angelegenheit zu tun, und schon den nächsten Tag erfuhr ich zu meiner Freude von ihm, daß sich Miollis durchaus nicht abgeneigt gezeigt habe, mich zu dieser Mission zu gebrauchen, durch die er, wie es scheine, auch die Erreichung einiger Privatzweckebeabsichtige, wozu er mich für ganz geeignet halte; der Aufenthalt in Paris dürfte aber mehrere Monate währen. „Je länger, desto besser,“ erwiderte ich vergnügt. Noch denselben Tag wurde ich zum Gouverneur beordert, der mit mir über diese Angelegenheit sprach und damit begann, mir mitzuteilen, daß sie weit schwierigerer Art als die Sendung nach Wien sei, wo ich nur Depeschen abzugeben gehabt und so weiter. Er lud mich zur Tafel, und ich hatte mich so gut bei ihm zu insinuieren gewußt, daß eine zweite Unterredung, die er auf den anderen Morgen festsetzte, damit schloß, daß er mir sagte, ich möchte mich bereit halten, gegen die Mitte des Dezember abzureisen. Ich aß nun noch öfters beim General, brachte auch manchen Abend mit ihm zu und hatte bald heraus, daß meine offizielle Mission, Überbringung von Depeschen und Lieferungsangelegenheiten von Montierungsstücken für das im Kirchenstaat stehende Armeekorps, eigentlich nur Vorwand war und gewisse Privatangelegenheiten Miollis, die zu besorgen er mich für tüchtig hielt und ich betreiben sollte, die Hauptsache ausmachten, weshalb ich auch außerdem noch mit den besten Empfehlungsschreiben an die einflußreichsten Personen zu Paris und den Kriegsminister vor meiner Abreise versehen wurde. Den 10. Dezember verließ ich Rom, schiffte mich in Civita-Vecchia auf einer Kanonierschaluppe ein und landete trotz Stürmen und den kreuzenden Engländern doch schon den neunten Tag zu Marseille, von wo ich nach einer kurzen Quarantäne über Aix, Avignon Lyon und so weiter, ohne mich irgendwo aufzuhalten, nach Paris fuhr, wo ich noch vor Neujahr glücklich eintraf. Es war aber schon beinahe Nacht, als ich die letzte Station vor Paris verließ und so den ersten Anblick der großen Hauptstadt des damals so mächtigen Kaiserreichs entbehren mußte. Ich stieg in einemHôtel garnider Straße Richelieu ab, wo ich für diese Nacht nichts weiter als ein bequemes Bett verlangte, denn seit Marseille hatte ich keines mehr zu Gesicht bekommen und war an allen Gliedern wie gerädert; dies hatte die Eile und der Wunsch, Paris baldmöglichst zu sehen, gemacht, denn ich hatte mir keinen Moment Rast gegönnt.


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