Chapter 9

Daselbst angelangt, war mein erstes Geschäft, mit der Lenier Rücksprache zu nehmen, wie man den Grund von Angelikas Nichterscheinen erfahren könne. Die Sachlage war nun viel mißlicher geworden, gerne wäre ich mit Bonnier ins Kloster geeilt, aber da wir schon Abschied genommen hatten, war es nicht mehr möglich. Zum Glück war dies nicht der Fall mit der Lenier; aber diese fürchtete, die ganze Intrige sei entdeckt, man habe vermutlich Angelika auf der Tat ergriffen, und sie getraute sich nicht, in das Kloster zu gehen. Bonnier geriet bei dieser Vermutung außer sich, und ich hatte alle Mühe, ihn von tollen Streichen abzuhalten. Wir kamen endlich überein, da auf die Cesarini gar kein Verdacht habe fallen können, diese zu bitten, sogleich einen Besuch in dem Kloster zu machen; aber auch sie war auf keine Weise dazu zu bewegen, indessen war sie wie gewöhnlich mit vortrefflichem Rat bei der Hand und schlug vor, ihr Kammermädchen mit einem Auftrag an Beatrice abzuschicken, wodurch man alsbald erfahren würde, ob etwas Außerordentliches unter den Nonnen vorgefallen sei; das Mädchen solle sich nur ganz unbefangen nach der Narelli erkundigen, was um so eher tunlich, da wir verabredet hatten, daß sie sich zwei Tage vor der beabsichtigten Flucht krank stellen und das Bett hütensolle. Die Gesandte wurde abgeschickt, und wir blieben sämtlich eine lange Stunde in der äußersten Spannung und Erwartung. Endlich kam der Wagen zurück, wir eilten ihr entgegen, und sie konnte uns nicht schnell genug berichten, daß nichts Besonderes vorgefallen sei, aber daß die Narelli noch als krank im Bett läge und nach Beatricens Versicherung wirklich sehr übel aussehe. Nun war uns allen ein schwerer Stein vom Herzen, ich schrieb Angelikas Ausbleiben keinem anderen Umstande als ihrer großen Ängstlichkeit zu und hatte recht; denn als die Lenier von einem Besuch, den sie ihr auf unsere Bitten hatte machen müssen, zurückkehrte, erzählte sie, daß das arme Mädchen jetzt in der Tat unwohl sei und Fieber gehabt habe; sie sei zur bestimmten Stunde durch die langen öden Klostergänge an die Pforten, welche nach dem Garten führten, geschlichen, wobei sie schon unterwegs die tödlichste Angst befallen habe, und als sie endlich bei der ersten angekommen, sei es ihr unmöglich gewesen, das Schlüsselloch zu finden, und noch weniger hatte sie Kräfte gehabt, den Riegel zurückzuschieben, nur mit der größten Anstrengung habe sie sich wieder bis in ihre Zelle schleppen können und sei fast ohnmächtig auf ihr Bett niedergefallen, wonach sie den übrigen Teil der Nacht in einem beständigen Fieberschauer zugebracht; sie sehe wohl ein, daß es ihr unmöglich wäre, das Vorhaben auszuführen, sie würde einen zweiten Versuch wahrscheinlich mit ihrem Leben bezahlen müssen. Nun war abermals guter Rat teuer; Bonnier wollte verzweifeln. Verliebte verlieren gewöhnlich bei Widerwärtigkeiten alle Besinnung, machen dann einen dummen Streich nach dem anderen, wenn sie auch sonst Verstand und Scharfsinn besitzen.

Er wollte auf der Stelle zum Papst, sich Seiner Heiligkeit zu Füßen werfen, alles eingestehen und um Angelikas Entbindung vom Klostergelübde anhalten; nur mit vieler Mühe konnten wir ihm den unsinnigen Vorsatz ausreden, indem wir ihm vorstellten, das wäre der gerade Weg, sie ohne Rettung zu verlieren und ihr vielleicht gar zum Einmauern zu verhelfen. Die unerschöpfliche Cesarini fand wieder einen Ausweg und meinte, man würde es der Lenier schwerlich abschlagen,einige Tage bei ihrer kranken Freundin zuzubringen und wohl auch einige Nächte an ihrem Bette zu wachen, ihr von neuem zuzureden und mit ihr vereint in der wieder zu bestimmenden Nacht das Kloster zu verlassen. Die Aufgabe wäre wirklich für ein so junges, unerfahrenes Mädchen zu schwer gewesen, aber mit Hilfe der mutigen und schlauen Freundin würde sie solche gewiß lösen; denn es sei ein ganz anderes, wenn man bei solchen Unternehmen zu zwei sei und sich einander Mut und Trost einsprechen könne. Auch diesen Vorschlag fanden wir sehr zweckmäßig und überredeten leicht der Lenier kleine Bedenklichkeiten. Sie eilte den kommenden Morgen wieder nach St. Ursula, teilte den neuen Plan Angelika mit, die in der Tat schon wieder auf dem Wege der Besserung war und herzlich gern einwilligte, in Gemeinschaft zu fliehen. Nun mußte sie sich noch kränker stellen und gewaltige Sehnsucht nach ihrer Freundin äußern; es gelang auch, von der Äbtissin die Erlaubnis zu dem Aufenthalt der Lenier im Kloster sowie zu den Nachtwachen zu erlangen, und täglich stattete sie uns Bericht über den guten Fortgang der Sache ab; endlich wurde zum zweitenmal die Stunde der Flucht bestimmt, alle Anordnungen wie das erstemal getroffen, und um vier Uhr (elf nach unserer Uhr) stand wieder alles auf seinem Posten; wir warteten wieder und warteten abermals vergeblich, der Tag graute schon, als wir notgedrungen die zweite Retirade antraten.

Noch waren wir über das abermalige Ausbleiben in der größten Bestürzung und erschöpften uns in Mutmaßungen, als die Lenier zu uns ins Zimmer trat und das Rätsel löste. Beide Mädchen hatten um elf Uhr die Zelle verlassen und waren bis an die innere Tür gekommen, die sie zu öffnen versuchten, konnten aber den rechten Schlüssel nicht gleich herausfinden, und während sie probierten und drehten, glaubten sie ein Geräusch zu hören, liefen beide davon und in die Zelle zurück, wo sie außer Atem ankamen und sich ganz erschöpft auf das Bett warfen; selbst die Lenier hatte eine gewaltige Herzensangst gehabt, auch hätten mehrere Nonnen heute morgen von einem Geräusche, was sie die Nacht gehört, gesprochen.– Ich machte ihr Vorwürfe und stellte ihr vor, daß man so lange zaudern würde, bis alles entdeckt wäre, denn mit jedem mißglückten Versuch werde die Gefahr größer. Dies sah sie wohl ein und versicherte, sie würde die kommende Nacht gewiß entschlossener sein, sie habe nochmals mit Angelika darüber gesprochen, beide sich wechselseitig über ihre Furcht Vorwürfe gemacht und würden, es koste auch, was es wolle, die Sache durchsetzen; sie müsse bald wieder zurück und habe die Schlüssel mitgebracht, damit wir die letzte Tür von außen aufschließen möchten und sie alsdann nur noch den Riegel wegzuschieben hätten; ferner würden sie sich in große weiße Bettücher hüllen, damit im Falle die anderen Nonnen etwas merkten, man sie für Gespenster halte und es nicht wage, sich ihnen zu nähern. – Dürfte man die große Klosterpforte, welche auf die Straße führt, öffnen, so hätte man freilich weit weniger Umstände, meinte die Lenier, doch dies sei zu gefährlich, weil die Pförtnerin und noch ein Wächter in der Nähe schliefen. Sie fuhr abermals ab, mit der kräftigsten Versicherung und dem heiligsten Versprechen, daß diese Nacht oder nie die Geschichte beendigt und sie die Türen öffnen würde. Wir alle und besonders ich, der ich anfing, der Sache herzlich müde zu werden, wünschten ihr den besten Erfolg mit auf den Weg.

Es wurde Nacht, und wir begaben uns zum drittenmal auf unsere Posten, überstiegen die Mauern, probierten die Schlüssel und sperrten endlich das Schloß der äußeren Tür glücklich auf, doch der innere Riegel verhinderte das Öffnen derselben; wir lauschten, hörten aber nicht das mindeste Geräusch; schon verzweifelten wir an dem Kommen der Mädchen, als wir ganz leise Schlösser aufgehen und Riegel zurückschieben hörten. Bonnier bebte vor Verlangen und Entzücken, man kam näher, wir hörten Tritte und endlich den Riegel der letzten Tür gehen, sie öffnete sich, und – beide Geister fielen uns halb ohnmächtig in die Arme. – Wir verloren indessen keine Zeit, sondern trugen sie in den Garten an den Ort, wo die Strickleitern angebracht waren. Es war wahrhaftig keine kleine Arbeit, die beiden Damen, eine nach deranderen, mehr tot als lebendig über die himmelhohen Mauern zu bringen; die junge Pariserin, welche zuerst den seltsamen Weg antrat, kletterte noch so ziemlich, aber Angelika mußten wir einen Strick um den Leib befestigen und Bonnier und ich nachhelfen, so daß wir nur jeder einen Arm für uns übrig hatten. Doch wurde auch diese saure Arbeit, ob mit Gottes oder des Bösen Hilfe, will ich hier nicht entscheiden, vollbracht, und wir standen in Zeit von einer halben Stunde sämtlich jenseits des Gartens auf festem Boden, warfen uns in den Wagen und jagten mit verhängtem Zügel über die Engelsbrücke und durch das nach Civita-Vecchia führende Tor voran, die beiden Bedienten zu Pferde hinterdrein und der Marinesoldat auf dem Bock.

Als wir Rom eine Miglia weit im Rücken hatten, ließ ich halten, nahm zärtlichen Abschied von Freund Bonnier, seiner Geliebten und der Lenier, wünschte allen eine glückliche Reise, warf mich auf mein Pferd und sprengte mit meinem Bedientenventre à terredurch Rom zurück nach Albano, wo ich mich schon seit acht Tagen alsprésent sous les armesgemeldet und fast jeden Morgen ein Stündchen zugebracht hatte. Bei Tagesanbruch kam ich daselbst an, und schon gegen zehn Uhr wußte man auch hier, daß die vergangene Nacht eine Nonne aus dem Ursulinerkloster entflohen sei. Die Sache machte in der Hauptstadt der christlichen Welt ein ungeheures Aufsehen, der heilige Vater schickte erst den Kardinal-Staatssekretär nach dem Kloster, den Tatbestand zu untersuchen, und fuhr dann selbst dahin. Alle Sbirren und Karabiniere wurden in Bewegung gesetzt, St. Ursula förmlich geschlossen, Haussuchungen veranstaltet, besonders in der Lenier Wohnung und bei ihren Hausleuten; kurz, kein Mittel blieb unversucht, die Täter herauszukriegen und die Entwichenen wieder zu erwischen, doch alles vergeblich, es kam nichts heraus, und Angelika mit Bonnier waren bereits auf der hohen See in Sicherheit. Man mußte sich damit begnügen, einen geistlichen Bannfluch auf die Entflohenen und alle dabei beteiligten Verbrecher zu schleudern. Alle möglichen Vorkehrungen wurden nun in sämtlichen Frauenklöstern getroffen, damit dergleichensobald nicht wieder passieren könne. (Wenn das Brot gestohlen, schließt man den Schrein zu.) Die armen zurückgebliebenen Nonnen mußten am meisten dadurch leiden, und die Frau Äbtissin entging nur mit Mühe schwerer Strafe und der Absetzung. Alle Schlosser, Maurer und Seiler Roms wurden scharf inquiriert, ob sie nicht Haken, Seile und so weiter geliefert. Die Cesarini stand Todesangst aus, doch ritt ich nach wie vor täglich zu ihr nach Rom. Von Bonnier erhielt ich bald Briefe aus Genua, worin er mir seine glückliche Ankunft daselbst meldete. –

An fünf Monate hatte ich nun schon in Albano und Rom recht unbekümmert zugebracht und in den Tag hineingelebt, außer den erwähnten Intrigen noch so manche kleine nebenher gehabt, namentlich auch mit einem hübschen Albanermädchen, einergiovan principiante, und dies Schlaraffenleben fing endlich an, mir langweilig zu werden, als mich plötzlich eine sehr unangenehme Begebenheit, bei der ich wider Willen und halb gezwungen eine aktive Rolle gespielt, aus demselben riß und ihm ein tragikomisches Ende machte.

Gleich nach Ostern kam eine wandernde Schauspielertruppe nach Albano, um daselbst Vorstellungen zu geben. Eines Morgens in aller Frühe besuchte mich der Impressario derselben, um sich und sein Theater mir zu empfehlen. Als Verehrer und womöglich Protektor aller dramatischen Kunst, versprach ich ihm auch meinen besonderen Schutz, sowie zu tun, was in meiner Macht stünde, seinem Unternehmen förderlich zu sein; ich nahm ihm auch gleich ein paar Dutzend Billetts für einige Scudi ab. Der Mann sah ärmlich und gedrückt aus, hatte eine fast kalabresische braune Hautfarbe und einen ungeheuren Backenbart. Der Zufall oder mein Unstern wollte, daß in diesem Augenblick gerade der Kapitän Caguenec, der mit seiner Kompagnie in dem nahen Velettri lag, wo er Platzkommandant war, zu mir kam, um mich zu einer Jagd einzuladen und mir zugleich anzuzeigen, daß dieser Tage unser Bataillonschef Düret eine Rundreise machen würde, um alle detachierten Kompagnien zu inspizieren. Er wollte wissen, wer der so elendwild aussehendeMann sei. Ich teilte ihm das Anliegen desselben mit, und wir fragten ihn, was er diesen Abend, es war gerade ein Sonntag, aufzuführen gedenke.

„Ah eccellenza illustrissima,“ erwiderte der Impressario, „wenn ich so glücklich wäre, am Sonntag spielen zu dürfen, dann wäre mein Glück gemacht.“

„Und warum dürfen Sie das nicht?“

„Seine Eminenz, der Herr Bischof-Kardinal, haben es bei Bann- und Gefängnisstrafe verboten, man würde mir sogleich das Theater schließen; auch dürfen keine Frauen auftreten, sondern alle Frauenrollen müssen von Männern gespielt werden.“

Wir fanden dies sonderbar, besonders da doch in Rom selbst alle weiblichen Rollen mit Frauen besetzt wurden, und machten dem Signor Impressario diese Bemerkung, der aber nur mit Achselzucken antwortete. Da man gerade das Frühstück auftrug, so lud ich den armen Teufel ein, teil daran zu nehmen, was er mit großem Dank und freudig akzeptierte. Wir waren zu fünf, denn Caguenec hatte seine Geliebte, ein artiges Mädchen aus Velettri, mitgebracht, Leutnant Felix, mein Unterleutnant, der Impressario und ich, und ließen uns das Frühstück und den Albanerwein so trefflich schmecken, daß wir alle äußerst munter wurden und, bis auf das Mädchen und ich, etwas in dem DachvulgoKopf hatten; Caguenec aber trank sich nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einen bösen Rausch an und war bald soen train, daß er übersprudelte; dieser Mensch war mein böser Geist.

„Höre,“ fing er beim Nachtisch an, „sage mir doch, wer ist denn eigentlich hier Kommandant? – Du oder der Bischof? – So ein Pfaffe sollte sich in Velettri unterstehen, zu verbieten, daß man am Sonntag Komödie spiele, ich wollte ihm seine Bischofsmütze zurechtsetzen, daß er daran denken sollte. Befiehl du nur, daß heute abend Komödie gespielt werde, du hast das Recht dazu!“

Ich hatte auch den Kopf etwas warm, Felix noch mehr, er gab dem Caguenec vollkommen recht, und wir sagten dem Impressario, er müsse diesen Abend eine Vorstellung geben,was er jedoch abzulehnen suchte, sich mit dem Verbot der geistlichen Behörde entschuldigend; das Mädchen pflichtete ihm bei, sie meinte, derpoverettowürde ja ewig verdammt, wenn er sich so etwas unterstünde. Caguenec wollte, daß wir zum Bischof gehen und diesem befehlen sollten, seine Einwilligung zu geben; wir, die vier Männer, fanden diesen Vorschlag vernünftig und machten uns nach dessen Palazzo auf, wo aber der Impressario unten an der Tür stehen blieb, während wir dessen Stufen hinaufeilten. Der Gang durch die Luft hatte uns und besonders Caguenec noch mehr erhitzt, und die Köpfe glühten. – Nachdem wir die Treppen hinaufgestürmt waren, begegneten wir einem geistlichen Diener, den wir nach seinem Herrn fragten und ihm befahlen, uns zu ihm zu führen, der Kommandant von Albano habe mit ihm zu sprechen; dieser wollte uns erst melden, indem er sagte, er wisse nicht, ob Seine Eminenz schon zu sprechen sei.

„Was sollen die Umstände,“ fiel ihm Caguenec ins Wort, „für französische Offiziere muß er immer zu sprechen sein!“ Wir folgten alle drei dem Diener auf dem Fuß in das Gemach, wo Seine Eminenz noch im tiefsten Negligé auf einem Faulbett ausgestreckt Schokolade zu sich nahm.

Ohne alle weitere Entschuldigung brachte ich sogleich mein Gesuch vor, aber der erschrockene Prälat gab mir nach einigen Augenblicken zur Antwort, daß er unmöglich in dasselbe einwilligen könne, und schützte geistliche Verordnungen vor.

„Was Verordnungen,“ fiel ihm Caguenec ins Wort, „hier hat niemand etwas zu verordnen als der Platzkommandant von Albano, und Sie haben sich um das Messelesen und sonst um nichts und den Teufel um das Komödienspielen zu bekümmern.“

„Questo è vero,“ fiel ich ein und begehrte seine Einwilligung, damit diesen Abend gespielt werden könne, schriftlich, wozu er sich aber schlechterdings nicht verstehen wollte.

„Wer wird so viele Umstände mit dem Pfaffen machen!“ rief jetzt Caguenec, faßte die Eminenz, ehe wir’s uns versahen, beim Kragen, riß sie vom Ruhebett herab und schrie: „Pfaffe, jetzt schreib, oder es setzt Hiebe.“ Aber der arme Bischof schrieaus vollem Halse: „Ajuto, ajuto, son assassinato!“ Caguenec, wütend, versetzte dem geistlichen Herrn nun derbe Püffe und Stöße mit geballter Faust, drei bis vier Diener sprangen zwar ins Gemach, blieben jedoch vor Schrecken, als sie ihren Herrn so behandeln sahen, unbeweglich an der Tür stehen. Endlich gelang es uns, dem Leutnant Felix und mir, den tollen Caguenec von dem Kardinal abzuhalten, den ich nun noch einmal ersuchte, das an ihn gestellte Begehren zu bewilligen, indem er sich sonst noch größeren Unannehmlichkeiten aussetzen würde. Jetzt gebot er einem seiner Diener, ihm das Calamajo (Schreibzeug) zu geben, und schrieb nieder, daß er dem Impressario für diesen Abend eine Vorstellung erlaube. – Caguenec sagte: „Warum tatest du dies nicht gleich, dummer Pfaffe, dann würdest du dir die Püffe erspart haben.“ – Wir empfahlen uns, das Papier in der Hand, dem Bischof einenbuon giornowünschend, und zeigten es triumphierend dem unten harrenden Impressario, der, ignorierend, wie wir dasselbe erlangt hatten, darüber ganz entzückt war und uns ein vortreffliches Schauspiel, ‚I brigandi‘ betitelt, versprach. Caguenec und Felix gingen Arm in Arm zu dem nach Rom führenden Tor hinaus bis zu dem Grabmal des Ascanius, wo sie sich niedersetzten und einschliefen, während ich mich heim begab, um auf ein paar Stunden nach Rom zu reiten, mir aber vornahm, zur Vorstellung der Brigandi wieder zurück zu sein. Als ich in das Zimmer trat, sprang mir Caguenecs Geliebte entgegen, mich fragend, wo ich ihren Capitano gelassen habe und wie die Sache abgelaufen sei. Ich gab ihr über beides die gehörige Auskunft und fand jetzt, daß Regina eine recht hübsche, schlanke Brünette sei und ein Paar recht feurige, funkelnde Augen habe, was ich vorher gar nicht wahrgenommen. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß sie die Tochter einer Uhrmacherswitwe in Velettri wäre, die einige Wein- und Obstgärten daselbst besaß, in denen sie zufällig Caguenecs Bekanntschaft gemacht und er ihr den Antrag gestellt, sie als seine Geliebte zu unterhalten, worin ihre Mutter auch eingewilligt, da er viel versprochen habe und ihre Umstände nicht die glänzendsten seien;bis jetzt aber habe er von den Versprechungen keine gehalten, außer Nahrung und Wohnung habe sie noch nichts von ihm bekommen und ihm doch ihre Jungfrauschaft gebracht, dazu sei er noch obendrein sehr oftimbriaco, da hätte sie denn ihre liebe Not mit ihm, sie habe sich schon die unsäglichste Mühe gegeben, ihm diese Sünde abzugewöhnen, aber vergeblich, öfters komme er in einem solchen Zustand heim, daß er sich ganz angekleidet auf das Bett fallen lasse und ohne sich zu rühren bis zum anderen Morgen schlafe.

Die naive Einfalt, mit der mir Regina diese Erzählung machte, brachte mich zum Lachen. Ich nahm sie in meinen Arm, küßte sie und sagte zu ihr, es sei gewiß recht fatal, daß der Mann einen so festen Schlaf habe. – „Freilich,“ erwiderte sie, „und das Fatalste ist, daß ich dabei nicht einschlafen kann.“ – „Du mußt dich dafür rächen und entschädigen,“ versetzte ich ihr, sie auf meinen Schoß ziehend. – „Ei, das möchte ich wohl, wenn ich nur Gelegenheit dazu hätte.“ – „Oh, die soll sich leicht finden,“ meinte ich, küßte das schon glühend werdende Mädchen recht innig, verriegelte die Stubentür und zog sie in mein anstoßendes Schlafgemach. – Nach einer halben Stunde verließen wir dasselbe wieder, und um bei Caguenec allen Verdacht zu vermeiden, schwang ich mich auf mein Pferd und ritt zum Tor hinaus, der Landstraße nach Rom zu, wo ich die beiden Schläfer noch an Ascanius’ Mausoleum schnarchend fand, sie mit einem lauten Hallo aufweckte und ihnen verkündete, daß ich nach Rom reite, dem Caguenec lachend zurufend: „Du bist mir ein sauberer Held, deine Regina sitzt bei mir verlassen und seufzt und langweilt sich.“

„Himmelsapperment,“ schrie Caguenec, sich die Augen reibend, „ich habe ganz vergessen, daß ich die Hexe bei mir habe; höre, du wirst mir doch keine Streiche gemacht haben, sonst könntest du mir leicht vor die Klinge müssen.“

„Wo denkst du hin, ich habe mehr zu tun, als mich um deine Geliebte zu bekümmern.“

„Wenn auch, ich kenne dich, du bist mir ein sauberer Zeisig.“

Ich sprengte indessen mit einem: „Albernes Zeug!“davon, suchte in Rom die Vernetti auf, bei der ich über Mittag blieb und sie dann gegen Abend in einem Wagen mit nach Albano nahm, damit sie der vom Impressario versprochenen Extravorstellung beiwohnen könnte. Das war sie in jedem Betracht, ich hatte noch nie so etwas gesehen. In einer Art Scheune war eine Erhöhung von einigen Holzblöcken und Brettern gemacht und mit alten Lumpen behangen, deren Farbe der beste Chemiker nicht mehr hätte ausfindig machen können; einige abgerissene und davor gestellte Baumzweige sollten einen Wald vorstellen. Und nun erst die Schauspieler! Die Briganten in Kalabrien waren noch wie Fürsten im Vergleich mit diesen gekleidet. Das Ärgste waren aber die rot- und schwarzbärtigen Aktricen und deren Kostüme, schmutzige Tücher auf Poissardenart um die Köpfe gewunden, Unterröcke um die Hüften hängend, welche hinten und vorn so große Löcher hatten, daß man einen Kopf durchstecken konnte. Zerrissene Hemdärmel und ein über das Hemd und den bloßen Hals geworfenes lumpiges Tuch vervollständigten das Erbärmliche ihrer Garderobe; diese vom Galgen gefallenen Burschen machten die zärtlichen Liebhaberinnen. In den ersten Reihen des Publikums saßen Caguenec und seine Geliebte, die Vernetti, ich, Felix, ein paar Lieferanten und so weiter und dann noch einige zwanzig andere Zuschauer, Einwohner aus Albano, aber kein einziges weibliches Wesen außer den beiden angeführten. Der Herr Impressario hatte sich verrechnet, die Leute in Albano waren zu devot, um eine Sonntagskomödie zu besuchen. Um den Saal, eine Art Stall, zu füllen, ließ ich sämtlicher Mannschaft und den Unteroffizieren der Kompagnie, die nicht im Dienst waren, Gratisbilletts geben, für die ich zwei Scudi bezahlte. Nicht leicht wieder wird sich eine solche Künstlergesellschaft und ein solches Publikum zusammenfinden, und dennoch amüsierte ich mich, wenigstens eine Zeitlang, königlich, denn die Geberden, Grimassen, Deklamationen, Zärtlichkeiten und das Herumvagieren der Schauspieler mit Händen und Füßen war über alle Maßen komisch-heroisch und possierlich; Blicke warfen sie um sich, welche auch Steine zum Erbarmen, zum Schaudernund zum Lachen hätte bringen können. Das Sujet des Stücks war schwer zu erraten, Mord und Raub aber der Hauptinhalt. Wir blieben bis zur Hälfte der Vorstellung, nahmen dann eine Cena ein, und Caguenec mit seiner Dulcinea blieben über Nacht bei mir, an Zimmern und Betten fehlte es mir ja nicht, ich hätte noch ein paar Dutzend solcher Paare beherbergen können. Am anderen Morgen empfahlen sich meine Gäste, nachdem sie noch gehörig gefrühstückt hatten, und gegen Abend brachte auch ich meine junge Witwe wieder in ihre Wohnung zurück.

Drei Tage nach dieser Vorstellung, als ich eben im Begriff war, meinen gewohnten Ritt nach Rom zu machen, fuhr eine Postchaise an meiner Wohnung vor, aus der mein Bataillonschef Düret und sein Adjutant-Major sprangen, die zu mir heraufstürmten. Ersterer begrüßte mich mit den Worten: „Voilà une belle affaire, que diable avez-vous fait?“ Er zog dabei einen Bericht aus der Tasche, der den Vorgang bei dem Kardinal mit den grellsten Farben aufgetragen enthielt und in dem zugleich von seiten der päpstlichen Regierung auf die strengste Untersuchung und Bestrafung angetragen wurde. Ich erzählte Düret den Zusammenhang der ganzen Geschichte, der dann ausrief: „Das wird eine saubere Sauce werden,toujours ce diable de Caguenec, aber über Sie wird das ganze Wetter kommen, denn Sie sind hier Kommandant; der kommandierende General in Civita-Vecchia ist sehr aufgebracht, und ich habe sogar den Auftrag von ihm, nach Befinden der Umstände Ihnen sogleicharrêts forcészu geben. Ich will indessen mein Möglichstes tun, diese unangenehme Sache so glimpflich, als es tunlich, zu beseitigen, aber ganz mit heiler Haut werden Sie nicht davonkommen.“ Nachdem er ein Frühstück genommen, fuhr Düret nach Velettri ab, um auch den Caguenec zu verhören, setzte dann seine Inspektionsreise nach Biberno, Porto d’Anzio und so weiter fort und kehrte nach Beendigung derselben nach Civita-Vecchia zurück.

Indessen war mir diese Sache nicht gleichgültig, ich teilte den Vorfall der Cesarini mit, die mir den Rat gab, dem Kardinal einen Besuch zu machen und mich bei ihm zuentschuldigen. Hierzu konnte ich mich aber nicht entschließen, und während ich so zwischen dem, was ich zu tun und zu lassen hätte, schwankte, kam eines Morgens der Kapitän Stahl an und verkündete mir, daß er die Order habe, mich abzulösen, indem ich zum dritten Bataillon, das noch in Genua lag, versetzt sei, und Düret schrieb mir dazu, ich könne Gott und ihm danken, daß die Sache so gelinde abgelaufen sei, der General habe anfangs durchaus auf einem Kriegsgericht bestanden, und nur mit großer Mühe habe man ihn davon abgebracht. – So unangenehm mir auch diese Versetzung war, so wurde ich denn doch jetzt von aller peinlichen Ungewißheit befreit, die mich seit acht Tagen quälte. Ich erhielt meine Marschroute mit der Order, mich sogleich an meinen neuen Bestimmungsort zu verfügen. Hier blieb nichts übrig, als zu gehorchen. Nicht ohne Wehmut nahm ich von all meinen Bekannten und den Familien in Rom, in deren Häusern ich so manche Freude, soviel Annehmlichkeiten genossen und mit so liebenswürdiger Liberalität aufgenommen worden war, Abschied. Torlonia, dem ich die Ursache meiner Versetzung gesagt, antwortete, daß, wenn ich ihm den Vorfall gleich mitgeteilt, er die Sache gewiß ausgeglichen haben würde und es dann zu keiner Klage gekommen wäre. Aber wer sich meine Abreise am meisten zu Herzen nahm, war die Cesarini, trotzdem ich sie in der letzten Zeit so ziemlich gleichgültig behandelt oder doch sehr vernachlässigt hatte. Sie wollte sich anfänglich gar nicht darein finden und entwarf allerlei Pläne, mich nach Genua zu begleiten, daselbst zu wohnen und so weiter. Ich hatte große Mühe, ihr die Unausführbarkeit eines solchen Vorhabens begreiflich zu machen, und um sie einigermaßen zu beschwichtigen, beschloß ich, noch acht bis zehn Tage inkognito in Rom zu bleiben und dann, statt mich an die Marschroute zu halten, mit Extrapost nach Genua zu reisen, wodurch ich beinahe einen ganzen Monat Zeit gewann. Dies schien sie etwas zu beruhigen, aber nun machte sie mir eine Eröffnung, die mich nicht wenig überraschte. Sie gestand mir nämlich, daß sie in der Hoffnung sei und daß sie, seit sie mich kenne und schon vorher, durchaus keinen vertrauten Umgangmit ihrem Gatten mehr gehabt habe, daher nicht wisse, was dies noch für Folgen nach sich ziehen könne; sie mache sich indessen gerade deshalb keine großen Sorgen, denn der Herzog halte sich ja auch Mätressen und bekümmere sich gar nicht um sie, auch könne sie es wohl veranstalten, ihre Niederkunft geheim zu halten. Ich verkaufte jetzt mein Pferd, schaffte mir dafür eine schon gebrauchte Kalesche an, indem ich einen Wagen, den mir Gertrude zum Geschenk machen wollte, ausschlug, und brachte die wenigen Tage, die ich noch in Rom war, fast ausschließlich in ihrer Gesellschaft zu. – Noch hatte ich die Trajanssäule nicht bestiegen, und als ich diesen Wunsch äußerte, versetzte sie: „Das können wir ja noch zusammen tun.“ Bei der Ausführung dieses Planes fiel mir Madame Gasqui und die Antoninsäule ein, bei deren Besteigen ich die erste Veranlassung zu einer intimeren Bekanntschaft mit ihr gehabt. Als wir kaum oben waren, sah mich meine Begleiterin plötzlich mit einem grellen Blick an und sprach: „Wie, wenn ich mich da hinabstürzte, dann hätten auf einmal alle Sorgen und alle Pein ein Ende.“ – „Sind Sie toll,“ fiel ich ihr ins Wort und faßte sie schnell am Arm, sie sah mich aber nur lachend an und sagte: „Habe keine Angst, so weit ist es noch nicht, wenigstens müßtest du dich mit mir hinabstürzen wollen.“ – „Dazu spüre ich noch keine Lust,“ erwiderte ich ihr, „es wäre ein dummer und nicht einmal gewisser Tod, ich will doch zehnmal lieber durch eine Kugel fallen.“ Ich umfaßte und küßte sie und machte, daß wir bald wieder hinabkamen.

Am Abend vor meiner Abreise fand sich Gertrude zum letztenmal bei mir ein und brachte die Nacht bis zwei Uhr morgens mit mir zu, mir zum ewigen Andenken eine über vier Schuh lange Locke von ihrem schönen Haar und einen goldenen Ring gebend, auf dem das Kolosseum, wo wir so manche trauliche Stunde zugebracht hatten, in Mosaikarbeit abgebildet war; andere prächtigere Geschenke hatte ich mir durchaus verbeten. Ich führte sie endlich in ihre Wohnung zurück, wo ich ihr den letzten langen Abschiedskuß in ihrem Schlafgemach gab und sie in Tränen gebadet verließ. – Ihre letzten Wortewaren: „Non dimenticarmi!“ Ich erwiderte, daß ich hoffe, sie bald wiederzusehen. Ich hatte ihr versprochen, mein Möglichstes zu tun, um wieder meine Versetzung zum ersten, im Kirchenstaat liegenden Bataillon zu bewirken, was ich mir auch vornahm.

Um vier Uhr morgens hatte ich die Pferde bestellt, als aber der Wagen vorfuhr, sah ich statt der alten Kalesche, die ich gekauft, einen ganz eleganten modernen Reisewagen, und als ich meinen Burschen fragte, was dies zu bedeuten habe, gestand mir derselbe, daß diese Verwechslung gestern nachmittag auf die dringende Bitte einer Dame geschehen sei, die ihm zu gleicher Zeit ein Geschenk von zehn Zechinen gemacht und ihm dabei gesagt habe, der Wagen komme aus so lieben Händen, daß er seinem Herrn die größte Freude, die man ihm heimlich zu machen wünsche, verursachen würde. Zugleich stellte mir der Bursche noch ein Schlüsselchen zu, das zu einem Wagenkistchen gehöre, was außerdem noch versiegelt war. Hier blieb nichts übrig, als mich des Geschenks zu bedienen, von dem ich wohl denken konnte, wo es herkam. Der Koffer war gepackt, die Pferde angespannt, meine Kalesche fort, und ohne die splendide Geberin zu beleidigen und tief zu kränken, konnte ich das Geschenk nicht wohl zurückschicken. Ich stieg in den Wagen, befahl dem Postillon, im starken Trabe davon- und zur Porta Popolo hinauszufahren und warf mich, tief in meinen Mantel gehüllt, in den Hintergrund des Wagens, über die seltsamen Wege des Schicksals meditierend, Rom mit Bedauern verlassend, ohne mich noch einmal nach der ewigen Stadt umzusehen, in der ich so viele Freuden genossen, deren Erinnerungen ich nun an meiner Phantasie vorübergehen ließ.


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