Das Sankt Spiridionsfest war vorüber und ich sollte nun nach meinem einsamen Pallea Castrizza zurückkehren. Aber ein anderes, weit wichtigeres Fest war vor der Türe, das Napoleons (der 15. August) und sollte recht prächtig gefeiert werden. Namentlich durch ein Seeturnier, welches die Offiziere der Marine in der Reede von Korfu zu geben beabsichtigten. Sodann war Souper und Ball bei dem Gouverneurnebst Feuerwerk und was dazu gehört. Ich erbat mir noch einen vierzehntägigen Urlaub, mehr wegen der beabsichtigten Entführung als um dem Napoleonsfest beizuwohnen, ritt aber noch vorher nach Pallea Castrizza, wo ich mit Sehnsucht erwartet wurde. Da ich aber auch an dem Seeturnier gleich mehreren Offizieren von den Landtruppen tätigen Anteil nehmen wollte, so teilte ich dies Herrn von Brüge mit dem Bemerken mit, daß ich schon den nächsten Tag wieder in die Stadt müsse, um mich zu der bevorstehenden Feierlichkeit gehörig einzuüben, wozu aber die Damen und besonders Josephine nicht das freundlichste Gesicht machten. Von der projektierten Entführung ließ ich kein Wörtchen fallen; beides wurde indessen auf das emsigste betrieben. Ich war zwar ein guter Schwimmer; dies war aber nicht hinreichend, um Ehre bei dem Turnier einlegen zu können. Die stechenden, ganz in buntes Papier gekleideten Ritter mußten auf einem kleinen, sehr schmalen runden Brett, das an dem Hinterteile einer Barke, wenigstens einige dreißig Fuß hoch angebracht war und durch zwei schmale Balken gehalten wurde, Posto fassen, während das Schiffchen durch vierundzwanzig Ruderer pfeilschnell getrieben wurde, mit einer langen hölzernen Lanze auf den Schild des anfahrenden Gegners einen kräftigen Stoß tun und so suchen, ihn hinab in das Meer zu stürzen. Wir probierten nun mehrere Tage dieses Manöver, aber auf gewöhnlichen Barken, wo man nicht viel höher, als das Hinterteil des Schiffes war, stand, dabei waren wir ganz nackend, hatten vier Schuh hohe Schilder und zehn Schuh lange Lanzen. Bei diesen Proben lief alles ziemlich gut ab. Ich fiel nur selten einmal in das Wasser und stieß meine Gegner mehrmals hinab. Aber dies war nur eine Finte von den Marineoffizieren. Diese Seeratten hatten sich verschworen, die Landratten – so titulierten sich gegenseitig die Marine- und Landtruppen –, die es wagten, mit ihnen in die Schranken treten zu wollen, tüchtig heimzuschicken.
Während der Zwischenzeit ritt ich indessen oft am Abend nach Pallea Castrizza und kehrte am Morgen nach Korfuzurück, wo ich mich dann mit Capo d’Istria in die Vorhalle der Sankt Spiridionskirche begab und wir uns an der Tür derselben blicken ließen, sobald wir sicher waren, daß derSposo in spenicht anwesend war. Wir korrespondierten nun vermittelst der Finger- und Zeichensprache mit der mit uns einverstandenen holden Enrichetta, und die Entführung, zu der sie endlich, durch Briefe und Zureden der Alten bestürmt, eingewilligt, wurde auf den 15. August, den Napoleonstag selbst festgesetzt; und zwar sollte sie auf dem Ball, den der Gouverneur an diesem Tage jedesmal gab, vollführt werden, da man daselbst die Abwesenheit der Signora nicht sogleich bemerken würde. Um jedoch sicher zu sein, daß sie dem Ball beiwohnte, begab ich mich zum Chefde l’état majorBauduy, um zu erfahren, ob die Vilettas mit den anderen venezianischen Familien, die man gewöhnlich zu diesem Feste heranzog, eingeladen seien, und wenn dies nicht der Fall wäre, dies zu veranlassen. Zu meiner Freude fand ich sie auf der Liste der Geladenen stehen, und daß sie kommen würden, war die Sache der Signora.
Der 15. August war endlich herangekommen und alles sowohl zu dem Turnier wie zur Entführung gehörig vorbereitet. Herr von Brüge kam nebst den Seinigen gleichfalls am frühen Morgen in die Stadt, der Parade und der Feier beizuwohnen. Nachdem alles militärische Gepränge, mit Kanonendonner und so weiter begleitet, vorüber war, schickte man sich zu dem Seeturnier an, das um vier Uhr nachmittags beginnen sollte. Der Senat von Korfu hatte auf Kosten der Stadt mehrere Preise für die Sieger ausgesetzt, von denen der erste eine Brillantnadel von ungefähr viertausend Franken an Wert war. In der Reede zwischen Korfu und Vido bildeten eine bedeutende Zahl Schiffe jeder Gattung und verschiedener Größe, alle beflaggt und bewimpelt, einen großen Halbkreis, der sich an seinen beiden Enden an das Ufer anschloß, auf dem ein bretternes Amphitheater errichtet war, auf welchem die Zuschauer Platz nahmen. Für die Generalität, Stabsoffiziere, Damen der Garnison und vornehme Korfiotinnen war eine eigene, mit Teppichen behangeneLoge eingerichtet. Zwei Fregatten schlossen die Mitte des Halbkreises. Auf diesen hatten die Kampfrichter sowie die Musikchöre, die Admiralität und nichttätigen Seeoffiziere Platz genommen. Auf den anderen Schiffen waren ebenfalls viele Zuschauer placiert. Die vierundzwanzig Kampfbarken waren je zwölf auf beiden Seiten in Schlachtordnung aufgestellt. Aber es waren ganz andere, als auf denen wir die Proben gehalten hatten, und die runden Brettchen, auf welchen kaum ein Mann Platz zum Stehen hatte, waren so hoch, daß sie bei der geringsten Bewegung schwankten und man auch ohne einen Stoß schon Mühe hatte, sich auf denselben zu erhalten, wenn man nicht wie die Marine an ein solches Schwanken durch das Klettern auf den Segelstangen und Mastbäumen gewöhnt war. Die Barken rechts waren rot und weiß, und die links blau und weiß angestrichen. Auf einer jeden befanden sich ein Paar Tambours. Die turnierenden Ritter waren meistens in spanischem Kostüm und hatten goldene oder silberne Helme mit hohen Federbüschen auf dem Kopf. Alles war aber, sowie die ganze Kleidung und sogar die Stiefeln von Papier; aber so gut und täuschend nachgemacht, daß man schon in einer Entfernung von wenigen Schritten dies nicht bemerken konnte. Es war nötig, daß die Kleider aus diesem fragilen Stoff bestanden, damit sich derselbe sogleich auflöste, wenn man ins Meer fiel, und dessen entledigt, ungehindert schwimmen konnte. Als ich auf meinem Brettchen Posto gefaßt hatte und sich die Barke in Bewegung setzte, da war es ein ganz anderes als bei den Proben, wo wir kaum drei Schuh über dem Wasser gestanden, und ich hatte die größte Mühe, nicht von dem in der Luft schwebenden Brettchen, das nicht viel mehr Raum als eine große runde Schüssel hatte, hinabzustürzen. Jetzt donnerte die Kanone los, die das Signal zum Abfahren gab, alle Tambours und die Musik fielen mit dem von mir komponierten Sturmschritt ein, alle Ruder auf einen Schlag in das Wasser, und die vierundzwanzig Barken fuhren pfeilschnell gegeneinander. Nur mit der größten Mühe gelang es mir noch, meine Lanze gehörigeinzulegen. Aber bald schwindelte mir, es wurde mir ganz schwarz vor meinen Augen, Hören und Sehen verging mir, und kaum von meinem Gegner berührt, stürzte ich fast bewußtlos in die See hinab, wo mich ein zu diesem Zweck bereitstehender Nachen auffischte und in das Garderobeschiff, wo wir uns angekleidet hatten, brachte. Glücklicherweise war ich nicht der einzige, dem es so ergangen war. Alle Landoffiziere, acht an der Zahl, hatten das gleiche Schicksal gehabt, und keiner verspürte Lust, sich nochmals anzukleiden, wie es die herabgestoßenen Seeoffiziere machten, um das Spiel von vorne zu beginnen, sondern wir versteckten uns hinter den übrigen Zuschauern, nachdem wir unsere gewöhnliche Kleidung wieder angelegt, und sahen dem noch über zwei Stunden dauernden Kampf nun recht behaglich zu, bis endlich ein auf dem Admiralitätsbureau angestellter Beamter, der zuerst zwölf Gegner hinabstürzte, den ersten Preis errungen hatte. Die beiden anderen Preise erhielten zwei Marineoffiziere, welche nach ihm die meisten Ritter in das Meer warfen. Als dies Turnier beendigt und die Preise unter Vivatgeschrei und dem Schmettern der Trompeten und Pauken verteilt waren, begannen die Matrosen noch ein Wettspiel, welches darin bestand, auf einem langen Mastbaum, der horizontal von dem Hinterteil eines Schiffes etwa zwanzig Fuß lang in das Meer ging und mit Seife sehr glatt gemacht war, mit bloßen Füßen und nackt dessen äußerste Spitze zu erreichen und den daran hängenden Hut wegzunehmen, worauf eine Belohnung von fünfhundert Franken gesetzt war. Vier solcher Maste und Hüte waren ausgesteckt, aber viele hundert Matrosen purzelten ins Meer, bevor es einem gelang, den Hut zu erhaschen. Bis in die sinkende Nacht amüsierte die Soldaten, Seemänner und den Janhagel von Korfu dieser letzte Teil des Schauspiels, bei dessen Beginn sich die meisten anderen Zuschauer und Damen entfernten.
Ich war ebenfalls vor dessen Beendigung weggegangen und hatte mich in meine Wohnung begeben, um mich zum Ball und zu der Entführung bereit zu machen. Da mitder Retraite alle Wasser- und Landtore geschlossen wurden, so war ich mit Capo d’Istria übereingekommen, die Entführte bis Tagesanbruch in meinem Quartier, wo man sie sicher nicht suchen würde, zu beherbergen, und wo sie griechische Mannskleidung anlegen und dann mit dem Öffnen der Tore auf einem Maultier die Stadt verlassen sollte, um sich, von Capo d’Istria und mir begleitet, nach dem Dorfe Spagus zu begeben, wo ich ein Häuschen für sie in Bereitschaft hatte setzen lassen. Wir hatten Mitternacht zur Stunde der Entführung bestimmt, damit unsere Abwesenheit nicht zu früh bemerkt werden konnte. Auf dem Ball tanzte ich mehrere Kontertänze mit ihr, und die Montfarinen tanzte sie abwechselnd mit ihren beiden Bräutigams. Als der entscheidende Moment nahte, wurde ihr doch nicht ganz wohl bei der Sache, und ich hatte alle Mühe, ihr während des Tanzes Mut einzusprechen. Gleich nach dem letzten Kontertanze, nach dem Prosalenti eine Montfarine mit einer französischen Offiziersdame tanzte und also seine Braut nicht in den Augen haben konnte, mußte der Schritt getan werden. Halb gutwillig, halb mit Gewalt zog ich Enrichetta durch einige Seitenzimmer an eine Hintertreppe des Gouvernementspalastes. Capo d’Istria folgte uns auf dem Fuße nach, und so liefen wir in meine, sich nahe bei der Porta Reale befindliche Wohnung, in der die Signora Viletta beinahe ohnmächtig auf einen Stuhl niederfiel und wir alle Mühe hatten, sie zu beruhigen. Capo d’Istria mußte jedoch schleunigst wieder auf den Ball zurückkehren, damit er selbst gesehen wurde und so kein Verdacht auf ihn fallen konnte, sobald man das Mädchen vermißte, bei der ich nun allein blieb und mein möglichstes tat, sie zu trösten und zu beruhigen, wobei ich es an den hierzu notwendigen Liebkosungen nicht fehlen ließ, die sich aber nur auf ein mitleidiges In-Arm-nehmen, ein An-mich-drücken und einige Küsse auf die Stirn und die von Tränen benetzten Wangen beschränkten, was die holde Enrichetta in ihrer Angst ruhig geschehen ließ. Die griechischen Mannskleider lagen bereit. Sie mußte sich bequemen, sie anzulegen, wobei ich ihr bestensbehilflich war und dabei mußte ich natürlich in allerlei Berührungen mit ihr kommen, die mir das ohnehin schon heiße Blut noch vollends in Wallung brachten. Minutenlang fühlte ich ihr Herz an meiner Brust klopfen, und wer weiß, was weiter geschehen wäre, wenn man nicht gerade gewaltig an der Haustüre geklopft hätte. Es war Capo d’Istria, der, nachdem ich selbst geöffnet hatte, fast atemlos hereinstürzte und uns ankündigte, daß das Verschwinden der Braut bereits wahrgenommen worden sei und man allenthalben nach ihr suche. Er selbst habe noch mit Prosalenti gesprochen, um allen Verdacht von sich zu wenden. „Wenn wir nur jetzt schon glücklich zur Stadt hinaus wären,“ meinte er und war dabei in einer solchen Aufregung, daß er, das Mädchen küssend, kaum bemerkte, daß es sich bereits in einen holden griechischen Knaben verwandelt hatte. Mein Bursche, den ich auf die Lauer gestellt hatte, um mir Rapport zu machen, sobald das Stadttor geöffnet würde, kam endlich gesprungen, dies zu melden. Wir verließen nun alle drei meine Wohnung, kamen unangehalten durch die Porta Reale, eilten nach Castrades, wo wir ein Maultier gesattelt fanden, auf dem sich Capo d’Istria samt seiner schönen Beute davon und auf den Weg nach Spagus machte. Ich blieb noch bis gegen Abend in der Stadt und hörte, daß diese Entführung, deren Urheber man noch nicht kannte, und bei der man den einen oder anderen Offizier von der Garnison im Verdacht hatte, da es so häufig vorkam, daß diese Mädchen und Frauen entführten, ein gewaltiges Aufsehen machte, da die Entführte eine reiche Braut war. – In Pallea Castrizza angekommen, erzählte ich die Sache der Familie Brüge, die nicht zum Ball geblieben war, als eine große Neuigkeit, ohne zu erwähnen, welchen Anteil ich an derselben gehabt. Längere Zeit wußte niemand, was aus der Entführten geworden war, mit der sich Capo d’Istria ein paar Tage nach der Entführung in aller Stille hatte trauen lassen, und seine junge Gattin, die fortfuhr, heimlich in Spagus zu wohnen, jeden Abend heimsuchte. Nach mehreren Wochen wurde das Geheimnis jedoch entdeckt und man wußte allgemein, daß Capo d’Istriader Entführer gewesen. Dieser fand nun für gut, sich auf das feste Land nach Albanien zu flüchten, um vorerst den Dolchen der Viletta und Prosalenti zu entgehen. Als man herausgebracht, daß ich bei der Geschichte sein Helfershelfer gewesen, erhielt ich von Seiner Exzellenz dem Gouverneur General Donzelot einen Wischer. Bevor Capo d’Istria die Insel verließ, gab er seine junge Frau auf meinen Rat der Frau von Brüge zur Obhut, welche sich auf meine Verwendung dazu bequemte, die Hütung der hübschen Signora zu übernehmen. Josephine hatte nun eine angenehme Gesellschafterin und ich eine Unterhaltung mehr, denn es gelang mir bald, es da fortzusetzen, wo ich am Abend der Entführung unterbrochen worden war. Aber Josephine merkte Unrat und brachte es bei ihrer Mutter dahin, daß die junge Frau wieder aus dem Haus und zu einer nahen Anverwandten ihres Mannes gebracht wurde, wo ich indessen öfters Gelegenheit fand, sie zu besuchen.
Längst hatte ich gewünscht, von den übrigen Jonischen Inseln doch wenigstens das Vaterland des Odysseus, die Insel Thiaki, kennen zu lernen. Aber dieses schien unausführbar, da unsere Erzfeinde, die Engländer, schon längst im Besitz derselben, sowie aller anderen Inseln, Korfu und das kleine Paxo ausgenommen, waren. Der Graf Mocenigo meinte aber, daß das Projekt dennoch ausführbar sei, wenn ich die Insel inkognito und als Grieche oder Albanese verkleidet besuche. Ich teilte Herrn von Brüge mein Vorhaben mit, der meinte, es sei ein sehr gewagtes Unternehmen, indem ich leicht den Engländern in die Hände fallen könnte. Ich ließ mich dadurch jedoch nicht abhalten, erbat mir einen vierzehntägigen Urlaub vom Gouverneur, angeblich, um Paxo und Parga zu besuchen, da mir nach Thiaki natürlich keiner bewilligt werden konnte. Doch wußte der General Donzelot um mein Vorhaben, das er aber ignorierte, und meinte, die Folgen, die es haben könnte, hätte ich mir selbst zuzuschreiben. Ich fuhr nun, als ein ziemlich armer Grieche gekleidet, auf einer Barke nach Paxo, das nur wenige Miglien südlich von Korfu liegt, und brachte daselbst eine Nacht undeinen halben Tag zu. Diese kleine Insel ist sehr bergig, lieferte aber das beste Öl aller Inseln und viel sogenanntes Johannisbrot. Sie zählt etwa sechstausend Einwohner, die sich erst kürzlich, von englischen Agenten verführt, gegen das französische Gouvernement empört und eine kleine englische Besatzung aufgenommen hatten. Wir eroberten aber die kaum sechs Stunden im Umfang habende Insel mit drei Kompagnien wieder, das englische Detachement, etwa achtzig Mann, gefangen nehmend. Zwölf Paxioten, welche die Rädelsführer bei der Sache gewesen, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und auf der Esplanada von Korfu erschossen, nachdem sie die Nacht vorher noch in einer der Kirchen auf diesem Platz zugebracht hatten. Die Paxioten behaupten, der Apostel Paulus habe sich längere Zeit auf ihrer Insel aufgehalten, deren er in einem seiner Briefe erwähnt. Eine kleine halbe Stunde unter Paxo liegt Antipaxo, ein Inselchen, das keine Stunde im Umfang hat und nur von einigen Schweine- und Ziegenhirten samt deren Herden bewohnt oder vielmehr besucht wird.
Von Paxo fuhr ich nach Parga, das an der albanesischen Küste, auf einem hohen Felsen, Paxo gegenüber liegt, eine Garnison von einigen hundert Mann und einige Artillerie hatte und etwa fünftausend Einwohner zählte. Der Kommandant, dem ich mein Vorhaben mitteilte, riet mir, einen zuverlässigen landeskundigen Albanesen von der Garnison mitzunehmen, der außer dem Neugriechischen auch etwas Venezianisch sprach und den er mir mitgeben wolle. Mit Dank nahm ich dieses Anerbieten an und fuhr den folgenden Tag auf einer Fischerbarke längs der Küste bis nach Prevesa, einer Stadt mit einem Fort, die etwa sechstausend Einwohner zählt. Von da schifften wir nach Vonitza über, einer auf einem steilen Felsen liegenden Festung, von der wir unsere Reise zu Fuß, immer längs der Küste hin, fortsetzten, durch verschiedene türkische Flecken kommend, wo mir mein Albanese treffliche Dienste leistete. Denn ich wüßte nicht, wie es mir ohne ihn ergangen wäre. Endlich kamen wir an einen, Thiaki gegenüber liegenden Ort, von dem wir in einer Barkenach dem ehemaligen Reich des Odysseus, das kaum fünfzehn Stunden im Umfang hat, übersetzten. Jetzt mochten etwa neun- bis zehntausend Menschen auf der mit vielen Oliven-, Zypressen-, Orangen- und Granatbäumen besetzten Insel wohnen, deren vorzüglichstes Produkt Korinthen sind, die hier von außerordentlicher Güte reifen und von denen jährlich über hundert Zentner ausgeführt werden. Ich durchstrich die Insel mit meinem Begleiter, dem ich täglich zwei türkische Piaster gab, nach allen Richtungen, bei jedem Tritt denkend: hier mögen wohl auch Odysseus und Telemach gewandelt und gehandelt haben. Nachts brachten wir gewöhnlich im freien Feld, manchmal auch in einem griechischen Kloster zu. Der größte Ort auf der Insel heißt Vathi. Er liegt an einem Meerbusen und hat nicht übel gebaute zweistöckige Häuser, die ziemlich gut unterhalten sind. Die Frauen und Mädchen hier haben ein blühendes Aussehen, sind meist gut gewachsen und werden auch nicht so eingesperrt gehalten wie auf den übrigen Inseln. Um den Ort herum liegen Weinberge, Olivenbaumstücke und auf den Anhöhen mehrere achtflügelige Windmühlen. Vathi hat auch einen Hafen. Mitten in demselben steht ein Kloster nebst einer Kirche auf einer kleinen Insel, San Salvator genannt. Auf der rechten Seite von Vathi, der kleinen Insel gegenüber, liegen Ruinen eines alten Gebäudes, das man den Palazzo nennt und von dem noch Mauern und Gewölbe übrig sind. Auch fand man mehrere große viereckige Marmorsteine in dessen Nähe, zum Teil mit altgriechischen Inschriften. Diese Überbleibsel werden für die Trümmer von Odysseus Palast ausgegeben, sowie andere, nicht weit davon liegende Ruinen man für die Reste der ehemaligen Hauptstadt von Ithaka hält. Beides ist indessen sehr ungewiß. Homer sagt, diese Stadt liege auf einem Berg, Oneion genannt; Cicero spricht von ihr als von einem hochliegenden Vogelnest, und Plinius sagt ebenfalls, daß sie auf einem sehr steilen Felsen liege. Die Hauptstadt, die aber später, als Odysseus hier herrschte, erbaut wurde, führte den gleichen Namen wie die Insel.
Nachdem ich des Helden Odysseus Heimat gehörig untersucht,ohne daß es mir gelungen wäre, mich mit meinem Homer in der Hand gehörig orientieren zu können oder auch nur Wahrscheinlichkeiten ausfindig machen zu können, schickte ich mich den dritten Tag nach meiner Ankunft nicht sehr befriedigt – die Insel ist sehr bergig und im allgemeinen ziemlich kahl, hat aber viele zerstreut liegende Klöster und Kirchen – an, sie wieder zu verlassen. In einiger Entfernung von Vathi füllten wir unsere mitgebrachten Gurden mit frischem Trinkwasser, das aus dem Felsen entspringt, welchen die Gelehrten der Jonischen Inseln für den von Homer erwähnten Felsen Korax, die Quelle selbst aber für die Quelle Arthusa halten, und beides nicht ohne große Wahrscheinlichkeit.
Wir fuhren in einer gemieteten Barke ab, und da ich meinem Begleiter den Wunsch geäußert hatte, womöglich auch noch Santa Maura, das alte Leukadien, zu besuchen, so redete mir dieser zu, das Wagestück zu unternehmen. Dies war es allerdings wegen der englischen Besatzung. Nach einigen Stunden landeten wir etwas oberhalb dem Kap Ducato auf Santa Maura, von wo wir uns in das Innere der Insel begaben, die etwa fünfundzwanzig Stunden im Umfang haben mag. Sie war mit ziemlich viel Gehölz bedeckt und leidlich angebaut; besonders mit Baumwolle-, Oliven-, Korinthen-, Mandel- und Feigenbäumen. Eine Nacht brachten wir in einem sehr elenden Dorf zu, wo unser ganzes Mahl aus einem halben Dutzend wilder Artischocken mit Zitronensaft bestand. Den folgenden Morgen begaben wir uns in die Hauptstadt, welche die Maurioten Amaxchi, auch Amakuki nennen, und die in einem tiefen, mehrere Stunden langen Sandfeld liegt. Als ich hier so vielen englischen Uniformen begegnete, ward mir doch etwas unheimlich. Ich wagte mich nicht in die Festung Santa Maura, die nicht unbedeutend ist. Aber weder Stadt noch Festung enthalten irgendeine Merkwürdigkeit. Woran mir mehr gelegen, war, den berühmten Felsen aufzusuchen, von dem sich die verliebten altgriechischen Narren und die Sappho herabstürzten. Aber mein Albanese wußteso wenig davon, wie alle Maurioten, die er darnach fragte. Ich wandte mich nun selbst an einen halb italienisch gekleideten Einwohner, der venezianisch sprach und von dem ich erfuhr, daß der von mir gesuchte Ort das Kap Ducato wäre, in dessen Nähe wir gelandet hatten. Wir hatten vier starke Stunden zurückzulegen, bis wir wieder dahinkamen. Dies versetzte meinen Begleiter, der gar nicht begreifen konnte, was ich an dem einsamen Felsen suchte, in ziemlich üble Laune. Ein paar Extrapiaster gaben ihm aber schnell seinen guten Humor wieder. Ich bestieg das hohe und steile Vorgebirge und den Gipfel des Felsens, von dem herab die von Phaon verlassene närrisch gewordene Dichterin in die Meeresfluten gesprungen war. Daß dies wirklich der so bekannte leukadische Felsen ist, auf dem der Tempel Apollos gestanden, dessen noch Virgil erwähnt, scheinen viele altgriechische Kritzeleien, die in demselben eingegraben sind, zu bestätigen. Beinahe wäre mir ein gleiches Los, wenn auch nicht aus verliebter Raserei, wie jenen unglücklichen Narren, sondern aus Tücke des Schicksals zuteil geworden. Mein Begleiter und ich sahen plötzlich aus noch ziemlicher Ferne vier wohlbewaffnete Männer, von einem englischen Offizier angeführt, mehr laufend als gehend gegen unseren Felsen zueilen, von denen wir nicht ohne Grund vermuteten, daß sie nicht in der besten Absicht kämen. Und so war es in der Tat. Ihnen zu entrinnen, daran war nicht mehr zu denken. Wir hätten denn den halsbrechenden leukadischen Sprung machen müssen, wozu wir beide aber keine große Lust verspürten. Uns lebendig fangen zu lassen, schien mir ebensowenig ratsam, denn wir riskierten, als ein Paar Spione ohne weiteres gehängt zu werden.
Nach einer kurzen Besinnung sah ich ein, daß uns nichts anderes übrig bleibe, als, da wir gut bewaffnet waren – jeder hatte zwei Pistolen und einen langen Dolch bei sich, der Albanese außerdem noch seine Flinte – uns unserer Haut bestens zu wehren. Ich teilte diese Ansicht meinem Begleiter mit, ihm versichernd, daß ein Strick sein unvermeidliches Los sein würde, wenn man ihn lebendig finge,und machte ihm begreiflich, daß, wenn wir auch nur zwei gegen fünf seien, wir doch den ungeheuren Vorteil der Position für uns hätten und folglich auch den des Ausgangs des Kampfes. Dies begriff mein Reisegefährte sehr wohl, versetzte aber unwillig: „Das Unheil habt ihr mit eurem verfluchten Narrenfelsen über uns gebracht. Daß wir uns so sehr darnach erkundigten, hat die Engländer aufmerksam auf uns gemacht, die uns jetzt verfolgen, und zuletzt müssen wir doch noch unterliegen, denn ewig können wir hier nicht bleiben.“ Diese Logik war für einen halbwilden Albanesen so übel nicht. „Ja, wenn noch Schätze hier zu holen gewesen wären,“ fuhr er fort, „dann ließe es sich noch begreifen; aber so ein kahler Stein.“ – „All dies Räsonnieren hilft jetzt zu nichts, die feindliche Patrouille ist keine fünfzig Schritte mehr entfernt und schickt sich an, heranzuklimmen,“ fiel ich ihm ins Wort und rief dem sich bereits am Fuß des Felsens befindlichen Feind ein donnerndes ‚Halt!‘ zu, währendmein Albanese sein Gewehr anlegte. Ehe er aber losdrückte, rief ich dem Leutnant auf englisch zu, daß, wenn er es auf uns abgesehen habe, er uns wenigstens nicht lebendig fangen würde und sein und seiner Leute Leben auf dem Spiele stehe, denn wir seien trefflich bewaffnete Schützen ... – „Und ein Paar Spione,“ antwortete der Offizier, uns noch ein „Ergebt euch!“ zurufend. – „Das sind wir nicht,“ erwiderte ich, „sondern Ehrenmänner.“ – Wir parlamentierten weiter, und ich gestand ihm zwar, daß ich ein Franzose sei, sagte jedoch nicht, daß ich in Militärdiensten stehe, sondern daß ich einzig und allein gekommen sei, um dem berühmten leukadischen Felsen einen Besuch abzustatten, was ihm als einem gebildeten Englishman gewiß sehr natürlich erscheinen müsse, da er ohne Zweifel von der Geschichte desselben und namentlich der der Sappho unterrichtet wäre. Ich suchte ihn noch bei der Ehre anzugreifen, mich auf die allgemein bekannte englische Loyalität berufend, und gab ihm zu gleicher Zeit mein Ehrenwort, daß ich nicht gekommen sei, das verächtliche Handwerk eines Spions zu treiben. Nach noch einigem Hin- und Herreden gelanges mir denn auch, ihn in seiner Muttersprache, was gewiß nicht wenig dazu beitrug, von seinem ungerechten Verdacht und meiner Unschuld zu überzeugen. Er gab mir nun seinerseits das Ehrenwort, daß, wenn ich herabsteigen wolle, weder mir noch meinem Begleiter das mindeste Leid geschehen solle, und wenn wir beweisen würden, daß wir keine Spione seien, man uns ungehindert ziehen lassen werde. Ich traute dem Engländer, der gegen seine Leute äußerte, daß er uns für keine Spione halte, und stieg den Felsen hinab. Er lud mich jetzt ein, ihm zum Kommandanten zu folgen, was ich jedoch ablehnte, ihn beiseite nahm und ihm die Wahrheit und die Ursache, die mich nach Santa Maura geführt, offen gestand. Er war nun seinerseits zuvorkommend artig und teilnehmend, und als ich äußerte, ich wünschte möglichst bald wieder das feste Land zu erreichen, hatte er die Gefälligkeit, uns bis an das Lukadien gegenüber liegende Ufer zu geleiten, wo wir eine Fischerbarke in Beschlag nahmen, in der wir übersetzten, nachdem ich mich bei meinem edlen Führer bedankt und wir gegenseitig unsere Adressen ausgetauscht und Abschied genommen hatten, worauf er sich eiligst entfernte. Kaum waren wir aber zwanzig Schritte vom Ufer abgestoßen, als sich mehrere bewaffnete Insulaner an demselben zeigten und den zwei uns rudernden Schiffern in griechischer Sprache befahlen, umzukehren. Wir fanden aber für gut, denselben zu befehlen, nicht zu gehorchen, sondern schnell das Weite zu gewinnen. Als dies die auf dem Land stehenden Griechen sahen, feuerten einige auf uns, während die anderen längs dem Ufer hinabliefen, ein Fahrzeug zu suchen, das sie aber glücklicherweise nicht fanden. Bald waren wir aus dem Bereich der Schußweite und kamen nach anderthalb Stunden, nicht ohne große Anstrengung, an der jenseitigen Küste an. Wir fuhren nun weiter nach Prevesa. Von da legten wir den Weg bis Butrinto zu Land zurück, wo ich dann ein Schiffchen mietete, das uns glücklich wieder nach Korfu brachte. Ich entließ meinen getreuen Begleiter, indem ich ihm noch ein kleines Geschenk machte, meldete meine Ankunft und begab mich dann wieder nach PalleaCastrizza, wo ich Herrn von Brüge und seinen Damen die gehabten Abenteuern mit allen Details erzählen mußte. Ich fand auch Neuigkeiten von Haus vor, nämlich einen Trauerbrief, der mir das Ableben meines Großvaters väterlicherseits meldete, und eine Anweisung von fünfzig Louisdors, welche mir das Haus Heinzelmann in Venedig auf einen Juden in Korfu namens Mesulam auf Veranlassung meines Vaters übermachte. Die Kanonierschaluppe, die während meiner Abwesenheit glücklich von Otranto angekommen war, hatte unserem Regiment auch einen Colonelen secondzugeführt, und zwar den Bruder des bekannten Schriftstellers und Verfassers des ‚Goldenen Kalbes‘, Benzel-Sternau, der jetzt Finanzminister in Diensten des Großherzogs von Frankfurt war, und dessen Bruder bisher in russischen Diensten gestanden hatte, welcher nun das Kommando der beiden in Korfu stehenden Bataillone des zweiten Fremdenregiments, das bisher Herr von Brüge gehabt, übernehmen sollte. Aber der neue Oberst war ein äußerst gutmütiger und ziemlich indolenter Mensch, der sich hier auf einem ihm ganz fremden Terrain befand, und Herrn von Brüge, ohne dessen Rat er nichts tat, nach wie vor ganz gewähren ließ. So lange wir noch in Pallea Castrizza waren, kam er jede Woche einige Male, uns zu besuchen und sich Rat zu holen, da er den französischen Dienst ganz und gar nicht kannte. Überhaupt hatten wir in der letzten Zeit fast täglich Gäste aus der Stadt, die sich unsere köstlichen Seefische, Langusten, den guten Wein des Klosters und so weiter trefflich schmecken ließen. Nach der Tafel wurde musiziert. Josephine sang italienische Duette mit mir, unter denen besonders das ‚Per pietà deh non lasciarmi‘ aus der ‚Ginevra di scozia‘ Furore machte. Es wurde auch manchmal getanzt, wenn mehrere Damen unter den Gästen waren, und so ging der Rest der heißen Jahreszeit munter und vergnügt zu Ende. Bevor wir das gastfreundliche Kloster verließen, machten wir noch einen Ausflug oder besser eine Ausfahrt nach der kleinen Insel Fano, die am nördlichen Kap von Korfu liegt und, wie die Sage will, dieselbe Inselist, welche die Göttin Kalypso bewohnte, deren Grotte man den Fremden noch zeigt, die aber weder göttliche noch selbst irdische Pracht aufweist, sondern eine gewöhnliche geräumige und feuchte Höhle mit mehreren Abteilungen ist. Diese Insel hat ungefähr fünfhundert Einwohner, Fanioten genannt, die halbwild sind. Auch wir hatten eine Besatzung von ungefähr hundert Mann auf Fano. Hier, wie zu Korfu, zu Praxo und Santa Maura, war noch allenthalben das in Stein gehauene venezianische Wappen, der geflügelte Löwe des Sankt Markus angebracht, sein aufgeschlagenes Buch in der Tatze, grimmig, aber ohnmächtig umherblickend. Ende September verließen wir endlich unseren pittoresken Sommeraufenthalt, um uns wieder unter den Schutz der Mauern der Stadt Korfu zu begeben, wo mir bald darauf eine interessante Mission nach Janina zuteil ward.