Ungefähr um dieselbe Zeit gastierte die Sängerin Canzi in Frankfurt, die bei einer silberreinen, glockenhellen Sopranstimme eine außerordentliche Kehlenfertigkeit hatte, und mit ihrem Ziehvater, einem pensionierten österreichischen Major und dessen Frau Kunstreisen machte, wo sie überall außerordentlich gefiel. Der Major, welcher frühzeitig das Talent des jungen Mädchens wahrgenommen, hatte ihr ein paar Jahre Gesangunterricht erteilen lassen und sich dann mit ihr auf Reisen gemacht, um zu ernten, was er gesät. Die Ernte fiel auch so reichlich aus, daß sich der gute Mann nach einem Jahrzehnt vollkommen mit dem Erworbenen inden Ruhestand setzen konnte, und dann sein Pflegekind, das bei dem Stuttgarter Hoftheater eine gute Anstellung erhielt, seinem weiteren Schicksal überließ. Damals war gerade ein großer Teil des Hessen-Darmstädtischen Städtchens Bentheim abgebrannt. Ich veranstaltete eine musikalische Abendunterhaltung zum Vorteil der armen Abgebrannten im Offenbacher Theater, welches der Wirt Schlosser, der es in Pacht hatte, gratis dazu hergab, und bat Demoiselle Canzi, dabei mitwirken zu wollen, was sie mir auch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit zusagte. Sodann hatte ich mehrere Dilettanten vermocht, ein zweiaktiges Vaudeville, ‚Der moderne Don Juan‘ betitelt, das ich geschrieben, zu diesem Zweck einzustudieren. Das Ganze hatte den besten Erfolg und brachte eine sehr ergiebige Einnahme. Viele Frankfurter waren zu der Vorstellung gekommen, von denen mehrere in der Absicht, um sich zu rächen, dieselbe störend unterbrechen wollten. Als nun das Vaudeville begann, in dem ich die Titelrolle übernommen hatte, fingen sie im Parterre an, zu stampfen, zu treten und Lärm zu machen. Mehrere Offenbacher aber verstanden den Spaß übel und warfen die ungeschliffenen Herren zur Türe hinaus, worauf die Vorstellung ihren ungestörten Fortgang hatte und mit großem Beifall endigte. Ein fröhliches Bankett im Isenburger Hof machte den Beschluß.
Schon seit längerer Zeit war mir Metternichs kurzsichtige Politik und sein ganzes widersinniges System, das nimmermehr ein gutes Ende nehmen konnte, in hohem Grad zuwider. Weit entfernt, ein unsinniger Demagoge zu sein, mochte ich ebensowenig ein solches Stockregiment, wie das österreichische war, leiden, während man in Preußen längst in hohem Grad liberal und human war. – Die Bedingung, unter welcher mir die Konzession zu meiner Zeitschrift gegeben worden, war, daß ich mich durchaus aller Politik enthalten müsse. Ich durfte also nichts, was einen politischen Anstrich haben konnte, in derselben aufnehmen. Dagegen gab ich öfters lithographierte Beilagen, meistens Karikaturen, die wohl an das Politische streiften. So hatte ich das unseligePapierwesen und die Anleihen, die Börsenspiele und so weiter, schon scharf genug auf diese Weise bezeichnet. Jetzt aber fiel es mir ein, den staatsklugen Metternich samt seinen Helfershelfern mit unverkennbaren Attributen zu zeichnen und alle auf einem großen Krebs reiten zu lassen, der rückwärts gehend, sich an dem Rand eines tiefen Morastes befand. – Dies war denn doch zu toll. Es kamen Reklamationen von Wien, der Bundestag mischte sich darein, und eines Morgens ward ich plötzlich auf das Amt in Offenbach beschieden, wo mir eröffnet wurde, daß meine Zeitschrift auf höheren Befehl verboten sei. Noch hatte ich von Glück zu sagen und es einer besonderen Fürsprache zu verdanken, daß ich nicht wenigstens auf sechs Wochen die hessische Festung Rokenburg besuchen durfte. – Groß war der Jubel und die Freude, als dies Verbot in Frankfurt bekannt wurde. Meine zahlreichen Feinde wünschten sich gegenseitig Glück, man begrüßte sich auf den Straßen, sich die große Neuigkeit zurufend, und wenig fehlte, daß nicht ein hoher Senat ein Festessen diesem Ereignis zuliebe veranstaltet hätte. Aber die Freude sollte nicht von sehr langer Dauer sein, wie wir bald sehen werden. Ich machte gleich nach dem Verbot eine Rheinreise bis Köln mit einer sehr lustigen Gesellschaft von Offenbachern und mehreren Damen. Wir hatten zu diesem Zweck in Mainz eine eigene Jacht gemietet, einen Flügel und mehrere andere Instrumente, Feuerwerk und Fackeln, nebst allerlei Mundvorrat eingeschifft, so daß die Fahrt eine äußerst unterhaltende werden sollte. Ich hatte dafür gesorgt, daß sich unter den Damen meine intimsten Bekannten in Offenbach, wie die Hofrätin M..., Annchen F..., Delphine A..., sowie Fanny M... aus Frankfurt und so weiter befanden. Am Fahrtor zu Frankfurt bestiegen wir die Jacht und brachten die erste Nacht in den ‚Drei Reichskronen‘ in Mainz zu. Den anderen Morgen fuhren wir weiter, landeten aber allenthalben, wo es etwas zu sehen gab, eine Ruine zu besteigen, ein Ort oder ein Schloß zu besuchen war, bei welcher Gelegenheit immer romantische Spaziergänge gemacht wurden, und sich manches Pärchen, unter denen auch ich,über die Gebühr in den Felsen, Ruinen oder Gebüschen verirrte. So kamen wir den ersten Tag, wo wir im Garten zu Bibrich und auf Schloß Johannisberg lange verweilt hatten, nicht weiter als bis Bingen, den zweiten bis Sankt Goar, den dritten noch nach Boppart, den vierten nach Koblenz, wo wir drei Tage verweilten, einen Abstecher nach Ems machten, dann nach Neuwied, Andernach, Bonn und so weiter, und erst den zwölften Tag in Köln an. Wir waren meistens vom schönsten Wetter begünstigt, bestiegen die Bergruinen abends beim Mondenschein, ließen Sang und Hörnerklang bei Fackelschein in denselben erschallen, die Geister ihrer modernden Bewohner zu erfreuen, und Raketen steigen. Unterwegs, in Koblenz, Bonn und Köln, schrieb ich in den frühesten Morgenstunden mehrere pikante und satirische Artikel über Frankfurter Zustände, die ich: ‚Aus dem Nachlaß der verblichenen Offenbacher Zeitung‘ überschrieb, welche vollkommen geeignet waren, die übermäßige Freude der guten Frankfurter über das Verbot derselben zu mäßigen, da ich sie in den am Rhein erscheinenden Blättern abdrucken ließ und zu vielen Hunderten zur Verteilung nach Frankfurt schickte. Nachdem wir uns auch in Köln und seinen Kirchen, besonders dem Dom, gehörig umgesehen, auch den elftausend Jungfrauen in Sankt Ursula einen Besuch gemacht hatten, traten wir vergnügt die Rückreise über die Taunusbäder an und kamen nach einer Abwesenheit von ungefähr drei Wochen wieder glücklich nach Frankfurt und Offenbach. Hier war während derselben zu meiner Verwunderung ein neues Blatt entstanden, das den Titel ‚Offenbacher Unterhaltungsblätter‘ führte, welches mein Buchdrucker, ein gewisser Hauch, auf seine eigene Faust herauszugeben sich unterfangen und an alle Abonnenten meiner Zeitschrift gesandt hatte, diese zu vertreten. Dieser Hauch, der höchstens ein mittelmäßiger Setzer war und in seiner Jugend in Offenbach Gänse hütete, hatte den bekannten Doktor Pfeilschifter gebeten, ihm bei der Redaktion des Blattes zur Hand zugehen. Aber das ganze Unternehmen ging um so schneller den Krebsgang, meine Abonnenten wollten nichts davon wissen, und alsich mich mit dem Eigentümer einer Frankfurter politischen Zeitung verband und diesen vermochte, derselben eine belletristische Beilage beizugeben, da fiel das Hauchsche Unternehmen zusammen. Um diese Zeitung und ihr Beiblatt schnell zu heben, machte ich eine Reise auf vierzig bis fünfzig Stunden im Umkreis, bis Karlsruhe auf der einen und Köln auf der anderen Seite, und als ich meine Tour geendet und nach Frankfurt zurückkam, fand ich zu meiner großen Satisfaktion, daß sich die Zahl der Abonnenten dieser Zeitung während meiner Reise schon um zwölfhundert vermehrt hatte. Von allen Orten, wo ich hinkam, sandte ich sogleich möglichst pikante Artikel über die neuesten Vorfälle in denselben nach Frankfurt ein, die auf der Stelle abgedruckt werden mußten, und dann von der Nummer, in welcher sie standen, nach der Größe des Ortes, aus welchem sie datiert waren, viele hundert Exemplare per Post dahingeschickt wurden, die ich selbst allda verteilen ließ. Dieses Manöver war über alle Erwartung geglückt, und die Zeitung nahm fortwährend außerordentlich an Abonnenten zu, deren sie bald an fünftausend zählte, was mir sehr wohl zu statten kam, da ich verhältnismäßig dafür honoriert wurde, und als das Verbot meiner Zeitschrift erschien, meine Finanzen sich eben nicht im besten Zustand befanden, ich auch wenigstens ein paar tausend Gulden laufende Schulden hatte. Dies war bei der Lebensart, die ich geführt, und den Geschenken, die ich an viele Damen gemacht, kein Wunder, obgleich ich noch bedeutende Honorare durch meine Arbeiten in französischen Journalen nebenher erhielt. Ein guter Rechenmeister war ich nie gewesen, glücklicherweise wußte ich aber die Defizits durch gut berechnete Unternehmungen immer wieder zu decken. Ein ganz besonderes Ereignis machte, daß sich damals meine Ausgaben noch gewaltig mehrten.
Es war in der Frankfurter Herbstmesse, als ich die Buden auf dem Paradeplatz mit ihren Sehenswürdigkeiten besuchte, um Bericht über dieselben abstatten zu können. Unter diesen befand sich die Menagerie eines gewissen Tourniaire, Bruders des bekannten Kunstreiters dieses Namens,der auf seinem Anschlagezettel angekündigt hatte: Zwei ganz junge, sehr schöne Zirkassierinnen von siebzehn und achtzehn Jahren würden die Riesenschlangen seiner Menagerie dem Publikum vorzeigen. Die beiden jungen Mädchen, die auf beiden Seiten eines bärtigen, wildaussehenden Mannes standen, waren wirklich schön und in der ersten Jugendblüte. Besonders aber war die eine, welche die ältere schien, eine vollendete Schönheit, mit einem unvergleichlichen seelenvollen Ausdruck im Auge und Angesicht; dabei fiel ihr ein rabenschwarzes Seidenhaar auf die nackten Schultern bis zu den Knien herab. Ihr Körperbau war äußerst zart und zierlich. Die andere hingegen hatte, was die Franzosenla beauté du diablenennen, Jugendfrische, hochrote Wangen und ziemlich derbe Glieder, war dunkelblond und manipulierte die Schlangen ganz ungeniert, während die ältere, so lange diese Tiere gezeigt wurden, sichtbar zitterte und eine Art Fieberschauer hatte, bis sie abtrat. Da mich die Mädchen, besonders die ältere, sehr angesprochen und interessiert, so erkundigte ich mich, wo die Leute wohnten, und nachdem ich erfahren hatte, daß sie bei Günther im Pariser Hof logierten, traf ich sie nach mehreren vergeblichen Gängen endlich eines Abends sehr spät in dem allgemeinen Gastsaal, wo die Mutter mit ihren beiden Töchtern ganz europäisch ein sehr bescheidenes Abendbrot einnahm. Ich ließ mich mit den Leuten in ein Gespräch ein; sie schienen mir aber verlegen und ängstlich. Die Kinder sprachen ganz geläufig österreichisches Deutsch, die Mutter französisch mit dem normännischen Akzent. Während ich mich so mit ihnen unterhielt und sie schon anfingen, zutraulicher zu werden, trat plötzlich der Menageriebesitzer Tourniaire in den Saal, worüber sie gewaltig zu erschrecken schienen und zusammenfuhren. Er ging sogleich auf den Tisch zu, an dem wir saßen, und sagte zu der Frau: „Madame, il est temps d’aller se coucher.“ Sie machten auch sofort Anstalt, diesem Befehl zu gehorchen, und als sie aufbrachen, begleitete sie Tourniaire bis an die Türe, im Vorübergehen flüsterte mir jedoch das älteste Mädchen halbleise und mit einem fast flehenden Blick zu: „MeinHerr, werden wir Sie nicht wiedersehen?“ worauf ich, ihr eine gute Nacht wünschend, ein bejahendes Zeichen zunickte. Den anderen Tag ging ich gegen Mittag wieder in die Menagerie, wo ich indessen nur das jüngste Mädchen mit dem bärtigen Mann die Schlangen zeigen sah, und auf mein Befragen bei der Mutter, die wieder am Eingang saß, erfuhr, daß die ältere unwohl im Bette hätte bleiben müssen. Ich ließ mich mit der Frau tiefer in ein Gespräch ein, die mir jetzt mitteilte, daß sie die Witwe eines österreichischen Hauptmanns namens Peche, sie selbst aber aus der Gegend von Rouen sei, wo ihr Vater Gutsbesitzer gewesen, aber in der Revolution alles verloren hätte. Ihr Mann habe kurz vor seinem Tod seine Stelle verkauft, worauf sie mit den Kindern nach Prag gezogen und während den Sommermonaten einen Laden mit Modewaren in Karlsbad gehabt, wo sie aber keine Fortune gemacht. Wie sie mit ihren Kindern an Tourniaire gekommen, wolle sie mir ein anderes Mal erzählen, da dies zu umständlich sei. Nur so viel könne sie mir noch mitteilen, daß sie und die Kinder sich sehr unglücklich fühlten und in einer peinlichen Lage befänden. Ich bezeigte Teilnahme an ihrem Schicksal und versprach der Madame Peche, mich ihrer anzunehmen, worauf die Frau freundlich dankend einging und was sie zu trösten schien.
Noch einige Male besuchte ich die Menagerie, in welcher die hübschen Schlangenmädchen figurierten, bekam aber die ältere nicht mehr zu sehen, die, wie mir Madame Peche sagte, jetzt einen solchen Abscheu vor den Tieren habe, daß, als man ihr die ungeheure Boa das letztemal um den Hals hängen wollte, sie Konvulsionen bekommen hätte. „Morgen reisen wir nach Köln ab,“ sagte Madame Peche, „wollen Sie Therese“ (so hieß das schöne Mädchen) „noch einmal sehen, so besuchen Sie sie auf ihrem Zimmer.“ Ich ließ mir dies nicht zweimal sagen, eilte zu ihr und fand sie sehr niedergeschlagen und angegriffen. Ich unterhielt mich ziemlich lange mit ihr, und sie ergänzte die mir von der Mutter schon gemachten Mitteilungen, indem sie sagte, daß, nachdem das Karlsbader Geschäft verunglückte, sie und ihreSchwester ein paar Monate als Choristinnen bei der Bühne zu Prag gestanden, wo sie Tourniaire auf dem Theater gesehen, sich nach ihnen erkundigt, und als er erfahren, daß die Mutter eine Französin sei, derselben unter dem Vorwand der Landsmannschaft einen Besuch gemacht und, ihre dürftigen Umstände kennen lernend, ihr endlich den Vorschlag getan habe, daß sie samt den beiden Mädchen ihr reichliches Brot bei ihm finden sollten, wenn sie sich bequemen würden, mit ihm zu reisen. Sie habe dann nur die Kontrolle an der Kasse seiner Menagerie zu führen und die Billette abzunehmen; für die Mädchen werde er auch sorgen und ihnen eine passende Beschäftigung geben. Madame Peche hatte diesen Vorschlag sogleich mit Vergnügen angenommen und verkaufte, was sie noch an Mobilien hatte. Tourniaire gab ihr einiges Geld; sie folgte ihm wenige Tage nach seiner Abreise von Prag mit ihren Töchtern und wurde anfänglich sehr gut aufgenommen. Als aber der schon ziemlich bejahrte grauköpfige Führer der wilden Bestien allzu zärtliche Absichten auf Therese blicken ließ, die einen wahren Abscheu gegen ihn empfand, und von ihr verächtlich zurückgewiesen worden war, da zog er andere Saiten auf. Die Familie, die jetzt ganz in seinen Händen, ohne Schutz und Hilfe war, Madame Peche hatte zwar noch einen älteren Sohn von ungefähr achtundzwanzig Jahren, der jedoch ein völliger Taugenichts und gemeiner österreichischer Soldat war, mußte tun, was er wollte. Madame Peche wurde Billetteinnehmerin und ihre Töchter mußten als Pseudo-Zirkassierinnen die Schlangen zeigen. „O Gott, wenn uns nur jemand aus dieser schrecklichen Lage befreien wollte, auf den Knien würden wir es ihm danken,“ schloß Therese ihren traurigen Bericht.
„Leider hörte ich von Ihrer Mutter, daß Sie morgen schon abreisen werden,“ versetzte ich, „die Zeit ist zu kurz, um bis dahin noch etwas Entscheidendes unternehmen zu können, aber seien Sie ruhig, liebes Kind, ich werde Ihnen in wenig Tagen nach Köln folgen und Sie dann aus dieser Lage befreien.“ Mit halb zweifelhaften, halb erkenntlichenBlicken sah mich das schöne Mädchen an, der ich nochmals versicherte, daß es keine leeren Worte seien, was ich sage, sie bat, sich vertrauensvoll auf mich zu verlassen, und ihr versprach, daß sie mich in möglichst kurzer Zeit wiedersehen werde. Hierdurch getröstet, nahm sie mit Tränen in den Augen Abschied von mir und nach einem langen Kusse entfernte ich mich.
Da ich im Interesse der von mir redigierten Zeitschrift abermals eine Rundreise zu machen vorhatte, um Stoff für dieselbe zu sammeln und einige Korrespondenten zu gewinnen, da die erbärmliche Frankfurter Zensur alles strich, was auch nur die entfernteste Beziehung auf Frankfurter Behörden, Verwaltung und die städtischen Zustände überhaupt haben konnte, so mußte ich wohl das Blatt ganz mit auswärtigen Berichten zu füllen suchen. Sogar an den Rezensionen über die Frankfurter Bühne vergriff sich der erbärmliche Rotstift, und erst, nachdem ich dem Zensor gedroht, daß ich die von ihm gestrichenen Stellen in auswärtigen Blättern als von ihm gestrichen abdrucken lassen würde, unterließ es der Jammermann.
Die beabsichtigte Reise konnte ich nicht so schnell, als ich es gewünscht, unternehmen, da ich als Zeuge in eine polizeiliche Sache verwickelt war, die meine Gegenwart in Frankfurt erheischte. Bei dem Hepp-Hepp-Krawall gegen die Juden, der vor mehr als einem Jahr früher stattgefunden, waren ein paar dieser Kinder Israels, als sie, nach Offenbach flüchtend, nahe dem Frankfurter Wald vorüberkamen, durch einige Frankfurter Hauderersknechte derb abgeprügelt worden, und wären vielleicht auf dem Platz liegen geblieben, wäre ich nicht zufällig dazugekommen und hätte die Unglücklichen durch Bitten, Drohungen und Versprechungen aus den Händen der Barbaren befreit. Die Sache wurde erst jetzt verhandelt und untersucht. Sobald ich aber abgehört war, machte ich mich auf die Reise und ging zuerst nach Mannheim und Speier.
Als ich ein paar Tage darauf in Bonn ankam, erblickte ich sogleich an den Straßenecken die Anschlagezettelvon Tourniairs Menagerie. Ich eilte auf der Stelle dahin und fand Therese allein an der Kasse sitzend. Als sie mich erblickte, sprang sie, freudig in die Hände schlagend, auf und rief aus: „Ach, so haben Sie doch Wort gehalten, das ist schön von Ihnen.“ Sie erzählte mir nun, daß ihre Mutter krank in Köln sei, wo sich auch ihre Schwester Toni und Tourniaire in diesem Augenblick befänden, indem sie alle drei mit dem Wagen umgeworfen worden seien, wobei ihre Mutter durch die auf sie fallende Geldkiste stark an dem Schienbein verletzt wurde, in Köln aber die kaum erbaute Menageriehütte zusammengebrochen wäre, weshalb Tourniaire, bis dort eine neue gezimmert, die Menagerie einstweilen nach Bonn geschickt. Er selbst sei den vorhergehenden Tag, ihr die Kasseneinnahme empfehlend, wieder nach Köln zurückgereist. Dabei klagte sie mir aufs neue bitter ihren Kummer. „Wohlan,“ sagte ich, „wir müssen der Sache schnell ein Ende machen. Lassen Sie die Kasse Kasse sein und kommen Sie mit mir, eine Promenade machen. Wo wohnen Sie?“ „Im Klotz.“ „Gut, so werde ich mich auch daselbst installieren. Warten Sie noch einen Augenblick, in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Ihnen.“ Ich ging nun in den ‚Goldenen Klotz‘, wo ich zwei Zimmer in Beschlag nahm, und kehrte dann zu Theresen zurück, mit der ich eine Promenade in den Schloßgarten von Bonn machte, wo ich das Mädchen überredete, noch heute Tourniaire und seine Menagerie zu verlassen, ich habe bereits ein anderes Zimmer für sie im Klotz neben dem meinigen genommen. Sie war es zufrieden, und als wir gegen Abend heimkehrten, ließ ich ihre Sachen auf das für sie bestimmte Zimmer bringen. Wir soupierten recht vergnügt und brachten ebenso die halbe Nacht wachend miteinander zu. Den anderen Morgen machten wir in aller Frühe eine Partie nach den Ruinen des alten, eine gute Stunde von Bonn entfernten Godesberg. Als wir in unseren Gasthof zurückkamen, erfuhren wir, daß Tourniaire schon diesen Morgen von Köln gekommen sei, sogleich nach seiner Nichte, er gab sich überall für den Oheim der Mädchen aus, gefragt und in gewaltigenZorn und große Wut geraten sei, als er gehört, daß sie schon in aller Frühe mit einem Fremden ausgefahren sei, und dann auch erfahren, daß sie den Abend vorher mit mir spazieren gegangen und die Nacht in einem anderen Zimmer als dem ihrigen zugebracht habe. In diesem Augenblick klopfte es an die Türe und auf mein: „Wer ist’s?“ erfolgte ein barsches und rauhes: „C’est moi.“ „Mais qui êtes-vous?“ „Tourniaire.“ „Ah Monsieur Tourniaire, un moment.“ Ich steckte meine Terzerolen auf jeden Fall zu mir, öffnete die Türe, die ich auch verriegelt hatte, durch welche Tourniaire rasch mit zweien seiner Bestienwärter eintrat. Auf meine Frage: „Que désirez-vous, Monsieur?“ erwiderte er: „Je veux ma nièce.“ „Ihre Nichte? Die kenne ich nicht. Wer ist diese?“ „Mademoiselle Peche.“ „Pardon, diese ist nicht Ihre Nichte.“ „Comment?“ „Ich bin von allem auf das genaueste unterrichtet und weiß, wie Sie den Peches mitgespielt haben. Mademoiselle Therese hat sich jetzt unter meinen Schutz begeben, und ich werde sie zu schützen wissen. Wenn Sie sonst nichts bei mir suchen, so können Sie wieder gehen.“ „Nicht ohne das Mädchen!“ „Doch, mein Herr.“ „Wo ist sie?“ „Darüber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben.“ Tourniaire sah sich nun allenthalben um und wollte endlich auf die Seitentüre zugehen. „Zurück!“ donnerte ich ihm entgegen, stellte mich vor die Türe und sagte: „Noch einen Schritt weiter, so knalle ich Ihnen eine Kugel vor den Kopf!“ Hier zeigte ich ihm ein Terzerol. Er prallte jetzt zurück samt seinen beiden Gehilfen, die sich übrigens sehr passiv verhalten hatten, rief aber im Abgehen: „Wohlan, ich werde die Polizei zu Hilfe nehmen.“ „Sehr wohl,“ schrie ich ihm nach, „Sie sind ihr ohnehin schon verfallen.“ Schimpfend und tobend ging er die Treppe hinab. Ich verriegelte wieder meine Türe, eilte zu Theresen, die ich halb ohnmächtig auf dem Bette liegend fand, und suchte sie möglichst zu beruhigen. Hierauf klingelte ich einem Aufwärter und fragte diesen, was mit Tourniaire geworden. Er berichtete mir, daß derselbe auf sein Zimmer gegangen sei und dort gewaltig mit seinen Leuten gewelscht und gefluchthabe. Jetzt sei er wieder ruhiger und wolle das Weitere auf den kommenden Tag verschieben. Ich begehrte nun meine Rechnung, ließ Theresens und meine Effekten packen, und bat den Kellner, dem ich zwei Taler Trinkgeld versprach, mir sogleich eine Extrapost zu bestellen, diese aber, um Aufsehen und Skandal zu vermeiden, ein paar hundert Schritte vom Gasthof entfernt zu halten, und so auch die Effekten fortbringen zu lassen. Dies alles war um so leichter zu bewerkstelligen, da die Nacht bereits angebrochen war. Als ich Nachricht hatte, daß der Wagen vorgefahren, eilte ich, die zitternde Therese im Arm, die Treppe hinab, gab dem Kellner das versprochene Trinkgeld und mehr, und fuhr nach Köln ab, wo wir noch vor Mitternacht eintrafen und ich mit meiner schönen Beute bei Merzenich im ‚Wiener Hof‘, den ich schon von früher kannte, abstieg. Den anderen Morgen brachte ich Therese zu ihrer Mutter, die mit ihrer Tochter bei Lamberts auf dem Domplatz wohnte. Wir teilten der Mama, die sehr erfreut war, mich wiederzusehen, alles mit, was vorgefallen, bis auf einige Nebenumstände, die man besser verschweigt, und ich sagte ihr, daß sie sich nun völlig als von Tourniaire befreit ansehen könne und ich für ihre fernere Existenz Sorge tragen wolle. Es wurde mir großer Dank und die jüngere Schwester, Toni, sagte: „Nicht wahr, Mama, nun dürfen wir auch nicht mehr das Fleisch mit den wilden Tieren teilen, die oft die besten Stücke bekamen.“
Ich erkundigte mich nun nach einem tüchtigen Sachwalter. Als ein solcher wurde mir der Advokat B... empfohlen, den ich von allem gehörig in Kenntnis setzte, und der mir nicht nur versprach, sich dieser Angelegenheit mit aller Tätigkeit anzunehmen, sondern meinte, daß Tourniaire auch noch der Familie eine Entschädigung schuldig sei und nicht so ungerupft davonkommen dürfe. Er wolle die Klage gegen Tourniaire damit beginnen, sogleich Arrest auf die ganze Menagerie, Pferde und Wagen und so weiter desselben legen zu lassen, welches das beste Mittel sei, ihn zu einem wenigstens leidlichen Vergleich und zur Losgebungder Peches zu bringen. Tourniaire sperrte sich anfänglich zwar ganz gewaltig und meinte, er würde sich auf nichts einlassen, und sollte es ihm seine Löwen, Panther, Tiger, Bären, Affen und Pferde kosten. Ein paar Tage darauf spannte er jedoch gelindere Saiten auf, denn die Wache bei der Menagerie und den Pferden genierte ihn gewaltig. Es kam endlich zu einem Vergleich; er gab Mutter und Töchter frei, und bezahlte die geringe Summe von hundert Talern als Entschädigung. Als er dieses Geld an mich auszahlte, sagte er: „Die ganze Rache, die ich an Ihnen nehme, ist, daß ich Ihnen die Mutter Peche überlasse. Die wird hinlänglich dafür sorgen, daß Sie für das, was Sie an mir getan, bestraft werden.“ „Dies sei meine Sorge, Herr Tourniaire,“ erwiderte ich, strich das Geld ein und brachte es der Madame Peche, die die Summe sehr klein fand, sich aber damit beruhigte, daß ich ihr meine noch ziemlich gefüllte Kasse zur Disposition stellte. Nun hatte ich die ganze Familie auf dem Hals und mußte darauf denken, was mit ihr anzufangen sei. Therese besaß eine sehr angenehme und reine, aber etwas schwache Stimme, sang indessen mit Gefühl und hatte viel Ausdruck im Vortrag. Auch erkannte ich bald, daß das Mädchen eine nicht unbedeutende Anlage zur Schauspielkunst habe. Ihre Schwester Toni hingegen hatte fast für nichts anderes Sinn als für Essen und Trinken; sie schlug in diesem Stück ganz der Mutter nach. Damals hielt sich in Köln ein junger Breidenstein auf, ein Neffe meines ehemaligen Lehrers, den ich schon früher in Homburg kennen gelernt, welcher die Musik zu seinem Brotstudium gemacht und schon mehrere gediegene Kompositionen geliefert hatte. Diesen bat ich, öfters mit mir zu Peches zu gehen, wo er uns am Klavier akkompagnierte, und wir des Abends in dem sehr düster beleuchteten Saal Lamberts kleine Proben von einzelnen Opernszenen hielten, nach denen wir dann noch nach dem Klavier tanzten, auch die Polonäse aus Spohrs Faust mit Gesang und Aktion aufführten. Diese Abendunterhaltungen, zu denen noch ein paar Mädchen und Freunde Breidensteins kamen, hatten einen ganz besonderen Reiz,welchen dasChiaroscurodes düsteren Saales noch vermehrte, und auf Theresens Phantasie und ganzes Wesen eine eigene Wirkung hervorbrachte, so daß sie die Susanna, Zerline und Kunigunde mit einer mich entzückenden Vollendung und Hingabe spielte und sang. Daß das reizende Geschöpf ein eminentes Talent für die Bühne habe, davon war ich jetzt überzeugt, sowie Breidenstein und andere, welche sie bei diesen Abendunterhaltungen gesehen hatten. Ebenso waren wir darüber einig, daß ihre so liebliche Stimme wohl schwerlich je die nötige Kraft erlangen würde, um in der Oper großes Glück zu machen, daß sie hingegen im Schauspiel glänzen müsse. Breidenstein schlug mir vor, an Ringelhard, den er kenne, und der damals mit seiner Gesellschaft im Sommer in Aachen und im Winter in Köln spielte, schreiben zu wollen, was ich aber ablehnte, und vorzog, Peches mit nach Mainz zu nehmen, in der Hoffnung, die Mädchen bei der Frankfurter, Darmstädter oder Mainzer Bühne, also möglichst in meiner Nähe, placieren zu können. Auch stand ich, wegen der Geschichte mit der Catalani in Bremen, nicht zum besten mit Ringelhard. Da ich ohnedies Briefe über Briefe von Frankfurt erhielt, die meine schleunigste Zurückkunft wegen der Redaktion des belletristischen Blattes heischten, so traf ich sofort Anstalten zur Abreise und fuhr über Koblenz nach Mainz. Unterdessen hatte ich schon in Köln, noch mehr aber auf der Reise Ursache genug gehabt, an Tourniaires Worte zu denken. Madame Peche benahm sich selbst an den Table d’hôtes fast wie ein Dragoner, oder doch wie eine Marketenderin, und ließ die stärksten Weine, gleich einem Cramerschen Ritter, wie Wasser die Gurgel hinabgleiten. Dabei hatte sie einen so guten Appetit, daß sie ganze Schüsseln, besonders beim Dessert, auf ihren Teller leerte, und wenn ich mit Theresen, wie in Koblenz, Ems, Schwalbach und so weiter, romantische Spaziergänge machte, sie zog es vor, daheim zu bleiben, und entschädigte sie sich mit Toni einstweilen bei einer guten Flasche Bordeaux und allerlei Zuspeisen. Dabei blieb es indessen nicht; während unserer Abwesenheit ließ die MamaSchuhmacher, Modistinnen, Juden und so weiter durch die Kellner rufen, denen sie allerlei Gegenstände abkaufte. Hierauf ersuchte sie den Wirt, das Geld bis zu meiner Rückkunft auszulegen, und ich fand schon in Koblenz auf meiner Rechnung nahe an fünfzig Taler als bar ausgelegt.