Die Proben meines Balletts, bei denen ich das Personal immer mit köstlichen Erfrischungen bewirtete und ein ordentliches Büfett errichtet hatte, nahmen ungestört ihren Fortgang, und dasselbe sollte im Monat Januar (1812) zugleich mit einer neuen großen Oper zur Aufführung kommen. Die Weihnachten gingen auch dieses Jahr recht vergnügt für mich vorüber, die Buden der Toledostraße waren auf das eleganteste herausgeputzt und mit künstlichen und natürlichen Kostbarkeiten, die letzteren in den ausgesuchtesten Obstsorten, Gemüsen, Früchten, gemästetem Federvieh, Raritäten aus dem Reich der Vierfüßler, der Fische und der Vögel bestehend, überladen. Riesenhummern und Ortolanen, Mandaringas und Ananas, Eiertrauben und frische Korinthen ragten einladend zwischen Blumen, Lorbeeren und Myrten hervor; aber weit anständiger wurde die Weihnachtsfeier und besonders die Mitternachtsmesse hier als in Rom begangen, wo die Römer meist einen bacchantischen Tumult in den Kirchen machen und alle möglichen Profanationen begehen. Auch die Neujahrsgratulationen wurden mit der gehörigen Feierlichkeit ausgeführt und dargebracht und waren besonders bei Hof außerordentlich glänzend. Nur bei meinem Vetter Moritz war es diesmal anders; er hatte durch eine unglückliche Baumwollspekulation, und zwar durch die Schuld der französischen Regierung, welche in Livorno Beschlag auf seine Schiffe, als verdächtig, mit England kommerziert zu haben, gelegt hatte, bedeutend verloren. Der Verdacht erwies sich zwar als völlig unbegründet, aber bis dies ausgemittelt war, worüber mehrere Monate vergingen, war die Baumwolle um vierzig Prozent gefallen. Moritz verlor über eine halbe Million und hatte nicht die mindeste Vergütung zu hoffen. Dergleichen unverzeihliche Gewaltstreiche machte sich damals die französische Regierung oder vielmehr der an der Spitze derselben als unumschränkter Tyrann stehende Napoleon schuldig. Einer der tollsten und unsinnigsten der Art war ohne Zweifel die Verbrennung aller englischen Waren aufdem Kontinent, eine Maßregel ebenso lächerlich als fruchtlos, die alle Gemüter, selbst die der ergebensten Satelliten des Kaisers, erboste; auch wurde sie an vielen Orten, namentlich in Neapel, mehr zum Schein als in der Wirklichkeit vollzogen, da man die größten Vorräte verbarg und die Behörden selbst gerne durch die Finger sahen; doch hatte, was hier wirklich verbrannt wurde, immer noch einen Wert von mehr als zehn Millionen und in ganz Europa weit über mehrere hundert Millionen. Überall knirschte trotz Polizei und Spionen das Volk mit den Zähnen, murrte und fluchte, als die Flammen die kostbaren Waren verzehrten und diese in Rauch aufgingen. Wie viel Armen und Unglücklichen hätte man damit nicht aus größter Not helfen können, wenn man denn durchaus einmal einen solchen unnützen und albernen Gewaltstreich begehen wollte; die Sache hätte dann wenigstens noch eine Art Entschuldigung, wenn auch absurd genug, gefunden; aber so war das gelindeste Urteil, das man aus dem Mund des Volkes hörte, welches sich die Sache gar nicht zu erklären wußte: „Der Napoleon muß ein Narr geworden sein!“ – Doch die furchtbare Nemesis war bereits im Anzug.
Das erste Festino in San Carlo, welches der Hof dieses Jahr gab, besuchte ich wieder in einem prächtigen Don Juankostüm, einer meiner Kameraden machte den Leporello. Den Anzug hatte ich von dem Theaterschneider dazu machen lassen. Der Mantel von purpurfarbigem Thronsammet, war überaus reich und künstlich mit Gold und Perlen gestickt, hatte Bouillonfransen und war mit weißem Atlas, mit goldenen Bienen besät, gefüttert. Auf dem Hut waren fünf tadellose prächtige weiße Schwungfedern, durch eine brillantene Agraffe zusammengehalten, und die Kiele derselben mit Zahlperlen bis an die Spitze besetzt; der übrige Anzug harmonierte vollkommen mit dieser Pracht. Auf den Schuhen blitzten brillantene Rosetten, und die Halskette war von kostbaren Edelsteinen. Alle diese Kleinodien hatte ich bei verschiedenen Damen geliehen. Den Saal mit meinem Leporello durchstreichend, fragte mich dieser bei jeder schönen weiblichen Maske: „Signor Don Giovanni, soll diese auf das Register?“Und wenn ich bejahend zunickte, schrieb er sie sogleich in das mitgeführte Buch ein. Dieser Scherz zog mir aber schon auf dem Ball einige Verdrießlichkeiten zu, sollte aber noch ernstere Folgen haben, auch schien Murat die Sache sowie meinen ganzen zu brillanten Anzug eben nicht sehr zu goutieren, und er war, als ich ihn einigemal anredete, ganz gegen seine Gewohnheit kalt und kurz angebunden; auch merkte ich, daß meine Feinde zu meinem Nachteil sehr tätig waren. Indessen lief auf dem Ball noch alles ganz gut ab, und ich verließ ihn, zufrieden mit der Rolle, die ich gespielt hatte, gegen Morgen. Als ich aber, nachdem ich ein paar Stunden geruht, erwachte, empfing ich ein Billett von einem Bataillonschef der Garde-Grenadiere namens Colard, der sich beleidigt fand, daß ich auch seine hübsche junge Frau auf mein Don Juan-Register hatte setzen lassen, mich deshalb zur Rede stellte und Auskunft verlangte. Ich begab mich auf der Stelle selbst zu ihm, erteilte ihm mein Ehrenwort, daß die ganze Sache durchaus nichts als ein erlaubter Maskenscherz gewesen sei, erklärte mich aber zu gleicher Zeit bereit, ihm jede Satisfaktion, die er nur wünschen könne, zu geben. Der Mann war aber mit meiner Erklärung zufrieden, lud mich ein, mit ihm zu dejeunieren, was ich annahm, seine liebenswürdige Frau erschien bei dem Frühstück, wo wir über den ganzen Vorfall scherzten, und wer weiß, ob Madame Colard nicht wirklich auf mein Register gekommen wäre, wenn mich nicht ein schon im Anzug befindliches Ungewitter im Sturm aus Neapel entfernt und weit über das Meer geschleudert hätte.
Damals begann man schon von einem neuen bevorstehenden Krieg, an dem das neapolitanische Heer und sein Herrscher tätigen Anteil nehmen sollte, zu murmeln, und da man wohl wußte, daß sich das Ungewitter im Nordosten zusammenziehe, so freute ich mich schon darauf, endlich einmal Deutschland wiederzusehen und mich in meiner Heimat und bei meinen Verwandten in meiner militärischen Glorie präsentieren zu können. Ich beeilte nun, soviel es an mir lag, die Aufführung des neuen Balletts, die Donaunymphe, da mir viel daran lag, dasselbe noch in Szene gesetzt zu sehen,bevor wir ausmarschierten. Schon war der Tag bestimmt und die Generalprobe mit vollem Orchester, Kostümen, Dekorationen und Maschinerie angesagt, der Murat selbst beiwohnen wollte. Sie lief glücklich und zur Zufriedenheit aller Anwesenden ab. Zwei Tage darauf sollte die Vorstellung sein; aber den Morgen nach dieser Probe erhielt ich in aller Frühe eine Order von dem Kriegsminister, mich bereit zu halten, binnen vierundzwanzig Stunden mit einem Detachement neapolitanischer und französischer Truppen nach Tarent abzumarschieren, wo mich weitere Verhaltungsbefehle erwarteten. Beim Durchlesen dieses Befehls war ich wie vom Himmel gefallen, hielt das Ganze anfänglich für einen Irrtum, eilte in das Kriegsministerium, wo ich durch einen der Bureauchefs erfuhr, daß kein Irrtum möglich, der Befehl vom König selbst gekommen sei, und zwar mit dem ausdrücklichen Beisatz, ihn augenblicklich zu vollziehen. Nun war ich wie vom Donner gerührt und wußte mir die Sache nicht zu erklären; noch vor wenigen Tagen hatte ich aus guter Hand erfahren, daß der König die Absicht habe, mich nächstens zum Stabsoffizier zu befördern und unter die Zahl seiner Adjutanten aufzunehmen, und nun diese plötzliche allerhöchste Ungnade! Ich eilte in den Palast, konnte aber nicht vor Murat kommen, sondern nur soviel von dem diensttuenden Kammerherrn herausbringen, daß wenn der Kriegsminister eine solche Order bekomme, es auch seine Richtigkeit damit und sein Bewenden dabei haben müsse, und dies teilte er mir mit sehr trockenen Worten mit, nachdem er wieder aus dem königlichen Kabinett gekommen war. Ich sprach noch die Cavalcanti, die aber von allem nichts wußte, und einige andere Bekannte, die mich mit ein paar bedauernden Worten und Achselzucken entließen, und empfand so, was es heißt, in eine königliche Ungnade zu fallen. Ich sah nun wohl ein, daß mir hier nichts anderes übrig bleibe, als Order zu parieren, ließ packen und machte mich zum Abmarsch bereit. Noch aber wollte ich die Herzogin von Atri sprechen und begab mich deshalb zu ihrer intimen Freundin, diese zu bitten, eine letzte Zusammenkunft zu veranstalten. Die Marchesa Misuraca fuhr sogleich zur Atri,kam jedoch sehr schnell wieder zurück und entdeckte mir, daß diese seit vierundzwanzig Stunden äußerst streng von ihrem Gatten bewacht würde, so daß sie keinen Schritt ohne denselben zu tun vermöge, und daß dies durch den Einfluß einer allerhöchsten Person geschehe; der König sei jedenfalls dabei im Spiel. Durch ein späteres Schreiben von dieser Dame erfuhr ich, daß ich mir Murats Ungnade sowohl durch meine Bekanntschaft mit der Herzogin von Atri, wie durch meine zu große Vertraulichkeit mit der ersten Tänzerin, auf welche Seine Majestät ebenfalls ein Auge geworfen hatte, zugezogen. Ich meldete mich nun bei dem Bataillonschef, der die nach Tarent bestimmten Truppen befehligte und mir eine Kompagnie zur Führung übergab. Nach einer fast schlaflosen Nacht marschierte ich in aller Frühe mit diesen Truppen aus Neapel in einer höchst düsteren und melancholischen Stimmung ab, so traurig hatte ich bis jetzt noch keine Garnison verlassen. Noch vierundzwanzig Stunden vorher sah ich mich auf dem Gipfel des Glücks, hoffte bald ein Oberstpatent in meinem Portefeuille zu haben, sah mich als Murats Adjutant, ein Generalspatent konnte dann auch nicht lange mehr ausbleiben, dem der Marschallsstab bald folgen mußte, mit dem jetzt immer ein Herzogstitel, vielleicht auch ein Herzogtum verbunden war, wenn mir das Glück in einem Feldzug günstig sein würde, vielleicht gar einmal das Großherzogtum Frankfurt, und während ich soà laMilchmädchen träumte und Pläne machte, brach auch mein Topf, und eine einzige Order vernichtete alle. – Aber wie bald sollte es nicht hundert anderen und selbst Murat und Napoleon ebenso ergehen. – Erst in Tarent sollte ich völlige Gewißheit über mein Schicksal erhalten, und bis dahin plagte mich obendrein eine peinliche Unruhe, das Schlimmste von allem. – Indessen wer weiß, wozu es gut war; wäre es nicht so gekommen, so hätte ich mit nach Rußland gemußt, vielleicht in dessen Eisfeldern mein noch junges Leben ausgehaucht, und dann wäre die Welt nie mit diesen Memoiren beschenkt worden. Wollte Gott, es wäre so geworden, höre ich manchen gestrengen Moralisten und gelehrten Zopfkritiker ausrufen. – DerHimmel hat es aber einmal nicht so gewollt, meine gestrengen Herren von der Halleschen, Jenaer und anderer Literaturbasen. – Bald darauf brachen Murat, seine Garden und seine Armee nach Deutschland auf, um sich dem großen, sich daselbst versammelnden Heer anzuschließen, das Rußland – nicht eroberte.