Ich singe mein Liedchen, ein lächelndes Lied,Ich singe mein Lied auf der Wiese.Die kleinen Grillen zittern es mit,Man singt von der Halde bis an das RiedAls beliebteste Arie nur diese:Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Ich singe mein Liedchen, ein lächelndes Lied,Ich singe mein Lied auf der Wiese.Die kleinen Grillen zittern es mit,Man singt von der Halde bis an das RiedAls beliebteste Arie nur diese:Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Und dieses ris, ris i i i i, zuerst schüchtern, dann schnell und zuletzt ein einziges, leises Forttrillern, war ein hinreißendes zitterndes Grillengezirpe, welches, von dem heitern, leichten, koketten Stimmchen nachgeahmt, jedes Zwerchfell vor Lust vibrieren machte, vor Lust nach der Wiese. Dann aber ging es weiter:
Und du mir zur Seite, du sehnst dich bis weitWo sich Erde und Himmel verlieren.Ins Endlose willst du? da habe ich Zeit,Einstweilen das Lied dieser EndlosigkeitDen Heupferdchen abzustudieren:Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Und du mir zur Seite, du sehnst dich bis weitWo sich Erde und Himmel verlieren.Ins Endlose willst du? da habe ich Zeit,Einstweilen das Lied dieser EndlosigkeitDen Heupferdchen abzustudieren:Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Fast ernsthaft mühte sie sich, den Ton dieser Heupferdchen abzufangen. Sie begann indo, stieg übermiundsolimmer höher und höher und lächelte dabei ihren tapferen Gegner Olivier ein Momentlein ganz versteckt an. Jedoch kümmerte sie sich während der letzten Strophe gar nicht mehr um ihn, denn diese Strophe ging:
O Freund, du mein Freund, so gelehrt und so dumm,Gehst endlos und gehst doch im Kreise.Zieh fort, o flieh nur und sieh dich nicht um ...Hier wart' ich auf jemand im WiesengesummUnd das Lachen schüttelt mich leise:Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
O Freund, du mein Freund, so gelehrt und so dumm,Gehst endlos und gehst doch im Kreise.Zieh fort, o flieh nur und sieh dich nicht um ...Hier wart' ich auf jemand im WiesengesummUnd das Lachen schüttelt mich leise:Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Und dieses Lachen, dieses leise anzitternde Lachen, das wie eine Lerche in immer größere Heiterkeiten hinaufstieg, dieses ansteckende Kichern bezwang in seiner unendlichen Liebenswürdigkeit eine Gesellschaft, die so gerne, so gerne lachte dermaßen, daß es in sämtlichen Hälsen, musikalischen und dürren, innerlich mitzuperlen begann, als stiegen tausend entzückende Leichtigkeitsbläschen eilig aus den Schaumweinkelchen der französischen Seelenempor; und als Clarisse in der feinsten, lustigsten Höhe ihr Lachen ausgetrillert hatte, da brach dieses selbe zitternde Rollen aus allen Kehlen mit Kinderfröhlichkeit los, und alle, alle lachten sie, als ginge es über den geprellten Schiffsleutnant her, der es unternommen hatte, dieses Geschöpf nicht zu lieben.
Der arme Junge kam sehr schwierig durch die Gratulanten hindurch, welche die junge Sängerin umringten, und rief ihr in der Schwäche der ersten Hingerissenheit zu: „Komtesse, ich hielt große Stücke auf Ihre Gaben, aber daß Sie solch ein kleiner Goldvogel seien, das, das — — —“
„Das ist ein um so schätzbareres Kompliment,“ sagte die schlanke Clarisse strahlend vor Übermut, „als es aus einer seltenen Herbheit und Unbestochenheit der Gesinnung erfließt.“ Und sie wandte sich neuen Beglückwünschen zu und hatte ihn sogleich vergessen. Also war nun Olivier der Gekränkte. — — —
Die darauffolgende erste Hälfte der Nacht verbrachte er mit Versuchen, jenes Grillenliedin Diskant, und als das mißlang, in Baß zu singen, wobei er das Ris—ris—ris wunderbar gröhlte; die andere Hälfte der Nacht verschwendete er auf Bemühungen, esnichtzu singen.
Am nächsten Tage haßte er es. Es sah aus, als ob man dieses Lied auf ihn gedichtet hätte, und man begann es schon da und dort auf der Gasse zu trällern.
Clarisses Vater hatte sich am vorigen Abend, nach einer energischen Reklamation jener alten Stiftsdame, entschlossen, Mignard, Cagliostro, und all die übrigen Gäste dieses Abends zu bitten, in vierzehn Tagen wiederzukommen, um zu erfahren, ob der Liebestrank des Meisters der Geheimnisse inzwischen gewirkt haben könnte. Vierzehn Tage, bis er sie wiedersähe!
„Es ist ein hartes Ding,“ sagte er sich, „aber mein Vater darf nicht der Besiegte dieses Charlatans werden. Bin ich denn so schwach?“
Und er war stark, wehrte sich und dachte infolge dieses Kampfes in einemfort an die niedliche Clarisse.
Sie aber war empört, daß die Akademie solch einen ahnungslosen, rein törichten jungen Menschen als Werkzeug ihres Hasses gegen Cagliostro mißbrauchte. Ihr Vater war mit im Spiele. Sie hatte Angst vor seiner Ironie, aber sie sagte sich, daß es ein Meisterstreich des kleinen Gottes wäre, wenn eben diese kalte Ironie ein wenig bestraft würde. Einem Edelmanne wollte er sie vermählen, einem Edelmanne! Nachdem Herr Rousseau und Herr Voltaire längst so niedliche Dinge über die Vorzüglichkeit und den Rang des Herzens und des Geistes geschrieben hatten, welche die einzige Ungleichheit auf Erden ausmachten? O!
Ihr ganzes kleines Wesen hatte sich von jeher nur im Widerspruch erfreut, denn sie war stets unmäßig verzogen worden. Übrigens aber meinte sie, Olivier müsse gedemütigt werden. Sie glaubte zwar noch, daß sie ihn nicht liebe, aber eine bedenkliche Angst vor der kalten Tücke des Cagliostro saß in ihr. Der war so rätselhaft. Und die Akademie hatte so viele Regeln, das Leben aber war so regellos.Wenn nun der grauenhafte Mensch mit seinem Trank Recht behielte? Sie prüfte sich und erschrak, wie viel sie sich schon an jenem ersten Abend in Gedanken mit Mignard beschäftigt hatte, und wie viel nachsinnende Stunden inzwischen dazugewachsen waren, — alle voll von Olivier Mignard.
Es war schauderhaft; schauderhaft, aber süß. Denn wenn es bei ihr wirkte, dann saß es wohl auch bei dem jungen Marineleutnant fest. Wo der nur blieb?
Der? Der wehrte sich zehn Tage. Am Vorabend jenes Tages, der Cagliostros Gewalt oder Beschämung offenkundig machen sollte, lief er ihr in einem Gäßchen in den Weg.
„Komtesse, seit vier Tagen warte ich hier, wo Sie sonst täglich durchkommen, auf Sie ....“
Sie erkannte den ehedem tiefbraunen Jungen gar nicht gleich. Er war wirklich blaß.
„Was wollen Sie?“
„Komtesse, wir werden uns morgen sehen.Ich habe Angst, Sie zu beleidigen, wenn ich abermals meinem Vater zuliebe als Verächter Ihrer Holdseligkeit dort stünde.“
„Schweigen Sie, und lassen Sie mich, ich muß zu Primavesi,“ sagte sie beleidigt.
„Aber haben Sie doch Erbarmen, Madame,“ rief er und hielt sie angstvoll zurück. „Ich kam, Sie zu bitten, dieser Komödie ein Ende zu machen und den Abend absagen zu lassen.“
„Wozu?“ lächelte sie frostig. „Ihr Herr Vater soll seinen Triumph genießen; denn auch ich fühle keine Wirkungen von dem Tranke des Grafen Cagliostro.“
„Ach, Komtesse,“ sagte der arme Junge traurig, „dann wäre ja alles gut. Ich werde das meinem Vater berichten, er wird mit Ihrer gütigen Zustimmung die Akademie von dem lächerlichen Schwindelversuch benachrichtigen, dessen Mißlingen dem Ansehen des wunderlichen Grafen übrigens kaum schaden kann, und ich, — ich werde morgen nicht zu erscheinen brauchen, um meinen guten Vater und mich keiner Demütigung auszusetzen.“
„Ah, wie das?“
„Es ist nur, weil ich fürchte, Komtesse, daß nicht Graf Cagliostro, wohl aber Ihr Reiz mich verzaubert hat.“
Clarisse stand über seine unerwartete Botschaft sehr erschrocken und vermochte gar nichts zu sagen.
„Es ist so,“ bestätigte er betrübt: „Ich liebe Sie; aber,“ fügte er verzweifelt hinzu, „wenn Sie morgen diesen abscheulichen Schlächterabend eines Herzens zustande kommen lassen, so leugne ich alles!“
Da lief sie ihm davon.
„Clarisse,“ rief er, „Clarisse!“
In den leeren Gassen klang der Ruf nach, aber auch in ihrem Herzen vibrierte er weiter. Sie war fassungslos und kam sich ebenfalls wie verzaubert vor; in ihr wühlten Seufzer, Mitleid, Neugierde nach dem jungen Manne und stürmische Wünsche sehr; sie wehrte sich in Heidenangst vor der Macht Cagliostros, fand es aber dennoch schmerzvoll-schön, so sehr zu leiden.
Der Abend, auf den die fröhlichen Zuhörer des Grillenliedes mit der heitersten Spannung gewartet hatten, wurde für diesmal abgesagt und abermals auf vierzehn Tage verschoben, denn Clarisse hatte sich krank erklärt. Da lief denn durch die Gesellschaft von Paris der leise, lustige Verdacht von einer Schlappe, die der ungläubige Graf Barrées und die Akademie erlitten haben könnten, und Herr Cagliostro vergabte in diesen Tagen dreiundeinhalb Maß Liebestrank an Bedürftige.
„Da habe ich sie mir,“ sagte er zu Fortunato. „Der alte spöttische Kavalier zittert schon heute vor mir. Und siehst du: nicht die gescheite, kleine Clarisse hat mein Trank bezwungen. Nein; all ihre Vorfahren, deren Geschäft es seit tausend Jahren war, gläubig zu sein, die haben in ihr vor dem Liebestrank jene Angst, der ihn so wirksam macht. Tausend Jahre glaubten diese Barrées blindlings an alles, was der Pfaff ihnen aufband. Der letzte Barrées und sein Töchterlein leugnen. Aber in ihnen sitzt bauernfest die Glaubsucht. Und es zuckt immer noch demütig in ihren Knien,so oft sie an einem geweihten Öllämpchen vorübergehen, so wie es in dem Akademiker Mignard zuckt, sich vor den Barrées tief zu verbeugen. Denn all seine Vorväter waren katzbuckelnde Erwerbsleute. Der Glaube ist da, die Religion ist fort, nun müssen sie an alles glauben, was ihnen in den Weg gerät.“
„Ich wollte lieber, Onkel Giuseppe, du hättest Unrecht,“ sagte Fortunat bedrückt.
„Warum?“
„Ich fürchte, daß mir Clarisse selber gefiele.“
„Würdest du sie heiraten wollen?“
„Warum nicht?“
„Unmöglich,“ sagte Cagliostro kalt. „Eine Barrées. Es ist zwar alter reicher Adel und bei Hofe von höchster Geltung, aber wie wir heute dastehen, kann sich doch der Name Cagliostro nicht an eine Barrées ketten. Ja, wenn es eine Rohan, eine Condé, oder eine Savoyen-Carignan wäre! Laß sehen, es klopft.“
Cagliostro erhielt recht unerwarteten Besuch.Es war die Wache, die ihn in die Bastille führen sollte. Der Offizier zeigte ihm achselzuckend denlettre de cachet. Nun wäre es ihm sehr erwünscht gewesen, wenn sein Neffe die Barrées mit ihrem Einfluß bekommen hätte können. Denn sein Weg ging jählings bergab. Die Halsbandgeschichte war ruchbar geworden, und man suchte die Diamanten. Freilich, Cagliostro hatte dafür gesorgt, daß mehrere seiner Adepten Eide schworen, sie seien in einer Säurelösung verdorben, und Fortunat, der frei geblieben war und die Gerichtsbeamten beim Versiegeln der Gemächer seines Oheims führen mußte, brach im Laboratorium des Schwindlers beim Anblick einer fluoreszierenden Essenz in ein krokodilfalsches Gewimmer aus. „O, meine Herren,“ schrie er, „welche Werte zerstören Sie hier! Diese Essenz ist Diamantlösung und soll kristallisieren; mein Oheim verbrachte sieben Stunden in jeder Nacht damit, um sie magnetisch zu beeinflussen, und nun kommen Sie, verhindern sein Werk und stören den Kristallisationsakt! Die Tinktur wird in zwei Tagen wertlos sein und die daringelösten Brillanten werden verrauchen, ich schwöre es Ihnen beim Tempel der Rosenkreuzer!“
Die erschrockenen Beamten nahmen ein Protokoll mit ihm auf. Gerade jene Brillanten waren es ja, die man suchte! Bis nun aber das Stück den umständlichen Instanzenweg zum Könige durchgemacht hatte und Cagliostro freigelassen wurde, um den großen Sammeldiamanten aus der Lösung herauszukristallisieren, war es zu spät geworden!
Die Tinktur erwies sich wirklich als wertlos; sogar die Akademie mußte es zugestehen. Herr Buffon, Herr Lavoisier selber zuckten die Achseln bei der Analyse; alles war verloren.
Warum Cagliostro so jählings verhaftet worden war?
Der junge Mignard hatte seinen Vater gebeten, für ihn um die Hand der kleinen Barrées anzuhalten. Da brachte Mignard alle Kräfte dieser Erde, als da waren zwei Hofdamen, einen Erzbischof und einen jüdischen Generalpächter, gegen Cagliostro in dieSchlacht. Seinem Sohne drohte er mit Enterbung.
Und die junge Clarisse war bei ihrem Vater gewesen: „Der junge Mignard liebt mich.“
„Und du, du liebst ihn?“ fuhr der Graf empor.
„Seine Demut rührt mich tief, lieber Vater, er ist sehr schmerzlich für seinen Mangel an galanter Rücksicht bestraft worden, und er fürchtet, daß eine Barrées niemals an einen Bürgerlichen weggegeben werden könnte.“
„Nein,“ lachte der Graf nervös, „niemals!“
„Niemals?“ horchte sein verzogenes Töchterchen empor. Durch ihr Herz fuhr ein Stich von Schreck und Trotz. „Und wenn ich ihn liebte!“
„Wenn du ihn liebst, mein Kind, dann werden wir in der Wahl deines Gatten rücksichtsvoll sein,“ sagte der alte Herr zartfühlend.
„Ah, wieso? Und wer sollte mir,mireinen anderen Gatten diktieren. Sie am Ende? Und welchen Gatten?“
„Vielleicht den Marquis von Chateauvert; hm? Er ist neunundsechzig Jahre alt, reich, mächtig und dabei freidenkend, zart undrücksichtsvoll.“
„Ach so,“ sagte das junge Mädchen, und wurde tief dunkelrot. Dann faßte sie sich. „Das ist alte Mode, teuerster Herr Papa,“ sagte sie. „Das galt zu einer Zeit, wo man die herrlichen Gefühle der Natürlichkeit und der Herren Rousseau und Diderot noch nicht kannte. Ja, Herr Papa,“ rief sie mit edelglühenden Wangen aus, „die Welt ist anderen Sinnes geworden und ich sage Ihnen, sie verachtet jene Galanterien einer gänzlich abgetanen Zeit. Man heiratet wieder, Herr Papa!“
„Aber Kind, die Logik! Handelt es sich um Liebe oder Matrimonium? Die Logik!“
„Man kennt auch keine Logik mehr,“ sagte Clarisse kühn. „Sie ist eine Spielerei alter Leute. Man folgt den Instinkten der redlichen Natur, Herr Papa — — —“
„Clarisse,“ sagte der alte Edelmann. „In meinen Fingern zuckt es. Preise dein Glück, daß dein alter Vater den Instinkten der redlichenNatur diesmal nicht folgt, sondern begib dich auf dein Zimmer, das du in drei Tagen nicht verlassen wirst.“
So hatte denn eine verbotene Liebe bei all den günstigen Vorbedingungen noch drei Tage Gelegenheit zu tiefer Wühlerei im Herzen eines eigensinnigen Mädchens.
In seinem Ärger schloß sich der Graf den Bemühungen Mignards an, und es gelang beiden, den Widerstand des Herzogs von Orléans und anderer einflußreicher Gönner zu brechen. Diese Herren, die bisher die Verhaftung Cagliostros in Sachen der Halsbandgeschichte hintertrieben hatten, ließen nun dem Groll des Königs freien Lauf, und der fortschrittliche und sehr freigeistige Graf Barrées wünschte jetzt die Zeit der Hexenprozesse zurück, um Cagliostro verbrennen lassen zu können. Denn nun glaubte auch er an den verfluchten Trank.
Wie stark dieser Trank gewesen sein mußte, leuchtete ihm nach den drei Tagen, in denen er seine Tochter nicht gesehen hatte, ein. Das Mädchen war fort und dem Vaterblieb von ihr nichts als ein Billettchen in der Hand: sie habe sich ihren Mann selber gesucht.
Die Komtesse war durchgegangen, der junge Mignard desertiert. Nun wohnten sie zusammen in einer kleinen Dachkammer am Rande von Batignolles. Graf Barrées und Mignard mußten mit zusammengebissenen Zähnen schweigen, weil der eine die Ehre seines Standes und der andere die seines Chemikerberufes zu wahren hatte.
Cagliostro aber schrieb aus dem Gefängnis einen Brief an den Grafen, in dem er drohte, die Wirkung seines Trankes an den Tag zu bringen, wenn er nicht seine Freiheit und jene Diamanten wieder erhielte, die er an Barrées um des Liebestrankes willen verpfändet hatte. Diese Diamanten! Barrées hatte sie schon triumphierend zur Lösung der ganzen Halsbandgeschichte ausliefern wollen. Nun mußte er allen seinen Bekannten erzählen, daß Mignard sie bei der chemischen Analyse als wertlose Komposition erklärt hätte, und Mignard, der froh war, dem Rufe Cagliostros wenigstenshier schaden zu können, schimpfte mit ihm auf den Schwindel.
Cagliostro erhielt also vom Grafen seine schwer ergaunerten Brillanten zurück und das Versprechen der Freiheit, wenn er die beiden Verrückten, die weiß Gott wohin durchgegangen wären, ausfindig machte und durch ein Gegengift von ihrer entsetzlichen, taktlosen und gänzlich unmodernen Leidenschaft kurierte.
Ohne die brennende Eifersucht des jungen Fortunat wären die Verliebten nicht zu finden gewesen. Der aber erspähte ihr enges Nest in zwei Tagen und überbrachte ihnen einen Brief Cagliostros, gerade in dem Augenblick, als sie vier Artischocken, die ihr ganzes Mittagsmahl ausmachten, verspeist hatten und den letzten Fond unter sich aufteilten, wobei jedes wollte, daß das andere den ganzen Leckerbissen bekäme. Sie waren bettelarm, alle beide, und hatten fast gar nichts mehr zu leben.
Fortunat überbrachte den beiden jungen Leuten das Gegengift Cagliostros, das in folgendem Briefe bestand:
„Madame! Der Liebestrank, den Sie und Herr Leutnant zur See Olivier Mignard mitsammen geleert haben, bestand aus altem Kognak, der sehr zu brennen vermag, etwas Rosenöl, das poetische Gefühle erweckt, und einer ganz nichtigen Spur von Kantharidenspiritus, aber nur genau so viel, um die Herren von der Akademie bei der Analyse ein wenig bedenklich zu machen. Ich hoffe nicht, daß er bei Madame gewirkt haben könnte. Die übrigen Ingredienzien sind etwas Saft von der verbotenen Frucht, geheimer Aberglaube, und schließlich die alte Lust Adams und Evas an der ganzen Sache überhaupt, der jede Gelegenheit recht ist, um lieben zu dürfen. Ich weiß, daß nach dieser Ernüchterung Ihre sehr verehrten Herren Eltern mit ihrer Vernunft wieder zu Rechte gelangen werden und Sie ob des kleinen und gar nicht unangenehmen Spaßes nicht zürnen werden Ihrem in Entzücken über Ihre Schönheit, Jugend und Unerfahrenheit versunkenen Grafen Cagliostro.“
Da wurde die kleine, gänzlich illegitime Gattin des jungen Mignard abermals dunkelrotvor Scham und Zorn. Sie stand auf, machte dem jungen Fortunat einen Knicks, kurz und ungeduldig wie eine aufschnellende Fauteuilfeder: „Wohlan,“ rief sie mit dem ganzen Stolz ihres alten Geschlechtes und ihrer jungen Großtat: „Verkündigen Sie den Grafen Cagliostro und Barrées, daß ich mich glücklich schätze und ihnen dankbar bin, erfahren zu haben, daß diese Liebe, um deretwillen wir hier darben, uns nicht aus den Händen eines Charlatans, sondern aus den Händen der göttlichen Natur gegeben wurde. Sagen Sie diesen Herren und Herrn Doktor Mignard, daß wir uns fortab nicht mehr als vergängliche chemische Verbindung, sondern als das Urelement alles Entstehens fühlen und daß wir nun erst recht beisammen zu bleiben gesonnen sind. Nicht wahr, Olivier?“
„Ja,“ sagte Mignard erfreut und kleinlaut zugleich. Er war sehr hungrig.
„Oh,“ rief Fortunat, der den Unterton bemerkte, „und wovon wollen Sie leben?“
„Glauben Sie nicht,“ lächelte Clarisse, „daß jene Sängerin, die mit dem kleinen Grillenliedcheneine ganze Versammlung wirbeln machte, wenig Sorge um ihren Unterhalt haben dürfte? Glauben Sie nicht, daß der Name Barrées meiner Stimme in den Theatern von London oder Wien nur noch mehr Wohlklang geben dürfte? Und glauben Sie, Maestro Primavesi hätte die große Gelegenheit, Furore für seine Schule zu erregen, nicht längst schon benützt und mir kein Engagement verschafft? Ah, wir haben unsere Zukunft in der Tasche! Nicht wahr, Olivier?“
„Ja,“ sagte Mignard gerührt und betreten. Denn dem ritterlichen Jungen war es entsetzlich, seine Zukunft der Arbeit seiner Frau verdanken zu sollen.
Da stürzte Fortunat voll Verzweiflung zu seinem Onkel, zu dessen Kerker ihm die Bemühungen Barrées und Mignards Zutritt verschafft hatten. „Onkel Balsamo,“ sagte er, „ich gehe hin, um mich aufzuhängen. Diese Menschen sind unerträglich! Wir verhöhnen sie, wir betrügen sie, wir geben ihnen Kognak und Kantharidensaft statt des heiligen Atems Gottes zu trinken, und aus all diesem Betrugund Schwindel erwächst eine Liebe, so mutig, so opfervoll und so leidend, so süß und göttlich schön, als sei ein Rosenstrauch aus dem Dreck des Teufels erblüht!“
Da schrieb Cagliostro einen zweiten Brief an den Grafen von Barrées:
„Teurer Graf! Daß Ihre Tochter nicht Sängerin werden und den Skandal nicht auch noch mit Trillern vor der Welt verkünden darf, darüber sind wir beide einig. Ein solcher Beruf wäre zwar das allersicherste Mittel, sie recht bald aus dem Besitze Herrn Mignards in einen anderen gelangen zu lassen, aber nicht leicht in den Besitz einer Grafenkrone. Versorgen Sie das junge Paar mit derart reichen Zuschüssen, daß es sich gedemütigt fühlt, keine Sorgen mehr hat und in seiner Verstecktheit Langeweile bekommt. Richten Sie Ihre Briefe mit dem Innentitel nur mehr an die Maitresse des Herrn Mignard und geben Sie Ihre Einwilligung zu ihrem Treiben unter der Bedingung, daß es geheim und versteckt bleibe, was bei dem augenblicklich so starken politischen Lärm leicht geschehen kann. Sie glauben nicht, Herr Graf, wie demütig Langeweile einen Menschen machen kann, Langeweile von der Art, wie ich sie hier in der Bastille kennen lerne. Es ist eine Qual, von der zu befreien Clarisse Sie bald ebenso bitten wird, wie Sie um diese Vergünstigung gebeten sind, von Ihrem ergebensten Diener
Cagliostro.“
Cagliostro.“
Vierzehn Tage nachher war Graf Cagliostro mit seinem Neffen auf der Flucht nach Italien, und in den Salons ging die Nachricht von der Verlobung des Marquis von Chateauvert und der kleinen Clarisse de Barrées umher und war so selbstverständlich und langweilig, daß man nur mehr auf den nächsten Liebhaber der jungen Frau riet.
Mignard trat wieder in die Marine ein und besuchte Madame de Chateauvert nur mehr in den Pausen zwischen zwei seiner Seereisen, wodurch ein Verhältnis entstand, ein Verhältnis, welches auch nach der Revolution durchaus nicht altmodisch gescholten wurde und welches sowohl in jener flüchtigen undleichtfertigen Zeit, als auch in den etwas kräftigeren Tagen, die ihr folgten, als das rührendste, schönste und dauerhafteste in dem ganzen riesenhaften Dreieck zwischen Calais, Toulon und Bordeaux galt. In dem Dreieck, dessen Schwerpunkt den Namen Paris trägt. —
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Mein Freund Fräneli Thaller aus Solothurn erzählte mir vor einem alten Bilde:
„Vom Trödler Hirschl am Hafnersteg habe ich das Bild der kleinen Marquise Blanchefleure gekauft, die mit dem größten Teile des französischen Adels im Jahre 1792 taktlosen Angedenkens ihren reizenden Kaprizenkopf verlor. Hier auf dem Bilde hat sie ihn noch; hat eine hohe Frisur und hohe, drollige erstaunte Augenbrauen; — wie mit Watteaus Pinsel gezogen — und ein belustigt schauendes Gesichtlein. Sie ist reizend und ich sehne mich nach ihr.
Sie wissen noch nichts von der kleinen Marquise Blanchefleure, die in allen Dingen recht hatte? Sie wissen noch nichts von der ridikülen Leidenschaft meines Urgroßvaters,des Schweizers Thaller, dessen Emailbild jetzt unter dem ihren hängt, und nichts von der Taktlosigkeit der Jakobiner, dieser Menschen ohne Geschmack und Grazie! Nicht?
Nun, Marquise Blanchefleure hatte in allen Dingen recht. Sie hatte recht, daß sie als Ducheßlein auf die Welt kam: entfernt savoyisches Blut, also etwas weit hinten in der Rangliste von Versailles, aber doch eine kleine Herzogin, welche dereinst des Königs lächelndsten Marquis erhaschen würde. Sie hatte recht, daß sie ein besseres Wesen war, wie alle übrigen Geschöpfe auf ihres Vaters Schloß, Dorf und Landschaft: Musik- und Tanzlehrer, Verwalter, Bauer, Magd, Esel, Ochs, Knecht und alles, was sein war. Sie hatte recht, von der tiefgedrückten Not leibeigener Bauern zu leben. Denn sie lebte lächelnd und trällernd und alle Welt verneigte sich tief vor ihr, ihrem Glanz und ihrer Schönheit. Wie wenn der Wind über Kornfelder geht, so neigten sich große Versammlungen voll Menschen vor ihr:compliments en mille. Und sie hatte recht, den MarquisMassimel de la Réole de Courtroy zu heiraten, über dessen Beschränktheit der Hof so sehr lachte, daß er dem Könige unentbehrlich wurde und bei jedem Lever, zur Erzeugung guter Morgenlaune, aufwarten mußte. Liebhaber wußte sie genug, aber Männer, welche so reich waren, sich eine Blanchefleure mit allen ihren Wünschen und Launen zu gönnen, davon gab es sehr wenige. So kam sie an den Hof und auch da behielt sie, wie gewohnt, sogar vor dem Könige recht.
Ihre lächelnde Kommandogewalt zeigt am schönsten folgender Fall:
Man weiß, daß es in der französischen Armee verboten war, bei Todesstrafe! — in Schweizer Regimentern den Kuhreihen zu blasen oder zu singen; weil dann die ungeschickten Kinder der deutschen Alpen herdenweise davonliefen oder vor Heimweh starben.
Zu Straßburg auf der Schanz,Da ging mein Trau'ren an ...Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen,Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen, —Das ging nicht an.
Zu Straßburg auf der Schanz,Da ging mein Trau'ren an ...Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen,Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen, —Das ging nicht an.
Und mein Urgroßvater Primus Thaller hatte den Kuhreihen mitten in Paris gesungen! Auf dem Hofe der Schweizer Kaserne war er gestanden, im gelben Sand, auf dem die Abendsonne glühte und die Soldaten sich zum Ausgang in die Stadt rüsteten. Zugegangen war das auf solche Weise: Er hatte von seinem, um sechs Jahre jüngeren Bruder Quintus, Tambour beim Regiment „Prince d'Orléans“, einen Brief aus Amerika erhalten, den Brief eines achtzehnjährigen Jungen, der von Lafayette, Washington, Freiheit, Bürgertrotz und Bürgerstolz schrieb, so schön und dumm und heilig, wie das überhaupt nur ein achtzehnjähriger Junge zustande bringt. Der junge Quintus schrieb, daß die Regimenter der Lilie heimkehren würden; über ihren Häuptern aber würden unsichtbar feurige Zungen mitfahren, welche in Frankreich mit riesigem Loderbrande emporflammen müßten; große Flammenzungen, große Worte:
Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!
Große Worte? Freiheit, Gleichheit? — Da gedachte mein armer, sehnsüchtiger Großvater,daß da und dort in seiner Heimat dergleichen schon seit Jahrhunderten ohne große Worte zu Hause war ... in Appenzell etwa, von wo er gekommen war, um Ehre und Geld zu verdienen. Und er gedachte, daß man aus Amerika als gewaltig neue Sache die Menschensatzung wie eine Welterstaunlichkeit über das Meer bringen mußte, da sie doch zu Hause lange still und ganz vernünftlich ihr verständiges Blütchen getrieben hatte. Es könnten sie doch nur jene brauchen, denen sie eingewachsen war: stille Leute mit Schranken ringsum. Das große Menschengesetz ist weder Rausch noch großer Jubilo: es ist ein ehrlich kramendes Abwägen; es soll für die unendliche Menge sein, die Fleisch, Brot, Zimmer, Kammer und Küche, ein bißchen Sonne und ein bißchen Grünzeug, aber viel Arbeit braucht, damit die Mordbestie gut und tüchtig schlafe.
Warum diese Genies ihre Gesetze nur immer wieder für Genies machen?
In Appenzell zu Hause hatten sie schon lange das, wovon in Paris erst jetzt scheuheimlich geraunt wurde. Er dachte an seinebedächtigen Onkel, an ihre Kühe und Kälber, an ihre Felder und Alpen. Es ist doch der Menschheit naturangemessenes Paradies, meine liebe Schwyz, hatte der Sergeant gedacht — — — und, ganz in tiefen Gedanken verloren, den Kuhreihen gesungen.
Da war es aus und geschehen.
Denn die amerikanische Kunde hatte viel ärger in den Herzen gehauset, als mein braver Urgroßvater Primus — vorn Ehrlichkeit und hinten Zopf — sich geträumt, und wenn's nicht schlimmere Leute getan hätten, so hätte die Pariser weibliche Dienstbotenschaft allein schon ihre Liebschaft aus der Schweizer Kaserne verdorben. Die Dienstbotenschaft war ein gutes Teil der großen Hefe, durch welche die große Revolution gärte.
Die Disziplin hatte längst schon gelitten. Es waren Landsknechtsnaturen im Regiment und ein Dutzend davon fielen in das sehnsuchtsvolle Piano meines Urgroßvaters mit trotzigen Kräften ein, so daß der Kuhreihen weithin erscholl. Es hatte ihn schon seit Jahrzehnten keiner mehr gesungen und war also auch keinerbestraft worden. Nun aber war er ganz anders erklungen als ehedem. Nicht als der große Reißaus! Nicht als das allmächtige Heimweh! Nein, bloß als Trutzlied auf ein zopfiges Verbot. Sie jubelten und jauchzten den Kuhreihen, sie ahmten das Almhorn durch Nase und Kehle nach und hatten großen Jux: zehn oder zwölfe. Aber obgleich mein Großvater davongeschlichen war, als er sah, daß man ihm die Stimmung verdarb, und obgleich nur ein paar dumme Unterwaldner, Schwyzer und Appenzeller Kühbuben Heimweh davon bekamen und desertierten, — er war doch der erste gewesen und mußte als dreizehnter gelten. Man sperrte ihn ein; nach dem Gesetz war er dem Tode verfallen.
Nun war die Todesstrafe so ziemlich das einzige, was den entferntesten Untertan sogleich und direktement mit dem Könige verband — — ich weiß nicht recht, ob es heute nicht am Ende in euern Monarchien auch so ist?
Der König sollte das seltsame, veraltete, kriegsrechtliche Urteil bestätigen. Er war dick, behäbig und ehrlich und dachte bei einer dernachdenklichen Handlungen, welche zumlevergehörten, ernsthaft über das Schicksal meines Urgroßvaters Primus nach. Als ihm dabei der Marquis Massimel de la Réole de Courtroy glückselig lächelnd nahe kam, fragte er ihn ziemlich einsilbig: Was soll man nun mit diesem Primus machen? Hat eine alte Vieherei (bêtise) neu zur Mode gebracht ...
Der Marquis wußte gar nicht, worum es sich handelte, sagte also geistesschnell: Wollen Sire mir, da es sich um Modesachen handelt, gestatten, meine Frau zu befragen?
Der ganze Hof lachte und Seine bequeme Majestät lächelte; sie hatte Aufschub, daher war es ihr genehm und so wurde das Schicksal meines Urgroßvaters in die reizenden Hände der Marquise Blanchefleure gelegt, welche zur gleichen Zeit an der Morgenhaube Marie Antoinettes nestelten. Das Lever der entzückend leichtfertigen Königin begann eine ganze Stunde später, aber der Marquis wurde als Mann seiner Frau und Bote des Königs sogleich vorgelassen. Er hatte sich inzwischen überden Fall Primus Thaller orientiert und trug ihn den beiden Damen vor.
Madame Blanchefleure klatschte entzückt in die Hände. Ein Schweizer! Wie reizend! Ich erbitte ihn mir von der schönen Majestät Frankreichs, damit er mir auf meinem Gut in La Réole eine Alpe mit scheckigen Kühen herrichtet.
Die Königin lachte und sagte zu.
„Er wird echte Kuhglocken besorgen müssen und einen grauen Tuchrock mit roter Weste, blauen Strümpfen, Schäferhut und himmelblauen Bändern tragen müssen. Im Juni besucht unsere königliche Majestät unser Gut und da wird er uns auf einer reizenden Alpe, die wir inzwischen erbaut haben werden, den fatalen Kuhreihen zu aller Vergnügen vorsingen müssen. Nicht wahr, schöne Majestät?“
Wieder lachte die fröhliche, leichtsinnige Königin, stimmte zu und der König begnadigte meinen Urgroßvater mit aller Gravität, welche zu einer so erfreulichen Angelegenheit von Gerichts wegen gehört.
Dann hatte Herr Primus Audienz bei MadameBlanchefleure, um sich für Leben und Freiheit zu bedanken.
Zum Soldaten hatte er sich unbrauchbar erwiesen, der Verführer aus spießbürgerlicher Sehnsucht; er war ausgestoßen worden und kam schon in appenzellerisch angehauchtem Bürgerkleide mit rundem Hut zu ihr. Madame Blanchefleure hatte vor Neugierde und Aufregung über die Sensation kalte Hände und heiße Wangen bekommen. Als das erbärmlich schlichte, graue Ereignis in Gestalt des armen Jungen eingelassen wurde, stand ihr der Atem still. Sie hatte sich, weiß Gott was für einen Gewaltigen vorgestellt, einen Aufrührer und Verführer des Volkes, dem die Rede in Flammenströmen aus dem Munde fuhr, und nun kam ein Gesetzbuch bürgerlicher Rechte herein: brav, still und ehrlich, ein rechter: Gib mir das, so hast du das.
Ahnt Ihr aber, was ihm Madame Blanchefleure gab?
Als er eintrat und ihr treuherzig sagte: Es war schön von Ihnen, Gnädigste, daß Sieeinem wildfremden armen Kerl Ihr gutes Herz zuwandten, da betrachtete sie, indem an seiner Kleidung und Gestalt wenig Erstaunliches war, sein Antlitz: er hatte unsere grauen, scharfen Augen, ein schmales, ehrliches Gesicht, hohe Schläfen, Hagernase, und nur die Jugend vermochte etwas Weichheit über diese unbequeme Catohaftigkeit zu gießen. Vor allem aber hatte er jenes ruhige Zentrum der Welt mitten in sich, welches den rechten Mann nicht einmal mit neun Maß Wein schwanken läßt, — nicht einmal im Verliebtsein, nicht einmal im politischen Kampf gewaltiger Zeiten. Es ist wahr, er stand wie das Symbol der Sicherheit vor ihr auf beiden gespreizten Beinen zugleich. Alte Gewohnheit der Schweizer, vererbt durch vieles Raufen.
Sie aber sah sich dieses unendlich sichere Antlitz an und dachte bei sich: Ich werde ihn dazu bringen, von mir zu sagen:elle me fait troubler.
Das war der Standpunkt, von dem aus sie Männer behandelte.
„Aber hören Sie,“ begann sie verwundert.„Sie? Sie haben gesungen? Sie sehen doch ganz anders aus.“
„Ich kann auch nicht singen. Ich wollte mich nur bei Ihnen bedanken.“
„Wie haben Sie dann Ihrenranz de vachesingen können?“
„Das war nur so — von innen!“
„Aus Heimweh wohl?“
„Ich hatte nur daran gedacht, daß Appenzell besser sei als Paris.“
„Mein Gott, und Sie wollen fort von hier? Was haben wir Ihnen getan? Es ist kränkend. Wir, wir lieben die Schweizer, sie sind uns wie ein ehrlicher Spiegel, in dem wir uns sehen können, wie wir sind. O bitte, sagen Sie mir eine Grobheit!“
„Ich kann nicht. Ich kenne Sie nicht näher.“
„O, so kennen Sie auch Paris nicht näher. Wie ist das nur möglich, daß man Sie hier nicht geliebt hat? In Paris wird jedermann von irgend jemand geliebt. Sogar die Soldaten haben ihre Mädchen. Wie konnte es geschehen, daß unsere hübschen Kinder und nun gar unsere Frauen bei Ihnen noch nicht fürParis gebeten haben? Sie mußten doch einen Schatz haben? Oder mehrere? Zuviele wohl gar?“
Ach, mein guter Großvater hatte in Paris noch keinen Schatz, trotzdem, daß er Sergeant war. Er hatte sich immer eine mit recht lichtem Angesicht gewünscht und die gab es dort nicht; denn es mußte ein einziger Sonnenschein sein. Die Augen der Pariserinnen sind zwinkernde Sternlein bei Nacht über verstohlenen Gassenwinkeln; sie locken um die Ecke. Mein Urahn Primus ging immer geradeaus.
Das sagte er ihr; freilich in der viel besseren Sprache, die mein ehrlicher Urgroßvater sprach.
„Ja mein Gott,“ sagte Blanchefleure, „wie soll man's Ihnen recht machen? Ich hätte es vielleicht versucht, aber ich bin verheiratet.“
Da hob der arme Primus seine verwunderten grauen Augen empor, um sich einmal hinter all den erstaunlichen Dingen, Seide, Straußenfeder, Reifrock und dem vergoldeten Schnörkelstuhl das Frauenzimmer anzusehen, das dahinter steckte und also sprach. Und erschaute tief, ehrlich und ahnungslos in ein zärtliches, leuchtendes Gesichtlein voll ungetrübter Freude an der hübschen Opernszene, die es da hervorgeplaudert hatte.
Er wurde ganz traurig, daß sie schon verheiratet war. Denn sie war wirklich ein einziger Sonnenschein.
„Sagen Sie denn gar nichts?“ bat Blanchefleure.
„Krüzigts Herrgöttli,“ staunte der arme Primus. „Die hättets just mit mir versuchen wollen?“
„Wie?“ fragte sie belustigt.
Da sprach er wieder französisch. Sie möge keinen Spaß mit einem armen Teufel machen.
„Aber nein,“ lachte sie. „Ich habe nur sagen wollen, daß es ein rechtes Unglück mit uns beiden ist. Denken Sie sich, ich habe auch noch keinen Geliebten und bin ganz so verlassen wie Sie.“
„Aber Sie haben doch den lustigen Marquis?“
„An den bin ich verheiratet worden,“ weinte sie beinahe, so sehr glaubte sie selbst an ihr Unglück. „Ahnen Sie denn, Sie aus derSchweiz, wo jeder nach dem Herzen wählen kann, was es heißt, als savoyische Prinzessin mühsam, aber genau nach Taxwert losgeschlagen zu werden?“
„Ei, ja;“ meinte Primus Thaller. „Bei uns in Appenzell gibt kein Bauer von fünfzig Kühen seine Dirn einem schlechtern. Das ist Notwehr der Familie.“
„Gegen wen denn?“
„Gegens Armwerden.“
„Sie sind wohl sehr arm?“
„Ich wäre sonst nicht zu den Soldaten gelaufen.“
Das war der Augenblick, wo das Marquiselein die Bitte vorbrachte, Herr Primus möge ihr die Stallwirtschaft in La Réole nach Appenzeller Muster einrichten.
Mein Großvater drehte den runden Hut in den Händen und kämpfte den schwersten Kampf seines Lebens. Sein wackeres Schweizergemüt lag ganz und gar in der Frage, wieviel Lohn er bekommen sollte. Zweimal setzte er an, schaute in das Sonnengesichtlein und brachte die Geldfrage, die einzig ehrliche in derWelt, nicht über die Lippen. Rundweg sagte er zu.
Sogar die Schweizer Rechenkunst hatte er in dieser süßen Audienz verlernt.
Er war in einer Viertelstunde verdorben worden, zu Paris, am 1. Mai des Jahres 1789.
Es war ein Glück, daß er niemals nach La Réole kam. Dort wäre eine stille Tragödie über ihn hinweggeschritten, an der niemand Freude gehabt hätte, als Madame Blanchefleure.
Die abscheulich große Revolution verhinderte Madames reizenden kleinen Plan.
Herr Marquis Massimel de la Réole de Courtroy genoß die chevalereske Ehre, daß ihm unmittelbar nach Seiner bequemen Majestät der Kopf abgeschlagen wurde, welcher Umstand ihn trotz aller Zweifel der Spötter das Leben kostete, — womit ein tiefer Beweis für die Gleichheit aller Menschen erbracht war —: und das wollte die Revolution.
Madame Blanchefleure wurde trotz der süßesten Tränen mit hundert Freunden undFreundinnen des goldenen Gnadenbrunnens von Versailles zur Untersuchungshaft in die Keller des Temple eingeschlossen, wo außer unglaublich zahlreicher Adelsgesellschaft das erfolgreichste geistige Frankreich versammelt war: Professoren, Akademiker, Modemaler und entzückende Dichter. Das erlesenste Frankreich. Ein Heer von guter Geburt, von Karriere, gefährlicher Herrschaftskunde, aber auch (wenn die Revolution Augen für so etwas gehabt hätte) eine Versammlung fast sämtlichen in Frankreich zurzeit aufbringbaren Geistes, von Grazie, Lebensart, feiner Liebenswürdigkeit und göttlicher Lebensüberlegenheit.
Es war ein leuchtender Sieg über den Nationalkonvent, wie man sich hier unterhielt und wie man sterben ging. Da war Madame Blanchefleure nun zu Hause wie ein Schmetterling, den man bloß aus kalter Wintersnot ins Gewächshaus gebracht hätte. Sie war der Stolz, die Erhebung und das Entzücken der gesamten Adelswelt, welche hier das Unglaubliche zuwege brachte, mit graziöser Heiterkeit mutig zu sein, — was sonst wenigen gelingt.Der Todesmut verwandelt den gewöhnlichen Menschen immer gleich in eine Tragödienfigur. Jene feinst konstruierten Leute aller Zeiten aber blieben beim geliebten Lustspiel. Sie starben stilgerecht,en rococo, wie sie gelebt.
Und nun mein Urahn Primus Thaller!
Der hatte seit jenem 1. Mai die kleine Blanchefleure mit ihrem besonnten Blumenantlitz nicht vergessen können. Zuerst dachte er, es sei Dankbarkeit und trug ihr Bild in sich herum, wie ein selbstübertäuschter Mönch jenes der Himmelsjungfrau.
Die Revolution fegte mit dem impertinent heiteren Versailles und dem Großadelsbesitz jede Hoffnung hinweg, in La Réole Milchmaier zu werden; aber sie erinnerte sich des guten Bürgers Primus Thaller, der beinahe den Tod durch die königlichen Kriegsartikel erlitten hätte. So wurde er Offizier; Kapitän vom Fleck weg. Er kam in ein Regiment, dessen gesamtes adeliges Korps zerstoben war und in dem an den Offiziersstellen Branntweinschänker, Laufburschen oder sonst welche Gamins, kurz die ganzen talentierten Nichtsnutzigkeitenfestsaßen, welche, durch die Revolution emporgewühlt, die großen Siege der Republik erfochten.
Es behagte ihm nicht sehr, aber er verzehrte seine Gage und das gefiel ihm. Immer aber gedachte er: wo mag die kleine Blanchefleure sein?
Da erfuhr er, daß man ihren Herrn Marquis-Gemahl geköpft habe und daß die kleine Witwe im Temple vielleicht gar auf ein ähnliches Ende warte.
Ach, ging da ein Frühlingsausbruch von Freiheiten in seiner Brust empor! Gleich wußte er jetzt, daß er verliebt war. Jetzt ist sie Wittib, jetzt ist sie ärmer als eine Appenzeller Kuhdirn, jetzt kannst du sie heiraten. Diese Logik stieß sich so überraschend in ihm empor, wie ein Maulwurfshaufen in beruhigt summender Wiese.
Sein Bruder vom ehemaligen Regiment Prince d'Orléans hatte Wache im Temple; zu dem lief er hin. „Du Quinteli! Ist bei euch nicht ein junges Frauenzimmer eingesperrt, mit einem geblümten Seidenrock, sobreit wie ein Imblikorb, und drei Straußfedern in den Haaren?“
„Nein,“ sagte der Leutnant Quintus, früher Tambour. „So welche haben wir nicht, sie müßte das Röckli am End ausgezogen haben. Wie heißt sie denn?“
Da sagte Primus den Namen und Quintus ärgerte sich. „Dieselbe kenn ich gar wohl“, schimpfte er. „Ein mudelsauberes Frauenzimmer, die mir neulich gesagt hätt', die Amerikaner verstünden nichts von unseren Feinheiten, und wie ich ihr unter das Kinn habe greifen wollen und gemeint habe, wir verstünden doch ein bißchen davon, hat sie gesagt: Der Mensch hat Augen, um sich zu freuen; selbst der Hund hat noch seine Nase, ich sei noch viel weiter dahinter: ein grauslicher Schneck, wenn ich überall nur gleich hintasten müsse, um was Hübsches zu begreifen. Aus Amerika käme nichts Feines.“
Eben wurde ein Herr Vicque d'Azyr in den Temple gebracht. Ganz nachdenklich hatte er sich von den Soldaten bis hierher führen lassen, jetzt hörte er das Gespräch derbeiden Brüder und sagte: „Das war richtig und geht noch tiefer. Man kann herzlich diese französische Revolution verachten, aber vor der amerikanischen, vernünftigen Bürgerkälte darf man Angst haben. Ein feiner Instinkt könnte prophezeien, meine Herren: Die Kultur Europas stirbt soeben an der Vernunft der Vereinigten Staaten. Wir werden seit eurer mißglückten Nachahmung eine geistige Kolonie Amerikas sein; nicht viel besser, als Griechenland seit Mummius dem unfeinen Rom gehörte. Unsere Künstler werden wie jene alten nur mehr zerbrochene, sehnsüchtige Flügel regen, aber nichts wird ihnen mehr glücken. Die Amerikaner aber werden mit heiliger Scheu die Ruinen unserer Kultur besuchen, die viel zu fein für sie ist.
Europa war zum letzten Male originell vor dem Mai 1789.“
So sagte er und dann stießen die Soldaten Herrn Vicque d'Azyr vorwärts. „Ich gehe schon ohne Hausknechtwink, meine Freunde,“ sagte er mild und verschwand in dem Keller des Temple.
„Was meint der Narr?“ fragte Quintus.
Primus grübelte, begriff aber auch nichts Rechtes. Dann bat er den Bruder, ihm Zwiesprach mit der kleinen Bürgerin Witwe Massimel zu verschaffen.
„Du kannst hinuntergehen und sie im Keller besuchen,“ lachte Quintus. „Herauslassen darf ich niemand.“ Und Primus Thaller stieg zu den Gewölben hinab; die Wachen ließen ihn in den großen, feuchten Saal, in dem sich nur Kröten und Kellerasseln wohl zu fühlen vermocht hätten.
Er aber stand in Staunen gebannt, denn alle Phantasie ward aufs Haupt geschlagen bei dem, was hier geschah.
Eine ganz geheime, leise Musik von Violine, Flöte, Kniegeige und Baß schmeichelte sich an den schimmelfeuchten Wölbungen empor wie ein Kätzlein an seidenen Kleidern. Man spielte auf eingeschmuggelten Instrumenten! Die Violine hatte Herr Miradoux, erster Geiger des königlichen Opernhauses, die Flöte der Vicomte Chantigny, dessen Atem so viel Wunder zaubern konnte wie der Hauch desWestwindes. Mit der Bratsche war der Straßburger Domherr Avenarius verwachsen und den Kontrabaß spielte mit nachdenklicher Grundgriffigkeit der berühmte Abbé Mervioli aus Florenz. Silberne Bestechung vermochte selbst in den Zeiten der Republik goldenen Wohllaut in die Keller des Temple zu bringen.
Mozarts kleine Nachtmusik!!
Sie wirkte Wunder, hier in dämmerndem Dunkel ..... Die alten Schloßbrunnen quollen und schluchzten in der Fliedernacht, die Paläste standen in alter, reicher Pracht und lauschten gnädig auf den liebenswürdigen Einfall des Salzburger Herrn Musikus. Die alte, stolze Zeit war hier versammelt, neu hervorgezaubert trotz Carmagnole und Marseillaise.
Rundum saßen Herren in Seidenstrümpfen und Damen mit Spitzentüchern, elegant in all der entsetzlichen Notdurft dessen, was man ihnen, den gefangenen Opfern der Volksrache, gelassen hatte. Knie über Knie geschlagen die Herren, graziöse Köpfchen in schlanke Hände gelegt die Damen, eine einzige große Erlauchtheit.
Und darüber hin schmeichelte wie Weihrauchwolken Wolfgang Amadés wundervolle Grazie.
Es kommt gegen das Ende des Allegro eine Stelle ganz unvermittelt, lieblicher als aller bisheriger Fluß süßer Melodie, ganz wider Schule und Hergang, als dächte plötzlich einer der Spieler an ein leises Zofenhändchen, das ihm hinterrücks neckisch zärtelnd über die Wange streichelte. Als diese Stelle kam, hörte Herr Primus hinter sich ein wohlgefällig leises: Ah!
Er drehte sich um — Blanchefleure. Sie hatte ihn erkannt, hob aber sachte die Hand, nicht zu stören. Bald danach war der Satz zu Ende und während die Herren und Damen vom Adel entzückt zu den Spielern traten, reichte Herr Kapitän Thaller der armen, reizend blassen Blanchefleure seine ehrlichen Hände, um ihr seinen Antrag zu machen.
Sie hörte ihn mit hochgezogenen erstaunten Augenbrauen an, als er begann: „Sie sind jetzt Witwe und arm wie eine Appenzeller Kuhdirn, Gott sei Dank.“
„Oh!“ zweifelte sie: „Ah?“
„In jetziger Zeit aber sind wir Soldaten alles. Die Revolution glaubt den Offizier zu vernichten und macht ihn zum Herrgott. Unsereins krabbelt es in den Händen, so stark sind wir jetzt! Ich werde Sie also aus dem Höhlenloch herausholen: wie, das werden Quintus und ich schon zuwege bringen.“
„Warten Sie,“ sagte Blanchefleure, „da kommt eine Menuett.“
Wirklich begannen die vier Musikanten einen jener reizenden Tänze der eleganten Zeit zu spielen, bei dem man sich mit Augen und Fingerspitzen Dinge sagte, für die sich der plebejisch umschlingende Walzer keinen Rat weiß. Und die ganz leichtsinnigen von den Herren und Damen ordneten sich zum Antritt.
„Es ist vielleicht die letzte Menuett,“ entschuldigte Blanchefleure mit reizendem Lächeln; „und ich würde es sehr beklagen, sie nicht getanzt zu haben: — mit Ihnen, Herr Kapitän,“ fügte sie herzbezwingend hinzu, als der arme Junge tiefbetrübt zurücktrat, und sie nahm ihn bei der Hand. „Scheuen Sie sich doch nicht,“fuhr sie fort. „Wir haben doch Egalité, Fraternité. Was, Sie glauben auch nicht recht daran? Immerhin; ich tanze gern mit Ihnen.“
Und der süße, schwermütig kokette Tanz des todesnahen Leichtsinns begann. Kein Totentanz war so wie der. So voll leichtfertiger Absage an das Ende. Es war die Melodie der Menuett aus dem Don Giovanni und sie spielte wie diese kurz vor dem ersten Zuschlagen des Schicksals; übermütig frivol und graziös wie diese.
Im Annähern fuhr Primus Thaller mit seiner ehrlich heißen Werbung fort. „Ich habe Sie lieb wie keine andere und Sie sollen meine Frau sein.“
Das neckische Zurückweichen des Tanzes der Koketterie führte Blanchefleure von ihm weg. Ihre Augen lachten, aber sie sagte: „Was Ihnen nicht einfällt. Sie sind geschmacklos, mein Freund.“
Wieder schwemmten sie die weichen Wogen des Tanzrhythmus zu ihm; ihre Hände umschlangen sich. „Mein Geliebter wären Sie vielleicht worden, dort unten in La Réole,wo die Herdenglocken süße, befreite Natur predigen. Ich hatte immer meine Saison der Naturrückkehr.“
Und sie neigte sich zurück und schritt im neckenden Taktschritt davon, während das Herz des armen Primus in Flammen tobte, gebändigt vom Tanzgesetz, von der allgemeinen Grazie, innerlich aber unbändig, als ob die ganze Revolution in ihm gefesselt läge und gefoppt würde. Und wieder kam sie zurück: „Aber Madame Thaller zu werden — mein lieber, ehrlicher Freund aus Appenzell! Was denken Sie? Man könnte Sie küssen für so viel Naivetät! Ach, daß wir nicht mehr in La Réole unsere Komödie haben durften. Welche Bêtise! Nun müssen wir sogar auf den Kuß verzichten! Außer Sie wollten mit einem Handkuß vorlieb nehmen?“
Es kam nun die Stelle in der Menuett, da auf dem Theater der Wehschrei Zerlinens den süßen Leichtsinn zerreißt. Und obwohl die galanten Herren Miradoux, Vicomte Chantigny, Avenarius und Abbé Mervioli die Noten für eine kleine ununterbrochene Rückkehrzu einem fröhlichen Dacapo überarbeitet hatten, gebot doch das Schicksal den Originalsatz. Die Tür wurde aufgerissen und eine arge Branntweinstimme zerriß das Blumengewinde eines kurzen Traumes.
„Ihr da, Bürger und Bürgerinnen! Ruhe im Namen der Republik!“
Der Reigen erstarrte zu Eis, hinhorchten Herren und Damen, denn jene Unterbrechung kannten sie. Es war die alltägliche Verlesung der Namen jener, welche vor Gericht geladen waren, um — recht oft — verurteilt zu werden. Aus dem Temple ging der Weg besonders leicht in die Sackgasse mit dem einzigen Fenster nach der Ewigkeit, dem Loch der Guillotine.
Diesmal wurde auch der Name der kleinen Bürgerin Massimel verlesen. „Hier,“ rief sie, aber sie war erbleicht.
„Denken Sie jetzt an meinen Antrag?“ fragte Primus Thaller, angstvoll hinter sie tretend.
Die arme, blasse Blanchefleure sah ihn mit ihren erschrockenen Augen an, über denen verwunderte Augenbrauen standen. „Ach Gott,mein Freund,“ sagte sie kläglich. „Ihre Republikaner lassen einem nicht einmal sein bißchen Tanzfreude. Dort in der Ecke steht meine kleine Zofe, die sich mit mir einsperren hat lassen. Zénobe! Du darfst mit diesem Herrn weitertanzen. Bitte, entschuldigen Sie mich wegen dieser fatalen Verhinderung und nehmen Sie mit ihr vorlieb; sie ist ein reizendes Kind.
Adieu, mein Freund!“
Und Herr Miradoux, der Unverbesserliche desancien régime, begann von neuem auf der Geige die Schmeichelweise Mozarts zu streichen, ganz piano ....., leise lachend ordneten sich etliche Paare, wie früher. Aber die kleine Zénobe wagte nicht, mit anzutreten. Sie weinte vor Schreck und meinem Großvater war es gar nicht um den Tanz mit der Zofe. Er drehte ihnen allen, schwerblütig fortwandelnd, den Rücken.
Das war die denkwürdige Menuett gewesen, die der bürgerliche Kapitän Primus Thaller in einer Reihe mit einem hochansehnlichen Adel getanzt hatte.
Es war die letzte Menuett des Rokoko gewesen, mitten in ihrer graziösen Süßigkeit zerrissen durch den Ruf des Jakobinertribunals. In eigenartig gemischter Betrübtheit stieg Herr Kapitän Primus wieder in den Tag hinauf und auch die kleine Blanchefleure verließ ihr Gefängnis, um vor Gericht zu treten.
Dessen Barriere glich einem Branntweinschanktisch. Vier oder fünf unordentliche Rohlinge lauerten dort, schmutzig und bösartig wie gesträubte Bauernhunde.
„Bürgerin Blanchefleure Massimel? Witwe?“ knurrte sie einer an.
„Da Sie es so wünschen — — —“
„Vom ehemaligen Hofstaat der Bürgerin Antoinette Capet?“
„Wessen? Der Königin, wollen Sie sagen?“
„Ach, so? Notieren Sie das genau, Bürger Pouprac! Königin sagte sie.“
„Ich denke, das genügt schon,“ murrte Pouprac gleichmütig. Dann aber sah er boshaft auf. „Warum lächeln Sie, Bürgerin? Sie beleidigen das Gericht damit! Warum lächeln Sie?“
„Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!“ platzte die arme Blanchefleure tiefrot im ganzen Antlitz hervor. „Wenn man solche Pantalons anhat wie Sie!“ Und sie drückte die Hände vors Gesicht und lachte wie ein dummer Backfisch.
Pouprac warf einen Blick auf seine Hosen aus blau-weiß-rotgestreiftem Kattun, auf diese stolze Flagge und Schaustellung seiner republikanischen Gesinnung. Dann sprang er wütend auf seine beiden nationalgetigerten Beine: „Sie sind des Todes schuldig, Bürgerin Massimel,“ brüllte er. „Des Todes wegen Beleidigung der französischen Nationalfahne!“
Da zog die kleine Marquise die Hände von ihrem Antlitz und sah ihn an, hohe, erstaunte, drollige Augenbrauen, gerümpfte Nase: „Sie, Sie wollen mich richten! Waschen Sie sich und ziehen Sie Strümpfe an, bevor Sie mich nur bedienen wollen!“
Und sie ging. Sie hatte sich auf das Schafott gelacht.
Mein Großvater hörte nur noch von ihr, wie sie nicht zulassen wollte, daß man ihr dieHaare abschneide. „Meinen Sie,“ hatte sie den Gerichtsbeamten gefragt, „daß das unbedingt nötig ist? Der Mann auf dem Gerüst kann sie gebrauchen, um das Haupt daran in die Höhe zu heben: — nachher; wie das so eine Ihrer Gewohnheiten sein soll.“
Und als der Sansculotte mit grober Kürze darauf bestand, hatte sie die lieblichen Schultern gezuckt: „Meinetwegen. Ich wußte schon, als Sie kamen, mich zu köpfen, daß Sie keinen ästhetischen Sinn haben. Und ich habe recht behalten.“
Nach diesen letzten, befreit geistigen Worten starb sie aber dennoch als armes, zitterndes Weib.
Sie starben und alle, die um sie hätten weinen können, waren tot oder hatten an das eigene Sterben zu denken. So verstand keine Seele, was mit der schönen Blanchefleure zu Ende gegangen war, die ihr Lebelang recht behalten hatte.
Auch mein armer Großvater hat sie nie verstanden.
Nur ich, nur ich! Ich verstehe sie, der ichihr Bild erst vom Trödler loskaufen mußte, wie zur Rache des Nachgebornen an der, die durchaus nicht seine Urgroßmutter werden wollte.
Gut, daß sie es nicht wurde. Sie ist dabei jung geblieben, ewig jung und begehrenswert.
Und ich darf sie lieben, wie der ehrliche Primus Thaller sie liebte, nur besser noch: Verständiger, luxuriöser.
Sie hatte in allem recht und ich sehne mich nach ihr ...