Vom sterbendenRokoko

Anmerkungen zur TranskriptionDas Deckblatt ist vom Einband des Originals übernommen.Offensichtliche typografische und Fehler bei der Zeichensetzung sind stillschweigend bereinigt.

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Rudolf Hans Bartsch

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Umschlag und BuchschmuckvonAlfred Keller

Sechstes bis achtes Tausend

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LeipzigVerlag von L. Staackmann1909

Alle Rechte vorbehalten.

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Druck von C. Grumbach in Leipzig.

Druck von C. Grumbach in Leipzig.

Inhaltsverzeichnis.SeiteDie Schauer im Don Giovanni7Der frivole Vaudreuil29Der Liebestrank65Die kleine Blanchefleure113Madame Dorette und die Natur149Der Salon der Frau von Vermillon,oder: Das Register213

Inhaltsverzeichnis.

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Es war einmal ein rasiges, wiesenhaftes Wien.

Um die Stadt hielten sich die grünen Basteien an den Händen: gar kein eherner Reifen. Nein, wie ein Ringelreihen lachender Mädchen. Bocksbart, violetter Salbei und sonnenfarbiger Löwenzahn wuchsen sorglos, das Gras wehte jedem Wind zuliebe, ganz so wie das große Kindervolk in jener Stadt, und ein hellgraublauer Invalidenfeldwebel hütete die kleine Halmbrut vor den zahllosen Kindern, welche mit eben dieser Zahllosigkeit schuld wurden, daß später graue Steine über die liebliche Rasensanftheit wuchsen.

Die Vorstädte lagen ringsum auf Wiesenhügeln oder in Bachsenkungen. Und die Wiesewar Königin der Gegend. Unverwüstlich brach sie selbst mitten in den heutigen inneren Bezirken aus der Erde, und alle Gassen waren rasig, weil das jubelnde Grün sogar zwischen den Pflastersteinen übermütig herauslachte. Die Natur neckte sich noch mit der Stadt; es war eine Kinderei ohnegleichen, und rechte Kinder des weinsonnigen Landes hatten auch diese Stadt gebaut.

Nicht hoch hinaus. Auf Zins und Miete wohnten damals so wenig Leute, daß in der Vorstadt ein zweites Stockwerk schon als protzig galt. Dazu vermochten diese hell lebendigen Menschen die Infamie der Baulinie noch nicht zu erfinden. Die Häuschen lagen wie aus dem Ärmel des lieben Gottes geschüttelt: Die einen über Eck, andere scheu in die Gartenferne zurückweichend; da und dort griff ein weingetreues Wirtshaus hedarufend mitten in den Fahrweg und zog die Langfront der Giebelstellung vor, weil Fuhrleute Raum haben wollen. Und in den Straßen lag die Sonne, und in den Straßen lag die Ruhe und die Bedächtigkeit. Der breite, volle Spruch: „Heute bin ich, unddas Morgen hat Zeit“. In unseren Tagen ist es eine Kostbarkeit, wenn der Sonnenstrahl bis auf den Straßengrund gelangt, eine Erstaunlichkeit, wenn sich dort ein Hund im warmen Scheine blinzelnd streckt, und ein Märchen, wenn ein Kätzlein die beneidenswerte Himmelsgnade auf seinen faulen Pelz brennen läßt. So ein Kater, der sich sonnt, ist wie ein Symbol der guten alten Zeit.

Damals war die Stadt eine Versammlung heimtrauter Anwesen, und über die Häuser hinweg grüßten sich winkend die Bäume der Nachbargärten. An der Mauer hing reichlich die Rebe, die wunderkräftige Rebe, welche eines ganzen Volkes Charakter bestimmen kann.

Damals war die Vorstadt Sommerfrische. Die beweglichen, reisegewohnten Künstler sogar, die leichtlebigsten Naturkinder, welche sich für eine Reise in den grünrauschenden Sommer Schulden aufzuladen vermochten, zogen hier nicht weiter als bis in die Vorstadt. Meister Wolfgang Amadé sogar, der nur zwei Werte kannte, den Tag und die Ewigkeit, der dasMorgen mitsamt seinen Reimen Borgen und Sorgen auslachte, dem war es genug, wenn er für den Sommer in Vorstadt oder Vorort ein vom Rauschen der Bäume ummusiziertes Gartenhäuschen hatte.

Dort schrieb er dann Sachen, über welche das Herz der ganzen Welt hüpfte und lachte. Das wiesenreiche Wien schaute ihm dabei über die Schulter. Jetzt im Herbst nahm er Abschied von der Wiese. Wenn er wiederkam, lag Allerheiligenreif darüber. Es war schon hoher Oktober, und er mußte nach Prag zu dem Volke, das fast besser zu singen und zu klingen verstand als die Wiener, um ihnen dort seinen Don Giovanni vorzustellen.

Wolfgang Amadé ging mit seinem Freunde, dem Geheimschreiber Gilovsky, der von Paris gekommen war, über die Rasenhügel der Türkenschanze; Wolfgang Amadé im schönsten Staatsfrack, der auf Kredit zu haben war, in Strümpfen und Schnallenschuhen, Gilovsky in der Werthertracht. Blauer Frack, gelbe Weste, Stiefel mit Stulpen. Ein wilder Junge, dem die Haare wie Flammen auseinanderstanden; und seine Augen flackerten wie Lichter im Winde.

In der Ferne brannten die roten Buchenwälder des Kahlenberges.

„Der eine kommt, der andere geht,“ lachte Mozart, dem es wohltat, Plattheiten zu reden, wenn in seiner Seele der Aufruhr der Klänge wühlte. „Was gibt's Neues in Paris, Bruderherz?“

„Schwerwuchtig Neues,“ sagte Gilovsky. „Es rührt sich eine andere Welt, um zu entstehen. Die Franzosen werden ein anderes, eisernes Zeitalter schaffen.“

„Die Franzosen? Ach Gott nein. Das sind bloß Österreicher mit einer hübscher gefältelten Sprache. Ich glaube, die verklärten Seelen der Wiener kommen in Paris wieder auf die Welt.“

„Nimm das nicht so leicht, Wolfgang. Was hast du von Paris gesehen? Die Pompadour, Straußenschweif und Reiherbusch, Brokat und Parkett.“

„Und du?“

„Ich war anderswo. Bei den Winkelzeitungen,wo junge Bürgerliche, glühend wie unterirdisches Feuer, für hundert Franken im Monat um zehntausend Franken Genie verbrennen. Wo über den Freiheitskrieg in Nordamerika gewispert wird, daß sich ihn Frankreich auf den eigenen Schiffen, in den eigenen Regimentern importieren wird. Gib acht, Wolfgang Amadé, — ein Volk, in dem die ersten Siedebläschen steigen.“

Mozart blieb stehen und schaute zu Boden. Die Musik in ihm schwieg. Nachhallend nur fielen ringsum von den goldenen Bäumen flüsternde Blätter. Wie verrieselnde Noten eines Scherzo, welches zu Ende ging.

Der junge, wilde Gilovsky in seiner Werthertracht aber zog ihn mit sich: „Hörst du, sie hassen dort das helle, frohe Genießen, und ich, Wolfgang Amadé, ich hasse es auch. Denn ich bin einer von der neuen Welt, das habe ich dort erfahren. Dort sind die Gassen eng, die Häuser hoch. Dort brütet in Staub und Brodem der Stank der Sonnenlosigkeit. Dort hockt die hohlwangige, skrofelfeuchte Wohnungsnot, das Elend der Masse, dermaschinenstarke Druck der Industrie über jeder Brust. Hier in Wien gibt es das noch nicht, was sie in London Mob, in Paris Pöbel nennen. Hier hat der unterste Stand seinen Stolz und der Stolz seinen Grundbesitz. Dort aber hat ein böser Übermut den Menschen zur Schachtelware gemacht. Gedrängt sitzt dort das blaßwangige Elend, — aber Wolfgang: es jammert nicht. Es brütet. Und das ist schön, — schön! Hier singt und leuchtet die Welt noch. Wien ist eine große Wiese, voll Grillen und Heupferdchen, die alle im schläfrigen Sonnenschein musizieren. Dort aber ist der Groll, das Stöhnen, der Seufzer, die Sehnsucht. Dort erlebst du das Wunder, daß Flammen aus dem Sumpfe steigen; die Flammen des Irrlichtes. Es ist schön, wunderschön, geheimnisvoll schön!“

Wolfgang Amadé fieberte leise. In ihm hatte stets wie hinter einem Vorhang ein kleiner, dunkler Raum gelegen, in dem Ähnliches träumte. Nun fingen dort seltsame Stimmen zu rufen an, die ihn mit Angst schüttelten. Stimmen, welche für seine Sonnenwelt dasJenseits bedeuteten. Sie hatten schon vor Jahren aufgeschrien, als Graf Arco ihn wie einen Halunken aus den Diensten des Erzbischofs gestoßen hatte, und hatten von da ab stets einen leisen Unterton gesungen, wenn übermütige Adelige ihn begönnerten. Aber er liebte so sehr das Lachen, die bunten, schönen Kleider, die reichen, königlich frisierten Frauen, den Champagner und den Luxus, daß diese Stimmen selten sangen. Nur dann und wann schwang sich unendliche Wehmut wohllautvoll wie ein sterbender Schwan über die Welt seiner Melodien empor. Es war das österreichische Juchzen, von dem niemand sagen kann, ob es Lust bedeutet oder Weh, denn trunkene Arbeiter und Rekruten können es am besten.

Auch der kleinen Zofe Despinetta, so übermütig sie ist, hat er solche sehnsüchtige Töne gegeben, die wie geängstigte Lerchen über die abendlich verdunkelte Welt in das Sonnenreich hinaus wollen.

„Bruder Wolfgang,“ mahnte Gilovsky, „hast du nicht einen Geheimverein gründen wollen, mit dem Namen ‚Die Grotte’? Einen Verein,in dem der Ernst des Lebens wie ein unterirdisches Wasser unter den Wiesenflächen der Sonne raunt und murmelt? Ich wüßte dir Mitglieder — — — —“

„Da muß ich dir gestehen,“ sagte Mozart, „daß wohl im Grunde meines Wesens der Widersacher stets eine Unterstimme hat. Aber der Gedanke mit der Grotte entstand nur aus der Angst, die unsereins, vom Menschenvolk, hat, sich nicht bestätigt und bekräftigt zu fühlen. Siehst du, lieber Gilovsky, man wünscht sich Mitschuldige. Aber freilich, wenn man dann einen sieht und hört, dann erschrickt man vor ihm und vor sich selber.“ — Und er lächelte: „Ich werde allein bleiben in meiner Grotte.“

„Das ist,“ rief Gilovsky unwillig, „weil du für nichts anderes ein Herz hast, als für deine Noten!“

Und er sprach weiter von London und Paris und wiederholte, daß ihm die düsteren Gassen, die Unzufriedenheit als Seele aller Menschengröße tausendmal geliebter sei als allesTe Deum laudamus.

Mozart aber, das Kind, in welchem das Jasonst lebendiger war als das Nein, schwieg mit bangem Herzen. Denn zwei gleich starke Mächte standen vor ihm und schauten ihn aus großen Augen an.

Er versuchte unter diesem Blicke abzulenken und spähte in die Ferne, wo, in den Buchenwäldern des Kahlenberges, des Todes festlich rot und gelbe Fahnen wehten; darüber lächelte der begütigt blaue Himmel. —

Wieder die beiden Mächte. Sie standen vor ihm und schauten ihn an.

Da schüttelte der geplagte Wolfgang Amadé die gepuderten Locken, daß der Zopf die Schultern schlug und ein leises Reismehlwölkchen im Herbsthauch davonflog. Er schüttelte sich wie ein Rößlein, das Bremsen verjagen möchte.

„Ein Glas Wein, Bruder,“ rief er dann. „Lassen wir jedem das Seine und vereinigen wir uns. Ich will vergessen, dumußtes. Ein Glas Wein, hier, vor diesem Häuschen? Wie schön winkt es uns zu!“

Gilovsky schüttelte den Kopf: „Du Leichtsinn! Du Leichtsinn!“

Sie blieben vor der kleinen Heurigenschenke stehen. Das letzte Häuschen von Währing. Eigentlich zwei aneinandergebaute; sie standen unter einem Dache. Links eine Wirtshaustür mit dem Föhrenzweigbüschel, des Herrgotts Zeigefinger, daß hier heuriger Wein zu haben sei. Zwei laubüberfallene Tische im Freien, eine vormittagstille Wirtsstube. Rechts eine Gärtnerei, und des Hauses ganze Hälfte überhangen mit Kränzen für Allerheiligen. Tiefblutviolette Blattkränze oder welschkorngelbe Reifchen, in denen mit schwarzen Samenkörnern eingefügt stand: Ruhe sanft. Die Astern, die Enterbten des Sommers, hatten hier ihren Beruf gefunden, und was sonst noch von der kinderfroh stehenden Schar der Blumen den Herbst überdauert hatte, alles war hier als Trödelkram des Totenfestes in Kränzen zusammengeschnürt.

Abermals standen vor ihnen die beiden gleichstarken Mächte und schauten sie aus großen Augen an.

Wolfgang Amadé wehrte sich nicht mehr. Still und ergriffen trank er seinen Wein undsah die Allerseelenkränze an. Und Gilovsky saß neben ihm, — Ossians Gesänge und die Leitartikel der Pariser Winkelzeitungen wildbunt in einem Herzen zusammengepreßt.

„Wird dein blaßwangiges Elend voll Druck und Haß jemals bis in diese Einsamkeit der Blumen und Reben heraufgreifen?“ fragte Mozart.

„Die neue Zeit wird ihre Hand auch um diese Vergessenheiten schließen. Es wird eine Welt kommen, in welcher selbst die Armut Geist und Seele haben wird.“

„Ich sehne mich,“ sagte Mozart, „mit zerspringendem Herzen nach jenen, welche sich in dieser neuen Zeit nach mir sehnen werden!“

Dann trank er rasch und viel von dem neuen Weine, der ihnen vorgesetzt worden war, und sprach den ganzen Tag kein vernünftiges Wort mehr.

Gilovsky trennte sich bald von ihm. 's ist ein Musikant, dachte er im Fortschreiten; die Harmonie ist ihm wichtig und die endliche Auflösung in Reinheit und Einheit notwendig. Niemalswird er den Sturm, die Zerstörung und den Haß erkennen, welche viel notwendiger sind.

Mozart fuhr nach Prag, um seinen Don Giovanni zu vollenden, Gilovsky aber suchte in Wien die Freunde, welche ihm helfen sollten, die neue Zeit mit dem Sturm, der Zerstörung und dem Haß auch im wiesenhaften Wien zu gestalten.

Er wurde, zur Zeit der Revolution, Jakobiner und begann mit einem Dutzend Menschen, welche unter Millionen von Österreichern allein dachten wie er, jene Verschwörung, welche mit Kräften, die kaum hingereicht hätten, den Bürgermeister einer Kleinstadt zu stürzen, den Thron der Habsburger untergraben wollte.

Der Verhaftung hat er sich dann durch einen Pistolenschuß ins eigene Herz entzogen. Er starb im Wertherstil, den er so sehr geliebt hatte.

Alles, was von diesem wilden Herzen übrigblieb, sollten die ahnungsvollen Schauer sein,die er an jenem Herbsttage in Mozarts Seele zum Tönen gebracht.

Wolfgang Amadé aber schien sie bereits vergessen zu haben. Denn vor Prag hatte Freund Duschek einen sonnenluftigen Weingarten. Dort wohnte Wolfgang Amadé, schob Kegel und hatte dabei Herz und Kopf voll Wohllaut.

Alles war zum Don Giovanni fertig. Die süßen Schmeicheleien Zerlinens und die Weltfreude seines Helden, — sogar der Bauernbursch; und einzig noch fehlten der tote Komtur und die Ouvertüre. War es ihm denn unbequem?

Sie tranken dort, tollten und neckten sich in der Villa vor dem goldenen Prag; nur bänglich leise fragten manchmal die Freunde: „Was ist mit der Ouvertüre? Die Oper soll in wenigen Tagen gegeben werden!“

Er aber lachte und sagte: „Laßt mir mein bißchen Freude.“

Und am Abend machte er nichts als Kindereien; es war ein prächtiges Festmahl gerichtetworden, an dem sechs oder sieben Bewunderer Mozarts, fast alles Herren vom Adel, teilnahmen. Leckereien, Champagner, der den ganzen Tisch überströmte, Blumen — — —.

Und Wolfgang Amadé tollte und scherzte, während sich die Freunde in leiser Unruhe ansahen.

Als das laute Mahl zu Ende gegangen war, fragte Duschek: „Was ist mit der Ouvertüre?“

„Ich mache sie jetzt,“ lachte Mozart.

„Du wärst am Ende auch das imstande,“ sagte der Freund halb ungläubig und bot ihm gute Nacht.

Im Saale stand ein Spinett, und der einsam Zurückgebliebene warf sich in den Sessel davor und legte die wunderschönen, blassen Hände auf die Tasten. Leise klirrten die Saiten, wie die einer alten Harfe.

Duschek hatte den Dienern gesagt: Laßt den Saal in Ruhe. So strahlten noch sechzig Kerzen, und die großen, nachdenklichen, venezianischen Spiegel reflektierten sie und wucherten mit dem Lichte.

Da sah sich Wolfgang Amadé im Saale um.

Hell schrien Lichter und Farben mitten in verlassener Mitternacht. Die Blumen prahlten, aber schon lag die Welkheit überstandener Blüte in ihrem Duft.

Es roch nach Blumen, nach Wachs, — — — und die große, lange Tafel stand da wie ein Katafalk.

Es ist ein überirdisches Sein, wenn man allein stehen muß in einem Festsaal, und das Fest ist aus. —

Noch sind die Farben des Lebens alle da, und die Lichter rufen Hosianna. Aber es riecht nach verschüttetem Schaumwein, und die hier jubelten, sind alle fortgegangen.

Die Wachskerzen leben allein noch. Aber sie sind doch schon tief heruntergebrannt. Und die Blumen neigen die müden, schönen Köpfe wie unglückliche, gekrönte Frauen. Entwurzelt und mit dem Glanze betrogen.

Die große, schwere Tür aber war weit nach außen geöffnet. Draußen im Korridor stand blindaugig die Nacht, und das weitaufgerissene schwarze Viereck starrte schaurig in den grellen Saal des ausgelärmten Lebens.

Da schauten ihn abermals die beiden großen Gewalten an, aber dieses Mal war die zweite stärker als die erste.

In leisem Grauen setzte er sich an das Spinett. Zuckend breiteten sich die milden, schönheitspendenden Hände, und ein wohllautvoller Klageton flog im Saale empor.

Wolfgang Amadé sah nach dem schwarzen, starrenden Viereck der Türe, welche zur Nacht hinaus offen stand; leise rieselte ihm dieser Blick aus dem Jenseits über den Rücken, und gehorsam bebten die Hände nach dem Geheiß der großen Macht über die Tasten. Er war ein Kind, das auf Befehl folgte.

So entstand das „Weit — — — weit“ des steinernen Gastes mit seinen Schauern.

In ihren Betten aber hörten die adeligen Gäste eine Musik aus dem Festsaal herüberbeben, welche damals unerhört war; — — so schön und ergreifend wie die Liebe zum Leben, so mahnend und so schauerlich wie das Gericht.

Diese Töne sangen den Druck der engen Gassen von Paris. Sie sangen die Not und Angst des Kindes Wolfgang Amadé. Sie sangen den Wein von Währing und die Allerseelenkränze. Den begütigt blauen Himmel und die herbstloh brennenden Wälder.

Sie bebten wie die zitternden Kerzen in Brand und Helle, dufteten wie welkende Blumen und rochen wie verschütteter Schaumwein.

Sie lockten und zogen sehnsüchtige Reihen mit festlichen Geigen und waren Jubellieder übermütiger, graziöser Adelszeit, — — — aber hinein schaute nachtäugig die viereckige, große, schwarze Tür des Jenseits, die zu einem Morgen führte, den sie noch nicht kannten.

Und sie schauerten und fröstelten in ihren Betten vor Entzücken und Angst.

Drunten aber stand Wolfgang Amadé vom Spinett auf, die sonst so trüben Augen fackellohend, aber das Antlitz leichenblaß und kalt.

Der verrieselnde Rausch fröstelte leise in ihm. Seine Ouvertüre war fertig.

Er merkte sie sich gut. In der nächsten Nacht schrieb er sie wohl nieder? Aber seine guteFrau müßte ihn wach erhalten. — — — Denn so einsamkeitgeschüttelt wie heute? — — — Das war mehr Tod als Leben....

Er ging fort, um zu ruhen. Hinter ihm flammte und strahlte ein leerer Prunksaal.

Es war der Schwanengesang des Rokoko entstanden.

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„Nun, Prospère? Verbündeter! Wie geht's? Was hat dein Herr mit unserem Theaterstück ausgerichtet?“

„Herr von Beaumarchais, wir sind sehr betrübt, Ihnen nicht besser gedient haben zu können,“ bedauerte der Kammerdiener. „Ich für meinen Teil habe alles angestrengt, die ‚Hochzeit des Figaro’ zur Aufführung zu bringen, die meinem Stande so viel Gerechtigkeit widerfahren läßt. Seit mein Herr dieses schöne Stück gelesen hat, behandelt er mich sozusagen mit Achtung.“

„Ah,“ lachte Beaumarchais; „er bildet sich ein, auch du müßtest ein Mensch sein? Ein Mensch mit eigenen Gedanken und selbstbedachten Überzeugungen? Was fürein Schwärmer dein Graf; — was für ein Poet!“

Den letzten seiner elliptischen Sätze sprach Herr Caron de Beaumarchais in den Spiegel, durch den er des glänzenden Grafen von Vaudreuil Exzellenz eintreten sah. Er sah auch noch das Lächeln des geschmeichelten Herrn über solches Lob. Dann begrüßte er seinen Gönner.

Der Graf von Vaudreuil war noch von der Audienz im Trianon her in großer Gala und leuchtete von Tressen, Seide und Edelsteinknöpfen heller als ein Bischof im Prunkornat, nur daß diese flimmernden Sachen hübsch, knapp und zierlich an ihm saßen. Er war ein Herr voll feinster Eleganz, der nicht erst als Fünfziger in die Meisterjahre des guten Tons eingetreten war, der bei der Königin alles galt und beim König so viel als Marie Antoinette vermochte: also fast alles.

„Ach Caron,“ rief er müde. „Was soll man mit diesem König machen? Wenn man ihm einen alleruntertänigsten Vortrag hält, so muß alles gut und schön sein wie Gottes Schöpfungam siebenten Tage, da Er sich selber Ruhe genehmigte. Was soll man mit diesem Herrn anfangen, der einem den Rücken dreht, wenn man ihn etwa versichert: Sire, der Adel Frankreichs ist so, wie ‚Figaros Hochzeit’ ihn schildert. Sie haben einen lächerlich unnützen Adel, Sire. — Eine öffentliche Aufführung von ‚Figaros Hochzeit’ würde nur die elektrische Entladung sein, die, nach Herrn Franklins neuester Theorie, die Lüfte im Kampfe ausgleicht, beruhigt und reinigt.

Und der König dreht mir den Rücken und die Audienz ist aus! Er dreht mir den Rücken, sage ich Ihnen, so: — — und die Audienz ist aus ...... Ist aus! Was doch soll man mit einem Herrn machen, der nur angenehme Beruhigungen hören mag?“

„Ei so,“ seufzte Beaumarchais. „Er ist von jener Königsrasse, die nur angenehme oberste Untergebene dulden mag. Noch Ludwig XIII. hielt große Stücke auf unangenehme Kanzler. — Richelieu! Und Frankreich war groß und blieb es so lange, als sein Nachfolger sich von ähnlichen, eigensinnigen Willenskräften beratenließ. Als der Sonnenkönig damit aufhörte, erging es Frankreich gar nicht mehr gut.

Die Herrscher mit den angenehmen Untergebenen zerstören ihre eigenen Reiche. Unsere ruheliebende Majestät ist solch ein Mann. Sie geruht, auf alle unbehaglichen Zumutungen so lange Nein zu sagen, bis sie Ja sagenmuß. Dadurch beraubt sie sich nur des Verdienstes, selber zur rechten Zeit Ja gesagt zu haben. Diese Majestät wird auch zur Aufführung der ‚Hochzeit des Figaro’ in Paris ihre Einwilligung erst dann geben, wenn alle Welt das Stück schon heimlich kennt und wird damit nur meinen Erfolg steigern.“

Der Herr Graf von Vaudreuil bejahte eifrig und fuhr dann in seinem Berichte fort: „Übrigens, mein lieber Caron, war ich, gleich nach meiner kurzen Audienz, — bei Ihrer Majestät, der eigentlich regierenden Königin. Sie hat unsere Sache mit ihren schönen Händen, die sich in alle Dinge mischen, gleich ins Rollen gebracht: „Aber führen Sie doch die hübsche Satire als Liebhabervorstellung auf Ihrem eigenen Schloßtheater in Morfontaine auf,“lachte sie mich an. „Die Erlaubnis dazu gebe ich Ihnen, und, laden Sietout Parisein! —

Nun, Caron, was sagen Sie?“

„Ah,“ rief Beaumarchais und schnellte fröhlich empor. „Das ist eine entzückende Dame! Haben Sie denn, teuerster Graf, schon Vorbereitungen zu unserer Aufführung getroffen?“

„Ei freilich,“ lächelte der Herr von Vaudreuil. „Für die Rolle des Figaro habe ich den größten Philosophen und Charakter Frankreichs, den neuen Schauspieler Crambon gewonnen. Ein Puritaner! Sittenrein und natürlich bis zum Exzeß! Sie werden gleich seine Bekanntschaft machen. Die Regie führen Sie selbst, teurer Dichter. Die Leseproben und die Finessen des Dialogs leitet, wenn es Ihnen lieb ist, unser gemeinsamer Freund, der Dichter Lebrun.“

„Sehr gut,“ bemerkte Beaumarchais. „Lebrun ist ein Medisant von erprobtester Bissigkeit. Er wird die Unverschämtheiten im Dialog auf das feinste herausarbeiten.“

„Der Chevalier von Coigny gibt den Jesuiten.“

„Ha, ha! Der Coigny, der berüchtigte Freigeist und Spötter steckt sich in die Soutane! Mein lieber Graf, der Einfall ist besser als mein ganzes Stück!“

„Die Gräfin,“ fuhr Vaudreuil überglücklich fort, „wird von der elsässischen Demoiselle Klincker sehr rührend und unschuldig gegeben werden. Demoiselle ist auch in den Stunden, wo sie mir ihre Liebe schenkt, rührend und unschuldig. Diese deutschen Mädchen sind wie das Blümchen Vergißmeinnicht. Sie schauen stets fromm in den Himmel, selbst während man sie pflückt. Demoiselle Klincker wird die Unschuld und das Gefühl in Person sein.“

„Wer gibt denn den Pagen?“ erkundigte sich Beaumarchais.

„Die kleine Cidronne, aus meiner Komödiantengesellschaft.“

„Und die Suzanne?“

„Hm,“ sagte Vaudreuil mit einer winzig kleinen, aber sehr liebenswürdigen Verlegenheit: „Das ist eine sonderbare Sache. DenkenSie sich, die Zofe meiner Frau, die reizende Lenore Oiseau, liegt mir beständig an, ich solle sie einmal spielen lassen. Sie hat Ihr Stück gelesen und mir die hübschesten Sachen aus der Rolle der Suzanne, die sie auswendig kennt, entzückend rezitiert ....“

„Ah, da werde ich sie prüfen,“ freute sich Beaumarchais.

„Wenn ich bitten dürfte, so lassen Sie mich dabei sein,“ warf der Herr von Vandreuil rasch ein. Dann flüsterte er: „Im Vertrauen, mein Freund: Die kleine Lenore hat mir für diese Vergünstigung, die Rolle kreieren zu dürfen, eine reizende Zusage gemacht ....“

„Sie sind indiskret, lieber Graf,“ schmunzelte Beaumarchais. „Immerhin wird sie ihre Talentprobe abzulegen haben und ich werde sie strenge prüfen, denn an der Rolle liegt viel. „Ah!“ schaute er überrascht empor und starrte in die vom Kammerdiener geöffnete Tür. „Da kommt ein Amerikaner?“ Er erhob sich, über die Maßen höflich: „Herr Benjamin Franklin selbst, wenn ich nicht irre?!“

Vaudreuil lachte herzlich über diesen Irrtum,und der neue Ankömmling, der, in sackgrobes Tuch gekleidet, mit Stiefeln, rundem Hut und Knotenstock in seltsamen Kontrast zu den beiden leuchtenden Messieurs trat, begann sogleich mit kurzen Worten: „Nein. Benjamin Franklin hat nur die dumme Manier, sich so freiheitlich zu kleiden wie ich. Mein Name ist Crambon, bester Dichter.“

„Ah.“ Beaumarchais verneigte sich belustigt. „Sie sind es, der meinen Figaro geben soll?“

„Mhm,“ bestätigte Crambon, indem er mit den zusammengebissenen Kinnbacken gegen die Brust knackte.

„Dann geben Sie ihn doch, bitte, nicht so ehrlich und rauh, wie Sie auftreten, sondern als gewandte Schlange; nicht?“

„Ich werde ein feines Luder aus ihm machen, so ungern ich Seidenstrümpfe trage,“ sagte Crambon. „Aber Ihre Philosophie ist so tüchtig, daß ich die meine für einen Abend gern beiseite stelle.“

„Ach bitte, das tun Sie möglichst vollständig!“

„Wir werden, wir werden,“ murrte Crambon.

„Nehmen Sie das nicht so leicht,“ warnte Beaumarchais. „Es gehört viel Genie zu einem gewandten Darsteller des Figaro!“

„Da müssen erst viele Halbwüchsigkeiten Genies genannt werden, bis endlich ein wirkliches Genie — — übersehen wird,“ brummte Crambon prachtvoll.

„Aber Siesollennicht übersehen werden,“ klagte Beaumarchais. Ihm war sehr bange um den Erfolg dieses Figaro.

„Ich werde mich benehmen wie ein Schuft,“ versprach Crambon. „Ich werde elegant und geschmeidig sein. Ich werde brillant und liebenswürdig sein; ich werde eine weiche Stimme haben und spielen, wie die süßeste Geige des Meisters Amati. Geben Sie nur acht, ich werde mich so reizend benehmen, als ob ich ein Schuft wäre.“ Er schloß unerwartet, indem er schrie: „Jetzt aber muß ich endlich zu essen kriegen!“

Herr von Vaudreuil rannte nur so nach seinem Kammerdiener, um den Hunger des Bürgers Crambon nicht bis zu noch gefährlicherenGrobheiten wachsen zu lassen. Nach drei Minuten schon klappte Prospère an der Tür die feinen Beine zusammen und meldete:

„M'sieur Crambon est servi.“

Herr Crambon stürzte gierig ab.

„Da geht er hin, das aufrichtige Kind der Natur,“ sagte Vaudreuil in andachtsvoller Ehrfurcht. „Er wird Filetstücke von der Größe einer neugeborenen Katze in sich hineinschwingen, aber er wird Wasser dazu trinken, in seiner rauhen Tugend. Es ist unglaublich, lieber Caron, aber er hat sich jedes Bett verbeten — und schläft auf einer Matratze in der entlegensten Dachkammer. Er trinkt keinen Wein, er ist keusch, er ist aufrichtig — — — es ist unglaublich!“

„Und der soll meinen Figaro geben,“ jammerte Beaumarchais. „Ach, Herr Graf, wo haben Sie Ihren sublimen Instinkt, Ihre Delikatesse, Ihre klugen Augen gehabt!“

„Der Schein spricht gegen ihn, das gebe ich zu,“ gestand Herr von Vaudreuil etwas bedrückt. „Und dennoch leistet er auf der Bühne geradezu das Gegenteil dieses seines wahrenWesens! Es ist kaum möglich, aber Sie selbst werden es erfahren.“

Beaumarchais blieb ungläubig.

Immerhin: die Theaterprobe verlief entzückend.

Herr Crambon hatte seine rauhe Tugend abgelegt, wie ein galanter Konnetable von Frankreich am Abende nach der Schlacht das ruppige Kettenhemd. Er war nicht übel und verhieß nichts zu verderben. Die zahlreichen Sentenzen, Malicen und Frechheiten, die er abzufeuern hatte, sprach er etwas allzu ehrlich, aber das schadete nicht viel. Es war eine angenehme Enttäuschung.

Wer von den erlauchten Gästen des Schlosses scherte sich übrigens um Figaro, da eine solche Gräfin spielte! Demoiselle Klincker war ganz weiche, leise gekränkte Unschuld. Ihr Elsässer Französisch erhöhte noch den Eindruck naiver Betrogenheit. Demoiselle Klincker war zartfärbig, wie eine Seele nach der Beichte; ihr kornblondes Haar leuchtete selbst unter demPuder der majestätischen Frisur durch und ihre süßen, blauen Augen öffneten und schlossen sich langfransig wie die Portieren eines Brautbettes. Der leise Zug von Lethargie, mit dem sie ihre resignierte Rolle sprach, versetzte alle Intimen des Parketts in die süßeste Schwermut, diesem armen Geschöpf nicht schon zwischen dem zweiten und dritten Akt mit etwas Liebe beispringen zu dürfen. Wenn nicht der kleine Teufel, die Suzanne, ein unglaublich leises Vibrieren behender Sinnlichkeit fortwährend in das Stück hineingesprüht hätte, so hätte sich der Erfolg des Herrn von Beaumarchais, ganz gegen dessen Willen, nach der sentimentalen Seite hin verschoben.

Herr von Vaudreuil war außer sich vor Wonne. Alle Freunde, die zur Generalprobe geladen waren, hatten sich in Demoiselle Klincker verliebt. Alle machten ihr den Hof, als das Stück zu Ende war, und wenn nicht der geistreiche Schloßkaplan, Abbé Lucien, der sich um die schöne Klincker wenig kümmerte, dem Dichter die schönsten Komplimente gemacht hätte, so hätte Beaumarchais eine Zeitlang so vergessenim Winkel gestanden, wie ein Kamin im Sommer.

Die bildschöne Klincker nahm alle Komplimente und all die fiebernde Verliebtheit der glänzenden jungen Herren stangensteif entgegen, gleich einem präraffaelitischen Madonnenbilde. Sie, die mit Recht im Verdachte stand, um ein volles Jahrhundert zu religiös zu sein, dankte bloß ruhig dem Himmel für diesen neuen Sieg, und nur als ihr Gebieter, der Herr von Vaudreuil, ihre schönen Hände küßte, erinnerte sie sich: Ach ja, da muß ich einen Händedruck von mir geben.

Sie war von einer entzückenden Zurückhaltung. Sie war in ihrer Art so unerhört an Tugend, wie Herr Crambon, der jetzt wieder ganz Benjamin Franklin in rauherer Auflage war; alles staunte, woher dieser gesträubte Pinienzapfen seine Glätte auf der Bühne genommen hätte.

Demoiselle Klincker bekam mehrere liebenswürdige Einladungen für diese oder einer der nächsten Nächte, aber sie lehnte alle ab, und verwundert und neidisch beglückwünschten dieHerren den alternden Vaudreuil zu solcher Tugend seiner Geliebten.

Herrn von Vaudreuil tanzten alle Nerven vor innerlichem Jubel ob solchem Triumph.

Es stach ihn aber doch ein sehr feines Dörnlein, als Demoiselle Klincker sich für heute von ihm frei bat, weil sie von der Generalprobe sehr abgespannt sei und eine Nacht lang fest ausschlafen wollte.

Ach Gott, sie schlief ja auch bei ihm fest genug, dachte er seufzend, als die unerschütterliche Tugend fortwandelte.

Es ließ ihm, als er dann auf seinem Zimmer allein war, keine Ruhe und er rächte sich an ihr als echter, französischer Kavalier. Stundenlang spazierte er, schon im Schlafrock, aber noch in Seidenstrümpfen, in der einsamen Nacht des Schlafgemaches auf und ab, bis seine witzige Seele endlich, endlich Erlösung in folgendem Epigramm gefunden hatte:

Ihr sagt's und es ist wahr / daß Phyllis engelrein!Ich selbst drang manche Nacht / mit Liebe in sie ein; —Wo andre rasen, liegt / sie so voll ApathieDaß ich ihr sagen muß: / „Madam', ich meineSie!“

Ihr sagt's und es ist wahr / daß Phyllis engelrein!Ich selbst drang manche Nacht / mit Liebe in sie ein; —Wo andre rasen, liegt / sie so voll ApathieDaß ich ihr sagen muß: / „Madam', ich meineSie!“

Vaudreuil war sehr glücklich über diese Alexandriner, die ihm gelungen schienen. Nach seiner Gewohnheit lief er sogleich zu einem seiner feinsten Ehrengäste, dem Dichter Lebrun, der Bosheiten am besten zu würdigen verstand, pochte an dessen Tür und weckte ihn. Lebrun, der wußte, daß jede also gestörte Nacht am nächsten Morgen mit der holden Sendung einiger Louisdors begütigt wurde, öffnete ihm in bester Laune und bezeigte sich entzückt von dem Witz und der hübschen Formgebung seines Schülers. Er sagte ihm, daß in zwei Tagen ganz Paris sich hinter demoeil de boeuf, auf den Boulevards und in den Garküchen das reizende Bonmot in die Ohren flüstern würde und beging, da die Gelegenheit gut war, schnell eine kleine Gemeinheit:

„Wir müssen diese reizend frivolen Verse augenblicklich dem Abbé Lucien vorlesen. Der ist in solchen Dingen ein Feinschmecker, und wie ich weiß, schläft er durchaus noch nicht.“

Abbé Lucien hatte in seiner Sorglosigkeit vergessen, die Türe seines Zimmers zu verriegeln, und als der gute Vaudreuil hinterdem eiligen Lebrun eintrat, indem er sein ungalantes Blättchen voll freudiger Lesebereitschaft in Händen hielt, da mußte er Demoiselle Klincker bei dem freisinnigen Abbé eingenistet entdecken.

Es war ein großer Schmerz; Vaudreuil ließ sein Stammbuchblatt fallen, Lucien schnellte trotz mangelhafter Bekleidung überrascht in die Höhe, Demoiselle Klincker zog in schweigsam-träger Scham die Decke so hoch über den Kopf, daß unten die hübschen Füßlein herausguckten — — und Lebrun lächelte.

Aber Vaudreuil blieb Edelmann.

„Bester Pater,“ begann er zum Räuber seiner Freuden, „ich bedauere Demoiselle Klincker und mich, daß sie sich keinen anderen Herrn für diese kleinen Vergnügungen zu wählen wußte. Ich bedauere Demoiselle Klincker, weil sie durch den Wechsel ihres Liebhabers Einkünfte verliert, die ihr der neue Besitzer ihrer Schönheit nicht so reichlich wird zuwenden können. — — (Demoiselle Klincker unter der Decke weinte.) — — Und mich bedauere ich, weil es mir nicht vergönnt ist, einen ritterlichen Gegner für diemir zugefügte Beleidigung zur Rechenschaft ziehen zu können.

„Oh!“ rief Lucien mit Lebhaftigkeit: „Was den zweiten Punkt betrifft, so ist das leicht zu korrigieren. Sie werden die Güte haben, Herr Graf, mir eine hübsche, gepuderte Zopfperücke, einen Tressenrock und einen Degen zu leihen, an welchen Dingen ich Mangel leide. Was die übrigen Bestandteile zu einem ritterlichen Gegner betrifft, so habe ich sie zufällig bei mir.“

„Ah!“ rief Vaudreuil schon halb erheitert. „Auf Wiedersehen also morgen um sieben Uhr früh im Garten bei der Ariadne, mein Pater.“

„Auf Wiedersehen!“ Der Abbé verbeugte sich höflich, und Vaudreuil bemerkte noch: „Herr Lebrun wird die Güte haben, Ihnen die gewünschten Requisiten zu überbringen und uns als Zeuge zu dienen.“

Eine tiefe Verbeugung der drei Herren und die Türe schloß sich geräuschlos.

Abbé Lucien hob den Zettel des Grafen auf und las ihn der schluchzenden DemoiselleKlincker lächelnd und mit anmutiger Betonung des alexandrinischen Metrums vor:


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