XVII.

Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber; wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe. — Ich will nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten Art zu empfinden glaubte. — Ich verfehlte nicht, nach schicklichen Pausen meinen Besuch zu wiederholen. —

(17. Buch.) — Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen! —“

Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim, einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister Goethe in Weimar.

Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und dasWesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in denNordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmesgefallen ist.

In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. „Die vielfachen Bemühungen“, erzählt der Enkel von ihm, „welche nötig sind, um einen schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen, Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können.

Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.

Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden, bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein Schicksal betrafen. — Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt“.

Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt: die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes. In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze.

Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten, die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief.

Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie, wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind; denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte Anwendung:

„Wer den Dichter will verstehn,Muß in Dichters Lande gehn!“

[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt.

[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber.

[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens. Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt.

[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu langen macht.

[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16.

[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach heutigen Begriffen bescheiden zu nennen.

Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine.

Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden hier nicht berücksichtigt.

Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter.

Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule, worauf er dasSteuermannsexamenablegen kann. Dies berechtigt zugleich zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der Navigationsschule kann er sich demSchiffererexamenunterziehen, falls er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist „Schiffer“, während „Kapitän“ auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich, jeden Führer eines Schiffes „Kapitän“ anzureden. Die Sprache an Bord ist durchweg die plattdeutsche.

In einer Anzahl Seestädte befinden sichSeeämter, dieSeeunfällezu untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das Oberseeamt in Berlin.

Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben.

Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt. Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die Segel befestigt sind) heißenSchoner, mit drei Masten ohne Rahen (wie sie in Rußland üblich),DreimastschoneroderDreimastgaffelschoner; hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das SchiffDreimastschoner mit voller Vortop. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißenSchonerbriggs. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem NamenSchonerzusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat, heißtBrigg. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben wir dieBark; mit Rahen: dasVollschiff. Heutzutage baut man auch Schiffe mit mehr als drei Masten.JachtenundKuttersind kleine einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht „Hohenzollern“.

So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den Dampfern übertroffen.

Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger „Mira“. Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt verwendet worden.

Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21] breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10 Fuß. Die „Mira“ faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500 Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2. Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen, 2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden.

Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder- und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon, Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte. Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des Schiffes, unter derBack(erhöhter Vorteil des Schiffes). Das Hinterteil heißtHeck; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind.

Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte Aufmerksamkeit notwendig.

Leben an Bord.

Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet. Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werdenGlasengenannt; der Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die Eßzeiten und die Ablösung der Wachen.

Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen.

Die Fahrgeschwindigkeit wird mit demLogggemessen. Es giebt verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der „Mira“ befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag.

Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist; auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus.

Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen.

Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde) nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen befördert werden.

Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. DasLotist ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört.

Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige Eigentümlichkeiten.

Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für dieWindstärkenaufgestellt, die allgemein angenommen ist:

Windstille = 0Sehr leichter Wind = 1Leichter " = 2Schwacher " = 3Mäßiger " = 4Frischer " = 5Starker " = 6Steifer " = 7Stürmischer " = 8Sturm = 9Starker Sturm = 10Heftiger " = 11Orkan = 12

An den Küsten dienenLeuchtfeuer, die entweder auf Leuchttürmen oder auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende:Festes Feuerzeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke.Festes Feuer mit Blinkenist ein Feuer, das in gleichmäßigen Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben können.Blinkfeuersind weiße oder farbige Feuer, welche durch gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es nochFunkelfeuer, Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeueru.a.m.

Seezeichen sind schwimmende Körper,TonnenoderBojen, die auf dem Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt: kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten Seezeichen sind diePricken, das sind junge mit Ästen versehene Bäume, die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind.Heultonnensind mit einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird, der dem der Dampfpfeife gleicht;Leuchttonnensind mit Gas gefüllt, das Tag und Nacht brennt,Glockentonnensind mit einer Glocke versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird. Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in dieSeekarteneingetragen.

DieVerständigung auf Seezwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen 800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze; beispielsweise: „Ich wünsche etwas mitzuteilen.“ „Woher kommen Sie?“ „Ich habe einen Brief für Sie.“ „Ich bin auf Grund.“ „Können Sie nur einen Maschinisten verschaffen?“ „Die Küste ist gefährlich.“ — Mit den 18 Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden.

DieBenennungder Schiffe betreffend, so haben die größeren Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe, Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur Sternennamen, und zwar solche, die auf „a“ enden: Capella, Wega, Gemma, Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie: Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der Dampfer gehört, schon von weitem erkennt.

An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe, besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter bei weitem nicht.

[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwähnt: Es entspricht der Unterleutnant zur See — dem Leutnant, der Leutnant zur See — dem Oberleutnant, der Kapitänleutnant — dem Hauptmann, der Korvettenkapitän — dem Major, der Kapitän zur See — dem Oberst, der Konteradmiral — dem Generalmajor, der Vizeadmiral — dem Generalleutnant, der kommandierende Admiral — dem kommandierenden General.

[20] Der vordere Mast heißt Fockmast, der mittlere Großmast, der hintere Besanmast.

[21] Die Fuß und die Meilen werden nach englischen Maß gerechnet. 1 Fuß engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km.

Oberhausen.

„Tausend fleißge Hände regen,Helfen sich in munterm Bund;Und in feurigem BewegenWerden alle Kräfte kund.“

Schiller

Als Oberhausen gegründet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher, an welchem dieser Flüsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte sie an seine Ufer haben, keiner gönnte sie dem andern. Da sprach der liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen könnt, so bekommt sie niemand. Und so geschah es, daß Oberhausen an keinem der drei Flüsse liegt, sondern mitten dazwischen; doch so, daß jeder leicht und schnell zu erreichen ist.

Von allen Rheinlandstädten ist Oberhausen die jüngste. Wo jetzt eine rührige Bevölkerung von über 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblühende Haide. Feierte doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jährigen Bestehens! Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden, amerikanisch mutet auch die Anlage der Straßen an. Schnurgrade, lang und außergewöhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei, teilweise sogar drei Reihen Bäumen bepflanzt. So macht die Stadt einen überaus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der eigentlichen Geschäftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstraße die Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Häusern und zahlreichen großstädtischen Läden und Bazaren eingefaßt. An ihr liegt auch der Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist. Bäume umgeben den vollständig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf dem die Wochenmärkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine schlanke Säule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die Mülheimerstraße gruppieren sich die Straßen des Villenviertels: die Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straßen. Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und verbinden sie mit anderen Städten z.B. Essen und Mülheim.

Mehr als manche Großstadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt; direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstädten Europas, über Oberhausen gehen die Linien Köln-Berlin, Köln-Hamburg, Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Süddeutschland und andere. Wenn auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt über Oberhausen über Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet ist, so kommen doch täglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und D-Züge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu gedenken der Güterzüge. Der Bahnhof mit seinen drei geräumigen Hallen und hübschen Wartesälen würde mancher Großstadt zur Zierde gereichen.

Vom Bahnhof führt die Schwartzstraße nach der Mülheimerstraße. An der Schwartzstraße, nach dem verdienstvollen früheren Bürgermeister Schwartz so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde von Walter Petersen in Düsseldorf und das Realgymnasium, an der Elsestraße die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene höhere Mädchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstraße architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prächtige Badeanstalt, in deren großem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport gehuldigt wird — eine Einrichtung, die man in Hunderten von Mittelstädten vergeblich suchen würde.

Es versteht sich von selbst, daß Oberhausen in erster Linie der Industrie sein fabelhaftes Aufblühen verdankt. Und doch merkt man in der Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende Gutehoffnungshütte, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mit ihren 13000 Angestellten ist sie eines der großartigsten Werke, das überhaupt existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, daß die Hütte über 60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a. gebaut Brücken über den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den Nord-Ostsee-Kanal, die sämtlichen Brücken der Gotthard-Bahn, die mächtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen Fabriken sind noch zu erwähnen die Zinkweißhütte, die Glasfabrik, die Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen „Konkordia“ und „Oberhausen“.

Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I. geschmückte Kaisergarten, eine städtische Anlage, die vor einigen Jahren von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwährend verschönert wird. Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruheplätzen und einen großen Teich, der zu Bootfahrten einlädt, bietet er einen erquickenden und angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherfluß getrennt, schließt sich an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin liegt Schloß Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt.

Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einigehübsche Punkte, so das auf einem Hügel gelegene freundliche DorfFrintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem SchloßFürstenberg, den Kahlenberg bei Mülheim und die großen Waldungen beiDuisburg. Die Großstädte Düsseldorf und Essen sind in kaum einer halbenStunde, Köln in einer Stunde, die Seeküste (Scheveningen) in dreiStunden zu erreichen.

Inhalts-Verzeichnis.

WidmungVorwortI. Ueber das Reisen(Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen)II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878)III. Nauvoo am Mississippi, die alte MormonenstadtIV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwälder und zu den GeysersV. Glensund (Ein Land- und See-bild)VI. Ein Besuch bei Gustav FreytagVII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“.A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der InselWalcheren. Middelburg. Bad Domburg.1. Riga2. Aus der livländischen Schweiz3. Von Riga nach der Insel Walcheren4. Middelburg5. Bad DomburgB. Von Korsör nach HaparandaC. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.1. Nach Helsingör2. Von Helsingör nach Gent3. Gent4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth5. Ausflug nach dem schottischen HochlandVIII. Der Philosoph von GravensteinIX. MarsbergX. Neun mal 24 Stunden auf der EisenbahnXI. BordesholmXII. Auf SeelandXIII. FriedrichsruhXIV. Ein Nachmittag bei den KarthäusernXV. EisenbergXVI. Das Goetheviertel in FrankfurtXVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der HandelsmarineXVIII. Oberhausen


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