Aus der Flottenkunst der Tiere

Aus der Flottenkunst der TiereIUnter fremder Flagge

Vom See, dessen lichtblauer Spiegel zwischen dem weißen und rosenroten Blütenschnee meines Gartens durchlugt, schallt ein eigentümliches, bald mehr summendes, bald mehr rollendes Geräusch.

Ich weiß: sie proben wieder da draußen. In diesen Zeiten des Weltensturmes nicht wie sonst zum anmutigen technischen Spiel, sondern mit dem ganzen furchtbaren Ernst der Stunde. Und doch kommt es so von weitem daher blank und elegant wie ein Spielzeug aus dem Laden: ein Wasserflugzeug. Erst saust es mit seiner Schaumbrust in die glänzende Wasserfläche hinein wie ein riesiger Fisch; gleich, denkt man, wird er untertauchen. Aber ehe der Blick es noch ganz fest gefaßt hat, ist der Fisch zum fliegenden Fisch geworden: mit seinen Flossen gleichsam schwebt er auf einmal hoch über dem Seeplan im freien, durchsichtigen Element, und nur sein Schatten läuft noch gespenstisch als Fisch unten weiter. Und jäh wird der Fisch zum Vogel, majestätisch schraubt das prachtvolle Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes sich zu Adlerhöhen hinauf und wieder hinab, um endlich pfeilschnell und treffsicher wie der Adler zum Horst bei seiner Halle am Ufer wieder einzuschlüpfen.

Wie viele Wege der Natur, uraltes, jahrmillionenlanges Proben, hat der große Magier, der alles noch einmal jetzt neu für seine Zwecke heraufzaubert, der Mensch, hier zusammengefaßt!

Die gleiche Not des Kampfes, die uns heute diese technischen Experimente mit so fieberhafter Eile weiter und weiter treiben läßt, hat in grauen Tagen schon das Tier gedrängt, das Flugzeug zu »erfinden«, und zwar hat es dieses Flugzeug ganz in der Form zunächst erfunden, die hier vor Augen steht: als Wasserflugzeug.

Im Wasser, so seltsam es klingen mag, ist in der Natur das Fliegen zuerst erfunden worden. Vom Meeresboden herauf hat das Tier zuerst lernen müssen, wie man im freien Wasserraum selber sich schwebend in Balance hält, sich wie auf Fallschirmen tragen läßt, endlich das Wasser mit Rudern und Rädern schlägt zu eigenmächtiger Bewegung. Und erst als man so im Wasser frei fliegen konnte, da wurde dieses Prinzip auch auf die noch freiere, noch gewagtere Schicht jenseits des Wassers ausgedehnt, die Luft.

Auf seinen großen Wasserflügeln, den Brustflossen, sehen wir noch heute den fliegenden Fisch wie im ersten tastenden Versuch 200 Meter weit reglos, bloß nach dem Fallschirmprinzip, über dem Meeresspiegel dahinschweben. Auf Java gleitet der fliegende Frosch so auf den gespreizten Flächen seiner Schwimmhäute zwischen den Zehen vom hohen Ast durch die Luft zur Erde. Bis dann im Adler endlich auch für die Luft das große Problem eigener zwecktätiger Steuerbewegung glänzend durchgeführt war.

Und doch will ein Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen stören.

In dem Wasserflugzeug des großen Magiers Mensch sitzt ein wirklicher Mensch und leitet eine riesige summende Maschine; der Vogel fliegt »sich selbst«, sein Leib mit seinen organischen Bewegungen ist zugleich sein eigener angewachsener Flugapparat. Und überall, wo ich über meinen blauen See hier blicke, sehe ich scheinbar auf diesen Gegensatz.

Im schmucken goldbraunen Boot dort sitzen weiße Ruderer und schlagen den Plan mit fremdem Ruder. Wenn ein Unterseeboot hier führe: es schlösse auch Menschen ein in einem Kunstbau fremden Materials. Der schmucke Haubentaucher dort aber rudert nur mit den eigenen Beinen, und das Fischlein, das eben aufschnellend mit einem Blitz die untere Blankheit seines sinnreichen Unterseeboots verrät, fährt nicht in solchem Boot, sondern ist es zugleich selber. Das scheint so selbstverständlich als Gegensatz. Und doch ist es, wie so manches Selbstverständliche, auch einmal wieder nicht wahr.

Die Flottenkunst auch des Tieres hat sich durchaus nicht bloß darauf beschränkt, im »Selbstschiff« zu fahren. Auch das Tier sitzt unter Umständen vergnüglich im fremden Schifflein und dirigiert bloß als Kapitän. Hier beginnen freilich absonderliche Tiere, die nicht gleich jeder beachtet hat.

Zunächst als Übergang mag da das Tier gelten, das überhaupt mit Menschenschiffen fährt. Ich meine jetzt nicht die Ratte im Kielraum oder den Floh der Matrosenkabine,das wäre ein zu billiges Beispiel ohne echten Sinn. Aber es gibt eine Gruppe kleiner und mittelgroßer Fische, die der Tierforscher als »Schiffshalter« bezeichnet. Um zu verstehen, was diese höchst verwunderlichen Gesellen vollbracht haben und täglich noch vollbringen, muß man einen Augenblick dabei verweilen, wie der Mensch selber als Schiffbauer angefangen hat.

All unsere Flottenkunst bis zum herrlichsten Kriegsschiff heute geht zuletzt zurück auf den »Einbaum«. Der Mensch merkte, daß Holz auf Wasser schwamm, und wenn er übers Wasser wollte, so ließ er sich von einem Baumstamm tragen. Als Wesen mit Luftatmung setzte er sich oben darauf, klammerte sich an und trieb so dahin. Indem er den gegebenen fremden Holzstamm sich künstlich zum Sitzen höhlte und zu dirigieren lernte, war dann die ungeheure, so endlos folgenreiche Erfindung des Schiffs im Prinzip vollbracht. Warum aber wollte der Mensch übers Wasser?

Gerade wir erleben heute wieder, was sich ergibt, wenn man Menschen von der Schiffahrt absperren will. Es ergeben sich Verproviantierungsfragen. Alle Schiffahrt der Menschheit ist zuletzt und im umfassendsten Sinn immer eine Verproviantierungsfrage gewesen.

Von diesen Grundpunkten aus aber versteht sich nun auch das Problem des Fisches, den sie den »Schiffshalter« nennen.

Es war einmal ein kleiner Fisch, um die Geschichte wie im Märchen zu beginnen; es ist aber der Zoologe, der ganz ohne Märchen spricht. Dieser kleine Kerlbrauchte als Wasserluftatmer keinen Holzklotz, um über das Wasser zu kommen, und sein eigener Fischleib war längst ein gegebenes treffliches Unterseeboot, ein »Selbstschiff«. Indessen auch hier kam die Proviantfrage. Sie kam schon in Urweltstagen, so weit gehen unsere Kenntnisse der Geschichte zurück, und sie bewirkte irgendeines Urwelttages (sie pflegen bekanntlich lang zu sein, diese Tage), daß der betreffende Fisch sich daran gewöhnte, als ein kleiner hungriger Köter seines Elements sich in der Nähe größerer Fresser dort zu halten, von deren Herrentisch immer auch einmal ein paar Brosamen für ihn abfielen. Auf dem Lande folgen so Schakale dem Löwen oder Panther, im Ozean ergaben sich die mächtigen Haifische als Herrenräuber, die besonders in Urweltsmeeren lange die oberste Rolle spielten.

Aber der kleine freche Tafeldieb machte die Sache, wieder eines Entwicklungstages, noch praktischer. Wenn auch nicht wie Jonas in des Riesenfisches Bauch, so klammerte er sich doch gern unter des Haies Bauch an unfaßbare Stellen, wobei die rauhe Haifischhaut gute Stütze gab.

Und wieder nach einer Weile führte das, wie so oft, zu einer festen körperlichen Anpassung bei ihm. Seine erste Rückenflosse verwandelte sich in eine große Saugwarze, mit der er sich oberwärts an den Haifischbauch wie mit einem Schröpfkopf unmittelbar ansaugen konnte, während gleichzeitig sein gieriger kleiner Kötermund darunter frei und freßfroh blieb – der Schakal verankert am Löwen und von ihm unfreiwillig fortan herumgeschleppt.

Die Sache war, wie gesagt, zunächst eine Freßfrage, sie wurde dann aber folgerichtig auch schon eine Vehikelfrage. Der kleine Fisch brauchte mit dem großen nicht mühsam Tempo zu halten, wenn solcher große seine weiten Raubzüge wie ein alter Normanne veranstaltete: immer war er von selbst gleich mit zur Stelle, wo immer es zur Beute kam.

Schließlich aber mußte der Fremdtransport, einmal so billig gemacht, auch von Wert sein, wo gar kein Hai da war. Man hängte sich irgendwo an und ließ sich auf gut Glück treiben, ob der Zufall eine eigene oder fremde Beute in den Schoß warf.

Die kleinen Frechen hefteten sich, wo es sich gab, auch an tote, aber mit Wellenschlag und Strömung treibende Gegenstände an, und da bewährte sich ganz von selber auch hier schon der Segen des Holzes, das weit, weit dahinfuhr, ohne zu sinken.

Zeiten schwanden, da zeigte sich aber im Ozean eine ganz besondere neue Sorte »Holz«. Menschenschiffe aus Holz fuhren übers Wasser. Und die Fischlein klebten sich auch an diese Menschenplanken, nichts konnte bequemer sein. Zumal da sich rasch herausstellte, daß diese neuen Seeungeheuer in ihrer Art den »blinden Passagier« auch noch selber fütterten. Denn vom Schiffe fiel mancherlei Abfall, den diese wenig Wählerischen gern als ihren Schakalsanteil begrüßten.

Seither reisen die »Schiffshalter« gewohnheitsmäßig in Scharen mit den Menschenschiffen. Sie sitzen nicht oben darauf, wie sollten sie, ihnen ist ja im Wasser wohl und nicht in der Luft. Gleichwohl: sie fahren Fremdbootstatt Eigenboot. Und nur das trennt sie immer scheinbar noch endlos vom Menschen selber, daß sie das Holz, an dem sie hängen, nicht selber dirigieren können, wohin es fahren soll, und daß sie es auch nicht künstlich zum Fahrzweck umgestaltet haben.

Aber es war am 17. Februar 1899.

Jenes prächtige deutsche Naturforscherschiff, die »Valdivia«, näherte sich, von Ceylon kommend, dem Äquator. Da trieb vor dem Schiff im Indischen Ozean eine schwimmende Schale dahin, eine jener als Zierstück auf unseren Kaminen so oft beliebten Nautilusschalen, die von einem höchst seltsamen, tintenfischähnlichen Weichtier körperlich abgeschieden werden und auch nach dem Tode ihres Besitzers vermöge ihrer vielen geschlossenen Luftkammern auf der offenen See schwimmend bleiben.

Gewisse Anzeichen erweckten in diesem Falle zuerst den Glauben, das lebende Tier sitze noch angewachsen in seinem Gehäuse und leite sein Selbstschiffchen; dann aber zeigte sich: es war doch auch nur eine verlassene Schale – in dieser Schale aber hatten sich wunderbarerweise eine Anzahl kleiner barschartiger Fische (Riffische,Glyphidodon) eingenistet, die regelrecht als in einem Fremdschiffchen in ihr wohnten und »fremd fuhren«. Scheu hineingeduckt, wurden ihrer mehrere in dem Nautilusboot mit heraufgefischt, ja als man zur Probe die leere Schale noch einmal ins Wasser warf, schwammen sogleich verschiedene andere der kleinen Bande auf das wiedergegebene Wasserhaus zu und schlüpften hinein, wobei sie durch die Fähigkeit, ihren Rückenstachel in eine Furche einzuklappen, unterstützt wurden.

Offensichtlich handelte es sich auch hier um eine bereits alteingebürgerte Gewohnheit, die vielfach dort treibenden Fremdschiffchen des Nautilus so zu benutzen, eine Gewohnheit, die vielleicht bei dem zähen Durchhalten solcher Dinge bei jenen Fischen bis auf Urweltstage zurückgeht, wo solche nautilusähnlichen Tiere in unfaßbaren Mengen alle Meere bewohnten und ganze Felder solcher schaukelnden Leergehäuse in allen Formen und Größen eine Alltagserscheinung gewesen sein müssen.

Wohlverstanden: hier wohnen die Tiere schon im fremden Schiff, und bei kluger, beweglicher und ungestümer Bande wie solchem Fischvolk liegt nahe genug, daß sie gegebenenfalls ihr Schiff auch schon willkürlich nach einer ihnen genehmen Richtung durch Stöße dirigieren.

Unmittelbar beobachtet aber wurde dieser letztere Fall bei einer anderen Gelegenheit von einem unserer besten neueren Beobachter, Richard Semon, dem berühmten Verfasser der Mnemetheorie.

Auf den Korallenbänken der Sundainsel Ambon versuchte er eine prächtige Qualle lebend mit einem eingetauchten Glase zu erwischen. Immer wieder mißlang es, denn die Qualle wich in sehr geschickten selbständigen Bewegungen aus. Solches raffinierte, auf starke Intelligenzleistung deutende Verhalten erschien nun bei einer Qualle durchaus ungewöhnlich, ja unmöglich. Und wie erstaunte der Forscher, als er wirklich feststellen konnte, daß in diesem Falle die dumme Qualle in der Tat einen klugen Kapitän hatte, der sich in ihrem lebendigen Kristallschiff verbarg.

Es war auch diesmal ein kleiner Fisch vom Makrelenschlage, der gewohnheitsmäßig in solchen Quallen hauste. Noch in dem Eimer, in den Semon seine endlich gefangene Qualle gesetzt hatte, trieb der verwegene kleine Kapitän seine Arbeit unermüdlich weiter, indem er sein lebendiges Boot durch fortgesetzte zielbewußte Stöße in bestimmter Richtung fortzutreiben suchte und zu unausgesetztem Herumschwimmen zwang – natürlich in dem umgrenzten Raum ohne jeden Erfolg.

Ähnlicher Fischbrauch, gerade in den schwimmenden Glaspalästen der Quallen zu leben, ist auch sonst vielfältig beobachtet worden.

Der Fisch findet in diesem Falle nicht bloß ein fremdes Schiff, sondern er fährt auch in einem guten Kriegsschiff zugleich: die Qualle führt nämlich furchtbare Nesselorgane, wahre Giftbomben, die im Wasser jeden tierischen Angreifer böse abfallen lassen. Der Fisch selber aber wird von dieser Quallenbatterie nicht geschädigt. Nach gangbarer Ansicht ist auch das stumpfe Geistesleben solcher Qualle doch immer noch empfänglich genug gewesen, um sich einem festen Genossenschaftsinstinkt vor offenkundigem Vorteil nicht zu verschließen: sie schont den fremden Insassen, eben weil er sich in Gefahr als intelligenter Steuermann erweist.

Andere Meinung vertritt allerdings, daß diese Quallenkapitäne einfach selber gegen das brennende Quallengift »immun« geworden seien, es nicht mehr fühlten. Ihre Vorfahren sollen trotz der Batterie so manches Quallenschiff im Sturm genommen und ausgefressen haben, und dabei wären sie als Piraten durch die Ernährung mitQuallenfleisch schließlich ganz giftfest geworden wie der hörnene Siegfried der Sage, der sich mit Drachenfett salbte. Daß ja Tiere gelegentlich in dieser Weise wirklich immun werden, zeigen unsere Schmetterlingsraupen des Admiral und kleinen Fuchs, die gewohnheitsmäßig ganz gemütlich die Blätter der Brennessel abweiden. Wer aber nun recht habe in der Deutung: das gewaltsame Ausfressen solches Quallenschiffs ist jedenfalls an sich wieder interessant.

Wir alle haben von Münchhausens armem Pferde vernommen, in das sich ein Bär einfraß; als er es ganz gefressen, saß er selber an Deichsel und Riemen, und Münchhausen kutschierte vergnügt mit ihm heim. Fast so geht es bei gewissen kleinen Krebschen des Ozeans aus der Gruppe der hüpfenden Flohkrebse. Ihre Weibchen fallen als böse Piraten über die zierlichen glashellen Schifflein her, die sich gewisse andere Seetiere aus der weit entfernten Gruppe der Manteltiere (Tunikaten), die in vielem an Würmer, in manchem aber sogar an niedrigste Wirbeltiere erinnern, geschaffen haben. Indem sie die berechtigten Insassen herausfressen, bleibt von dem fremden Schiffe nur ein hohles schwimmendes Tönnchen übrig, dessen durchscheinende Wand ausgespart nach dem Brauch dieser Manteltiere auch noch aus der sonst nur im Pflanzenreich üblichen Zellulose, also aus regelrechtem Holzstoff, besteht.

In diesem Holzfäßlein als Fremdschiff aber sitzt jetzt wirklich beinahe wie Münchhausens Bär der Fresser selber, der Krebs. Hier erlebt er Mutterfreuden. Und da der alte Bewegungsapparat des Schiffs geschwundenist, muß er es fernerhin selber lenken: so reckt er sein hinteres Leibesende vorsichtig aus dem vorne festgehaltenen schwimmenden Faß hervor und rudert sich und seine Kinderstube geschickt, wohin er will.

Daß er dabei unter falscher Flagge segelt, Krebsinhalt im Manteltierschiff, das macht ihm so wenig aus, wie dem Schiffshalter daran liegt, was für Farben über seinem Menschenschiff wehen.

Wie wenig aber fehlt bei dem Tier, das sein hölzernes Fremdschiff nicht nur selbsttätig lenkt, sondern auch selber sich zum bequemen Sitzraum gehöhlt hat, bis zu jenem »Einbaum« des Menschen?

»Im November 1803 begegneten wir zum erstenmal den großen Seeblasen im Atlantischen Meer, einige Grade nördlich vom Äquator; sie erscheinen wie rosenrote Glaskugeln über dem Wasser, blähen sich stolz auf wie ein Pfau und verändern unaufhörlich ihre Gestalt. Alle Leute auf dem Schiff wurden aufmerksam auf diese sonderbaren Tiere und wünschten sie in der Nähe zu betrachten, so daß endlich ein Matrose ins Meer sprang, glücklich eine erhaschte und, indem er die Finger und Arme schmerzhaft verbrannt fühlte, aufs Verdeck brachte. Sie schleppte lange Fäden hinter sich her, die sehr schleimig waren, überall anklebten und, wenn man sie auseinanderlösen wollte, an den Fingern brannten.«

So liest man in weiland Krusensterns Reisen von einem Meerwunder, das bereits die ersten Ozeanfahrer,auch wenn sie nur ungebildete Schiffsleute waren, gefesselt und zu den kühnsten Namenserfindungen verlockt hatte.

Die »Karavelle« hießen es die Spanier und Postugiesen, wenn sie es so in ganzen Flotten sein Kolumbusschifflein über die uferlose Wasserwüste treiben sahen, denMan of War, das Kriegsschiff, die englischen Matrosen.

Es bedurfte aber noch saurer Zoologenarbeit bis tief in das neunzehnte Jahrhundert hinein, ehe man heraus hatte, was diese »Seeblase«, die Physalia, wie der Name schließlich stehenblieb, eigentlich für ein Geschöpf sei, – bis man erkannte, daß zum Vergleich mit einer Flotte hier gar nicht ein Schwarm solcher roten Karavellen nötig war, sondern daß jede einzelne schon eine Art Flotte für sich darstellte, ein Bündel nämlich zusammengewachsener quallenhafter Tiere, die mit Hilfe eines stolz geblähten Purpursegels aufrecht dahinfuhren.

Dieses Segel brauchte in Wahrheit nicht bloß der Wind aufzublähen, sondern es war bei der Fahrt schon von sich heraus dick ausgeblasen, indem es einen riesigen hohlen Luftsack enthielt. An ihm aber nach unten ins Wasser hinein hingen in krausem Gewimmel die Einzeltiere, in sinnreicher Arbeitsteilung auch sie in solche gesondert, die bloß fraßen oder bloß tasteten oder bloß für die Jungmannschaft sorgten, also sozusagen Küchenschiffe, beobachtende Admiralsschiffe und Kadettenschiffe im Flottenverband bildeten, während schreckliche Brennbatterien das Ganze verteidigten.

Nun, ich will hier jetzt nicht von den sozialen Wundern solcher Röhrenquallen (Siphonophoren), wie man dieganze Gruppe nennt, des engeren sprechen, wie es mir auch fern sei, mich etwa ganz im allgemeinen über Flotten zu verbreiten, deren Hauptteil sich, näher besehen, als eitel luftige Blase erweist … Sondern was interessiert, ist die Methode in solcher Physalienblase.

Kein Zweifel, daß hier Luftballon und Unterseeboot in sinnreichster Weise kombiniert sind. In dem Ballon sitzt eine besondere »Gasdrüse« und füllt nach Bedarf eine »Luftflasche«. Bei verwandten Arten führt das eigentliche Unterseeboot noch besondere Bewegungsapparate, sogenannte »Lokomotiven«, in denen hohle offene Quallenglocken heftig pulsend arbeiten. Der Ballon aber, durch ein richtiges Ventil reguliert, läßt das Ganze beliebig auf- und absteigen und gibt ihm Haltung. Bei der Karavelle ist es, als wolle er sich ernstlich ganz aus dem Wasser erheben, aber das Tiefenboot hält ihn als Fesselballon genau in der Fläche fest.

Unwillkürlich denkt man daran, was Tiere auch sonst schon alles gerade auf diesem scharfen Rain zwischen Wasser und Luft angestellt haben, – wie sie herumbalancieren auf dieser schier mathematischen Scheide des Elements.

In der gleichen hohen See, wo die Purpursegel der Karavellen stolzieren, laufen (unser Chamisso hat es mit zuerst gesehen) langbeinige Wasserwanzen regelrecht auf dem blanken Wellenspiegel selber Schlittschuh.

Sie machen's wenigstens von oben, aber unsere ganz gewöhnliche Schlammschnecke, die Limnäa, vollführt gar das Kunststück, von unten sozusagen am Luftspiegel entlang zu kriechen, wobei sie mit ihrem ganzen Hausehuckepack nach unten hängt; eine ganze Literatur existiert darüber, bald sollen abgesonderte Schleimbänder, bald kahnartige Höhlung der scheinbar an der Luft Schlittschuh laufenden Sohle das Unmögliche möglich machen, während mir die Sache immer noch etwas von Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog, bewahrt, so sicher auch das Faktum feststeht.

Jedenfalls aber sind auch so die Naturleistungen der Karavelle in zwei menschliche Technikgebiete zugleich hinein unwiderleglich. Aber wieder auch mag man das alte Argument anbringen. Der Karavelle ist ihr Ballonboot schon natürlich gewachsen am Leibe, ihre Gasdrüse und Luftflasche hat sie von Kindheit an als Erbe mitbekommen. Um die Analogie zur Menschentechnik wirklich zu finden, möchte man aber ein Tier sehen, das selber erst mit Luft wirtschaftet als Material, das sich ein Unterseeboot selbsttätig baut und nun damit das Prinzip des Ballons kombiniert. Das äußerlich noch einmal schafft, was die Karavelle, wer weiß woher, einfach bekommen hat. Nun, wenn die Frage so liegt, so läßt sie sich doch auch noch wieder ihr Stück im Tierreich weitertreiben.

Da sind wir im Teich, und es tauchen allerhand dicke Käfer auf, Schwimmkäfer verschiedener Sorten. Ein Käfer ist auf jeden Fall bereits ein weit höher entwickeltes Tier als eine Qualle. Man wird erwarten dürfen, daß manches bei ihm auch entsprechend schon beweglicher, im rechten Sinne gesagt, schon vergeistigter eingerichtet sei; auch in dem höheren Tier muß man ja noch mit gewissen vererbten Instinkten für das Geistigerechnen, die dem einzelnen sozusagen die Schule ersetzen, aber auch so läuft alles doch über eine weit vertiefte Bahn, daran ist kein Zweifel.

Nun sind die Käfer ersichtlich von Ursprung Landbewohner gewesen und hatten also für ihre Organe der Atmung Freiluftatmen als Methode mitbekommen. Nachher aber sind einige im stillen Teichwinkel wieder ins Wasser gegangen, ohne daß sich doch ihr Organ dazu wieder ganz mitumgewandelt hätte. Und so brauchen sie da unten Luft; da das Organ sie ihnen aber nicht nach Art der Fischkiemen aus dem Wasser selber zieht, müssen sie sie nachträglich erst sozusagen durch ihrer Hände Arbeit beschaffen, – damit begann aber für sie zunächst wirklich schon ein sehr viel freieres Wirtschaften mit dem Luftstoff.

Sie holen sich nämlich händeweise oder, um es mit der Freiheit des Naturforschers gerader herauszusagen, teils kopf-, teils hinterteilweise kleine Portionen Freiluft von der Oberfläche, aus der sie die betreffenden Körperteile einen Augenblick herausstrecken, ins tiefe Wasser hinunter, stets einen Schluck direkt in die Atemröhren, aber außerdem auch noch einen mehr oder minder dicken zur Reserve, der unter den Flügeldecken wie in ein Fläschchen gefüllt oder mit dem Haarfilz um den Bauch gebunden wird. Auch der Reserveschluck in der Flasche dient in diesem Falle zur eigenen Luftatzung. Daß er an und für sich gleich dem Ballon der Qualle mit ihrer Luftflasche den Körper des Schwimmers etwas leichter macht, ist dem Käfer sogar gar nicht immer genehm, denn er muß es ersetzen durch verstärkte Arbeit beimWiederhinabtauchen. Aber das Bedeutsame bleibt diesmal: das Tier holt sich, einerlei zu was für einem Zweck, ein Stück fremder Luft äußerlich hinunter, es beginnt wirklich zu wirtschaften mit Luft wie mit einem fremden Material, das man aufgreift, wie einer sich ein Stück Butterbrot in die Tasche steckt oder ein beliebiges Stück Holz oder Stein von dort fortnimmt, wo es sich bot.

Was verschlüge es, wenn unser Wasserkäfer das, was er jetzt noch als Püllchen oder Stüllchen bloß zu sich gesteckt hat, eines anderen Tages doch auch selber verwertete für irgendeinen luftgefüllten Unterseebau? Eines anderen Tages – eines Entwicklungstages heißt das wieder, natürlich.

Hier ist aber nun wiederum kein Zweifel, daß solcher Käfer etwas kann, was die Karavellenquallen unbedingt noch nicht konnten: er kann nämlich überhaupt schon eine Sache selbsttätig bauen.

Der riesige schwarze Kolbenwasserkäfer unserer Teiche, den jeder sammelnde Schulknabe schon kennen lernt, bewährt diese Kunst zwar noch nicht eben an Häusern, aber er hat sich eine Spezialität ausgesucht: er ist berufsmäßiger Hersteller von Kinderwiegen. Da auch er ins Wasser gegangen ist (an und für sich ist er kein besonders glänzender Schwimmer und stammesgeschichtlich ist er auch kein »verwässerter« Karabide wie die anderen, besseren Schwimmkünstler dort, die noch bekannteren Gelbränder), müssen seine Kinderwiegen aber zugleich Mosesschifflein sein, also auf alle Fälle mit Wassertechnik gebaut werden.

Seit langem sind diese Mosesschiffchen als eine der niedlichsten Naturleistungen bekannt. Der große satansschwarze Kerl treibt im werdenden Mutterstande aus Warzen seines Hinterleibes eine zu weißen Fäden erstarrende Substanz hervor nach ungefährer Art der Spinne. Sonderte er sie bloß ab, so bliebe die Sache beim einfach Organischen, wie bei den Taten der Qualle. Aber darin eben bewährt sich nun das Prinzip des Selbstbauens, daß der Produzent oder, besser gesagt, die Produzentin aus den Fäden sich selber eine hübsche, hinten geschlossene Hose um den Hinterleib webt. In dieses Büchschen als Nest legt sie dann Ei um Ei, bis deren eine tüchtige Fracht in den sicheren Hosenboden hinabgesackt sind. Jetzt läßt sie den Rest des Raumes leer, indem sie sich selber ganz herauszieht, an der ledigen Hose wickelt sie auch noch die offene Seite mit einem richtigen langen Zipfel zu, und das Mosesschiffchen ist fertig. Die Eier im Fond, die Zipfelspitze emporgerichtet, so liegt es als kleiner Ballon im Wasser, sei es an schwimmenden Blättern verankert oder auch frei schwimmend, aber immer doch gestellt, daß es nicht dauernd aus der Balance geschaukelt werden kann.

Es ist nur eine Kinderwiege, und wenn er sie vollendet hat, überläßt der Käfer sie ihrem Schicksal wie in der Mosesgeschichte. Aber wie wenig Arbeit erforderte es mehr: und der gleiche große schwarze Satan würde sich aus dieser Hose einen dauernden eigenen Schlafsack bauen, oder er würde auch den weiten zu einem großen Unterschlupf im ganzen, einem Unterseeboot, in dem er aus und ein gehen und wohnen könnte.

Und warum sollte er, der gewohnheitsmäßig Luft sozusagen stückweise in seinen Teichgrund hinabzuholen weiß – warum sollte er dieses unterseeische Haus nicht selber erfüllen mit solcher herangeschleppten Luft, tragen lassen durch Luft, wohnlich und bekömmlich für sich machen durch angesammelte, darein eingesperrte Luft?

Argyroneta, die Silberumsponnene, heißt sie, die das alles wirklich vollbringt, die ihr Mosesschifflein zum silbernen, aus Duft und Luft gewebten Nixenhause ausgebaut hat.

Sie gehört einem anderen, uralten Parallelstamme der Insektenentwicklung an, der wenigstens in diesem Falle aber recht eigentlich als der erfinderische alte Onkel neben dem täppischeren Neffen steht. Argyroneta, deren Name wie ein Vers Homer klingt, ist nämlich im gleichen Käferteiche unsere kunstreiche Wasserspinne.

Sie steht im Ruf, etwas liebenswürdiger zu sein als andere Spinnen, ihr Weibchen frißt das Männchen nicht nach den Flitterstunden auf, wie das sonst in diesem Pfui-Spinnenreiche öfters Brauch ist; aber vor allem ist ihre Spezialität noch unvergleichlich weit über den Käfer hinaus das »Luftfangen«.

Der brave Schildbürger, so hören wir, gedachte das Licht brockenweise in einer Mausefalle zu fangen. Das Silberkind vom Spinnenlande weiß das in seiner Art wenigstens mit der Luft zu machen, sie sperrt Brocken Luft in eine Falle und benutzt sie dann – als Bausteine. Auch sie muß wie der Käfer immer Atemluft mit ins Wasser nehmen, denn auch sie ist nur ein zum Nix verzaubertes Sonnenkind von da oben. Solche mitgeholtePerle Atemluft ist es, von der ihr Leib immer so wie mit Silber umflossen erscheint, wenn sie ihren Nixenteich durchquert. Und auch sie hat, ist sie doch nicht umsonst selber Spinne, noch vermehrt die Spinnfähigkeit des schwarzen Käfers. Indem sie aber beides jetzt kombiniert, schafft sie aus umsponnener Luft sich den wunderbaren Baustein ihres Hauses.

Angeklebt an ihre Spinndrüsen, werden mächtige Perlen Luft noch unabhängig von der silbernen Atemrüstung von ihr in die Tiefe hinabgerissen. Solche Perle aber wird mit dem Klebstoff umfirnißt, vom Wasser abgeschlossen, und nun ist sie Baustein. Nun wird an geschützten Fleck zwischen Wasserpflanzen Luftstein um Luftstein dieser Art hinabgezaubert, vereint und verankert im ganzen, bis das wunderbarste Lufthäuslein fertig ist, eine Taucherglocke, aus Spinndunst und Luft ätherisch gewebt, an Spinnwebankern ruhend, ein durchsichtiges Unterseeboot, das der Silbernixe oder Silberhexe (denn ein böser Räuber bleibt sie ja in all ihren Zauberkünsten) nun alles in einem gibt: Unterschlupf und die sehr erwünschte ungestörte Schlafkammer, das Försterhäuschen, wohin sie ihr Jagdwild bringen kann, ihr Brautgemach und in vielen Fällen auch ihre Kinderstube, zu deren Zweck sie noch einen besonderen undurchsichtigen Gespinstvorhang über die Kuppel ihres schimmernden Kristallhauses hängt. Von diesem verankerten Unterseekahn läuft sie seiltänzerisch auf schwindelnden Planken ihrer Spinnfäden in die Jagdgründe hinaus, angetan dann mit dem silbernen Hinterhelm ihrer Jagdtaucherglocke; zu ihm kehrt sie immer wieder als dem behaglichenHeim zurück nach vollbrachter Arbeit. Die Liebespaare aber legen ihre Unterseekähne nahe nebeneinander vor Anker und bauen von Kahn zu Kahn einen gedeckten Gang – so wie sich in menschlichem Idyll auf abendlich ruhendem Kanal wohl eine Planke von liebender Hand von Apfelkahn zu Apfelkahn legt oder vorzeiten die Pfahlbauerliebe sich nächtlich in ihrem Einbaum geräuschlos unter den Pfählen des Wasserdorfs hindurchstahl.

So wunderbar wie die Meisterin Argyroneta hat die Technik, mit Luft Unterseewohnungen zu bauen, keiner mehr erlernt. Auf das Prinzip des Bauens mit gefirnißten Luftsteinen sind aber doch mehrere auch sonst gekommen.

Die Labyrinthfische, zu denen unsere beliebten Makropoden der Aquarienfreunde gehören, haben sie speziell wieder für Mosesschiffchen ausgebildet. Obwohl diesmal eigentlich Wasserluft atmende Kiementiere, holen sich diese merkwürdigen Fische doch regelmäßig auch Freiluft brockenweise von der Oberfläche für besondere Kammern (Labyrinthe) neben ihren Kiemenhöhlen herab, und dabei mögen auch sie auf das Bauen mit Luftstein geführt worden sein. Es dient ihrer Kinderpflege, indem sie große Schaumschiffe aus im Maul herangetragenen Luftperlen, die mit einem Firnishäutchen aus Speichel umgeben sind, herstellen. Unter diesen am Wasserspiegel ruhenden Luftkähnen legt nun das Weibchen seine Eier ab. Meist steigen die Eier schon vermöge eigenen Leichtgewichts zum Spiegel empor, sonst hilft das besorgte Männchen nach. Sie müssen nämlich nahe zur reichenSauerstoffschicht oben, sonst gehen sie ein. Unmittelbar dem grellen Sonnenlicht dort ausgesetzt, würden sie aber wiederum Gefahr leiden, auch leicht Feinden zum Opfer fallen. Und hier schützt nun äußerst sinnreich, daß sie von unten gegen das Schaumschiff prallen, das sie zugleich festhält und deckt und dessen gefangene Luftperlen den Sonnenglanz durch starkes Reflektieren sozusagen wieder ausschalten.

Wer aber zum Schluß auch noch fordert, daß der Erbauer selbst mit seinem Unterseeboot aus Luft dahinfahre, anstatt es bloß wie einen ruhenden Apfelkahn zu verankern, der muß die Blauschnecke Janthina im freien Meere aufsuchen.

Blau ist ihr Reich, das sie durchfährt im Meeresblau, blau wie das Meer ihre Schale. Aber nicht durch diese blaue Schale fährt sie dahin. Der Ballon, an dem sie hängt, ihr luftgewebtes Ballonschiff, ist abermals ein mächtiges schwebendes Schaumschiff, das sie sich selber erbaut hat, indem sie mit ihrem ungefügen Schneckenfuß (oder was man bei Schneckenleibern so nennt) Luftperle um Luftperle gleichsam aus der Freiluft herunterschlug und dann ebenfalls mit Schleimkleister ins Wasser hinein absperrte und verkittete. Auch ihr dient das Luftboot zugleich als Mosesschiffchen, an dessen Unterseite die Mutter ihre Eier hängt.

Wir sind wieder am Ort, von dem wir ausgingen. Im gleichen schönen Meeresblau wie die Blauschnecke segeln die Quallenflotten mit ihren Luftflaschen. Aber was dort Organ war, ist hier eigene Arbeit: das Boot aus Luft.


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