Der Gespensterzug der Lemminge

Der Gespensterzug der Lemminge

In den letzten zehn Jahren hat sich in Skandinavien mehrfach hintereinander wieder ein uraltes Volksgespenst sehen lassen: der mysteriöse Massenzug der Lemminge.

Heute geschieht ja da drüben besonders viel für die Bauernbildung, und ich weiß nicht, ob man sich im Winkel noch als echt weitererzählt, was mindestens in früheren Jahrhunderten dort für eine unerschütterliche Wahrheit galt. Da aus der alten Gespenstergeschichte aber bis heute eine heftige wissenschaftliche Streitfrage ausgegangen ist, mag es an der Zeit sein, einmal wieder davon zu reden.

Des grausen Märchens Inhalt war, daß es in diesem doch durchweg nicht allzu üppigen Lande eine besondere Landplage gebe, die alle paar Jahre zum Verdruß auf die Bauern fiele. Über Nacht zögen Wolken auf und ließen regnen, und wenn der Tag den Schaden besähe, habe es tausend und aber tausend lebendige große Mäuse geregnet, hübsche Tierchen in Gelb und Schwarz wie die überseeischen Meerschweinchen, aber gefräßig wie nur irgendeine Feldmaus, ja den orientalischen Heuschreckenschwärmen gleich, vor denen alles Laubgrün bekanntlich im Nu vergeht wie unter einem Gifthauch. Entsprechend ihrer unerhörten Herkunft flössen diese Tiermassen wie ein reißendes Wasser von der Höhe zu Taldurch das Land, rasten und fräßen sich fort über jedes Hindernis, bis sie endlich auch gleich einem regengeschwellten Bach in einen See oder das große Meer einmündeten, wo sie dann allesamt jämmerlich ertrinken müßten.

Dieser wilde Tierstrom war der berühmte und berüchtigte »Lemmingzug«.

Die ersten einheimischen Geographen und Zoologen da oben, im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, nahmen die Sache noch ganz so als buchstäblich wahr und stritten sich bloß zunächst über das Problem, ob die betreffende Wolke jedesmal Lemminge aus sich selbst erzeuge oder ob das kleine Plagevolk irgendwo in ferner Gegend vom Sturm mitgerissen und dann erst wieder am Fleck herabgeschüttelt werde. Dem Geist der Zeit von damals erschien das erste meist als das Amüsantere und deshalb als das Wahrscheinlichere.

Dieser im ganzen leider allzu amüsanten Legende aber machte im Jahre der Thronbesteigung unseres großen Friedrich der naturgeschichtlich nicht minder große Linné ein Ende. Nach ihm, der sein eignes Land schließlich doch kennen mußte, handelte es sich um eine wirkliche Sorte Maus, die nicht nur in der Gefräßigkeit, sondern auch sonst durchaus irdisch-realistischer Natur war. Die Wolke, die sie ins Tiefland spie, war aber in Wahrheit das Gebirge. Dort lebten die Lemmingmäuse für gewöhnlich im kärglichsten Gebiet. Ab und zu aber kamen sie als großer Wanderzug von dort zu Tal, und dieses plötzliche Auftreten der stets nächtlich vorrückenden Tiere erzeugte die abgeschmackte Sage vom Lemmingregen. Dasklang nun recht ernüchternd, ja fast langweilig, wenn nicht doch ein interessanter Punkt auch so geblieben wäre. Er betraf die Wanderung selbst.

Mit stärksten Farben erzählte auch Linné von ihr: wie das vieltausendköpfige Volk tatsächlich einem reißenden Strom an Zähigkeit und Folgerichtigkeit gleich daherkomme, einem Menschen nicht ausweiche, sondern sich zwischen seinen Beinen durchzuwälzen suche, durch einen im Wege liegenden Heuschober ein Loch fresse, anstatt ihn zu umgehen, über Bäche und Ströme unter tollsten Opfern setze und, fahre ein Nachen darin vorbei und kreuze die schwimmende Masse, diesen Nachen erklettere, um auf der anderen Seite wieder ins Wasser zurückzuspringen.

Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte, daß der lebendige Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung des Flachlandes bedeute, daß die Tiere sich durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam selber umbrächten, in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den Arm würfen, in Hekatomben beim Durchqueren von Seen oder gar im Meer ertränken und zuletzt einfach alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins Blaue zugrunde gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe Heimat wieder erreichte – so schien das zwar kein Wunder, aber doch einen Gipfel zweckwidriger Unvernunft in der sonst so zweckschönen Natur zu bedeuten, der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an diesem Faden wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb Jahrhunderte zu einer Art von fachzoologischemGespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber nie etwas Rechtes bewiesen werden sollte.

Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch dieser Nimbus jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde allmählich auch etwas altersgrau – aus neuerer, ganz heller Zeit aber blieb es lange merkwürdig still von neuen Lemmingzügen. Und als gar der treffliche Brehm in Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein Mensch dort aber etwas vom reisenden und rasenden Lemming gewußt hatte, da meinte schon mancher, man dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der anderen schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen.

Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon fast totgesagt, erlaubte sich doch wieder zu schwärmen, und noch in den letzten Jahren, wie gesagt, ist er wieder von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés Tagen. So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem Gespenst auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es zu bannen mit einer vernünftigen Erklärung des rätselhaften Todeszugs.

Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre mit all ihren Folgerungen müsse einpacken, wenn ihm einer einen tierischen Instinkt nachweisen könne, der einfach sinnlos darauf ausgehe, die betreffende Tierart, die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des Lemmingzuges doch mehr oder minder auch noch eine »Methode« zu finden.

Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den seltsamen Kerl in seiner normalen Heimat genau studierte.Obwohl eine echte Wühlmaus, also nächstverwandt unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen Gebirge nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen dem tieferen Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen Schnee ganz oben ist seine Welt dort, jener karge Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die Zwergbirke, dieBetula nana, die nur mehr als eine Art Heidelbeere am Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger Tisch ist da oben gewiß nicht, zumal unser Lemming nicht die echte Murmeltiergewohnheit besitzt, den Winter zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen, und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas mehr gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her.

Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders mildes Jahr, und in solchem fetten Stande schwillt die Nachkommenproduktion der kleinen Tundralemminge ins Ungemessene an. Im folgenden macht sich das unheimlich in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in erklärlicher klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer Sommer eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende wirkliche Not. In solchen Tagen, heißt es, werde das jahrelang still da oben seßhafte Völklein unruhig. Es strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets, wandere vor allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen erhabeneren Sitze massenhaft aus.

Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos aneinander. Nun aber soll wieder daran die große Wanderung hängen.

In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner Welt der Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartigeund ihm unbehagliche Bedingungen. Und da fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu sondieren – diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung, sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen verwegenen Vorstoß ins Ferne und immer Fernere, der aber bei der geographischen Situation, die anstatt in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das wahre »Ende der Welt« führe, jedesmal im allgemeinen Verderben enden müsse.

In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke.

Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade dieser explosive Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt, wie er ausgelöst werden könnte – wenn er in den Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es nun noch mancherlei zu denken und zu bedenken.

Man hat beobachtet, daß die Wanderexplosion nicht bloß vom Waldgürtel des Gebirges zu Tal, sondern auch vom eigentlichen Lemminggebiet nach oben in die Schnee- und Gletscherwelt erfolgt, wo natürlich die armen Weltfahrer noch rascher elendiglich absterben müssen als unten. Von Anfang an muß also die Wucht des Wandertriebes enorm sein, die selbst in diese unmittelbare Öde jagen kann.

Dann aber hat man an dem Zuge selbst gewisse merkwürdige Einzelheiten wahrgenommen. Die ziehenden Tiere kommen wohl in großen Scharen daher, zäh jedesmal im Absteigen den gleichen, nämlich wohl den geographisch bequemsten Straßen folgend, aber im Trupp geht jeder Einzellemming streng für sich, mit ordentlichemZwischenraum zum nächsten, und wenn zwei Pilger sich doch zufällig nähern, so gibt es stets eine böse Beißerei. Ein bissiges, zänkisches Gesindel sind sie ja durchweg auch sonst, und ein Beobachter wollte das ganze Wandern noch mehr aus dieser wachsenden Unverträglichkeit bei größerer Menge erklären anstatt aus der eigentlichen Nahrungsnot. Vielleicht aber hängt eben mit dieser hochgradigen Wanderfeindschaft, die immerhin doch etwas Sonderbares hat, wieder etwas zusammen, das von verschiedenen Beobachtern einstimmig erwähnt wird: es sollen nämlich bei den skandinavischen Lemmingen die großen Explosionszüge fast ganz aus jüngeren Männchen bestehen. Tiermännchen unter sich sind ja stets beißwütiger. Nun ist aber wiederum dieses einseitige Geschlechtsverhältnis aus der Nahrungsfrage nicht erklärt, und es sieht nach einem besonderen Geheimnis noch hinter allem aus.

Ist die treibende Kraft der eigentlichen Explosion etwa unerfüllte Liebe? Stellt sich bei der Überproduktion ein Mißverhältnis der Geschlechter mit zahlreichen zwangsweisen Junggesellen, die nicht zur Heirat kommen können, ein, und ist es der ungestillte Trieb dieser »Supernumerare«, der eigentlich in dem Wanderfieber steckt?

Das würde erklären, warum dieses wie ein entfesselter Strom dahinfließende Wandervolk auch vor keinen »Fleischtöpfen« unten mehr zum Stillstand kommen kann, sondern rastlos gepeitscht immer weiter sucht und sucht bis ins eigne Verderben. Das Drauflosgehen bis zum Sinnlosen würde, wenn man es erotisch, aus einer ungestillten Leidenschaft, erklären könnte, wohl seine guteAnalogie im Benehmen der meisten anderen Tiere in der »Liebesraserei« finden.

Schließlich bleibt aber auch bei dieser erotischen Hilfe, daß auch sie doch offenbar einen sonst schon geregelten Instinkt auslösen muß. Daß die Wanderlemminge sich nicht einzeln regellos da und dort zerstreuen, daß sie, obwohl knurrend von Pilger zu Pilger, im ganzen zusammenhaltende Trupps bilden, die zusammen aufgebrochen sein müssen und eine gemeinsame Richtung wahren, und daß diese geregelte Zugform immer wieder, solange man die Erscheinung kennt, die gleiche gewesen ist, obwohl es sich doch bei den Wiederholungen um weit voneinander getrennte Generationen handelt, das alles spricht deutlich für einen solchen festen Instinkt, der jedesmal in Kraft tritt, wenn die äußere Auslösung, das Stichwort gleichsam, gegeben wird.

Aber ein Instinkt zum Verderben der Art?

Hier wird man sich über das Einzelbild gerade dieses Tieres und das engere geographische Bild des heutigen Skandinavien hinaus einen freieren Blick schaffen müssen.

Ähnliche gelegentliche explosive Massenwanderungen kommen nämlich auch bei anderen Tieren vor, zum Beispiel bei verschiedenen Insekten. Sie sind wohl zu unterscheiden von regelmäßigem, friedlichem Wandern, das an den Heimatort wieder zurückführt (wie bei unseren Zugvögeln), wie von wirklichem Auswandern oder Vorrücken einer ganzen Art. Stets handelt es sich dabei um eine Abstoßung von Überproduktion in die Weite hinaus, während die eigentliche alte Normalziffer der Bevölkerung ruhig an ihrem Sitz verharrt.

Unwillkürlich wird man dabei an menschliche Dinge erinnert. An die alte Geschichte vom »Ver sacrum«, dem Weihefrühling. Bei antiken Völkern wurde gelobt, eine ganze Kindergeneration in den Reifejahren auszustoßen, in die ungewisse Ferne zu schicken. Die Samniter in der römischen Geschichte sollten so entstanden sein. Die Sache wird religiös erzählt, aber sie könnte auch sehr praktische Gründe bei Übervölkerung gehabt haben.

Bei jenen Tierabstößen aber könnte in diesem Sinne nun ein doppelter Nutzzweck für die Art herauskommen.

Einmal, wenn die Abgestoßenen wirklich alle zugrunde gingen. Die Zurückbleibenden blieben dann ohne erhöhten und vielleicht zerstörenden Daseinskampf im alten Statusquo. Es wäre ein grausiges Mittel – ein besonderer Wanderinstinkt, bei so und so viel Einzeltieren der Art zeitweise ausgelöst, damit sie sich zugunsten der Art opferten, indem sie ins Blaue rasten, dem sicheren Tode zu.

Aber ich glaube, es gibt einen zweiten und milderen Fall, der wohl auch bei jenem menschlichenVer sacrumeigentlich als das Normale vorgesehen war. Der abgestoßene Schwarm findet auf seinem Wege eine neue Heimat. Eine andere günstige Stelle, wo die Art sich neu ansiedeln kann oder wenigstens Artgenossen leben, denen eine Blutauffrischung günstig zustatten kommt. Hier hätte die Art rein positiven Vorteil durch stärkere Ausbreitung und erhöhte Kraft. Und diesem Sinn würde auch das rasend Schnelle des Zuges besonders gut dienen, während es für den reinen Todeszweck belangloserwäre: es gälte in kürzester Frist möglichst große Strecken zu überqueren, ob der Zufall ein gutes Neuland zeige, – je weiter hinaus, desto größer die Chance.

Nun freilich: bei den skandinavischen Lemmingen von heute kommt es immer nur zu einem Todeszug: sie vergehen alle in der Ebene oder im Meer. Hier scheint also unabänderlich heute wenigstens nur der erste Fall zu gelten.

Indessen wir erinnern uns an Geologisches. Solche Tierarten mit ihren Instinkten leben ungeheure Zeiträume hindurch. In solchen Zeiten aber ändern sich Festländer und Meere. Skandinavien ist nicht immer so zu größten Teilen inselhaft gegen das Meer geöffnet gewesen und wird es schwerlich in Ewigkeit sein. Wenn eine Landbrücke über Nord- und Ostsee es heute mit Deutschland verknüpfte, könnten auch die rasenden Lemmingzüge zuletzt wieder auf wirklich geeignetes Gebirgsland stoßen; solche Zustände haben aber in geologischen Tagen geherrscht. In der Diluvialzeit ist durch die großen eiszeitlichen Klimastürze zeitweise sogar die Tundra selber bis tief nach Mitteleuropa hinein gekommen, und entsprechend findet man Lemmingknochen aus diesen Tagen dort überallhin wirklich verbreitet.

Also andere Zeit, ein anderes Lied. Am »Sinn« aber werden wir auch hier noch lange nicht zu verzweifeln brauchen!


Back to IndexNext