Die Entdeckung des Riesenklippdachses

Die Entdeckung des Riesenklippdachses

In meiner Bibliothek stehen ein paar kleine alte Bände mit zierlicher Rückenvergoldung – die erste Ausgabe von Cuviers »Tierreich« von 1817.

Nach solchem alten, ehrwürdigen Bändchen greift man heute nicht leicht, um sich über laufende Fragen der Tierkunde zu unterrichten. Es muß schon mehr in Sonntagslaune sein, wenn man sich einmal an der Stimmung einer Zeit ergötzen will, die zwar weit hinter uns an zoologischem Wissen stand, die aber eines immerzu noch erleben durfte, das uns fremder wird: nämlich ganz große Sensationen, Überraschungen dieses Wissens.

Eine solche Sensation ersten Ranges steht dort bei Cuvier beschrieben, wenn er von dem Tier spricht, das nach einem übertragenen Namen der »Klippdachs« heißt; mit unserem bärenartigen Raubtier Dachs hat es nichts zu tun; man nennt es auch »Klippschliefer«, das heißt: einen, der in engen Klippenspalten gern unterschlüpft (schlieft). In Luthers Bibelübersetzung figuriert es als das »Kaninchen« der palästinensischen Felsen.

Die Klippdachse sind kleine, dick bepelzte Geschöpfchen vom Habitus mittlerer Häschen oder großer Meerschweinchen, die von Syrien bis zum Kap teils so in Höhlen »schliefen«, teils hoch im Urwaldgezweige fast affenhaft ihr Wesen treiben. Kein Mensch, der sie so sieht, wird sie wirklich für etwas viel anderes halten alsKarnickel oder Eichhörner, zumal wenn er aus ihrem Mäulchen auch noch die spitzen oberen Vorderzähne anscheinend völlig nagetiergemäß vorstehen sieht.

Als Nagetiere waren sie denn auch von den Zoologen bis auf Cuvier verrechnet worden. Er aber mußte jetzt den inhaltschweren Satz drucken lassen, diese Klippdachse seien eine »sorte de rhinocéros en miniature«; sie hätten die Backzähne des Nashorns und trügen an den meisten ihrer Zehen kleine Hufe!

Man muß in den Quellen der Zeit die Entrüstungsrufe der übrigen Zunftgelehrten von damals lesen, daß so etwas möglich sein sollte: ein Nashorn von der Größe eines Kaninchens!

Aber Cuviers Ansehen war zu gewichtig, um dauernden Widerspruch aufkommen zu lassen. Der Klippdachs ist wirklich fortan bei den Huftieren und versuchsweise immer wieder in der Nähe des riesigen Nashorns in den Listen der Tierforscher geführt worden, so schwer's auch fallen wollte; aber man wurde das Gefühl eines Rätsels dabei nicht los, das seiner wahren Lösung noch harrte.

Inzwischen wurden sein Leibesbau und seine Lebensweise von vielen und immer eingehender studiert. Man stellte jene Tatsache fest, daß er auch auf Bäume klettern konnte, was dann für ein Rhinozeros noch grotesker wirken mußte. Unser großer deutscher Reisender Schweinfurth sah ihn an steilen, glatten Felsen in so unmöglichen Lagen auf und ab turnen, ja todeswund noch wie angeklebt haften, daß er auf eine besondere laubfroschartige Saugkraft seiner Füßchen raten mußte, die in derTat beim Einziehen und Ausdehnen eines Spalts im Sohlenpolster durch Luftverdünnung zustande kommt – ein Rhinozeros mit Laubfroschfüßen auf polierten Rutschflächen!

Im übrigen Körperbau kamen aber auch immer neue Seltsamkeiten ans Licht. Die Hufe waren eine Vereinigung von affen- oder menschenhaften Nägeln mit dem echten, die Fingerbeere ganz umgreifenden Sohlenhorn des Hufs. Aus dem Pelz ragten überall einzelne lange Tasthaare vor, deren Gebrauch unklar blieb. Im Rückenfell umschloß eine abweichend gefärbte Flocke eine kleine Tonsur, deren Zweck ebenfalls im Geheimnis verharrte. Wiederkäuen wurde behauptet, dann wieder abgeleugnet; jedenfalls paßte der Magen nicht dazu.

Je mehr man aber allmählich anfing, Tiere überhaupt entwicklungsgeschichtlich, im Bilde eines Stammbaumes, zu ordnen, desto dringlicher mußte die Frage werden, an was für einen Ast des großen Stammbaumes man diesen verdrehten Gesellen mit seinen Saugfüßchen denn nun tatsächlich kleben solle?

Das Nashorn selber kam dort zweifellos zu Pferd und Tapir. Unter den Pferdeahnen waren vorgeschichtlich auch kleine Geschöpfe gewesen. Aber ihre speziellen Knochenreste, als man sie fand und zusammensetzte, wollten wieder gar nicht zum Klippdachs stimmen.

Viele Jahrzehnte galt es als eine Hoffnung der Versteinerungskundigen, endlich einmal vom Klippdachs selber urweltliche Reste zu entdecken – ob die den Schleier lüfteten. Würden auch sie uns kleine Tiere weisen, so daß der lebende Schliefer ein echtes Überbleibselwenigstens der allgemeinen Zeit wäre, in der alle Huftiere, auch die größten, auch Nilpferd und Nashorn, klein angefangen hatten? Oder würden sie wirklich jetzt nashornhafte Riesen von Klippdachsgestalt zeigen, eine Ahnenschaft der entsprechend Großen, von der unser lebender Freund spät erst und jämmerlich zu seinem Zwergenmaß wieder heruntergesunken wäre?

Lange aber wollte kein einziges Knöchelchen dartun, daß überhaupt schon Klippdachse in der tierreichen Vorwelt gelebt hätten.

Merkwürdige Verwandte unserer Nashörner von heute fanden sich ja unter dem Urweltsvolk genug. Da hatte es in Nordamerika (wo heute überhaupt kein Nashorn mehr existiert) Rhinozerosse gegeben mit ganz kurzen Beinchen wie ein Teckelhund; andre, die überhaupt kein Horn auf der Nase trugen, dafür aber Dickköpfe mit gewaltigen Eckhauern führten wie ein Nilpferd und auch nilpferdhaft amphibisch lebten; und noch wieder andere, die ihren hornlosen Nashornkopf auf langen Hälsen trugen und die gewandtesten schlanken Galoppierbeine des Pferdes anzunehmen begannen. In den nah verwandten sogenannten »Titanentieren« (Titanotheria) hatten die Hörner umgekehrt wahre Orgien wilder Gestaltungskraft gefeiert, je zwei nebeneinander (nicht nacheinander) hatten sich auf festen Knochenzapfen nach Art eines Ochsengehörns aus der Nase erhoben, und zuletzt waren hier aus den Zapfenhörnern regelrechte Masken mit weithin vorspringender Knochengabel geworden, die den alten Bullen nicht mehr geschützt, sondern eher wehrlos gemacht haben müssen. Ein Nebenzweigdieser Titanentiere (also immer doch noch im Nashornanschluß) hatte es in dem Wunderwesen Chalikotherium gar zu einer nicht mehr trabenden, sondern grabenden Form gebracht, die bei Rhinozerosmaßen des Körpers statt Hufen mächtige krumme Grabkrallen wie ein Riesengürteltier besaß. Aber kein echtes Klippdachsnashorn fand sich dazu, so sorgsam man auch gerade darauf fahndete.

Unterdessen lenkte der Zahnbau des lebenden Klippdachses gelegentlich aber noch einmal auf einen ganz anderen Gedanken.

Aus dem Maul ragten, wie erwähnt, oben die beiden vordersten Schneidezähne gleich kleinen scharfen Stoßzähnen (beim Männchen kräftiger als beim Weibchen) vor. Diese Stößer waren immerwachsende Zähne mit Emailbelag, die trotz ihrer Ähnlichkeit mit Nagezähnen von dem rein blätter- oder kräuterfressenden Tier doch nie zum wirklichen Nagen benutzt wurden. Dagegen hatten sie eine in jedem Betracht frappante Ähnlichkeit mit den allbekannten Elfenbeinstoßzähnen des – Elefanten.

Der Elefant ist nun auch ein großes altertümliches Huftier und als solches im weitesten Sinne natürlich auch mit dem Nashorn urverwandt; im engeren aber wissen wir ja jetzt (wir haben eben davon gesprochen), daß sein Stammbaum später ganz eigene Wege, unabhängig sowohl von der Nashorn- und Pferdelinie wie auch von der Nilpferd-, Schwein- und Wiederkäuerlinie, genommen hat. Sollte auch der Klippdachs in seiner dunkeln Vorgeschichte am Ende mit dem Elefanten noch näher zusammengegangen sein als dem Nashorn?

Lange tappte auch diese Idee für sich im Dunkeln, da man die Elefantenvorfahren in wirklichen Knochenresten selbst zunächst ja nicht finden konnte. Erst in letzter Zeit ist das, wie gesagt, in Ägypten endlich geschehen. Gerade jetzt aber mischte recht ärgerlich sich auch noch ein grober Fehlschluß in den Fall Klippdachs ein.

Der höchst eifrige, aber etwas voreilige Paläontologe Ameghino in Südamerika beschrieb nämlich plötzlich die angeblichen Ahnen des Klippdachses aus angeblich so uralten Gesteinsschichten Patagoniens, daß sie gar noch in der großen Saurierzeit, in der Kreideperiode, gelebt hätten. Beides war aber falsch, sowohl die Zeitbestimmung wie die Sache selbst; es hatte eine Verwechslung mit echt südamerikanischen Huftieren stattgefunden, die selber, wie in allem, was aus ihnen je geworden ist, niemals über Südamerika hinausgekommen sind und nicht einmal entfernt den Klippdachsen geglichen haben. Leider wurden die betreffenden Tiere in der ersten Hitze »Urklippschliefer« (Archeohyrax) benannt, und dieser Name erbt nun nach dem Gesetz der Erstgeburt in unseren Lehrbüchern fort, obwohl er völlig in die Irre führt. Das Gesetz hat schon manche Not dieser Art gebracht, diesmal aber sollte es ein besonders mißliches Exempel werden. Denn kaum, daß der falsche Urklippdachs im Buche stand (mit dem Vermerk, daß er falsch sei!), so meldete sich wie zum Tort gerade der so lange Gesuchte selbst.

Jenes Fayumgebiet in Unterägypten gab bei Gelegenheit der erfolgreichen Suche nach den dort begrabenenVorfahren der Elefanten nun doch plötzlich eine Fülle auch echter urweltlicher Klippdachsknochen frei. Und das lief jetzt auf eine wirklich große Überraschung hinaus.

Um das Ende des ersten Drittels der Tertiärzeit haben die sumpfigen Waldungen des damaligen nordafrikanischen Kontinents offenbar auch schon sehr zahlreiche Klippdachse bewohnt. Unter ihnen aber wandelte als auffälligste Gestalt damals noch der wahre Riesenklippdachs (Megalohyrax).

In der Größe nahm er es mit dem stärksten Bären oder, wenn wir beim Nashorn bleiben wollen, ungefähr mit einem mittelgroßen Sumatranashorn auf. Ein solcher entsprechend schwerer Riese kletterte natürlich nicht auf Bäume, sowenig er in engen Felsspalten »schliefte« oder sich an glattes Gestein klebte. Das Wasser dürfte er mit seinem schwachen Schwanz auch nicht geliebt haben. Seine kurzen, bei solcher Größe jedenfalls noch nicht so springflinken Klippdachsbeine machten ihn vielmehr wohl zu einem ruhigen Waldgänger, der behaglich das üppige Laub abweidete. Im ganzen Habitus muß er aber sonst schon ein durchaus echter Klippdachs gewesen sein, bloß daß alle Eigenart viel imponierender hervortrat: der dicke Pelz als große bären- oder mammuthafte Wollgestalt, die emaillierten Stoßzähne als wirkliche starke Elefantenstößer. Recht unheimlich muß der Riese ausgesehen haben, obwohl gewiß auch er kein besonderer Angreifer war und von den bösen Raubtieren dieses urafrikanischen Waldes sicherlich viel Not gelitten hat.

Entscheidend aber löst er uns die oben gestellte Frage. Also auch die Klippdachse hatten einmal ihre »großeZeit«. Ganz früh hatten sie diese Zeit schon, in Tagen, wo das Pferd sogar noch klein war. Aber dieser frühe Glanz erlosch auch um so rascher.

Im letzten Drittel der Tertiärzeit hat, wie wir jetzt aus nachträglich richtiger Deutung von Knochenresten auch glücklich wissen, auf der Insel Samos und dem griechischen Festlande noch ein einzeln verspäteter, relativ großer Altklippdachs jener Glanztage fortgelebt.

Auf unsre Zeit aber kam das Geschlecht nur mehr in kaninchenhafter Verzwergung. Bedeutsam aber ist dabei wieder der alte Ort des Glanzes: Afrika.

Offenbar haben die Klippdachse zum ältesten Stamm ursprünglich afrikanischer, in Afrika landes- und geburtseigentümlicher Hufsäugetiere unserer Erde gehört.

Im Gebiß wesentlich noch urtümlicher, weniger einseitig gebaut, verraten jene großen Altformen ihres Geschlechts uns auf der einen Seite jetzt noch deutlich auch ihren Anschluß an die Stammgruppe der Huftiere überhaupt, von der auch alle die geographisch entfernteren (selbst die nordamerikanischen) Formen ursprünglich einmal ausgegangen sein müssen.

So erklären sich die Beziehungen, die den kleinen Schliefer von heute noch in seinem Zahnbau mit dem Nashorn verknüpfen; einzelne jener alten Fayumer gemahnen ebenso und stärker hier auch noch an das Schwein, das heute doch wieder vom Nashorn so weit fernsteht.

Das sind aber eben ganz allgemeine Altersreminiszenzen.

Andererseits muß dagegen für ihre engere afrikanische Fortbildung und Nächstverwandtschaft jetzt entscheidend werden, daß sie in dieser ihrer engeren geographischenWurzelung wirklich nur noch einen einzigen uns erkennbaren, ebenfalls damals hochsteigenden Genossen gehabt haben, nämlich tatsächlich das alte große Wundertier der Sage wie Naturgeschichte – den Elefanten.

In jenen gleichen nordafrikanischen Sumpfwäldern der älteren Tertiärzeit sind ja auch die Elefanten damals hochgekommen aus den relativ kleinen, wirklich sumpfbewohnenden Urelefanten (Möritherien) zu den späteren Riesen.

Wenn nun im Bau der Stoßzähne wie in mehreren Einzelheiten des Fußbaues eine unverkennbare engere Ähnlichkeit auch von Klippdachs und Elefant heute noch besteht, so legt diese geographische Einheit einen solchen Stein jetzt dazu in die Wagschale, daß es fast zwingend zu des Märchens wie der Weisheit letztem Schluß wird: Klippdachs und Elefant gehörten ursprünglich auch körperlich noch länger zusammen, bildeten eine Einheit – und erst in ihrem Afrika selber haben sie sich allmählich getrennt: der Urelefant, indem er zuletzt auf Mastodon und Mammut ins Kolossale ging – der Klippdachs, indem er zum Kaninchenzwerge später sank. Nicht ein Miniaturnashorn lebt uns also heute in diesem Klippdachs fort, wohl aber einMiniaturelefant.


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