Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan

Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan

Zwei neue volkstümliche Heldentypen hat uns der Weltkrieg geschenkt: den Luftfahrer und den Unterseebootfahrer.

Bisher hing an beiden etwas sozusagen Wissenschaftliches, wie meist zuerst bei neuer Technik. Jetzt sind sie in die Romantik der Volksseele eingewachsen: junge Prachtgestalten in der Überfülle sehniger Kraft, mit eisernen Nerven, die, mit der Kinderruhe des Selbstverständlichen im blauen Auge, das Unmögliche möglich machen, leuchtend siegen und, wenn es sein muß, leuchtend untergehen. Die Liebesliteratur der Folge wird sie finden, wenn sie einen modernen Helden braucht.

Bei uns wird eben Technik, was sonst Märchenzauber war. Die Sage hat sie ja zu allen Zeiten und bei allen Völkern schon gehabt, die Wunderbaren, die zwischen uns traten und freiten bloß wie ein schöner Mensch – die aber plötzlich sich dann wieder aus dem Arm der Liebe lösten, ihr Schwanenkleid anzogen und durch die Lüfte davonfuhren oder als Nix in den dunkeln Wassern untertauchten.

Wieder in der Sage selbst aber lag es wie ein tiefes Erinnern, daß der Mensch, Geisteskönig dieser Welt, eigentlich auch das alles beherrschen, besitzen müssein geweihter Stunde, was Fisch und Vogel bereits einmal hatten. Aber nur einzelnen Auserwählten gelang es. Den anderen blieb nichts als unendliche Sehnsucht, wenn der Schwanenritter auffuhr oder Melusine wieder versank. So enden auch die Liebesmärchen von diesen Wundermenschen neuer Elemente durchweg tragisch – das Element, dessen Grenze kühn überschritten war, trennt die Liebenden doch wieder zuletzt, und der Verlassene bleibt der Erde, wenn der andere wieder in seine Wolken oder Wellen kehrt.

Ich weiß nicht, ob es irgendwo eine Sage gibt, wo der Flieger eine Nixe liebt – das Wunderbare das Wunderbare selber; es müßte aber, meine ich, wohl eine besonders traurige Geschichte sein von Himmel und Tiefe, die unmöglich dauernd zueinander können. Und doch hat ihn die Natur auch schon einmal verwirklicht, diesen kühnsten Traum …

Wenn vor dem grauen Nebelhimmel heute eine Schar Wildgänse hoch über uns dahinsteuert – zu jener charakteristischen Keilform geordnet, von der auch unsere Aviatiker sagen, daß sie bei einer Fliegergruppe hinter einem Leitflieger die einzig richtige zur Vermeidung des Luftwirbels vom Vordermann sei –, oder wenn im tiefen grünen Rhein die Pilgerschaft der Lachse still hinauffährt vom fernen Meer bis zum ragenden Alpenfels, – so wissen wir wieder, wie sie früh schon bei Aeroplan und Unterseeboot angelangt war, diese proteisch schaffende Natur. Und wo ihr einer großer Lebensinhalt unerbittlich waltet, der harte Daseinskampf, da gewahren wir auch, wie solches natürliche Luftboot gelegentlichmit dem natürlichen Wasserboot sich wenigstens begegnet im Zusammenstoß solcher Fehde.

Auf dem sonnenüberglänzten märkischen See vor meinem Fenster ist es mir ein alltäglicher Anblick, wie eine der großen schwarzgrauen Krähen urplötzlich ihr gespenstisches Naturluftschiff wie einen Stein lotrecht auf die Wasserfläche herabsausen läßt, um dann beim Wiederaufsteigen im Schnabel weithin leuchtend den weißen Unterseebootskiel eines Fisches in die Lüfte zu entführen. Nicht immer läuft das so einseitig glücklich ab. Wiederholt hat man alte starke Karpfen oder Hechte gefangen, die im Rücken eingewachsen die eisenharten Klauen des Fischadlers trugen: das Boot des Fisches hatte hier, rechtzeitig noch untertauchend, das Flugzeug des Vogels an seiner Harpune mit in die Tiefe gezogen und dann mit der wunderbaren Heilkraft der Natur das furchtbare eigene Leck wieder ausgeheilt.

Um aber auf meine Liebesgeschichte zu kommen, so muß ich zuerst ein Wintermärchen erzählen. Es ist kurz und spielt im Apfelbaum.

In der eisigen Dezembernacht, wenn sonst alles Kerbtiervolk zur Rüste gegangen ist, zeigt sich dort die seltsame Cheimatobia, der Frostschmetterling. In schwankendem Aeroplan von unscheinbarem Grau umkreist er die kahlen Stämme wie der abgeschiedene Geist dieser frohen Sommerkinder vom Falterreich, der in den kalten Tartarus verbannt ist. Er – wohlverstanden aber nur er, der Liebhaber.Siehat kein Flugzeug. Sie ist ein armselig verkümmertes Wesen in dem Punkt, das in solcher Nacht des Frostes und der Naturöde auf deneigenen Zappelbeinchen irgendwo an einem Stamm emporklettern mußte. Da sitzt es nun und wartet geduldig, bis der Schwanenritter aus dem Dunkel auftaucht und zu ihm niederschwebt.

Wie er es überhaupt finden mag? Die Natur hat ja für solche verwickelten Wege ihres Liebeslebens so manchen raffinierten Ariadnefaden. Bei unseren niedlichen Glühwürmchen, jenen kleinen Käfern, wo auch der Jüngling auf etwas unbeholfenem Aeroplan das Luftmeer durchkreuzt, während die ungeflügelte Maid ohne Schwanengürtel an der Küste ihres Moosbodens seiner harren muß, stellt diese Maid ein natürliches Lämpchen bei sich heraus wie Hero ihrem nächtlich anschwimmenden Leander. Die Sage ist nicht so kühn gewesen, im letzteren Falle ihrem schönen Mädchen Locken zu verleihen, die so süß dufteten, daß sie allein in finsterer Nacht den Weg über den Hellespont hätten weisen können. Zu solcher Wirkung denken wir uns kein schönes Mädchen mehr, sondern es müßte wohl schon ein ganzes Land voll aromatischer Düfte sein, wie man die blühenden Küsten der tropischen Gewürzländer oder gewisser Mittelmeerinseln tatsächlich schon über das Meer hin riecht, ehe die Feste selber sichtbar wird. Und doch tut's gerade bei Schmetterlingen wirklich schon das schöne Mädchen allein. Auf zwei Kilometer weit, über alle Qualmfabriken, Wurst- und Käseläden einer ganzen Stadt hinweg (weiß Gott, was das besagen will!) lockt der Duft gefangen gehaltener Pfauenaugenmädchen die jungen Bewerber heran, wie ganz einwandfreie Beobachtungen festgestellt haben. Und so wird wohl auch die verliebteCheimatobia der Winternacht ihren heimlichen Magnet haben.

Aber diese ganze Winterliebe zwischen Erdenmädchen und Luftfahrer bildet doch nur ein schüchternes Vorspiel zu dem, was in abgeschiedener Stille deutscher Gewässer, wo nächtlich die Sterne sich im schwarzen Grunde spiegeln und schwankes Wasserkraut, wie bewegt von unsichtbaren Nixenhänden, mit der dunklen Strömung auftaucht und wieder versinkt, das einzigartige Tier Acentropus vollbringt. In gewissem Sinne das wunderbarste Geschöpf unserer ganzen Heimat! Wenigen erst ist es vergönnt gewesen, bisher einen Zipfel vom Schleier seiner Geheimnisse zu lüften, so unter anderen Zeller und unserem trefflichen Stuttgarter Meister Kurt Lampert, die ihr Studienmaterial an besonders bedeutsamem deutschen Fleck fanden.

Solange wir Menschen von Luftschiffahrt singen und sagen werden, so lange wird uns der Bodensee in der Erinnerung ein geweihtes Stück Erde bleiben. Den alten Reiter traf der Schlag, weil er sich versehentlich über das Eis gewagt. Den bewußten Menschengeist, der sich gerade hier selbstwillig zum erstenmal durch die freie Luft gesteuert, hat kein Schlag beirren können. Viele Jahrtausende aber, ehe der ungeheure Schatten des ersten Zeppelin über diesen schönen Sonnenspiegel ziehen sollte, ist hier wohl schon ein kleiner Schmetterling vom Volk der Zünsler oder Lichtmotten zu verborgener Nachtstunde in seiner Weise nahe dem Wasser hin mit lenkbarem Luftschiff gefahren – nach jener uralten Weise, die das schwache Insektengeschlecht einst in den Sümpfen derSteinkohlenzeit sich mit kühner Neuerung errungen, indem es plattenartige Anhängsel seines Brustrückens zu mächtigen Luftrudern ausgestaltete. Er ist dahingefahren und hat etwas gesucht – auch er ein Schwanenritter – eine Braut, die gleich dem Mädchen im Apfelbaum selber nicht fliegen konnte. Aber was irrt er gerade über den Wassern dabei herum?

Es hat immer etwas Rührendes für den Menschen, auch das einfachste Gemüt, gehabt, wenn er weitab vom Lande auf grauer Wasserwüste solchem einsam verflatterten Schmetterling begegnete. Dem Seefahrer erschien er wie ein Gruß aus der Heimat, aber zugleich auch als ein armer Verirrter, den das Spiel der Winde ins Verderben trieb. Lenau, dessen düsterer Geist hier ein Sinnbild des eigenen zerrissenen Lebens sah, verglich ihn auf solcher Fahrt einem verwegenen Denker, der sich dem Tode voraus ins »Geistermeer« gewagt und nun in der Wüste verloren gehe, »von wannen keine Wiederkehr«.

Aber keinem dort ist wohl je der Gedanke gekommen, daß der zarte Luftfahrer auf seinen zitternden Flügelchen wirklich da draußen etwas suchen könne – in den Wassern selber, über die er mühsam steuerte. Der Schwanenjüngling Acentropus über seinem nächtlich stillen Bodensee aber sucht wirklich und wahrhaftig eben in den Wellen unter sich nichts Geringeres als seine in ein anderes Element verzauberte Braut.

Der Naturspuk hat sie ihm, dem Luftkinde, dem Flieger, verkehrt in ein ewiges Wasserkind, eine Nixe. Diesmal geht der Gegensatz nicht bloß darauf, daß dasgeflügelte Männchen eines Schmetterlings ein ungeflügeltes Weibchen suchen muß. Sondern wenn der männliche Acentropus ein regelrechter Luftschmetterling gleich anderen ist, so ist, mag es noch so unglaublich klingen, sein zugehöriges Weiblein der einzige bisher bekannt gewordene Fall eines Wasserschmetterlings – eines regelrechten Unterwasserschmetterlings. Fisch und Vogel, Unterseeboot und Aeroplan, Nix und Schwanenritter – und diese Gegensätze verteilt auf ein Liebespaar der gleichen Art!

Vom Wesen eines Schmetterlings, der unter Wasser lebt, sich ein Bild zu machen, ist ja schon an und für sich ein gewisses Kunststück. Von der ersten bis zur letzten Stunde seines Daseins haust das Nixenweibchen vom Hause Acentropus ausschließlich in seinem Kristallschloß der Wassertiefe. Nie verläßt es sein feuchtes Reich, auf nichts anderes versteht es sich als auf das Wasser. Im Wasser ist es selber aus seinem Puppenschrein gekrochen. Wenn der gewöhnliche Schmetterling da oben im rosigen Licht, irgendein Admiral oder Fuchs, aus der Puppe kommt, so sind seine Aeroplanflügelchen ja auch zuerst noch eingefaltet und feucht und er muß abwarten und proben, bis er sozusagen »trocken hinter den Ohren« ist, dann aber schwingt er sich frei davon und freut sich ihres prächtigen Tragens. Die Schmetterlingsnixe braucht das alles nicht. Ihre verkümmerten Flügel werden überhaupt nie trocken und reif. Mit den Vorderbeinchen hält sie sich an Wasserpflanzen fest, ganz wie das Frostmädchen an seinem Apfelbaum, während sie die anderen stark befiedertenGlieder beständig wie kleine Schaufelrädchen lebhaft schwingend bewegt.

Und wie sie es geworden, so werden auch ihre Kinder zunächst alle wieder echte Nixenkinder. Unter dem Wasserspiegel im Kristallreich der Mutter kriechen sie als niedliche Wasserräupchen aus den Eiern, leben in kleinen Gehäusen aus Wasserblättern, denen die untergetauchte Pflanze selber Luft gibt, und schlafen ihre Puppenzeit in wohlverankerten, schön silberglänzenden, da auch mit Luft erfüllten Mosesschifflein aus eigenem Seidengewebe aus.

Dann aber kommt das Wunder im Nixenreich.

Aus solcher Nixenpuppe steigt, wenn es ein Töchterchen werden soll, ganz folgerichtig weiter auch wieder ein der Mutter gleicher Wasserschmetterling, eine Nixenbraut, die in der Tiefe verharrt. Da, dort aber ringt sich etwas ganz anderes vor: jeder Jüngling erscheint wieder mit dem alten stolzen Schwanenkleide seines Stammes. Sogleich strebt er auch aus dem Nixengrunde wieder in die freie Lufthöhe hinauf. Er entfaltet dort die Ruderflügel seines schönen natürlichen Aeroplans und könnte nun fern dahinschweben, den Sonnenhalden seiner entfernteren Brüder am Lande zu, weitab vom vergessenen Storchteich der Nixenheimat. Und doch sehen wir auch ihn diesen Weg nicht ganz einschlagen.

Ein dunkler Bann scheint ihn auch jetzt doch noch an die Nähe des Wasserspiegels zu fesseln wie jenen Geisterschmetterling Lenaus. Sein Leben ist kurz. Und doch steckt in ihm noch der große Sinn, dem alles Schmetterlingsdasein zu tiefst geweiht ist: die Liebe. Aber die Nixenmädchen seines Volkes sind ja im Kristallgrundeverblieben. Und das nun bestimmt unabwendbar auch des freien Luftfahrers Tun. In den kurzen Abendstunden, die ihm nur vergönnt sind, muß auch er rastlos über dem verlassenen Kinderteiche schweben, ob nicht doch eine solche Nixe irgendwo auftauche.

Und sie schwimmen in solcher Feierstille der Nacht wirklich dicht zur Oberfläche heran, die Nixenmädchen, auch sie im dunkeln ererbten Wissen des Naturwillens, daß für ihr Geschlecht umgekehrt die Liebe von oben, aus den Himmeln niedersteige.

Und nun vollendet sich, was sonst nur der wilde Kampf vollbrachte, im Frieden der Liebesharmonie.

Das Unterseeboot taucht zur äußersten Grenze seines Wasserbereichs. Der Aeroplan senkt sich bis hart auf den Spiegel. So im Kuß der Elemente finden sich die Liebenden.

In der Sage steigt Perseus auf seinem Flügelpferde herab und erlöst die am Felsen über den Wassern angekettete Braut. Oder in der anderen taucht Leander aus den Wassern zu seinem schönen Mädchen Hero empor. Hier aber vermischen sich alle Legenden. Hero selber taucht aus dem Hellespont, und zu ihr nieder senkt sich im Mondlicht der Schatten des Flügelreiters.

Aber im Märchen von der schönen Melusine stirbt auch der Ritter zuletzt im Nixenkuß zur Sühne einer freventlichen Störung des Geheimnisses im Bund der fremden Elemente. Der strenge Geschichtschreiber der Natur vermerkt hier, daß auch im Hause Acentropus bisweilen, wenn auch ungewollt, der Nixenleib bei jäher Störung der verschwiegenen Liebesstunde den kühnenFlieger ganz in die Wasser hinabziehen soll, also daß der Liebhaber elendiglich ertrinken muß. Auch die Natur scheint der Tragik der vertauschten Elemente also ihren Tribut zu zahlen …

Und vielleicht hat gerade die Gefahr, die hier liegen könnte, den Naturwillen oder die Naturzüchtung (wie man's nun ausdrücken mag – Menschenausdruck bleibt ja immer nur Stückwerk) noch zu dem letzten Wunder genötigt, das uns Acentropus zeigt.

Zu gewissen, angeblich genau geregelten Zeiten entwickelt dieser seltsamste Schmetterling nämlich neben den geflügelten Männchenzweiverschiedene Sorten von Weibchen, von denen die eine ebenfalls beflügelt und zur freien Luftfahrt und reinen Aeroplanliebe geeignet ist. Zu den regelrechten Nixenmädchen und Schwanenrittern erscheint diese Nebengeneration wie eine Art hilfsweisen dritten Geschlechts. Aus den Puppenwiegen steigt mit ihr eine bestimmte Anzahl bevorzugter Bräute auf, die regelrechte Walküren sind, auf ebenso schönen Aeroplanflügeln sich emporschwingen können wie die Schwanenritter selbst und nunmehr in freier Seeluft hoch über den Wassern ihre Helden vom gleichen Element suchen und finden mögen.

Es ist, als gehe hier auch durch das wilde Naturmärchen der Schatten der Erlösung, der den Frosch doch wieder zum Prinzen, den Nixenschmetterling wieder zum Luftfahrer befreit …

Wir aber beugen uns vor den Schauern und Geheimnissen dieses Alls, das immer groß bleibt, ob Du nun zu flammenden Sonnen gehst oder zu der Liebesnachteines Schmetterlings auf stillem See – und aus dem immer etwas klingt – – etwas klingt – – – als wenn es in unseren innigsten Träumen wäre – und doch auch im kältesten Raum da draußen – – – etwas, von dem wir aber eigentlich noch kaum angefangen hätten, es zu begreifen – –


Back to IndexNext