Tendaguru und der Rekord der Saurier

Tendaguru und der Rekord der Saurier

Nordamerika und Deutschland lebten in Frieden. Selbst ihr streitbarstes Material tauschten sie zur beruhigenden Abschleifung gegenseitig aus: den Professor. Indessen man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Im Schoß der Dinge regte sich ein furchtbares Geheimnis. Wurde es endlich ruchbar: wer wußte, was die Folgen sein konnten. Deutschland hatte Nordamerika den Rekord der Dinosaurier abgewonnen!

Nordamerika wahrt nicht mehr den Ruhm, das Vaterland des größten und interessantesten Scheusals zu sein, das die feste Erde je getragen hat. Auf deutschem Kolonialboden ist ein noch größeres gefunden worden …

Es ist jetzt einige Jahre her, daß ein paar unserer schönsten europäischen Museen durch das Geschenk des Herrn Carnegie in den Besitz eines vollständigen Abgusses des Skeletts jenes Urweltdrachen Diplodokus kamen, der bisher als der beste Vertreter des nordamerikanischen Rekords gegolten hatte. Das Ungetüm maß 25 Meter und erzeugte zunächst räumlich etwas von der Situation des bekannten armen Studenten, der in einer Bodenkammer wohnte und in der Lotterie einen lebendigen Elefanten gewann mit der Pflicht, ihn bei Androhung immenser Futterkosten sofort abzuholen. In Wien stellten sie es ins Treppenhaus, in Berlin räumten sie Walfische fort, um Platz zu machen. Als der Koloßendlich verstaut war, wurde er aber rasch populär. Neben Scheffels altem Lied vom Ichthyosaurus kann man wohl sagen, daß dieses Geschenk Carnegies die stärkste volkstümliche Anregung für das Interesse an der Paläontologie gewesen ist, die bisher geglückt ist.

Inzwischen fehlte es aber schon diesem Skelett auf seiner Wanderschaft nicht an einigen Abenteuern. Vom Berliner Museum aus wurde behauptet, daß es nicht ganz richtig zusammengesetzt sei. Die Natur liefert uns ja in diesem Falle nur die losen Knochen. Das Wiederzusammensetzen des Ganzen ist Gelehrtenarbeit, bei der jeder sein Bestes gibt, aber Unfehlbarkeit nicht erwartet werden kann. Es ist also eine völlig unberechtigte Voraussetzung im Publikum, daß der Wert und die Sensation eines solchen Fundes litten, wenn hier wie überall der Fortschritt sich dadurch dokumentierte, daß er Einzelheiten berichtigte. Der Ichthyosaurus sieht heute in unseren Lehrbüchern wesentlich anders aus, als man ihn in Scheffels Tagen malte; das Dinotherium, das früher Flossen führte, hat heute Elefantenfüße; fast alle die Vorwelttiere, die einst der unbedingt bedeutendste Fachkenner der Zeit, der alte Owen in London, in Sydenham naturgroß wiederhergestellt hatte, waren zunächst falsch rekonstruiert. Damit verzeichnet man keine Schlappen der Forschung, sondern eben selbstgewollte Fortschritte; man muß eben nur eine Ahnung haben, was alles an Wissen, Glück, solider Arbeit und Genie nötig ist, um so ein paar Knochen richtig zu setzen.

Nun also wird von dem Berliner Zoologen Tornier auf Grund vorzüglicher anatomischer Detailkenntnis geradeauf dem Kriechtiergebiet (und jene Drachen waren Reptile) behauptet, auch im Diplodokus stecke einstweilen noch ein Fehler. Er habe nicht so steil auf den Beinen gestanden wie ein Säugetier, sondern sei mehr grätschbeinig wie ein Krokodil gekrochen; so habe auch sein ungeheurer Schwanz flacher gelegen, andererseits aber sei der Hals normal nach oben in die Höhe gekrümmt worden. Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, haben sehr viel Überzeugendes, jedenfalls ist es eine fruchtbare Debatte. Wird vorerst einmal wenigstens das Berliner Modell auf das neue Prinzip hin umgebaut (der Kaiser, an den seinerzeit zunächst Carnegies Prachtgeschenk ging, hat bereits persönlich die Erlaubnis erteilt), so wird der gewöhnliche Beschauer vor seinem »Drachen« wohl einerseits etwas Nachteil gegen früher haben, aber dafür ebensoviel Vorteil nach anderer Richtung.

Der Laie denkt bei jedem großen Skelett ja unwillkürlich zunächst an ein Säugetier, baut also ganz von selbst hochbeinig im Sinne etwa eines Elefanten; da wird ihm nun jetzt etwas abgetan, aber schließlich muß auch er doch lernen, daß diese Dinosaurier eben Saurier, das ist Verwandte von Krokodil und Eidechse, waren und keine Elefanten. Dafür wird er bei niedrigerer Stellung diesmal besser in die wahre Zyklopenmauer der unglaublich großen Wirbel und in das burghafte Zinnenwerk der Rückenfortsätze hineinsehen. Und im sensationellen Sinne entschädigt sicher die Aufreckung des Halses, mit der das relativ winzige Köpfchen diesmal kühn und imposant gegen die Decke aufbiegt, anstatt sich schlapp beinahe auf den Boden zu senken, zu dem es doch keinenwahren Schwerpunkt bildet. Das Tier wird lebendiger so aussehen, wenn schon auch so nicht eigentlich wahrscheinlicher im schlichten Sinne; denn das wird nun einmal die Eigenart dieser Monstra bleiben, daß wir sie physiognomisch mit nichts Heutigem recht vergleichen können und auch technisch immer unter dem Eindruck der nicht ausgeklärten wirklichen Monstrosität sehen müssen. Gar nicht berührt aber wird die schließlich doch allergrößte Sensation: nämlich die Länge und Dicke der Einzelknochen wie der Gesamtmasse zwischen dem wahren Spatzenköpfchen vorn und der endlosen Schwanzpeitsche hinten.

Doch während hier noch das Gefecht der Sachkenner dauern mag, ist über jenes andere kein Zweifel mehr: auch diese wahre Größe, die da bleibt, schlägt eben zur Stunde überhaupt nicht mehr den wahren Saurierrekord. Nicht ein Kollegium von Gelehrten, sondern die Natur selber hat sich hier berichtigt. Und in ihrer Laune, unvorhergesehen genug, hat sie deutscher Erde, allerdings auch in fernem Welterdteil, den Preis zuerkannt.

Um den ragenden amerikanischen Drachen in der Walfischhalle des Berliner Museums sammelt es sich zur Stunde wie ein seltsamer stummer Chor. Drachensaat, neue, noch unheimlichere, in einzelnen Stücken vorerst, gelbe Knochenblöcke, wie sie frisch aus der Erde kamen, aber diesmal nicht Abguß, sondern Original. Einzelne Quadern zu einer neuen Zyklopenmauer, einzelne Strebepfeiler und Säulen zu neuen Trägern einer Drachenlast.

Manches ist noch sorgsam eingewickelt von langer Fahrt. Was aber bereits sichtbar ausliegt oder an derFundstelle photographiert erscheint, das verrät eine kommende Auferstehung in Dimensionen, wie sie selbst für urweltliches Gigantenvolk keine üppigste Phantasie je zu ahnen gewagt hatte. Da liegt ein einzelnes Vorderbein, wohl erhalten (die Knochen sind alle erstaunlich wenig zerdrückt) und oberflächlich erst einmal in den Hauptstücken aneinandergelegt: ein Kind kann aber schon ausmessen, daß das rund diedoppeltenGrößenmaße wie bei dem aufmontierten Carnegieschen Diplodokus sind. Der zugehörige Hals, höre ich, wird 12 Meter Länge ergeben; der Amerikaner hat dort nur 5. Bereits jetzt, da vorläufig nichts zusammengesetzt ist, schwillt der Segen als eine Art Sintflut durch das Haus. Die Gelehrten klagen, daß man in den Gängen des Paläontologischen Instituts schon über die Knochen buchstäblich stolpere. Da es sich um die Reste zahlreicher Individuen und Arten handelt, liegen zurzeit im ganzen Knochen im Gesamtgewicht von mehr als 100 000 Kilogramm vor! Und dabei scheint gerade jener neue Rekordriese fast vollständig zu sein, so daß er eventuell wirklich als Ganzes aufmontiert werden kann; vielleicht geschähe es allerdings besser gleich in einem Abguß, damit die zerbrechlichen Originalteile nicht den Gefahren eines Baues ausgesetzt zu werden brauchen; auch dieser Abguß wird aber eine neue Museumshalle fordern, ein einziges Tier vielleicht ein ganzes neues Haus.

Berlin hat schon einmal Glück mit Giganten gehabt, die ihm unverhofft aus ferner Gegend zukamen – damals bei dem herrlichen Fries von Pergamon. Menschliche Kunst hatte dort dämonische Mischwesen, halbMenschen-, halb Schlangenleiber, mit denen die Götter kämpften, ersonnen und köstlich in Marmor gebildet. In einem anderen, noch viel groteskeren Natursinne erzählen nun auch diese neuen hunderttausend Kilogramm Saurierknochen von einer furchtbaren »Gigantomachie«, die sich mehrere Millionen Jahre vor aller Menschenzeit abgespielt.

In weit entlegenen Urweltstagen hing die Seite Afrikas, auf der heute unsere ostafrikanische Kolonie liegt, noch mit Indien zusammen. Quer über den Indischen Ozean zog sich damals jenes wunderbare Gondwanaland. In der Blütezeit des Ichthyosaurus, in der Juraperiode, begann dieses Land dann allmählich dem Meere zu erliegen. Lange hielt sich noch ein einzelner Streifen von ihm, der etwa vom Kapland über Madagaskar nach Vorderindien lief. Rechts und links davon aber strömte schon jetzt frei der Ozean ein. Und so kam dieser Ozean auch in der Kreidezeit bereits an die Küstengegend des heutigen Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika heran, ja er überflutete periodisch diese heutige Küste damals selbst noch weit ins Land hinein. Schlamm lagerte sich aus ihm ab. Charakteristische Meertiere jener Kreideepoche schwammen herzu (so Belemniten oder Donnerkeiltintenfische) und betteten absterbend ihre harten Körperteile in diesen Schlamm. Nur einzelne große Klippen trotzten, scheint es, der schäumenden Flut. In diesem Gebiet damals nun vollzog sich die Gigantomachie, die ich meine.

Dort in der Nähe lebten jene Saurier, deren größte Exemplare heute den Rekord der Nordamerikaner brechen.Verschiedene Sorten, neben den größeren auch kleinere. Die größten dem Diplodokus eng verwandt. Eine kleinere Sorte (Stegosaurier) mit einer wilden Wehr oder Ornamentzier ragender Knochenstacheln, die Riesen wohl einfach nackt.

Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung der Knochen von fünfzig und mehr Exemplaren der gleichen Art an der gleichen Stelle, dabei ersichtlich von jungen und alten Tieren, noch heute erweist.

Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das Ufer bevorzugt haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie man früher vom Diplodokus meinte, unmittelbar Meeralgen abgeweidet haben, so dürften sie doch auf Meertiere gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar ganz energische Raubzähne. Vielleicht watschelten sie gewohnheitsmäßig weit in die Watten hinaus, trieben sich im Seichtmeer herum, aus dem die langhalsigen Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl die Klippen, die für gewöhnlich von der höchsten Flut nicht bedeckt wurden. Bei solchen Gepflogenheiten jetzt muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen gekommen sein.

Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und zu einmal in wilder Gigantenschlacht eine solche ganze Herde der stumpfsinnigen Gesellen, schnitt sie ab oder schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die Knochen, meist in einem gewissen Umkreis herumgeworfen, bildeten große Beinhügel und Schädelstätten, wobei freilichgerade die verhältnismäßig so winzigen Schädel selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült zu werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern am seltensten noch zu finden sind. Über die Gigantengräber aber wälzte der Sieger Ozean im Laufe der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen Kreideschlammes.

Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam …

Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze heutige ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus den Wassern empor. Die alten Schlammbänke wurden zum hohen Plateau, auf dem die Tropensonne brannte und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche des Plateaus aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt und aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein, wo die Katakomben der Saurier lagen. Längst gab es kein lebendes Ungeheuer dieser Sorte mehr auf Erden. Aber gerade jetzt erschienen da, dort mitten im Gras und Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme, Rippen, Wirbel der scheusäligen Opfer von ehemals, zusammengehäuft noch immer auf engem Bezirk, preisgegeben der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die einst in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen waren.

Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit enthält, hängt an dünnen Fäden. Wenn die Saurierkatakombe, die gerade in unsere Tage hinein auf solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von demHafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch unsterblichen Tendaguruberges, herauszuwittern begann, nicht durch einen Zufall von kundigen Europäern entdeckt worden wäre, so wäre sie, einmal angeschnitten und damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie war, selber still weiter verwittert und in mehr oder minder absehbaren Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht.

Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden geworden; ganz südlich nahe unserer Grenze gegen das portugiesische Afrika. Ein schon glatt herausgewitterter Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei. Unser famoser Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt davon und bringt Belegstücke mit, daß das, was man bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten, auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich diplodokushafte Gigantenknochen in größter Pracht.

Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber nicht imstande, den Schatz zu heben. »Ihr Berliner müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber noch verzweifelte Mühe gekostet – auch den Berlinern. Ehe der Spaten zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel umgehen. Staatsmittel waren auch in Berlin zunächst für die Sache nicht zu haben. Das erste Verdienst erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft naturforschender Freunde« in Berlin. Sie gab 23 000 Mark. Dann kam die Akademie der Wissenschaften und endlich ein besonderes Komitee. Als (wesentlich also doch durch Privathilfe) 180 000 Mark beisammen waren, konnte man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beutewenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen geologischen Fragen nun jenen eigentlichen nationalen »Rekorden« auch mit einem stillen Lächeln gegenüberstehen) mindestens doch den speziellen Wert haben mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden und sensationellen Überraschungen bieten konnten. Mit dem Gelde wurden zwei jüngere Gelehrte, Janensch und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen nach Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von den dreien geleistet worden. Unter den schwierigsten Umständen haben sie zeitweise bis 500 Neger als Arbeiter beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche herangewitterte Knochenmaterial erwies sich zwar als reich, aber naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!) vielfach verdorben. Man mußte also für bessere Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10 Meter, mußte wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war auch keine Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich zur Küste geschleppt worden, wobei es allerdings eine kleine Freude war, wie die schwarzen Leute, vielfach interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen, die lustig wirken, aber tatsächlich doch nicht so sehr viel schlechter sind als das etwa, was um 1660 noch der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher als Fachpaläontolog von damals geliefert hat.

Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im Berliner Museum. Ihr Wert besteht ganz besonders auchdarin, daß wir im Sinne des oben umrißhaft Erzählten diesmal ein wesentliches mehr auch über Lebensart und Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben – also keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder Schwanz. Die Forderung, die bleibt, sind aber weitere Geldmittel. Lange ist nicht alles getan. Die Fundstätte bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie ist tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert. Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens Reichtum für all unsere anderen deutschen Museen. Wer wird helfen? Ein gewisser Staatszuschuß ist ja jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private Entschlossenheit, der Sache gewiß, aber er wird allein nicht entfernt langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden – auf unserem eigenen Grund und Boden …?


Back to IndexNext