Ballhaus. Sonderzimmer.
Noch dunkel.
Gedämpft: Orchester mit Tanzrhythmen.
KELLNER
öffnet die Tür, dreht rotes Licht an.
KASSIERER
Frack, Umhang, Schal, Bambusrohr mit Goldknopf.
KELLNER
Gefällig?
KASSIERER
Ganz.
KELLNER
nimmt Umhang in Empfang.
KASSIERER
vorm Spiegel.
KELLNER
Wieviel Gedecke belieben?
KASSIERER
Vierundzwanzig. Ich erwarte meine Großmama, meine Mama, meine Frau und weitere Tanten. Ich feiere die Konfirmation meiner Tochter.
KELLNER
staunend.
KASSIERER
zu ihm im Spiegel.
Esel. Zwei! Oder wozu polstern Sie diese diskret illuminierten Kojen?
KELLNER
Welche Marke bevorzugen der Herr?
KASSIERER
Gesalbter Kuppler. Das überlassen Sie mir, mein Bester, welche Blume ich mir auf dem Parkett pflücke, Knospe oder Rose — kurz oder schlank. Ich will Ihre unschätzbaren Dienste nicht übermäßig anspannen. Unschätzbar — oder führen Sie auch darüber feste Tarife?
KELLNER
Die Sektmarke des Herrn?
KASSIERER
räuspert.
Grand Marnier.
KELLNER
Das ist Kognak nach dem Sekt.
KASSIERER
Also — darin richte ich mich entgegenkommend nach Ihnen.
KELLNER
Zwei Flaschen Pommery. Dry?
KASSIERER
Zwei, wie Sie sagten.
KELLNER
Extra dry?
KASSIERER
Zwei decken den anfänglichen Bedarf. Oder für diskrete Bedienung drei Flaschen extra? Gewährt.
KELLNER
mit der Karte.
Das Souper?
KASSIERER
Spitzen, Spitzen.
KELLNER
Oeufs pochés Bergère? Poulet grillé? Steak de veau truffé? Parfait de foie gras en croûte? Salade coeur de laitue?
KASSIERER
Spitzen — von Anfang bis zu Ende nur Spitzen.
KELLNER
Pardon?
KASSIERER
ihm auf die Nase tippend.
Spitzen sind letzte Ballungen in allen Dingen. Also auch aus Ihren Kochtöpfen und Bratpfannen. Das Delikateste vom Delikaten. Das Menu der Menus. Zur Garnierung bedeutsamerer Vorgänge. Ihre Sache, mein Freund, ich bin nicht der Koch.
KELLNER
stellt eine größere Karte auf den Tisch.
In zwanzig Minuten zu servieren.
Er ordnet die Gläser usw.
Durch die Türspalte Köpfe mit seidenen Larven.
KASSIERER
in den Spiegel mit dem Finger drohend.
Wartet, Motten, ich werde euch gleich unter das Glühlicht halten. Wir werden uns über diesen Punkt auseinandersetzen, wenn wir beieinandersitzen.
Er nickt.
Die kichernden Masken ab.
KELLNER
hängt einen Karton: Reserviert! — an die Tür. Ab.
KASSIERER
schiebt den Zylinder zurück, entnimmt einem goldenen Etui Zigaretten, zündet an.
Auf in den Kampf, Torero — — Was einem nicht alles auf die Lippen kommt. Man ist ja geladen. Alles — einfach alles. Torero — Carmen. Caruso. Den Schwindel irgendwo mal gelesen — haften geblieben. Aufgestapelt. Ich könnte in diesem Augenblick Aufklärungen geben über die Verhandlungen mit der Bagdadbahn. Der Kronprinz von Rumänien heiratet die zweite Zarentochter. Tatjana. Also los. Sie soll sich verheiraten. Vergnügtes Himmelbett. Das Volk braucht Fürsten. Tat — Tat — jana.
Den Bambus wippend, ab.
KELLNER
mit Flaschen und Kühler; entkorkt und gießt ein. Ab.
KASSIERER
eine weibliche Maske — Harlekin in gelbrotkariertem, von Fuß zu offener Brust knabenhaft anliegendem Anzug — vor sich scheuchend herein.
Motte!
MASKE
um den Tisch laufend.
Sekt!
Sie gießt sich beide Gläser Sekt in den Mund, fällt ins Sofa.
Sekt!
KASSIERER
neu vollgießend.
Flüssiges Pulver. Lade deinen scheckigen Leib.
MASKE
trinkt
Sekt!
KASSIERER
Batterien aufgefahren und Entladungen vorbereitet.
MASKE
Sekt!
KASSIERER
die Flaschen wegstellend.
Leer.
Er kommt in die Polster zur Maske.
Fertig zur Explosion.
MASKE
lehnt betrunken hinüber.
KASSIERER
rüttelt ihre schlaffen Arme.
Munter, Motte.
MASKE
faul.
KASSIERER
Aufgerappelt, bunter Falter. Du hast den prickelnden gelben Honig geleckt. Entfalte Falterflügel. Überfalle mich mit dir. Vergrabe mich, decke mich zu. Ich habe mich in einigen Beziehungen mit den gesicherten Zuständen überworfen — überwirf mich mit dir.
MASKE
lallt.
Sekt.
KASSIERER
Nein, mein Paradiesvogel. Du hast deine hinreichende Ladung. Du bist voll.
MASKE
Sekt.
KASSIERER
Keinen Spritzer. Du wirst sonst unklar. Du bringst mich um schöne Möglichkeiten.
MASKE
Sekt.
KASSIERER
Oder hast du keine? Also — auf den Grund gelotet; was hast du?
MASKE
Sekt.
KASSIERER
Den hast du allerdings. Das heißt: von mir. Was habe ich von dir?
MASKE
schläft ein.
KASSIERER
Willst du dich hier ausschlafen? Kleiner Schäker. Zu dermaßen ausgedehnten Scherzen fehlt mir diesmal die Zeit.
Er steht auf, füllt ein Glas und schüttet es ihr ins Gesicht.
Frühmorgens, wenn die Hähne krähn.
MASKE
springt auf.
Schwein!
KASSIERER
Aparter Name. Leider bin ich nicht in der Lage, deine Vorstellung zu erwidern. Also, Maske der weitverzweigten Rüsselfamilie, räume die Polster.
MASKE
Das werde ich Sie eintränken.
KASSIERER
Mehr als billig, nachdem ich dir hinreichend eingetränkt.
MASKE
ab.
KASSIERER
trinkt Sekt; ab.
KELLNER
kommt, bringt Kaviar; nimmt leere Flaschen mit.
KASSIERER
kommt mit zwei schwarzen Masken.
ERSTE MASKE
die Tür zuwerfend.
Reserviert.
ZWEITE MASKE
am Tisch.
Kaviar.
ERSTE MASKE
hinlaufend.
Kaviar.
KASSIERER
Schwarz wie ihr. Eßt ihn auf. Stopft ihn euch in den Hals.
Er sitzt zwischen beiden im Polster.
Sagt Kaviar. Flötet Sekt. Auf euren eigenen Witz verzichte ich.
Er gießt ein, füllt die Teller.
Ihr sollt nicht zu Worte kommen. Mit keiner Silbe, mit keinem Juchzer. Stumm wie die Fische, die diesen schwarzen Kaviar über das Schwarze Meer laichten. Kichert, meckert, aber redet nicht. Es kommt nichts dabei aus euch heraus. Höchstens ihr aus euren Polstern. Ich habe schon einmal ausgeräumt.
MASKEN
sehen sich kichernd an.
KASSIERER
die erste packend.
Was hast du für Augen? Grüne — gelbe?
Zur andern.
Deine blau — rot? Reizendes Kugelspiel in den Schlitzen. Das verheißt. Das muß heraus. Ich setze einen Preis für die schönste!
MASKEN
lachen.
KASSIERER
zur ersten.
Du bist die schönere. Du wehrst dich mächtig. Warte, ich reiße dir den Vorhang herunter und schaue das Ereignis an!
MASKE
entzieht sich ihm.
KASSIERER
zur andern.
Du hast dich zu verbergen? Du bist aus Scham überwältigend. Du hast dich in diesen Ballsaal verirrt. Du streifst auf Abenteuer. Du hast deinen Abenteurer gefunden, den du suchst. Von deinem Milch und Blut die Larve herunter!
MASKE
rückt von ihm weg.
KASSIERER
Ich bin am Ziel. Ich sitze zitternd — mein Blutist erwühlt. Das wird es! — Und nun bezahlt.
Er holt den Pack Scheine heraus und teilt ihn.
Schöne Maske, weil du schön bist. Schöne Maske, weil du schön bist.
Er hält die Hände vor das Gesicht.
Eins — zwei — drei!
MASKEN
lüften ihre Larven.
KASSIERER
blickt hin — lacht.
Deckt zu — deckt zu — deckt zu!
Er läuft um den Tisch.
Scheusal — Scheusal — Scheusal! Wollt ihr gleich — aber sofort — oder —
Er schwingt seinen Bambus.
ERSTE MASKE
Wollen Sie uns —
ZWEITE MASKE
Sie wollen uns —
KASSIERER
Euch will ich!
MASKEN
ab.
KASSIERER
schüttelt sich, trinkt Sekt.
Kontrakte Vetteln!
Ab.
KELLNER
mit neuen Flaschen. Ab.
KASSIERER
stößt die Tür auf: im Tanz mit einer Pierrette, der der Rock bis auf die Schuhe reicht, herein. Er läßt sie in der Mitte stehen und wirft sich in die Polster.
Tanze!
MASKE
steht still.
KASSIERER
Tanze. Drehe deinen Wirbel. Tanze, tanze. Witz gilt nicht. Hübschheit gilt nicht. Tanz ist es, drehend — wirbelnd. Tanz. Tanz. Tanz!
MASKE
kommt an den Tisch.
KASSIERER
abwehrend.
Keine Pause. Keine Unterbrechung. Tanze.
MASKE
steht still.
KASSIERER
Warum springst du nicht? Weißt du, was Derwische sind? Tanzmenschen. Menschen im Tanz — ohne Tanz Leichen. Tod und Tanz — an den Ecken des Lebens aufgerichtet. Dazwischen —
Das Mädchen der Heilsarmee tritt ein.
KASSIERER
Halleluja.
MÄDCHEN
Der Kriegsruf.
KASSIERER
Zehn Pfennig.
MÄDCHEN
hält die Büchse hin.
KASSIERER
Wann denkst du, daß ich in deine Büchse springe?
MÄDCHEN
Der Kriegsruf.
KASSIERER
Du erwartest es doch mit Bestimmtheit von mir?
MÄDCHEN
Zehn Pfennig.
KASSIERER
Also wann?
MÄDCHEN
Zehn Pfennig.
KASSIERER
Du hängst mir doch an den Frackschößen?
MÄDCHEN
schüttelt die Büchse.
KASSIERER
Und ich schüttle dich wieder ab!
MÄDCHEN
schüttelt.
KASSIERER
Also —
Zur Maske.
Tanze!
MÄDCHEN
ab.
MASKE
kommt in die Polster.
KASSIERER
Warum sitzt du in den Ecken des Saals und tanzt nicht in der Mitte? Du hast mich aufmerksam auf dich gemacht. Alle springen, und du bleibst ruhig dabei. Warum trägst du Röcke, während alle andern wie schlanke Knaben entkleidet sind?
MASKE
Ich tanze nicht.
KASSIERER
Du tanzt nicht wie die andern?
MASKE
Ich kann nicht tanzen.
KASSIERER
Nicht nach der Musik — taktmäßig. Das ist auch albern. Du weißt andere Tänze. Du verhüllst etwas unter deinen Kleidern — deine besonderen Sprünge, nicht in die Klammern von Takten und Schritten zu pressen. Eiligere Schwenkungen, die sind deine Spezialität.
Alles vom Tisch auf den Teppich schiebend.
Hier ist dein Tanzbrett. Spring auf. Im engen Bezirk dieser Tafel grenzenloser Tumult. Spring auf. Vom Teppich hüpf' auf. Mühelos. Von Spiralen gehoben, die in deinen Knöcheln federn. Spring. Stachle deine Fersen. Wölbe die Schenkel. Wehe deine Röcke auf über deinem Tanzbein.
MASKE
schmiegt sich im Polster an ihn.
Ich kann nicht tanzen.
KASSIERER
Du peitschst meine Spannung. Du weißt nicht, um was es geht. Du sollst es wissen.
Er zeigt ihr die Scheine.
Um alles!
MASKE
führt seine Hand an ihrem Bein herab.
Ich kann nicht.
KASSIERER
springt auf.
Ein Holzbein!!
Er faßt den Sektkühler und stülpt ihn ihr über.
Es soll Knospen treiben, ich begieße es!
MASKE
Jetzt sollen Sie was erleben!
KASSIERER
Ich will ja was erleben!
MASKE
Warten Sie hier!
Ab.
KASSIERER
legt einen Schein auf den Tisch, nimmt Umhang und Stock, beeilt ab.
Herren im Frack kommen.
EIN HERR
Wo ist der Kerl?
EIN HERR
Den Kumpan wollen wir uns näher ansehen.
EIN HERR
Uns erst die Mädchen ausspannen —
EIN HERR
Mit Sekt und Kaviar auftrumpfen —
EIN HERR
Hinterher beschimpfen —
EIN HERR
Das Bürschchen werden wir uns kaufen —
EIN HERR
Wo steckt er?
EIN HERR
Abgeräumt!
EIN HERR
Ausgebrannt!
EIN HERR
Der Kavalier hat Lunte gerochen.
EIN HERR
den Schein entdeckend.
Ein Tausender.
EIN HERR
Donnerkeil.
EIN HERR
Draht muß er haben.
EIN HERR
Ist das die Zeche?
EIN HERR
Ach was, durchgegangen ist er. Den Bräunling machen wir unsichtbar.
Er steckt ihn ein.
EIN HERR
Das ist die Entschädigung.
EIN HERR
Die Mädchen hat er uns ausgespannt.
EIN HERR
Laßt doch die Weiber sitzen.
EIN HERR
Die sind ja doch besoffen.
EIN HERR
Die bedrecken uns bloß unsere Fräcke.
EIN HERR
Wir ziehen in ein Bordell und pachten den Bums drei Tage.
MEHRERE HERREN
Bravo. Los. Verduften wir. Achtung, der Kellner kommt.
KELLNER
mit vollbesetztem Servierbrett; vorm Tisch bestürzt.
EIN HERR
Suchen Sie jemanden?
EIN HERR
Servieren Sie ihm doch unter dem Tisch weiter.
Gelächter.
KELLNER
ausbrechend.
Der Sekt — das Souper — das reservierte Zimmer — nichts ist bezahlt. Vier Flaschen Pommery — zwei Portionen Kaviar — zwei Extramenus — ich muß für alles aufkommen. Ich habe Frau und Kinder. Ich bin seit vier Monaten ohne Stellung gewesen. Ich hatte mir eine schwache Lunge zugezogen. Sie können mich doch nicht unglücklich machen, meine Herren?
EIN HERR
Was geht uns denn Ihre Lunge an? Frau und Kinder haben wir alle. Was wollen Sie denn von uns? Sind wir Ihnen denn etwa durch die Lappen gebrannt? Was denn?
EIN HERR
Was ist denn das überhaupt für ein Lokal? Wosind wir denn hier? Das ist ja eine hundsgemeine Zechprellerbude. In solche Gesellschaft locken Sie Gäste? Wir sind anständige Gäste, die bezahlen, was sie saufen. Wie? Oder wie?
EIN HERR
der den Schlüssel in der Tür umgesteckt hatte.
Sehen Sie doch mal hinter sich. Da haben Sie unsere Zeche auch!
Er versetzt dem Kellner, der sich umgewandt hatte, einen Stoß in den Rücken.
KELLNER
taumelt vornüber, fällt auf den Teppich.
HERREN
ab.
KELLNER
richtet sich auf, läuft zur Tür, findet sie verschlossen. Mit den Fäusten auf das Holz schlagend.
Laßt mich heraus — Ihr sollt nicht bezahlen — ich springe ins Wasser!
Lokal der Heilsarmee — zur Tiefe gestreckt, abgefangen von gelbem Vorhang mit aufgenähtem schwarzen Kreuz, groß, um einen Menschen aufzunehmen. Auf dem Podium rechts Bußbank — links die Posaunen und Kesselpauken.
Dicht besetzte Bankreihen.
Über allem Kronleuchter mit Gewirr von Drähten für elektrische Lampen.
Vorn Saaltür.
Musik der Posaunen und Kesselpauken.
Aus einer Ecke Händeklatschen und Gelächter.
SOLDAT
Mädchen — geht dahin und setzt sich zu dem Lärmmacher — einem Kommis — nimmt seine Hände und flüstert auf ihn ein.
JEMAND
aus der andern Ecke.
Immer dicht an.
SOLDAT
Mädchen — geht zu diesem, einem jugendlichen Arbeiter.
ARBEITER
Was wollen Sie denn?
SOLDAT
sieht ihn kopfschüttelnd ernst an.
Gelächter.
OFFIZIER
Frau — oben auftretend.
Ich habe euch eine Frage vorzulegen.
Einige zischen zur Ruhe.
ANDERE
belustigt.
Lauter reden. Nicht reden. Musik. Pauke. Posaunenengel.
EINER
Anfangen.
ANDERER
Aufhören.
OFFIZIER
Warum sitzt ihr auf den Bänken unten?
EINER
Warum nicht?
OFFIZIER
Ihr füllt sie bis auf den letzten Platz. Einer stößt gegen den andern. Trotzdem ist eine Bank leer.
EINER
Nichts zu machen.
OFFIZIER
Warum bleibt ihr unten, wo ihr euch drängen und drücken müßt? Ist es nicht widerwärtig, so im Gedränge zu sitzen? Wer kennt seinen Nachbar? Ihr reibt die Knie an ihm — und vielleicht ist jener krank. Ihr seht in sein Gesicht — und vielleicht wohnen hinter seiner Stirn mörderische Gedanken. Ich weiß es, es sind viele Kranke und Verbrecher in diesem Saal. Kranke und Verbrecher kommen herein und sitzen neben allen. Darum warne ich euch! Hütet euch vor eurem Nachbarin den Bänken. Die Bänke da unten tragen Kranke und Verbrecher!
EINER
Meinen Sie mir oder mich?
OFFIZIER
Ich weiß es und rate euch: trennt euch von eurem Nachbar, so lautet die Mahnung. Krankheit und Verbrechen sind allgemein in dieser asphaltenen Stadt. Wer von euch ist ohne Aussatz? Eure Haut kann weiß und glatt sein, aber eure Blicke verkünden euch. Ihr habt die Augen nicht, um zu sehen — eure Augen sind offen, euch zu verraten. Ihr verratet euch selbst. Ihr seid schon nicht mehr frei von der großen Seuche. Die Ansteckung ist stark. Ihr habt zu lange in schlimmer Nachbarschaft gesessen. Darum, wenn ihr nicht sein wollt wie euer Nachbar in dieser asphaltenen Stadt, tretet aus den Bänken. Es ist die letzte Mahnung. Tut Buße. Tut Buße. Kommt herauf, kommt auf die Bußbank. Kommt auf die Bußbank. Kommt auf die Bußbank!
Die Posaunen und Kesselpauken setzen ein.
MÄDCHEN
führt Kassierer herein.
KASSIERER
im Ballanzug erregt einige Aufmerksamkeit.
MÄDCHEN
weist Kassierer Platz an, setzt sich zu ihm und gibt ihm Erklärungen.
KASSIERER
sieht sich amüsiert um.
Musik hört auf.
Spöttisches lautes Bravoklatschen.
OFFIZIER
wieder oben auftretend.
Laßt euch von unserm Kameraden erzählen, wie er den Weg zur Bußbank fand.
SOLDAT
jüngerer Mann — tritt auf.
EINER
So siehst du aus.
Gelächter.
SOLDAT
Ich will euch berichten von meiner Sünde. Ich führte ein Leben, ohne an meine Seele zu denken. Ich dachte nur an den Leib. Ich stellte ihn gleichsam vor die Seele auf und machte den Leib immer stärker und breiter davor. Die Seele war ganz verdeckt dahinter. Ich suchte mit meinem Leib den Ruhm und wußte nicht, daß ich nur den Schatten höher reckte, in dem die Seele verdorrte. Meine Sünde war der Sport. Ich übte ihn ohne eine Stunde der Besinnung. Ich wareitel auf die Schnelligkeit meiner Füße in den Pedalen, auf die Kraft meiner Arme an der Lenkstange. Ich vergaß alles, wenn die Zuschauer um mich jubelten. Ich verdoppelte meine Anstrengung und wurde in allen Kämpfen, die mit dem Leib geführt werden, erster Sieger. Mein Name prangte an allen Plakaten, auf Bretterzäunen, auf Millionen bunter Zettel. Ich wurde Weltchampion. Endlich mahnte mich meine Seele. Sie verlor die Geduld. Bei einem Wettkampf stürzte ich. Ich verletzte mich nur leicht. Die Seele wollte mir Zeit zur Umkehr lassen. Die Seele ließ mir noch Kraft zu einem Ausweg. Ich ging von den Bänken im Saal herauf zur Bußbank. Da hatte meine Seele Ruhe, zu mir zu sprechen. Und was sie mir erzählt, das kann ich hier nicht berichten. Es ist zu wunderschön und meine Worte sind zu schwach, das zu schildern. Ihr müßt selbst heraufkommen und es in euch hören.
Er tritt beiseite.
EINER
lacht unflätig.
MEHRERE
zischen zur Ruhe.
MÄDCHEN
leise zum Kassierer.
Hörst du ihn?
KASSIERER
Stören Sie mich nicht.
OFFIZIER
Ihr habt die Erzählung unseres Kameraden gehört. Klingt sie nicht verlockend! Kann man etwas Schöneres gewinnen als seine Seele? Und es geht ganz leicht, denn sie ist ja in euch. Ihr müßt ihr nur einmal Ruhe gönnen. Sie will einmal still bei euch sitzen. Auf dieser Bank sitzt sie am liebsten. Es ist gewiß einer unter euch, der sündigte, wie unser Kamerad getan. Dem will unser Kamerad helfen. Dem hat er den Weg eröffnet. Nun komm. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank!
Es herrscht Stille.
EINER
kräftiger, junger Mann, einen Arm im Verband, steht in einer Saalecke auf, durchquert verlegen lächelnd den Saal und ersteigt das Podium.
EINER
unflätige Zote.
ANDERE
entrüstet.
Wer ist der Flegel?
DER RUFER
steht auf, strebt beschämt zur Tür.
EINER
Das ist der Lümmel.
SOLDAT
Mädchen — eilt zu ihm und führt ihn auf seinen Platz zurück.
EINER
Nicht so zart anfassen.
MEHRERE
Bravo!
JENER
auf dem Podium, anfangs unbeholfen.
Die asphaltene Stadt hat eine Halle errichtet. In der Sporthalle bin ich gefahren. Ich bin Radfahrer. Ich fahre das Sechstagerennen mit. In der zweiten Nacht bin ich von einem andern Fahrer angefahren. Ich brach den Arm. Ich mußte ausscheiden. Das Rennen rast weiter — ich habe Ruhe. Ich kann mich auf alles in Ruhe besinnen. Ich habe mein Leben lang ohne Besinnen gefahren. Ich will mich auf alles besinnen — auf alles.
Stark.
Auf meine Sünden will ich mich auf der Bußbank besinnen!
Vom Soldat hingeführt, sinkt er auf die Bank. Soldat bleibt eng neben ihm.
OFFIZIER
Eine Seele ist gewonnen!
Posaunen und Pauken schallen.
Auch die im Saale verteilten Soldaten haben sich erhoben und jubeln, die Arme ausbreitend.
Musik hört auf.
MÄDCHEN
zum Kassierer.
Siehst du ihn?
KASSIERER
Das Sechstagerennen.
MÄDCHEN
Was flüsterst du?
KASSIERER
Meine Sache. Meine Sache.
MÄDCHEN
Bist du bereit?
KASSIERER
Schweigen Sie doch.
OFFIZIER
auftretend.
Jetzt will euch dieser Kamerad berichten.
EINER
zischt.
VIELE
Ruhe!
SOLDAT
Mädchen — auftretend.
Wessen Sünde ist meine Sünde? Ich will euch von mir ohne Scham erzählen. Ich hatte ein Elternhaus, in dem es wüst und gemein zuging.Der Mann — er war mein Vater nicht — trank. Meine Mutter gab sich feinen Herren hin. Ich erhielt von meiner Mutter Geld, soviel ich haben wollte. Von dem Manne Schläge, soviel ich nicht haben wollte.
Gelächter.
Niemand paßte mir auf und ich mir am wenigsten. So wurde ich eine Verlorene. Denn ich wußte damals nicht, daß die wüsten Zustände zu Hause nur dazu bestimmt waren, daß ich besser auf meine Seele achten sollte und mich ganz ihr widmen. Ich erfuhr es in einer Nacht. Ich hatte einen Herrn bei mir und er verlangte, daß wir mein Zimmer dunkel machten. Ich drehte das Licht aus, obwohl ich es nicht so gewöhnt war. Später, als wir zusammen waren, verstand ich seine Forderung. Denn ich fühlte nur den Rumpf eines Mannes bei mir, an dem die Beine abgeschnitten waren. Das sollte ich vorher nicht sehen. Er hatte Holzbeine, die er sich heimlich abgeschnallt hatte. Da faßte mich das Entsetzen und ließ mich nicht wieder los. Meinen Leib haßte ich — nur meine Seele konnte ich noch lieben. Nun liebe ich nur noch meine Seele. Sie ist so vollkommen, daß sie das Schönste ist, was ich weiß. Ich weiß zuviel von ihr, daß ich es nicht alles sagen kann. Wenn ihr eure Seele fragt, da wird sie euch alles — alles sagen.
Sie tritt beiseite. — Stille im Saal.
OFFIZIER
auftretend.
Ihr habt die Erzählung dieses Kameraden gehört. Seine Seele bot sich ihm an. Er wies sie nicht ab. Nun erzählt er von ihr mit frohem Munde. Bietet sich nicht einem zwischen euch jetzt seine Seele? Laß sie doch zu dir. Laß sie reden und erzählen, auf dieser Bank ist sie ungestört. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank!
In den Bänken Bewegung, man sieht sich um.
KOKOTTE
ältlich, ganz vorne, beginnt noch unten in den Saal zu reden.
Was denken Sie von mir, meine Herren und Damen? Ich bin hier nur untergetreten, weil ich mich auf der Straße müde gelaufen hatte. Ich geniere mich gar nicht. Ich kenne dies Lokal gar nicht. Ich bin das erstemal hier. Ich bin rein per Zufall anwesend.
Nun oben.
Aber Sie irren sich darin, meine Herren und Damen, wenn Sie glauben sollten, daß ich mir das ein zweites Mal hätte sagen lassen sollen. Ich danke für diese Zumutung. Wenn Sie mich hier sehen — bitte — Sie können mich von oben bis unten betrachten, wie es Ihnen beliebt — mustern Sie mich bitte mit Ihren Blicken eingehend, ich vergebe mir damit nicht das geringste. Ich geniere mich gar nicht. Sie werden diesen Anblick nichtdas zweitemal in dieser Weise genießen können. Sie werden sich bitter täuschen, wenn Sie glauben, mir auch meine Seele abkaufen zu können. Die habe ich noch niemals verkauft. Man hätte mir viel bieten können, aber meine Seele war mir denn doch nicht feil. Ich danke Ihnen, meine verehrten Herrschaften, für alle Komplimente. Sie werden mich auf der Straße nicht mehr treffen. Ich habe nicht eine Minute frei für Sie, meine Seele läßt mir keine Ruhe mehr. Ich danke bestens, meine Herrschaften, ich geniere mich gar nicht, aber nein.
Sie hat den Hut heruntergenommen. Jener Soldat geleitet sie zur Bußbank.
OFFIZIER
Eine Seele ist gewonnen!
Pauken und Posaunen. Jubel der Soldaten.
MÄDCHEN
zum Kassierer.
Hörst du alles?
KASSIERER
Meine Sache. Meine Sache.
MÄDCHEN
Was summst du vor dich hin?
KASSIERER
Das Holzbein.
MÄDCHEN
Bist du bereit?
KASSIERER
Noch nicht. Noch nicht.
EINER
in Saalmitte stehend.
Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde hören.
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad will euch erzählen.
EINIGE
erregt.
Hinsetzen. Stille. Erzählen.
SOLDAT
älterer Mann.
Laßt euch von mir berichten. Es ist eine alltägliche Geschichte, weiter nichts. Darum wurde sie meine Sünde. Ich hatte eine gemütliche Wohnung, eine zutrauliche Familie, eine bequeme Beschäftigung — es ging immer alltäglich bei mir zu. Wenn ich abends zwischen den Meinen am Tisch unter der Lampe saß und meine Pfeife schmauchte, dann war ich zufrieden. Ich wünschte niemals eine Veränderung in meinem Leben. Dennoch kam sie. Den Anstoß dazu weiß ich nicht mehr — oder ich wußte ihn nie. Die Seele tut sich auch ohne besondere Erschütterung kund. Sie kennt ihre Stunde und benutzt sie. Ich konnte jedenfalls nicht ihre Mahnung überhören. MeineTrägheit wehrte sich im Anbeginn wohl gegen sie, aber sie war mächtiger. Das fühlte ich mehr und mehr. Die Seele allein konnte mir dauernde Zufriedenheit schaffen. Und auf Zufriedenheit war ich ja mein Lebtag bedacht. Jetzt finde ich sie nicht mehr am Tisch mit der Lampe und mit der langen Pfeife im Munde, sondern allein auf der Bußbank. Das ist meine ganz alltägliche Geschichte.
Er tritt beiseite.
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad hat euch — —
EINER
schon kommend.
Meine Sünde!
Oben.
Ich bin Familienvater. Ich habe zwei Töchter. Ich habe meine Frau. Ich habe meine Mutter noch. Wir wohnen alle in drei Stuben. Es ist ganz gemütlich bei uns. Meine Töchter — eine spielt Klavier — eine stickt. Meine Frau kocht. Meine Mutter begießt die Blumentöpfe hinterm Fenster. Es ist urgemütlich bei uns. Es ist die Gemütlichkeit selbst. Es ist herrlich bei uns — großartig — vorbildlich — praktisch — musterhaft — —
Verändert.
Es ist ekelhaft — entsetzlich — es stinkt da es ist armselig — vollkommen durch und durcharmselig mit dem Klavierspielen — mit dem Sticken — mit dem Kochen — mit dem Blumenbegießen —
ausbrechend.
Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele. Ich habe eine Seele!
Er taumelt zur Bußbank.
OFFIZIER
Eine Seele ist gewonnen!
Posaunen und Pauken.
Hoher Tumult im Saal.
VIELE
nach den Posaunen und Pauken aufrecht, auch auf den Bänken aufrecht.
Was ist meine Sünde? Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde wissen! Ich will meine Sünde wissen!
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad will euch erzählen.
Tiefe Stille.
MÄDCHEN
Siehst du ihn?
KASSIERER
Meine Töchter. Meine Frau. Meine Mutter.
MÄDCHEN
Was murmelst und flüsterst du immer?
KASSIERER
Meine Sache. Meine Sache. Meine Sache.
MÄDCHEN
Bist du bereit?
KASSIERER
Noch nicht. Noch nicht. Noch nicht.
SOLDAT
in mittleren Jahren, auftretend.
Meiner Seele war es nicht leicht gemacht, zu triumphieren. Sie mußte mich hart anfassen und rütteln. Schließlich gebrauchte sie das schwerste Mittel. Sie schickte mich ins Gefängnis. Ich hatte in die Kasse, die mir anvertraut war, gegriffen und einen großen Betrag defraudiert. Ich wurde abgefaßt und verurteilt. Da hatte ich in der Zelle Rast. Das hatte die Seele abgewartet. Und nun konnte sie endlich frei zu mir sprechen. Ich mußte ihr zuhören. Es wurde die schönste Zeit meines Lebens in der einsamen Zelle. Und als ich herauskam, wollte ich nur noch mit meiner Seele verkehren. Ich suchte nach einem stillen Platz für sie. Ich fand ihn auf der Bußbank und finde ihn täglich, wenn ich eine schöne Stunde genießen will!
Er tritt beiseite.
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad hat euch von seinen schönen Stunden auf der Bußbank erzählt. Wer ist zwischen euch, der sich aus dieser Sünde heraussehnt? Wessen Sünde ist diese, von der er sich in Fröhlichkeit hier ausruht? Hier ist Ruhe für ihn. Komm zur Bußbank!
ALLE
im Saal schreiend und winkend.
Das ist niemandes Sünde hier! Das ist niemandes Sünde hier! Ich will meine Sünde hören!! Meine Sünde!! Meine Sünde!! Meine Sünde!!
MÄDCHEN
durchdringend.
Was rufst du?
KASSIERER
Die Kasse.
MÄDCHEN
ganz drängend.
Bist du bereit?
KASSIERER
Jetzt bin ich bereit!
MÄDCHEN
sich an ihn hängend.
Ich führe dich hin. Ich stehe dir bei. Ich stehe immer bei dir.
Ekstatisch in den Saal.
Eine Seele will laut werden. Ich habe diese Seele gesucht. Ich habe diese Seele gesucht.
Lärm ebbt. Ruhe surrt.
KASSIERER
oben, Mädchen an ihm.
Ich bin seit diesem Vormittag auf der Suche. Ichhatte Anstoß bekommen, auf die Suche zu gehen. Es war ein allgemeiner Aufbruch ohne mögliche Rückkehr — Abbruch aller Brücken. So war ich auf dem Marsche seit dem Vormittag. Ich will euch mit den Stationen nicht aufhalten, an denen ich mich nicht aufhielt. Sie lohnten alle meinen entscheidenden Aufbruch nicht. Ich marschierte rüstig weiter — prüfenden Blicks, tastender Finger, wählenden Kopfs. Ich ging an allem vorüber. Station hinter Station versank hinter meinem wandernden Rücken. Dies war es nicht, das war es nicht, das nächste nicht, das vierte — fünfte nicht! Was ist es? Was ist es nun, das diesen vollen Einsatz lohnt? — — Dieser Saal! Von Klängen durchbraust — von Bänken bestellt. Dieser Saal! Von diesen Bänken steigt es auf — dröhnt Erfüllung. Von Schlacken befreit lobt sie sich hoch hinauf — ausgeschmolzen aus diesen glühenden zwei Tiegeln: Bekenntnis und Buße! Da steht es wie ein glänzender Turm — fest und hell: Bekenntnis und Buße! Ihr schreit sie, euch will ich meine Geschichte erzählen.
MÄDCHEN
Sprich. Ich stehe bei dir. Ich stehe immer bei dir!
KASSIERER
Ich bin seit diesem Morgen unterwegs. Ich bekenne: ich habe mich an der Kasse vergriffen, die mir anvertraut war. Ich bin Bankkassierer. Einegroße runde Summe: sechzigtausend! Ich flüchtete damit in die asphaltene Stadt. Jetzt werde ich jedenfalls verfolgt — eine Belohnung ist wohl auf meine Festnahme gesetzt. Ich verberge mich nicht mehr, ich bekenne. Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich irgendwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt. Und je mehr man bezahlt, um so geringer wird die Ware. Das Geld verschlechtert den Wert. Das Geld verhüllt das Echte — das Geld ist der armseligste Schwindel unter allem Betrug!
Er holt es aus den Fracktaschen.
Dieser Saal ist der brennende Ofen, den eure Verachtung für alles Armselige heizt. Euch werfe ich es hin, ihr zerstampft es im Augenblick unter euren Sohlen. Da ist etwas von dem Schwindel aus der Welt geschafft. Ich gehe durch eure Bänke und stelle mich dem nächsten Schutzmann: ich suche nach dem Bekenntnis die Buße! So wird es vollkommen!
Er schleudert aus Glacéhänden Scheine und Geldstücke in den Saal.
Die Scheine flattern noch auf die Verdutzten im Saal nieder, die Stücke rollen unter sie. Dann ist heißer Kampf um das Geld entbrannt. In ein kämpfendes Knäuel ist die Versammlung verstrickt. Vom Podium stürzen die Soldaten von ihren Musikinstrumenten in den Saal, die Bänke werden umgestoßen, heisere Rufe schwirren, Fäuste klatschen auf Leiber. Schließlich wälzt sich der verkrampfte Haufe zur Tür und rollt hinaus.
MÄDCHEN
das am Kampfe nicht mit teilgenommen hatte, steht allein inmitten der umgeworfenen Bänke.
KASSIERER
sieht lächelnd das Mädchen an.
Du stehst bei mir — du stehst immer bei mir!
Er bemerkt die verlassenen Pauken, nimmt zwei Schlägel.
Weiter.
Kurzer Wirbel.
Von Station zu Station.
Einzelne Paukenschläge nach Satzgruppen.
Menschenscharen dahinten. Gewimmel verronnen. Ausgebreitete Leere. Raum geschaffen. Raum. Raum!
Wirbel.
Ein Mädchen steht da. Aus verlaufenen Fluten — aufrecht — verharrend!
Wirbel.
Mädchen und Mann. Uralte Gärten aufgeschlossen. Entwölkter Himmel. Stimme aus Baumwipfelstille. Wohlgefallen.
Wirbel.
Mädchen und Mann — ewige Beständigkeit. Mädchen und Mann — Fülle im Leeren. Mädchen und Mann — vollendeter Anfang. Mädchen und Mann — Keim und Krone. Mädchen und Mann — Sinn und Ziel und Zweck.
Paukenschlag nach Paukenschlag, nun beschließt ein endloser Wirbel.
MÄDCHEN
zieht sich nach der Tür zurück, verschwindet.
KASSIERER
verklingender Wirbel.
MÄDCHEN
reißt die Tür auf. Zum Schutzmann, nach Kassierer weisend.
Da ist er. Ich habe ihn Ihnen gezeigt. Ich habe die Belohnung verdient!
KASSIERER
aus erhobenen Händen die Schlägel fallen lassend.
Hier stehe ich. Oben stehe ich. Zwei sind zuviel. Der Raum faßt nur einen. Einsamkeit ist Raum. Raum ist Einsamkeit. Kälte ist Sonne. Sonne ist Kälte. Fiebernd blutet der Leib. Fiebernd friert der Leib. Felder öde. Eis im Wachsen. Wer entrinnt? Wo ist der Ausgang?
SCHUTZMANN
Hat der Saal andere Türen?
MÄDCHEN
Nein.
KASSIERER
wühlt in seiner Tasche.
SCHUTZMANN
Er faßt in die Tasche. Drehen Sie das Licht aus. Wir bieten ihm ein Ziel.
MÄDCHEN
tut es.
Bis auf eine Lampe verlöscht der Kronleuchter. Die Lampe beleuchtet nun die hellen Drähte der Krone derart, daß sie ein menschliches Gerippe zu bilden scheinen.
KASSIERER
linke Hand in der Brusttasche vergrabend, mit der rechten eine Posaune ergreifend und gegen den Kronleuchter blasend.
Entdeckt!
Posaunenstoß.
In schneelastenden Zweigen verlacht — jetzt im Drahtgewirr des Kronleuchters bewillkommt!
Posaunenstöße.
Ich melde dir meine Ankunft!
Posaunenstoß.
Ich habe den Weg hinter mir. In steilen Kurven steigend keuche ich herauf. Ich habe meine Kräfte gebraucht. Ich habe mich nicht geschont!
Posaunenstoß.
Ich habe es mir schwer gemacht und hätte es so leicht haben können — oben im Schneebaum, als wir aufeinemAst saßen. Du hättest mir ein wenig dringlicher zureden sollen. Ein Fünkchen Erleuchtung hätte mir geholfen und mir die Strapazen erspart. Es gehört ja so lächerlich wenig Verstand dazu!
Posaunenstoß.
Warum stieg ich nieder? Warum lief ich den Weg? Wohin laufe ich noch?
Posaunenstöße.
Zuerst sitzt er da — knochennackt! Zuletzt sitzt er da — knochennackt! Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise — nun zeigt sein fingerhergewinktes Zeichen den Ausweg — — wohin?!!
Er zerschießt die Antwort in seine Hemdbrust. Die Posaune stirbt mit dünner werdendem Ton an seinem Mund hin.
SCHUTZMANN
Drehen Sie das Licht wieder an.
MÄDCHEN
tut es.
Im selben Augenblick explodieren knallend alle Lampen.
KASSIERER
ist mit ausgebreiteten Armen gegen das aufgenähte Kreuz des Vorhangs gesunken. Sein Ächzen hüstelt wie ein Ecce — sein Hauchen surrt wie ein Homo.
SCHUTZMANN
Es ist ein Kurzschluß in der Leitung.
Es ist ganz dunkel.