Loth nimmt langsam Hut und Stock und hängt sich ein Täschchen um.
Loth nimmt langsam Hut und Stock und hängt sich ein Täschchen um.
Dr.Schimmelpfennig.Was gedenkst Du zu thun, Loth?
Loth.... Nicht begegnen ...!
Dr.Schimmelpfennig.Du bist also entschlossen?
Loth.Wozu entschlossen?
Dr.Schimmelpfennig.Euer Verhältniß aufzulösen.
Loth.Wie sollt ich wohl dazu nicht entschlossen sein?
Dr.Schimmelpfennig.Ich kann Dir als Arzt noch sagen, daß Fälle bekannt sind, wo solche vererbte Uebel unterdrückt worden sind, und Du würdest ja gewiß Deinen Kindern eine rationelle Erziehung geben.
Loth.Es mögen solche Fälle vorkommen.
Dr.Schimmelpfennig.Und die Wahrscheinlichkeit ist vielleicht nicht so gering, daß ...
Loth.Das kann uns nichts helfen, Schimmel. So steht es: es giebt drei Möglichkeiten! Entweder ich heirathe sie, und dann ... nein, dieser Ausweg existirt überhaupt nicht. Oder — die bewußte Kugel. Na ja, dann hätte man wenigstens Ruhe. Aber nein! So weit sind wir noch nicht, so was kann man sich einstweilen noch nicht leisten — also: leben! kämpfen! — Weiter, immer weiter.Sein Blick fällt auf den Tisch, er bemerkt das von Eduard zurecht gestellte Schreibzeug, setzt sich, ergreift die Feder, zaudert, und sagt:Oder am Ende ...?
Dr.Schimmelpfennig.Ich verspreche Dir, ihr die Lage so deutlich als möglich vorzustellen.
Loth.Ja, ja! — nur eben ... ich kann nicht anders.Er schreibt, adressirt und couvertirt. Er steht auf und reicht Schimmelpfennig die Hand.Im Übrigen verlasse ich mich — auf Dich.
Dr.Schimmelpfennig.Du gehst zu mir, wie? Mein Kutscher soll Dich zu mir fahren.
Loth.Sag’ mal, sollte man denn nicht wenigstens versuchen — sie aus den Händen dieses ... diesesMenschen zu ziehen? ... Auf diese Weise wird sie doch unfehlbar noch seine Beute.
Dr.Schimmelpfennig.Guter, bedauernswürdiger Kerl! Soll ich Dir was rathen? Nimm ihr nicht das ... Wenige, was Du ihr noch übrig läßt.
Lothtiefer Seufzer. Qual über ... hast vielleicht — recht — ja wohl, unbedingt sogar.
Man hört Jemand hastig die Treppe herunter kommen. Im nächsten Augenblick stürzt Hoffmann herein.
Man hört Jemand hastig die Treppe herunter kommen. Im nächsten Augenblick stürzt Hoffmann herein.
Hoffmann.Herr Doktor, ich bitte Sie um Gottes Willen ... sie ist ohnmächtig ... die Wehen setzen aus ... wollen Sie nicht endlich ...
Dr.Schimmelpfennig.Ich komme hinauf.Zu Loth bedeutungsvoll.Auf Wiedersehen!Zu Hoffmann, der ihm nachfolgen will.Herr Hoffmann, ich muß Sie bitten ... eine Ablenkung oder Störung könnte verhängnißvoll ... am liebsten wäre es mir, Sie blieben hier unten.
Hoffmann.Sie verlangen sehr viel, aber ... na!
Dr.Schimmelpfennig.Nicht mehr als billig.Ab.
Hoffmann bleibt zurück.
Hoffmann bleibt zurück.
Hoffmannbemerkt Loth. Ich zittere, die Aufregung steckt mir in allen Gliedern. Sag’ mal, Du willst fort?
Loth.Ja.
Hoffmann.Jetzt mitten in der Nacht?
Loth.Nur bis zu Schimmelpfennig.
Hoffmann.Ach so! Nun ... wie die Verhältnisse sich gestaltet haben, ist es am Ende kein Vergnügen mehr bei uns ... Also leb’ recht ...
Loth.Ich danke für die Gastfreundschaft.
Hoffmann.Und mit Deinem Plan, wie steht es da?
Loth.Plan?
Hoffmann.Deine Arbeit, Deine volkswirthschaftliche Arbeit über unseren District, meine ich. Ich muß Dir sagen ... ich möchte Dich sogar als Freund inständig und herzlich bitten ...
Loth.Beunruhige Dich weiter nicht. Morgen schon bin ich über alle Berge.
Hoffmann.Das ist wirklich —unterbricht sich. —
Loth.Schön von Dir, wollt’st Du wohl sagen?
Hoffmann.Das heißt — ja — in gewisser Hinsicht; übrigens Du entschuldigst mich, ich bin so entsetzlich aufgeregt. Zähle auf mich! Die alten Freunde sind immer noch die besten. Adieu, Adieu.
Ab durch die Mitte.
Ab durch die Mitte.
Lothwendet sich, bevor er zur Thür hinaustritt, noch einmal nach rückwärts und nimmt mit den Augen noch einmal den ganzen Raum in sein Gedächtniß auf. Hierauf zu sich.Da könnt ich ja nun wohl — gehen.Nach einem letzten Blick ab.
Das Zimmer bleibt für einige Augenblicke leer. Man vernimmt gedämpfte Rufe und das Geräusch von Schritten, dann erscheint Hoffmann. Er zieht, sobald er die Thür hinter sich geschlossen hat, unverhältnißmäßig ruhig sein Notizbuch und rechnet etwas; hierbei unterbricht er sich und lauscht, wird unruhig, schreitet zur Thür und lauscht wieder. Plötzlich rennt Jemand die Treppe herunter und herein stürzt Helene.
Das Zimmer bleibt für einige Augenblicke leer. Man vernimmt gedämpfte Rufe und das Geräusch von Schritten, dann erscheint Hoffmann. Er zieht, sobald er die Thür hinter sich geschlossen hat, unverhältnißmäßig ruhig sein Notizbuch und rechnet etwas; hierbei unterbricht er sich und lauscht, wird unruhig, schreitet zur Thür und lauscht wieder. Plötzlich rennt Jemand die Treppe herunter und herein stürzt Helene.
Helenenoch außen. Schwager!In der Thür.Schwager!
Hoffmann.Was ist denn — los?
Helene.Mach Dich gefaßt: todtgeboren!
Hoffmann.Jesus Christus!Er stürzt davon.
Helene allein.
Helene allein.
Sie sieht sich um und ruft leise:Alfred! Alfred!und dann, als sie keine Antwort erhält, in schneller Folge:Alfred! Alfred!Dabei ist sie bis zur Thür des Wintergartens geeilt, durch die sie spähend blickt. Dann ab in den Wintergarten. Nach einer Weile erscheint sie wieder.Alfred!Immer unruhiger werdend, am Fenster, durch das sie hinausblickt:Alfred!Sie öffnet das Fenster und steigt auf einen davor stehenden Stuhl. In diesem Augenblick klingt deutlich vom Hofe herein das Geschrei des betrunkenen, aus dem Wirtshaus heimkehrenden Bauern, ihres Vaters.Dohie hä! biin iich nee a hibscher Moan? Hoa’ iich nee a hibsch Weib? Hoa’ iich nee a poar hibsche Tächter dohie hä?Helene stößt einen kurzen Schrei aus und rennt wie gejagt nach der Mittelthür. Von dort aus entdeckt sie den Brief, welchen Loth auf dem Tisch zurückgelassen. Sie stürzt sich darauf, reißt ihn auf und durchfliegt ihn, einzelne Worte aus seinem Inhalt laut hervorstoßend:„Unübersteiglich!“ ... „Niemals wieder!“Sie läßt den Brief fallen, wankt.Zu Ende!Rafft sich auf, hält sich den Kopf mit beiden Händen, kurz und scharf schreiend.Zu En—de!Stürzt ab durch die Mitte. Der Bauer draußen, schon aus geringerer Entfernung:Dohie hä? iis ernt’s Gittla ne mei—ne? Hoa’ iich ne a hibsch Weib? Bin iich nee a hibscher Moan?Helene, immer noch suchend, wie eine halb Irrsinnige aus dem Wintergarten hereinkommend, trifftauf Eduard, der etwas aus Hoffmann’s Zimmer zu holen geht. Sie redet ihn an.Eduard!Er antwortet.Gnädiges Fräulein?Darauf sie:Ich möchte ... möchte den HerrnDr.Loth...Eduard antwortet:HerrDr.Loth sind in des HerrnDr.Schimmelpfennig’s Wagen fortgefahren!
Damit verschwindet er im Zimmer Hoffmann’s.Wahr!stößt Helene hervor und hat einen Augenblick Mühe aufrecht zu stehen. Im nächsten durchfährt sie eine verzweifelte Energie. Sie rennt nach dem Vordergrunde und ergreift den Hirschfänger sammt Gehänge, der an dem Hirschgeweih über dem Sopha befestigt ist. Sie verbirgt ihn und hält sich still im dunklen Vordergrund, bis Eduard, aus Hoffmanns Zimmer kommend, zur Mittelthür hinaus ist. Die Stimme des Bauern, immer deutlicher:Dohie hä, biin iich nee a hibscher Moan?Auf diese Laute, wie auf ein Signal hin, springt Helene auf und verschwindet ihrerseits in Hoffmanns Zimmer. Das Hauptzimmer ist leer, und man hört fortgesetzt die Stimme des Bauern:Dohie hä, hoa’ iich nee die schinsten Zähne, hä? Hoa’ iich ne a hibsch Gittla?Mielekommt durch die Mittelthür. Sie blickt suchend umher und ruft:Freilein Helene!und wiederFreilein Helene!Dazwischen die Stimme des Bauern:’s Gald iis mei—ne!Jetzt ist Miele ohne weiteres Zögern in Hoffmanns Zimmer verschwunden, dessen Thüre sie offen läßt. Im nächsten Augenblick stürzt sie heraus mit den Zeichen eines wahnsinnigen Schrecks; schreiend dreht sie sich zwei — dreimal um sich selber, schreiend jagt sie durch die Mittelthür. Ihr ununterbrochenes Schreien, mit der Entfernung immer schwächer werdend, ist noch einige weitere Sekunden vernehmlich. Man hört nun die schwere Hausthüre aufgehen und dröhnend in’s Schloß fallen, das Schrittegeräusch des im Hausflur herumtaumelnden Bauern, schließlich eine rohe, näselnde, lallende Trinkerstimme ganz aus der Nähe durch den Raum gellen:Dohie hä! Hoa’ iich nee a poar hibsche Tächter?
Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.
Anmerkungen zur TranskriptionDie Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... vom Buffet, setzt alles auf den Tisch vor Loth. GrandChampague, ...... vom Buffet, setzt alles auf den Tisch vor Loth. GrandChampagne, ......Vancover-Island nur zum Zwecke parteilicher Agitation ......Vancouver-Island nur zum Zwecke parteilicher Agitation ...... auf seinenPatzbegiebt. ...... auf seinenPlatzbegiebt. ...... Lothtritaus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut mehrere ...... Lothtrittaus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut mehrere ...... beleuchtet ist auch noch die Holztreppe in demerstemStock. ...... beleuchtet ist auch noch die Holztreppe in demerstenStock. ...... Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. — Immerverraulicher. ...... Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. — Immervertraulicher. ...... Süd-nndNord-Amerika, an Afrika, Australien, die ...... Süd-undNord-Amerika, an Afrika, Australien, die ...... Loth. Wird’s nicht baldznEnde gehen? ...... Loth. Wird’s nicht baldzuEnde gehen? ...... Wintergarten hereinkommend, trifftausEduard, der etwas aus ...... Wintergarten hereinkommend, trifftaufEduard, der etwas aus ...
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