Der Herr des Waldes
Der Herr des Waldes machte seinen Morgenspaziergang. Warm lag das Sonnenlicht ihm auf den Schultern, milde sahen seine Augen an den Buchen hinauf und freuten sich an dem schwellenden Grün und der Lichtfülle in den Wipfeln. Und wenn er an eine Stelle kam, an der ein Unwetter hart gewütet, fuhr er langsam durch den weißen, langen Bart und sagte:
»Hier müssen wir neuen Wuchs anpflanzen.«
Da sah er auf seinem Wege zu Füßen einen Ameisenhaufen. Ein lustiges, emsiges, regsames Gekribbel. Die einen bauten Gemächer und Gänge und trieben Stollen und Schächte in die Erde; die andern schleppten Wintervorräte heran; und wieder andere schienen mit heftigen Gebärden in ernstem Disput zu sein.
Plötzlich ging eine Bewegung durch die Massen. Ein armer Sünder wurde durch die Stadt zum Richtplatz geführt, wo ihn die Schergen zu Tode bringen sollten.
»Was soll das?« fragte der Herr des Waldes.
»Wir müssen ihn töten«, antwortete jemand aus der Menge, »er hat gesagt, er glaube nicht an den Herrn des Waldes.«
Und weiter zogen sie mit ihm zum Richtplatz.
Der Herr des Waldes lächelte und fuhr sich durch den greisen Bart. Milde sahen seine Augen an den Buchen hinauf, und im Weitergehen freuten sie sich an dem schwellenden Grün und an der Lichtfülle in den Wipfeln.
Albert Sergel