Sterben

Sterben

In dumpfheißer Dickung, von goldgrünen Fliegen umschwirrt, liegt der starke Hirsch. Sein Atem geht scharf, seine Flanken jagen, immer wieder und wieder fährt er mit dem Lecker über den schwarzen Windfang. Der ist trocken und warm – und ferne die kühlende Suhle. Manchmal schlägt der Wunde nach den gierigen Schmeißfliegen, die so beharrlich die Stelle belagern, wo das Haar klebrig rot ist und zähe Tropfen sickern. Sie tasten die Gelegenheit nach einer Brutstätte ab. Selbst unter den Leib ihres Opfers kriechen sie; dort brennt die Wunde am ärgsten, dort fließt der Saft reichlicher, darum hat sich der Hirsch auf die linke Seite gelegt. Aber diesen teuflischen Peinigern vermag er nicht zu wehren, jede Bewegung läßt den Brand durch all seine Glieder lecken. Darum hält er still und leidet und denkt an Wasser. Wasser! Wasser!

Nur mehr diese eine Vorstellung ist in allen seinen zuckenden Nerven. Was geht ihn sein getreuer Freund, der zwölfendige Beihirsch an, was kümmert ihn die Wonne der großen Zeit, die schon in ihm vorbereitet war, da er die Kugel empfing! Nur Wasser! Ob er noch die Suhle erreicht? Sie liegt ferne über dem Hügel, eine halbe Hirschstunde von hier. Dort ist kühler Schatten, dort möchte er sterben – nur nicht in diesem stickigen Dunkel.

Keuchend, zitternd, dunstend vor Schmerz wird er hoch. Fast bricht er auf der Stelle zusammen, so flackert und siedet sein Eingeweide. Und seine Läufe sind so schwach, so müde, wie zerbrochen.

Aber er tut einen Schritt und einen zweiten und dritten, und siehe, er kommt besser vorwärts, als es zuerst schien. So zieht er langsam aus der schwülen Dickung und ins raume Stangenholz hinein, mit krummem Rücken und hängendem Haupte, fast so, als suchte er des Schmaltieres Liebesfährte. Aber ihm ist nicht danach. Wie er mit Anstrengung Lauf vor Lauf setzt, deucht ihn, er schreite hoch über dem Waldboden in freier Luft, alles ist fern und verschwommen und gleichgültig. In seinen Flanken tobt das Weh, sein brodelndes Blut will Wasser, seine trockene Drossel würde nach Wasser brüllen, vermöchte sie es. Und die grünen Fliegen summen hinterdrein.

Jetzt tritt er ins Altholz. Ferne klingen Axt und Säge, er vernimmt es, aber er deutet es nicht, er weiß, dort sind Menschen, Menschen, diese Feinde, grausamer fast als Winter und Seuche – aber er hat sie nicht mehr zu fürchten. Von seiner Flanke tropft es rotwäßrig, hier auf Farnkraut, dort auf die Streu; die Wunde ist wieder lebendig, der Schmerz wühlt in ihm. Fast verspürt er es nicht, solche Stumpfheit, Bleischläfrigkeit umfängt seine Sinne. Nur weiter, weiter! Hier ist der Abfuhrweg, den er sonst immer in heller Flucht überfiel; heute zieht er achtlos drüber hinweg. Jenseits beginnt das enge Stangenholz. Er gibt sich gar keine Mühe, leise aufzutreten, sein Krongeweih schlägt überall an, dem Menschen tausend Zeichen hinterlassend. Ein Holzwagen knarrt hinter ihm durch den Bestand, der Markolf warnt, Stimmen schreien. Das alles hat keine Schrecken mehr für ihn.

Er kann nicht weiter, niedertun muß er sich, bis wieder ein allerletzter Rest von Kraft zusammenkommt. Da sind die goldenen Blutfliegen auch schon wieder; wie Bienen umschwärmen sie die rote Blume des Todes, die ihnen so honigsüß duftet …

O, er weiß, daß jener Mensch es war, der ihm so wehe getan!Jener Mensch mit dem grauen Rock und dem grauen Bart, den er durch neun Winter für gut hielt, weil er ihm Heu brachte und den Schnee wegpflügte und salzige Steine an seinem Lieblingsstandorte aufstellte. Aber die Güte dieser Mächtigen ist nicht treuer Art; sie geben nur, um nehmen zu dürfen …

Weiter, weiter, eh das Blut gerinnt, die Flamme verlischt!

Stöhnend reißt er sich empor.

Stangenholz, Altholz, Stangenort, Abfuhrweg, hohes Holz, Schneise. Er sieht die Baumreihen wie im Traume an sich vorbeigehen. Er kennt jedes einzelne Jagen, jeden Stamm. Hier hat er vor zwei Jahren seine Zwölferstangen abgeschlagen, dort hat er im letzten Sommer sein Vierzehnergeweih fertiggefegt. Es war das beste, das er je trug, heute setzte er auf ungerade zwölf Enden zurück. Da der Futterraufen, drüben die Lecke; in diesem Bestande schlug er damals den Sechzehnendigen fast zuschanden und trieb ihm dann noch sein Rudel weg. Nun das enge Jungholz, wo einst der uralte Zehner plötzlich zurückblieb, kurz wurde, dröhnend ins Reisig brach. Dort stürzte das Schmaltier inmitten der Richtschneise; hier hat er zum ersten Male heimlicher Herbstminne gepflogen, während der Achtzehnendige im Farnkraut schlief …

Die Wälder wandern an ihm vorbei wie seine Schicksale. Er wirft nicht auf, in seinen verglasenden Lichtern spiegelt sich nichts mehr. Er sieht nur die Waldstreu, die, wie er langsam weiterzieht, unter seinen Läufen weg nach rückwärts geht. Er ist sich seiner Tritte nicht bewußt, ohne Wille, ohne Kraft schleppt er sich durch den heißen Spätsommertag.

Nur das eine weiß er irgendwo im Innersten: Dort ist das Wasser, dort die schwarze Suhle, dorthin drängt ihn ein dumpfer Trieb, eine letzte Sehnsucht.

Er tritt aus dem Bestande auf den Schlag. Die Luft flackert, Schmetterlinge schwanken über den Klafterstößen, im blauen Himmel schwärmen schon die funkelnden Schwalben.

Fast tut ihm die glosende Sonne wohl. Denn in seinen Läufen ist schon eine Kälte, eine lähmende Schwere.

Weiter, weiter! Da drüben liegt ja das Bruch, die Suhle.

Wieder schlägt tiefer Schatten über ihm zusammen. Es ist doch besser in dieser Dunkelheit. Hier im Bruch weht es kühl, Moorduft liegt über dem gurgelnden Boden.

Dann tut er sich im schwarzen Ellernwasser nieder. Jetzt hat er wenigstens vor den Fliegen Ruhe. Sie können nicht an dierote Stelle in den Flanken, die liegt im Nassen. Es zwingt ihn, die Lichter zu schließen; den Äser berührt die schlammige Flut. Bei jedem Atemzuge gurgelt sie und trübt sich von neuem.

So hat er manchen Sommertag gelegen, wenn im Bestande die Hitze, in der Dickung die Mückenqual zu unerträglich war. Hier fand er stets Frieden und Kühlung und Schlummer.

Er schläft nicht, aber seine Lider sind in behaglichem Träumen geschlossen. Er träumt nicht, aber er ist ohne Bewußtsein. Nur das Kühlende verspürt er, die Feuchtigkeit vor dem Äser.

Ganz still ist der Wald, still wie die Stube, in der ein Wiegenkind schlummert. Man vernimmt keine Axt, keines Menschen Ruf. Und von Getier ist nur die Hummel wach, die draußen im Schlag um den Salbei burrt, und der Schwarzspecht, der in ferner Eichenkrone seinen wehen Einsamschrei tut.

Aber weit drüben in der Dickung, wo die Schwüle ganz eng zusammengedrückt liegt, da steht jetzt der graue Mann mit dem grauen Bart, und an ihm zieht ein glatter Hund, so rot wie ein Hirsch, ein Hund mit schwermütigen Augen und nachdenklicher Stirn – der Todeshund, der die Spur des langsamen Sterbens findet und bis ans Ende ausläuft. Er senkt die Nase tief in die Streu: da liegen rotklebrige Tropfen, kleine Lachen, aus denen Schwärme funkelnder Fliegen aufbrummen. Allein Mann wie Hund lassen sich nicht irremachen. Der Graue bückt sich, prüft, wendet, beriecht die rotgetränkten Fallnadeln. Dann lobt er den ungeduldigen Gesellmann: »So recht, mein Hund – such verwund’t!«

Dem Hirsche kriecht eisige Starre von den Läufen her immer höher, immer näher ans Herz heran. Schon sind seine Gelenke steif, nur im Leibe geht noch kochende Hitze um. Dann erfaßt Kälte auch die Muskeln. Sie tastet sich spinnebeinig das Rückenmark entlang, umlauert das sprunghaft schlagende Herz. Plötzlich greift sie zu. Das krallt und krampft, schwarzes Wasser spritzt von schlagenden Läufen, Schlamm fliegt umher. Noch einmal hebt der Sterbende das gekrönte Haupt, in der Drossel raucht’s und gurgelt’s, steil nach unten neigen sich die Stangen – und nun schießt ein warmer Strom durch den zitternden Leib, die Läufe strecken sich hart, kleine Wellen schauern an ihnen hin.

Es ist vorbei. Schwer fällt das Haupt ins klatschende Moorwasser: eine Stange liegt im Schlamm, die andere ragt zackig empor.

Hoch überm Walde steht der heilige Mittag.

Friedrich von Gagern


Back to IndexNext