"Du bist blaß", sagte Richard; "es ist zu weit für dich gewesen."
"Oh, nicht zu weit."
"Aber du bist ermüdet, komm!" Und er drückte sie in den großenPolsterstuhl, der dicht am Fenster stand.
Sie ließ sich das gefallen und legte den Kopf zurück an die eineSeitenlehne; die schmächtige Gestalt verschwand fast in dem breiten Sessel.
"Wie jung du bist!" sagte er.
"Ich?—ja, ziemlich jung."
Sie hatte ihr Füßchen vorgestreckt, und er sah wie verzaubert darauf hinab. "Und was für eine Wilde du bist", sagte er, "da geht schon wieder quer über den Spann ein Riß!" Er hatte sich gebückt und ließ seine Finger über die wunde Stelle gleiten. "Wieviel Paar solcher Dinger verbrauchst du denn im Jahr, Prinzeßchen?"
Aber sie legte nur ihren kleinen Fuß in seine Hand, löste ihre schwere Haarflechte, die sie drückte, so daß sie lang in ihren Schoß hinabfiel, und streckte sich dann mit geschlossenen Augen in die weichen Polster.
Im Zimmer dunkelte es allgemach; draußen in der Wiesenmulde stiegen weißeDünste auf, und drüben im Tannenwalde war schon die Schwärze der Nacht.—Da schlug draußen im Hofe der Hund an, und Franzi fuhr empor und rißihre großen grauen Augen auf.
Nein, es war wieder still; aber von jenseits des Waldes kam jetzt mit demAbendwind Musik herübergeweht.
"Laß doch", sagte Richard, "das kommt nicht zu uns."
Aber sie hatte sich vollends aufgerichtet und sah neugierig in dieAbenddämmerung hinaus.
"Es ist nur eine Hochzeit, Franzi, sie werden mit der Aussteuer drüben amWaldesrand herumfahren."
"Eine Hochzeit! Wer heiratet denn?"
"Wer? Ich glaube: des Bauervogts Tochter; ich weiß es nicht. Was kümmert es uns; wir kennen ja die Leute nicht."
"Freilich."
Sie standen jetzt beide am Fenster; er hatte den Arm um sie gelegt, sie lehnte den Kopf an seine Brust. Ein paarmal, aber immer schwächer, wehten noch die Töne zu ihnen her; dann wurde alles still, so still, daß er es hörte, wie ihr der Atem immer schwerer ging.
"Fehlt dir etwas, Franzi?" fragte er.
"Nein; was sollte mir fehlen?"
Er schwieg; aber sie drängte ihr Köpfchen fester an seine Brust.
"Du!" sagte sie, als brächte sie es mühsam nur hervor.
"Ja, Franzi?"
"Du—warum heiraten wir uns nicht?"
Es durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag; eine Kette qualvoller Erinnerungen tauchte in ihm auf; die Welt streckte ihre grobe Hand nach seinem Glücke aus.
"Wir Franzi?" wiederholte er scheinbar ruhig. "Wozu? Was würde dadurch anders werden?"
"Freilich!" Sie sann einen Augenblick nach. "Aber wir lieben uns ja doch!"
"Ja, Franzi! Aber"—er blickte ihr tief in die Augen, und seine Stimme sank zu einem Flüstern, als wage er die Worte nicht laut werden zu lassen—"es könnte einmal ein Ende haben—plötzlich!"
Sie starrte ihn an. "Ein Ende?—Dann müßte ich wohl fort von hier!"
"Müssen Franzi? Weh mir, wenn du es müßtest!"
Sie schwiegen beide.
"Wie alt bist du, Franzi?" begann er wieder.
"Du weißt es ja, ich werde achtzehn."
"Ja, ja, ich weiß es, achtzehn; ich hin ein Menschenalter dir voraus. Über diesen Abgrund bist du zu mir hinübergeflogen, mußt du immer zu mir hinüber.—Es könnte ein Augenblick kommen, wo dir davor schauderte."
"Was sprichst du da?" sagte sie. "Ich versteh das nicht."
"Versteh es nimmer, Franzi!"
Aber während sie atemlos zu ihm emporblickte, zuckte es plötzlich um ihren jungen Mund; es war, als flöhe etwas in ihr Innerstes zurück.
Hatten seine Worte die Schärfe ihres Blickes geweckt, und sah sie, was ihr bisher entgangen war, einen Zug beginnenden Verfalls in seinem Antlitz?—Doch schon hatte sie sein Haupt zu sich herabgezogen und erstickte ihn fast mit ihren Küssen. Dann riß sie sich los und ging rasch hinaus.
Als sie fort war, machte er sich an seinem Schreibtische zu tun. Mit einem besonders künstlichen Schlüssel öffnete er ein Fach desselben, in welchem er seine Wertpapiere verwahrt hielt. Er nahm aus den verschiedenen Päckchen einzelne hervor, schlug einen weißen Bogen darum und setzte eine Schrift darauf. Als das geschehen war, nahm er einen zweiten, dem, womit er das Fach geöffnet hatte, völlig gleichen Schlüssel, paßte ihn in das Schlüsselloch und legte ihn dann neben die Papiere auf die Tischplatte.
Der Abend war schon so weit hereingebrochen, daß er alles fast im Dunkeln tat; über den Tannen drüben war schon der letzte Hauch des braunen Abenddufts verglommen.
Als Franziska nach einer Weile mit der brennenden Lampe hereingetreten war und schweigend das Zimmer wieder verlassen wollte, ergriff er ihre Hand und zog sie vor den Schreibtisch.
"Kennst du das, Franziska?" fragte er, indem er einige der Papiere vor ihr entfaltete.
Sie blickte scharf darauf hin. "Ich kenne es wohl", erwiderte sie; "es ist so gut wie Geld."
"Es sind Staatspapiere."
"Ja, ich weiß; ich habe bei dem Magister einmal zu solchen ein Verzeichnis machen müssen."
Er zeigte ihr ein Konvolut, worauf in frischer Schrift ihr Name stand, und nannte ihr den Betrag, der darin enthalten war. "Es ist dein Eigentum", sagte er.
"Mein, das viele Geld?" Sie blickte mit scharfen Augen auf das verschlossene Päckchen.
"Versteh mich, Franzi", begann er wieder; "schon jetzt ist es dein; am allermeisten aber"—und er verschlang die junge Gestalt mit seinen Blicken—"in dem Augenblicke, wo du selber nicht mehr mein bist. Du wirst dann völlig frei sein; du sollst es jetzt schon sein."
Er sah sie an, als erwartete er von ihr eine Frage, eine Bitte um Erklärung; da sie aber schwieg, sagte er in einem Tone, der wie scherzend klingen sollte: "Da du jetzt eine Kapitalistin bist, so muß ich dir auch den nötigen Eigentumssinn einzupflanzen suchen." Und er nahm eine von den Zeitungen, die umherlagen, zog die Geliebte auf seinen Schoß und begann die Rubrik der Kurse mit ihr durchzugehen. Dann aber, als sie ihm aufmerksam zuzuhören schien, lachte er selbst über sein schulmeisterliches Bemühen. "Es ist spaßhaft! Du und Staatspapiere, Franzi! Du hast natürlich kein Wort von alledem verstanden!"
Aber sie lachte nicht mit ihm; sie war von seinem Schoße herabgeglitten und begann eingehende Fragen über das eben Gehörte an ihn zu richten.
Er sah sie verwundert an. "Du bist gefährlich klug, Franzi!" sagte er.
"Magst du lieber, daß ich's nicht verstehe, wenn du mich belehrst?"
"Nein, nein; wie sollte ich!"-Sie wollte gehen, aber er rief sie zurück."Vergiß den Schlüssel nicht!" Und indem er sie an den Schreibtisch führte,setzte er hinzu: "Dieses Fach enthält jetzt mein und auch dein Eigentum.Möge es nie getrennt werden!"
Sie hatte indessen eine Schnur von ihrem Halse genommen, woran sie eine kleine golde Kapsel mit den Haaren einer frühverstorbenen Schwester auf der Brust trug, und war eben im Begriff, daneben auch den Schlüssel zu befestigen; aber ihre geschäftigen Hände wurden zurückgehalten.
"Nein, nein, Franzi!" sagte er. "Was beginnst du!"—Er hatte das Mädchen zu sich herangezogen und küßte sie mit Leidenschaft.—"Leg ihn fort, weit fort! zu deinen anderen Dingen. Was denkst du denn! Soll ich den Kassenschlüssel an deinem Herzen finden?"
Sie wurde rot. "Was du auch gleich für Gedanken hast!" sagte sie und steckte den Schlüssel in die Tasche.
Es war in der ersten Hälfte des August. Schwül waren die Tage; trübselig in der Mauser saßen die Vögel im Walde; nur einzelne prüften schon das neue Federkleid zum weiten Abschiedsfluge; aber desto schöner waren die Nächte mit ihrer erquickenden Kühle. Draußen im Waldwasser, wo vordem die Iris blühten, wie auf dem Hofe in der Tiefe des offenen Brunnens spiegelten sich jetzt die schönsten Sterne; im Nordosten des nächtlichen Himmels ergoß die Milchstraße ihre breiten, leuchtenden Ströme.
Richard hatte während einiger Tage den nächsten Umkreis des Waldwinkels nicht verlassen; ein Körperleiden aus den Jahren seiner Kerkerhaft, die nicht nur im Kopfe des Winkeladvokaten spukte, war wieder aufgetaucht und hatte wie eine lähmende Hand sich auf ihn gelegt.
Jetzt saß er, die linde Nacht erwartend, auf einer Holzbank, welche draußen vor der Umfassungsmauer angebracht war; an seiner Seite lag sein löwengelber Hund. Stern um Stern brach über ihm aus der blauen Himmelsferne; er mußte plötzlich seines Jugendglücks gedenken.—Wo—was war Franziska zu jener Zeit gewesen?—Ein Nichts, ein schlafender Keim! —Wie lange hatte er schon gelebt!—Die Talmulde entlang begann ein kühler Hauch zu wehen; er hätte wohl lieber nicht in der Abendluft dort sitzen sollen.
Da schlug der Hund an und richtete sich auf. Gegenüber aus den Tannen ließen sich Schritte vernehmen, und bald erschien die schlanke Gestalt eines Mannes, rasch auf dem Fußsteige hinabschreitend. "Ruhig, Leo!" sagte Richard, und der Hund legte sich gehorsam wieder an seine Seite.
Der Fremde war indessen näher gekommen, und Richard erkannte einen jungenMann in herkömmlicher Jägertracht, mit dunklem krausem Haar und keckenGesichtszügen; sehr weiße Zähne blinkten unter seinem spitzenZwickelbärtchen, als er jetzt, leichthin die Mütze rückend, "guten Abend"bot.
"Sie wünschen etwas von mir?" sagte Richard, indem er sich erhob.
"Von Ihnen nicht, mein Herr; ich wünsche das junge Mädchen in Ihrem Hause zu sprechen."
Es war eine Zuversichtlichkeit des Tons in diesen Worten, die Richard dasBlut in Wallung brachte. "Und was wünschen Sie von ihr?" fragte er.
"Wir jungen Leute haben auf Sonntag einen Tanz im Städtchen drüben; ich bin gekommen, um sie dazu einzuladen.
"Darf ich erfahren, wem sie diese Ehre danken sollte? Ihrer Sprache nach sind Sie nicht aus dieser Gegend."
"Ganz recht", erwiderte in seiner unbekümmerten Weise der andere; "ich verwalte nur während der Vakanz die erledigte Försterei der Herrschaft."
"Aber Sie irren sich, Herr Förster; die junge Dame, die in meinem Hause lebt, besucht nicht solche Tänze."
"Oh, mein Herr, es ist die anständigste Gesellschaft!"
"Ich zweifle nicht daran."
Der andere schwieg einen Augenblick. "Ich möchte doch die junge Dame selber fragen!"
"Es wird nicht nötig sein."
Richard wandte sich nach der Pforte. Da der Förster auf ihn zutrat, als wollte er ihn zurückhalten, streckte der Hund seinen mächtigen Nacken und knurrte ihn drohend an.
"Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Förster!" sagte Richard.
Ein scharfer Blitz fuhr aus den Augen des jungen Gesellen; er biß in seinen Zwickelbart; dann rückte er, wie zuvor, leichthin die Mütze und ging, ohne ein Wort zu sagen, den Fußsteig, den er gekommen war, zurück. Auf halbem Wege wandte er sich noch einmal und warf einen Blick nach den Fenstern des Waldwinkels; bald darauf verschwand er drüben in dem schwarzen Schatten der Tannen.
- Während der Hund, wie zur Wache, noch unbeweglich an dem Rand der Wiesenmulde stand, war Richard ins Haus zurückgegangen. Als er oben in das Wohnzimmer trat, sah er Franziska am Fenster stehen, die Stirn gegen eine der Glasscheiben gedrückt; ein Staubtuch, das sie vorher gebraucht haben mochte, hing von ihrer Hand herab.
"Franzi!" rief er.
Sie kehrte sich, wie erschrocken, zu ihm.
"Sahst du den jungen Menschen, Franzi?" fragte er wieder. "Es war derselbe, der uns in letzter Zeit ein paarmal im Oberwald begegnet ist."
"Ja, ich bemerkte es wohl."
"Hast du ihn sonst gesehen?" In Richards Stimme klang etwas, das sie früher nie darin gehört hatte.
Sie blickte ihn forschend an. "Ich?" sagte sie. "Wo sollte ich ihn sonst gesehen haben?"
"Nun—er war so gütig, dich zum Tanze zu laden."
"Ach, tanzen!" Und ein Blitz von heller Jugendlust schoß durch ihre grauenAugen.
Er sah sie fast erschrocken an. "Was meinst du, Franzi?" sagte er. "Ich habe ihn natürlich abgewiesen."
"Abgewiesen!" wiederholte sie tonlos, und der Glanz in ihren Augen war plötzlich ganz erloschen.
"War das nicht recht, Franzi? Soll ich ihn zurückrufen?"
Aber sie winkte nur abwehrend mit der Hand.—Ohne ihn anzusehen, doch mit jenem scharfen Klang der Stimme, der sich zum erstenmal jetzt gegen ihn wandte, fragte sie nach einer Weile: "Hast du je getanzt, Richard?"
"Ich, Franzi? Warum fragst du so?—Ja, ich habe einst getanzt."
"Nicht wahr, und es ist dir eine Lust gewesen?"
"Ja, Franzi", sagte er zögernd, "ich glaube wohl, daß ich es gern getan."
"Und jetzt", fuhr sie in demselben Tone fort, "jetzt tanzest du nicht mehr?"
"Nein, Franzi; wie sollte ich? Das ist vorbei.—Aber du nimmst mich ja förmlich ins Verhör!" Er versuchte zu lächeln; aber als er sie anblickte, standen die grauen Augen so kalt ihm gegenüber. "Vorbei!" sagte er leise zu sich selber. "Der Schauder hat sie ergriffen; sie kommt nicht mehr herüber."
Er ließ es still geschehen, als sie nach einer Weile an seinem Halse hing und ihm eifrig ins Ohr flüsterte: "Vergib! Ich habe dumm gesprochen! Ich will ja gar nicht tanzen."
—————————————
Richards Unwohlsein hatte in einigen Wochen so zugenommen, daß er das Zimmer nicht verlassen konnte. Ein Arzt wurde nicht zugezogen, da ihm aus früheren Zufällen die Behandlung selbst geläufig war; sogar Frau Wiebs aus Wachs und Baumöl gekochte Salben wurden unerbittlich zurückgewiesen. Besser wußte Franziska es zu treffen. Sie saß neben seinem Lehnstuhl, wo er, an einem künstlich von ihr aufgebauten Pulte, einen Aufsatz über hier aufgefundene seltene Doldenpflanzen begonnen hatte; sie holte ihm die betreffenden Exemplare aus dem mit ihrer Hülfe angelegten Herbarium oder aus der Bibliothek die Bücher, deren er bedurfte; sie suchte darin die einschlagenden Stellen für ihn auf und las sie vor. "Wenn ich noch einmal Professor werde", sagte er heiter, "welch einen Famulus besitz ich schon!" Aber sie war nicht nur sein Famulus, sie war auch das Weib, deren stille Nähe ihm wohltat, die schweigend seine Hand, wenn sie von der Arbeit ruhte, in die ihre nahm, die ihm die Polster und den Schemel rückte und ihm mit sanfter Stimme den Trost auf baldige Genesung zusprach.
Heute—es war am Nachmittag—hatte er sie fortgeschickt, um ein buntes Lippenblümchen aufzusuchen, das nach seiner Rechnung sich jetzt erschlossen haben mußte; am Waldwasser, das sie beide zu allen Tageszeiten oft besucht hatten, standen hie und da die Pflänzchen.—Er selbst war in seinem Lehnsessel bei der begonnenen Arbeit zurückgeblieben; auf allen Stühlen um ihn her lagen Bücher und Blätter, von Franziskas Hand vor ihrem Weggange sorgsam nahe gerückt und geordnet. Eben hatte er eine ihrer Zeichnungen hervorgesucht, die nach seiner Absicht dem Aufsatze beigedruckt werden sollte; aber seine Gedanken gingen über das Blatt nach der Malerin selbst, die jetzt dort drüben der Wald vor ihm verbarg. Ihre hingebende Sorge an seinem Krankenstuhle wollte ihm auf einmal fast unheimlich scheinen; denn—er konnte es sich nicht verhehlen—Franzi hatte sich in der letzten Zeit ihm zu entziehen gesucht; sie war fast wieder scheu geworden wie ein Mädchen. Sollte dies demütige Dienen ein Ersatz sein? Es war etwas Müdes in ihrem ganzen Tun und Wesen.
Richard hatte den Kopf zurückgelehnt und blickte aus dem Fenster, in dessen Nähe seine Krankenstatt aufgeschlagen war. Durch die klare Luft flog eben ein Zug von Wandervögeln; als der verschwunden war, fielen seine Augen auf einen Vogelbeerbaum, der drüben vor den Tannen an der Wiesenmulde stand; eine Schar von Drosseln tummelte sich flatternd und kreischend zwischen den schon roten Traubenbüscheln, die in dem scharfen Strahl der Nachmittagssonne aus dem Grün hervorleuchteten.
Fern aus dem Walde hallte ein Schuß.
"Bartholomäustag!" sagte Richard bei sich selbst.—"Die Junker haben ihreJagd eröffnet.—Wenn nur Franzi schon zurück wäre!"
Eine ungeduldige Sehnsucht nach ihr ergriff ihn. Er hatte ihr etwas versagt, woran sie nur einmal und nie wieder erinnert hatte; aber es schien ihm plötzlich klargeworden, dies Versagen drückte sie. Wenn er nur erst gesund wäre! Sie konnten hier nicht ewig bleiben; auch er fühlte jetzt mitunter eine Beklommenheit in dieser Stille, einen Drang, an den Dingen da draußen wieder frischen Anteil zu nehmen. Dann, wenn sie unter Menschen lebten, mußte schon alles nachgeholt sein; was er ihr und sich selber einst entgegengesetzt hatte, er schalt es kranke Träume, die den Dünsten des öden Moors entstiegen seien. Nein, nein! Sein junges Weib zur Seite, wollte er wieder ins volle Leben hinaus; ein ganzer froher Mann, befreit von allem grauen Spinngewebe der Vergangenheit. "Franzi, süße Franzi!" rief er und streckte beide Arme nach ihr aus.
Aber sie kam noch nicht.
Er versuchte es, seine Arbeit wieder aufzunehmen, er blätterte in den umherliegenden Büchern, er schrieb eine Zeile, dann legte er die Feder wieder hin.—Von den Eichbäumen, die zu Westen der Umfassungsmauer standen, fielen die Schatten schon über den ganzen Hof; nur seitwärts durch die oberen Scheiben drang noch ein Sonnenstrahl ins Zimmer. Da sah er es drüben aus den Tannen schimmern; Franziska trat aus dem Dunkel und schritt langsam auf dem Fußsteige hin; ein paarmal blieb sie wie aufatmend stehen, während sie durch die Wiesenmulde heraufkam.
Als sie dann zu ihm ins Zimmer getreten war, legte sie einen Strauß von blauem Enzian und Heideblüten vor ihm hin; auch ein Stengel jenes Lippenblümchens war dabei, aber die Knospen waren noch nicht erschlossen; vergebens—so sagte sie—habe sie sich überall nach einer aufgeblühten Pflanze umgesehen; aber morgen oder übermorgen werde sie gewiß schon eine bringen können.
Ihre Augen glänzten, ihre Wangen waren heiß. Er ergriff ihre Hand und wollte sie an sich ziehen.
"Du hast wohl sehr weit umher gesucht?" sagte er.
Aber er fühlte ein leises Widerstreben. "Oh, ziemlich weit! Es war ein wenig feucht, ich muß die Schuhe wechseln."
"So tu das erst, komm aber bald zurück! Ich habe fast um dich gesorgt."
"Um mich? Das war nicht nötig."
"Ja, Franzi, wenn man krank im Lehnstuhl sitzt!—Ich hörte schießen, drüben vom Waldwasser her. Hast du es nicht gehört?"
"Ich? Nein, ich hörte nichts." Sie hatte im selben Augenblick den Kopf gewandt. "Ich komme gleich zurück", sagte sie, ohne umzusehen, und ging rasch zur Tür hinaus.
Als sie gegangen war, kam der Hund herein, der es bald gelernt hatte, mit seiner breiten Pfote die Zimmertür zu öffnen. Er legte den Kopf auf seines Herrn Schoß und blickte ihn wie fragend mit den braunen Augen an. Richard ließ seine Hand liebkosend über den Rücken des schönen Tieres gleiten.
"Sei ruhig, Leo!" sagte er, "wir beide bleiben doch beisammen!"—Er teilte mit den Fingern das seidenweiche Haar unter dem Behang des Kopfes. "Laß sehen! Hast du denn die Narbe noch?—Das war ein wilder Strauß mit dem lombardischen Strauchdieb damals! So tolle Wege gehen wir nun nicht mehr! —Aber schön wird doch auch die neue Fahrt mit deiner jungen Herrin, wenn sie mit ihren lichten Falkenaugen in die vorüberfliegende Landschaft blickt, und du, mein Hund, voran in weiten Sprüngen, wie einstens, da wir noch allein die Welt durchstreiften! Denn hinaus wollen wir wieder, weit hinaus, und du, mein Tier—gewiß, wir bleiben beieinander!"
Er hatte sich hinabgebeugt, aber Leo schloß wie beruhigt seine Augen, und nur die Fahne des mächtigen Schweifes bekundete in sanften Bewegungen die Zufriedenheit seines Innern. So saßen sie still beisammen, wie sie es sonst so oft getan, tags an der offenen Landstraße wie abends im behaglichen Quartier. Der reichbegabte Mann und die scheinbar so weit von ihm getrennte Kreatur—in diesem Augenblick legte sich das Gefühl der gegenseitigen Treue wie erquickender Tau auf beider Haupt.—Richard war nicht dazu gekommen, Franzi seinen so freudig gefaßten Entschluß mitzuteilen; auch als sie bald darauf wieder eintrat, und selbst in den folgenden Tagen, gelangte er nicht dazu.—Franzi ging wiederholt in den Wald hinaus. Sie brachte ihm die erschlossene Blume, um deren willen sie zuerst hinausgegangen war; sie brachte auch andere, die zu seiner Arbeit in Beziehung standen; jedesmal hatte sie etwas Neues vorzulegen. In der Vase, welche auf dem Schreibtische stand, ordnete sie fast täglich einen neuen Strauß von Gräsern und wilden Blumen, zwischen denen jetzt auch schon Zweige mit roten und schwarzen Beeren glänzten.
Wenn sie ihn verlassen hatte, fühlte er eine Unruhe, die er sich selber zu gestehen schämte. Denn was konnte ihr geschehen hier im Walde!—Einen Schuß hatte er nicht wieder gehört; die Jagd mußte, wenn sie überhaupt betrieben wurde, nach einem entfernteren Teile des Reviers verlegt sein.
Aber allmählich und immer rascher fühlte er sich genesen; bald ging er im Hause, bald mit Leo und Franzi auch schon draußen in der nächsten Umgebung desselben umher; mit vollen Zügen atmete er die klare, würzige Herbstluft. Und jetzt erfaßte ihn aufs neue eine Ungeduld, bevor noch hier die Blätter fielen, seine Pläne zu verwirklichen. Mit raschem Entschluß setzte er sich an den Schreibtisch und teilte seinem Freunde, dem Bürgermeister, seine Absicht nebst einer dessen Persönlichkeit entsprechenden Begründung mit, zugleich kündigte er seinen Besuch auf die nächsten Tage an. Neben ihm unter dem Briefbeschwerer lag die jüngst verfaßte Arbeit, in sauberer Reinschrift von Franziskas Hand und fertig zur Versendung an die Redaktion einer botanischen Zeitschrift. Alles sollte noch heute die Botenfrau zur Post bringen.
Als er die Abhandlung hervorzog, um sie einzusiegeln, kreuzte beim flüchtigen Einblick ein Gedanke seinen Kopf, der ihn antrieb, noch einmal ein in seiner Bibliothek befindliches Fachwerk nachzuschlagen.
Gleich nachdem er das Zimmer verlassen hatte, kam Franziska durch die Außentür herein. Als sie den offenen, frisch geschriebenen Brief auf dem Tische liegen sah, trat sie auf leisen Sohlen näher; vorsichtig reckte sie den Kopf, und ihre Augen flogen darüber hin, als wollten sie die Schrift einsaugen. Ein paar Sekunden stand sie noch, ihre Finger fuhren an die Zähne, ein heftiges Erschrecken lag auf ihrem Antlitz. Dann, als nebenan in der Bibliothek sich Schritte rührten, entfloh sie aus dem Zimmer, aus dem Hause und draußen über den Hof; an die Mauer gedrückt, lief sie in die Heide hinaus, die an der Rückseite des Gebäudes lag. Eine Weile saß sie hier zwischen dem Eichengebüsch auf dem Boden, die Hände um die Knie gefaltet; ihre Blicke flogen von den Wetterfahnen des Hauses, welche goldschimmernd in der Morgensonne aus dem Laub hervorragten, nach dem Wald hinüber und vom Walde zurück zu dem alten Gemäuer, das dort so friedlich in dem Grün der Bäume stand. Plötzlich sprang sie auf; die ganze schmächtige Gestalt bebte, aber ihre Augen blickten entschlossen nach dem Wald hinüber. Durch das Gebüsch der Heide lief sie seitwärts an der Wiesenmulde entlang. Als sie beim Zurückblicken das Haus nicht mehr gewahren konnte, ging sie durch die wuchernden Kräuter in dieselbe hinab und verschwand dann jenseits zwischen den Stämmen der Waldbäume.
—Als sie nach reichlich einer Stunde wieder ins Haus trat, schien jedeSpur einer Aufregung aus ihrem Angesicht verschwunden.
"Bist du endlich da, Franzi?" sagte Richard, der ihr auf dem Flur entgegenkam, "ich suche dich seit einer Stunde."
Franziska drückte ihm leicht die Hand. "Verzeih, daß ich dir's nicht sagte. Mir war der Kopf benommen, ich mußte einen Gang ins Freie machen."
Er legte ihren Arm in seinen. "Komm!" sagte er und zog sie mit sich die Treppe hinauf nach dem Wohnzimmer. Hier faßte er sie an beiden Händen und blickte sie lang und liebevoll mit seinen ernsten Augen an.
Sie senkte den Kopf ein wenig und fragte: "Was hast du, Richard? Du bist so feierlich."
"Franzi", sagte er, "gedenkst du wohl noch der Hochzeitsmusik, die abends vom Waldesrand zu uns herüberwehte?"
Sie nickte, ohne aufzusehen.
"Und jener Worte, die ich damals zu dir sprach?—Ich war ein Tor, Franzi; die ungewohnte Einsamkeit hatte mir den Mut gelähmt. Doch jetzt bin ich ein eigensüchtiger Mensch; ich kann nicht anders, ich muß dich halten, unauflöslich fest, auch wenn du gehen wolltest! Ich ertrag's nicht länger, daß du frei bist.—Das ist Selbsterhaltung, Franzi, ich kann nicht leben ohne dich."
Immer inniger ruhten seine Augen auf ihr, immer mehr hatte er sie an sich gezogen.
Bebend hing sie in seinen Armen. "Wann", sagte sie, "wann denkst du, daß es sein sollte?"
"Macht's dich beklommen, Franzi?"—Er legte seine Hand auf ihre dicke seidene Flechte und drückte ihren Kopf zurück, daß er ihr Antlitz sehen konnte. "Ich hab dich überrascht, besinne dich!—Wir brauchen keine Hochzeitsmusik; in dieser Stille, wo du mein geworden bist, mag auch die Außenwelt ihr Recht bekommen. Die alte gute Wieb, ihr Freund, der Inspektor; wir brauchen keine andern Zeugen! Und übermorgen reise ich zu deinem Vormund, zu unserem Freund, dem Bürgermeister; die paar Tage noch bist du Strohwitwe; dann, Franzi, dann verlassen wir uns nicht mehr." Er schwieg.
Sie öffnete die Lippen; aber es war, als wenn die Worte nicht hinüber wollten. "Und wann", sagte sie endlich, "wirst du wiederkommen?"
"Am Sonnabend reise ich; am Dienstag bin ich wieder da. Dann hoff ich alles mitzubringen: die nötigen Scheine, die Lizenz, das Hochzeitskleid. —Ja, Franzi, die Tage deiner Freiheit sind gezählt! Du wirst mir doch indes nicht etwa fortgeflogen sein?"
Mit dem glücklichsten Lächeln blickte er sie an. "Und nun geh, mein geliebtes Weib! Ich hab noch mancherlei für uns zu ordnen."
—————————————
Die letzte Nacht vor der Abreise war gekommen.
—Die drei Bewohner des Waldwinkels befanden sich in ihren Schlafgemächern; Leo, der treue Wächter, lag, wie stets um diese Zeit, unten im Flur quer vor der Haustür hingestreckt. Im Hause war alles still, wenn nicht mitunter ein Husten der alten Frau Wieb aus deren Gardinenbett hervorbebte oder droben im Wohnzimmer der Uhrenkuckuck von Stunde zu Stunde die Stationen der Nacht in die schweigenden Räume hinausrief.—Draußen aber wühlte der Wind in den Bäumen; die Wetterfahnen kreischten auf dem Dache, und allerlei Stimmen schwebten, wenn der Sturm zu neuem Zuge den Atem anhielt, aus dem Walde herüber.—Horch! Klang da nicht ein Fenster? Das einzige an der Westseite des Hauses, wo die Eichenzweige die Mauer fast berühren?
Nein, nur in den Lüften brauste es stärker; es schien sich weiter nichts zu rühren; die alte Frau Wieb hustete; oben rief der Kuckuck: eins!—Die Nacht rückte weiter; nichts, was nicht sonst auch da war, ließ sich hören. Die wenigen Sterne, die durch die vorüberjagenden Wolken blinkten, erblichen nach und nach.—In der ersten Dämmerung stand Franziska vor Richards Bette. Er schlief noch; sie kniete nieder und küßte seine Hand, die über den Rand des Bettes herabhing; und als er die Augen aufschlug, sagte sie: "Du mußt aufstehen, Richard; der Wagen wird bald da sein!"
"Franzi!" rief er, die Augen zu ihr aufschlagend, und nach einer Weile, da der Nebel des Schlafs von seiner Stirn gewichen war, setzte er hinzu: "Hast du den Eulenschrei gehört, heut nacht? Auf der Uhr drinnen rief es just zu eins."
Sie zuckte leise in den Schultern. "Das hören wir ja jede Nacht", sagte sie leise.
"Nein, nein, Franzi; es war nicht der Waldkauz, den wir hierherum haben; es klang ganz anders, seltsam! Ich zweifelte zuerst, ob's auch nur einer seiner Vettern sei; drunten vorn Flur herauf hörte ich, wie Leo sich aufrichtete und einige Male hin und wider ging."
"Ich hab es nicht bemerkt", sagte sie leise.
"Dann hast du fest geschlafen, Franzi; denn das Tier muß in einem der nächsten Bäume hier gesessen haben."
Sie saßen noch beim Frühstück miteinander, aber Franzi brachte kaum einKrümchen über ihre Lippen. Dann stieg er in den Wagen. "Vergiß es nicht;drei Tage!" rief er ihr noch zurück, und fort rollte das Gefährt über dieHeide; mit lautem Bellen sprang der Hund voraus.
Lange stand sie und blickte mit unbeweglichen Augen hinterher, bis nur noch die dunkle Linie des Steppenzuges sich am Horizonte abhob.
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Am Nachmittag trat Richard zu seinem Freunde, dem Bürgermeister, in das Zimmer.
"Nun, Waldmensch!" rief dieser, ihm drohend die kleine runde Hand entgegenschüttelnd, "was treibst du denn für Streiche?"
"Du hast also meinen Brief erhalten?"
"Freilich! Wie du einen alterieren kannst! Es sind natürlich lauterScherze!"
"Ich bin in vollem Ernst zu dir gekommen."
"Höchst merkwürdig!" sagte der Bürgermeister, "romantisch, ganz romantisch!—Ich wette, du weißt noch nicht einmal, wer Vater und Mutter zu demMädchen gewesen sind."
"Was geht das mich an!"
"Nun, nun; du brauchst aber doch einen Taufschein—"
"Ich brauche noch mehr, Fritz! Vielleicht gar deine obervormundschaftliche Hülfe, wenn der wackere Schuster seine Mündel etwa wieder bei einem reichen Bäcker sollte in Versorgung geben wollen."
"Meine Hülfe, Richard? Nein, nein; wo denkst du hin? Das ginge denn doch gegen mein Gewissen."
Richard lächelte. "Aber du bist ja nicht mein Obervormund; ist dir derMann nicht gut genug für deine Mündel?"
"Bei Gott, du hast recht, Richard! Mir war in diesem Augenblick, als seist du noch mein Leibfuchs. Da werd ich freilich nichts dagegen machen können." Der Bürgermeister hatte seine goldene Brille von der Nase genommen, putzte die Gläser mit seinem gelbseidenen Schnupftuche und sah dabei den Freund kopfschüttelnd aus seinen kleinen Augen an. "Hm, solch ein Schwärmer!" sagte er, "es ist doch seltsam, daß euere Sorte immer—"
Aber Richard ergriff den kleinen guten Mann bei beiden Händen. "Du disputierst sie mir nicht ab", sagte er innig. "Laß gut sein, Fritz; sprich lieber, wie steht es mit dem Herrn Magister?"
"Er sitzt!" erwiderte der Bürgermeister mit einem höchst fröhlichenErwachen seiner Stimme.
"Aber sein Prozeß?"
"Still; weck ihn nicht! Der schläft."
"Und Franziska?"
"Wird nicht mehr beunruhigt werden. Die Akten sind eingesandt; das Urteil kommt schon zu seiner Zeit."
"Nun, Fritz, so hilf mir, und laß uns alles rasch besorgen!"-Und alles wurde besorgt; schon am nächsten Vormittage hatte Richard die Lizenz und alle nötigen Scheine in seinen Händen. Es war sein Plan gewesen, die Reise noch auf jene Großstadt auszudehnen; aber wieder befiel ihn eine fast angstvolle Sehnsucht und trieb ihn nach dem Wald zurück; die beabsichtigten Einkäufe ließen sich ja auch am besten in Gemeinschaft mit Franziska machen.
So befahl er denn die Heimkehr.
"Frisch zu, Kutscher", sagte er, "es gibt ein doppeltes Trinkgeld." Der Kutscher brauchte seine Peitsche; noch am Nachmittag erreichten sie das Dorf; aber auf dem holperigen Steinpflaster lief ein Rad von der Achse, und zur Ausbesserung bedurfte es einer halbstündigen Arbeit in der Dorfschmiede. Richard, von Leo begleitet, war nach dem Krug hinübergegangen. Bei seinem Eintritt in die Außendiele stieß der Hund ein dumpfes Knurren aus, und in demselben Augenblick ging der junge Förster, der eben aus der Gaststube trat, ohne Gruß an ihm vorüber aus der Haustür; nur ein flüchtiger Blick der blanken Augen hatte ihn gestreift.
Richard blieb unwillkürlich stehen. Als er durch die offene Haustür wahrnahm, daß der andere den Hof verlassen hatte, ging auch er wieder hinaus und sah ihn eilig auf dem nach Norden fahrenden Landwege dahinschreiten. Der Mensch war ihm verhaßt; er wußte selber kaum, weshalb er hier am Wege stand, ihm nachzublicken.
Er wandte sich rasch wieder nach dem Hause. Dort hörte er von der Gaststube aus lebhaftes und vielstimmiges Gespräch, wovon er bei seiner ersten Einkehr nichts bemerkt hatte. Als er mit seinem Hunde eintrat, fand er viele Gäste an den Tischen sitzen, denn es war Sonntagnachmittag. Aber das Gespräch verstummte plötzlich; statt dessen kam der Wirt ihm entgegen und erkundigte sich geflissentlich nach seiner Reiseungelegenheit. Von einem der Tische her hörte er noch den Namen des Försters, den er zufällig erfahren hatte; doch der Sprecher erhielt von seinem Nachbar einen Stoß mit dem Ellenbogen, und allmählich kam wieder ein lautes Gespräch in Gang, wie es die Bauern über Ernte und Fruchtpreise um solche Jahreszeit zu führen pflegen.
Endlich war die Achse hergestellt, und der Wagen rollte fort. Richard saß in sich versunken; eine unklare, unbehagliche Stimmung hatte ihn ergriffen; er konnte sich nicht freuen auf die Heimkehr, formlose gespenstische Gebilde aus irgendeinem fernen grauen Nebel drangen auf ihn ein. Wenn er nur erst da wäre, nur erst Franziskas Antlitz wiedersähe!
Und weiter ging es, und immer näher kam er zu den Wäldern. Schon rumpelte der Wagen zwischen dem Eichenbusch über den harten Heideboden, und endlich stieg das Dach des Hauses vor ihm auf, und er sah die Wetterfahnen in der Abendsonne schimmern.
Aber dort, was seitwärts aus dem Schatten des Waldes trat, das war sie ja selbst; ihr helles Kleid, ihr Strohhütchen, ganz deutlich hatte er es erkannt. Sie schien den Wagen nicht bemerkt zu haben, denn sie schlug die Richtung nach dem Hause ein; aber er beugte sich vor und rief über die Heide: "Franzi! Franzi!"—Da blieb sie stehen, und als er noch einmal gerufen hatte, wandte sie sich und kam langsam näher. Endlich konnte er ihr Antlitz sehen; die Augen standen so groß und dunkel über den blassen Wangen; er meinte sie noch niemals so gesehen zu haben. Bevor der Wagen hielt, war er schon hinabgesprungen und schloß sie in die Arme. "Gott sei gedankt!" rief er und atmete auf, als fiele eine Bergeslast von seiner Brust, "mir war, als könnt ich dich verloren haben!"
Sie sagte nur: "Was du für Träume hast!"
Aber während ihr Kopf an seinem Herzen lag, waren ihre Augen auf den an ihrer Seite stehenden Hund gefallen. Der hatte die Nase nach dem Walde ausgestreckt, der Richtung nach, in welcher Franzi ihn soeben verlassen hatte, und schnoberte immer heftiger in der Luft umher. Fast mechanisch griff ihre kleine Hand in das metallene Halsband des Tieres. "Laß uns heim, Richard", sagte sie hastig, "und halte den Hund, damit er nicht wie neulich nach den Rehen jagt."
Er sah nicht hin, er hatte nur Augen für die junge Gestalt, die er in seinen Armen hielt, die er wie ein Kind jetzt in den Wagen hob. Dann pfiff er seinem Hunde, und bald hatten sie die kurze Strecke bis zum Hause zurückgelegt.
Er fand dort alles in gewohnter Ordnung; die alte Wieb trat im saubersten Sonntagsanzug ihm entgegen, voll Freude über seine unerwartete schnelle Heimkehr. Aber er sagte ihr, daß der Wagen schon auf morgen wieder bestellt sei, daß er in der großen Stadt zu tun habe und daß Franziska mit ihm reisen werde. Und dieser flüsterte er zu: "Du bist es doch zufrieden, Franzi? Wir gehen wieder zu der entzückten Ladendame; kleine seidene Stiefelchen soll sie dir anmessen! Du sollst dir alles selber aussuchen—doch nein! Du bist zu anspruchslos, du würdest doch nur Kleider für dich kaufen.—Ich aber—in weißen Duft will ich dich hüllen, so leicht wie ein Nichts, so zart, daß auch eine Wolke davon das Leuchten einer Rose nicht verbergen könnte."
Er sah es nicht, wie sie die weißen Zähnchen aufeinanderbiß und wie ihreLippen zitterten.
"Nun Franzi?" fuhr er fort, "was meinst du, bist du es zufrieden?"
Sie zog schweigend seine Hand an ihre Lippen; dann sagte sie mit jenem scharfen Klang der Stimme: "Ich meine, daß du wieder einmal verschwenden willst und daß du dich täuschest über mich arme Dirne, die ich bin."
"Und ich meine, daß jetzt du die Törin bist."
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Der Abend kam. Richard hatte wie gewöhnlich das äußere Bohlentor und die Haustür abgeschlossen; vor der letzteren auf dem Hausflur lag der Hund, der große Schlüssel zu dem ersteren hing an dem Türpfosten in seinem Schlafgemache. Dann legte er sanft den Arm um Franzis Leib, die müßig am Fenster des Wohnzimmers stand und nach dem dunkeln Wald hinüberschaute, und führte sie durch die Bibliothek bis an die Schwelle ihrer Kammer. Sie war ihm wieder wie eine unberührte Braut, er überschritt die Schwelle nicht. "Schlafe süß, meine Franzi!" sagte er. "Mir ist auf einmal wieder, als stünde das Glück mir noch in ungewisser Ferne."
Sie hatte schon die Tür geöffnet; da riß er sie noch einmal an sich."Gute Nacht, gute Nacht, Franzi!"
Dann war sie fort; nur ihre kleinen, leichten Schritte hörte er noch hinter der geschlossenen Tür.
Langsam ging er durch das Wohnzimmer. Im Vorübergehen hob er diebrennende Kerze, welche er dort vom Tisch genommen hatte, gegen das alteTürbild und warf einen flüchtigen Blick darauf; dann trat er in seinSchlafgemach.
Und bald, nach den Ermüdungen dieser letzten Tage, lag er in festen Schlaf gesunken. Weder das Rauschen der Wälder draußen in der dunkeln Herbstnacht noch der Zeitruf des kleinen Kunstvogels aus der nebenan liegenden Stube drang in die Tiefe seines Schlummers. Schon war die höchste Stufe der Nacht erklommen; zwölfmal hatte es drüben von der Uhr gerufen; er schlief traumlos weiter, und weiter rückte die Nacht. Eins rief es von der Uhr;—dann zwei;—dann drei! Da kamen die Träume, und was am Tage nur wie beängstigender Nebel vor seinem Blick geschwommen, jetzt wurde es zu farbigen Gestalten, von grellem oder fahlem Licht beleuchtet, das keiner Zeit des Tages angehörte.—Wie bleich ihm Franzi in den Armen hing! Und seltsam, immer wollten ihre Augen ihn nicht ansehen! Aber dort hinter den Bäumen stand der Jäger.—Stöhnend warf er sich umher auf seinem Lager; aus seinem Munde brachen heftige, zusammenhanglose Laute. Plötzlich fuhr er empor und saß aufgerichtet, in den Kissen, der Nachhall irgendeines Schalles lag in seinen Ohren; und jetzt schon wußte er es, vom Hofe drunten mußte es gekommen sein. Im selben Augenblicke stand er auch am Fenster, kaum die erste graue Dämmerung war angebrochen; aber dennoch sah er es, wie eben das schwere Hoftor zuschlug. Wie noch im Traume hatte er eine seiner beiden Pistolen von der Wand gerissen; eine Fensterscheibe klirrte, und klatschend fuhr die Kugel drunten in das Bohlentor.
Dann blieb alles still. Er riß die andere Pistole von der Wand, und ohne Kleidung, im nackten Hemde, stürzte er aus dem Zimmer; im Hinausgehen griff er nach dem Haken an der Tür, aber der Schlüssel fehlte.
"Leo, Leo!" rief er auf der Treppe draußen. "Mein Hund, wo bist du?"—Nichts regte sich. Noch einmal rief er und stieg dann in den noch dunkeln Hausflur hinab.
Da wurden seine Füße durch etwas aufgehalten, was nicht weichen wollte; als er sich bückte, fuhr seine Hand über langes seidenweiches Haar.—Er stieß einen lauten Schrei aus. Noch einmal bückte er sich; dann rannte er—er wußte selbst nicht weshalb—in die Kammer seiner alten Dienerin; aber die taube alte Frau lag ruhig atmend in ihrem Bette; er nahm das auf dem Tische stehende Licht, zündete es an und trat wieder auf den Flur hinaus. Da lag sein Hund, die Beine steif gestreckt, die braunen Augensterne groß und offen. Er warf sich nieder und leuchtete mit der Kerze dicht hinan; ein bläulicher Flor schien den Glanz der Augen zu bedecken; kalt und wie in stummer Klage starrten sie ihn an.—Auf einmal war ihm, als würden die Mauern durchsichtig, als sähe er zwei jugendliche Gestalten über die Heide fliehen und im brennenden Morgenschein verschwinden.
Er sprang auf und stand im nächsten Augenblicke in Franziskas Kammer.—Sie war leer, das Bett nur leicht berührt; man sah, sie hatte nur zu flüchtiger Rast sich auf die Decke hingestreckt; das Kissen zeigte noch den Eindruck, wo sie ihren Arm gestützt hatte. Er hätte es nicht lassen können, er legte seine Hand hinein, als liebkoste er noch diese letzte Spur ihres Lebens. Da klirrte durch eine zufällige Berührung die Waffe in seiner andern Hand, und jäh schoß ein neuer Gedankenstrom durch seinen Kopf. Schon war er draußen auf der Treppe; aber er kam nicht weiter.—Was wollte er denn noch?—Schon einmal waren seine Hände rot geworden. Langsam stieg er die Treppe hinauf nach seiner Schlafkammer; er hängte die Schußwaffe an ihren Platz; dann kleidete er sich völlig an. Als er fertig war, trat er in das Wohnzimmer, zog die Vorhänge der Fenster auf und öffnete dann mit seinem Schlüssel das Fach des Schreibtisches, worin die Wertpapiere ihren Platz hatten.
Er wußte vorher schon, was er finden würde. Was ihm gehörte, lag unberührt; das Päckchen mit Franziskas Namen war verschwunden.—Eine Weile suchte er noch nach einem Zettelchen von ihrer Hand, einem Wort des Abschieds oder was es immer sei; er räumte das ganze Fach aus, aber es fand sich nichts.
Durch die Fenster brach der erste Morgenschein und ließ das alte Türbild aus der Dämmerung hervortreten. Als er zufällig den Blick dahin warf, überkam ihn ein wunderlicher Sinnentrug; der einsame Alte dort am Wege hatte ja den Kopf gewandt und sah ihn an.
Die Sonne stieg höher, an den Tapeten leuchteten die Blumen der Vergessenheit. Richard hatte die Augen noch immer nach dem Bilde. Es war sein eigenes Angesicht, in das er blickte.
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Der Oktober war ins Land gekommen. Im Kruge zu Föhrenschwarzeck saßen eines Nachmittags der Wirt und der kleine Krämer aus der Stadt sich gegenüber. Der ganze Tisch war voll von Kreidezahlen; sie hatten wieder einmal Quartalstag gehalten, das Fazit war gezogen und genehmigt worden; die noch übrige Zeit gehörte vergnüglicheren Gesprächen, und sie waren auch schon in vollem Gange.
Kasper-Ohm begann soeben von dem Boden der gemeinen Wirklichkeit emporzusteigen. "Ihr mögt mir's glauben", sagte er geheimnisvoll, "es ist sein eigen Blut gewesen; freilich hat er's nicht Wort haben wollen, denn sie ist auf den Namen Fedders getauft und bei einem Magister aufgezogen worden; sogar einen eigenen Vormund hat er ihr von Gerichts wegen setzen lassen!"
"Kasper-Ohm!" sagte der kleine Krämer, "Ihr seid wieder einmal bei EuremAdvokaten in der Stadt gewesen!"
"Nun, nun, Pfeffers, glaubt's oder glaubt's nicht! Der Vormund ist selbst bei mir eingekehrt gewesen; da, wo Ihr jetzt sitzt, hat er gesessen und seinen Schnaps getrunken; sie haben's drüben im Narrenkasten eben mitsammen fertig gehabt, daß das arme Kind einen reichen Bäckermeister freien sollte, so einen alten wurmstichigen Mehlkneter; denn sie ist was wild gewesen, und die alte Waisenwieb hat nicht recht mehr mit ihr hausen können.—Nun, Pfeffers, was soll man dazu sagen, daß sie lieber mit dem schwarzen Krauskopf—" Er nickte dem Krämer zu und blies bedeutsam durch seine ausgespreizten Finger.
"Das ist eine gewaltige Geschichte, die Ihr da erzählt, Kasper-Ohm", meinte der andre, "und stimmt nicht ganz mit dem Kalender; denn der Doktor ist bei der Geburt des Mädels ja schon drei Jahr außer Landes gewesen! Aber laßt uns einmal anstoßen, und freut Euch, daß der Krauskopf Eure Ann-Margret nicht auch noch mitgenommen hat; denn er sah mir just nicht aus, als wenn er lange mit einer einzigen zufrieden wäre."
Kasper-Ohm lachte und blickte durch die Fensterscheiben. "Da kommt auch der Inspektor!" sagte er.
Der Genannte war eben in Begleitung seines Pudels unter der alten Eiche durchgegangen, in deren Wipfel jetzt das leere Nest zwischen den schon gelichteten Zweigen sichtbar war.
Der Wirt empfing ihn an der Stubentür. "Nun, Herr Inspektor", rief er munter, "alles wieder auf dem alten Stand?"
"Ausgekehrt und abgeschlossen!" erwiderte der Alte, indem er den großen Schlüssel zum Außentor des Waldwinkels auf den Tisch und sich selbst auf einen Stuhl warf. "Gestern ging das letzte Fuder nach der Stadt, um dort unterm Hammer weggeschlagen zu werden; all das schöne Ingut! Die alte Lewerenz bekommt das ganze Geld dafür."
"Und der Herr Doktor?" fragte der Wirt. "Wo ist denn der geblieben?"
"Weiß nicht", sagte der Alte, "kümmert mich auch nicht;—fort—in die weite Welt."
Der kleine Pfeffers nahm den Schlüssel von der Tischplatte und hielt ihn über den Köpfen der beiden andern: "Wer bietet auf den "Narrenkasten"? —Nummer eins: der alte Herr; Nummer zwei: der Herr Botanikus;—wer bietet zum dritten auf den "Narrenkasten"?"
"Laßt die Possen, Pfeffers!" sagte der Alte und nahm ihm den Schlüssel aus der Hand. "Mir tut's nur leid um den Löwengelben; ich sag Euch, es war ein Kapitalvieh; er ging noch über meinen Phylax."
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Waldwinkel, von Theodor Storm.