Buttler.Er darf nicht leben.
Gordon.Ihr vermöchtet's?
Buttler.Ihr oder ich. Er sah den letzten Morgen.
Gordon.Ermorden wollt Ihr ihn?
Buttler.Das ist mein Vorsatz.
Gordon.Der Eurer Treu vertraut!
Buttler.Sein böses Schicksal!
Gordon.Des Feldherrn heilige Person!
Buttler.Das war er!
Gordon.O was er war, löscht kein Verbrechen aus!Ohn' Urtel?
Buttler.Die Vollstreckung ist statt Urtels.
Gordon.Das wäre Mord und nicht Gerechtigkeit,Denn hören muß sie auch den Schuldigsten.
Buttler.Klar ist die Schuld, der Kaiser hat gerichtet,Und seinen Willen nur vollstrecken wir.
Gordon.Den blut'gen Spruch muß man nicht rasch vollziehn,Ein Wort nimmt sich, ein Leben nie zurück.
Buttler.Der hurt'ge Dienst gefällt den Königen.
Gordon.Zu Henkers Dienst drängt sich kein edler Mann.
Buttler.Kein mutiger erbleicht vor kühner Tat.
Gordon.Das Leben wagt der Mut, nicht das Gewissen.
Buttler.Was? Soll er frei ausgehn, des Krieges Flamme,Die unauslöschliche, aufs neu entzünden?
Gordon.Nehmt ihn gefangen, tötet ihn nur nicht,Greift blutig nicht dem Gnadenengel vor.
Buttler.Wär' die Armee des Kaisers nicht geschlagen,Möcht' ich lebendig ihn erhalten haben.
Gordon.O warum schloß ich ihm die Festung auf!
Buttler.Der Ort nicht, sein Verhängnis tötet ihn.
Gordon.Auf diesen Wällen wär' ich ritterlich,Des Kaisers Schloß verteidigend, gesunken.
Buttler.Und tausend brave Männer kamen um!
Gordon.In ihrer Pflicht—das schmückt und ehrt den Mann;Doch schwarzen Mord verfluchte die Natur.
Buttler. (eine Schrift hervorlangend)Hier ist das Manifest, das uns befiehlt,Uns seiner zu bemächtigen. Es ist an EuchGerichtet, wie an mich. Wollt Ihr die Folgen tragen,Wenn er zum Feind entrinnt durch unsre Schuld?
Gordon.Ich, der Ohnmächtige, o Gott!
Buttler.Nehmt Ihr's auf Euch. Steht für die Folgen ein!Mag werden draus was will! Ich leg's auf Euch.
Gordon.O Gott im Himmel!
Buttler.Wißt Ihr andern Rat,Des Kaisers Meinung zu vollziehen? Sprecht!Denn stürzen, nicht vernichten will ich ihn.
Gordon.O Gott! Was sein muß, seh ich klar wie Ihr,Doch anders schlägt das Herz in meiner Brust.
Buttler.Auch dieser Illo, dieser Terzky dürfenNicht leben, wenn der Herzog fällt.
Gordon.O nicht um diese tut mir's leid. Sie triebIhr schlechtes Herz, nicht die Gewalt der Sterne.Sie waren's, die in seine ruh'ge BrustDen Samen böser Leidenschaft gestreut,Die mit fluchwürdiger GeschäftigkeitDie Unglücksfrucht in ihm genährt—Mag sieDes bösen Dienstes böser Lohn ereilen!
Buttler.Auch sollen sie im Tod ihm gleich voran.Verabred't ist schon alles. Diesen AbendBei eines Gastmahls Freuden wollten wirSie lebend greifen und im Schloß bewahren.Viel kürzer ist es so. Ich geh sogleich,Die nötigen Befehle zu erteilen.
Siebenter Auftritt
Vorige. Illo und Terzky.
Terzky.Nun soll's bald anders werden! Morgen ziehnDie Schweden ein, zwölftausend tapfre Krieger.Dann grad auf Wien. He! Lustig, Alter! KeinSo herb Gesicht zu solcher Freudenbotschaft!
Illo.Jetzt ist's an uns, Gesetze vorzuschreibenUnd Rach' zu nehmen an den schlechten Menschen,Den schändlichen, die uns verlassen. EinerHat's schon gebüßt, der Piccolomini.Ging's allen so, die's übel mit uns meinen!Wie schwer trifft dieser Schlag das alte Haupt!Der hat sein ganzes Leben lang sichAbgequält, sein altes Grafenhaus zu fürsten,Und jetzt begräbt er seinen einz'gen Sohn!
Buttler.Schad ist's doch um den heldenmüt'gen Jüngling,Dem Herzog selbst ging's nah, man sah es wohl.
Illo.Hört, alter Freund! Das ist es, was mir nieAm Herrn gefiel, es war mein ew'ger Zank,Er hat die Welschen immer vorgezogen.Auch jetzo noch, ich schwör's bei meiner Seele,Säh' er uns alle lieber zehnmal tot,Könnt' er den Freund damit ins Leben rufen.
Terzky.Still! Still! Nicht weiter! Laß die Toten ruhn!Heut gilt es, wer den andern niedertrinkt,Denn Euer Regiment will uns bewirten.Wir wollen eine lust'ge Faßnacht halten,Die Nacht sei einmal Tag, bei vollen GläsernErwarten wir die schwed'sche Avantgarde.
Illo.Ja, laßt uns heut noch guter Dinge sein,Denn heiße Tage stehen uns bevor.Nicht ruhn soll dieser Degen, bis er sichIn österreich'schem Blute satt gebadet.
Gordon.Pfui, welche Red' ist das, Herr Feldmarschall,Warum so wüten gegen Euren Kaiser—
Buttler.Hofft nicht zu viel von diesem ersten Sieg.Bedenkt, wie schnell des Glückes Rad sich dreht,Denn immer noch sehr mächtig ist der Kaiser.
Illo.Der Kaiser hat Soldaten, keinen Feldherrn,Denn dieser König Ferdinand von UngarnVersteht den Krieg nicht—Gallas? Hat kein GlückUnd war von jeher nur ein Heerverderber.Und diese Schlange, der Octavio,Kann in die Fersen heimlich wohl verwunden,Doch nicht in offner Schlacht dem Friedland stehn.
Terzky.Nicht fehlen kann's uns, glaubt mir's nur. Das GlückVerläßt den Herzog nicht; bekannt ist's ja,Nur unterm Wallenstein kann Östreich siegen.
Illo.Der Fürst wird ehestens ein großes HeerBeisammen haben, alles drängt sich, strömtHerbei zum alten Ruhme seiner Fahnen.Die alten Tage seh ich wiederkehren,Der große wird er wieder, der er war—Wie werden sich die Toren dann ins Aug'Geschlagen haben, die ihn jetzt verließen!Denn Länder schenken wird er seinen FreundenUnd treue Dienste kaiserlich belohnen.Wir aber sind in seiner Gunst die nächsten.(Zu Gordon.)Auch Eurer wird er dann gedenken, wird EuchAus diesem Neste ziehen, Eure TreuIn einem höhern Posten glänzen lassen.
Gordon.Ich bin vergnügt, verlange höher nichtHinauf: wo große Höh', ist große Tiefe.
Illo.Ihr habt hier weiter nichts mehr zu bestellen,Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.Kommt, Terzky. Es wird Zeit zum Abendessen.Was meint Ihr? Lassen wir die Stadt erleuchten,Dem Schwedischen zur Ehr', und wer's nicht tut,Der ist ein Spanischer und ein Verräter.
Terzky.Laßt das. Es wird dem Herzog nicht gefallen.
Illo.Was! Wir sind Meister hier, und keiner soll sichFür kaiserlich bekennen, wo wir herrschen.—Gut Nacht, Gordon. Laßt Euch zum letztenmalDen Platz empfohlen sein, schickt Runden aus,Zur Sicherheit kann man das Wort noch ändern.Schlag zehn bringt Ihr dem Herzog selbst die Schlüssel,Dann seid Ihr Eures Schließeramtes quitt,Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
Terzky. (im Abgehen zu Buttler):Ihr kommt doch auch aufs Schloß?
Buttler.Zu rechter Zeit.(Jene gehen ab.)
Achter Auftritt
Buttler und Gordon.
Gordon. (ihnen nachsehend)Die Unglückseligen! Wie ahnungslosSie in das ausgespannte Mordnetz stürzenIn ihrer blinden Siegestrunkenheit!—Ich kann sie nicht beklagen. Dieser Illo,Der übermütig freche Bösewicht,Der sich in seines Kaisers Blut will baden!
Buttler.Tut, wie er Euch befohlen. Schickt PatrouillenHerum, sorgt für die Sicherheit der Festung;Sind jene oben, schließ ich gleich die Burg,Daß in der Stadt nichts von der Tat verlaute!
Gordon. (ängstlich)O eilt nicht so! Erst sagt mir—
Buttler.Ihr vernahmt's,Der nächste Morgen schon gehört den Schweden.Die Nacht nur ist noch unser, sie sind schnell,Noch schneller wollen wir sein—Lebet wohl.
Gordon.Ach Eure Blicke sagen mir nichts Gutes.Versprechet mir—
Buttler.Der Sonne Licht ist unter,Herabsteigt ein verhängnisvoller Abend—Sie macht ihr Dünkel sicher. Wehrlos gibt sieIhr böser Stern in unsre Hand, und mittenIn ihrem trunknen Glückeswahne sollDer scharfe Stahl ihr Leben rasch zerschneiden.Ein großer Rechenkünstler war der FürstVon jeher, alles wußt' er zu berechnen,Die Menschen wußt' er, gleich des Brettspiels Steinen,Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben,Nicht Anstand nahm er, andrer Ehr' und WürdeUnd guten Ruf zu würfeln und zu spielen.Gerechnet hat er fort und fort, und endlichWird doch der Kalkul irrig sein; er wirdSein Leben selbst hineingerechnet haben,Wie jener dort in seinem Zirkel fallen.
Gordon.O seiner Fehler nicht gedenket jetzt!An seine Größe denkt, an seine Milde,An seines Herzens liebenswerte Züge,An alle Edeltaten seines Lebens,Und laßt sie in das aufgehobne SchwertAls Engel bittend, gnadeflehend fallen.
Buttler.Es ist zu spät. Nicht Mitleid darf ich fühlen,Ich darf nur blutige Gedanken haben.(Gordons Hand fassend.)Gordon! Nicht meines Hasses Trieb—Ich liebeDen Herzog nicht und hab dazu nicht Ursach'—Doch nicht mein Haß macht mich zu seinem Mörder.Sein böses Schicksal ist's. Das Unglück treibt mich,Die feindliche Zusammenkunft der Dinge.Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun,Umsonst! Er ist das Spielwerk nur der blindenGewalt, die aus der eignen Wahl ihm schnellDie furchtbare Notwendigkeit erschafft.Was hälf's ihm auch, wenn mir für ihn im HerzenWas redete—Ich muß ihn dennoch töten.
Gordon.O wenn das Herz Euch warnt, folgt seinem Triebe!Das Herz ist Gottes Stimme, MenschenwerkIst aller Klugheit künstliche Berechnung.Was kann aus blut'ger Tat Euch GlücklichesGedeihen? O aus Blut entspringt nicht Gutes!Soll sie die Staffel Euch zur Größe bauen?O glaubt das nicht—Es kann der Mord bisweilenDen Königen, der Mörder nie gefallen.
Buttler.Ihr wißt nicht. Fragt nicht. Warum mußten auchDie Schweden siegen und so eilend nahn!Gern überließ ich ihn des Kaisers Gnade,Sein Blut nicht will ich. Nein, er möchte leben.Doch meines Wortes Ehre muß ich lösen.Und sterben muß er, oder—hört und wißt!—Ich bin entehrt, wenn uns der Fürst entkommt.
Gordon.O solchen Mann zu retten—
Buttler. (schnell)Was?
Gordon.Ist eines Opfers wert—Seid edelmütig!Das Herz und nicht die Meinung ehrt den Mann.
Buttler. (kalt und stolz)Er ist ein großer Herr, der Fürst—Ich aberBin nur ein kleines Haupt, das wollt Ihr sagen.Was liegt der Welt dran, meint Ihr, ob der niedrigGeborene sich ehret oder schändet,Wenn nur der Fürstliche gerettet wird.—Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ichMich selbst anschlagen will, das steht bei mir.So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,Daß ich mich selber neben ihm verachte.Den Menschen macht sein Wille groß und klein,Und weil ich meinem treu bin, muß er sterben.
Gordon.O einen Felsen streb ich zu bewegen!Ihr seid von Menschen menschlich nicht gezeugt.Nicht hindern kann ich Euch, ihn aber retteEin Gott aus Eurer fürchterlichen Hand.(Sie gehen ab.)
Neunter Auftritt
Ein Zimmer bei der Herzogin. Thekla in einem Sessel, bleich, mit geschloßnen Augen. Herzogin und Fräulein von Neubrunn um sie beschäftigt. Wallenstein und die Gräfin im Gespräch.
Wallenstein.Wie wußte sie es denn so schnell?
Gräfin.Sie scheintUnglück geahnt zu haben. Das GerüchtVon einer Schlacht erschreckte sie, worinDer kaiserliche Oberst sei gefallen.Ich sah es gleich. Sie flog dem schwedischenKurier entgegen und entriß ihm schnellDurch Fragen das unglückliche Geheimnis.Zu spät vermißten wir sie, eilten nach,Ohnmächtig lag sie schon in seinen Armen.
Wallenstein.So unbereitet mußte dieser SchlagSie treffen! Armes Kind!—Wie ist's? Erholt sie sich?(Indem er sich zur Herzogin wendet.)
Herzogin.Sie schlägt die Augen auf.
Gräfin.Sie lebt!
Thekla. (sich umschauend)Wo bin ich?
Wallenstein. (tritt zu ihr, sie mit seinen Armen aufrichtend)Komm zu dir, Thekla. Sei mein starkes Mädchen!Sieh deiner Mutter liebende GestaltUnd deines Vaters Arme, die dich halten.
Thekla. (richtet sich auf)Wo ist er? Ist er nicht mehr hier?
Herzogin.Wer, meine Tochter?
Thekla.Der dieses Unglückswort aussprach—
Herzogin.O denke nicht daran, mein Kind! HinwegVon diesem Bilde wende die Gedanken.
Wallenstein.Laßt ihren Kummer reden! Laßt sie klagen!Mischt eure Tränen mit den ihrigen.Denn einen großen Schmerz hat sie erfahren;Doch wird sie's überstehn, denn meine TheklaHat ihres Vaters unbezwungnes Herz.
Thekla.Ich bin nicht krank. Ich habe Kraft, zu stehn.Was weint die Mutter? Hab ich sie erschreckt?Es ist vorüber, ich besinne mich wieder.(Sie ist aufgestanden und sucht mit den Augen im Zimmer.)Wo ist er? Man verberge mir ihn nicht.Ich habe Stärke gnug, ich will ihn hören.
Herzogin.Nein, Thekla! Dieser Unglücksbote sollNie wieder unter deine Augen treten.
Thekla.Mein Vater—
Wallenstein.Liebes Kind!
Thekla.Ich bin nicht schwach,Ich werde mich auch bald noch mehr erholen.Gewähren Sie mir eine Bitte.
Wallenstein.Sprich!
Thekla.Erlauben Sie, daß dieser fremde MannGerufen werde! daß ich ihn alleinVernehme und befrage.
Herzogin.Nimmermehr!
Gräfin.Nein! Das ist nicht zu raten! Gib's nicht zu!
Wallenstein.Warum willst du ihn sprechen, meine Tochter?
Thekla.Ich bin gefaßter, wenn ich alles weiß.Ich will nicht hintergangen sein. Die MutterWill mich nur schonen. Ich will nicht geschont sein.Das Schrecklichste ist ja gesagt, ich kannNichts Schrecklichers mehr hören.Gräfin und Herzogin(zu Wallenstein)Tu es nicht!
Thekla.Ich wurde überrascht von meinem Schrecken,Mein Herz verriet mich bei dem fremden Mann,Er war ein Zeuge meiner Schwachheit, ja,Ich sank in seine Arme—das beschämt mich.Herstellen muß ich mich in seiner Achtung,Und sprechen muß ich ihn, notwendig, daßDer fremde Mann nicht ungleich von mir denke.
Wallenstein.Ich finde, sie hat recht—und bin geneigt,Ihr diese Bitte zu gewähren. Ruft ihn.(Fräulein Neubrunn geht hinaus.)
Herzogin.Ich, deine Mutter, aber will dabei sein.
Thekla.Am liebsten spräch' ich ihn allein. Ich werdeAlsdann um so gefaßter mich betragen.
Wallenstein. (zur Herzogin)Laß es geschehn. Laß sie's mit ihm alleinAusmachen. Es gibt Schmerzen, wo der MenschSich selber nur helfen kann, ein starkes HerzWill sich auf seine Stärke nur verlassen.In ihrer, nicht an fremder Brust muß sieKraft schöpfen, diesen Schlag zu überstehn.Es ist mein starkes Mädchen; nicht als Weib,Als Heldin will ich sie behandelt sehn.(Er will gehen.)
Gräfin. (hält ihn)Wo gehst du hin? Ich hörte Terzky sagen,Du denkest morgen früh von hier zu gehn,Uns aber hierzulassen.
Wallenstein.Ja, ihr bleibtDem Schutze wackrer Männer übergeben.
Gräfin.O nimm uns mit dir, Bruder! Laß uns nichtIn dieser düstern Einsamkeit dem AusgangMit sorgendem Gemüt engegenharren.Das gegenwärt'ge Unglück trägt sich leicht,Doch grauenvoll vergrößert es der ZweifelUnd der Erwartung Qual dem weit Entfernten.
Wallenstein.Wer spricht von Unglück? Beßre deine Rede.Ich hab ganz andre Hoffnungen.
Gräfin.So nimm uns mit. O laß uns nicht zurückIn diesem Ort der traurigen Bedeutung,Denn schwer ist mir das Herz in diesen Mauern,Und wie ein Totenkeller haucht mich's an,Ich kann nicht sagen, wie der Ort mir widert.O führ uns weg! Komm, Schwester, bitt ihn auch,Daß er uns fortnimmt! Hilf mir, liebe Nichte.
Wallenstein.Des Ortes böse Zeichen will ich ändern:Er sei's, der mir mein Teuerstes bewahrte.
Neubrunn. (kommt zurück):Der schwed'sche Herr!
Wallenstein.Laßt sie mit ihm allein.(Ab.)
Herzogin. (zu Thekla)Sieh, wie du dich entfärbtest! Kind, du kannst ihnUnmöglich sprechen. Folge deiner Mutter.
Thekla.Die Neubrunn mag denn in der Nähe bleiben.(Herzogin und Gräfin gehen ab.)
Zehnter Auftritt
Thekla. Der schwedische Hauptmann. Fräulein Neubrunn.
Hauptmann. (naht sich ehrerbietig)Prinzessin—ich—muß um Verzeihung bitten,Mein unbesonnen rasches Wort—Wie konnt' ich—
Thekla. (mit edelm Anstand)Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn,Ein unglücksvoller Zufall machte SieAus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten.
Hauptmann.Ich fürchte, daß Sie meinen Anblick hassen,Denn meine Zunge sprach ein traurig Wort.
Thekla.Die Schuld ist mein. Ich selbst entriß es Ihnen,Sie waren nur die Stimme meines Schicksals.Mein Schrecken unterbrach den angefangnenBericht. Ich bitte drum, daß Sie ihn enden.
Hauptmann. (bedenklich)Prinzessin, es wird Ihren Schmerz erneuern.
Thekla.Ich bin darauf gefaßt—Ich will gefaßt sein.Wie fing das Treffen an? Vollenden Sie.
Hauptmann.Wir standen, keines Überfalls gewärtig,Bei Neustadt schwach verschanzt in unserm Lager,Als gegen Abend eine Wolke StaubesAufstieg vom Wald her, unser Vortrab fliehendIns Lager stürzte, rief: der Feind sei da.Wie hatten eben nur noch Zeit, uns schnellAufs Pferd zu werfen, da durchbrachen schon,In vollem Rosseslauf dahergesprengt,Die Pappenheimer den Verhack; schnell warDer Graben auch, der sich ums Lager zog,Von diesen stürm'schen Scharen überflogen.Doch unbesonnen hatte sie der MutVorausgeführt den andern, weit dahintenWar noch das Fußvolk, nur die Pappenheimer warenDem kühnen Führer kühn gefolgt.—(Thekla macht eine Bewegung. Der Hauptmann hält einen Augenblickinne, bis sie ihm einen Wink gibt, fortzufahren.)Von vorn und von den Flanken faßten wirSie jetzo mit der ganzen ReitereiUnd drängten sie zurück zum Graben, woDas Fußvolk, schnell geordnet, einen RechenVon Piken ihnen starr entgegenstreckte.Nicht vorwärts konnten sie, auch nicht zurück,Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge.Da rief der Rheingraf ihrem Führer zu,In guter Schlacht sich ehrlich zu ergeben,Doch Oberst Piccolomini—(Thekla schwindelnd, faßt einen Sessel.)ihn machteDer Helmbusch kenntlich und das lange Haar,Vom raschen Ritte war's ihm losgegangen—Zum Graben winkt er, sprengt, der erste, selbstSein edles Roß darüber weg, ihm stürztDas Regiment nach—doch—schon war's geschehen!Sein Pferd, von einer Partisan durchstoßen, bäumtSich wütend, schleudert weit den Reiter ab,Und hoch weg über ihn geht die GewaltDer Rosse, keinem Zügel mehr gehorchend.(Thekla, welche die letzten Reden mit allen Zeichen wachsender Angstbegleitet, verfällt in ein heftiges Zittern, sie will sinken, FräuleinNeubrunn eilt hinzu und empfängt sie in ihren Armen.)
Neubrunn.Mein teures Fräulein—
Hauptmann. (gerührt)Ich entferne mich.
Thekla.Es ist vorüber—Bringen Sie's zu Ende.
Hauptmann.Da ergriff, als sie den Führer fallen sahn,Die Truppen grimmig wütende Verzweiflung.Der eignen Rettung denkt jetzt keiner mehr,Gleich wilden Tigern fechten sie, er reiztIhr starrer Widerstand die Unsrigen,Und eher nicht erfolgt des Kampfes Ende,Als bis der letzte Mann gefallen ist.
Thekla. (mit zitternder Stimme)Und wo—wo ist—Sie sagten mir nicht alles.
Hauptmann. (nach einer Pause)Heut früh bestatteten wir ihn. Ihn trugenZwölf Jünglinge der edelsten Geschlechter,Das ganze Heer begleitete die Bahre.Ein Lorbeer schmückte seinen Sarg, drauf legteDer Rheingraf selbst den eignen Siegerdegen.Auch Tränen fehlten seinem Schicksal nicht,Denn viele sind bei uns, die seine GroßmutUnd seiner Sitten Freundlichkeit erfahren,Und alle rührte sein Geschick. Gern hätteDer Rheingraf ihn gerettet, doch er selbstVereitelt' es; man sagt, er wollte sterben.
Neubrunn. (gerührt zu Thekla, welche ihr Angesicht verhüllt hat).Mein teures Fräulein—Fräulein, sehn Sie auf!O warum mußten Sie darauf bestehn!
Thekla.—Wo ist sein Grab?
Hauptmann.In einer KlosterkircheBei Neustadt ist er beigesetzt, bis manVon seinem Vater Nachricht eingezogen.
Thekla.Wie heißt das Kloster?
Hauptmann.Sankt Kathrinenstift.
Thekla.Ist's weit bis dahin?
Hauptmann.Sieben Meilen zählt man.
Thekla.Wie geht der Weg?
Hauptmann.Man kommt bei TirschenreitUnd Falkenberg durch unsre ersten Posten.
Thekla.Wer kommandiert sie?
Hauptmann.Oberst Seckendorf.
Thekla. (tritt an den Tisch und nimmt aus dem Schmuckkästchen einen Ring).Sie haben mich in meinem Schmerz gesehnUnd mir ein menschlich Herz gezeigt—Empfangen Sie(indem sie ihm den Ring gibt)Ein Angedenken dieser Stunde—Gehn Sie.
Hauptmann. (bestürzt).Prinzessin—(Thekla winkt ihm schweigend, zu gehen, und verläßt ihn.Hauptmann zaudert und will reden. Fräulein Neubrunn wiederholtden Wink. Er geht ab.)
Elfter Auftritt
Thekla. Neubrunn.
Thekla. (fällt der Neubrunn um den Hals)Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe,Die du mir stets gelobt, beweise dichAls meine treue Freundin und Gefährtin!—Wir müssen fort, noch diese Nacht.
Neubrunn.Fort, und wohin?
Thekla.Wohin? Es ist nur ein Ort in der Welt!Wo er bestattet liegt, zu seinem Sarge!
Neubrunn.Was können Sie dort wollen, teures Fräulein?
Thekla.Was dort, Unglückliche! So würdest duNicht fragen, wenn du je geliebt. Dort, dortIst alles, was noch übrig ist von ihm,Der einz'ge Fleck ist mir die ganze Erde.—O halte mich nicht auf! Komm und mach Anstalt.Laß uns auf Mittel denken, zu entfliehen.
Neubrunn.Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn?
Thekla.Ich fürchte keines Menschen Zürnen mehr.
Neubrunn.Den Hohn der Welt! des Tadels arge Zunge!
Thekla.Ich suche einen auf, der nicht mehr ist.Will ich denn in die Arme—o mein Gott!Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten.
Neubrunn.Und wir allein, zwei hilflos schwache Weiber?
Thekla.Wir waffnen uns, mein Arm soll dich beschützen.
Neubrunn.Bei dunkler Nachtzeit?
Thekla.Nacht wird uns verbergen.
Neubrunn.In dieser rauhen Sturmnacht?
Thekla.Ward ihm sanftGebettet, unter den Hufen seiner Rosse?
Neubrunn.O Gott!—und dann die vielen Feindesposten!Man wird uns nicht durchlassen.
Thekla.Es sind Menschen,Frei geht das Unglück durch die ganze Erde!
Neubrunn.Die weite Reise—
Thekla.Zählt der Pilger Meilen,Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt?
Neubrunn.Die Möglichkeit, aus dieser Stadt zu kommen?
Thekla.Gold öffnet uns die Tore. Geh nur, geh!
Neubrunn.Wenn man uns kennt?
Thekla.In einer Flüchtigen,Verzweifelnden sucht niemand Friedlands Tochter.
Neubrunn.Wo finden wir die Pferde zu der Flucht?
Thekla.Mein Kavalier verschafft sie. Geh und ruf ihn.
Neubrunn.Wagt er das ohne Wissen seines Herrn?
Thekla.Er wird es tun. O geh nur! Zaudre nicht.
Neubrunn.Ach! und was wird aus Ihrer Mutter werden,Wenn Sie verschwunden sind?
Thekla. (sich besinnend und schmerzvoll vor sich hinschauend)O meine Mutter!
Neubrunn.So viel schon leidet sie, die gute Mutter,Soll sie auch dieser letzte Schlag noch treffen?
Thekla.Ich kann's Ihr nicht ersparen!—Geh nur, geh.
Neubrunn.Bedenken Sie doch ja wohl, was Sie tun.
Thekla.Bedacht ist schon, was zu bedenken ist.
Neubrunn.Und sind wir dort, was soll mit Ihnen werden?
Thekla.Dort wird's ein Gott mir in die Seele geben.
Neubrunn.Ihr Herz ist jetzt voll Unruh, teures Fräulein,Das ist der Weg nicht, der zur Ruhe führt.
Thekla.Zur tiefen Ruh, wie er sie auch gefunden.—O eile! geh! Mach keine Worte mehr!Es zíeht mich fort, ich weiß nicht, wie ich's nenne,Unwiderstehlich fort zu seinem Grabe!Dort wird mir leichter werden, augenblicklich!Das herzerstickende Band des Schmerzens wirdSich lösen—Meine Tränen werden fließen.O geh, wir könnten längst schon auf dem Weg sein.Nicht Ruhe find ich, bis ich diesen MauernEntrunnen bin—sie stürzen auf mich ein—Fortstoßend treibt mich eine dunkle MachtVon dannen—Was ist das für ein Gefühl!Es füllen sich mir alle Räume dieses HausesMit bleichen, hohlen Geisterbildern an—Ich habe keinen Platz mehr—Immer neue!Es drängt mich das entsetzliche GewimmelAus diesen Wänden fort, die Lebende!
Neubrunn.Sie setzen mich in Angst und Schrecken, Fräulein,Daß ich nun selber nicht zu bleiben wage.Ich geh und rufe gleich den Rosenberg.(Geht ab.)
Zwölfter Auftritt
Thekla.Sein Geist ist's, der micht ruft. Es ist die ScharDer Treuen, die sich rächend ihm geopfert.Unedler Säumnis klagen sie mich an.Sie wollten auch im Tod nicht von ihm lassen,Der ihres Lebens Führer war—Das tatenDie rohen Herzen, und ich sollte leben!—Nein! Auch für mich ward jener Lorbeerkranz,Der deine Totenbahre schmückt, gewunden.Was ist das Leben ohne Liebesglanz?Ich werf es hin, da sein Gehalt verschwunden.Ja, da ich dich, den Liebenden gefunden,Da war das Leben etwas. Glänzend lagVor mir der neue goldne Tag!Mir träumte von zwei himmelschönen Stunden.Du standest an dem Eingang in der Welt,Die ich betrat mit klösterlichem Zagen,Sie war von tausend Sonnen aufgehellt;Ein guter Engel schienst du hingestellt,Mich aus der Kindheit fabelhaften TagenSchnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen.Mein erst Empfinden war des Himmels Glück,In dein Herz fiel mein erster Blick!(Sie sinkt hier in Nachdenken und fährt dann mit Zeichen desGrauens auf.)—Da kommt das Schicksal—Roh und kaltFaßt es des Freundes zärtliche GestaltUnd wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde——Das ist das Los des Schönen auf der Erde!
Dreizehnter Auftritt
Thekla. Fräulein Neubrunn mit dem Stallmeister.
Neubrunn.Hier ist er, Fräulein, und er will es tun.
Thekla.Willst du uns Pferde schaffen, Rosenberg?Stallmeister.Ich will sie schaffen.
Thekla.Willst du uns begleiten?
Stallmeister.Mein Fräulein, bis ans End' der Welt.
Thekla.Du kannstZum Herzog aber nicht zurück mehr kehren.
Stallmeister.Ich bleib bei Ihnen.
Thekla.Ich will dich belohnenUnd einem andern Herrn empfehlen. Kannst duUns aus der Festung bringen unentdeckt?
Stallmeister.Ich kann's.
Thekla.Wann kann ich gehn?
Stallmeister.In dieser Stunde.—Wo geht die Reise hin?
Thekla.Nach—sag's ihm, Neubrunn!
Neubrunn.Nach Neustadt.
Stallmeister.Wohl, ich geh, es zu besorgen.(Ab.)
Neubrunn.Ach, da kommt Ihre Mutter, Fräulein.
Thekla.Gott!
Vierzehnter Auftritt
Thekla. Neubrunn. Die Herzogin.
Herzogin.Er ist hinweg, ich finde dich gefaßter.
Thekla.Ich bin es, Mutter—Lassen Sie mich jetztBald schlafen gehen und die Neubrunn um mich sein.Ich brauche Ruh.
Herzogin.Du sollst sie haben, Thekla.Ich geh getröstet weg, da ich den VaterBeruhigen kann.
Thekla.Gut Nacht denn, liebe Mutter.(Sie fällt ihr um den Hals und umarmt sie in großer Bewegung.)
Herzogin.Du bist noch nicht ganz ruhig, meine Tochter.Du zitterst ja so heftig, und dein HerzKlopft hörbar an dem meinen.
Thekla.Schlaf wird es besänftigen—Gut Nacht, geliebte Mutter!(Indem sie aus den Armen der Mutter sich losmacht, fällt der Vorhang.)
Fünfter Aufzug
Buttlers Zimmer.
Erster Auftritt
Buttler. Major Geraldin.
Buttler.Zwölf rüstige Dragoner sucht Ihr aus,Bewaffnet sie mit Piken, denn kein SchußDarf fallen—An dem Eßsaal nebenbeiVersteckt Ihr sie, und wenn der NachtischAufgesetzt, dringt ihr herein und ruft: Wer istGut kaiserlich?—Ich will den Tisch umstürzen—Dann werft ihr euch auf beide, stoßt sie nieder.Das Schloß wird wohl verriegelt und bewacht,Daß kein Gerücht davon zum Fürsten dringe.Geh jetzt—Habt Ihr nach Hauptmann DeverouxUnd Macdonald geschickt?
Geraldin.Gleich sind sie hier.(Geht ab.)
Buttler.Kein Aufschub ist zu wagen. Auch die BürgerErklären sich für ihn, ich weiß nicht, welchEin Schwindelgeist die ganze Stadt ergriffen hat.Sie sehn im Herzog einen FriedensfürstenUnd einen Stifter neuer goldner Zeit.Der Rat hat Waffen ausgeteilt; schon habenSich ihrer hundert angeboten, WacheBei ihm zu tun. Drum gilt es, schnell zu sein,Denn Feinde drohn von außen und von innen.
Zweiter Auftritt
Buttler. Hauptmann Deveroux und Macdonald.
Macdonald.Da sind wir, General.
Deveroux.Was ist die Losung?
Buttler.Es lebe der Kaiser!
Beide. (treten zurück)Wie?
Buttler.Haus Östreich lebe!
Deveroux.Ist's nicht der Friedland, dem wir Treu geschworen?
Macdonald.Sind wir nicht hergeführt, ihn zu beschützen?
Buttler.Wir einen Reichsfeind und Verräter schützen?
Deveroux.Nun ja, du nahmst uns ja für ihn in Pflicht.
Macdonald.Und bist ihm ja hieher gefolgt nach Eger.
Buttler.Ich tat's, ihn desto sichrer zu verderben.
Deveroux.Ja so!
Macdonald.Das ist was anders.
Buttler. (zu Deveroux)Elender!So leicht entweichst du von der Pflicht und Fahne?
Deveroux.Zum Teufel, Herr! Ich folgte deinem Beispiel:Kann der ein Schelm sein, dacht' ich, kannst du's auch.
Macdonald.Wir denken nicht nach. Das ist deine Sache!Du bist der General und kommandierst,Wir folgen dir, und wenn's zur Hölle ginge.
Buttler. (besänftigt)Nun gut! Wie kennen einander.
Macdonald.Ja, das denk ich.
Deveroux.Wir sind Soldaten der Fortuna, werDas meiste bietet, hat uns.
Macdonald.Ja, so ist's.
Buttler.Jetzt sollt ihr ehrliche Soldaten bleiben.
Deveroux.Das sind wir gerne.
Buttler.Und Fortüne machen.
Macdonald.Das ist noch besser.
Buttler.Höret an.
Beide.Wir hören.
Buttler.Es ist des Kaisers Will' und Ordonnanz,Den Friedland, lebend oder tot, zu fahen.
Deveroux.So steht's im Brief.
Macdonald.Ja, lebend oder tot!
Buttler.Und stattliche Belohnung wartet dessenAn Geld und Gütern, der die Tat vollführt.
Deveroux.Es klingt ganz gut. Das Wort klingt immer gutVor dorten her. Ja, ja! Wir wissen schon!So eine guldne Gnadenkett' etwa,Ein krummes Roß, ein Pergament und so was.—Der Fürst zahlt besser.
Macdonald.Ja, der ist splendid.
Buttler.Mit dem ist's aus. Sein Glücksstern ist gefallen.
Macdonald.Ist das gewiß?
Buttler.Ich sag's euch.
Deveroux.Ist's vorbeiMit seinem Glück?
Buttler.Vorbei auf immerdar.Er ist so arm wie wir.
Macdonald.So arm wie wir?
Deveroux.Ja, Macdonald, da muß man ihn verlassen!
Buttler.Verlassen ist er schon von zwanzigtausend.Wir müssen mehr tun, Landsmann. Kurz und gut!—Wir müssen ihn töten.(Beide fahren zurück.)
Beide.Töten!
Buttler.Töten, sag ich.—Und dazu hab ich euch erlesen.
Beide.Uns?
Buttler.Euch, Hauptmann Deveroux und Macdonald.
Deveroux. (nach einer Pause)Wählt einen andern.
Macdonald.Ja, wählt einen andern.
Buttler. (zu Deveroux)Erschreckt's dich, feige Memme? Wie? Du hastSchon deine dreißig Seelen auf dir liegen—
Deveroux.Hand an den Feldherrn legen—das bedenkt!
Macdonald.Dem wir das Jurament geleistet haben!
Buttler.Das Jurament ist null mit seiner Treu.
Deveroux.Hör, General! Das dünkt mir doch zu gräßlich.
Macdonald.Ja, das ist wahr! Man hat auch ein Gewissen.
Deveroux.Wenn's nur der Chef nicht wär', der uns so langGekommandiert hat und Respekt gefordert.
Buttler.Ist das der Anstoß?
Deveroux.Ja! Hör! Wen du sonst willst!Dem eignen Sohn, wenn's Kaisers Dienst verlangt,Will ich das Schwert ins Eingeweide bohren—Doch sieh, wir sind Soldaten, und den FeldherrnErmorden, das ist eine Sünd' und Frevel,Davon kein Beichtmönch absolvieren kann.
Buttler.Ich bin dein Papst und absolviere dich.Entschließt euch schnell.
Deveroux. (steht bedenklich)Es geht nicht.
Macdonald.Nein, es geht nicht.
Buttler.Nun denn, so geht—und—schickt mir Pestalutzen.
Deveroux. (stutzt)Der Pestalutz—Hum!
Macdonald.Was willst du mit diesem?
Buttler.Wenn ihr's verschmäht, es finden sich genug—
Deveroux.Nein, wenn er fallen muß, so können wirDen Preis so gut verdienen als ein andrer.—Was denkst du, Bruder Macdonald?
Macdonald.Ja wennEr fallen muß und soll, und 's ist nicht anders,So mag ich's diesem Pastalutz nicht gönnen.
Deveroux. (nach einigem Besinnen)Wann soll er fallen?
Buttler.Heut, in dieser Nacht,Denn morgen stehn die Schweden vor den Toren.
Deveroux.Stehst du mir für die Folgen, General?
Buttler.Ich steh für alles.
Deveroux.Ist's des Kaisers Will'?Sein netter, runder Will'? Man hat Exempel,Daß man den Mord liebt und den Mörder straft.
Buttler.Das Manifest sagt: lebend oder tot.Und lebend ist's nicht möglich, seht ihr selbst—
Deveroux.Tot also! Tot!—Wie aber kommt man an ihn?Die Stadt ist angefüllt mit Terzkyschen.
Macdonald.Und dann ist noch der Terzky und der Illo—
Buttler.Mit diesen beiden fängt man an, versteht sich.
Deveroux.Was? Sollen die auch fallen?
Buttler.Die zuerst.
Macdonald.Hör, Deveroux—das wird ein blut'ger Abend.
Deveroux.Hast du schon deinen Mann dazu? Trag's mir auf.
Buttler.Dem Major Geraldin ist's übergeben.Es ist heut Faßnacht, und ein Essen wirdGegeben auf dem Schloß, dort wird man sieBei Tafel überfallen, niederstoßen—Der Pestalutz, der Leßley sind dabei—
Deveroux.Hör, General! Dir kann es nichts verschlagen.Hör—laß mich tauschen mit dem Geraldin.
Buttler.Die kleinere Gefahr ist bei dem Herzog.
Deveroux.Gefahr! Was, Teufel! denkst du von mir, Herr?Des Herzogs Aug', nicht seinen Degen fürcht ich.
Buttler.Was kann sein Aug' dir schaden?
Deveroux.Alle Teufel!Du kennst mich, daß ich keine Memme bin.Doch sieh, es sind noch nicht acht Tag', daß mirDer Herzog zwanzig Goldstück reichen lassenZu diesem warmen Rock, den ich hier anhab—Und wenn er mich nun mit der Pike siehtDastehn, mir auf den Rock sieht—sieh—so—so—Der Teufel hol mich! ich bin keine Memme.
Buttler.Der Herzog gab dir diesen warmen Rock,Und du, ein armer Wicht, bedenkst dich, ihmDafür den Degen durch den Leib zu rennen.Und einen Rock, der noch viel wärmer hält,Hing ihm der Kaiser um, den Fürstenmantel.Wie dankt er's ihm? Mit Aufruhr und Verrat.
Deveroux.Das ist auch wahr. Den Danker hol der Teufel!Ich—bring ihn um.
Buttler.Und willst du dein GewissenBeruhigen, darfst du den Rock nur ausziehn,So kannst du's frisch und wohlgemut vollbringen.
Macdonald.Ja! da ist aber noch was zu bedenken—
Buttler.Was gibt's noch zu bedenken, Macdonald?
Macdonald.Was hilft uns Wehr und Waffe wider den?Er ist nicht zu verwunden, er ist fest.
Buttler. (fährt auf)Was wird er—
Macdonald.Gegen Schuß und Hieb! Er istGefroren, mit der Teufelskunst behaftet,Sein Leib ist undurchdringlich, sag ich dir.
Deveroux.Ja, ja! In Ingolstadt war auch so einer,Dem war die Haut so fest wie Stahl, man mußt' ihnZuletzt mit Flintenkolben niederschlagen.
Macdonald.Hört, was ich tun will!
Deveroux.Sprich!
Macdonald.Ich kenne hierIm Kloster einen Bruder DominikanerAus unsrer Landsmannschaft, der soll mir SchwertUnd Pike tauchen in geweihtes WasserUnd einen kräft'gen Segen drüber sprechen,Das ist bewährt, hilft gegen jeden Bann.
Buttler.Das tue, Macdonald. Jetzt geht aber.Wählt aus dem Regimente zwanzig, dreißigHandfeste Kerls, laßt sie dem Kaiser schwören—Wenn's eilf geschlagen—wenn die ersten RundenPassiert sind, führt ihr sie in aller StilleDem Hause zu—Ich werde selbst nicht weit sein.
Deveroux.Wie kommen wir durch die Hartschiers und Garden,Die in dem innern Hofraum Wache stehn?
Buttler.Ich hab des Orts Gelegenheit erkundigt.Durch eine hintre Pforte führ ich euch,Die nur durch einen Mann verteidigt wird.Mir gibt mein Rang und Amt zu jeder StundeEinlaß beim Herzog. Ich will euch vorangehn,Und schnell mit einem Dolchstoß in die KehleDurchbohr ich den Hartschier und mach euch Bahn.
Deveroux.Und sind wir oben, wie erreichen wirDas Schlafgemach des Fürsten, ohne daßDas Hofgesind' erwacht und Lärmen ruft?Denn er ist hier mit großem Komitat.
Buttler.Die Dienerschaft ist auf dem rechten Flügel,Er haßt Geräusch, wohnt auf dem linken ganz allein.
Deveroux.Wär's nur vorüber, Macdonald—Mir istSeltsam dabei zumute, weiß der Teufel.
Macdonald.Mir auch. Es ist ein gar zu großes Haupt.Man wird uns für zwei Bösewichter halten.
Buttler.In Glanz und Ehr' und Überfluß könnt ihrDer Menschen Urteil und Gered' verlachen.
Deveroux.Wenn's mit der Ehr' nur auch so recht gewiß ist.
Buttler.Seid unbesorgt. Ihr rettet Kron' und ReichDem Ferdinand. Der Lohn kann nicht gering sein.
Deveroux.So ist's sein Zweck, den Kaiser zu entthronen?
Buttler.Das ist er! Kron' und Leben ihm zu rauben!
Deveroux.So müßt' er fallen durch des Henkers Hand,Wenn wir nach Wien lebendig ihn geliefert?
Buttler.Dies Schicksal könnt' er nimmermehr vermeiden.
Deveroux.Komm, Macdonald! Er soll als Feldherr endenUnd ehrlich fallen von Soldatenhänden.(Sie gehen ab.)
Dritter Auftritt
Ein Saal, aus dem man in eine Galerie gelangt, die sich weit nach hinten verliert. Wallenstein sitzt an einem Tisch. Der schwedische Hauptmann steht vor ihm. Bald darauf Gräfin Terzky.
Wallenstein.Empfehlt mich Eurem Herrn. Ich nehme teilAn seinem guten Glück, und wenn Ihr michSo viele Freude nicht bezeigen seht,Als diese Siegespost verdienen mag,So glaubt, es ist nicht Mangel guten Willens,Denn unser Glück ist nunmehr eins. Lebt wohl!Nehmt meinen Dank für Eure Müh. Die FestungSoll sich euch auftun morgen, wenn ihr kommt.(Schwedischer Hauptmann geht ab. Wallenstein sitzt in tiefenGedanken, starr vor sich hinsehend, den Kopf in die Hand gesenkt.Gräfin Terzky tritt herein und steht eine Zeitlang vor ihmunbemerkt, endlich macht er eine rasche Bewegung, erblickt sieund faßt sich schnell.)Kommst du von ihr? Erholt sie sich? Was macht sie?
Gräfin.Sie soll gefaßter sein nach dem Gespräch,Sagt mir die Schwester—Jetzt ist sie zu Bette.
Wallenstein.Ihr Schmerz wird sanfter werden. Sie wird weinen.
Gräfin.Auch dich, mein Bruder, find ich nicht wie sonst.Nach einem Sieg erwartet' ich dich heitrer.O bleibe stark! Erhalte du uns aufrecht,Denn du bist unser Licht und unsre Sonne.
Wallenstein.Sei ruhig. Mir ist nichts—Wo ist dein Mann?
Gräfin.Zu einem Gastmahl sind sie, er und Illo.
Wallenstein. (steht auf und macht einige Schritte durch den Saal)Es ist schon finstre Nacht—Geh auf dein Zimmer.
Gräfin.Heiß mich nicht gehn, o laß mich um dich bleiben.
Wallenstein. (ist ans Fenster getreten)Am Himmel ist geschäftige Bewegung,Des Turmes Fahne jagt der Wind, schnell gehtDer Wolken Zug, die Mondessichel wankt,Und durch die Nacht zuckt ungewisse Helle.—Kein Sternbild ist zu sehn! Der matte Schein dort,Der einzelne, ist aus der Kassiopeia,Und dahin steht der Jupiter—Doch jetztDeckt ihn die Schwärze des Gewitterhimmels!(Er versinkt in Tiefsinn und sieht starr hinaus).
Gräfin. (die ihm traurig zusieht, faßt ihn bei der Hand).Was sinnst du?
Wallenstein.Mir deucht, wenn ich ihn sähe, wär' mir wohl.Es ist der Stern, der meinem Leben strahlt,Und wunderbar oft stärkte mich sein Anblick.(Pause.)
Gräfin.Du wirst ihn wiedersehn.
Wallenstein. (ist wieder in eine tiefe Zerstreuung gefallen,er ermuntert sich und wendet sich schnell zur Gräfin)Ihn wiedersehn?—O niemals wieder!
Gräfin.Wie?
Wallenstein.Er ist dahin—ist Staub!
Gräfin.Wen meinst du denn?
Wallenstein.Er ist der Glückliche. Er hat vollendet.Für ihn ist keine Zukunft mehr, ihm spinntDas Schicksal keine Tücke mehr—sein LebenLiegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet,Kein dunkler Flecken blieb darin zurück,Und unglückbringend pocht ihm keine Stunde.Weg ist er über Wunsch und Furcht, gehörtNicht mehr den trüglich wankenden Planeten—O ihm ist wohl! Wer aber weiß, was unsDie nächste Stunde schwarz verschleiert bringt!
Gräfin.Du sprichst von Piccolomini. Wie starb er?Der Bote ging just von dir, als ich kam.(Wallenstein bedeutet sie mit der Hand, zu schweigen.)O wende deine Blicke nicht zurück!Vorwärts in hellre Tage laß uns schauen.Freu dich des Siegs, vergiß, was er dir kostet.Nicht heute erst ward dir der Freund geraubt;Als er sich von dir schied, da starb er dir.
Wallenstein.Verschmerzen werd ich diesen Schlag, das weiß ich,Denn was verschmerzte nicht der Mensch! Vom HöchstenWie vom Gemeinsten lernt er sich entwöhnen,Denn ihn besiegen die gewalt'gen Stunden.Doch fühl ich's wohl, was ich in ihm verlor.Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,Und kalt und farblos seh ich's vor mir liegen.Denn er stand neben mir wie meine Jugend,Er machte mir das Wirkliche zum Traum,Um die gemeine Deutlichkeit der DingeDen goldnen Duft der Morgenröte webend—Im Feuer seines liebenden GefühlsErhoben sich, mir selber zum Erstaunen,Des Lebens flach alltägliche Gestalten.—Was ich mir ferner auch erstreben mag,Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder,Denn über alles Glück geht doch der Freund,Der's fühlend erst erschafft, der's teilend mehrt.
Gräfin.Verzag nicht an der eignen Kraft. Dein HerzIst reich genug, sich selber zu beleben.Du liebst und preisest Tugenden an ihm,Die du in ihm gepflanzt, in ihm entfaltet.
Wallenstein. (an die Türe gehend)Wer stört uns noch in später Nacht?—Es istDer Kommendant. Er bringt die Festungsschlüssel.Verlaß uns, Schwester, Mitternacht ist da.
Gräfin.O mir wird heut so schwer, von dir zu gehn,Und bange Furcht bewegt mich.
Wallenstein.Furcht! Wovor?
Gräfin.Du möchtest schnell wegreisen diese Nacht,Und beim Erwachen fänden wir dich nimmer.
Wallenstein.Einbildungen.
Gräfin.O meine Seele wirdSchon lang von trüben Ahnungen geängstigt,Und wenn ich wachend sie bekämpft, sie fallenMein banges Herz in düstern Träumen an.—Ich sah dich gestern nacht mit deiner erstenGemahlin, reich geputzt, zu Tische sitzen—
Wallenstein.Das ist ein Traum erwünschter Vorbedeutung,Denn jene Heirat stiftete mein Glück.
Gräfin.Und heute träumte mir, ich suchte dichIn deinem Zimmer auf—Wie ich hineintrat,So war's dein Zimmer nicht mehr, die KartauseZu Gitschin war's, die du gestiftet hastUnd wo du willst, daß man dich hin begrabe.
Wallenstein.Dein Geist ist nun einmal damit beschäftigt.
Gräfin.Wie? Glaubst du nicht, daß eine WarnungsstimmeIn Träumen vorbedeutend zu uns spricht?
Wallenstein.Dergleichen Stimmen gibt's—Es ist kein Zweifel!Doch Warnungsstimmen möcht' ich sie nicht nennen,Die nur das Unvermeidliche verkünden.Wie sich der Sonne Scheinbild in dem DunstkreisMalt, eh' sie kommt, so schreiten auch den großenGeschicken ihre Geister schon voran,Und in dem Heute wandelt schon das Morgen.Es machte mir stets eigene Gedanken,Was man vom Tod des vierten Heinrichs liest.Der König fühlte das Gespenst des MessersLang vorher in der Brust, eh' sich der MörderRavaillac damit waffnete. Ihn flohDie Ruh', es jagt' ihn auf in seinem Louvre,Ins Freie trieb es ihn; wie LeichenfeierKlang ihm der Gattin Krönungsfest, er hörteIm ahnungsvollen Ohr der Füße Tritt,Die durch die Gassen von Paris ihn suchten—
Gräfin.Sagt dir die innre Ahnungsstimme nichts?
Wallenstein.Nichts. Sei ganz ruhig!
Gräfin. (in düstres Nachsinnen verloren):Und ein andermal,Als ich dir eilend nachging, liefst du vor mirDurch einen langen Gang, durch weite Säle,Es wollte gar nicht enden—Türen schlugenZusammen, krachend—keuchend folgt' ich, konnteDich nicht erreichen—plötzlich fühlt' ich michVon hinten angefaßt mit kalter Hand,Du warst's und küßtest mich, und über unsSchien eine rote Decke sich zu legen—
Wallenstein.Das ist der rote Teppich meines Zimmers.
Gräfin. (ihn betrachtend)Wenn's dahin sollte kommen—Wenn ich dich,Der jetzt in Lebensfülle vor mir steht—(Sie sinkt ihm weinend an die Brust.)
Wallenstein.Des Kaisers Achtsbrief ängstigt dich. BuchstabenVerwunden nicht, er findet keine Hände.
Gräfin.Fänd' er sie aber, dann ist mein EntschlußGefaßt—ich führe bei mir, was mich tröstet.(Geht ab.)
Vierter Auftritt
Wallenstein. Gordon. Dann der Kammerdiener.
Wallenstein.Ist's ruhig in der Stadt?
Gordon.Die Stadt ist ruhig.
Wallenstein.Ich höre rauschende Musik, das Schloß istVon Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?