The Project Gutenberg eBook ofWallensteins TodThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Wallensteins TodAuthor: Friedrich SchillerRelease date: September 1, 2004 [eBook #6549]Most recently updated: September 23, 2014Language: GermanCredits: Produced by Gutenberg Projekt-DE*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEINS TOD ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Wallensteins TodAuthor: Friedrich SchillerRelease date: September 1, 2004 [eBook #6549]Most recently updated: September 23, 2014Language: GermanCredits: Produced by Gutenberg Projekt-DE
Title: Wallensteins Tod
Author: Friedrich Schiller
Author: Friedrich Schiller
Release date: September 1, 2004 [eBook #6549]Most recently updated: September 23, 2014
Language: German
Credits: Produced by Gutenberg Projekt-DE
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEINS TOD ***
Produced by Gutenberg Projekt-DE
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Wallensteins Tod
Friedrich Schiller
Ein Trauerspiel in Fünf Aufzügen
Personen:
WallensteinOctavio PiccolominiMax PiccolominiTerzkyIlloIsolaniButtlerRittmeister NeumannEin AdjutantOberst Wrangel von Schweden gesendetGordon Kommandant von EgerMajor GeraldinDeverouxMacdonaldHauptleute in der Wallensteinischen ArmeeSchwedischer HauptmannEine Gesandtschaft vonKürassierenBürgermeister von EgerSeniHerzogin von FriedlandGräfin TerzkyTheklaFräulein Neubrunn Hofdame der Prinzessinvon Rosenberg Stallmeister der PrinzessinDragonerBediente. Pagen. Volk.
Die Szene ist in den drei ersten Aufzügen zu Pilsen, in den zwei letzten zu Eger.
Erster Aufzug
Ein Zimmer, zu astrologischen Arbeiten eingerichtet und mit Sphären, Karten, Quadranten und anderm astronomischen Geräte versehen. Der Vorhang von einer Rotunde ist aufgezogen, in welcher die sieben Planetenbilder, jedes in einer Nische, seltsam beleuchtet, zu sehen sind. Seni beobachtet die Sterne, Wallenstein steht vor einer großen schwarzen Tafel, auf welcher der Planetenaspekt gezeichnet ist.
Erster Auftritt
Wallenstein. Seni.
Wallenstein.Laß es jetzt gut sein, Seni. Komm herab.Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.Es ist nicht gut mehr operieren. Komm!Wir wissen g'nug.
Seni.Nur noch die Venus laß michBetrachten, Hoheit. Eben geht sie auf.Wie eine Sonne glänzt sie in dem Osten.
Wallenstein.Ja, sie ist jetzt in ihrer Erdennäh'Und wirkt herab mit allen ihren Stärken.(Die Figur auf der Tafel betrachtend.)Glückseliger Aspekt! So stellt sich endlichDie große Drei verhängnisvoll zusammen,Und beide Segenssterne, JupiterUnd Venus, nehmen den verderblichen,Den tück'schen Mars in ihre Mitte, zwingenDen alten Schadenstifter, mir zu dienen.Denn lange war er feindlich mir gesinntUnd schoß mit senkrecht- oder schräger Strahlung,Bald im Gevierten, bald im Doppelschein,Die roten Blitze meinen Sternen zuUnd störte ihre segenvollen Kräfte.Jetzt haben sie den alten Feind besiegtUnd bringen ihn am Himmel mir gefangen.
Seni.Und beide große Lumina von keinemMalefico beleidigt! der SaturnUnschädlich, machtlos, in cadente domo.
Wallenstein.Saturnus' Reich ist aus, der die geheimeGeburt der Dinge in dem ErdenschoßUnd in den Tiefen des Gemüts beherrschtUnd über allem, was das Licht scheut, waltet.Nicht Zeit ist's mehr, zu brüten und zu sinnen,Denn Jupiter, der glänzende, regiertUnd zieht das dunkel zubereitete WerkGewaltig in das Reich des Lichts—Jetzt mußGehandelt werden, schleunig, eh' die Glücks-Gestalt mir wieder wegflieht überm Haupt,Denn stets in Wandlung ist der Himmelsbogen.(Es geschehen Schläge an die Tür.)Man pocht. Sieh, wer es ist.
Terzky. (draußen).Laß öffnen!
Wallenstein.Es ist Terzky.Was gibt's so Dringendes? Wir sind beschäftigt.
Terzky. (draußen)Leg alles jetzt beiseit', ich bitte dich,Es leidet keinen Aufschub.
Wallenstein.Öffne, Seni.(Indem jener dem Terzky aufmacht, zieht Wallenstein den Vorhangvor die Bilder.)
Zweiter Auftritt
Wallenstein. Graf Terzky.
Terzky. (tritt ein).Vernahmst du's schon? Er ist gefangen, istVom Gallas schon dem Kaiser ausgeliefert!
Wallenstein. (zu Terzky)Wer ist gefangen? Wer ist ausgeliefert?
Terzky.Wer unser ganz Geheimnis weiß, um jedeVerhandlung mit den Schweden weiß und Sachsen,Durch dessen Hände alles ist gegangen—
Wallenstein. (zurückfahrend)Sesin doch nicht? Sag nein, ich bitte dich.
Terzky.Grad auf dem Weg nach Regenspurg zum SchwedenErgriffen ihn des Gallas Abgeschickte,Der ihm schon lang die Fährte abgelauert.Mein ganz Paket an Kinsky, Matthes Thurn,An Oxenstirn, an Arnheim führt er bei sich.Das alles ist in ihrer Hand, sie habenDie Einsicht nun in alles, was geschehn.
Dritter Auftritt
Vorige. Illo kommt.
Illo. (zu Terzky)Weiß er's?
Terzky.Er weiß es.
Illo. (zu Wallenstein)Denkst du deinen FriedenNun noch zu machen mit dem Kaiser, seinVertraun zurückzurufen? wär' es auch:Du wolltest allen Planen jetzt entsagen,Man weiß, was du gewollt hast. Vorwärts mußt du,Denn rückwärts kannst du nun nicht mehr.
Terzky.Sie haben Dokumente gegen unsIn Händen, die unwidersprechlich zeugen—
Wallenstein.Von meiner Handschrift nichts. Dich straf ich Lügen.
Illo.So? Glaubst du wohl, was dieser da, dein Schwager,In deinem Namen unterhandelt hat,Das werde man nicht dir auf Rechnung setzen?Dem Schweden soll sein Wort für deines gelten,Und deinen Wiener Feinden nicht!
Terzky.Du gabst nichts Schriftliches—Besinn dich aber,Wie weit du mündlich gingst mit dem Sesin.Und wird er schweigen? Wenn er sich mit deinemGeheimnis retten kann, wird er's bewahren?
Illo.Das fällt dir selbst nicht ein! Und da sie nunBerichtet sind, wie weit du schon gegangen,Sprich! was erwartest du? Bewahren kannst duNicht länger dein Kommando, ohne RettungBist du verloren, wenn du's niederlegst.
Wallenstein.Das Heer ist meine Sicherheit. Das HeerVerläßt mich nicht. Was sie auch wissen mögen,Die Macht ist mein, sie müssen's niederschlucken,—Und stell ich Kaution für meine Treu',So müssen sie sich ganz zufrieden geben.
Illo.Das Heer ist dein; jetzt für den AugenblickIst's dein; doch zittre vor der langsamen,Der stillen Macht der Zeit. Vor offenbarerGewalt beschützt dich heute noch und morgenDer Truppen Gunst; doch gönnst du ihnen Frist,Sie werden unvermerkt die gute Meinung,Worauf du jetzo fußest, untergraben,Dir einen um den andern listig stehlen—Bis, wenn der große Erdstoß nun geschieht,Der treulos mürbe Bau zusammenbricht.
Wallenstein.Es ist ein böser Zufall!
Illo.Oh! einen glücklichen will ich ihn nennen,Hat er auf dich die Wirkung, die er soll,Treibt dich zu schneller Tat—Der schwed'sche Oberst—
Wallenstein.Er ist gekommen? Weißt du, was er bringt?
Illo.Er will nur dir allein sich anvertraun.
Wallenstein.Ein böser, böser Zufall—Freilich! Freilich!Sesina weiß zu viel und wird nicht schweigen.
Terzky.Er ist ein böhmischer Rebell und Flüchtling,Sein Hals ist ihm verwirkt; kann er sich rettenAuf deine Kosten, wird er Anstand nehmen?Und wenn sie auf der Folter ihn befragen,Wird er, der Weichling, Stärke g'nug besitzen?—
Wallenstein. (in Nachsinnen verloren)Nicht herzustellen mehr ist das Vertraun.Und mag ich handeln, wie ich will, ich werdeEin Landsverräter ihnen sein und bleiben.Und kehr ich noch so ehrlich auch zurückZu meiner Pflicht, es wird mir nichts mehr helfen—
Illo.Verderben wird es dich. Nicht deiner Treu',Der Ohnmacht nur wird's zugeschrieben werden.
Wallenstein. (in heftiger Bewegung auf und ab gehend)Wie? Sollt' ich's nun im Ernst erfüllen müssen,Weil ich zu frei gescherzt mit dem Gedanken?Verflucht, wer mit dem Teufel spielt!—
Illo.Wenn's nur dein Spiel gewesen, glaube mir,Du wirst's in schwerem Ernste büßen müssen.
Wallenstein.Und müßt' ich's in Erfüllung bringen, jetzt,Jetzt, da die Macht noch mein ist, müßt's geschehn—
Illo.Wo möglich, eh' sie von dem Schlage sichIn Wien besinnen und zuvor dir kommen—
Wallenstein. (die Unterschriften betrachtend)Das Wort der Generale hab ich schriftlich—Max Piccolomini steht nicht hier. Warum nicht?
Terzky.Es war—er meinte—
Illo.Bloßer Eigendünkel!Es brauche das nicht zwischen dir und ihm.
Wallenstein.Es braucht das nicht, er hat ganz recht—Die Regimenter wollen nicht nach Flandern,Sie haben eine Schrift mir übersandtUnd widersetzen laut sich dem Befehl.Der erste Schritt zu Aufruhr ist geschehn.
Illo.Glaub mir, du wirst sie leichter zu dem FeindAls zu dem Spanier hinüber führen.
Wallenstein.Ich will doch hören, was der Schwede mirZu sagen hat.
Illo. (pressiert)Wollt Ihr ihn rufen, Terzky?Er steht schon draußen.
Wallenstein.Warte noch ein wenig.Es hat mich überrascht—Es kam zu schnell—Ich bin es nicht gewohnt, daß mich der ZufallBlind waltend, finster herrschend mit sich führe.
Illo.Hör ihn fürs erste nur. Erwäg's nachher.(Sie gehen.)
Vierter Auftritt
Wallenstein. (mit sich selbst redend)Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt? Ich müßteDie Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,Nicht die Versuchung von mir wies—das HerzGenährt mit diesem Traum, auf ungewisseErfüllung hin die Mittel mir gespart,Die Wege bloß mir offen hab gehalten?—Beim großen Gott des Himmels! Es war nichtMein Ernst, beschloßne Sache war es nie.In dem Gedanken bloß gefiel ich mir;Die Freiheit reizte mich und das Vermögen.War's unrecht, an dem Gaukelbilde michDer königlichen Hoffnung zu ergötzen?Blieb in der Brust mir nicht der Wille frei,Und sah ich nicht den guten Weg zur Seite,Der mir die Rückkehr offen stets bewahrte?Wohin denn seh ich plötzlich mich geführt?Bahnlos liegt's hinter mir, und eine MauerAus meinen eignen Werken baut sich auf,Die mir die Umkehr türmend hemmt!(Er bleibt tiefsinnig stehen.)Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld,Wie ich's versuchen mag! nicht von mir wälzen;Denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens,Und—selbst der frommen Quelle reine TatWird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften.War ich, wofür ich gelte, der Verräter,Ich hätte mir den guten Schein gespart,Die Hülle hätt' ich dicht um mich gezogen,Dem Unmut Stimme nie geliehn. Der Unschuld,Des unverführten Willens mir bewußt,Gab ich der Laune Raum, der Leidenschaft—Kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war.Jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,Weitsehend, planvoll mir zusammenknüpfen,Und was der Zorn und was der frohe MutMich sprechen ließ im Überfluß des Herzens,Zu künstlichem Gewebe mir vereinenUnd eine Klage furchtbar draus bereiten,Dagegen ich verstummen muß. So hab ichMit eignem Netz verderblich mich umstrickt,Und nur Gewalttat kann es reißend lösen.(Wiederum stillstehend.)Wie anders! da des Mutes freier TriebZur kühnen Tat mich zog, die rauh gebietendDie Not jetzt, die Erhaltung von mir heischt.Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit.Nicht ohne Schauder greift des Menschen HandIn des Geschicks geheimnisvolle Urne.In meiner Brust war meine Tat noch mein:Einmal entlassen aus dem sichern WinkelDes Herzens, ihrem mütterlichen Boden,Hinausgegeben in des Lebens Fremde,Gehört sie jenen tück'schen Mächten an,Die keines Menschen Kunst vertraulich macht.(Er macht heftige Schritte durchs Zimmer, dann bleibt er wiedersinnend stehen.)Und was ist dein Beginnen? Hast du dir'sAuch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,Die ruhig, sicher thronende erschüttern,Die in verjährt geheiligtem Besitz,In der Gewohnheit festgegründet ruht,Die an der Völker frommem KinderglaubenMit tausend zähen Wurzeln sich befestigt.Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft,Den fücht ich nicht. Mit jedem Gegner wag ich's,Den ich kann sehen und ins Augen fassen,Der, selbst voll Mut, auch mir den Mut entflammt.Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich fürchte,Der in der Menschen Brust mir widersteht,Durch feige Furcht allein mir fürchterlich—Nicht, was lebendig kraftvoll sich verkündigt,Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganzGemeine ist's, das ewig Gestrige,Was immer war, und immer wiederkehrtUnd morgen gilt, weil's heute hat gegolten!Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.Weh dem, der an den würdig alten HausratIhm rührt, das teure Erbstück seiner Ahnen!Das Jahr übt eine heiligende Kraft;Was grau für Alter ist, das ist ihm göttlich.Sei im Besitze, und du wohnst im Recht,Und heilig wird's die Menge die bewahren.(Zu dem Pagen, der hereintritt.)Der schwed'sche Oberst? Ist er's? Nun, er komme.(Page geht. Wallenstein hat den Blick nachdenkend auf dieTüre geheftet.)Noch ist sie rein—noch! Das Verbrechen kamNicht über diese Schwelle noch—So schma istDie Grenze, die zwei Lebenspfade scheidet!
Fünfter Auftritt
Wallenstein und Wrangel.
Wallenstein. (nachdem er einen forschenden Blick auf ihn geheftet)Ihr nennt Euch Wrangel?
Wrangel.Gustav Wrangel, OberstVom blauen Regimente Südermannland.
Wallenstein.Ein Wrangel war's, der vor Stralsund viel BösesMir zugefügt, durch tapfre GegenwehrSchuld war, daß mir die Seestadt widerstanden.
Wrangel.Das Werk des Elements, mit dem Sie kämpften,Nicht mein Verdienst, Herr Herzog! Seine FreiheitVerteidigte mit Sturmes Macht der Belt,Es sollte Meer und Land nicht einem dienen.
Wallenstein.Den Admiralshut rißt Ihr mir vom Haupt.
Wrangel.Ich komme, eine Krone drauf zu setzen.
Wallenstein. (winkt ihm, Platz zu nehmen, setzt sich).Euer Kreditiv. Kommt Ihr mit ganzer Vollmacht?
Wrangel. (bedenklich)Es sind so manche Zweifel noch zu lösen—
Wallenstein. (nachdem er gelesen)Der Brief hat Händ' und Füß'. Es ist ein klug,Verständig Haupt, Herr Wrangel, dem Ihr dienet.Es schreibt der Kanzler: er vollziehe nurDen eignen Einfall des verstorbnen Königs,Indem er mir zur böhm'schen Kron' verhelfe.
Wrangel.Er sagt, was wahr ist. Der HochseligeHat immer groß gedacht von Euer GnadenFürtrefflichem Verstand und Feldherrngaben,Und stets der Herrschverständigste, beliebt' ihmZu sagen, sollte Herrscher sein und König.
Wallenstein.Er durft' es sagen.(Seine Hand vertraulich fassend.)Aufrichtig, Oberst Wrangel—Ich war stetsIm Herzen auch gut schwedisch—Ei, das habt ihrIn Schlesien erfahren und bei Nürnberg.Ich hatt' euch oft in meiner Macht und ließDurch eine Hintertür euch stets entwischen.Das ist's, was sie in Wien mir nicht verzeihn,Was jetzt zu diesem Schritt mich treibt—Und weilNun unser Vorteil so zusammengeht,So laßt uns zu einander auch ein rechtVertrauen fassen.
Wrangel.Das Vertraun wird kommen,Hat jeder nur erst seine Sicherheit.
Wallenstein.Der Kanzler, merk ich, traut mir noch nicht recht.Ja, ich gesteh's—Es liegt das Spiel nicht ganzZu meinem Vorteil—Seine Würden meint,Wenn ich dem Kaiser, der mein Herr ist, soMitspielen kann, ich könn' das gleiche tunAm Feinde, und das eine wäre mirNoch eher zu verzeihen als das andre.Ist das nicht Eure Meinung auch, Herr Wrangel?
Wrangel.Ich hab hier bloß ein Amt und keine Meinung.
Wallenstein.Der Kaiser hat mich bis zum ÄußerstenGebracht. Ich kann ihm nicht mehr ehrlich dienen.Zu meiner Sicherheit, aus Notwehr tu ichDen harten Schritt, den mein Bewußtsein tadelt.
Wrangel.Ich glaub's. So weit geht niemand, der nicht muß.(Nach einer Pause.)Was Eure Fürstlichkeit bewegen mag,Also zu tun an ihrem Herrn und Kaiser,Gebührt nicht uns zu richten und zu deuten.Der Schwede ficht für seine gute Sach'Mit seinem guten Degen und Gewissen.Die Konkurrenz ist, die GelegenheitZu unsrer Gunst, im Krieg gilt jeder Vorteil,Wir nehmen unbedenklich, was sich bietet;Und wenn sich alles richtig so verhält—
Wallenstein.Woran denn zweifelt man? An meinem Willen?An meinen Kräften? Ich versprach dem Kanzler,Wenn er mir sechzehntausend Mann vertraut,Mit achtzehntausend von des Kaisers HeerDazuzustoßen—
Wrangel.Euer Gnaden sindBekannt für einen hohen Kriegesfürsten,Für einen zweiten Attila und Pyrrhus.Noch mit Erstaunen redet man davon,Wie Sie vor Jahren, gegen Menschendenken,Ein Heer wie aus dem Nichts hervorgerufen.Jedennoch—
Wallenstein.Dennoch?
Wrangel.Seine Würden meint,Ein leichter Ding doch möcht' es sein, mit nichtsIns Feld zu stellen sechzigtausend Krieger,Als nur ein Sechzigteil davon(er hält inne)
Wallenstein.Nun, was?Nur frei heraus!
Wrangel.Zum Treubruch zu verleiten.
Wallenstein.Meint er? Er urteilt wie ein Schwed' und wieEin Protestant. Ihr Lutherischen fechtetFür eure Bibel, euch ist's um die Sach';Mit eurem Herzen folgt ihr eurer Fahne.—Wer zu dem Feinde läuft von euch, der hatMit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.Von all dem ist die Rede nicht bei uns—
Wrangel.Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulandeDenn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?
Wallenstein.Ich will Euch sagen, wie das zugeht—Ja,Der Österreicher hat ein VaterlandUnd liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben.Doch dieses Heer, das kaiserlich sich nennt,Das hier in Böheim hauset, das hat keins;Das ist der Auswurf fremder Länder, istDer aufgegebne Teil des Volks, dem nichtsGehöret als die allgemeine Sonne.Und dieses böhm'sche Land, um das wir fechten,Das hat kein Herz für seinen Herrn, den ihmDer Waffen Glück, nicht eigne Wahl gegeben.Mit Murren trägt's des Glaubens Tyrannei,Die Macht hat's eingeschreckt, beruhigt nicht.Ein glühend, rachvoll Angedenken lebtDer Greuel, die geschahn auf diesem Boden.Und kann's der Sohn vergessen, daß der VaterMit Hunden in die Messe ward gehetzt?Ein Volk, dem das geboten wird, ist schrecklich,Es räche oder dulde die Behandlung.
Wrangel.Der Adel aber und die Offiziere?Solch eine Flucht und Felonie, Herr Fürst,Ist ohne Beispiel in der Welt Geschichten.
Wallenstein.Sie sind auf jegliche Bedingung mein.Nicht mir, den eignen Augen mögt Ihr glauben.(Er gibt ihm die Eidesformel. Wrangel durchliest sie, legt sie,nachdem er gelesen, schweigend auf den Tisch.)Wie ist's? Begreift Ihr nun?
Wrangel.Begreif 's, wer's kann!Herr Fürst! Ich laß die Maske fallen—Ja!Ich habe Vollmacht, alles abzuschließen.Es steht der Rheingraf nur vier TagemärscheVon hier mit funfzehntausend Mann, er wartetAuf Ordre nur, zu Ihrem Heer zu stoßen.Die Ordre stell ich aus, sobald wir einig.
Wallenstein.Was ist des Kanzlers Forderung?
Wrangel. (bedenklich)Zwölf Regimenter gilt es, schwedisch Volk.Mein Kopf muß dafür haften. Alles könnteZuletzt nur falsches Spiel—
Wallenstein. (fährt auf)Herr Schwede!
Wrangel. (ruhig fortfahrend)Muß demnachDarauf bestehn, daß Herzog Friedland förmlich,Unwiderruflich breche mit dem Kaiser,Sonst ihm kein schwedisch Volk vertrauet wird.
Wallenstein.Was ist die Forderung? Sagt's kurz und gut.
Wrangel.Die span'schen Regimenter, die dem KaiserErgeben, zu entwaffnen, Prag zu nehmenUnd diese Stadt wie auch das Grenzschloß EgerDen Schweden einzuräumen.
Wallenstein.Viel gefordert!Prag! Sei's um Eger! Aber Prag? Geht nicht.Ich leist euch jede Sicherheit, die ihrVernünft'gerweise von mir fordern möget.Prag aber—Böhmen—kann ich selbst beschützen.
Wrangel.Man zweifelt nicht daran. Es ist uns auchNicht ums Beschützen bloß. Wir wollen MenschenUnd Geld umsonst nicht aufgewendet haben.
Wallenstein.Wie billig.
Wrangel.Und so lang, bis wir entschädigt,Bleibt Prag verpfändet.
Wallenstein.Traut ihr uns so wenig?
Wrangel. (steht auf)Der Schwede muß sich vorsehn mit dem Deutschen.Man hat uns übers Ostmeer hergerufen;Gerettet haben wir vom UntergangDas Reich—mit unserm Blut des Glaubens Freiheit,Die heil'ge Lehr' des EvangeliumsVersiegelt—Aber jetzt schon fühlet manNicht mehr die Wohltat, nur die Last, erblicktMit scheelem Aug' die Fremdlinge im ReicheUnd schickte gern mit einer Handvoll GeldUns heim in unsre Wälder. Nein! wir habenUm Judas' Lohn, um klingend Gold und SilberDen König auf der Walstatt nicht gelassen!So vieler Schweden adeliges Blut,Es ist um Gold und Silber nicht geflossen!Und nicht mit magerm Lorbeer wollen wirZum Vaterland die Wimpel wieder lüften,Wir wollen Bürger bleiben auf dem Boden,Den unser König fallend sich erobert.
Wallenstein.Helft den gemeinen Feind mir niederhalten,Das schöne Grenzland kann euch nicht entgehn.
Wrangel.Und liegt zu Boden der gemeine Feind,Wer knüpft die neue Freundschaft dann zusammen?Uns ist bekannt, Herr Fürst—wenngleich der SchwedeNichts davon merken soll—daß Ihr mit SachsenGeheime Unterhandlung pflegt. Wer bürgt unsDafür, daß wir nicht Opfer der Beschlüsse sind,Die man vor uns zu hehlen nötig achtet?
Wallenstein.Wohl wählte sich der Kanzler seinen Mann,Er hätt' mir keinen zähern schicken können.(Aufstehend.)Besinnt Euch eines Bessern, Gustav Wrangel.Von Prag nichts mehr.
Wrangel.Hier endigt meinen Vollmacht.
Wallenstein.Euch meine Hauptstadt räumen! Lieber tret ichZurück—zu meinem Kaiser.
Wrangel.Wenn's noch Zeit ist.Wallenstein.Das steht bei mir, noch jetzt, zu jeder Stunde.
Wrangel.Vielleicht vor wenig Tagen noch. Heut nicht mehr.—Seit der Sesin gefangen sitzt, nicht mehr.(Wie Wallenstein betroffen schweigt.)Herr Fürst! Wir glauben, daß Sie's ehrlich meinen;Seit gestern—sind wir des gewiß—Und nunDies Blatt uns für die Truppen bürgt, ist nichts,Was dem Vertrauen noch im Wege stünde.Prag soll uns nicht entzweien. Mein Herr KanzlerBegnügt sich mit der Altstadt, Euer GnadenLäßt er den Ratschin und die kleine Seite.Doch Eger muß vor allem sich uns öffnen,Eh' an Konjunktion zu denken ist.
Wallenstein.Euch also soll ich trauen, ihr nicht mir?Ich will den Vorschlag in Erwägung ziehn.
Wrangel.In keine gar zu lange, muß ich bitten.Ins zweite Jahr schon schleicht die Unterhandlung;Erfolgt auch diesmal nichts, so will der KanzlerAuf immer sie für abgebrochen halten.
Wallenstein.Ihr drängt mich sehr. Ein solcher Schritt will wohlBedacht sein.
Wrangel.Eh' man überhaupt dran denkt,Herr Fürst! Durch rasche Tat nur kann er glücken.(Er geht ab.)
Sechster Auftritt
Wallenstein. Terzky und Illo kommen zurück.
Illo.Ist's richtig?
Terzky.Seid ihr einig?
Illo.Dieser SchwedeGing ganz zufrieden fort. Ja, ihr seid einig.
Wallenstein.Hört! Noch ist nichts geschehn, und—wohl erwogen,Ich will es lieber doch nicht tun.
Terzky.Wie? Was ist das?
Wallenstein.Von dieser Schweden Gnade leben!Der Übermütigen? Ich trüg' es nicht.
Illo.Kommst du als Flüchtling, ihre Hilf' erbettelnd?Du bringest ihnen mehr, als du empfängst.
Wallenstein.Wie war's mit jenem königlichen Bourbon,Der seines Volkes Feinde sich verkaufteUnd Wunden schlug dem eignen Vaterland?Fluch war sein Lohn, der Menschen Abscheu rächteDie unnatürlich frevelhafte Tat.
Illo.Ist das dein Fall?
Wallenstein.Die Treue, sag ich euch,Ist jedem Menschen wie der nächste Blutsfreund,Als ihren Rächer fühlt er sich geboren.Der Sekten Feindschaft, der Parteien Wut,Der alte Neid, die Eifersucht macht Friede;Was noch so wütend ringt, sich zu zerstören,Verträgt, vergleicht sich, den gemeinen FeindDer Menschlichkeit, das wilde Tier zu jagen,Das mordend einbricht in die sichre Hürde,Worin der Mensch geborgen wohnt—denn ganzKann ihn die eigne Klugheit nicht beschirmen.Nur an die Stirne setzt' ihm die NaturDas Licht der Augen, fromme Treue sollDen bloßgegebnen Rücken ihm beschützen.
Terzky.Denk von dir selbst nicht schlimmer als der Feind,Der zu der Tat die Hände freudig bietet.So zärtlich dachte jener Karl auch nicht,Der Öhm und Ahnherr dieses Kaiserhauses,Der nahm den Bourbon auf mit offnen Armen,Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert.
Siebenter Auftritt
Gräfin Terzky zu den Vorigen.
Wallenstein.Wer ruft Euch? Hier ist kein Geschäft für Weiber.
Gräfin.Ich komme, meinen Glückwunsch abzulegen.—Komm ich zu früh etwa? Ich will nicht hoffen.
Wallenstein.Gebrauch dein Ansehn, Terzky. Heiß sie gehn.
Gräfin.Ich gab den Böhmen einen König schon.
Wallenstein.Er war darnach.
Gräfin. (zu den andern)Nun, woran liegt es? Sprecht!
Terzky.Der Herzog will nicht.
Gräfin.Will nicht, was er muß?
Illo.An Euch ist's jetzt. Versucht's, denn ich bin fertig,Spricht man von Treue mir und von Gewissen.
Gräfin.Wie? da noch alles lag in weiter Ferne,Der Weg sich noch unendlich vor dir dehnte,Da hattest du Entschluß und Mut—und jetzt,Da aus dem Traume Wahrheit werden will,Da die Vollbringung nahe, der ErfolgVersichert ist, da fängst du an, zu zagen?Nur in Entwürfen bist du tapfer, feigIn Taten? Gut! Gib deinen Feinden Recht!Da eben ist es, wo sie dich erwarten.Den Vorsatz glauben sie dir gern; sei sicher,Daß sie's mit Brief und Siegel dir belegen!Doch an die Möglichkeit der Tat glaubt keiner,Da müßten sie dich fürchten und dich achten.Ist's möglich? Da du so weit bist gegangen,Da man das Schlimmste weiß, da dir die TatSchon als begangen zugerechnet wird,Willst du zurückziehn und die Frucht verlieren?Entworfen bloß ist's ein gemeiner Frevel,Vollführt ist's ein unsterblich Unternehmen;Und wenn es glückt, so ist es auch verziehn,Denn aller Ausgang ist ein Gottes Urtel.
Kammerdiener. (tritt herein)Der Oberst Piccolomini.
Gräfin. (schnell)Soll warten.
Wallenstein.Ich kann ihn jetzt nicht sehn. Ein andermal.
Kammerdiener.Nur um zwei Augenblicke bittet er,Er hab ein dringendes Geschäft—
Wallenstein.Wer weiß, was er uns bringt. Ich will doch hören.
Gräfin. (lacht)Wohl mag's ihm dringend sein. Du kannst's erwarten.
Wallenstein.Was ist's.
Gräfin.Du sollst es nachher wissen.Jetzt denke dran, den Wrangel abzufert'gen.(Kammerdiener geht.)
Wallenstein.Wenn eine Wahl noch wäre—noch ein mildererAusweg sich fände—jetzt noch will ich ihnErwählen und das Äußerste vermeiden.
Gräfin.Verlangst du weiter nichts, ein solcher WegLiegt nah vor dir. Schick diesen Wrangel fort.Vergiß die alten Hoffnungen, wirf deinVergangnes Leben weg, enschließe dich,Ein neues anzufangen. Auch die TugendHat ihre Helden, wie der Ruhm, das Glück.Reis hin nach Wien zum Kaiser stehndes Fußes,Nimm eine volle Kasse mit, erklär,Du hab'st der Diener Treue nur erproben,Den Schweden bloß zum besten haben wollen.
Illo.Auch damit ist's zu spät. Man weiß zu viel.Er würde nur das Haupt zum Todesblocke tragen.
Gräfin.Das fürcht ich nicht. Gesetzlich ihn zu richten,Fehlt's an Beweisen; Willkür meiden sie.Man wird den Herzog ruhig lassen ziehn.Ich seh, wie alles kommen wird. Der KönigVon Ungarn wird erscheinen, und es wird sichVon selbst verstehen, daß der Herzog geht;Nicht der Erklärung wird das erst bedürfen.Der König wird die Truppen lassen schwören,Und alles wird in seiner Ordnung bleiben.An einem Morgen ist der Herzog fort.Auf seinen Schlössern wird es nun lebendig,Dort wird er jagen, baun, Gestüte halten,Sich eine Hofstatt gründen, goldne SchlüsselAusteilen, gastfrei große Tafel geben,Und kurz ein großer König sein—im Kleinen!Und weil er klug sich zu bescheiden weiß,Nichts wirklich mehr zu gelten, zu bedeuten,Läßt man ihn scheinen, was er mag; er wirdEin großer Prinz bis an sein Ende scheinen.Ei nun! der Herzog ist dann eben auchDer neuen Menschen einer, die der KriegEmporgebracht; ein übernächtigesGeschöpf der Hofgunst, die mit gleichem AufwandFreiherrn und Fürsten macht.
Wallenstein. (steht auf, heftig bewegt)Zeigt einen Weg mir an aus diesem Drang,Hilfreiche Mächte! einen solchen zeigt mir,Den ich vermag zu gehn—Ich kann mich nicht,Wie so ein Wortheld, so ein Tugendschwätzer,An meinem Willen wärmen und Gedanken—Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt,Großtuend sagen: Geh! Ich brauch dich nicht!Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet;Nicht Opfer, nicht Gefahren will ich scheun,Den letzten Schritt, den äußersten, zu meiden;Doch eh' ich sinke in die Nichtigkeit,So klein aufhöre, der so groß begonnen,Eh' mich die Welt mit jenen ElendenVerwechselt, die der Tag erschafft und stürzt,Eh' spreche Welt und Nachwelt meinen NamenMit Abscheu aus, und Friedland sei die LosungFür jede fluchenswerte Tat.
Gräfin.Was ist denn hier so wider die Natur?Ich kann's nicht finden, sage mir's—oh! laßDes Aberglaubens nächtliche GespensterNicht deines hellen Geistes Meister werden!Du bist des Hochverrats verklagt; ob mit—Ob ohne Recht, ist jetzo nicht die Frage—Du bist verloren, wenn du dich nicht schnell der MachtBedienst, die du besitzest—Ei! wo lebt dennDas friedsame Geschöpf, das seines LebensSich nicht mit allen Lebenskräften wehrt?Was ist so kühn, das Notwehr nicht entschuldigt?
Wallenstein.Einst war mir dieser Ferdinand so huldreich;Er liebte mich, er hielt mich wert, ich standDer Nächste seinem Herzen. Welchen FürstenHat er geehrt wie mich?—Und so zu enden!
Gräfin.So treu bewahrst du jede kleine Gunst,Und für die Kränkung hast du kein Gedächtnis?Muß ich dich dran erinnern, wie man dirZu Regenspurg die treuen Dienste lohnte?Du hattest jeden Stand im Reich beleidigt;Ihn groß zu machen, hattest du den Haß,Den Fluch der ganzen Welt auf dich geladen,Im ganzen Deutschland lebte dir kein Freund,Wei du allein gelebt für deinen Kaiser.An ihn bloß hieltest du bei jenem SturmeDich fest, der auf dem Rgenspurger TagSich gegen dich zusammenzog—da ließ erDich fallen! Ließ dich fallen! Dich dem Bayern,Dem Übermütigen, zum Opfer fallen!Sag nicht, daß die zurückgegebne WürdeDas erste, schwere Unrecht ausgesöhnt.Nicht wahrlich guter Wille stellte dich,Dich stellte das Gesetz der herben NotAn diesen Platz, den man dir gern verweigert.
Wallenstein.Nicht ihrem guten Willen, das ist wahr!Noch seiner Neigung dank ich dieses Amt.Mißbrauch ich's, so mißbrauch ich kein Vertrauen.
Gräfin.Vertrauen? Neigung?—Man bedurfte deiner!Die ungestüme Presserin, die Not,Der nicht mit hohlen Namen, FigurantenGedient ist, die die Tat will, nicht das Zeichen,Den Größten immer aufsucht und den Besten,Ihn an das Ruder stellt, und müßt sie ihnAufgreifen aus dem Pöbel selbst—die setzte dichIn dieses Amt und schrieb dir die Bestallung.Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilftSich dies Geschlecht mit feilen SklavenseelenUnd mit den Drahtmaschinen seiner Kunst—Doch wenn das Äußerste ihm nahe tritt,Der hohle Schein es nicht mehr tut, da fälltEs in die starken Hände der Natur,Des Riesengeistes, der nur sich gehorcht,Nichts von Verträgen weiß und nur auf ihreBedingung, nicht auf seine, mit ihm handelt.
Wallenstein.Wahr ist's! Sie sahn mich immer, wie ich bin,Ich hab sie in dem Kaufe nicht betrogen,Denn nie hielt ich's der Mühe wert, die kühnUmgreifende Gemütsart zu verbergen.
Gräfin.Vielmehr—du hast dich furchtbar stets gezeigt.Nicht du, der stets sich selber treu geblieben,Die haben Unrecht, die dich fürchtetenUnd doch die Macht dir in die Hände gaben.Denn Recht hat jeder eigene Charakter,Der übereinstimmt mit sich selber, es gibtKein andres Unrecht als den Widerspruch.Warst du ein andrer, als du vor acht JahrenMit Feuer und Schwert durch Deutschlands Kreise zogst,Die Geißel schwangest über alle Länder,Hohn sprachest allen Ordnungen des Reichs,Der Stärke fürchterliches Recht nur übtestUnd jede Landeshoheit niedertratst,Um deines Sultans Herrschaft auszubreiten?Da war es Zeit, den stolzen Willen dirZu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen!Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm nützte,Und schweigend drückt' er diesen FreveltatenSein kaiserliches Siegel auf. Was damalsGerecht war, weil du's für ihn tatst, ist's heuteAuf einmal schändlich, weil es gegen ihnGerichtet wird?
Wallenstein. (aufstehend)Von dieser Seite sah ich's nie—Ja! demIst wirklich so. Es übte dieser KaiserDurch meinen Arm im Reiche Taten aus,Die nach der Ordnung nie geschehen sollten.Und selbst den Fürstenmantel, den ich trage,Verdank ich Diensten, die Verbrechen sind.
Gräfin.Gestehe denn, daß zwischen dir und ihmDie Rede nicht kann sein von Pflicht und Recht,Nur von der Macht und der Gelegenheit!Der Augenblick ist da, wo du die SummeDer großen Lebensrechnung ziehen sollst,Die Zeichen stehen sieghaft über dir,Glück winken die Planeten dir herunterUnd rufen: es ist an der Zeit! Hast duDein Lebenlang umsonst der Sterne LaufGemessen?—den Quadranten und den ZirkelGeführt?—den Zodiak, die HimmelskugelAuf diesen Wänden nachgeahmt, um dich herumGestellt in stummen, ahnungsvollen ZeichenDie sieben Herrscher des Geschicks,Nur um ein eitles Spiel damit zu treiben?Führt alle diese Zurüstung zu nichts,Und ist kein Mark in dieser hohlen Kunst,Daß sie dir selbst nichts gilt, nichts über dichVermag im Augenblick der Entscheidung?
Wallenstein. (ist während dieser letzten Rede mit heftig arbeitendemGemüt auf und ab gegangen und steht jetzt plötzlich still, die Gräfinunterbrechend)Ruft mir den Wrangel, und es sollen gleichdrei Boten satteln.
Illo.Nun, gelobt sei Gott!(Eilt hinaus.)
Wallenstein.Es ist sein böser Geist und meiner. IhnStraft er durch mich, das Werkzeug seiner Herrschsucht,Und ich erwart es, daß der Rache StahlAuch schon für meine Brust geschliffen ist.Nicht hoffe, wer des Drachen Zähne sät,Erfreuliches zu ernten. Jede UntatTrägt ihren eignen Rach-Engel schon,Die böse Hoffnung, unter ihrem Herzen.Er kann mir nicht mehr traun,—so kann ich auchNicht mehr zurück. Geschehe denn, was muß.Recht stets behält das Schicksa, denn das HerzIn uns ist sein gebietrischer Vollzieher.(Zu Terzky.)Bring mir den Wrangel in mein Kabinett,Die Boten will ich selber sprechen. SchicktNach dem Octavio!(Zur Gräfin, welche eine triumphierende Miene macht.)Frohlocke nicht!Denn eifersüchtig sind des Schicksals Mächte.Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte.Den Samen legen wir in ihre Hände,Ob Glück, ob Unglück aufgeht, lehrt das Ende.(Indem er abgeht, fällt der Vorhang.)
Zweiter Aufzug
Ein Zimmer
Erster Auftritt
Wallenstein. Octavio Piccolomini. Bald darauf Max Piccolomini.
Wallenstein.Mir meldet er aus Linz, er läge krank,Doch hab ich sichre Nachricht, daß er sichZu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas.Nimm beide fest und und schick sie mir hieher.Du übernimmst die spanischen Regimenter,Machst immer Anstalt und bist niemals fertig,Und treiben sie dich, gegen mich zu ziehn,So sagst du Ja und bleibst gefesselt stehn.Ich weiß, daß dir ein Dienst damit geschieht,In diesem Spiel dich müßig zu verhalten.Du rettest gern, so lang du kannst, den Schein;Extreme Schritte sind nicht deine Sache,Drum hab ich diese Rolle für dich ausgesucht,Du wirst mir durch dein Nichtstun diesesmalAm nützlichsten—Erklärt sich unterdessenDas Glück für mich, so weißt du, was zu tun.(Max Piccolomini tritt ein.)Jetzt, Alter, geh. Du mußt heut nacht noch fort.Nimm meine eignen Pferde.—Diesen daBehalt ich hier—Macht's mit dem Abschied kurz!Wir werden uns ja, denk ich, alle frohUnd glücklich wiedersehn.
Octavio. (zu seinem Sohn)Wir sprechen uns noch.(Geht ab.)
Zweiter Auftritt
Wallenstein. Max Piccolomini.
Max. (nähert sich ihm.)Mein General—
Wallenstein.Der bin ich nicht mehr,Wenn du des Kaisers Offizier dich nennst.
Max.So bleibt's dabei, du willst das Heer verlassen?
Wallenstein.Ich hab des Kaisers Dienst entsagt.
Max.Und willst das Heer verlassen?
Wallenstein.Vielmehr hoff ich,Mir's enger noch und fester zu verbinden.(Er setzt sich.)Ja, Max. Nicht eher wollt' ich dir's eröffnen,Als bis des Handelns Stunde würde schlagen.Der Jugend glückliches Gefühl ergreiftDas Rechte leicht, und eine Freude ist's,Das eigne Urteil prüfend auszuüben,Wo das Exempel rein zu lösen ist.Doch, wo von zwei gewissen Übeln einsErgriffen werden muß, wo sich das HerzNicht ganz zurückbringt aus dem Streit der Pflichten,Da ist es Wohltat, keine Wahl zu haben,Und eine Gunst ist die Notwendigkeit.—Die ist vorhanden. Blicke nicht zurück.Es kann dir nichts mehr helfen. Blicke vorwärts!Urteile nicht! Bereite dich, zu handeln.—Der Hof hat meinen Untergang beschlossen,Drum bin ich willens, ihm zuvorzukommen.—Wir werden mit den Schweden uns verbinden.Sehr wackre Leute sind's und gute Freunde.(Hält ein, Piccolominis Antwort erwartend.)—Ich hab dich überrascht. Antwort mir nicht.Ich will dir Zeit vergönnen, dich zu fassen.(Er steht auf und geht nach hinten. Max steht lange unbeweglich,in den heftigsten Schmerz versetzt; wie er eine Bewegung macht,kömmt Wallenstein zurück und stellt sich vor ihn.)
Max.Mein General!—Du machst mich heute mündig.Denn bis auf diesen Tag war mir's erspart,Den Weg mir selbst zu finden und die Richtung.Dir folgt' ich unbedingt. Auf dich nur braucht' ichZu sehn und war des rechten Pfads gewiß.Zum ersten Male heut verweisest duMich an mich selbst und zwingst mich, eine WahlZu treffen zwischen dir und meinem Herzen.
Wallenstein.Sanft wiegte dich bis heute dein Geschick,Du konntest spielend deine Pflichten üben,Jedwedem schönen Trieb Genüge tun,Mit ungeteiltem Herzen immer handeln.So kann's nicht ferner bleiben. Feindlich scheidenDie Wege sich. Mit Pflichten streiten Pflichten.Du mußt Partei ergreifen in dem Krieg,Der zwischen deinem Freund und deinem KaiserSich jetzt entzündet.
Max.Krieg! Ist das der Name?Der Krieg ist schrecklich, wie des Himmels Plagen,Doch er ist gut, ist ein Geschick, wie sie.Ist das ein guter Krieg, den du dem KaiserBereitest mit des Kaisers eignem Heer?O Gott des Himmels! was ist das für eineVeränderung! Ziemt solche Sprache mirMit dir, der wie der feste Stern des PolsMir als die Lebensregel vorgeschienen!Oh! welchen Riß erregst du mir im Herzen!Der alten Ehrfurcht eingewachsnen TriebUnd des Gehorsams heilige GewohnheitSoll ich versagen lernen deinem Namen?Nein! wende nicht dein Angesicht zu mir!Es war mir immer eines Gottes Antlitz,Kann über mich nicht gleich die Macht verlieren;Die Sinne sind in deinen Banden noch,Hat gleich die Seele blutend sich befreit!
Wallenstein.Max, hör mich an.
Max.Oh! tu es nicht! Tu's nicht!Sieh! deine reinen, edeln Züge wissenNoch nichts von dieser unglücksel'gen Tat.Bloß deine Einbildung befleckte sie,Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassenAus deiner hoheitblickenden Gestalt.Wirf ihn heraus, den schwarzen Fleck, den Feind.Ein böser Traum bloß ist es dann gewesen,Der jede sichre Tugend warnt. Es magDie Menschheit solche Augenblicke haben,Doch siegen muß das glückliche Gefühl.Nein, du wirst so nicht endigen. Das würdeVerrufen bei den Menschen jede großeNatur und jedes mächtige Vermögen,Recht geben würd' es dem gemeinen Wahn,Der nicht an Edles in der Freiheit glaubtUnd nur der Ohnmacht sich vertrauen mag.
Wallenstein.Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart es.Mir selbst schon sagt' ich, was du sagen kannst.Wer miede nicht, wenn er's umgehen kann,Das Äußerste! Doch hier ist keine Wahl,Ich muß Gewalt ausüben oder leiden—So steht der Fall. Nichts anders bleibt mir übrig.
Max.Sei's denn! Behaupte dich in deinem PostenGewaltsam, widersetze dich dem Kaiser,Wenn's sein muß, treib's zur offenen Empörung,Nicht loben werd ich's, doch ich kann's verzeihn,Will, was ich nicht gut heiße, mit dir teilen.Nur—zum Verräter werde nicht! Das WortIst ausgesprochen. Zum Verräter nicht!Das ist kein überschrittnes Maß, kein Fehler,Wohin der Mut verirrt in seiner Kraft.Oh! das ist ganz was anders—das ist schwarz,Schwarz, wie die Hölle!
Wallenstein. (mit finsterm Stirnfalten, doch gemäßigt)Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keckDer Dinge Maß, die nur sich selber richten.Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,Bös oder gut—und was die EinbildungPhantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen,Das bürdet sie den Sachen auf und Wesen.Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.Leicht beieinander wohnen die Gedanken,Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen;Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken,Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben;Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt.—Ja, wer durchs Leben gehet ohne Wunsch,Sich jeden Zweck versagen kann, der wohntIm leichten Feuer mit dem SalamanderUnd hält sich rein im reinen Element.Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,Und zu der Erde zieht mich die Begierde.Dem bösen Geist gehört die Erde, nichtDem guten. Was die Göttlichen uns sendenVon oben, sind nur allgemeine Güter;Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,In ihrem Staat erringt sich kein Besitz.Den Edelstein, das allgeschätzte GoldMuß man den falschen Mächten abgewinnen,Die unterm Tage schlimmgeartet hausen.Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt,Und keiner lebet, der aus ihrem DienstDie Seele hätte rein zurückgezogen.
Max. (mit Bedeutung)Oh! fürchte, fürchte diese falschen Mächte!Sie haltennicht Wort! Es sind Lügengeister,Die dich berückend in den Abgrund ziehn.Trau ihnen nicht! Ich warne dich—Oh! kehreZurück zu deiner Pflicht. Gewiß! du kannst's!Schick mich nach Wien. Ja, tue das. Laß mich,Mich deinen Frieden machen mit dem Kaiser.Er kennt dich nicht, ich aber kenne dich,Er soll dich sehn mit meinem reinen Auge,Und sein Vertrauen bring ich dir zurück.
Wallenstein.Es ist zu spät. Du weißt nicht, was geschehn.
Max.Und wär's zu spät—und wär' es auch soweit,Daß ein Verbrechen nur vom Fall dich rettet,So falle! Falle würdig, wie du standst.Verliere das Kommando. Geh vom Schauplatz.Du kannst's mit Glanze, tu's mit Unschuld auch.—Du hast für andre viel gelebt, leb endlichEinmal dir selber, ich begleite dich,Mein Schicksal trenn ich nimmer von dem deinen—
Wallenstein.Es ist zu spät. Indem du deine WorteVerlierst, ist schon ein Meilenzeiger nach dem andernZurückgelegt von meinen Eilenden,Die mein Gebot nach Prag und Eger tragen.—Ergib dich drein. Wir handeln, wie wir müssen.So laß uns das Notwendige mit Würde,Mit festem Schritte tun—Was tu ich Schlimmres,Als jener Cäsar tat, des Name nochBis heut das Höchste in der Welt benennet?Er führte wider Rom die Legionen,Die Rom ihm zur Beschützung anvertraut.Warf er das Schwert von sich, er war verloren,Wie ich es wär', wenn ich entwaffnete.Ich spüre was in mir von seinem Geist.Gib mir sein Glück, das andre will ich tragen.(Max, der bisher in einem schmerzvollen Kampfe gestanden, gehtschnell ab. Wallenstein sieht ihm verwundert und betroffen nachund steht in tiefe Gedanken verloren.)
Dritter Auftritt
Wallenstein. Terzky. Gleich darauf Illo.
Terzky.Max Piccolomini verließ dich eben?
Wallenstein.Wo ist der Wrangel?
Terzky.Fort ist er.
Wallenstein.So eilig?
Terzky.Es war, als ob die Erd' ihn eingeschluckt.Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging,Ich hatt' ihn noch zu sprechen, doch—weg war er,Und niemand wußte mir von ihm zu sagen.Ich glaub, es ist der Schwarze selbst gewesen,Ein Mensch kann nicht auf einmal so verschwinden.
Illo. (kommt)Ist's wahr, daß du den Alten willst verschicken?
Terzky.Wie? Den Octavio! Wo denkst du hin?
Wallenstein.Er geht nach Frauenberg, die spanischenUnd welschen Regimenter anzuführen.
Terzky.Das wolle Gott nicht, daß du das vollbringst!
Illo.Dem Falschen willst du Kriegsvolk anvertrauen?Ihn aus den Augen lassen, grade jetzt,In diesem Augenblicke der Entscheidung?
Terzky.Das wirst du nicht tun. Nein, um alles nicht!Wallenstein.Seltsame Menschen seid ihr.
Illo.Oh! nur diesmalGib unsrer Warnung nach. Laß ihn nicht fort.
Wallenstein.Und warum soll ich ihm dies eine MalNicht trauen, da ich's stets getan? Was ist geschehn,Das ihn um meine gute Meinung brächte?Aus eurer Grille, nicht der meinen, soll ichMein alt erprobtes Urteil von ihm ändern?Denkt nicht, daß ich ein Weib sei. Weil ich ihmGetraut bis heut, will ich auch heut ihm trauen.
Terzky.Muß es denn der just sein? Schick einen andern.
Wallenstein.Der muß es sein, den hab ich mir erlesen.Er taugt zu dem Geschäft, drum gab ich's ihm.
Illo.Weil er ein Welscher ist, drum taugt er dir.
Wallenstein.Weiß wohl, ihr wart den beiden nie gewogen,Weil ich sie achte, liebe, euch und andernVorziehe, sichtbarlich, wie sie's verdienen,Drum sind sie euch ein Dorn im Auge! WasGeht euer Neid mich an und mein Geschäft?Daß ihr sie haßt, das macht sie mir nicht schlechter.Liebt oder haßt einander, wie ihr wollt,Ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung,Weiß doch, was mir ein jeder von euch gilt.
Illo.Er geht nicht ab—müßt' ich die Räder ihm am WagenZerschmettern lassen.
Wallenstein.Mäßige dich, Illo!
Terzky.Der Questenberger, als er hier gewesen,Hat stets zusammen auch gesteckt mit ihm.
Wallenstein.Geschah mit meinem Wissen und Erlaubnis.
Terzky.Und daß geheime Boten an ihn kommenVom Gallas, weiß ich auch.
Wallenstein.Das ist nicht wahr.
Illo.Oh! du bist blind mit deinen sehenden Augen!
Wallenstein.Du wirst mir meinen Glauben nicht erschüttern,Der auf die tiefste Wissenschaft sich baut.Lügt er, dann ist die ganze Sternkunst Lüge.Denn wißt, ich hab ein Pfand vom Schicksal selbst,Daß er der treuste ist von meinen Freunden.
Illo.Hast du auch eins, daß jenes Pfand nicht lüge?
Wallenstein.Es gibt im Menschenleben Augenblicke,Wo er dem Weltgeist näher ist als sonstUnd eine Frage frei hat an das Schicksal.Solch ein Moment war's, als ich in der Nacht,Die vor der Lützner Aktion vorherging,Gedankenvoll an einen Baum gelehnt,Hinaussah in die Ebene. Die FeuerDes Lagers brannten düster durch den Nebel,Der Waffen dumpfes Rauschen unterbrach,Der Runden Ruf einförmig nur die Stille.Mein ganzes Leben ging, vergangenesUnd künftiges, in diesem AugenblickAn meinem inneren Gesicht vorüber,Und an des nächsten Morgens Schicksal knüpfteDer ahnungsvolle Geist die fernste Zukunft.Da sagt' ich also zu mir selbst:" So vielenGebietest du! Sie folgen deinen SternenUnd setzen, wie auf eine große Nummer,Ihr Alles auf dein einzig Haupt und sindIn deines Glückes Schiff mit dir gestiegen.Doch kommen wird der Tag, wo diese alleDas Schicksal wieder auseinanderstreut,Nur wen'ge werden treu bei dir verharren.Den möcht' ich wissen, der der Treuste mirVon allen ist, die dieses Lager einschließt.Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,Der an dem nächsten Morgen mir zuerstEntgegenkommt mit einem Liebeszeichen".Und dieses bei mir denkend, schlief ich ein.Und mitten in die Schlacht ward ich geführtIm Geist. Groß war der Drang. Mir töteteEin Schuß das Pferd, ich sank, und über mirHinweg, gleichgültig, setzten Roß und Reiter,Und keuchend lag ich, wie ein Sterbender,Zertreten unter ihrer Hufe Schlag.Da faßte plötzlich hilfreich mich ein Arm,Es war Octavio—und schnell erwach ich,Tag war es, und—Octavio stand vor mir."Mein Bruder", sprach er, "reite heute nichtDen Schecken, wie du pflegst. Besteige lieberDas sichre Tier, das ich dir ausgesucht.Tu's mir zu Lieb'. Es warnte mich ein Traum."Und dieses Tieres Schnelligkeit entrißMich Banniers verfolgenden Dragonern.Mein Vetter ritt den Schecken an dem Tag,Und Roß und Reiter sah ich niemals wieder.
Illo.Das war ein Zufall.
Wallenstein. (bedeutend)Es gibt keinen Zufall;Und was uns blindes Ohngefähr nur dünkt,Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.Versiegelt hab ich's und verbrieft, daß erMein guter Engel ist, und nun kein Wort mehr!(Er geht.)
Terzky.Das ist mein Trost, der Max bleibt uns als Geisel.
Illo.Und der soll mir nicht lebend hier vom Platze.
Wallenstein. (bleibt stehen und kehrt sich um)Seid ihr nicht wie die Weiber, die beständigZurück nur kommen auf ihr erstes Wort,Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!—Des Menschen Taten und Gedanken, wißt!Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen.Die innre Welt, sein Mikrokosmus, istDer tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht,Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln.(Gehen ab.)
Vierter Auftritt
Zimmer in Piccolominis Wohnung.
Octavio Piccolomini reisefertig. Ein Adjutant.
Octavio.Ist das Kommando da?
Adjutant.Es wartet unten.
Octavio.Es sind doch sichre Leute, Adjutant?Aus welchem Regimente nahmt Ihr sie?
Adjutant.Von Tiefenbach.
Octavio.Dies Regiment ist treu.Laßt sie im Hinterhof sich ruhighalten,Sich niemand zeigen, bis Ihr klingeln hört;Dann wird das Haus geschlossen, scharf bewacht,Und jeder, den Ihr antrefft, bleibt verhaftet.(Adjutant ab.)Zwar hoff ich, es bedarf nicht ihres Dienstes,Denn meines Kalkuls halt ich mich gewiß.Doch es gilt Kaisers Dienst, das Spiel ist groß,Und besser zu viel Vorsicht als zu wenig.