Dritter Abschnitt.Walthers Wanderleben. Der Hof zu Thüringen.Die Hofsänger. Des Dichters Ansichtenvon Fürsten und Fürstenräthen, vonGeburt, Freundschaft, Manneswerth. Blickein sein Inneres.

Es gieng ein's Tages, als unser Herre ward gebornVon einer Magd, die er sich zur Mutter hat erkorn,Zu Magdeburg der König Philippe schöne.Da gieng ein's Kaisers Bruder und ein's Kaisers KindIneinerWat, wie auch der Namen zweene sind;Er trug des Reiches Zepter und die Krone.Er trat viel leise, ihm war nicht jach;Ihm schlich eine hochgeborne Königinne nach,Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen.DieZucht war nirgend anderswo,Die Thüringer und die Sachsen dienten da also,Daß es den Weisen mußte wohl gefallen.(I 127b)

Es gieng ein's Tages, als unser Herre ward gebornVon einer Magd, die er sich zur Mutter hat erkorn,Zu Magdeburg der König Philippe schöne.Da gieng ein's Kaisers Bruder und ein's Kaisers KindIneinerWat, wie auch der Namen zweene sind;Er trug des Reiches Zepter und die Krone.Er trat viel leise, ihm war nicht jach;Ihm schlich eine hochgeborne Königinne nach,Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen.DieZucht war nirgend anderswo,Die Thüringer und die Sachsen dienten da also,Daß es den Weisen mußte wohl gefallen.(I 127b)

Magd, Jungfrau.ein's Kaisers Bruder&c., Philipp war Bruder Kaiser Heinrichs VI. und Sohn Kaiser Friedrichs I.Wat, Gewand.Rose ohne Dorn,Taube sonder Galle, Beinamen, die sonst auch der heiligen Jungfrau gegeben werden.Zucht, Hofzucht, Hofdienst.den Weisen, den Kennern.

Dem königlichen Paare, das uns hier im Glanze der Macht und des Glückes erscheint, sind finstre Geschichten bereitet. Kurze Zeit nachher, 1208, fällt Philipp durch Mörderhand, und Irene, die Rose ohne Dorn, verwelkt am Kummer über seinen Tod.

Wir haben die schmerzliche Klage des Dichters über den Verfall von Deutschland vernommen. Es hat uns daraus eine seiner schönsten Eigenschaften angesprochen, die Vaterlandsliebe. Dieses edle Gefühl ist die Seele eines bedeutenden Theils seiner Dichtungen. Ueberall erregt es ihn zu der lebhaftesten Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten. Ihm gebührt unter den altdeutschen Sängern vorzugsweise der Name desvaterländischen. Keiner hat, wie er, die Eigenthümlichkeit seines Volkes erkannt und empfunden. Wie bitter wir ihn vorhin klagen und tadeln hörten, mit stolzer Begeisterung singt er anderswo den Preis des deutschen Landes, vor allen andern, deren er viele durchwandert:

Ihr sollt sprechen: willekommen!Der euch Mähre bringet, das bin ich.Alles, das ihr habet vernommen,Das ist gar ein Wind, nun fragetmich!Ich will aber Miethe,Wird mein Lohn halb gut,Ich mag leichtlich sagen, das euch sanfte thut;Seht, was man mir Ehren biete!Ich will deutschen Frauen sagenSolche Mähre, daß sie desto baßSollen aller Welt behagen;Ohne große Miethe thu' ich das.Was wollt' ich zu Lohne?Sie sind mir zu hehr.Drum bin ich gefüge und bitte sie keines mehr,Als daß sie mich grüßen schöne.Ich hab' Lande viel gesehenUnd der besten nahm ich gerne wahr.Uebel müsse mir geschehen,Konnt' ich je mein Herze bringen dar,Daß ihm wohl gefallenWollte fremde Sitte!Was denn hülfe mich, ob ich mit Unrecht stritte?Deutsche Zucht geht doch vor allen.Von der Elbe bis an den RheinUnd herwider bis in Ungerland,Da mögen wohl die besten seyn,Die ich irgend in der Welt gekannt.Kann ich recht schauenGut Geläß und (schönen) LeibSo mir Gott! so schwüre ich wohl, daß da dieWeibBesser sind, denn anderswo dieFrauen.Deutsche Mann sind wohlgezogen,Gleich den Engeln sind die Weib gethan;Wer sie schilt, der ist betrogen,Anders könnt' ich nimmer sein verstahn.Tugend und reine Minne,Wer die suchen will,Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel;Lange müsse ich leben darinne!(I 119b)

Ihr sollt sprechen: willekommen!Der euch Mähre bringet, das bin ich.Alles, das ihr habet vernommen,Das ist gar ein Wind, nun fragetmich!Ich will aber Miethe,Wird mein Lohn halb gut,Ich mag leichtlich sagen, das euch sanfte thut;Seht, was man mir Ehren biete!

Ich will deutschen Frauen sagenSolche Mähre, daß sie desto baßSollen aller Welt behagen;Ohne große Miethe thu' ich das.Was wollt' ich zu Lohne?Sie sind mir zu hehr.Drum bin ich gefüge und bitte sie keines mehr,Als daß sie mich grüßen schöne.

Ich hab' Lande viel gesehenUnd der besten nahm ich gerne wahr.Uebel müsse mir geschehen,Konnt' ich je mein Herze bringen dar,Daß ihm wohl gefallenWollte fremde Sitte!Was denn hülfe mich, ob ich mit Unrecht stritte?Deutsche Zucht geht doch vor allen.

Von der Elbe bis an den RheinUnd herwider bis in Ungerland,Da mögen wohl die besten seyn,Die ich irgend in der Welt gekannt.Kann ich recht schauenGut Geläß und (schönen) LeibSo mir Gott! so schwüre ich wohl, daß da dieWeibBesser sind, denn anderswo dieFrauen.

Deutsche Mann sind wohlgezogen,Gleich den Engeln sind die Weib gethan;Wer sie schilt, der ist betrogen,Anders könnt' ich nimmer sein verstahn.Tugend und reine Minne,Wer die suchen will,Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel;Lange müsse ich leben darinne!(I 119b)

Mähre, Nachricht, Botschaft.ein Wind, ein Nichts.Miethe, Bezahlung, Botenlohn.sanfte thut, wohl thut.Sie sind mir&c. vgl.Nibel.V. 2240.dar, dahin.Kann ich rechte schauen&c. das Benehmen (Gelässe) und die Schönheit der Frauen als Kenner zu beurtheilen, galt für eine schätzbare Eigenschaft. Vgl.Nibel.V. 2385.Ulr. v. Lichtenst. Frauend.S. 20.Man.II 24a, 36a.die Weib, die Weiber ebensoMann, Männer.gethan, beschaffen.betrogen, falsch berichtet.

Die Sänger jener Zeit waren nothwendig wandernde. Mochten auch die Herren, welche sich im Liede zur Kurzweile übten, auf ihren Burgen daheim bleiben: Diejenigen, welche den Gesang zu ihrem Berufe gemacht, mußten sich auf den Weg begeben. Um Unterhalt und Lohn zu finden, mußten sie den Höfen und Festlichkeiten gesangliebender Fürsten nachziehn. War doch der Hof des Kaisers selbst ein wandernder, bald in dieser, bald in jener Stadt des Reiches sich niederlassend. Krönungstage, Fürstenversammlungen, Hochzeitfeste, das waren die Anlässe, bei welchen die Kunst- oder Prunkliebe der Großen sich am freigebigsten äusserte. War dazumal das gewöhnliche und häusliche Leben einfach, so waren dagegen festliche und öffentliche Zusammenkünfte desto glanzvoller.

Auch vom äussern Lohne abgesehen, mußte der Dichter wandern, wenn er mit den Angelegenheiten der Zeit bekannt werden, wenn er, bei noch sehr unvollkommenen Mitteln der Verbreitung geistiger Erzeugnisse, sich selbst Anerkennung, seinem Liede Wirksamkeit verschaffen wollte. Darum war es den alten Meistern allerdings zu thun.ReinbotvonDorn, der die Legende vom h. Georg in Gedicht gebracht hat, spricht die Hoffnung aus (V. 56-63), daß sein Werk über alle deutschen Lande, von Tirol bis nach Bremen und von Preßburg bis nach Metz, werde bekannt werden. Auf der andern Seite wird imTiturel(Cap. 4, Str. 542) die Besorgniß geäußert, daß der Schreiber das Rechte unrichtig machen möchte. Am sichersten aber wurde die Fälschung vermieden, wenn der Dichter selbst vortrug. Wollte er versichert seyn, daß seine Tonweise richtig gesungen werde, wollte er seine eigene Fertigkeit im Gesange geltend machen, so war ohnehin sein persönliches Erscheinen erforderlich.

So war denn auch Walthers Leben das eines fahrenden Sängers. Er reist zu Pferde, vermuthlich die Geige mit sich führend[21]. Daß er seine Lieder selbst vorgetragen, ist aus einigen derselben noch hörbar[22]. Zu Hof und an der Straße läßt er sie ertönen (I 136b). In einem Morgengebet empfiehlt er sich unter Gottes Obhut, wohin des Landes er heute reiten möge (I 129a). Er beruhigt seine Geliebte über seine Abwesenheit:

Meiner Frauen darf nicht werden leid,Daß ich reite und frage in fremde Land'Nach den Weiben, die mit WürdigkeitLeben (der ist viel manche mir bekannt)Und die schöne sind dazu;Doch ist ihrer keine,Weder groß noch kleine,Der Versagen mir jemals wehe thu'!(I 118b)

Meiner Frauen darf nicht werden leid,Daß ich reite und frage in fremde Land'Nach den Weiben, die mit WürdigkeitLeben (der ist viel manche mir bekannt)Und die schöne sind dazu;Doch ist ihrer keine,Weder groß noch kleine,Der Versagen mir jemals wehe thu'!(I 118b)

Er hat der Lande viel gesehen, wie wir zuvor ihn singen hörten. Von der Elbe bis an den Rhein und wider bis in Ungerland hat er sich umgesehen, von der Seine bis an die Mur, von dem Po bis an die Drave hat er der Menschen Weise erkannt (I 131b). Am Hofe von Oesterreich haben wir ihn zuerst getroffen, am Hofe von Thüringen finden wir ihn jetzt wieder.

Hermann, Landgraf inThüringen(von 1195 bis 1215), den sich Philipp in dem vorerwähnten Feldzuge von 1204 unterworfen[23], behauptet eine ausgezeichnete Stelle unter den fürstlichen Freunden der Dichtkunst. Er setzte schon den MeisterHeinrichvonVeldeckein den Stand, seine Aeneide, die ihm neun Jahre lang entwendet war, zu Ende zu führen. (EneidtV. 13268 ff.) Auf seinen Anlaß bearbeiteteWolframvonEschenbachden Wilhelm von Oranse (H. Georg V. 34 ff.) und für ihn verdeutschteAlbrechtvonHalberstadtdie Verwandlungen Ovids[24]. Vornemlich aber ist er durch den Wettstreit der Sänger an seinem Hofe zu Wartburg berühmt geworden.

Auch in dem Leben und den Liedern unsres Dichters spielt er eine bedeutende Rolle. Vor 1198 fanden wir diesen in Oesterreich. Alsdann folgen seine Lieder auf Philipp von Schwaben und es ist nicht anzunehmen, daß er sich an dem Hofe des Landgrafen werde aufgehalten haben, so lange dieser Philipps Gegner war. Im Sommer des Jahres 1204 unterwarf sich der Landgraf. Es ist daher ganz nicht unwahrscheinlich, daß Walthers Aufenthalt an dessen Hofe um das Jahr 1207 stattgefunden, in welches der Krieg auf Wartburg, worin Walther auftritt, von den thüringischen Chroniken gesetzt wird.

Dieser Wettstreit, den das vielbesprochene Gedicht in der Manessischen Sammlung (II 1-16) in Wechselgesang, mit untermengter Erzählung, darstellt, hat zunächst das Lob milder Fürsten zum Gegenstand. Heinrich von Ofterdingen erhebt den Herzog von Oesterreich, ihm treten Wolfram von Eschenbach und Andre entgegen, die den Landgrafen von Thüringen verherrlichen. Walther von der Vogelweide zeigt sich anfangs ungehalten auf Oesterreich und giebt dem König von Frankreich vor allen Fürsten den Preis. Nachher bereut er, daß er sich von dem Oesterreicher losgesagt, den er jetzt derSonnevergleicht; allein über die Sonne noch stellt er denTag: Hermann von Thüringen. Von sich selbst meldet er, wie er zu Paris gute Schule gefunden, zu Konstantinopel, zu Baldach, zu Babylon Kunst und Weisheit erlernt habe. Hieraus ist wenigsten ersichtlich, daß Walther dem Verfasser des Gedichts für einen weitgereisten und in die Tiefen der Kunst eingeweihten Meister gegolten habe. Das Gedicht, so wie es vorliegt, hat aber wohl nicht den Wolfram von Eschenbach, dem man es zugeschrieben, sondern einen spätern mainzischen Meister zum Verfasser, wenn gleich Ueberlieferung und ältere Lieder zu Grunde liegen.

Wenden wir uns zu Walthers eigenen Aeusserungen über sein Verhältniß zu dem Hofe von Thüringen, so ist dasjenige seiner Lieder zuerst auszuheben, mit welchem er sich dem Landgrafen erst zu nähern scheint. Er fordert Jeden auf, der an des edeln Landgrafen Rathe sey, Dienstmann oder Freier, den jungen Fürsten um Eines zu mahnen und zwar so, daß er, der Dicher, den Erfolg davon spüre. Drei Tugenden werden an dem Landgrafen gerühmt: er sey milde, stet und wohlgezogen. Aber eine vierte noch würde ihm wohl anstehen, die nemlich: daß er nicht säumig sey (I 106a). Der Dichter mochte damit den Wunsch ausdrücken, baldmöglich von dem Landgrafen beschenkt oder in dessen Dienst aufgenommen zu werden.

In einem weitern Liede (I 133b) finden wir ihn dieses Wunsches gewährt. Er freuet sich, des milden LandgrafenIngesindezu seyn. Es ist seine Sitte, daß man ihn immer bei den Theuresten finde. Die andern Fürsten alle sind anfangs milde, aber sie bleiben es nicht so stetiglich. Der Landgraf war es ehe und ist es noch, darum kann er besser, denn sie, der Milde pflegen. Das Lied schließt mit den schönen Worten:

Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre böse, als eh',Des Lob grünet und salbet, wie der Klee.Der Thüringer Blume scheinet durch den Schnee,Sommer und Winter blühet sein Lob, wie in den erstenJahren[25].

Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre böse, als eh',Des Lob grünet und salbet, wie der Klee.Der Thüringer Blume scheinet durch den Schnee,Sommer und Winter blühet sein Lob, wie in den erstenJahren[25].

schallet, pochet, pranget.hin zu Jahre, über's Jahr.als eh', wie vorher.

Wünschenswerth allerdings mag das Leben an des Landgrafen Hofe gewesen seyn. Der Dichter giebt eine sehr anschauliche Schilderung von diesem Hofhalt, woraus zu entnehmen ist, daß man dort wenig von der schlimmen Zeit verspürte:

Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey,Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thüringen frei;Kommt er dahin, fürwahr er wird erthöret.Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;Eine Schaar fährt aus, die andre ein, so Nacht als Tag,Groß Wunder ist, daß Jemand da noch höret.Der Landgrafe ist so gemuth,Daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut,Der jeglicher viel wohl ein Kämpfe wäre.Mir ist seine hohe Art wohl kund,Und gälte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund,Da stünde doch nimmer Ritters Becher leere.(W.Hds.S. 170)

Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey,Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thüringen frei;Kommt er dahin, fürwahr er wird erthöret.Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;Eine Schaar fährt aus, die andre ein, so Nacht als Tag,Groß Wunder ist, daß Jemand da noch höret.Der Landgrafe ist so gemuth,Daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut,Der jeglicher viel wohl ein Kämpfe wäre.Mir ist seine hohe Art wohl kund,Und gälte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund,Da stünde doch nimmer Ritters Becher leere.(W.Hds.S. 170)

erthöret, betäubt.Kämpfe, Kämpe, ein Solcher, der besonders aufgestellt ist, eine Sache im Zweikampf auszufechten, also ein auserwählter, vorzüglicher Streiter.

Manch unnützen Gesellen mußte die Gastfreiheit dieses Hofes anziehen.Eschenbachrügt dieses in seinemParcifalV. 8856 ff.[26], mit Beziehung auf ein nicht mehr vorhandenes Lied unsres Dichters:

Von Thüringen Fürsten Hermann!Etlich deinIngesinde ich maß,DasAusgesinde hiesse baß.Dir wär' auch einesKaiennoth,Seit wahre Milde dir gebotSo manigfalten Anehang,Hier ein schmählich GedrangUnd dort ein werthes Dringen.Drum muß HerrWalthersingen:»Guten Tag, Böse und Gut!«Wo man solchen Sang nun thut,Des sind die Falschen geehret.Kaiehatt's ihn nicht gelehret,Noch HerrHeinrichvonRispach&c.

Von Thüringen Fürsten Hermann!Etlich deinIngesinde ich maß,DasAusgesinde hiesse baß.Dir wär' auch einesKaiennoth,Seit wahre Milde dir gebotSo manigfalten Anehang,Hier ein schmählich GedrangUnd dort ein werthes Dringen.Drum muß HerrWalthersingen:»Guten Tag, Böse und Gut!«Wo man solchen Sang nun thut,Des sind die Falschen geehret.Kaiehatt's ihn nicht gelehret,Noch HerrHeinrichvonRispach&c.

Kaieist des Königs Artus strenger und mürrischer Seneschall, der solchem Unwesen, nachEschenbachsAusdruck, schärfer war, denn der Biene Stachel.Gedrang, Gedränge, Zudrang.Die Falschen, die Schlechten.Heinrich von Rispach, vielleicht dertugendhafte Schreiber, der im Wartburger Kriege auftritt und dessen GedichteMan.II 101 ff. aufbewahrt sind, derHenricus Notarius,H. Scriptor, welcher in thüringischen Urkunden von 1208-1228 vorkömmt.Mus.I 173.

Ein wunderlicher Mann, mit NamenGerhard Atze, scheint der freudigen Gesellschaft am thüringischen Hofe zur Zielscheibe ihres Witzes gedient zu haben. Ihm hat Walther zwei Gedichte gewidmet. Das eine (I 105a) ist durch persönliche Anspielung räthselhaft. Das andre (I 113a) betrifft einen scherzhaften Rechtsstreit. Der merkwürdige Fall ist dieser: Herr Gerhard Atze hat dem Dichter zu Eisenach ein Pferd erschossen. Walther klagt auf Entschädigung: das Pferd war wohl dreier Marke werth. Gerhard Atze weicht aber damit aus, daß er behauptet: das getödtete Pferd sey dem Rosse blutsverwandt, das einst ihm, dem Beklagten, den Finger zu Schande gebissen. Dagegen erbietet sich Walther, mit beiden Händen zu beschwören, daß die Pferde einander nicht befreundet waren, und er ruft auf, wer ihmstaben, d. h. den Eid abnehmen wolle?

Ein Kampfgenosse des Landgrafen Hermann in dessen Fehde mit König Philipp war der Graf vonKatzenellenbogen, Wilhelm II., zugenannt derReiche[27]. Derselbe mag es seyn, von dem unser Dichter singt. Walther ist demBogenerhold, ganz ohne Gabe und ohne Sold (I 127a). Doch der Graf versteht, er beschenkt den Sänger mit einem Diamant. Dafür preist ihn dieser als der schönsten Ritter einen. Nicht nach dem Scheine lobt er die Schönheit;milderMann ist schön und wohlgezogen, man soll die innre Tugend nach aussen kehren, dann ist das äussre Lob nach Ehren, wie des vonKatzenellenbogen. (Ebd.)

So wird gewöhnlich der Fürst, dem der Dichter sich nähern will, zuerst mit einem Liede ausgeforscht. Ist der Erfolg entsprechend, dann ertönt auch das vollere Lob.

Von einer großen, zarter oder unzarter sich äussernden Begehrlichkeit können die Hofsänger damaliger Zeit nicht freigesprochen werden. Sie versäumen keinen Anlaß, sich zu milder Gabe zu empfehlen. Ihre zahlreichen Lobgedichte sind überall darauf berechnet. DieMilded. h. die Freigebigkeit, ist ihnen der Fürsten erste Tugend[28]. Wo ihnen nicht willfahrt wird, machen sie ihr Lied zur Waffe des Tadels und des Spottes. Sie werfen dem unmilden Herrn einen Stein in den Garten und eine Klette in den Bart[29].

Noch ziemlich gelinde scherzt der Unsrige über die unwirthliche Aufnahme, die er in der bairischen AbteiTegernseegefunden. Es war ihm viel von dieses Hauses Ehre gesagt worden. Deshalb ritt er einst, um dahin zu kommen, mehr denn eine Meile abseits der Straße. Aber vergeblich war seine Hoffnung auf einen guten Klostertrunk:

Ich nahm da Wasser,Also nasserMußt' ich von des Mönches Tische scheiden.(I 113a)

Ich nahm da Wasser,Also nasserMußt' ich von des Mönches Tische scheiden.(I 113a)

Geld, Auslösung der für Zehrung versetzten Pfänder, Pferde, Kleider, waren der Lohn, der den Sängern von ihren Gönnern zu Theil wurde. Walther sagt von einer schönen Frau, sie habe ein werthes Kleid angezogen: ihren reinen Leib. Sie sey ein wohlgekleidet Weib. Getragene Kleider hab' er nie genommen[30], dieses nähm' er für sein Leben gerne. Der Kaiser würde dieser Frau Spielmann um so reiche Gabe (I 121b).

Wenn übrigens auch unser Dichter in diesem Werben um Gunst und Gabe der Fürsten dem Gebrauche der Zeit und dem äussern Bedürfnisse gefolgt ist, so muß doch auf der andern Seite anerkannt werden, nicht bloß daß er jene Tugend der Milde auf wahrhaft dichterische Weise gepriesen, sondern auch, daß er darüber das Höhere nicht aus den Augen gesetzt, vielmehr mitten im Getrieb der Höfe sich einen freien Blick und einen würdigen Sinn erhalten. Es erscheint angemessen, jetzt auch diese edlere Seite herauszuheben.

Nicht die bloße Freigebigkeit ist es, darum er die Fürsten in Anspruch nimmt, weit umfassender hat er den Kreis ihrer Pflichten erkannt:

Ihr Fürsten tugnet eure Sinne mit reiner Güte,Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemüthe,Stärket Recht, und danket Gott der großen Ehren,Daß mancher Mensch seinen Leib, sein Gut muß euch zu Dienstekehren!Seyd milde, friedebar, laßt euch in Würde schauen!So loben euch die reinen süßen Frauen.Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen!Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen!Glaubt nicht, was euch die Lügenere sagen,Und folget gutem Rathe, so möget ihr im Himmelreiche bauen!(I 132b)

Ihr Fürsten tugnet eure Sinne mit reiner Güte,Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemüthe,Stärket Recht, und danket Gott der großen Ehren,Daß mancher Mensch seinen Leib, sein Gut muß euch zu Dienstekehren!Seyd milde, friedebar, laßt euch in Würde schauen!So loben euch die reinen süßen Frauen.Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen!Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen!Glaubt nicht, was euch die Lügenere sagen,Und folget gutem Rathe, so möget ihr im Himmelreiche bauen!(I 132b)

tugnet, machet tüchtig, veredlet.minnet, liebet;Minneist Liebe in jeder Bedeutung.bauen, wohnen, dereinst Bürger des Himmelreichs werden.

Noch in andern Liedern warnt er die Fürsten vor falschem Rathe. Er will sie lehren, wie sie jeglichen Rath wohl mögen erkennen. Der guten Räthe sind drei, drei böse stehen zur linken Hand dabei.Frommen,Gottes Huldundweltliche Ehre, das sind die guten. Wohl ihm, der diese lehret! den möchte ein Kaiser nehmen an seinen höchsten Rath. Die drei bösen heißen:Schade,SündeundSchande(I 105b).

Besonders wird Derjenige, wes Standes er sey, für einen Schalk erklärt, der seinen Herren lehre, zu lügen oder das Angelobte nachher zu versagen, und der so die Biedern schamlos mache:

Erlahmen müssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege!Sey aber er so hehr, daß er dazu sitze,So wünsche ich, daß sein' ungetreue Zunge müsse erlahmen.(I 130b)

Erlahmen müssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege!Sey aber er so hehr, daß er dazu sitze,So wünsche ich, daß sein' ungetreue Zunge müsse erlahmen.(I 130b)

Die Herren selbst, welche so durch glänzende Versprechungen täuschen, vergleicht Walther den Gaucklern, die unter dem Hute jetzt einen wilden Falken, jetzt einen stolzen Pfau, jetzt gar ein Meerwunder vorweisen, am Ende aber ist es weiter nichts, als eine Krähe. Wär' ich dir stark genug, ruft er solchem Gauckler zu, ich schlüge dir die falsche Gauckelbüchse an dein Haupt (I 132b).

Der Umgang mit den Mächtigen hat das Urtheil des Dichters über die wahren Vorzüge der Menschen keineswegs getrübt. Er sucht diese nicht in der Geburt. Kräftig spricht er sich über den Ursprung aller Sterblichen aus gleichem Lehm und über ihre Gleichheit vor dem höchsten Herren aus:

Wer ohne Furcht, o Herr Gott!Will sprechen deine zehn Gebot',Und brichet die, das ist nicht wahre Minne.Dich heissetVaterMancher viel,Der mich zumBruderdoch nicht will;Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne.Wir wachsen all' aus gleichem Dinge,Speise frommet uns, sie wird ringe,So sie durch den Mund hin fährt.Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden,Der ihr Gebeine bloßes fünde,(Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,)So Gewürme das Fleisch verzehrt?Ihmdienen Christen, Juden und Heiden,Der alle lebende Wunder nährt.(I 128b)

Wer ohne Furcht, o Herr Gott!Will sprechen deine zehn Gebot',Und brichet die, das ist nicht wahre Minne.Dich heissetVaterMancher viel,Der mich zumBruderdoch nicht will;Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne.Wir wachsen all' aus gleichem Dinge,Speise frommet uns, sie wird ringe,So sie durch den Mund hin fährt.Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden,Der ihr Gebeine bloßes fünde,(Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,)So Gewürme das Fleisch verzehrt?Ihmdienen Christen, Juden und Heiden,Der alle lebende Wunder nährt.(I 128b)

Der Teufel, wenn er sichtbar daher käme, sagt Walther ein andermal, wäre mir nicht so verwünscht, als des Bösen böser Sohn. Von der Geburt kommt uns weder Frommen noch Ehre (I 129a).

Die erworbenen, selbstverdienten Freunde zieht er den angebornen, denMagen, vor:

Mann, hochgemagt, an Freunden krank,Das ist ein schwacher Habedank;Baß hilfet Freundschaft ohne Sippe.Laß Einen seyn geborn von Königes Rippe,Er habe denn Freunde, was hilfet das?Magschaftist selbstgewachs'ne Ehre,So muß man Freunde verdienen sehre.Mag'hilfetwohl,Freundvielesbaß.(I 126b)

Mann, hochgemagt, an Freunden krank,Das ist ein schwacher Habedank;Baß hilfet Freundschaft ohne Sippe.Laß Einen seyn geborn von Königes Rippe,Er habe denn Freunde, was hilfet das?Magschaftist selbstgewachs'ne Ehre,So muß man Freunde verdienen sehre.Mag'hilfetwohl,Freundvielesbaß.(I 126b)

hochgemagt, der hohe Magen, Blutsverwandte, hat.krank, schwach, arm.Habedank, Entgelt, Ersatz.So, den Gegensatz bezeichnend.verdienen, durch Dienst, mühsam erwerben.

Den wahren Werth des Mannes begründen ihm drei Eigenschaften:Kühnheit,Milde, besonders aberTreue. An Weibes Lobe, meint er, stehet wohl, daß man sieschönheiße. Manne stehet es übel, es ist zu weich und oft zum Hohne.Kühnundmildund daß er dazustetesey, so ist er viel gar gelobt. Ihr müssetindie Leute sehen, wollt ihr sie erkennen; Niemand soll aussen nach der Farbe loben (I 134a). Gewissen Freund, versuchtes Schwerdt, soll man zu Nöthen sehen (I 131b)[31].

Ihm grauset, wenn ihn die Lächler anlachen, denen die Zunge honiget und das Herz Galle hat. Freundes Lächeln soll seyn ohne Missethat, lauter wie das Abendroth, das liebe Mähre kündet. Wes Mund mich trügen will, der habe sein Lachen hin! Von dem nähme ich ein wahresNeinfür zwei gelogeneJa(I 131a).

Gott, der ein rechter Richter heißet in der Schrift, sollte das geruhen, daß er die Getreuen von den Falschen schiede; hienieden noch, denn jenseits werden sie wohl gesondert. Gerne sähe ich an ihrer Etlichem ein Schandenmal, der sich dem Manne windet aus der Hand, recht wie ein Aal. O weh! daß Gott nicht zorniglich an denen wundert! Wer mit mir fährt von Hause, der fahr' auch mit mir heim! Des Mannes Muth soll fest seyn, als ein Stein, an Treue grad und eben, wie der Stab am Pfeile (W. Hds.S. 151).

So streng der Dichter hier und anderwärts gegen Alles eifert, was er für schlecht erkannt hat, so scharf er auch zu spotten versteht, so erscheint dennoch sein Innerstes ungemein weich und milde. In sittlicher Beziehung zeichnet ihn das Zartgefühl, ja die Aengstlichkeit aus, womit er vorzubeugen sucht, daß sein Straflied nicht mit dem Schuldigen zugleich den Unschuldigen verletze (z. B. I 107b 6, 120b 3). Er ist den Bösen versöhnlich, wenn sie sich bessern wollen (I 115b 4). Er duldet manche Unfuge, obwohl er sich rächen könnte (I 121b 2). Denen, die im Winter ihm Freude benommen, wünscht er doch, daß die Sommerzeit ihnen wohl bekommen möge. Er kann nicht fluchen, als das üble Wort:unselig! das wär' aber allzuviel (I 136b 3),

Seine gedrückte Lage, seine Abhängigkeit von der Gunst oder Ungunst Andrer, hat ihn eingeschüchtert und er lebt sein wahrstes Leben nur in der Einsamkeit und Heimlichkeit des Gemüths. Er hütet sich, daß nicht die Leute sein verdrieße, mit den Frohen ist er froh und lacht ungerne, wo man weinet (I 117a 1). Er ist unschädlich froh, daß man ihm wohl zu leben gönne. Heimlich steht sein Herze hoch (I 114a 3). Er scheut sich froh zu seyn, wenn es nicht Andre mit ihm sind, damit er nicht ihr Fingerzeigen leide (I 140a 1 v. u.) So verhehlt er auch sein Leid und stellt sich freudenreich (I 140b 2 v. u.); damit hat er oft sich selbst betrogen und um der Welt willen manche Freude erlogen, dieß Lügen war aber löblich (I 139b 2).

Seiner selbst mächtig zu seyn, gilt ihm für eine vorzügliche Tugend:

Wer schlägt den Löwen? wer schlägt den Riesen?Wer überwindet jenen und diesen?Das thut Jener, der sich selber zwinget.(I 127a)

Wer schlägt den Löwen? wer schlägt den Riesen?Wer überwindet jenen und diesen?Das thut Jener, der sich selber zwinget.(I 127a)

Nach dem Tode Philipps von Schwaben wurde Otto von Braunschweig allgemein als König anerkannt. Um sich der Anhänger des hohenstaufischen Hauses zu versichern, beschloß er, sich mit Philipps verwaister Tochter Beatrix zu verloben. Auf der Fürstenversammlung zu Würzburg, 1209, empfieng Beatrix, von den Herzogen Leopold von Oesterreich und Ludwig von Baiern eingeführt, des Königs Kuß und Ring. Das Hinderniß der Verwandtschaft hatte der Pabst, auf den hohenstaufischen Friedrich in Sicilien argwöhnisch, gerne gehoben. Doch blieb die Vermählung ausgesetzt. Otto trat den Römerzug an und wurde im Weinmond 1209 von Innocenz III. als Kaiser gekrönt. Die Ansprüche der päbstlichen und der kaiserlichen Gewalt, derPlatteund derKrone[32], waren sich aber zu sehr entgegengesetzt, als daß jemals ein gutes Vernehmen in die Dauer bestanden hätte. Die von Otto vorgenommene Herstellung der Reichsrechte in Italien war der Anlaß, daß sein bisheriges Einverständniß mit Innocenz sich in heftige Zwistigkeiten auflöste. Weil Otto befürchten mußte, daß der Pabst ihm in dem jungen Friedrich von Sicilien einen Gegenkönig aufstellen würde, brach er mit Heeresmacht in Apulien ein. Dagegen warf Innocenz auf ihn den Bannstral und erweckte in Deutschland durch den Erzbischof von Mainz eine Partei für den sicilischen Friedrich. Der König von Böhmen, die Herzoge von Oesterreich und von Baiern, der Landgraf von Thüringen und viele Andre erklärten den für den rechten König, dem man einst Treue geschworen, als er noch in der Wiege lag. Es wurden Boten abgeschickt, um Friedrichen nach Deutschland einzuladen.

Otto, der in Apulien große Fortschritte gemacht hatte, sah sich jetzt genöthigt, nach Deutschland zurückzukehren. Er beschleunigte seine Vermählung mit Beatrix, aber diese starb am vierten Tage nach der Hochzeit, und nun verließen auch die schwäbischen und bairischen Vasallen sein Heer.

Während er in Thüringen den Landgrafen, seinen vormaligen Anhänger, bekriegte, im Sommer 1212, kam Friedrich, jetzt fünfzehn Jahre alt, vom Segen des Pabstes begleitet, nach Ueberstehung großer Gefahren und Mühseligkeiten, über das unwegsamste Alpgebirge zu Chur in Rhätien an. Der dortige Bischof und der Abt von Sankt Gallen geleiteten ihn nach Konstanz. Zu gleicher Zeit erschien am andern Ufer des Sees, zu Ueberlingen, Otto mit seinem Heer. Aber von Vielen verlassen, konnte dieser sich nicht mit seinem Gegner messen. Friedrich begab sich nach Basel, unter dem Beistand des Grafen von Kiburg und Andrer, denen er freigebig Lehen ertheilte. Von da zog er mit stets wachsendem Anhang den Rhein hinab. Otto mußte nach Sachsen entweichen und Friedrich empfieng auf dem Hoftage zu Mainz die Huldigung der Fürsten. Zu Frankfurt traf der Landgraf Hermann von Thüringen zu ihm. Friedrich ritt diesem Fürsten mit großem Gefolg entgegen, umarmte ihn, nannte ihn seinen Vater und führte ihn auf das ehrenvollste in die Stadt.

Auf welchem Wege Walther von der Vogelweide dem neuen Könige nahe gekommen seyn mag, wir treffen ihn jetzt, wie er in zwei Liedern zwischen Friedrich und Otto Vergleichung anstellt.

In dem einen versichert er spottweise: Herr Otte werde ihn noch reich machen. Ein Vater hat weiland seinem Sohne die Lehre gegeben: dem bösesten Manne zu dienen, damit der beste ihm lohne. Walther ist der Sohn, Otto ist der böseste Mann, denn so recht bösen Herrn hat der Dichter nie gehabt, König Friedrich aber ist der beste, der nun lohnen wird (I 130a). Es erhellt aus diesem Liede, daß Walther zuvor auch Ottos Dienste nachgezogen.

Otto IV., stolz und kriegerisch, dabei allzu sehr von Geld entblößt, war freilich nicht der Mann nach dem Sinne der begehrlichen Sänger[33]. Auch finden wir ihn nirgends unter den Beförderern des Gesanges aufgeführt. Friedrich II., dessen Vortheil es mit sich brachte, gefällig und freigebig aufzutreten, mußte unsrem Dichter um so mehr zusagen, als sich dieser vorher schon als einen Freund des hohenstaufischen Hauses gezeigt hatte.

Noch anschaulicher, als in dem vorerwähnten Liede, mißt Walther in dem nachstehenden die beiden Könige mit dem Maßstab der Milde gegen einander ab und zeigt, wie der junge Friedrich seinem Gegner über das Haupt gewachsen sey. Zum Verständniß dieses Gedichts muß bemerkt werden, daß Otto durch hohen Wuchs ausgezeichnet war. Der Abt von Ursperg führt sogar Ottos Stärke und hohe Gestalt als einen Grund an, der die Fürsten bewogen habe, ihn zum Throne zu berufen[34].

Ich wollte Herrn Otten Milde nach derLängemessen,Da hatt' ich mich an der Maße ein Theil vergessen,Wär' er so mild, als lange, er hätte der Tugend vielbesessen.Viel schiere maß ich ab den Leib nach seinerEhre,Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk,Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg,Und ist doch von den Jahren, daß er nicht wachset mehre.Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß!Sein junger Leib ward beides: stark und groß.Nun seht, was er noch wachse erst jetzo über ihn wohlriesengroß! (I 130a)

Ich wollte Herrn Otten Milde nach derLängemessen,Da hatt' ich mich an der Maße ein Theil vergessen,Wär' er so mild, als lange, er hätte der Tugend vielbesessen.Viel schiere maß ich ab den Leib nach seinerEhre,Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk,Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg,Und ist doch von den Jahren, daß er nicht wachset mehre.Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß!Sein junger Leib ward beides: stark und groß.Nun seht, was er noch wachse erst jetzo über ihn wohlriesengroß! (I 130a)

schiere, bald, schleunig.verschroten, verhauen.Werk, irgend eine Kunstarbeit, eine Waffe &c.

Dießmal aber ist es dem Dichter nicht um bloße Hofgunst, nicht um ein Geschenk an Geld oder Kleidern zu thun. Er ist des irren Lebens müde, ein Heimwesen soll ihm die Huld des Königs begründen. Lange genug ist er Gast gewesen, er sehnt sich darnach, Wirth zu heißen. Ein Reichslehen, wie wir bald sehen werden, ist es, worauf er abzielt:

Seyd willekommen, Herre Wirth! dem Grusse muß ichschweigen.Seyd willekommen, Herre Gast! da muß ich sprechen oderneigen.Wirthundheimsind zween unschämeliche Namen.GastundHerbergemuß man sich viel ofte schamen.Noch müsse ich erleben, daß ich den Gast auch grüsse,So daß er mir, dem Wirthe, danken müsse!Seyd heutnacht hie, seyd morgen dort! was Gauckelfuhreist das!Ich bin heim oder ich will heim, das tröstet baß.GastundSchachkommt selten ohne Haß:Herre! büsset mir des Gastes, daß euch Gott des Schachesbüsse. (I 131b)

Seyd willekommen, Herre Wirth! dem Grusse muß ichschweigen.Seyd willekommen, Herre Gast! da muß ich sprechen oderneigen.Wirthundheimsind zween unschämeliche Namen.GastundHerbergemuß man sich viel ofte schamen.Noch müsse ich erleben, daß ich den Gast auch grüsse,So daß er mir, dem Wirthe, danken müsse!Seyd heutnacht hie, seyd morgen dort! was Gauckelfuhreist das!Ich bin heim oder ich will heim, das tröstet baß.GastundSchachkommt selten ohne Haß:Herre! büsset mir des Gastes, daß euch Gott des Schachesbüsse. (I 131b)

Wirth, Hausherr, Bewirther.da muß ich sprechen&c., auf solchen Gruß muß ich antworten oder mich dankend verneigen.unschämeliche, deren man sich nicht zu schämen hat.schamen, schämen.Gauckelfuhre, Gauckelwesen, Gauckelei.Schach, das Schachbieten. Das Gegenüberstehn der beiden Könige, Friedrich und Otto, wird dem Schachspiele (worauf Walther auch sonst anspielt, I 137a 138b) verglichen. Der Dichter wünscht dem Erstern, daß ihn der Letztere nicht in Schach setze.kommt selten ohne Haß, wird selten gerne gehört.büsset mir&c., erlöset mich &c.

Noch dringender spricht der Dichter sein Anliegen mit Folgendem aus:

Von Rome Vogt, von Pulle König! laßt euch erbarmen,Daß man bei reicher Kunst mich lässet also armen![35]Gerne wollte ich, möchte es seyn, bei eigenem Feuererwarmen.Ahi! wie ich dann sänge von den Vögeleinen,Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang!Welch schönes Weib mir gäbe dann ihrHabedank,Der ließe ich Lilien und Rosen aus dem Wänglein scheinen.Nun reite ich früh und komme nicht heim;Gast, weh dir,weh!So mag derWirthwohl singen von dem grünen Klee.DieNoth bedenket, milder König, daßeureNothzergeh'! (I 131a)

Von Rome Vogt, von Pulle König! laßt euch erbarmen,Daß man bei reicher Kunst mich lässet also armen![35]Gerne wollte ich, möchte es seyn, bei eigenem Feuererwarmen.Ahi! wie ich dann sänge von den Vögeleinen,Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang!Welch schönes Weib mir gäbe dann ihrHabedank,Der ließe ich Lilien und Rosen aus dem Wänglein scheinen.Nun reite ich früh und komme nicht heim;Gast, weh dir,weh!So mag derWirthwohl singen von dem grünen Klee.DieNoth bedenket, milder König, daßeureNothzergeh'! (I 131a)

Von Rome Vogt, häufig vorkommende Benennung der römischen Kaiser oder Könige.Pulle, Apulien, das jetzige Königreich Neapel.Heide, Aue.

Die Lieder rühren des Königes Herz. Der Wunsch ist erfüllt. Hören wir des Dichters Freude!

Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen!Nun fürchte ich nicht den Hornung an die ZehenUnd will alle böse Herren desto minder flehen.Der edle König, der milde König, hat mich berathen,Daß ich den Sommer möge Luft, den Winter Hitze han.Nun dünke ich meinen Nachbarn vieles daß gethanSie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sieweiland thaten.Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,Ich war so voller Scheltens, daß mein Athem stank,Den hat der König gemachet rein und dazu meinen Sang.(I 150b)

Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen!Nun fürchte ich nicht den Hornung an die ZehenUnd will alle böse Herren desto minder flehen.Der edle König, der milde König, hat mich berathen,Daß ich den Sommer möge Luft, den Winter Hitze han.Nun dünke ich meinen Nachbarn vieles daß gethanSie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sieweiland thaten.Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,Ich war so voller Scheltens, daß mein Athem stank,Den hat der König gemachet rein und dazu meinen Sang.(I 150b)

den Hornung &c.die Winterkälte, das Erfrieren der Zehen.baß gethan, Comparativ vonwohl-gethan, wohlgemacht, schön.ohne meinen Dank, wider meinen Willen.Ich war so&c. Der Dichter drückt aus, wie anhaltendes Ungemach ihn menschenfeindlich gemacht und sein Lied verbittert. Die frohere Stimmung wird jetzt auch seinen Gesang freundlicher machen.

Noch ein andres Lied, dessen wir früher schon zu erwähnen hatten, feiert den glücklichen Wechsel des Schicksals. Wir sehen hier den Sänger mit der Geige, eine Tanzweise aufspielend:

Da Friedrich aus Oesterreiche also warb,Daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb,Da führt' er meiner Kraniche Tritt in die Erde.Da gieng ich schleichend wie ein Pfau, wohin ich gieng.Das Haupt mir nieder bis auf meine Kniee hieng:Nun richt' ich es auf nach vollem Werthe.Ich bin wohl zu Feuer kommen,Mich hat das Reich und auch die Kron' an sich genommen.Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen!Mir ist meiner Schwere Buß',Erst will ich eben setzen meinen FußUnd wieder in ein Hochgemüthe steigen.(W.Hds.S. 170)

Da Friedrich aus Oesterreiche also warb,Daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb,Da führt' er meiner Kraniche Tritt in die Erde.Da gieng ich schleichend wie ein Pfau, wohin ich gieng.Das Haupt mir nieder bis auf meine Kniee hieng:Nun richt' ich es auf nach vollem Werthe.Ich bin wohl zu Feuer kommen,Mich hat das Reich und auch die Kron' an sich genommen.Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen!Mir ist meiner Schwere Buß',Erst will ich eben setzen meinen FußUnd wieder in ein Hochgemüthe steigen.(W.Hds.S. 170)

Da führt' er&c. da macht' er, daß ich meineKraniche, Schnabelschuhe, nachdenklich in die Erde drückte.nach vollem Werthe, mit vollem Rechte.meiner Schwere Buß', meiner Noth Erleichterung.eben setzen, das Gegentheil des vorigenin die Erde führen.

Diese Liederreihe dürfen wir nicht verlassen, ohne ein Gedicht des Sankt Gallischen Truchsessen vonSingenberg[36]anzuführen, das einem der vorstehenden nachgebildet ist und sich auf dasselbe bezieht. Wie dort Walther den Vogt von Rom und König von Apulien anruft, so hier der Truchseß den Vogt der Welt und König des Himmels. Der Truchseß stellt dem mißlichen Loose Walthers sein eigenes behagliches und unabhängiges Leben gegenüber und bittet Gott, ihm dieses zu erhalten:

Der Welte Vogt, des Himmels König! ich lob' euch gerne,Daß ihr mich habt erlassen, daß ich nicht lerne,Wie Dieser und Der an fremder Statt zu meinem Gesangescherne.Mein Meister klaget so sehrevon der Vogelweide,Ihn zwinge dieß, ihn zwinge das, das mich noch nie bezwang;Das machet, daß ich mich so kaume von dem Meinen scheide,Mir geben denn hohe Herren und ein schönes Weib ihr Habedank.So reite ich spät und komme doch heim; mir ist nicht zu weh,Da singe ich von der Heide und von dem grünen Klee.Das stetet ihr mir, milder Gott, daß es mir nicht zergeh'!(W.Hds.S. 149)[37]

Der Welte Vogt, des Himmels König! ich lob' euch gerne,Daß ihr mich habt erlassen, daß ich nicht lerne,Wie Dieser und Der an fremder Statt zu meinem Gesangescherne.Mein Meister klaget so sehrevon der Vogelweide,Ihn zwinge dieß, ihn zwinge das, das mich noch nie bezwang;Das machet, daß ich mich so kaume von dem Meinen scheide,Mir geben denn hohe Herren und ein schönes Weib ihr Habedank.So reite ich spät und komme doch heim; mir ist nicht zu weh,Da singe ich von der Heide und von dem grünen Klee.Das stetet ihr mir, milder Gott, daß es mir nicht zergeh'!(W.Hds.S. 149)[37]

an fremder Statt, an fremdem Orte.scherne, blicke, drein schaue, urtheile.zwinge, quäle.so kaume&c. nicht leicht mein Heimwesen verlasse.stetet, erhaltet, festigt.

Walther hat den König versichert, wenn er seines Wunsches gewährt, wenn ihm eine Heimath geschaffen würde, dann wollte er singen von Vögelein, von der Heide, von Blumen und von schönen Frauen. Er bezeichnet damit die Bestandtheile des Minnesangs und giebt uns Anlaß, nunmehr seine eigentlichen Minnelieder zu betrachten.

Wir finden denn auch bei ihm jene bekannten Gattungen und Formen des Minnelieds: spielende Wonne und sehnendes Leid in Sommer und Winter, dienstliches Werben, Gespräch zwischen Ritter und Frau, Meldung des Boten, Trennung der Liebenden, wenn der Tag durch die Wolken scheint, Hülfruf an Frau Minne, Klage über die Merker, ein verhaßtes Geschlecht, das die Freuden der Liebe belauert und stört.

Gerne jedoch würden wir selbst den Merker spielen, wenn wir hoffen könnten, auch hier etwas Geschichtliches aus dem Leben des Dichters zu erspähen. Aber er ist behutsam, er führt uns irre und verspottet uns.

Mancher fragt ihn: wer die Liebe sey, der er diene und bis daher gedient? Wenn ihn dieses verdrießt, so spricht er: »ihrer sind drei, denen ich diene, und nach der vierten habe ich Wunsch.« Doch weiß es sie alleine wohl, der er vor ihnen allen dienen soll (I 110b).

Ein andermal fertigt er die Neugierigen so ab:


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