The Project Gutenberg eBook ofWanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen MalersThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen MalersAuthor: Wilhelm HeineAuthor of introduction, etc.: Friedrich GerstäckerRelease date: May 3, 2014 [eBook #45569]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This file was produced from imagesgenerously made available by The Internet Archive)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERBILDER AUS CENTRAL-AMERIKA. SKIZZEN EINES DEUTSCHEN MALERS ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen MalersAuthor: Wilhelm HeineAuthor of introduction, etc.: Friedrich GerstäckerRelease date: May 3, 2014 [eBook #45569]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This file was produced from imagesgenerously made available by The Internet Archive)
Title: Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers
Author: Wilhelm HeineAuthor of introduction, etc.: Friedrich Gerstäcker
Author: Wilhelm Heine
Author of introduction, etc.: Friedrich Gerstäcker
Release date: May 3, 2014 [eBook #45569]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This file was produced from imagesgenerously made available by The Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERBILDER AUS CENTRAL-AMERIKA. SKIZZEN EINES DEUTSCHEN MALERS ***
Skizzen eines deutschen MalersvonWilhelm Heine.
Mit einem VorwortvonFriedrich Gerstäcker.
Leipzig,Hermann Costenoble.1853.
Der geliebten Schwestergewidmetvom Verfasser.
Meine gute Marie!
Wenn junge Autoren ihr Erstlingsbüchlein in die Welt schicken, so pflegen sie es gewöhnlich irgend einer hohen oder berühmten Persönlichkeit zu widmen, um ihr geringes Opus zu Ehren zu bringen; wenn dagegen bereits bekannte Autoren schreiben, so ehren sie einen ihrer Freunde mit der Dedication.
Da nun aber gegenwärtiges Büchlein weder so bedeutend ist, um Jemand durch seine Dedication zu ehren, noch ich so anmaßend sein will, irgend eine hohe oder berühmte Persönlichkeit damit zu belästigen, sondern die darin enthaltenen Reisemittheilungen nichts Anderes als Lebens- und Liebeszeichen für Euch in der Heimath sein sollen, so eigne ich dieselben Dir zu.
Oft in einsamer Gebirgsöde, beim trüben Lagerfeuer, wenn das Geheul der Cayotas und Jaguars meine Nachtmusik bildete, flogen meine Gedanken derlieben Heimath zu, und ich dachte Deiner, wie Du mit liebender Sorge dem alternden Vater, der gramgebeugten Mutter zur Seite standest und den Platz ausfülltest, den der ferne Sohn und Bruder leergelassen. Und so wird es auch wieder sein, und auf nächtlicher Deckwache in fernen unbekannten Meeren werden wieder meine Gedanken in der Heimath weilen und meine heißen Segenswünsche sie begleiten.
Nimm darum dies Büchlein als eine Liebesgabe von mir an; bitte Gott, daß er einst uns Allen ein fröhliches Wiedersehen verleihen möge und gedenke stets in Liebe
Deinestreuen BrudersWilhelm.
Geschrieben an Bord der Dampffregatte Mississippi, in der Chasepeakbay, den 20. Nov. 1852, am Tage vor der Abfahrt der amerikanischen Expedition nach Japan.
Der Leser soll hier zum ersten Mal mit einem jungen Künstler bekannt werden, den nicht nur sein frischer fröhlicher Muth und jene geheimnißvolle, aber doch auch so gewaltige Lust nach einem regen Leben, sondern auch der ernste Zweck, seinen Studien obzuliegen und seine Kenntnisse zu erweitern, in die Welt hineingetrieben, und der selbst in diesem Augenblicke bei unseren Antipoden herumschwimmt, oder mit der Büchse auf der Schulter und der Palette in der Mappe die Küsten des indischen Archipels durchforscht und die Schätze plündert, die Mutter Natur da draußen ja mit vollen Händen ausgestreut über das wundervolle Land.
Wilhelm Heine, zuerst zum Architekten bestimmt, fand mehr Freude an der freien Malerkunst. Sein Talent hierzu offenbarte sich bald. Von dem König von Sachsen in seinem Plane unterstützt, wandteer sich zuerst nach Paris, dort Decorationsmalerei zu studiren und später seine Kenntnisse der Dresdener Hofbühne zu widmen. Die dort 1849 ausgebrochenen Unruhen warfen aber die Kunst weit in den Hintergrund und von seinem rastlosen Eifer für dieselbe angetrieben, zog der junge Künstler dorthin, wohin es Tausende damals schon, wie noch jetzt, in unaufhaltsamer Sehnsucht hinüberdrängte über das Meer, in dem fernen Lande des Westens, Studien zu sammeln, und das auszubilden in der freien Welt, was er in den Kunst-Sälen von Paris vorbereitet hatte mit emsigem Fleiße.
New-York aber genügte ihm auch nicht auf die Länge der Zeit – der Amerikaner ist für die Kunst empfänglich und liebt die Künstler, aber das Land ist noch zu jung, – die Energie seiner Bewohner wird noch zu sehr für das augenblicklich Praktischegefordert, um demSchönenschon seine vollen Sinne weihen zu können, und wo der Meubleshändler noch die »Bilder« zusammen mit Sopha und Stühlen verkauft, wo dieseGemäldenoch zu so und so vielen Dutzend bestellt werden, kann natürlich derKünstlernicht Befriedigung finden.
Heine ergriff denn auch mit Freuden eine günstige Gelegenheit, die sich ihm bot, in Begleitung des, schon durch seine früheren archäologischen Forschungen in Nord- und Mittel-Amerika berühmten Herrn Squier, auch früherem Gesandten der Vereinigten Staaten in Mittel-Amerika, das letztere Land zu bereisen, um zu Mr. Squier's beabsichtigtem Werke über diese Strecken die Illustrationen zu liefern.
Ueber diese Reise, die Heine aber leider allein beenden mußte, da Mr. Squier durch Verhältnissegehindert wurde, ihm zu folgen, handelt, mit Ausnahme eines kurzen Künstlerausflugs im Staat New-York, dies kleine Bändchen, und der Leser folgt dem jungen lebensfrohen Manne vielleicht noch mit mehr Aufmerksamkeit und Interesse, wenn er erfährt, daß Wilhelm Heine auch selbst in diesem regen Leben nicht den Drang befriedigt fühlte, der ihn weiter und weiter trieb auf der einmal betretenen Bahn, denn er befindet sich in diesem Augenblicke an Bord des amerikanischen Geschwaders, das zu einer Recognoscirungstour des indischen Archipels, vorzüglich aber der japanischen Küsten ausgesandt ist, und wohl nicht wiederkehren wird, ohne ein tüchtiges Stück von der Welt gesehen, ja vielleicht auch ein Stück in der Welt gethan zu haben.
Von dort werden seine Berichte für jetzt in der Allgemeinen Zeitung und dem Ausland erscheinen,seine Stellung an Bord eines der Kriegsschiffe, mit ehrenvollen Aufträgen der amerikanischen Regierung für unterwegs anzustellende Sammlungen, sichert ihm dabei die Gewißheit, den größtmöglichsten Nutzen von solch wilder Fahrt zu ziehen, und wir dürfen hoffen, daß er uns noch manches Schöne von fernen Ländern erzählen wird. Der Einzelne wird doch ja immer nur, möge seine Route liegen so weit sie will, auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis beschränkt, und dem Leser bleibt es überlassen, sich von den verschiedenen Ansichten und Bildern der draußen Herumstreifenden den Honig zu sammeln und seine Meinung festzustellen.
Heine's Styl ist leicht und ungezwungen, seine Schilderung lebendig und das Herzliche und Gemüthliche seines ganzen Wesens läßt uns ihn bald liebgewinnen, und so hoffe ich denn, daß Dir,lieber Leser, diese Gabe eine willkommene sein wird, wie es mir selber eine besondere Freude gewährt hat, den jungen, noch gewissermaßen vom Seewasser triefenden Künstler bei Dir einzuführen.
Friedrich Gerstäcker.
Die Glocke des Steamers New-York läutet zum drittenmale, der Ingenieur giebt das Zeichen, das schöne große Schiff setzt sich in Bewegung, an seinem Bord drei lustige deutsche Maler. Der Abend war angenehm und lieblich, wie die Abende im Monat August nach einem heißen Tage an den Ufern des Hudson in der Regel sind.
Auf dem Deck und im Salon des Steamers gab es gutgekleidete Lustreisende, Leute aus derbeau monde, welche in die Bäder von Saratoga, zu den lieblichen Trentonfällen oder dem großartigen Niagarafall reisten; Frauen und Mädchen, hold und anmuthig, wie sie Amerika und vor allem New-York aufzuweisen hat, in süßem Müßiggange sich im einladenden Schaukelstuhle wiegend, lachend, kokettirend; Büreau-Generale, nach ihren Landhäusern gehend, umden Sonntag dort zuzubringen; Brod- und Schweinehändleren gros, welche nach abgeschlossenen Geschäften sich wiederum ins Land hinein begeben, um alsbald mit neuen Sendungen nach New-York zurückzukehren; mitunter auch wohl ein finsterer Pfaffe, deren einer, ein Methodist, sogar später das Publikum mit einer Art Reisepredigt erlabte, an der jedoch nur blutwenig Zuhörer Geschmack zu finden schienen.
Die große wandernde Stadt, auf der wir uns befinden, Euch näher zu beschreiben, erlaßt Ihr mir wohl, meine Lieben; Fritz Gerstäcker hat es in seinen Mississippi-Bildern bereits besser gethan, als ich es im Stande sein würde. Die achthundert Pferdekraft der Dampfmaschine trieben uns rasch den prachtvollen, hier ziemlich sechshundert Fuß breiten Hudson stromaufwärts. Zur Linken streckten sich hohe Felswände in die Höhe, die Palisaden genannt, zur Rechten lagen lachende Landhäuser in üppig blühenden Gärten, kleinere oder größere Dorfschaften dazwischen, hier und da ein Bach oder ein Flüßchen, dessen Wasser sich entweder still und geräuschlos mit dem Hudson vermählt, oder eine kleine Bucht bildet, an deren Saum freundliche Spaziergänge den Reisenden zu längerem Verweilen anzulocken scheinen.
Wahrlich, wer sich die Staaten Nord-Amerikas als arm an malerischen Naturschönheiten vorstellt, der befindet sich in großem Irrthume; sie sind freilich von ganz anderem Charakter wie unsere europäischen, wollen studirt und in ihrer Eigenthümlichkeit aufgefaßt sein, bieten dann aber auch dem Künstler gar manche schätzbare Ausbeute.
Ermüdet vom Getreibe der riesigen Hauptstadt, erlabte ich Augen und Herz an den lieblichen Gemälden.
Der Kessel von Sing-Sing, wo der Strom eine große Bai von vielleicht einer deutschen Meile im Durchmesser bildet, ward mit Sonnenuntergang passirt, und von den Bergen von West-Point strahlte bereits der Mond sein mildes Licht über die lieblichen Gefilde. Der Abend rückte weiter vor und nachdem die schön geformten Berge von Katshill in der Ferne vorüber geglitten, ging ich in meine Koje, mich für den kommenden Tag zu stärken, da die Ufer von hier an bis Albany flach werden und nicht mehr die Mühe des Aufbleibens lohnen.
Bei meinem Erwachen legte der Steamer gerad am Quai von Albany an, weshalb ich auch außer dem Quai und der Straße, die nach der Eisenbahn führt,nichts von dieser Stadt sah. Kurze Rast nebst Frühstück, und weiter ging es beim ersten Strahl der lauen Morgensonne auf dem Schienenwege hin, durch das Mohawkthal. Ueberall blühende, fruchtbare Felder, nette Ortschaften, freundliche Landhäuser, großartige Fabrikgebäude längs der ganzen Bahn; der zur Seite sich hinziehende große Kanal voll regen Lebens, überall thätige, kräftige, gesunde Menschen, überall Leben, Licht, Freiheit. So ging's bis Utica, dem ersten Haltpunkte.
Nachdem wir uns glücklich durch die lärmende, drängende Menge hindurchgearbeitet, mietheten wir einen Wagen, der uns mit seinen vier Rößlein zu den Trentonfällen bringen sollte. Auf einem gut unterhaltenen Bohlenwege, dessen holzverschwenderische Anlage und Erhaltung – der ganze Weg ist mit zwölf Fuß langen, zwölf Zoll breiten und vier Zoll starken Bohlen belegt – manchen unserer gewissenhaften deutschen Forstmänner zur Verzweiflung bringen würde, rollten wir munter dahin; die acht Miles waren verhältnißmäßig schnell zurückgelegt und bald empfing uns das gastliche Dach des Herrn Moore.
Unsere gespannte Neugierde erlaubte uns zuvörderst kein langes Verweilen unter demselben, wir eilten denFällen zu und hatten schon bei ihrem ersten Erblicken die freudige Ueberzeugung, daß dieser eine Punkt allein schon der Reise werth war.
Der West-Canada-Creek stürmt hier durch tiefe Schluchten, längs welcher sich starre, hier und da mit Bäumen und Buschwerk gekrönte, oft auch nackte, in bizarren Formen gebildete, zwischen dreihundert und vierhundert Fuß hohe Felswände, senkrecht aus dem Flusse erheben. Dazwischen hin schäumt der Fluß, manchmal in einer Breite von hundertfünfzig Fuß, über die geradlinigen Flötzgebirgformationen weggleitend, dann wieder in einen viel engeren Raum zusammengezwängt, durch zerklüftete Felsblöcke sich Bahn brechend, mit einer Fallhöhe von dreihundertachtzig Fuß auf eine kleine halbe (engl.) Meile. Nach Freund Müller's Aussagen gleicht der größte dieser Wassersturze in mehren Absätzen den Wasserfällen, welche er auf seiner letzten europäischen Reise in Dalmatien gesehen.
Hier schied ich auch von einem alten Landsmanne, D. M., der nur vorläufig nach Amerika herübergekommen war, um sich das Land, behufs einer etwaigen späteren Uebersiedelung, zu besehen und uns junges Volk bis hierher begleitet hatte. Er schien von dem,was er bis da gesehen, nicht sehr befriedigt; das paßte alles nicht recht zu seinen deutschen Agriculturbegriffen. Der Abschied von dem alten Knaben war ein wehmüthiger und schwerlich dürfte ich ihn noch einmal wiedersehen.
Die schönen landschaftlichen Vorwürfe wurden nun fleißig ausgebeutet und nach zehntägigem Aufenthalt hatten wir unsere Malermappen mit manchen höchst schätzenswerthen Motiven bereichert.
Herr Moore, der gastfreundliche, humane Besitzer des großen Hotels, ein großer Kunstliebhaber, bestellte bei uns einige Bilder mittlern Formats für recht anständigen Preis, und überdies noch einen Cyclus von Zeichnungen, als Illustrationen einer beabsichtigten Beschreibung der Trentonfälle. Trotzdem sich Herrn Moore's selbst erworbenes Vermögen kaum über einen angenehmen Wohlstand hinaus erstreckt, ist derselbe doch ein eifriger Beförderer der schönen Künste und besitzt eine, für seine Mittel nicht unbedeutende Sammlung von Gemälden, größtentheils von Künstlern, die bei ihm einsprachen. Nebstdem hat er auch noch den gewöhnlichen Hotelpreis von zwei Dollars täglich, für Künstler auf die Hälfte herabgesetzt, was bei der ganz vorzüglichen Bewirthung eine sehr mäßige Bezahlungist. Herr Moore trieb seine Artigkeit so weit, uns selbst nach Utika zurückzufahren, wo wir herzlich und auf baldiges Wiedersehen von ihm schieden.
Und weiter ging es per Dampf, über Syrakus, wo bei Ankunft des Zuges zwanzig Glocken, in den Händen von zwanzig Kellnern, vor eben so vielen Hotels, einen wahren Heidenlärm erhoben, um allen Ankommenden recht eindringlich das Zeichen zum Essen zu geben; dann wieder weiter, nach Oswego hin, oft durch Wälder und ödes Sumpfland. Die Gegend sieht hier fiebrig und unheimlich aus, so daß man kaum zu athmen wagt.
In Oswego, einer Stadt von nahe an fünftausend Einwohnern, bestiegen wir von Neuem einen Steamer und rasch dahin glitten wir über die blaue Wasserfläche des Ontariosees, bald nur noch einen schmalen Streifen Land im Gesicht behaltend. Vier Uhr Morgens langten wir in Lewis-Town an, noch ein kurzes Stück Eisenbahn, und zwar das erbärmlichste, das je von Menschenhand erbaut worden ist, und mit Tagesanbruch standen wir da, wo:
»schäumendes Gewässer mit Donnergebrüll hinabstürzt in die grausige Tiefe!«
Es kann nicht meine Absicht sein, geognostische Abhandlungen zu verfassen, und eben so wenig poetische Reisenovellen zu schreiben; doch muß ich gestehen, daß das großartige Naturschauspiel, ohne Zweifel das größte dieser Art auf dem bekannten Erdenrund, erst allmälig begann, einen tiefen und gewaltigen Eindruck auf mich zu machen, je länger ich davor verweilte und die colossalen Proportionen zu messen begann. Die ganze Länge des Falles mag etwa tausend Schritte betragen, die senkrechte Höhe, nach dem Augenmaß beurtheilt, vielleicht ein Drittheil so viel, und ist in der Mitte von einer kleinen Felseninsel unterbrochen, zu der oberhalb des Falles eine Brücke führt. Der Niagara selbst ist von brillantem Smaragdgrün und bis weit unterhalb des Falles vom Schaume milchig gefärbt, was dem Maler reizende Farbenabwechselungen und Uebergänge gewährt; auf beiden Seiten begränzen den Fall hundertachtzig bis zweihundert Fuß hohe Felswände. Alle diese Formationen (Flötzgebirge) tragen Spuren der Gewalt des Gewässers und bis eine (engl.) Meile unterhalb seiner jetzigen Stelle hat der Fall die Merkmale seiner Zerstörungswuth zurückgelassen. Man hat nach Wahrscheinlichkeitsgründen berechnet, daß der Fall dreißigtausend Jahre gebrauchthabe, um sich diese Bahn auszuwaschen; aber bei aller möglichen Hochachtung vor den Berechnungen der Gelehrten und Naturforscher, erscheint mir die hier in Frage gestellte denn doch etwas problematisch, ohngefähr so wie die Berechnung der Entfernung mancher Fixsterne. Da heißt es auch: wer's nicht glaubt, mag das Gegentheil beweisen! Das ganze Ufer zunächst des Flusses ist bedeckt mit herabgestürzten Felstrümmern, deren eben so viele in den Fluthen begraben sein mögen, gleich dem Table-Rock seligen Andenkens, der etwa vier Wochen vor unserer Ankunft glücklich zur Tiefe abgefahren ist. Ich besinne mich, irgendwo von der Berechnung eines englischen Ingenieurs gelesen zu haben, der ganz vor Kurzem erst herauscalculirt haben wollte, wie lange das Wasser sich durchaus noch zu strapaziren habe, bevor es mit der Unterwaschung besagten Table-Rocks glücklich zu Stande gekommen sei; ich möchte wohl wissen, wie weit er in seiner Berechnung fehlgeschossen haben mag? – Die Ufer des Niagara waren in den Jahren 1812 bis 15 der Schauplatz zahlreicher Gefechte mit den Engländern, und in einer Schlacht ohnweit der Fälle sollen an viertausend Todte geblieben sein.
Amerika ist das Land der Industrie und Speculation,Niagara das Land der fünfundzwanzig Cents: Du gehst auf die Heiligeninsel, kostet 25 Cents, – Du gehst zwei Meilen unterhalb der Fälle über die Hängebrücke, kostet 25 Cents, – Du läßt Dich in einem kleinen Boote über den Fluß setzen, kostet 25 Cents, – Du willst unter den Fall selbst steigen, kostet 25 Cents u. s. w.
Der hiesige Gasthof war das Gegentheil von Herrn Moore's Hotel; zwei Dollars täglich und alles mordschlecht. Wir machten Studien so viel als möglich, und beeilten uns fortzukommen, so viel als möglich, und zwar um so mehr, als wir beim Arbeiten viel von der unerträglichen Neugierde des reisenden Publikums zu leiden hatten.
Noch am letzten Tage hatten wir das traurige Schauspiel, ein armes Pferd, welches sich, oberhalb der Fälle von Hunden gehetzt, in den Fluß retirirt haben mochte, den Fall hinunterstürzen zu sehen. Weiter unterhalb fanden wir das arme Thier, zerschellt und kaum noch kenntlich, von den Fluthen auf's Ufer geschleudert daliegen. Ein Canalboot mit einer Schweinefleischladung, welches vor etwa sechs Wochen den Fluß hinabgetrieben worden war, hängt inmitten des Falles, von einem emporragenden Felsen aufgehalten,auf dem Rand des Sturzes, von brausenden Gewässern umtobt; das Treibeis des nächsten Winters wird es wohl noch vollends zertrümmern. Seltsam, trotzdem es nur ein lebloser Gegenstand ist, kann man es nicht ohne ein Gefühl des Bangens da hängen sehen und empfindet unwillkürlich eine Art von Mitleid mit dem armen Ding.
Kurz und gut, unsere Studien waren beendet, unsere Zeit gemessen und wir hatten nicht Lust, länger hier müssig liegen zu bleiben; wir begaben uns daher vermittelst obbemeldeter schlechten Eisenbahn wieder auf die Wanderschaft und an Bord des nämlichen Steamers, der uns in Lewis-Town ans Land gesetzt hatte.
Unsere zweite Fahrt auf dem Ontariosee war bei weitem länger als die erste, denn wir befuhren ihn in seiner ganzen Längenausdehnung, berührten nochmals Oswego, landeten in Sacketts Harbour, ein Name, der sowohl im britisch-französischen, als im amerikanischen Befreiungskriege vielfach genannt worden, als wichtigster Posten am Ontariosee; sahen später Kingston und die rothen Röcke der englischen Soldaten und passirten am Nachmittage die Tausend-Inseln. War schon die Fahrt über den See mit seinen langgedehnten flachen Ufern langweilig, so wird die Fahrt zwischen diesen kleinen, niedrigen, mager bewaldeten, sich ähnelnden Inselchen zuletzt im höchsten Grade ermüdend. Ob es ihrer gerade tausend waren, weiß ich nicht, denn ich habe sie wahrhaftig nicht gezählt, war aber herzlich froh, als uns am Abend die Lichtervon Ogdensburg das Ziel unserer Wasserfahrt andeuteten.
Hier wurden wir auf dem Landgute des Herrn von R......... höchst gastfreundlich aufgenommen und bewirthet. Diese Farm, von ungefähr eintausend Acres geklärten Landes, kann als ein vollendetes Muster amerikanischer Landwirthschaft gelten und ich hätte wohl gewünscht, mein alter Landsmann D. M. hätte seine Untersuchungsreise bis hierher ausgedehnt. Herr v. R......... hat in unglaublich kurzer Zeit Alles, was er besitzt, aus einer Wüste geschaffen; denn als er sich in Ogdensburg ansiedelte, wurden noch da Hirsche geschossen, wo jetzt sein schönes Wohnhaus steht, und dunkle Kieferwaldung stand noch da, wo jetzt ein lieblicher Park angenehme Spaziergänge bietet und in großartigen Glashäusern Südfrüchte und tropische Pflanzen reifen. Mühlen aller Art, Manufakturen, Eisenwerke, fast alle von Herrn v. R........ gegründet, liegen in und um Ogdensburg. Es kam ihm allerdings bei seinen Unternehmungen trefflich zu Statten, daß er ein sehr bedeutendes väterliches Vermögen mitbrachte, was freilich unter allen Umständen das Farmerleben aller Orten wesentlich angenehmer macht; immer aber kann man sich hier überzeugen,daß sich auch ohne jenes Zaubermittel Fleiß und Ausdauer hier reichlicher lohnen, wie in vielen andern Ländern. Nach so manchen Beobachtungen möchte ich daher überhaupt jedem in der Union Einwandernden dringend anrathen sich, wenn es seine Mittel irgend verstatten, erst in den verschiedenen Strichen des Landes umzusehen und sich mit dem landwirthschaftlichen Betrieb da und dort recht genau bekannt zu machen, bevor er sich für einen Punkt entscheidet und dann das Ganze nach vielleicht getäuschten Erwartungen beurtheilt. Eben so Viele sind durch Nichtbeachtung dieser Vorsicht zu Grunde gegangen, als andrerseits durch deren Beachtung binnen nicht sehr langer Zeit Andere zu Wohlstand, ja sogar zu Reichthum gelangt sind. Wer aber aus Trägheit oder Unwissenheit darauf beharrt, sich am ersten besten Fleck niederzulassen und das Land nach den aus Deutschland mitgebrachten Begriffen zu bebauen, dem wird es nicht besser ergehen, wie es wahrscheinlich einem Amerikaner ergehen würde, dem es einfiele unbebautes Land in Ungarn oder Rußland zu aquiriren und nach amerikanischem Systeme auszubeuten.
Nicht verschweigen kann ich es, daß ich auch in Frau v. R........ eine der liebenswürdigsten, feingebildetstenFrauen kennen lernte, die nicht nur die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder fast allein besorgt, sondern auch durch rastlose Thätigkeit und umsichtige Leitung ihres großen Hausstandes, eine Gewohnheit, die sonst den amerikanischen Frauen, bei vielen anderen Vorzügen, nicht eben sehr eigen ist, wesentlich zum Gedeihen des Ganzen beiträgt.
Ogdensburg gegenüber wurden in der Insurrection von 1837 mehre Gefechte geliefert; unter andern hatten die Insurgenten eine sehr feste Stellung inne, die nur nach hartnäckigem Kampfe genommen werden konnte. Im Lande ist sie unter dem Namen: die Schlacht bei der Windmühle, bekannt geblieben.
In Ogdensburg war während unseres Aufenthaltes daselbst von der Miliz des Districtes ein Uebungslager bezogen worden, an das man allerdings nicht den Maßstab unserer europäischen Revuen und Manövers legen darf. Diese Miliztruppen waren nämlich in vier Gattungen getheilt, als: erstens, Bewaffnete und Uniformirte; zweitens, Bewaffnete und Nichtuniformirte; drittens, Uniformirte und Nichtbewaffnete; viertens endlich, Nichtuniformirte und Nichtbewaffnete. – So passirte dieses Corps von beiläufig dreihundert Köpfen die Revue, durchzog die Stadt mit Musik underfüllte sie mit kriegerischem Gepränge. Nichtsdestoweniger hat jedoch die Erfahrung bereits bewiesen, daß diese Leutchen, sobald es einmal Ernst gilt, ebenso wacker zu kämpfen wissen, wie nur irgend eine Truppe der Welt. – Wir aber zogen von dannen, denn nun sollte der zweite Theil unseres Ausfluges, das Waldleben beginnen.
Wir hatten uns dazu die Ufer des Roquette-River ausersehen. Wollt Ihr, meine Lieben, diesen Platz auf einer Spezialkarte der Vereinstaaten finden, so sucht ihn im Norden des Staates New-York, auf dem westlichen Abhange des Höhenzuges, welcher ihn von Süd nach Nord durchschneidet. Dort ist noch eine undurchdringliche Wildniß in einer Ausdehnung von hundertzwanzig bis hundertdreißig Meilen, die uns reichen Stoff zu solcher Art landschaftlicher Studien verhoffen ließ. In jeder Richtung hin keine Ansiedelung zu finden; dagegen bevölkern Hirsche im Ueberflusse und selbst Elenthiere den Wald, zahllose Forellen der vorzüglichsten Gattung die Bäche und Flüsse, und wilde Enten, Fasanen, Truthühner, wilde Tauben sind in solcher Masse vorhanden, daß der Jäger die reichste Beute findet. Inmitten dieser Wälder, auf der Hochebene des Gebirges, ist ein ziemlich bedeutenderSee, Long-Lake genannt, der südwärts den Hudson und nordwärts drei parallel laufende Flüsse, den St. Regis-, den Roquette- und den Gros-River entsendet.
Ueber Canton, Stockholm, Potsdam, Rom kamen wir bis Parisville, wo die Poststraße aufhört. Ein kleines Wägelchen führte unser Gepäck weiter, wir selbst aber wandertenper pedesnebenher, über Knüppeldämme, Sumpf und Moor in den Wald hinein, selten eine Ansiedelung treffend, die hier schon sehr dünn werden. Zu zehn englischen Meilen brauchten wir einen ganzen Tag; fünfmal brach unser Wägelchen und zuletzt so rettungslos, daß wir es zurücklassen mußten, und die letzten Meilen mit unserer Bagage auf den Schultern marschirten, bis wir spät Abends zum Tode ermüdet im letzten Settlement anlangten.
Hier ließen wir den größten Theil unseres Gepäckes zurück, uns nur auf das Nothwendigste beschränkend, und am anderen Morgen ging die Wanderung auf einem Canoe weiter, dasselbe nach Art der Indianer bei jedem Rapid (Stromschnelle) auf den Schultern um diese herumtragend. So leicht nun auch ein solches Bootchen von Birkenrinde ist, so ist es doch nichtsdestoweniger eine harte Arbeit, es immer weiter zu schleppen, und oft haben wir bei solcher Bergstelle von kaum einer englischen Viertelmeile mit Aus- und Einladen, Weitertragen, drei bis vier Stunden zugebracht. Noch weitere fünfzehn Meilen wurden auf diese Weise mühsam zurückgelegt und endlich langten wir am Starks-Fall, unserm Bestimmungsorte an.
Eine Schanty d. h. eine kleine Hütte von rohen Stämmen, mit Rinden bedeckt, an der vierten, dem Feuer zugekehrten Seite offen, wie sie Holzfäller bei ihrem Aufenthalt im Walde, oder Jäger die längere Zeit an einer Stelle verweilen, errichten, fanden wir noch in ziemlich gutem Zustande und hatten uns bald so wohnlich, als es irgend gehen wollte, eingerichtet. Ein helles Feuer von mächtigen, acht Fuß langen Klötzen loderte lustig im Abendwinde und in unsere Decken gehüllt, brachten wir unsere erste Nacht in einem amerikanischen Walde trefflich schlafend zu.
Unser Leben war freilich ein etwas beschwerliches, denn da wir allein auf uns verwiesen waren, mußten wir uns selbst Nahrungsmittel verschaffen, Holz für die Feuerung hauen und unser einfaches Mahl selbst bereiten. Meine Hände sahen bald so rauh aus, als zu jener Zeit, da ich Maurerlehrling war, und garoft klebte mein Blut am Axtstiel. Nichtsdestoweniger wurde fleißig gemalt, wozu wir hier herrliche Studien fanden, und immer noch blieb genugsam Zeit übrig, dem edlen Waidwerk obzuliegen.
Allmorgendlich, sobald es nur hell genug war um Korn und Visir erkennen zu können, ging ich am Flußufer pirschen. Nie habe ich so zahlreiche Fährten nebeneinander gesehen, es war, als ob eine Herde Schafe durch den Wald getrieben worden wären. Da ich aber keine genaue Kenntniß der Wechsel hatte, so jagte ich nur auf der Fährte und hatte das Glück, schon am zweiten Morgen ein altes Thier und zwei Spießhirsche in Zeit von einer Stunde zu schießen; so hatten wir Fleisch im Ueberfluß und besonders gab das der Spießer, auf indianische Manier auf einen Baumzweig gespießt, einen gar saftigen, köstlichen Braten.
Unser Appetit ward aber auch durch die ungewöhnte Lebensweise und den steten Aufenthalt in freier Luft so geschärft, daß wir, im Verein mit ein paar Jägern, die weiter hinauf an den Fluß wollten und einen halben Tag bei uns verweilten, die zwei Spießer in drei Tagen radical aufzehrten, wobei ichindeß bemerken muß, daß die Hirsche hier zu Lande bedeutend schwächer sind, als in Europa.
Einen ganz vorzüglichen Braten bot uns auch die sogenannte schwarze Wildente, welche vom Fressen einer gewissen, nur hier in den Sümpfen vorkommenden Wasserpflanze außerordentlich fett und schmackhaft wird. Aus Mangel an Schrotladung und einer Flinte, war ich genöthigt den Fasan, die Ente und selbst die wilde Taube mit der Büchse zu schießen. Da man indeß selten weiter als vierzig bis fünfzig Schritt zu schießen hat, gewöhnte ich mich bald daran und habe selten gefehlt. Häuten, Aufbrechen und Ausweiden der Thiere, Trocknen der Häute und Räuchern des Fleisches auf indische Weise, gaben manche spaßhafte Beschäftigung und gute Gelegenheit etwas zu lernen. Meinen dritten Hirsch habe ich so tadellos aufgebrochen und ausgewirkt, daß jeder gelernte Waidmann seine Freude daran gehabt hätte.
Wölfe, obgleich dieselben noch ziemlich häufig sein sollen, habe ich noch nirgend gesehen, selbst nicht Spuren, und ebensowenig Füchse, Panther und Bären, die hier nur höchst selten vorkommen sollen.
An einem Regentage, der das den Boden bedeckende dürre Laub vollkommen durchweicht hatte, folglichhöchst günstiges Wetter zu einem Pirschgange bot, hatte ich, obschon auf viele Fährten treffend, erfolglos vom Morgen an gejagt und mich etwas weiter als gewöhnlich von unserm Lager entfernt. Gegen Abend kam ich auf eine ganz frische Fährte die ich verfolgte und mich denn auch bald auf einer kleinen Waldwiese einem stattlichen Hirsche gegenüber befand. Die Entfernung war zwar etwas weit, hundertdreißig bis hundertvierzig Schritt, doch die Zeit drängte, denn wir brauchten Fleisch, und nirgend sah ich eine Deckung um näher heran zu schleichen. Langsam hob ich die treue Büchse, ein scharfer Krach erschütterte die Atmosphäre und mit einem dumpfen Schrei stürzte das edle Thier zu Boden. »Guter Braten!« dachte ich, und stieß in aller Ruhe eine frische Kugel in den Lauf hinab, doch ehe ich noch mit Laden fertig war, erhob sich der Hirsch plötzlich wieder, ein angestrengter Satz und er tauchte in das bunte Dickicht der Sassafrasbüsche nieder. Auf dem Anschuß fand ich Schweiß in Menge und Lungenkrümel. Der deutlich ausgeprägten und mit Schweiß ganz übergossenen Spur folgend, ward ich aber nach dreißig bis vierzig Schritten von undurchwadbaren Sumpf aufgehalten; ich umkreiste denselben, der Hirsch war darin, ich hörteihn deutlich nur wenige Schritte vor mir, im Todeskampfe die Büsche knicken, und konnte nicht zu ihm, denn so oft und von welcher Seite ich es auch versuchte, versank ich gleich beim ersten Schritt bis über die Knie in den morastigen Boden.
Das war denn nun höchst fatal! nicht nur weil ich sehr ungern das schöne Stück Wild einbüßen wollte, sondern auch weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und folglich Fleisch brauchte. Doch, was war zu machen? Ich verbrach den Anschuß, schnallte mir den Hungerriemen fester und machte mich auf den Weg, um wo möglich noch unser Lager zu erreichen, denn die Sonne war bereits zu Rüste. Ich suchte mich so gut wie möglich in der Richtung zu orientiren und marschirte tapfer vorwärts in die Dunkelheit, die schnell hereinbrach.
Nach zweistündigem Marsch erreichte ich ein ansteigendes Terrain, das ich für dasselbe hielt, welches ich nach meiner Berechnung auf dem Wege zu unserm Lager allerdings passiren mußte; allein schon war ich eine gute Weile gegangen und statt flacher, ward das Terrain immer steiler. Ich ward nun wohl inne, daß ich mich verirrt hatte, wußte aber durchaus nicht, wo ich mich etwa befinden konnte. Vor allen Dingenwar es mir darum zu thun, bald möglichst eine Lichtung zu gewinnen, denn der Theil des Waldes, in dem ich mich befand, war so dicht, daß auch nicht ein Zoll breit Himmel zu sehen war. Ich drang also weiter vor, nach der Spitze des Hügels, auf dem ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach befinden mußte; das Terrain war felsig und ebnete sich bald, so daß ich schon Halt machen wollte, um den Aufgang des Mondes abzuwarten, als plötzlich meine Füße ausglitten, ich mich über Moos, Steine und Sträucher rasch dahinrutschen fühlte, endlich wieder ebenen Boden unter mir hatte, aber so im Schusse war, daß ich mich nicht zu halten vermochte, mit dem Kopfe im nämlichen Augenblicke so derb an einen Baumstamm hämmerte, daß mir die Sinne vergingen und ich um und um kollerte. Ein Weilchen mochte ich wohl so dagelegen haben, als ich aber allmählig wieder anfing meine fünf Sinne zusammen zu lesen, ward ich inne, daß ich außer denselben bei dem Purzelbaum auch noch Büchse, Pulverhorn, Mütze und Messer verloren und dafür etliche Knuffe und Püffe eingetauscht hatte, die sich ziemlich unangenehm fühlbar machten. Nach langem Umhertappen fand sich endlich mein Eigenthum, mit Ausnahme des Messers, wieder zusammen, welchesletztere ich selbst, als der Mond seine Laterne durch die allmählig dünner gewordenen Wolken heraus steckte, nicht wieder finden konnte. Zu gleicher Zeit belehrte mich auch der Stand des Mondes, daß ich, statt nordwestlich zu gehen, südöstlich gegangen war.
Gern wäre ich jetzt liegen geblieben, denn ich fühlte mich erschöpft und meine zerstoßenen Gliedmaßen schmerzten mich in der That recht empfindlich, aber zwei Umstände verhinderten mich daran, zuerst brennender Durst, sodann der Verlust meines Messers, und Mangel an trocknen Holz; denn ohne Feuer hätte ich die recht beißend naßkalte Nacht in meiner dünnen und durchnäßten Leinwandblouse nicht ausgehalten.
Ich »calculirte,« daß ich mich wahrscheinlich auf dem scheidenden Rücken des St. Regis- und dem Roquette-River befand, nördlich mindestens zwanzig Meilen von der nächsten Ansiedelung, östlich sechs bis acht Meilen vom St. Regis und westlich etwa eben so weit vom Roquette-River entfernt, südlich aber vielleicht hundert Meilen weit dichte Waldung vor mir hatte.
Ich selbst war ohne Kompaß, ohne Feuerzeug, ohne Messer, ohne Decke, dünn gekleidet, nüchtern seitdem Morgen, eine Kugel in der Büchse und nur noch zwei in der Tasche, allerdings eine etwas ungemüthliche Situation. Nach reiflicher Ueberlegung hielt ich es für das Beste, vor allen Dingen den Roquette-River aufzusuchen und dann an seinen Ufern hinabzugehen; ich mußte dann doch am Ende auf unser Lager, oder auf irgend eine Ansiedelung stoßen. Fand ich nur erst Wasser, so konnte ich es im schlimmsten Fall wohl noch einen ganzen Tag ohne Speise aushalten. Das Empfindlichste war mir vor der Hand der Mangel eines guten, erwärmenden Feuers.
Den Mond zur Linken, gings nun westlich und nach dreistündigem höchst beschwerlichem Marsche, während welchem mein Fuß oft über Stämme und Steine stolperte und ich einen gefährlichen Moorbruch passiren mußte, befand ich mich glücklich am Ufer des Flusses. Ich verrichtete zuvörderst ein geringfügig Waidmannsgebetlein, und zwar keinesweges in der Meinung, daß dadurch irgend etwas Verdienstliches geschehe, sondern weil es mich in Wahrheit drängte, Dem, der ja auch hier mir nahe war, meinen Dank abzustatten. Mein Durst war mit zwei Mützen voll Wasser gestillt, aber nunmehr verlangten meine durchkälteten Gliedmaßen desto ungestümer nach Wärme.
Neue Verlegenheit: kein Messer, kein Feuerzeug. Ich suchte in allen Taschen nach etwas Papier, um mit Hülfe der Büchse Feuer zu bekommen, aber auch das fehlte; ich fand nichts als einen Brief von meinen Lieben aus der Heimath, der während meiner Abwesenheit in New-York eingetroffen und mir noch zur letzten Station nachgesendet worden, und den wollte ich doch nicht gern verbrennen; war er mir doch jetzt doppelt theuer in meiner Einsamkeit, als freundliches Liebeszeichen aus weiter Ferne! – Endlich fand ich einen ziemlich trocknen, verfaulten Stamm, derselbe ward tüchtig mit Pulver eingerieben, die Büchse dicht davor losgedrückt, die Funken zur Flamme angeblasen, und bald loderte der Stamm hell empor, durch seine wohlthuende Wärme die Mühe reichlich lohnend. Bei seinem Scheine hatte ich die Freude, als Ersatz für das mangelnde Nachtmahl, die lieben Zeilen noch einmal zu durchlesen, dann warf ich mich todtmüde unter die breiten Aeste einer Ceder, als einziges Kopfkissen ein gut Gewissen, über mir als Bettdecke den gestirnten Himmel, diesen großen Mantel aller Trostbedürftigen. Meine Uhr zeigte auf halb Zwei, ich war demnach ziemlich sieben Stunden in der Irre umher marschirt.
Mehrmals ward ich aus dem tiefen Schlafe aufgeschreckt durch den gellenden Schrei einer Nachteule, so nahe, daß ich aufsprang und nach der Büchse griff, meinend, ein Panther wolle mich mit seinem nächtlichen Besuche beehren.
Am anderen Morgen nach dem Frühstück, d. h., nachdem ich abermals aus dem Fluße getrunken, machte ich mich auf, den Fluß hinabzugehen, wegen der vielen Sumpfstellen, die man entweder umgehen oder durchwaden muß, ein etwas beschwerlicherer Marsch, als eine Promenade im Dresdner großen Garten.
Auch fand ich hier eine alte, oftgehörte Jagderfahrung sehr handgreiflich bestätigt, daß nämlich der Jäger, der am nöthigsten Wild braucht, keine Klaue zu sehen bekommt. Wenigstens ging es mir an dem Tage so, und mit knurrenden Magen mußte ich durch den Wald schreiten, der von Wild wimmelt, alle Augenblicke einmal frische Fährten kreuzend. Es war die Geschichte vom Herrn Tantalus.
Einmal rauschte ein prächtiger Adler kaum dreißig Schritte vor mir empor, die Jagdpassion riß mir die Büchse an den Backen, aber im Zielen fiel mir noch zu rechter Zeit ein, daß ich jetzt nur noch eineKugel in der Büchse und eine in der Tasche hatte, die dritte war ja in den Baumstamm gefahren, und so blieb das Rohr stumm.
Endlich gegen zehn Uhr stieß ich wieder auf das Lager, und ich versichere Euch, von der Hirschkeule die ich in Angriff nahm, blieb außer dem Knochen auch nicht ein Atom übrig.
Die Genossen waren besorgt um mich gewesen und hatten wiederholt ihre Gewehre abgefeuert; allein zu jener Zeit war ich wenigstens schon vier Meilen von ihnen entfernt.
Zweierlei höchst weise Erfahrungen hatte ich bei dieser Gelegenheit gesammelt, erstens, daß es sehr unklug ist, ohne Compaß und ohne Feuerzeug in solcher Wildniß zu jagen, und zweitens, daß man sich in einem amerikanischen Urwalde doch nicht so leicht zurecht findet, als in unseren von Flügeln und Schneusen durchschnittenen königlichen Forsten. Uebrigens aber war ich sehr froh, daß meine abhärtende Lebensweise und frühzeitiges Vertrautsein mit unangenehmen Situationen mich in den Stand setzten, mich vorkommenden Fährnissen leichter zu entziehen. Ersteres verdanke ich Eurer Erziehungsweise, geliebte Eltern, letzteres großentheils dem wackeren alten Ohm. SeiEuch allen mein Dank dafür übers Meer geschickt, dem guten Ohm aber insbesondere noch für die treue Büchse, die mir in kalter Nacht Feuer, und außerdem noch manchen guten Braten verschafft hat.
Wir hatten nun Studien vollauf gesammelt und genug der Freuden des Waldlebens, denn unsere Decken boten uns nicht mehr genügenden Schutz gegen den Frost, der in letzter Nacht über einen halben Zoll Eis gebracht hatte. Nach dreiwöchentlichem Aufenthalt, am 6. October brachen wir daher auf, um uns wieder der Civilisation zuzuwenden. Unsere Reise ging den Fluß entlang, gen Potsdam zu.
Wir hatten in unserm Lager den Besuch eines Amerikaners, eines Dokter H.... aus Potsdam gehabt, der mehre auf Kosten der Regierung zur Erleichterung des Holzflößens im Fluße erbaute Dämme zu inspiciren hatte. Dieser Gentleman ersuchte uns, ihm einige correcte Skizzen dieser Dämme zu zeichnen, um dieselben seinem Rapporte an die Regierung beizufügen, eine Arbeit die in wenigen Tagen erledigtwar und uns die Summe von 50 Dollars einbrachte, sehr willkommene Subsidien, da unsere Reisekasse verwünscht knapp zu werden begann. Unterwegs erhandelte ich von einem Indianer ein schönes Paar Elenhörner, von einem Ende zum andern sechs und einen halben Fuß lang und in den Schaufeln acht Zoll breit, in hiesigem Lande ein wahres Prachtexemplar.
Auch die Feuerjagd habe ich versucht, doch in anderer Art als Fritz Gerstäcker sie uns beschrieb. Wir jagten auf dem Fluß in Gesellschaft eines alten Jägers, der die Führung des Bootes übernommen hatte, eine jener ächt Cooperschen Gestalten, die hier immer seltener zu werden beginnen. Statt der Kienpfannen hatten wir eine Art viereckige Kappe, oder Helm, an drei Seiten geschlossen, die vierte vor dem Gesicht offen, und oben drauf eine Art Laterne mit einem sehr starken Talglichte, dessen Schein die Umgegend nach vorn auf zwanzig bis fünfundzwanzig Schritte erhellte. Wir fuhren ganz geräuschlos am Flußufer hin, und erst als wir den Hirsch im Wasser hörten, ward die Laternenmütze angezündet und aufgestülpt. Es war eine Doe (Thier), die bis ans Blatt im Wasser stand, gerade gegen uns gekehrt, und gewaltig blies und schreckte, als sie des Lichtes ansichtig ward.Die fertig gehaltene Büchse fuhr an den Backen und die Kugel der Doe in den Halswirbel. Weil diese Art zu jagen mir noch neu war und man auch gewöhnlich des Nachts Alles überschießt, hatte ich es nur dem Umstande, daß die Doe mir gerade zugekehrt stand, zu verdanken, daß ich sie überhaupt bekam.
Nach kurzer Rast in Potsdam, wo wir unser zerrissenes Schuhwerk und unser durchlöchertes Waldnegligé als milde Stiftung zurückließen und uns wieder etwas säuberlich machten, um als honnette Menschen in der Gesellschaft erscheinen zu können, gingen wir mit der Eisenbahn hinüber nach dem Champlain-See.
Dieser lange, schmale See bietet ungleich mehr Reiz dar, als die canadischen Seen, denn seine Breite beträgt selten mehr als vier bis fünf engl. Meilen, und die oft längs desselben hinlaufenden Gebirgsketten des Staates Vermont, so wie auf der anderen Seite des Staates New-York, gewähren dem Auge eine eben so angenehme als malerische Abwechselung. Möglich auch, daß der angenehme Eindruck, den die Gegend auf uns machte, noch gesteigert ward durch den lieblichen Duft der auf der Landschaft lag, und dieherrlichen Herbstfarben der Bäume, welche das Ufer bekränzen. Noch nirgend habe ich bis jetzt solchen Farbenreichthum einer Landschaft gesehen. Amerika ist berühmt wegen seiner prachtvollen bunten Herbstblätter, und verdient diesen Ruf im vollsten Maße. Dabei haben seine Wälder noch den Reiz der außerordentlichsten Mannichfaltigkeit der Hölzer; sogenannte Familien- oder Geschlechtswaldungen, wie bei uns, habe ich hier nirgend getroffen; auf verhältnißmäßig sehr kleinem Raum sahen wir dicht gedrängt bei einander die Eiche, die Buche, den Ahorn mit hochrothen Blättern, Hikory und Sassafrasstämme, dazwischen wieder die schwarze melancholische Tanne, die knorrige Kiefer, und manchmal sogar die Birke mit ihrem hellgelben Laube und weißem Stamme durchblitzend. Durch das verschiedenzeitige Welken all dieser Blätter entstehen tausend Schattirungen und Uebergänge, vom dunkelsten und zugleich möglichst brillanten Purpurroth, bis zum hellsten Goldgeld, und von da in gleicher Weise durch alle Abstufungen bis zum saftigsten Dunkelgrün, was besonders bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wo die Ferne bald in blauen, bald in violetten Duft gehüllt ist, eine wahrhaft zauberische Wirkung hervorbringt.
Den See kreuzend, gelangten wir nach Whitehall, malerisch in einer Schlucht gelegen, an der Mündung des Sees, wo ein Canal ihn mit dem Hudson in Verbindung setzt. Durch diesen Canal kommen die Produkte des fernsten Westen über den Ontario, den Sanct-Lorenzstrom, den Champlainsee und Hudson bis New-York, ein Weg von vier- bis fünftausend engl. Meilen, welchen die verschiedenen Handelsgegenstände zurücklegen, ohne das Schiff zu verlassen, in das sie in Detroit oder Michican geladen worden sind. Außerdem laufen noch zwei andere Canalwege südlich nach demselben Punkt, von drei Hauptbahnlinien und zahllosen Canälen und Zweigbahnen nach anderen Staaten durchkreuzt, wo ein ähnlicher Stand der Dinge herrscht, und führen die Güter dem Orte ihrer Bestimmung zu. Fast alle diese Riesenwerke sind erst in den letzten fünfzig Jahren entstanden und ohne daß der Staat als solcher auch nur einen Dollar dazu gegeben. Das sind die Segnungen einer gesetzlichen Freiheit, wie die ungesetzliche Freiheit und Anarchie der Fluch der Völker ist! – Eine, im Verhältniß zu dem ungeheuren Territorium schwache Bevölkerung, hat diese Werke vollführt und vollführen können, weil ihrer Entwickelung nach allen Seiten hin ein unbegränztesFeld offen stand, weil der kühne Unternehmungsgeist der Einen, wie der Fleiß und die Thätigkeit Anderer nicht eingezwängt wird von veralteten Zunftgesetzen, der Erwerb nicht geschmälert und aufgezehrt wird vom Zahn des alles verschlingenden Monopolwesens. Doch ist das Alles ja von so vielen Anderen viel besser gesagt und beleuchtet worden, als ich es zu thun vermöchte, und wollte ich das Lob Amerikas mit vollen Backen posaunen, so gliche dies einer Abhandlung über den wohlthätigen Einfluß des Sonnenlichts.
Auf unserm Wege begegneten wir überall Werkstätten voll rüstiger und thätiger Arbeiter, welche den Mineralreichthum der Berge in den verschiedensten Formen der Welt übergeben, oder die Riesen des Waldes, zu Brettern, Latten, Kisten, Kasten, Fässern, Geräthen aller Art zerschnitten und verarbeitet, ihre Reisen zum Markt antreten lassen. Ueberall zeigt sich dies Land dem aufmerksamen Beschauer wie eine Art von Riesenkind, das oft Riesenwerke spielend verrichtet, daneben aber wieder Manches, das ihm zu tief dünkt, bei Seite wirft für spätere Zeiten, immer aber wachsend, sich kräftigend und Wunder für die Zukunft versprechend.
Die Gegend, durch die wir mußten, ist mit Blut getränkt; hier war der Schauplatz von Kämpfen ohne Zahl, zuerst mit den Indianern, um ihnen das Land abzugewinnen, dann die langen Fehden zwischen den Eingeborenen, den französischen und britischen Heeren. Namen wie Ticonderoga, Fort-Edward, Fort-William, Fort-Henri, rufen blutige Greuelscenen vor das Gedächtniß und selbst unser Jahrhundert hat bereits dergleichen blutige Spuren hinterlassen, im Jahre 1812 bei Plattsburg, wo viertausend Briten ihr Leben auf der Wahlstatt aushauchten.
Wir durchkreuzten auch den Boden, wo Cooper's letzter der Mohicans spielt. Bei Fort-Edward hielten wir an und wanderten hinüber nach Gleen-Falls. Dort stürzt der Hudson, noch ein unbändiger Knabe, wild durch zerklüftetes Gestein hinab, zu beiden Seiten der kleinen Insel, auf welche Lederstrumpf den Major Howard und die Töchter Monrooes führte. Wollt Ihr eine genaue Beschreibung der Localität, so les't Cooper's meisterhaften Roman, der Platz ist darin nach der Natur geschildert. An der Stelle, wo Nahuga den verfolgenden Indianern entschlüpfte, ist jetzt ein Marmorbruch; die Höhle, in welcher die Schwestern die Nacht zubrachten, ist ziemlich von Treibholzverstopft, doch kann man noch hineingelangen. Da, wo Hawkeye den Indianer vom Baume herunterschoß, stehen eine Menge Mühlen, statt des todten Kriegers, fallen jetzt Abschnitzel von Brettern in die schäumende Fluth, und die Spitze, welche zu erreichen zwei Kriegern das Leben kostete, wo Unca's Messer den Major vom Tomahawk des Feindes rettete, ist jetzt bloßgelegt von Wasser, was den Fällen durch einen Canal für den Betrieb der Mühlen entzogen wird.
Von hier ging es nach Saratoga, ehedem der heilige Platz des rothen Mannes, jetzt der Badeortpar excellencefür die elegante Welt. Noch springt die Quelle, die Hawkeye wieder aus dem Boden grub, doch statt der Calabasse, aus der die ermüdeten Jäger den Durst löschten, gewährt eine elegante Trinkhalle einen bequemen Raum, und da, wo früher in der heiligen Waldesruhe die Mineralquelle dem rothen Thonboden entsprang, wandelt jetzt der Fuß schöner Frauen, dem Stutzer auf Spaziergängen kokettirende Blicke zuwerfend.
Nicht zieht mehr der rothe Krieger an die heilige Quelle, um zu seinen Göttern zu beten, aber dennoch wallfahrten die neuen Kinder des Landes allsommerlich in Schaaren fashionabler Zugvögel hierher, um anderenGötzen zu opfern, um entweder in den Tanz- und Spielsälen Gesundheit und Vermögen zu zerrütten, oder die erstere in Kurhäusern wieder zusammenzuflicken. Verdrehtes Leben der sogenannten feinen Welt, die kokettirend, brillirend, raffinirend, intriguirend dahin zieht, denjenigen am meisten bewundernd, der es am besten versteht, durch die größte Modethorheit ihre Aufmerksamkeit so lange zu fesseln, bis eine andere, noch größere, sie schnell wieder in Vergessenheit bringt.C'est tout comme chez nous!
Als wir aber durch Saratoga kamen, sahen wir von alle dem nichts mehr; die Saison war zu Ende, das Kurhaus geschlossen, und außer einigen schläfrigen »Niggers«, die sich in den Hausthüren herumlümmelten, Alles todt und öde. Die Blätter fielen, die Schwalben zogen südwärts und die Maler heimwärts in ihr Atelier, beutelleer, aber beuteschwer, Geld, wie Farben und Leinwand aufgebraucht.
Am Bord der Brigg Rogelin, im atlantischen Ocean, Junius 1851.
Ehe ich angelangt bin in jenen Tropenländern, welche für die nächste Zukunft mein Aufenthalt sein sollen, halte ich es für angemessen, einige erläuternde Worte, sowohl in Bezug auf den Zweck meiner Reise, als in Bezug auf mich selbst vorauszuschicken.
Glückliche Zufälligkeiten hatten mich in New-York in Verbindung mit Herrn Squier gebracht, einem Mann, welcher sich bereits durch seine Verdienste um archäologische Forschungen in Nord- und Central-Amerika, so wie durch seine ehrenhafte Thätigkeit ineiner Angelegenheit, die tief eingreift in die Handelsinteressen fast des ganzen Erdenrundes, einen bedeutenden Ruf erworben.
Herr Squier war mehre Jahre Gesandter der Vereinigten Staaten von Nordamerika bei den verschiedenen Republiken von Central-Amerika, und hatte während dem die beste Gelegenheit, einen großen Theil dieser Länderstriche genau zu erforschen. Das Ergebniß dieser Forschungen ist ein Werk, mit dessen Beendigung Herr Squier jetzt eben beschäftigt ist, während ich, nach getroffener Uebereinkunft mit ihm, vorausgegangen bin, um mich einstweilen mit dem tropischen Klima und der Lebensweise jener Länder vertraut zu machen, bis Herr Squier sofort nach Beendigung und Publikation jenes Werkes mir nachfolgen wird, um seine Forschungen in Gemeinschaft mit mir in den bis jetzt fast noch gar nicht bekannten Strichen Central-Amerikas fortzusetzen. Gestalten sich die Umstände diesem Unternehmen günstig, so soll dessen Resultat ein zweites Werk Squier's sein, an welchem ich mich nur in Bezug auf dessen artistische Ausstattung mit landschaftlichen Ansichten betheiligen werde.
Was nun mich betrifft und dasjenige von meinenpersönlichen Reiseerlebnissen, was vielleicht vorher und ganz unabhängig von dem projektirten Werke zur Oeffentlichkeit gelangt, so nöthigt mich die tadelnde Aufnahme, welche Herrn Fröbel's Nachrichten über Central-Amerika zu Theil wurden, zu folgenden Bemerkungen.
Ich bin Künstler, und habe nur als solcher die Reise unternommen, aus Liebe zur Kunst und aus Freude an wissenschaftlichen Forschungen. Es kann nicht in meiner Absicht liegen Reiseberichte zu schreiben, welche diesen oder jenen Strich Landes in zu günstigen Farben schildern und welche vielleicht Veranlassung werden könnten, einen größeren oder kleineren Theil der Auswanderung nach irgend einem bestimmten Punkt der neuen Welt zu lenken. Der Widerspruch, den oberwähnte Berichte mehrseitig erweckt, beweist klar genug, wie überaus schwer es ist, eine feste Meinung über irgend ein Land als unbedingt maßgebend aufzustellen. Das Schicksal des Auswanderers hängt überall von zu vielen Nebenumständen ab, und durchschnittlich gehen an jedem Platze eben so viele zu Grunde, als andere wiederum den Grund zu ihrer Existenz, zu Wohlhabenheit oder gar zu Reichthum legen, wenn nicht gar der ersteren Zahldie überwiegende ist. Jedenfalls sind stets Personen genug vorhanden, welche triftigen Grund haben, Lob oder Tadel eines Landes, je nach individuellen Umständen, übertrieben zu finden.
Ich werde meine Zeit während meines Aufenthaltes in Central-Amerika wohl anderweit bedürfen, als dieselbe mit Entgegnungen von derlei Einwürfen hinzubringen, wenn überhaupt solche mir zu Gesicht kommen sollten, bemerke also im voraus, daß das, was ich etwa in dieser Beziehung zu sagen haben könnte, eben nur individuelle Ansichten und Wahrnehmungen sind, die ich unbefangen und wie sie sich meiner unmittelbaren Anschauung darstellen wiedergebe. Sollte ich wichtige Thatsachen zu berühren haben, so werde ich mich bemühen, stets die Quellen anzugeben, aus denen ich geschöpft.
Bin ich übrigens etwa irgendwo im Irrthume, soll mir's lieb sein, wenn sich Jemand findet, der es besser weiß und seine Ansicht ausspricht.
Was die etwaigen naturhistorischen und archäologischen Entdeckungen betrifft, welche während der vereinigten Expedition von Herrn Squier und mir gemacht werden sollten, so bemerke ich, daß das hier von mir zu Sagende nicht als wissenschaftliche Doctrineanzusehen ist. Dieses Feld bleibt einer geschickteren Feder überlassen als der meinigen, der meines Freundes Herrn Squier. Ich selbst sehe ab von allem und jedem System, wünsche nichts als die Eindrücke wiederzugeben, welche Natur, Menschen und Kunstwerke, als in engster Verbindung mit einander stehend, auf mich als Mensch und Künstler hervorrufen, und fühle mich hierzu veranlaßt durch die Ansicht, daß es Pflicht eines Reisenden in wenig bekannten Länderstrichen ist, seine Beobachtungen zur Kenntniß des Publikums zu bringen, um so, wenn auch nur in einem Minimum, seinen Tribut zum Schatz des menschlichen Wissens beizusteuern.
Nebenbei fühle ich mich gegenwärtig hierzu noch besonders durch den Umstand veranlaßt, daß die Schaubühne von Herrn Squier's und meinen Forschungen sich auf einem Theil des amerikanischen Continents befindet, welcher für diesen Welttheil eine ähnliche Bedeutung hat wie Aegypten und Assyrien für die alte Welt, und ich fühle mich freudig erhoben in dem Gedanken, einen wenn auch noch so kleinen Theil zur Entwicklungs- und Kunstgeschichte des Landes beizutragen, das den Fremden gastlich auf seinem Boden aufgenommen.
Weder Hr. Squier noch ich sind die ersten, welche diesen Gedanken erfaßt: der vorzüglichste Pionier der Neuzeit, im erhabenen Sinne des Worts, der große Humboldt ist es! Viele namhafte Gelehrte und Künstler haben seitdem mannichfaches Licht über jene Gegenden verbreitet, und die letzten Veröffentlichungen Herrn Squier's haben dasselbe vermehrt. Doch noch viel, sehr viel bleibt zu thun übrig, und speciell in den Staaten Nicaragua, Honduras, St. Salvador und Guatemala hemmen unendliche Schwierigkeiten die Fortschritte des wißbegierigen Sammlers. Wie weit unser Unternehmen dieselben überwinden kann, bleibt Gott anheimgestellt; mögen die Resultate indeß sein wie sie wollen, ich werde mich stets dem Schicksal dankbar verpflichtet fühlen, das mir gestattet, meine Thätigkeit mit der eines gleichgesinnten Mannes zu einer so schönen und edlen Unternehmung zu vereinigen.
Es scheint mir zuvörderst dienlich einige topographische Mittheilungen in Bezug auf den zukünftigen Schauplatz unseres Unternehmens und seine Verhältnisse zu machen, zu denen ich die Mittheilungen benutze, welche mein würdiger Freund, Hr. Squier, bereits früher dem amerikanischen Publikum übergeben.
Geographisch ist Nicaragua der größte und bedeutendste Theil von Central-Amerika. Es dehnt sich aus von einem Ocean zum andern, und umfaßt in seinen Gränzen die großen Seen von Nicaragua und Managua, durch welche, wie jetzt einstimmig festgestellt ist, die einzig mögliche Linie für einen Schifffahrtscanal über diesen Theil des amerikanischen Continents (Isthmus) führt. Die Nordgränze ist eine unregelmäßige Linie vom Golf di Fonseca am stillen Ocean zum Cap Gracias a Dios am atlantischen, die Südgränze hingegen eine gerade Linie von der Spitze des Golfs von Nicoga zu einem Punkt inmitten der Mündung des San Juan und dem Hafen von Matina in Costarica am atlantischen Ocean.
Der Grund und Boden hat ein mannichfaltiges Aeußere und eine unbegränzte Fruchtbarkeit. Das große Becken der Seen besteht aus Ebenen und sanft ansteigendem Hügelland, abwechselnd begränzt und unterbrochen durch hohe steile Vulcane, und bietet alle Produkte der Tropenländer im reichsten Maße dar. Die nördlichen Departements Segovia und Choutales sind höher gelegen, gebirgiger, besitzen einen Ueberfluß an Metallen und bringen eine Menge Früchte der gemäßigtenZone hervor; die Temperatur ist vergleichsweise kühl und frisch.
Die atlantische oder, wie sie zumeist genannt wird, Mosquito-Küste ist im ganzen flach, der fast das ganze Jahr sich ergießende Regen höchst beschwerlich, die Atmosphäre drückend heiß und weniger zuträglich als in andern Theilen des Staates. Die ziemlich dünne Bevölkerung besteht aus Indianern vom Stamm der Charibs, entlaufenen Negern von den westindischen Inseln und einer Mischlingsrace zwischen beiden. Der größte Theil der Bevölkerung von Nicaragua jedoch bewohnt den Abhang gegen den stillen Ocean hin. Hier ist der Boden nicht nur überaus fruchtbar und leicht zu bearbeiten, sondern auch das Klima unendlich gesünder und angenehmer. Es giebt hier nur zwei Jahreszeiten: die Regenzeit, von Mitte Mai's bis Mitte Novembers, und die trockene, während welcher sehr selten Regen fällt. Die Temperatur ist ziemlich gleichmäßig, etwa zwischen 70 und 82° Fahrenheit, und schwerlich dürfte sich eines der Tropenländer eines angenehmeren Klima's, einer günstigeren Lage zu erfreuen haben.
Der Staat Nicaragua ist in fünf Departements eingetheilt und hat, trotz seiner großen Ausdehnung,eine Bevölkerung von nur 250,000 Einwohnern, die jedoch hauptsächlich die Städte bewohnen. Die Hauptstadt und der Sitz der Regierung ist Leon, mit 25 bis 30,000 Seelen; die zweite Masaya, eine fast durchaus indianische Stadt, bemerkenswerth durch ihre Manufacturen, die dritte Granada, am See von Nicaragua, durch welche ein großer Theil des Verkehrs des Landes über den See und den Fluß St. Juan geht, mit 12 bis 14,000 Einwohnern. Außerdem sind Managua, Sitz der gesetzgebenden Versammlung, und Rivas schon ziemlich bedeutende Plätze.
Der nichtindianische Theil der Bevölkerung stammt von den ersten spanischen Eroberern her, und ist an Sitte und Charakter seinem Stammblut ziemlich treu geblieben. Ein näheres Eingehen hierauf behalte ich mir noch einer persönlichen Bekanntschaft mit den edlen Dons und Sennores vor.
Der bedeutendste Hafen am stillen Ocean ist der von Realejo, zwischen welchem und St. Francisco sich bereits ein lebhafter Verkehr entwickelt. Zweifelsohne wird Central-Amerika binnen Kurzem für Californien und das Oregon-Gebiet was die westindischen Inseln für die Union waren. Zucker, Tabak, Reis, Cacao, Baumwolle, Indigo, Mais und fast alle tropischenFrüchte sind in Nicaragua in bester Art wie im größten Ueberfluß zu finden, und bieten Millionen fleißiger Menschen noch reichliche Quellen des Lebensunterhaltes dar. Eine ungeheure Anzahl von Hornvieh ist vorhanden, und Häute, Indigo, Kaffee und kostbare Nutzhölzer bilden den Haupt-Export.
Die Verfassung von Nicaragua ist entschieden liberal, und die freundschaftlichsten Gesinnungen für die Vereinigten Staaten überall und durch alle Classen der Bevölkerung vorherrschend; überall sprechen sich Güte und Gastfreundlichkeit aus. Die Regierung besteht aus einem obersten Director, alljährlich wählbar, einem Haus der Repräsentanten und einem Senat, letzterer für zwei Jahre, ersteres für ein Jahr wählbar. Die ersten Staatsbeamten in San Salvador und Honduras sind Präsidenten benannt.
Seit der Eroberung von Californien ist der Plan für Eröffnung einer directen Canalverbindung zwischen dem atlantischen und stillen Ocean, über San Juan und den See von Nicaragua, nicht nur erneuert worden, sondern man hat sich auch ernstlich mit seiner praktischen Ausführbarkeit beschäftigt; eine große Menge Contracte sind bereits darüber aufgesetzt worden, leider aber noch keine Resultate erfolgt.
General Taylor war sofort nach seiner Präsidentenwahl auf das Lebhafteste mit diesem wichtigen Unternehmen beschäftigt, und eine der ersten Handlungen seiner Verwaltungsperiode war die Absendung einer Spezial-Gesandtschaft in der Person des Hrn. Squier nach Nicaragua, mit Vollmacht in Unterhandlung mit diesem Staat zu treten. Eine Compagnie bildete sich in New-York unter dem Namen:The American Antlantic and Pacific Canal Companyim August 1849, und im folgenden September unterzeichneten Hr. Squier und die Bevollmächtigten von Nicaragua den (am 27. d. M. auch von der Regierung dieses Staates ratificirten) Vertrag, welcher die Neutralität dieses Canals, freien Durchgang jedes amerikanischen Bürgers und seines Eigenthums durch denselben für ewige Zeiten garantirt, ingleichen die unbeschränkte Freiheit aller Häfen des Landes, und selbige Bestimmungen sollten auf alle Nationen, welche später dem Vertrag beitreten wollten, ausgedehnt werden.
Dieser Vertrag wurde vom General Taylor geprüft und dem Senat der Vereinigten Staaten zur Ratificirung übersendet; es ist jedoch bis jetzt nichts weiter in dieser Sache gethan worden. Ebenso erfolglos ist ein später zwischen Hrn. Clayton, Staatssecretärder Vereinigten Staaten, und Sir Henry Bulwer, Gesandten Ihrer großbritannischen Majestät, entworfener Vertrag zum Zweck der Zusicherung gegenseitigen Schutzes beider Nationen für jeden Communicationsweg, welcher je über diesen Continent eröffnet werden wird, geblieben, und hier mag wohl das Haupthinderniß in den Territorial-Ansprüchen liegen, welche England unter dem Namen eines Protectorats auf das Reich des ziemlich imaginären Mosquito-Königs, und mithin auf die in dessen Gränzen gelegenen Mündung des San Juan, erhebt.
Was nun aber die Hauptsache, d. h. den projectirten Canal selbst betrifft, so würde nach der Schätzung des Hn. Squier, laut officiellem Bericht an das Staatsdepartement, die ganze Länge der vorgeschlagenen Wasserlinie betragen: