Alt-Geltow

And thus an acry point he won,Where, gleaming with the setting sun,One burnished sheet of living gold,Loch-Katrine lay beneath him roll’d.Lady of the Lake

And thus an acry point he won,Where, gleaming with the setting sun,One burnished sheet of living gold,Loch-Katrine lay beneath him roll’d.

And thus an acry point he won,

Where, gleaming with the setting sun,

One burnished sheet of living gold,

Loch-Katrine lay beneath him roll’d.

Lady of the Lake

Die Havel, als sie nach Süden hin den Schwielow-See bildete, um sich innerhalb dieses weiten Bassins zu ergehen, mußte doch schließlich aus dieser Sackgasse wieder heraus, und die Frage war nur: wo? In der Regel behalten die durchbrechenden Wogen die einmal eingeschlagene Richtung bei und ruhen nicht eher, als bis sie, dem Durchbrechungspunkte gegenüber, einen Ausgang gefunden oder gewählt und gebohrt haben. Nicht so hier. Die Havel schoß eben nicht wie ein Pfeil von Nord nach Süd durch das Moor- und Sumpfbecken hindurch, in welchem sie während dieser Stunden den Schwielow schuf, sieergingsich vielmehr innerhalb desselben, entschlug sich jeder vorgefaßten Richtung und nahm endlich ihren Abflußhalbrückwärts, keine zweitausend Schritt von der Stelle entfernt, wo sie kurz vorher den Damm durchbrochen hatte. An dieser Abflußstelle, wo also die Havel nach ihrer Schwielow-Promenade sich wieder verengt, um nordwestwärts weiter zu fließen, liegtBaumgartenbrück.

Dies Baumgartenbrück wird schon frühe genannt und bereits im 13. Jahrhundert findet sich eine Burg Bomgarde oder Bomgard verzeichnet, ein sonderbares Wort, in dem unsere Slawophilen, nach Analogie von Stargard, Belgard, eine halbwendische Bezeichnung haben erkennen wollen. Was es nun aber auch mit dieser Bomgarde auf sich haben möge, ob sie wendisch oder deutsch,soviel verbleibt ihr, daß sie seit historischen Tagen und namentlich seitdem ein Bomgarden-Brückdaraus geworden, immer ein Punkt von Bedeutung war, ein Punkt, dessen Wichtigkeit gleichen Schritt hielt mit dem industriellen Aufblühen der Schwielow- und Havel-Ufer. Die Einnahmen verzehnfachten sich und wenn früher hier ein einfacher, altmodischer Zoll gezahlt worden war, um die Landreisenden trocken von einem Ufer zum andern zu bringen, so kamen nun die viel einträglicheren Tage, wo, neben dem Brückenzoll für Pferd und Wagen, vor allem auch ein Brücken-Aufzugzoll für alle durchpassierenden Schiffe gezahlt werden mußte. Der Kulturstaat etablierte hier eine seiner Doppelpressen; zu Land und zu Wasser — gezahlt mußte werden, und Baumgartenbrück wurde für Brückengeld-Einnehmer allmählich das, was die Charlottenburger Chausseehäuser für Chausseegeld-Einnehmer waren. Und so ist es noch. —

Aber die lachenden Tage von Baumgartenbrück brachen doch erst an, als, vor etwa vierzig Jahren, aus dem her stehenden Brückenwärterhaus einGasthauswurde, ein Vergnügungsort für die Potsdamer schöne Welt, die mehr und mehr anfing, ihren Brauhausberg und ihren Pfingstberg den Berlinern abzutreten und sich eine stille Stelle für sich selber zu suchen. Sie verfuhren dabei kurz und sinnig wie die Schweizer, die ihre Allerwelts-Schönheitspunkte: den Genfer- und den Vierwaldstättersee den Fremden überlassen, um an irgend einer abgelegenen Stelle der Glarner Alpen „ihre Schweiz für sich“ zu haben. Die Potsdamer wählten zu diesem Behufe Baumgartenbrück.

Und es war eine vorzügliche Wahl! Es vereinigt sich hier alles, was einem Besuchsorte zur Zierde und Empfehlung gereichen kann: Stille und Leben, Abgeschlossenheit und Weitblick, ein landschaftliches Bild ersten Ranges und eine vorzügliche Verpflegung. Hier unter den Laubgängen zu sitzen, nach einem tüchtigen Marsch oder einer Fahrt über den See, ist ein Genuß, der alle Sinne gefangen nimmt; nur muß man freilich die Eigenart des Platzes kennen und beispielsweise wissen, daß hier nureinesgetrunken werden darf: eine Werdersche.

Mit der Werderschen, und wir treten damit in eine bukolische Betrachtung ein, ist es nämlich ein eigen Ding. Sie ist entwederzu jung, oder zu alt, entweder so phlegmatisch, daß sie sich nicht rührt, oder so hitzig, daß sie an die Decke fährt; in Baumgartenbrück aber steht sie im glücklichen Mittelpunkt ihres Lebens; gereift und durchgeistigt, ist sie gleich weit entfernt von schaler Jugend, wie von überschäumendem Alter. Die Werdersche hier hat einen festen, drei Finger breiten Schaum; feinfarbig, leicht gebräunt, liegt er auf der dunkeln und doch klaren Flut. Der erste Brauer von Werder ist Stammgast in Baumgartenbrück; er trinkt die Werdersche, die er selber ins Leben rief, am besten an dieser Stelle. Er ist wie ein Vater, der seinen früh aus dem Hause gegebenen Sohn am Tisch eines Pädagogen wohlerzogen wiederfindet.

Baumgartenbrück, trotz des Verkehrs, der an ihm vorüber gleitet, ist ganz ausgesprochen ein stiller, lauschiger Platz; vor allem kein Platz prätentiöser Konzerte. Kein Podium mit Spitzbogen-Fassade und japanischem Dach stellt sich hier, wie eine beständige Drohung, in die Mitte der Versammlung hinein und keine Riesenplakate erzählen dem arglos Eingetretenen, daß er gezwungen sei, zu Nutz und Frommen eines Abgebrannten oder Überschwemmten zwei Stunden lang sich ruhig zu verhalten. Diese Ungemütlichkeiten haben keine Stätte unter den Bäumen von Baumgartenbrück.

Hier ist nur der böhmische Musikant zu Hause, der des Weges zieht und mit dem Notenblatt sammelt. Eben treten wieder ihrer sieben ein, stellen sich schüchtern seitwärts, und wohl wissend, wie gefährlich jedes Zaudern für sie ist, beginnen sie sofort.Il Baccioeröffnet den Reigen. Wohl ist es hart. Die Posaune, mit beinah künstlerischem FesthalteneinesTones, erinnert an das Nachtwächterhorn alter Tage; die Trompete kreischt, der Triangel bimmelt erbärmlich. Wie immer auch, seid mir gegrüßt! —

Wenn ich dieser alten Gestalten mit den schadhaften Bärten und den verbogenen Käppis ansichtig werde, lacht mir immer das Herz. Nicht aus Sentimentalität, nicht weil sie mich an Jugendtage erinnern, sondern weil sie so bequem, so harmlos sind, während der moderne Künstler, nach eigner Neigung und vor allem auch durch die feierliche Gutheißung des Publikums, sichmehr und mehr zu einem Tyrannen der Gesellschaft aufgeschwungen hat. Du bist irgendwo in ein Gespräch verwickelt, nehmen wir an in das unbedeutendste von der Welt, über Drainierung, oder Spargelzucht, oder luftdichte Ofentüren; niemand verliert etwas, der von diesem Gespräche nichts hört, aberDirund Deinem Nachbar gefällt es, euch beiden ist es lieb und wert, und ihr treibt behaglich auf der Woge der Unterhaltung. In diesem Augenblick stillen, harmlosen Glückes gibt irgend ein dicker oder dünnerprimus inter paresmit seiner silbernen Klappentrompete ein Zeichen und verurteilt Dich ohne weiteres zum Schweigen. Willst Du nicht darauf achten, so wirst Du gesellschaftlich in den Bann getan: Dumußtzuhören, Du mußt die „lustigen Weiber von Windsor“ sich zum zehnten Male zanken, oder gar die Prinzessin Isabella zum hundertsten Male um „Gnade“ rufen hören. Nichts hilft dagegen. Wie anders diese echten und unechten Bergmanns-Virtuosen! Sie blasen drauf los, alle Kinder sind entzückt, Du selber folgst lachend den stolpernden Dissonanzen und hast dabei das süße Gefühl bewahrter persönlicher Freiheit. Die allgemein anerkannte künstlerische Unvollkommenheit wird zum rettenden Engel.

Baumgartenbrück ist noch ein Platz dieser Freiheit.

Aber was dauernd hier fesselt, weit über das beste Bier und die bescheidenste Musik hinaus, das sind doch die Gaben der Natur, das ist — wir deuteten es schon an — die seltene Schönheit des Platzes. Es ist eine „Brühlsche Terrasse“ am Schwielow-See. Bastionartig springt ein mit Linden und Kastanien dicht bestandener Uferwall in den See hinein, und so viele Bäume, so viele Umrahmungen eines von Baum zu Baum wechselnden Panoramas. Welche Reihenfolge entzückender Bilder! Man sitzt wie auf dem Balkon eines Hauses, das an der Schmalseite eines langen Squares gelegen ist, und während das Auge über die weite Fläche des oblongen Platzes hingleitet, zieht unmittelbar unter dem Balkon das Treiben einer belebten Straße fort. Der Platz ist der Schwielow-See, die belebte Straße ist die Havel, deren Fahrwasser an dem Quai vorüber und durch die unmittelbar zur Rechten gelegene Brücke führt.

Ist es hier schön zu allen Tageszeiten, so waltet hier ein besonderer Zauber um die sechste Stunde; dann schwimmen, kommend und gehend, aus dem Schwielow hinaus und in den Schwielow hinein, aber alle von der Abendsonne beschienen, die Havelkähne in ganzen Geschwadern heran und zwischen ihnen hindurch gleitet von Werder her der obstbeladene Dampfer. Die Zugbrücke steigt und fällt in beständigem Wechsel, bis mit dem Niedergehen der Sonne auch der Verkehr zu Ende geht.

Nun dunkelt es. In den Lindenlauben werden die Lichter angezündet und spiegeln im See. Noch hallt dann und wann ein Ruf herüber, oder ein Büchsenschuß aus dem Fercher Forst her rollt im Echo über den See; — dann alles still. Die Lichter löschen aus, wie die Glühpunkte in einem niedergebrannten Papier. Ein Huschen noch hier hin, dort hin; nun verblitzt das letzte.

Nacht liegt über Baumgartenbrück und dem Schwielow.

I do not set my life at a pin’s fee;By heaven, I’ll make a ghost of him that hinders me:I say, away!Hamlet

I do not set my life at a pin’s fee;By heaven, I’ll make a ghost of him that hinders me:I say, away!

I do not set my life at a pin’s fee;

By heaven, I’ll make a ghost of him that hinders me:

I say, away!

Hamlet

Etwa tausend Schritt hinter Baumgartenbrück, und zwar landeinwärts, liegt Alt-Geltow.

Wenn es auch bezweifelt werden mag, daß die „alte Bomgarde“, die dem heutigen Baumgartenbrück den Namen gab, wenigstens soweit dasSprachlichein Betracht kommt, bis in die slavische Zeit hinauf zu verfolgen ist, so haben wir dagegen in Alt-Geltow ein unbestritten wendisches Dorf. Die ältesten Urkunden tun seiner bereits Erwähnung und es nimmt seinen Platz ein unter den sieben alten Wendendörfern der Insel Potsdam: Bornim, Bornstädt, Eiche, Golm, Grube, Nedlitz und Gelte. Diese letztere Schreibweise, ursprünglich Geliti, ist die richtigere. Geltow indes ist der übliche Name geworden.

Die Geschichte des Dorfes geht weit zurück; aber die schon erwähnten Urkunden, von denen die älteste aus dem Jahre 933 stammt, sind dürftigen Inhalts und lassen uns, von kleinen Streitigkeiten abgesehen, nur das eine erkennen, daß erst die FamilieHellingsvon Gelt, dann die Gröbens, dann die Hakes ihren Besitz hier hatten. 1660 gingen Dorf und Heide an den Großen Kurfürsten über und gehörten seitdem zu den vielen Besitzungen des Kurfürstlichen, beziehungsweise Königlichen Hausesin der Umgegend von Potsdam. 1842 wurde die Heide zur Erweiterung des Wildparks benutzt.

Geltow war immer arm; dieser Charakter verblieb ihm durch alle Zeiten hin, und die schlichten Wände seiner Kirche, deren wir eben ansichtig werden, mahnen nur zu deutlich daran, daß die Pfarre, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, zweihundert Taler trug.

Wir schreiten zunächst über einen Grabacker hin, der seit zwanzig oder dreißig Jahren brach liegt und eben wieder anfängt, aufs neue bestellt zu werden. Zwischen den eingesunkenen Hügeln wachsen frische auf; diese stehen in Blumen, während wilde Gerste über die alten wächst.

Es ist spät Nachmittag; der Hollunder blüht; kleine blaue Schmetterlinge fliegen um die Gräber; ein leises Bienensummen ist in der Luft; aber man sieht nicht, woher es kommt.

Die Kirchtür ist angelehnt; wir treten ein und halten Umschau in dem schlichten Raume: weiße Wände, eine mit Holz verschlagene Decke und hart an der Giebelwand eine ängstlich hohe Kanzel, zu der eine steile, gradlinige Seitenstiege führt.

Und doch das Ganze nicht ohne stillen Reiz. Krone neben Krone; gestickte Bänder, deren Farben halb oder auch ganz verblaßten; dazwischen Myrten- und Immortellenkränze im bunten Gemisch. Das Ganze ein getreues Abbild stillen dörflichen Lebens: er ward geboren, nahm ein Weib und starb.

Es ist jetzt Sitte geworden, die Kirchen dieses Schmuckes zu berauben. „Es sind Staubfänger“, so heißt es, „es stört die Sauberkeit“. Richtig vielleicht und doch grundfalsch. Man nimmt den Dorfkirchen oft das Beste damit, was sie haben, vielfach auch ihr — Letztes. Die buntbemalten Fenster, die großen Steinkruzifixe, die Grabsteine, die vor dem Altar lagen, die Schildereien, mit denen Liebe und Pietät die Wandpfeiler schmückte, — sie sind alle längst hinweg getan; „sie nahmen das Licht“, oder „sie waren zu katholisch“, oder „die Fruen und Kinner verfierten sich“. Nur die Braut- und Totenkronen blieben noch. Sollen nun auchdiesehinaus? Soll alles fort, was diesen Stätten Poesie und Leben lieh? Was hat man denn dafür zu bieten? Diese Totenkronen, zur Erinnerung an Heimgegangene, waren namentlichdem aufs Saubere und Ordentliche gestellten Sinn Friedrich Wilhelms III. nicht recht. In den Dorfkirchen, wo er Sonntags zum Gottesdienste erschien, duldete er sie nicht. Er gestattete aber Ausnahmen. Pastor Lehnert in Falkenrehde erzählt: Eine alte Kolonisten-Witwe in meiner Gemeinde verlor ihren Enkel, den sie zu sich genommen und erzogen hatte, und der ihr ein und alles war. Sie ließ eine reich mit Bändern verzierte Totenkrone anfertigen und begehrte, solche neben ihrem Sitze in der Kirche aufhängen zu dürfen, „weil sie sonst keine Ruhe und keine Andacht mehr habe“. Pastor Lehnert gab nach. Der König, bei einem nächsten Kirchenbesuche von Paretz aus, bemerkte die Krone und äußerte sich mißfällig; als ihm aber der Hergang mitgeteilt wurde, fügte er hinzu: „Will der Frau ihre Ruhe und Andacht nicht nehmen.“ — Solche Fälle, wo „Ruhe und Andacht“ eines treuen und liebevollen Herzens an einem derartigen, noch dazu höchst malerischen Gegenstande hängen, sind viel häufiger, als nüchterne Verordnungen Unbeteiligter voraussetzen mögen.

Die Alt-Geltower scheinen so empfunden zu haben und haben ihren besten Schmuck zu bewahren gewußt. Die Giebelwand, an der sich Kanzel und Kanzeltreppe befindet, ist ganz in Kronen und Kränze gekleidet, im ganzen zählte ich siebenzig, und dazwischen hängen jene bekannten, schwarz und weißen Tafeln, an deren Häkchen die Kriegsdenkmünzen aus der Gemeinde ihre letzte Stätte finden. Die eine Tafel erzählte von 1813; auf der andern las ich Folgendes: „Aus diesem Kirchspiel starben im Befreiungskriege für ihredeutschen Brüderin Schleswig-Holstein:

F. W.Kupfer, gef. vor Düppel am 17. März 1864;

Carl Wilh. Lüdeke, gestorben an seinen Wunden im Lazarett zu Rinkenis am 22. März 1864.

Vergiß die treuen Toten nicht.“

Das Jahr 1866 schien ohne Opferforderung an Alt-Geltow vorüber gegangen zu sein. Aberjetzt! Manch neuer Name wird sich zu den alten gesellen.

In der Kirche hatte sich ein Mann aus dem Dorfe, ich weiß nicht, ob Lehrer oder Küster zu uns gefunden. „Nun müssenSie noch dieMeusebachsche Begräbnisstätte sehen“, so sagte er. Wir horchten auf, da wir von einer solchen Begräbnisstätte nie gehört hatten, folgten dann aber unserm neu gewonnenen Führer, bis wir draußen an einen Vorsprung gelangten, eine Art Bastion, wo der Kirchhofshügel steil abfällt. Hier, an höchster Stelle, die einen Überblick über das Dorf und seine Gärten gestattet, bemerkten wir nunmehr einen eingefriedigten, mit Eichen und Zypressen umstellten Platz, dessen schlichtes, mit Convolvulus und wildem Wein umranktes Gitter drei Efeugräber einschloß. In ihnen ruhten Vater, Mutter, Sohn. Die letzten ihres Namens. Das Ganze wirkte durch seine große Einfachheit.

Der Vater, Karl Hartwig Gregor Freiherrvon Meusebach, lange Zeit Präsident des Rheinischen Kassations- und Revisionshofes, war ein Kenner der deutschen Literatur, zugleich ein Sammler ihrer Schätze, wie kaum ein zweiter. Wir finden über ihn Folgendes: „Seine bibliographischen Bestrebungen umfaßten das ganze Gebiet von Erfindung der Buchdruckerkunst bis auf die Gegenwart, doch so, daß er demVolks-undgeistlichen Liede, den Schriften Luthers, vor allen aberFischarts, so wie den nach seiner Meinung zu sehr verachteten und vergessenen Schriftstellern des 17. Jahrhunderts einen gewissen Vorrang zugestand. Alle erheblich scheinenden Bücher, welche seine scharfsinnigen Untersuchungen ihn kennen gelernt hatten, suchte er zu erwerben. So gedieh seine Bibliothek zu einer seltenen Vollständigkeit und zu einem fein gegliederten inneren Zusammenhange.“

Von 1819 an lebte er in Berlin, wenn ich nicht irre in einem der Häuser, die bei dem Neuen-Museums-Bau verschwunden sind. Hier besuchte ihn anfangs der zwanziger Jahre Hoffmann von Fallersleben, der über diesen Besuch in seinen „Aufzeichnungen und Erinnerungen“ berichtet.

„Schon in Koblenz hatte ich viel gehört von einem Herrn von Meusebach, der von dort aus als Geheimer Rat an den Rheinischen Kassationshof in Berlin versetzt worden sei.

Er besitze, so hieß es, eine große Bibliothek, reich an altdeutschen Werken, sei ein großer Kenner und immer noch ein eifriger Sammler. Ich erfuhr bald seine Wohnung: er wohnte in dem Hause der Frau Friedländer hinter der kleinen Brücke,die über den Kupfergraben auf den Museumsplatz und die Neue Friedrichsstraße zuführte. Ich ging eines Morgens zwischen neun und zehn Uhr hin, ließ mich anmelden, wurde aber abgewiesen. Ich wiederholte noch zweimal meinen Besuch; immer aber hieß es: ‚der Herr Geheime Rat schläft noch.‘ Ich ließ mich nicht abschrecken und versuchte es zum vierten Male, aber erst um elf Uhr. Diesmal hatte ich sagen lassen, der Herr von Arnim habe mich ja schon angemeldet. Nach einiger Zeit kehrte der Bediente zurück: ich möchte eintreten.

Herr von Meusebach war in eifrigem Gespräch begriffen mit Frau von Savigny, begrüßte mich, ließ mich stehen und setzte sein Gespräch fort. Frau von Savigny war so gesprächig, daß sich gar kein Ende absehen ließ. Endlich nach einer Viertelstunde war der Born ihrer Beredtsamkeit versiegt und sie empfahl sich.

Meusebach wendete sich nun an mich. Ich sprach einfach aus, was ich von ihm wünschte, nämlich seine Bücher zu sehen. Das gefiel ihm. Ehe er mir aber etwas zeigte, öffnete er die Tür zur Bibliothek und holte links aus der Ecke zwei gestopfte Pfeifen und bot mir die eine an. Als wir so recht damit im Zuge waren, schloß er eine Tapetentür auf; in diesem unbemerkten Wandschrank wurden die Lieblingsbücher und kostbarsten und seltensten aufbewahrt. Zuerst zeigte er mir das Luthersche Gesangbuch von 1545. ‚Was sagen Sie dazu?‘ Ich freute mich, staunte, bewunderte. Es folgte nun eine ganze Reihe derartiger Bücher, die ich alle noch nie gesehen hatte. Die Bücherschau dauerte bereits über anderthalb Stunden, da trat Friedrich der Bediente ein: ‚Herr Geheime Rat, es ist angerichtet.‘ Das störte uns nicht, wir fuhren in unserem angenehmen Geschäfte fort. Friedrich kam wieder: ‚Herr Geheime Rat, das Essen steht schon längst auf dem Tische.‘ ‚Gut. Nun kommen Sie mit.‘ Ich hatte früher nie Sauerkraut essen können, heute schmeckte es mir vortrefflich, sowie der leichte Moselwein (einen andern führte der Herr Geheime Rat nicht). Frau von Meusebach lachte, daß ich es heute so schön getroffen hätte. Die Unterhaltung war sehr heiter. Ich erzählte allerlei hübsche Geschichten so unbefangen, als ob ich in einem Kreise alter lieber Freunde mich befände.

Nach Tische begaben wir uns wieder an unsern Wandschrank. Als der Kaffee kam, holte ich mir selbst eine frisch gestopfte Pfeife, — Friedrich mußte immer an die dreißig wohlgereinigt und gestopft im Gange erhalten. Meusebach ergötzte sich sehr, daß ich schon so gut Bescheid wußte.

Wir begannen von neuem die Bücherschau. Es wurde Licht angezündet, wir setzten uns. Jetzt kamen die Liederbücher und dieFischartianaan die Reihe. Meine Freude steigerte sich. Der Tee wurde gebracht. Frau von Meusebach kam mit ihren Kindern. Das störte uns weiter nicht. Wir unterhielten uns und besahen Bücher; Tee und Essen war Nebensache. Die Kinder gingen wieder fort, Frau von Meusebach folgte bald nach, wir waren wieder allein. Eine frische Pfeife wurde angebrannt. Es war bereits spät. Ich wollte nach Haus, mußte aber bleiben. Es wurde zwölf, es wurde eins. Immer noch kein Ende. Da kam Meusebach auf meine ‚Liederhandschrift‘, die ich das Glück gehabt hatte auf einem Trödel in Bonn zu entdecken, zu sprechen und meinte, es wäre hübsch, wenn er das Buch mal sehen könnte. Das „Sehen“ verstand ich recht gut und beschloß bei mir, es ihm zu Weihnachten zu verehren. Endlich um halb zwei schieden wir und waren nachfünfzehntehalbStunden erster Bekanntschaft beide recht frisch und vergnügt. Ich mußte versprechen, meinen Besuch bald zu wiederholen, und es fiel mir denn auch nicht im geringsten schwer, recht bald Wort zu halten.“

Gegen Ende seines Lebens hin empfand Meusebach immer tiefer das Bedürfnis, ungestört seinen Studien leben zu können. Er gab seine hohe richterliche Stellung auf (1842) und zog sich nun nachAlt-Geltowzurück. Mit ihm ging seine Bibliothek. Aber nicht lange mehr hatte er sich dieser Muße zu freuen. Er starb am 22. August 1847. Seine Bibliothek, ein Schatz, wurde 1849 seitens der preußischen Regierung erstanden und der Berliner Bibliothek einverleibt.

Hatte der Vater der stillen Welt seiner Bücher angehört, so gehörte der Sohn (seiner äußeren Stellung nach ebenfalls Jurist) um so voller der Außenwelt, dem Markt des Lebens an. Er war in eminentem Sinne ein „Lebemann“, geistreich, schlagfertig, eine feine und spitze Zunge zugleich. Die März-Ereignissezogen ihn in die Politik; sein berühmter Ausspruch: „ich rieche Leichen,“ womit er in den Oktobertagen desselben Jahres auf die Tribüne trat, ist unvergessen geblieben und ein geflügeltes Wort geworden. Die fünfziger Jahre sahen ihn im diplomatischen Dienst, erst als Generalkonsul in den Donaufürstentümern, dann als Gesandten in Brasilien. Seine Wunderlichkeiten wuchsen. 1854 in Giurgewo war er im türkischen Kugelregen nicht nur spazieren gegangen, sondern hatte seinen Rattenfänger auf das Apportieren von Sprengstücken abgerichtet; acht Jahre später in Rio verfiel er dem Wahnsinn. Seine Lebensweise hatte die angeborene Exzentrizität unterstützt. „Champagner in Eis“ war sein steter Begleiter und seine oft abgegebene Versicherung, „daß er seines Vaters Bibliothek in denKellergetragen habe,“ war nur allzu richtig. So konnte die Katastrophe kaum ausbleiben. Eine reich angelegte Natur ging in ihm zu Grunde.

Daß ich Gräbern wie diesen auf dem Geltower Kirchhofe begegnen würde,derGedanke hat mir fern gelegen. Ich las die einfachen Zuschriften, nahm ein Efeublatt vom Grabe des Vaters und stand noch immer wie im Bann dieser Stätte.

Unser Führer endlich löste ihn. „Da drüben ist noch ein Grab, das Sie sehen müssen.“ — Zugleich brach er auf und gab uns dadurch das Zeichen, ihm zu folgen.

Ein dichtes Fliedergestrüpp hatte uns wie ein Kulisse von dem eigentlichen Kirchhof, der jetzt, wie erwähnt, seinezweiteBestellzeit hat, getrennt, und wir standen nunmehr, nachdem wir das Gestrüpp glücklich durchbrochen, vor einer kleinen Gräberreihe, die das solange brach gelegene Feld neu zu durchziehen begann. Eines der Gräber war besonders gehegt und gepflegt: ein Gartenbeet mit Rosen und Nelken, mit Levkojen und Heliotrop dicht überwachsen. Zu Häupten des Grabes stand ein Kreuz, dahinter hohe Malven. Die Inschrift lautete: „Hier ruhet in GottJohann Schupke, geboren den 1. Februar 1822, gestorben den 30. November 1865. Jesaias Kapitel 57 Vers 2: ‚Und die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern.‘“

Die Sonne war am Untergehen; die schönste Zeit des Tages zumal für eine märkische Landschaft. Wir ließen deshalb dieGräber, unterbrachen unser Gespräch und stiegen die Kirchturmtreppe hinauf, um uns, nachdem wir die Luken geöffnet, der im Golde daliegenden Schwielow-Ufer zu freuen. Wie schön! Hier oben erst erneute sich das Gespräch. „Ja, von unserm Schupke wollt’ ich erzählen“, so hob unser Führer an. Ich nickte zustimmend.

Gott hab’ ihn selig, das war ein Mann und durch schwere Schulen war er gegangen! Wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Und das muß ich sagen; wenn der Himmel je einen preußischen Förster lieb gehabt hat, dann hat er Schupken lieb gehabt.

War er ein Alt-Geltower? fragte ich, um wenigstens etwas von Teilnahme auszudrücken.

Da seh ich, daß Sie ihn nicht gekannt haben. Er war ein Schlesier, aus dem Riesengebirge oder so herum, und sprach das Rübezahl-Deutsch bis an sein seliges Ende. Nie ist ein reinesaüber seine Lippe gekommen.

Wie kam er denn in diese Gegenden?

Wie so viele andere hierherkommen. Er wurde nicht lange gefragt. Sie hoben ihn aus, und ein schmucker Junge, wie er war, nahmen sie ihn zur Garde. Er stand bei den Jägern.

Und durch schwere Schulen ist er gegangen, sagten Sie?

Das will ich meinen! Lassen Sie sich erzählen. Der grüne Jägerrock sticht in die Augen; grün geht noch über blau; kurz und gut, Schupke wurde ein glücklicher Liebhaber. Der Himmel hing ihm voller Geigen. Ob er das Mädchen heiraten wollte, weiß ich nicht, aber sie hielt zu ihm, und eines Tages, der Böse hatte sein Spiel, schenkte sie ihm Uhr und Kette. Eine goldene Uhr. Es sei ein Erbstück; ein Onkel von ihr sei gestorben.

Das hätte nun unsern Schupke wohl stutzig machen sollen; aber der Mensch ist eitel, und wenn er hübsch ist und erst zweiundzwanzig Jahr, dann ist er’s doppelt, kurzum Schupke nahm die Uhr und freute sich dran; die kleine goldene Kette paradierte zwischen dem dritten und sechsten Knopf, und wenn ihm ein Gedanke durch den Kopf ging, so dachte er: „es sterben so Viele; warum soll er nicht gestorben sein?“

Es sterben so viele Onkel, aberihrOnkel, des Mädchens Onkel warnichtgestorben und schon am andern Tage hieß es:des alten Wolffenstein goldene Uhr wird vermißt, Uhr und Kette; und eine Stunde später hieß es: man weiß, wer sie hat; sie hat es gestanden.

Das ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt; es kam auch in die Jäger-Kaserne. Schupke wurde leichenblaß. Ein unbescholtener Mann, makellos, aller Leute Liebling, — und nun entehrt. „Ich hab’ es nicht gewußt“; aber wer hätte es geglaubt? Der Schein war gegen ihn. Es schüttelte ihn am ganzen Leibe; er riß das Fenster auf, um wieder frei zu atmen; es half nichts; ein furchtbares Anklagewort gellte ihm vor den Ohren; er hörte das Ticken der unglückseligen Uhr auf seiner Brust; er tat sie weg — es tickte noch.

Esmußtesein; er nahm seine Büchse und ging hinaus.

Aber das Leben ist süß. Er irrte draußen umher, erst an der Havel hin, dann links in den Forst hinein. „Jetzt!“ Er riß seinen Rock auf. Nein, noch nicht. So vergingen Stunden.

Wo ist Schupke? hieß es derweilen in der Kaserne. Man öffnete seinen Schrank. Da lagen Uhr und Kette. Man sah auf den Büchsenstand.EineBüchse fehlte; Schupkes. Alles war klar.

Der Hauptmann seiner Kompagnie, Graf Schlieffen, warf sich aufs Pferd. Der Weg war wie vorgeschrieben. Er sagte sich: ein Jäger ist in denWaldgegangen. Fünfhundert Schritt hinter dem Schützenhause begegnete ihm ein Mann, der Reisig auf seiner Karre heimkarrte. „Guten Tag, Papa, habt Ihr nicht einen Gardejäger hier herum gesehen?“

„Woll, den hebb ick sehn. Reitens man to, Herr Hauptmann. Met den Jäger is et nich richtig. Ick kaek upp’n Kirchhof. Do läg he an een von de Gräbers up sine Knie, un ick hürte, wie he lies’ beden und spreeken deih. Un denn legt he sinen Kopp up det Grab, immer deeper int Gras. Mit den Jäger is et nich richtig. Reitens man to, Herr Hauptmann.“

Also doch. Graf Schlieffen jagte vor. In einer Minute hielt er an dem halb angelehnten Torflügel. Da lag der Gardejäger noch auf seinen Knien, wie der Reisigsammler erzählt hatte, und betete. Schupke! rief der Graf.

Schupke sprang auf und griff nach seiner Büchse. Er sah wie gestört aus; dann winkte er mit der Hand, wie um anzudeuten: der Graf solle ihn nicht stören.

Der aber ritt näher. Schupke winkte noch einmal. Als der Graf auch jetzt noch weiter vorritt, legte Schupke die Büchse an die Schulter: Zurück, Herr Hauptmann, oder ich schieße!

Der Graf hielt; — ein Gardejäger trifft seinen Mann. So war Zeit gewonnen. Im nächsten Augenblick aber fiel ein Schuß. Schupke hatte sich in die Brust geschossen.

Auf einer Bahre trugen sie ihn heim. Er schien ein Sterbender. Aber die Jugend war stärker als der Tod. Drei Jahre lang lag er im Lazarett, die Kugel hatte ihm ein Stück Tragband mit in die Lunge gejagt; dann stand er auf und war ein genesener Mann. Kein Mensch in Potsdam sprach von dem, wasvorhergegangen war; in Mitleid war jede andere Betrachtung untergegangen; jeder hatte ein tiefes Mitgefühl für den Mann von Ehre, der die leise Schuld, die ihn traf, mit seinem Blute bezahlt hatte. Er verließ das Lazarett und wurde Förster in der Pirschheide. Hier, wo die Lichtung ist, dort stand sein Haus.

Das Trauerspiel war aus; das Idyll begann. Er schloß eine glückliche Ehe, und ehe zehn Jahr ins Land gegangen waren, war er eine „Figur“ in Havelland und Zauche. Er trat wie ein Sonnenschein in jeden Kreis; jedes Gesicht wurde heiterer, die Kinder liefen ihm entgegen und reichten ihm die Hand. Er hatte die glücklichste Mischung: einen festen Sinn und ein freundliches Herz.

So lebte er in unserer Mitte, unseres Dorfes Stolz, sich und andern zur Freude. Aber er sollte nicht zu hohen Jahren kommen. Eines Morgens — alle Dächer lagen in Reif und die Sonne stand wie eine rote Kugel über den Bäumen, — da lief es von Haus zu Haus: Schupke ist tot. Es war nur allzu wahr.

Er hatte einen eigenen Tod gehabt. Einen etwas engen Stiefel mit Gewalt anziehend, war eines der vernarbten Blutgefäße wieder geplatzt und der Erguß in die Lunge hatte seinem Leben ein Ziel gesetzt.

Drei Tage später haben wir ihn begraben. Keiner fehlte. Es waren herzliche Tränen, die auf sein Grab fielen. Die Pirschheide hatte keinen bessern Mann gesehen.

So erzählte unser Führer. Die Sonne war inzwischen untergegangen; wir gaben unsern Lukenplatz auf und stiegenhinunter. Ein weißer, kaum fußhoher Nebel zog über den Kirchhof hin, und hüllte die Gräber ein; aber die Kreuze ragten hell darüber hinaus und auf der goldenen Inschrift des einen lag es wie ein letzter Schimmer.

Seit drei Menschenaltern schöpft ihrAus dem Meere dieser Weisheit;Habt ihr keinen Tropfen, laßt michWissen trinken, denn mich dürstet.Scherenberg(Der letzte Maurenkönig)

Seit drei Menschenaltern schöpft ihrAus dem Meere dieser Weisheit;Habt ihr keinen Tropfen, laßt michWissen trinken, denn mich dürstet.

Seit drei Menschenaltern schöpft ihr

Aus dem Meere dieser Weisheit;

Habt ihr keinen Tropfen, laßt mich

Wissen trinken, denn mich dürstet.

Scherenberg(Der letzte Maurenkönig)

Es dämmerte und die ersten Sterne zogen blaß herauf, als wir unsern Heimweg antraten. Unser Spezialführer auf dem Alt-Geltower Kirchhof blieb zurück. Welche Gegensätze hatten eben zu uns gesprochen! Ein gelehrter, bienenfleißiger Sammler; ein Lebemann, „der die Bibliothek seines Vaters in denKellertrug“, und als Dritter ein Parkhüter, der in den Bäumen seines Wildparks so gut Bescheid wußte, wie sein Nachbar in seinen Büchern. Ein schlichtes Dasein, diese Parkhüter-Existenz, und doch war der blutige Ernst des Lebens erschütternder an sie herangetreten, als an das Leben dessen, der im Granatregen von Giurgewo spazieren gegangen war und dreizehn Duelle als Gesandter in Rio auf einmal kontrahiert hatte.

So plauderten mein Gefährte und ich, bis die wechselnde Szenerie unserm Gespräch eine andere Richtung gab. Wir hielten immer noch die Dorfstraße inne; aber das Dorf selbst schien ein anderes geworden, und in der Tat waren wir ausAlt-Geltow inNeu-Geltow hineingeraten. Der Unterschied war so groß, daß er sich uns aufdrängen mußte. Der dörfische Charakter hatte aufgehört, Sommerhäuser waren an seine Stelle getreten; klein, einstöckig, aber von großer Sauberkeit, und überall da, wo ein Vorgarten war oder wo sich Caprifolium- und Rosenbüsche umTür und Fenster zogen, voll Anmut und malerischem Reiz. In Front der Häuschen standen gedeckte Tische: Kabaretts, Fruchtschalen mit Erd- und Himbeeren gefüllt, Milchsatten und geriebenes Schwarzbrot, während in der Mitte der dichtbesetzten Tafel ein Tee-Apparat und eine Milchglas-Lampe aufragte, deren Flamme ohne jegliches Flackern brannte. Denn kein Luftzug ging. Dies Bild wiederholte sich von Haus zu Haus, und ihre Gesamtheit erinnerte mich lebhaft an kleine Ostsee-Badeörter, wo an Juli-Abenden die Binnenländischen von Spree und Havel in Front der Schiffer- und Lotsen-Häuser sitzen und sich an Blaubeeren mit Milch erlaben, während irgend eine Flagge oder ein roter Wimpel von dem Frontgiebel des Hauses niederhängt.

Die Szenerie dieselbe, aber nicht die Menschen. Während in jenen Badeörtern dasWeiblicheprävaliert und die scharf akzentuierten Laute, die jetzt Agathen und Elisen, jetzt Helenen und Klementinen zur Ordnung rufen, schon auf dreißig Schritt keinen Zweifel darüber lassen, daß hier eine Residenzmutter sich niedergelassen hat, — wir sagen, während dasWeibliche, die Glucke mit den Küchlein, die Signatur jener baltischen Badeplätze ist, herrscht hier dasMännlichebis zu einem Grade vor, daß man Neu-Geltow als ein ausgebautes Mönchskloster bezeichnen könnte, als eine Benediktiner-Genossenschaft, deren Zellen in Gestalt kleiner Häuschen neben einander gestellt worden sind.

Ich habe diese Auswahl unter den Mönchsorden mit gutem Vorsatz getroffen, denn die Benediktiner sind die Studier-Mönche und was hier in diesen Neu-Geltower Zellen haust und wohnt, das sind in der Tat Wissenschafts-Beflissene, das sind junge Männer, die sich an dieser stillen, abgelegenen Stelle „Studierens halber“ aufhalten.

Es hat damit folgende Bewandtnis.

In Preußen (wie in China) ist nichts ohne Examen! Alle Examina sind Klippengrund, besonders die juristischen. Aber wenn schon das Examen desGerichts-Assessors den gefürchteten „Needles“ entspricht, in deren Umkreis die Schiffe zu Hunderten liegen, so entspricht das Examen desRegierungs-Assessors den Goodwin-Sands, wo die Mastspitzen der Verlorengegangenen so dicht aufragen, wie die Kreuze auf einem großstädtischen Kirchhof.

Solche und ähnliche Betrachtungen mochten es sein, die vor etwa zwanzig Jahren einenDr.Förstermann anspornten, der bedrängten Menschheit zu Hilfe zu eilen. Dem Plan folgte die Ausführung. In das schöne, beinah schloßartig gelegene Haus des alten Meusebach zog der junge Doktor ein; die Bibliothekzimmer wurden zu Klassen und Auditorien, und ein Institut entstand, das sich, „einem tiefgefühlten Bedürfnis entsprechend,“ rasch emporarbeitete und die Zahlen und Tabellen der Schiffbruch-Statistik erheblich reduzierte, während Neu-Geltow mehr und mehr jenen Klostercharakter annahm, den wir vorstehend bezeichnet haben. Auch ein Gelübde hatten die Eintretenden zu leisten; keins der drei großen, am wenigsten das der Armut, wohl aber daseine: jede der beim Examen an sie gerichteten Fragen gewissenhaft zu notieren und mitzuteilen. Diese Fragen, nunmehr Eigentum des Instituts, wurden in das goldene Buch des Hauses eingetragen und was in Upsala derCodex argenteus, oder in London die Tischendorfsche Bibel ist, das wurde im Förstermannschen InstitutCodex aureus. An ihm hing alles; er wog alles andere auf. Es war der Koran des Omar. „Wenn in anderen Büchern dasselbe steht, so sind sie überflüssig; wenn in ihnen etwas anderes steht, so sind sie unbrauchbar,gefährlich.“ Wie die Welt auf der Schildkröte ruht, so ruhte das Institut auf diesem Buch. Und doch kam es anders, alsDr.Förstermann gedacht hatte.

Die Zeit schritt vorwärts, Preußen mit, und mit ihm — seine Steuern. Ruhm war nie billig. AnDr.Förstermanns Tür klopfte die „Einschätzungskommission“, klopfte häufiger und immer stärker, und müde der drohenden Schraube ohne Ende, schloß er das Institut. Die Studiermönche von Neu-Geltow waren haupt- und führerlos. Der Orden schien seiner Auflösung nahe.

Aber er schien es nur. Ein junger begnadeter Referendarius, der noch nicht lange genug da war, um den Wald vor Bäumen nicht zu sehen, trat in den Kreis der bemoosten Häupter und sprach wie folgt: „Brüder! Ein Blitz aus heiterm Himmel hat unsern Orden getroffen. Wir sind wie gelähmt. Aber verloren ist nur, was sich selber verloren gibt. Ich schlage vor: gebenwir unsnichtverloren. (Beifall. Ironisches Lächeln.) Ich wiederhole: geben wir unsnichtverloren. Kommilitonen, wir haben das goldene Buch. (Nein, nein! ja, ja!) Wirhabendas goldene Buch. Wir haben nicht den toten Einband, (gut, gut!) aber wir haben alles, was lebendig an diesem Buche ist, wir haben — dieFragen. Wir kennen sie, sie sind uns gegenwärtig. Was soll uns die Aufzeichnung? Was soll uns das Geschriebene? Wir haben dieTradition. Wir sind führerlos, führen wir uns selbst. Der Staat,unserStaat über alles. ‚L’état c’est nous!‘“

Eine außerordentliche Bewegung hatte sich aller bemächtigt. „Das Ei des Kolumbus!“ riefen einige der Bemoosten. Man schüttelte sich die Hände, es war eine Szene wie auf der Rütli-Wiese; alte Gelübde wurden erneuert und was mehr ist, man hielt sie. Neu-Geltow blieb. Die villenartigen Häuschen, die, wenn derExodus Referendariorumeine Wirklichkeit geworden wäre, längst ihr zierliches Blütengerank mit Kürbis und Stangenbohnen vertauscht haben würden, verblieben in ihrem Rosen- und Geisblattschmuck, und nichts war geschehen als — die Verfassung war geändert. Die monarchische Spitze war abgebrochen, errungen war eine freie Schweiz.

Während wir über Dies und Ähnliches sprachen, hatten wir die letzten Häuser von Neu-Geltow erreicht, und müde vom Marschieren, dazu trocken in der Kehle, setzten wir uns auf eine am Ackerland liegende Walze, um hier aus freier Hand ein etwas verspätetes Vesperbrot einzunehmen. Ich richtete dabei allerhand Fragen an meinen Gefährten, der, wie sich der Leser aus früheren Kapiteln freundlich erinnern wird, diese Territorien zwischen Havel und Schwielow-See wie seine zweite Heimat kannte, und ließ mir unter immer wachsendem Interesse von den sozialen Zuständen dieser Kolonie erzählen, von Parteien und Gegensätzen, von Krieg und Frieden, von Reunions und Festlichkeiten und von den delikaten Beziehungen zwischen Wirten und Mietern.

„Diese Beziehungen,“ so nahm der Gefährte eingehender das Wort, „sind sehr gut, wie Sie sich denken können; es wird hier studiert, aber es wird doch auchgelebt, und überraschlich ist mir immer nur dasEineerschienen, daß, bei aller persönlichenHinneigung zu der unter ihnen weilenden jungen Rechts- und Regierungs-Welt, die Hauswirte und Villenbesitzer, die Autochthonen von Neu-Geltow, eine entschiedene Vorliebe für höchst unjuristische Aushilfen an den Tag legen. Ob die in den Zimmern ihrer Mieter aufgehäuften Wälzer und Pandektenstöße die Frage in ihnen angeregt haben: ‚wer soll da Recht finden?‘ — gleichviel, es ist eine Tatsache, daß sie eine Art Passion für dasaide toi mêmeund für ein ‚abgekürztes Gerichtsverfahren‘ haben.“

„Sehen Sie hier drüben das Haus neben dem Eiskeller?“ fuhr mein Reisegefährte fort. Ich nickte. „Nun gut; in dem zweiten Hause dahinter, mit den Jalousien und der kleinen Veranda, wohnen zwei Brüder, Kaufleute ihres Zeichens, die sich aus den Geschäften wohl oder übel zurückgezogen haben und als Zimmervermieter und Hoteliers kleineren Stils in der frischen Luft von Neu-Geltow das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden trachten. Sie heißen Robertson, erzählen von einem rätselhaften Urgroßvater, der aus Schottland hierher verschlagen wurde, und ihre Sofas mit Tartan in den Clan-Farben der Robertsons überzogen. Ihre Vornamen sind Wilhelm und Robert, wobei jener, wenn es sich darum handelt ‚to do the honors for all Scotland‘ im Vorteil ist, indem er sich beliebig aus einem Wilhelm in einen William umwandeln kann, während der jüngere durch eine Art Sprachtücke unter allen Umständen ein Robert bleibt. Er hat dafür den Vorzug der Alliteration und eines gewissen Skandinavismus: Robert Robertson.

Sie müssen diese Abschweifung meiner Erzählung verzeihen. Aber die beiden Brüder sind eben die Helden meiner Geschichte, und wenn es auch eine bekannte Sache ist, daß man seine Lieblingsfiguren am besten durch Tatsachen schildert, so werden Sie doch eine kurze Charakterisierung gelten lassen.

Robert, zu der Zeit, wo meine Geschichte spielt, hatte die linke, Wilhelm die rechte Seite des Hauses inne. Sie können deutlich die Giebelfenster des Letzteren sehen. Es war an einem frischen Oktobermorgen, die Sonne war noch nicht heraus, als Robert an die Jalousien von seines Bruders Schlafzimmer pochte. Dieser ließ nicht lange auf sich warten und öffnete: ‚Wilhelm, sie sind bei Dir eingebrochen.‘ Das war ein Donnerwort.

Aber über Wilhelm kam jetzt der alte Geist seiner Heimat; die Schotten sind scharf in Mein- und Dein-Fragen; er sprang in die Kleider, dann in den Hof. Wer ihn gesehen hätte, hätte ausrufen müssen: jeder Zoll ein William. Der Einbruch war rasch konstatiert: der Dieb war mit Hilfe einer Feuerleiter in das oberste Giebelfenster, da wo Sie jetzt das Licht sehen, eingestiegen, hatte dem nachbarlichen Rauchfang drei Schinken und sieben Würste, einer auf dem Boden stehenden Truhe ein Bettenbündel entführt und war dann auf demselben Wege verschwunden, auf dem er gekommen war. Die Feuerleiter wieder an ihren Platz zu bringen, hatte er nicht für nötig befunden.

Einen Augenblick schien guter Rat teuer, als Robert, ohne eine Ahnung von der Wichtigkeit seiner Bemerkung zu haben, vor sich hinmurmelte: ‚und derKinderwagenist auch weg.‘

Der ältere Bruder richtete sein Auge nach der Schuppen-Ecke, wo sonst der Wagen zu stehen pflegte; die Stelle war leer; er stieß die linke Faust triumphierend in die Höh und schrie: ‚Jetzt kriegen wir ihn.‘ Es war ersichtlich, daß der Dieb sich des Wagens bemächtigt hatte, um seine Beute rascher und bequemer fortschaffen zu können; dem Bestohlenen aber stand es auf einem Schlag vor der Seele, daß er an derApartheit der Räderspur eines Kinderwagens, die Spur des Feindes und endlich ihn selber finden würde.

‚Sollen wir Anzeige machen?‘ unterbrach Robert.

‚Ei, was, Anzeige. Das wissen wir in Neu-Geltow besser.‘ Damit sprang er ins Haus zurück, stülpte sich eine Filzkappe auf und stand im nächsten Moment mit zwei Dornstöcken wieder auf dem Hof. ‚Da nimm.‘

‚Willst Du nicht lieber die Pistolen ...‘

‚Nein, ein Knüttel geht immer los.‘ Damit trat er auf die nach Potsdam führende Chaussee. Der Bruder folgte.

Nun begann ein Suchen, wie es seit den Tagen des ‚letzten Mohikaners‘ nicht mehr erlebt worden ist. Alle Künste, die Falkenauge in seinen besten Momenten geübt, alle Instinkte, die den Unkas und Chingachgook jemals siegreich geleitet, wenn sie aus einem abgebrochenen Tannenzweig oder aus dem Tritt desMokassins die Spur zu entdecken und die schon verlorene wieder aufzufinden wußten, alle diese Künste und Instinkte sie wurden überboten von dem, was jetzt William Robertson in dieser frühen Oktoberstunde leistete. Das Terrain war das schwierigste von der Welt. Es hatte in der Nacht geregnet, und der Staub, der sonst auf der Chaussee liegt, war weggespült worden. Aber wenn die harte Steinstraße keine Spur herausgab, so zeigte sie sich dafür allemal da, wo der Kinderwagen momentan in den sogenannten Sommerweg eingebogen war, wie in eine Form gegossen. Die Brüder sprachen kein Wort, aber in solchem Augenblick begrüßten sich ihre Blicke.

So hatten sie die Spur bis zum Tore verfolgt; hier mußte sich’s entscheiden. War er ein Potsdamer und hier in die Stadthineingefahren, so waren alle Mühen umsonst gewesen; war er aber einBerliner(und allerhand Zeichen hatten schon dafür gesprochen), war er stattindie Stadt, um dieseherumund auf die Berliner Chaussee gebogen, so mußte er eingeholt werden. Richtig; da war die Spur. Der Sieg gestaltete sich mutmaßlich nur noch zu einer Frage der Zeit.

Also weiter. Es war jetzt schon um die neunte Stunde. Als sie eben die große Glienicker Brücke passiert hatten, sahen sie eine Schwadron Garde-Husaren des Weges kommen. ‚Habt ihr nicht einen Mann und einen Kinderwagen gesehen?‘ ‚Ja wohl; er muß jetzt hinter Drei-Linden sein, auf Neu-Zehlendorf zu.‘

Die Hoffnung sank wieder. Der Vorsprung war zu groß. Die Kräfte ließen nach. In diesem kritischen Moment indessen kam von einem der Etablissements her eine Morgendroschke gefahren, die nach Potsdam zurück wollte. ‚Halt! Zwanzig Silbergroschen bis Neu-Zehlendorf.‘ Der Kutscher rührte sich nicht. ‚Einen Taler.‘ Er nickte. ‚Noch ein Trinkgeld, Kutscher, aber nun laßt euren Wettrenner laufen.‘

Was soll ich die Katastrophe länger hinausschieben! Sie erraten ohnehin den Ausgang. In einem Chausseegraben zwischen Drei-Linden und Zehlendorf, hart zur Linken des Weges, saß der Gegenstand dieser energischen Suche und frühstückte, eine der geraubten Speckseiten neben sich, mit der ganzen Ruhe eines guten Gewissens, während der Kinderwagen mit seinem Bettenbündelwie das Junge eines Frachtwagens mitten auf der Chaussee stand. Dieser letztere Umstand sollte dem arglosen Frühstücker besonders verhängnisvoll werden, denn die gestörte Straßen-Kommunikation ließ nunmehr ein Ausbiegen nach links hin oder das ‚Gewinnen der inneren Linie‘, wie die Strategen sagen würden, völlig unverfänglich erscheinen. So gelang ein totaler Überfall. Im Moment des Vorbeifahrens stürzten sich die beiden Brüder aus der schon vorher leise geöffneten Droschkentür auf ihr Opfer, entrissen ihm, unter Geltendmachung ihrer ‚immer los gehenden Waffe‘, das Klappmesser, das der Überraschte einen Augenblick Miene machteà deux mainszu gebrauchen, und luden ihn dann ein, den Mittelplatz in ihrer Droschke einzunehmen. ‚Er werde wohl müde sein.‘ Der Kinderwagen wurde angehakt und so ging es im Triumph rückwärts, über die Glienicker Brücke. ‚Jetztwollen wir Anzeige machen‘, rief William seinem Bruder zu. ‚Wer die Doktors kennt, kuriert sich erst selber.‘

Da haben Sie meine Geschichte. Sie mag Ihnen den Satz illustrieren, womit ich anfing, die Neigung zum ‚abgekürzten Verfahren.‘“

Unser Vesperbrot war längst beendet; wir erhoben uns von unsrer Walze und schritten munter in den Forst hinein. Es dunkelte stark, trotzdem die Sterne jetzt heller schienen. Wo eine Lichtung war und ein mäßig heller Schein auf den Weg fiel, musterte ich unwillkürlich die Gleise, ob nicht eine Kinderwagen-Spur sie durchschnitt oder begleitete.


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