KapellenDas Schiff umstellen;In engenGängenDie Lampen hängen,Und werfen ihre düstren LichterAuf grabstein-geschnittene Mönchsgesichter.* ⁎ *Nach Waltham-Abtei hierher alsdannSollt ihr die Leiche bringen,Damit wir christlich bestatten den LeibUnd für die Seele singen.H. Heine
KapellenDas Schiff umstellen;In engenGängenDie Lampen hängen,Und werfen ihre düstren LichterAuf grabstein-geschnittene Mönchsgesichter.* ⁎ *Nach Waltham-Abtei hierher alsdannSollt ihr die Leiche bringen,Damit wir christlich bestatten den LeibUnd für die Seele singen.
Kapellen
Das Schiff umstellen;
In engen
Gängen
Die Lampen hängen,
Und werfen ihre düstren Lichter
Auf grabstein-geschnittene Mönchsgesichter.
* ⁎ *
Nach Waltham-Abtei hierher alsdann
Sollt ihr die Leiche bringen,
Damit wir christlich bestatten den Leib
Und für die Seele singen.
H. Heine
Lehnin war nicht nur das älteste Kloster in der Mark, es war auch, wie schon hervorgehoben, das reichste, das begütertste, und demgemäß war seine Erscheinung. Nicht daß es sich durch architektonische Schönheit vor allen andern ausgezeichnet hätte — nach dieser Seite hin wurde es von Kloster Chorin übertroffen — aber die Fülle der Baulichkeiten, die sich innerhalb seiner weitgespannten Klostermauern vorfand, die Gast- und Empfangs- und Wirtschaftsgebäude, die Schulen, die Handwerks- und Siechenhäuser, die nach allen Seiten hin das eigentliche Kloster umstanden, alle diese Schöpfungen, eine gotische Stadt im kleinen, deuteten auf die Ausgedehntheit und Solidität des Besitzes.
Der stattliche Mittelpunkt des Ganzen, die zahlreichen Giebel überragend, war und blieb die hohe Klosterkirche, deren mit Kupfer gedeckter Mittelturm dunkel bronzefarben in der Sonne glänzte. Diese Kirche selbst war ihrer Anlage nach eher schlicht als schön, mehr geräumig als prächtig, aber das Leben und Sterben derGeschlechter, Hoffnung und Bangen, Dank und Reue hatten die weiten Räume im Laufe der Jahrhunderte belebt, und die ursprünglich kahlen Wände und Pfeiler waren unter der Buntheit der Dekoration, unter dem wachsenden Einfluß von Licht und Farbe, von Reichtum und Schmuck zu einem immer schöneren und immer imposanteren Ganzen geworden. Seitenaltäre mit Bildern und Kruzifixen, Nischen mit Marienbildern und ewigen Lampen (oft gestiftet, um schwere Untat zu sühnen) zogen sich an Wand und Pfeiler hin, in den langen Seitenschiffen aber lagen die Leichensteine der Äbte, ihr Bild mit Mütze und Krummstab tief in den Stein geschnitten, während an der gewölbten Decke hin, schlanken Leibes und lächelnden Gesichts, die reichvergoldeten Gestalten der Heiligen und Märtyrer schwebten. In einer der Seitenkapellen lag der Grabstein AbtSibolds, den die Nahmitzer erschlagen hatten.
Einem reichen Schmuck an Bildwerken, an Erinnerungszeichen aller Art, begegnete der Besucher, wenn er vom Mittelpunkt der Kirche aus in das Längsschiff und die Seitengänge desselben niederblickte, aber die eigentliche Bedeutung von Kloster Lehnin erschloß sich ihm erst, wenn er, den Blick nach Westen hin aufgebend, sich wandte, um, statt in das Längsschiff hernieder, in denhohen Chor hinaufzu sehen. Unmittelbar vor ihm, in den Fußboden eingelassen, sah er dann, schlicht und unscheinbar, den Stumpf der Eiche, unter der MarkgrafOtto, der Gründer des Klosters, seinen Traum gehabt hatte; zwischen dem Stumpf und dem Altar aber lagen die Grabsteine der Askanier, elf an der Zahl, die hier innerhalb des Klosters, das ihr Ahnherr ins Leben gerufen, ihre letzte Ruhe gesucht und gefunden hatten.
Elf Askanier lagen hier, und einträchtig neben ihnendreiaus dem Hause der Hohenzollern,Friedrichmit dem Eisenzahn,Johann CiceroundJoachim I.Dieser stand nur ein einzig Jahr in der Gruft (von 1535-1536), dann wurde sein Sarg, wie der Sarg seines Vaters und Großoheims, nach Berlin hin übergeführt, wo ihnen im Dom eine Stätte bereitet war. Jener Tag der Überführung der drei Särge von Lehnin nach dem Dom in Cölln an der Spree war recht eigentlich der Todestag Lehnins. Die Güter wurden eingezogen und innerhalb zwanzig Jahren war die Umwandlung vollzogen — der Klosterhof war ein Amtshofgeworden. Der Krieg kam und begann sein Werk der Zerstörung, aber schlimmer als die Hand der Schweden und Kaiserlichen, die hier abwechselnd ihr Kriegswesen trieben, griffen in Zeiten tiefsten Friedens die Hände derer ein, die am ehesten die Pflicht gehabt hätten, diese alte Stätte zu schützen und zu wahren: die Um- und Anwohner selbst. Freilich waren diese Um- und Anwohner zumeist nur solche, die weder selbst, noch auch ihre Väter und Vorväter, das alte Lehnin gekannt hatten. 1791 waren Landleute aus der Schweiz nach Amt Lehnin berufen worden, um bessere Viehzucht daselbst einzuführen. Kloster Lehnin wurde nun ein Steinbruch für Büdner und Kossäten und Haue und Pickaxt schlugen Wände und Pfeiler nieder. Die Regierungen selbst, namentlich unterFriedrich Wilhelm I., nahmen an diesem Vandalismus teil, und weil die ganze Zeit eine die Vergangenheit schonende Pietät nicht kannte, so geziemt es sich auch nicht, dem Einzelnen einen Vorwurf daraus zu machen, daß er die Anschauungsweise teilte, die damals die gültige war. Kloster Lehnin, wäre es nach dem guten Willen seiner Schädiger gegangen, würde nur noch eine Trümmerstätte sein, aber das alte Mauerwerk erwies sich als fester und ausdauernder als alle Zerstörungslust, und so hat sich ein Teil des Baues, durch seine eigene Macht und Widerstandskraft, bis in unsere Tage hinein gerettet.
Werfen wir einen Blick auf das, was noch vorhanden ist, von der Kirche sowohl wie von der ganzen Kloster-Anlage überhaupt. Der älteste Teil, der romanische, steht; der gotische Teil liegt in Trümmern. Da wo diese Trümmer an den noch intakt erhaltenen Teil der Kirche sich lehnen, hat man jetzt eine Quermauer gezogen und mit Hülfe dieser das Zerfallene von dem noch Erhaltenen geschieden. Das lange gotische Schiff hat dadurch freilich aufgehört ein Längsschiff zu sein und ist ein Kurzschiff geworden; die Seitenschiffe fehlen ganz, und die Pfeilerarkaden, die früher die Verbindung zwischen dem Hauptschiff und den zwei Seitenschiffen vermittelten, bilden jetzt, nach Vermauerung ihrer Rundbogen, die Seitenwände jeneseinenkurzen Schiffes, das überhaupt noch vorhanden ist. An die Stelle frischer Farben ist die leblose weiße Tünche getreten, und reparaturbedürftige Kirchenstühle, über denen sich, an einer Seite des Schiffs,eine ebenfalls hinfällige Empore mit vergilbten Brautkronen und Totenkränzen entlang zieht, steigern eher die Dürftigkeit des Anblicks, als daß sie sie minderten. Den Fußboden entlang, abgetreten und ausgehöhlt, liegen rote Fliesen; die Grabsteine sind fort, ebenso die schwebenden Heiligen mit roten Bändern und Goldschein hoch oben an der Decke. Alles was einst glänzte und leuchtete, ist hin. Der schon erwähnte Altarschrein mit Schnitzwerk und Bilderpracht hat seine Stelle gewechselt, und statt des Purpurs und Brokats ist die übliche schwarz-wollene Decke, die mehr zu einem Trauer- als zu einem Freudenmahle paßt, über den schlichten Altartisch gebreitet. Nur der alte, halb zu Stein gewordene Eichenstumpf, einstens die lebendige Wurzel, aus der dieses Kloster erwuchs, ist ihm geblieben und hat alles überdauert, seinen Glanz und seinen Verfall. Nichts mehr von Nischen und Marienbildern, von Kapellen und askanischen Grabsteinen; nurOtto VI., auchOttokogenannt, Schwiegersohn KaiserRudolphsvonHabsburg, der als Akoluth des Klosters verstarb, behauptet — auch in künstlerischer Beziehung ein interessantes Überbleibsel aus geschwundener Zeit — seinen Ehrenplatz an alter Stelle. Sein Grabstein liegt mitten im hohen Chor. Die Erinnerungszeichen an AbtSiboldsind zerstört; seine Begräbniskammer, die noch im vorigen Jahrhundert existierte, ist niedergerissen, und statt des Grabsteins des Ermordeten, der fünf Jahrhunderte lang seinen Namen und die Daten seines Lebens bewahrt hatte, erzählen nur noch die beiden alten Bilder im Querschiff die Geschichte seines Todes. Diese Bilder, wichtig wie sie sind, sind alles andere eher als ein Schmuck. Zu dem Grauen über die Tat gesellt sich ein Unbehagen über die Häßlichkeit der Darstellung, die diese Tat gefunden. Das ursprünglich bessere Bild ist kaum noch erkennbar.
Es ist ein trister Aufenthalt, diese Klosterkirche von Lehnin, aber ein Bild anheimelnder Schönheit tut sich vor uns auf, sobald wir aus der öden freudlosen Kirche mit ihren hohen, weißgetünchten Pfeilern ins Freie treten und nun die Szenerie der unmittelbaren Umgebung: altes und neues, Kunst und Natur auf uns wirken lassen. Innen hatten wir die nackte, nur kümmerlich bei Leben erhaltene Existenz, die trister ist als Tod undZerstörung, draußen haben wir die ganze Poesie des Verfalls, den alten Zauber, der überall da waltet, wo die ewig junge Natur das zerbröckelte Menschenwerk liebevoll in ihren Arm nimmt. Hohe Park- und Gartenbäume, Kastanien, Pappeln, Linden, haben den ganzen Bau wie in eine grüne Riesenlaube eingesponnen, und was die Bäume am ganzen tun, das tun hundert Sträucher an hundert einzelnen Teilen. Himbeerbüsche, von Efeuranken wunderbar durchflochten, sitzen wie ein grotesker Kopfputz auf Säulen- und Pfeilerresten, Weinspaliere ziehen sich an der Südseite des Hauptschiffs entlang, und überall in die zerbröckelten Fundamente nestelt sich jenes bunte, rankenziehende Gestrüpp ein, das die Mitte hält zwischen Unkraut und Blumen. So ist es hier Sommer lang. Dann kommt der Herbst, der Spätherbst, und das Bild wird farbenreicher denn zuvor. Auf den hohen Pfeilertrümmern wachsen Ebereschen und Berberitzensträucher, jeder Zweig steht in Frucht, und die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten Gesichtern aus den roten Beeren heraus. Aber wenn die Sonne unter ist, geben sie das Spiel in den Trümmern auf, und wer dann das Ohr an die Erde legt, der hört tief unten die Mönche singen. Dabei wird es kalt und kälter; das Abendrot streift die Kirchenfenster, und mitunter ist es, als stünde eine weiße Gestalt inmitten der roten Scheiben. Das ist das weiße Fräulein, das umgeht, treppauf, treppab, und den Mönch sucht, den sie liebte. Um Mitternacht tritt sie aus der Mauerwand, rasch, als habe sie ihn gesehen, und breitet die Arme nach ihm aus. Aber umsonst. Und dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint.
Und unter den Altangesessenen, deren Vorfahren noch unter dem Kloster gelebt, ist keiner, der das weiße Fräulein nicht gesehen hätte. Nur die reformierten Schweizer und alle die, die nach ihnen kamen, sehen nichts und starren ins Leere. Die Alt-Lehninschen aber sind stolz auf diese ihre Gabe des Gesichts, und sie haben ein Sprichwort, das diesem Stolz einen Ausdruck gibt. Wenn sie einen Fremden bezeichnen wollen, oder einen später Zugezogenen, der nichts gemein hat mitAlt-Lehnin, so sagen sie nicht: „er ist ein Fremder oder ein Neuer,“ sie sagen nur: „er kann das weiße Fräulein nicht sehen“.
[6]Der Orden, ohne geradezu in Askese zu verfallen, war doch in den ersten fünfzig Jahren seines Bestehens überaus rigorös, und unterschied sich auch dadurch von den Benediktinern, die, gestützt auf die Unterweisungen des heiligen Benedikt selber, diesen Rigorismus vermieden. Schon im zehnten Jahrhundert hieß es deshalb spöttisch: „die Regel des heiligen Benedikt scheine fürschwächlicheLeute geschrieben.“ Die Gründer des Zisterzienser-Ordens gingen von einer verwandten Anschauung aus, und aus der ersten Zeit des Ordens her finden sich folgende Vorschriften:1) Die Unterlage des Bettes ist Stroh. Polster sind untersagt.2) Als Speise dienen gekochte Gemüse, darunterBuchenblätter. Kein Fleisch.3) In der Kirche soll sich ein offenes Grab befinden, um an die Hinfälligkeit des Daseins zu mahnen.[7]Daß die Majorität des Klosters und dadurch das Kloster selbst entschieden bayrisch war, ergibt sich unter anderm daraus, daß PapstClemensin seiner Bannbulle am 14. Mai 1350 eigens Veranlassung nahm, demKloster seine Hinneigung zur Sache des bayrischen Hauses vorzuwerfen. Auch das Erscheinen des Klage führenden Mönchs vor demPapst, während ihm doch andere Tribunale, weltliche wie geistliche, so viel näher gelegen hätten, spricht dafür, daß der zu verklagende AbtHermann, samt der Majorität des Klosters, (der Loburg-Partei)antipäpstlich, d. h. alsobayrischwar.[8]Dieser Altarschrein, der jetzt eine Zierde und Sehenswürdigkeit des schönen Brandenburger Domes bildet, hat eine Höhe von etwa neun Fuß bei ca. zwölf Fuß Breite. Die Einrichtung ist die herkömmliche: ein Mittelstück mit zwei Flügel- oder Klapptüren, die je nach Gefallen geöffnet oder geschlossen werden können. Das Mittelstück zeigt in seiner schreinartigen Vertiefung die Gestalt der heiligen Jungfrau; rechts neben ihrPaulusmit dem Schwert, zur LinkenPetrusmit dem Schlüssel. Diese drei Figuren sind Holzschnitzwerk, buntbemalt, mehr derb charakteristisch als schön. Der hohe Kunstwert des Schreins besteht lediglich in der Schönheit der Malereien, die sich auf beiden Flügeln, und zwar auf der Vorder- wie auf der Rückseite derselben befinden. Sind diese Flügel, wie gewöhnlich, geöffnet, so erblicken wir die beiden besonderen Schutzheiligen der Zisterzienser, den heiligenBenedikt, aus dessen Orden sie hervorgingen, und den heiligenBernhard, der den Orden zu höchstem Glanz und Ansehen führte. (Die Zisterzienser werden deswegen auch oftBernhardinergenannt.) Neben den beiden Heiligen stehen die Gestalten derMaria Magdalenaund der heiligenUrsula. Auf der Rückseite befinden sich: der heiligeGregorius,St. Ambrosius,St. Augustinusund der heiligeHieronymus, lauter Kirchenväter, die zu dem Klosterleben der katholischen Kirche in besonderer Beziehung stehen. Die Köpfe aller dieser Gestalten, besonders der desSt. Benediktund des heiligenBernhard(die Frauenköpfe sind weniger vollendet) haben immer für Meisterwerke gegolten und man hat sie ebenso um ihrer Ausführung wie um ihrer Charakteristik willen, abwechselnd demAlbrecht Dürer, demLucas Cranachund endlich demGrünewald, einem der besten Schüler Dürers, zugeschrieben. Der letzteren Ansicht istErnst Försterin München.Grünewaldwar allerdings speziell durch seine Charakterisierung der Köpfe ausgezeichnet.[9]Eine Urkunde vom 8. Dezember 1542 hat uns die Namen von zehn Klosterbrüdern aufbewahrt, die, mit Geld und Kleidung („mehr als wir verhofft“) ausgerüstet, Lehnin verließen und in die Welt gingen. Es waren:Kaspar Welle,Christoph Brun,Martin Uchtenhagen,Joachim Kerstinus,Joachim Sandmann,Gregor Kock,Wipert Schulte,Heinrich Jorden,Maternus Meier,Valentin Vissow. Dazu kamen später:Steffen LindstedtundJohannes Nagel, beide aus Stendal, fernerMathias Dusedow,Gerhard BerchsowundHieronymus Teuffel. Einige von diesen Namen:Uchtenhagen,Lindstedt,Teuffelwaren Adelsnamen, doch ist nicht zu ersehen, ob die obengenannten Drei von adliger oder bürgerlicher Abkunft waren. Im allgemeinen traten hierlands fast nur Bürgerliche in den Zisterzienser-Orden ein, während sich in denNonnenklöstern desselben Ordens fast nur die Töchter adliger Familien befanden.
[6]Der Orden, ohne geradezu in Askese zu verfallen, war doch in den ersten fünfzig Jahren seines Bestehens überaus rigorös, und unterschied sich auch dadurch von den Benediktinern, die, gestützt auf die Unterweisungen des heiligen Benedikt selber, diesen Rigorismus vermieden. Schon im zehnten Jahrhundert hieß es deshalb spöttisch: „die Regel des heiligen Benedikt scheine fürschwächlicheLeute geschrieben.“ Die Gründer des Zisterzienser-Ordens gingen von einer verwandten Anschauung aus, und aus der ersten Zeit des Ordens her finden sich folgende Vorschriften:1) Die Unterlage des Bettes ist Stroh. Polster sind untersagt.2) Als Speise dienen gekochte Gemüse, darunterBuchenblätter. Kein Fleisch.3) In der Kirche soll sich ein offenes Grab befinden, um an die Hinfälligkeit des Daseins zu mahnen.
[6]Der Orden, ohne geradezu in Askese zu verfallen, war doch in den ersten fünfzig Jahren seines Bestehens überaus rigorös, und unterschied sich auch dadurch von den Benediktinern, die, gestützt auf die Unterweisungen des heiligen Benedikt selber, diesen Rigorismus vermieden. Schon im zehnten Jahrhundert hieß es deshalb spöttisch: „die Regel des heiligen Benedikt scheine fürschwächlicheLeute geschrieben.“ Die Gründer des Zisterzienser-Ordens gingen von einer verwandten Anschauung aus, und aus der ersten Zeit des Ordens her finden sich folgende Vorschriften:
[7]Daß die Majorität des Klosters und dadurch das Kloster selbst entschieden bayrisch war, ergibt sich unter anderm daraus, daß PapstClemensin seiner Bannbulle am 14. Mai 1350 eigens Veranlassung nahm, demKloster seine Hinneigung zur Sache des bayrischen Hauses vorzuwerfen. Auch das Erscheinen des Klage führenden Mönchs vor demPapst, während ihm doch andere Tribunale, weltliche wie geistliche, so viel näher gelegen hätten, spricht dafür, daß der zu verklagende AbtHermann, samt der Majorität des Klosters, (der Loburg-Partei)antipäpstlich, d. h. alsobayrischwar.
[7]Daß die Majorität des Klosters und dadurch das Kloster selbst entschieden bayrisch war, ergibt sich unter anderm daraus, daß PapstClemensin seiner Bannbulle am 14. Mai 1350 eigens Veranlassung nahm, demKloster seine Hinneigung zur Sache des bayrischen Hauses vorzuwerfen. Auch das Erscheinen des Klage führenden Mönchs vor demPapst, während ihm doch andere Tribunale, weltliche wie geistliche, so viel näher gelegen hätten, spricht dafür, daß der zu verklagende AbtHermann, samt der Majorität des Klosters, (der Loburg-Partei)antipäpstlich, d. h. alsobayrischwar.
[8]Dieser Altarschrein, der jetzt eine Zierde und Sehenswürdigkeit des schönen Brandenburger Domes bildet, hat eine Höhe von etwa neun Fuß bei ca. zwölf Fuß Breite. Die Einrichtung ist die herkömmliche: ein Mittelstück mit zwei Flügel- oder Klapptüren, die je nach Gefallen geöffnet oder geschlossen werden können. Das Mittelstück zeigt in seiner schreinartigen Vertiefung die Gestalt der heiligen Jungfrau; rechts neben ihrPaulusmit dem Schwert, zur LinkenPetrusmit dem Schlüssel. Diese drei Figuren sind Holzschnitzwerk, buntbemalt, mehr derb charakteristisch als schön. Der hohe Kunstwert des Schreins besteht lediglich in der Schönheit der Malereien, die sich auf beiden Flügeln, und zwar auf der Vorder- wie auf der Rückseite derselben befinden. Sind diese Flügel, wie gewöhnlich, geöffnet, so erblicken wir die beiden besonderen Schutzheiligen der Zisterzienser, den heiligenBenedikt, aus dessen Orden sie hervorgingen, und den heiligenBernhard, der den Orden zu höchstem Glanz und Ansehen führte. (Die Zisterzienser werden deswegen auch oftBernhardinergenannt.) Neben den beiden Heiligen stehen die Gestalten derMaria Magdalenaund der heiligenUrsula. Auf der Rückseite befinden sich: der heiligeGregorius,St. Ambrosius,St. Augustinusund der heiligeHieronymus, lauter Kirchenväter, die zu dem Klosterleben der katholischen Kirche in besonderer Beziehung stehen. Die Köpfe aller dieser Gestalten, besonders der desSt. Benediktund des heiligenBernhard(die Frauenköpfe sind weniger vollendet) haben immer für Meisterwerke gegolten und man hat sie ebenso um ihrer Ausführung wie um ihrer Charakteristik willen, abwechselnd demAlbrecht Dürer, demLucas Cranachund endlich demGrünewald, einem der besten Schüler Dürers, zugeschrieben. Der letzteren Ansicht istErnst Försterin München.Grünewaldwar allerdings speziell durch seine Charakterisierung der Köpfe ausgezeichnet.
[8]Dieser Altarschrein, der jetzt eine Zierde und Sehenswürdigkeit des schönen Brandenburger Domes bildet, hat eine Höhe von etwa neun Fuß bei ca. zwölf Fuß Breite. Die Einrichtung ist die herkömmliche: ein Mittelstück mit zwei Flügel- oder Klapptüren, die je nach Gefallen geöffnet oder geschlossen werden können. Das Mittelstück zeigt in seiner schreinartigen Vertiefung die Gestalt der heiligen Jungfrau; rechts neben ihrPaulusmit dem Schwert, zur LinkenPetrusmit dem Schlüssel. Diese drei Figuren sind Holzschnitzwerk, buntbemalt, mehr derb charakteristisch als schön. Der hohe Kunstwert des Schreins besteht lediglich in der Schönheit der Malereien, die sich auf beiden Flügeln, und zwar auf der Vorder- wie auf der Rückseite derselben befinden. Sind diese Flügel, wie gewöhnlich, geöffnet, so erblicken wir die beiden besonderen Schutzheiligen der Zisterzienser, den heiligenBenedikt, aus dessen Orden sie hervorgingen, und den heiligenBernhard, der den Orden zu höchstem Glanz und Ansehen führte. (Die Zisterzienser werden deswegen auch oftBernhardinergenannt.) Neben den beiden Heiligen stehen die Gestalten derMaria Magdalenaund der heiligenUrsula. Auf der Rückseite befinden sich: der heiligeGregorius,St. Ambrosius,St. Augustinusund der heiligeHieronymus, lauter Kirchenväter, die zu dem Klosterleben der katholischen Kirche in besonderer Beziehung stehen. Die Köpfe aller dieser Gestalten, besonders der desSt. Benediktund des heiligenBernhard(die Frauenköpfe sind weniger vollendet) haben immer für Meisterwerke gegolten und man hat sie ebenso um ihrer Ausführung wie um ihrer Charakteristik willen, abwechselnd demAlbrecht Dürer, demLucas Cranachund endlich demGrünewald, einem der besten Schüler Dürers, zugeschrieben. Der letzteren Ansicht istErnst Försterin München.Grünewaldwar allerdings speziell durch seine Charakterisierung der Köpfe ausgezeichnet.
[9]Eine Urkunde vom 8. Dezember 1542 hat uns die Namen von zehn Klosterbrüdern aufbewahrt, die, mit Geld und Kleidung („mehr als wir verhofft“) ausgerüstet, Lehnin verließen und in die Welt gingen. Es waren:Kaspar Welle,Christoph Brun,Martin Uchtenhagen,Joachim Kerstinus,Joachim Sandmann,Gregor Kock,Wipert Schulte,Heinrich Jorden,Maternus Meier,Valentin Vissow. Dazu kamen später:Steffen LindstedtundJohannes Nagel, beide aus Stendal, fernerMathias Dusedow,Gerhard BerchsowundHieronymus Teuffel. Einige von diesen Namen:Uchtenhagen,Lindstedt,Teuffelwaren Adelsnamen, doch ist nicht zu ersehen, ob die obengenannten Drei von adliger oder bürgerlicher Abkunft waren. Im allgemeinen traten hierlands fast nur Bürgerliche in den Zisterzienser-Orden ein, während sich in denNonnenklöstern desselben Ordens fast nur die Töchter adliger Familien befanden.
[9]Eine Urkunde vom 8. Dezember 1542 hat uns die Namen von zehn Klosterbrüdern aufbewahrt, die, mit Geld und Kleidung („mehr als wir verhofft“) ausgerüstet, Lehnin verließen und in die Welt gingen. Es waren:Kaspar Welle,Christoph Brun,Martin Uchtenhagen,Joachim Kerstinus,Joachim Sandmann,Gregor Kock,Wipert Schulte,Heinrich Jorden,Maternus Meier,Valentin Vissow. Dazu kamen später:Steffen LindstedtundJohannes Nagel, beide aus Stendal, fernerMathias Dusedow,Gerhard BerchsowundHieronymus Teuffel. Einige von diesen Namen:Uchtenhagen,Lindstedt,Teuffelwaren Adelsnamen, doch ist nicht zu ersehen, ob die obengenannten Drei von adliger oder bürgerlicher Abkunft waren. Im allgemeinen traten hierlands fast nur Bürgerliche in den Zisterzienser-Orden ein, während sich in denNonnenklöstern desselben Ordens fast nur die Töchter adliger Familien befanden.
Jetzo will ich,Lehnin, Dir sorgsam singen die Zukunft,Die mir gewiesen der Herr, der einstens alles geschaffen.Vaticinium Lehninse
Jetzo will ich,Lehnin, Dir sorgsam singen die Zukunft,Die mir gewiesen der Herr, der einstens alles geschaffen.
Jetzo will ich,Lehnin, Dir sorgsam singen die Zukunft,
Die mir gewiesen der Herr, der einstens alles geschaffen.
Vaticinium Lehninse
Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, während der RegierungsjahreFriedrich Wilhelms I., erschienen an verschiedenen Druckorten, teils selbständig, teils umfangreicheren Arbeiten einverleibt, hundert gereimte lateinische Hexameter, sogenannte Leoninische Verse, die in dunklem Prophetenton über die Schicksale der Mark und ihrer Fürsten sprachen und die Überschrift führten: „Weissagung des seligen BrudersHermann, weiland Lehniner Mönches, der ums Jahr 1300 lebte und blühte.“
Diese Verse, die sich gleich selbst, in ihren ersten Zeilen, als eine Weissagung ankündigen: „Jetzt weissage ich dir, Lehnin, dein künftiges Schicksal“, machten großes Aufsehen, da in denselben mit bemerkenswertem Geschick und jedenfalls mit ungewöhnlicher poetischer Begabung das Aussterben der Hohenzollern in der elften Generation nachJoachim I.und die gleichzeitige Rückkehr der Mark in den Schoß der katholischen Kirche prophezeit wurde. Eine solche Prophezeiung war durchaus dazu angetan, Aufsehen zu erregen, da es auch damals (1721) in Deutschland nicht an Parteien fehlte, die freudig aufhorchten, wenn der Untergang der Hohenzollern in nähere oder fernere Aussicht gestellt wurde. In Berlin selbst, wie sich annehmen läßt, war das Interesse nicht geringer, und man begann nachzuforschen, nach welchemManuskriptdie Veröffentlichung dieser Weissagung erfolgt sein könne. Diese Nachforschungen führten zuletzt auf eine mehr oder weniger alte Handschrift, die etwa um 1693 in der nachgelassenenBibliothek des in dem genannten Jahre verstorbenen KammergerichtsratsSeidelaufgefunden worden war.
Diese älteste Handschrift, die übrigens nie die Prätension erhob, das rätselvolleOriginalaus dem Jahre 1300 sein zu wollen, existierte bis 1796 im Staats-Archiv. In eben diesem Jahre wurde sie durchFriedrich Wilhelm II.nach Charlottenburg gefordert undvon dort nicht wieder remittiert. Man muß annehmen, daß sie verloren gegangen ist. Die vier ältesten Abschriften, diejetzt nochin der Königlichen Bibliothek vorhanden sind, gehören, ihrer Schrift nach, dem Anfange des vorigen Jahrhunderts an.Jedenfalls also fehlt nicht nur das wirkliche Original, sondern auch alles, was sich, wohl oder übel, als Original ausgeben könnte! Hiermit fällt selbstverständlich die Möglichkeit fort, aus allerleiäußerlichenAnzeichen, wie Handschrift, Initialen, Pergament etc. irgend etwas für die Echtheit oder Unechtheit beweisen zu wollen, und wir haben die Beweiseproodercontraeben wo anders zu suchen. Solche Untersuchungen sind denn nun auch, gleich vom ersten Erscheinen der „Weissagung“ an, vielfach angestellt worden, und haben im Laufe von anderthalb hundert Jahren zu einer ganzen Literatur geführt. Katholischer- und seit einem Vierteljahrhundert auch demokratischerseits hat man ebenso beharrlich die Echtheit der Weissagung, wie protestantisch-preußischerseits die Unechtheit zu beweisen getrachtet. Nur wenige Ausnahmen von dieser Regel kommen vor. Die demokratischen Paraphrasen und Deutungen, die an die Weissagung anknüpfen, sind sämtlichtendenziöserNatur, bloße Pamphlete und haben keinen Anspruch, hier ernstlicher in Erwägung gezogen zu werden; sie rühren aus den Jahren 1848 und 1849 her und sind eigentlich nichts anderes als damals gern geglaubte Versicherungen, der Stern der Hohenzollern sei im Erlöschen. Was die katholischen Arbeiten angeht, die alle für die Echtheit eintreten, so sind sicherlich viele derselbenbona fidegeschrieben, dennoch haben sie samt und sonders wenig Wert für die Entscheidung der Frage, da sie, ohne mit der Grundempfindung, aus der sie hervorgingen, rechten zu wollen, doch schließlich aller eigentlichenKritikentbehren.
Unter den protestantischen Gelehrten, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, begegnen wir sehr bewährten, zum Teil sogar hervorragenden Namen: OberbibliothekarWilckens,Dr.C. L. Gieseler, ProfessorGiesebrecht, SchulratOtto Schulz, vor allem ProfessorGuhrauerin Breslau, meist Historiker, die mit einem großen Aufwand von Studium, Gelehrsamkeit und Scharfsinn die Unechtheit darzutun getrachtet haben. Sie haben indessen, meinem Ermessen nach, den Fehler gemacht, daß sie zu viel und manches an der unrechten Stelle haben beweisen wollen. Anstatt einen entscheidenden Schlag zu tun, haben sievieleSchläge getan, und wie es immer in solchen Fällen geht, sind die Schläge nicht nur vielfach nebenbei, sondern gelegentlich auch zurück gefallen. Man schadet einem einzigen, aberganzenBeweise jedesmal dadurch, daß man zur Anfügung vieler Halbbeweise schreitet, namentlich dann aber, wenn man bei der Anwendung unkünstlerisch verfährt und, statt aus dem Halben zum Ganzenfortzuschreiten, aus dem Ganzen zum Halben hin die Dingezurückentwickelt.
Ich sagte schon, die Angreifer hätten vielfach an unrechter Stelle angegriffen; ich muß hinzusetzen, nicht bloß an unrechter Stelle, sondern gelegentlich just an dem allerstärksten Punkte der feindlichen Position. Dieser stärkste Punkt der Lehniner Weissagung aber ist meinem Dafürhalten nach ihrInhalt, ihrGeist, ihrTon.
Sehen wir, wogegen die protestantischen Kritiker sich richteten. Sie haben zunächst als verdachterweckende Punkte hervorgehoben, erstens, daß der Prophet, wenn er denn nun ’mal durchaus ein solcher sein solle, vielfachfalschprophezeit, zweitens aber, daß er in Vor-Hohenzollerischer Zeit bereits Anti-Hohenzollerisch gesprochen habe. Dies deute auf spätere Zeiten, wo es bereits Sympathien und Antipathien in betreff der Hohenzollern gegeben. Auf beide Einwände ist die Antwort leicht.
Was die Irrtümer des ProphetenHermannangeht, so hat es sich ja niemals darum gehandelt, endgültig festzustellen, ob MönchHermannrichtig prophezeit habe oder falsch, es hat sich bei dieser Kontroverse immer nur darum gehandelt, ob erüberhaupt geweissagt habe. Wenn nun aber einerseits dieProphetie keine Garantie übernimmt, daß alles Prophezeite zutreffen muß, so übernimmt sie noch viel weniger — und hiermit fassen wir den zweiten Punkt ins Auge — die Verpflichtung, kommenden Herrscher-Geschlechtern, gleichsam in antizipierter Loyalität angenehme Dinge zu sagen. Der Prophet sagt die Dinge so,wie er sie sieht, und kümmert sich nicht darum, wie kommende Zeiten sich zu den Menschen und Taten stellen werden, die er, lediglich kraft seiner Kraft,vorweghat in die Erscheinung treten sehen. Nehmen wir einen Augenblick an, die Prophezeiung sei echt, so liegt doch für einen gläubigen Zisterzienser-Mönch, der plötzlich, inmitten seiner Visionen, die Gestalt Joachims II. vor sich hintreten sieht, nicht der geringste Grund vor, warum er nicht gegen den Schädiger seiner Kirche und seines Klosters vorweg die heftigsten Invektiven schleudern sollte. Er weiß nicht, daß er Joachim heißen, er weiß auch nicht, daß er einem bestimmten Geschlecht, das den Namen der Hohenzollern führt, zugehören wird, er sieht ihn nur, ihn und die Tat, die er vorhat — das genügt, ihn zu verwerfen. Dies sagen wir nicht, wie schon angedeutet, zur Rechtfertigung dieser speziellen Prophezeiung oder als Beweis für ihre Echtheit, sondern nur zur Charakterisierung aller Prophetie überhaupt.
Wenn nun weder die Irrtümer, die mit drunter laufen, noch der antihohenzollerische Geist, der aus dieser sogenannten Weissagung spricht, etwas Erhebliches gegen die Echtheit beibringen können, so ist doch ein dritter Punkt allerdings ernster in Erwägung zu ziehen. Alle protestantischen Angreifer der Weissagung (mit Ausnahme W. Meinholds) sind dahin übereingekommen, daß die sogenannte Lehninsche Weissagung in ersichtlich zwei Teile zerfalle, in eine größere Hälfte, in der es der, nach Annahme der Gegner um 1690 lebende Verfasser leicht gehabt habe, über die rückliegenden Ereignisse von 1290 bis 1690 zutreffend zu prophezeien, und in eine kleinere Hälfte von 1690 an, in der denn auch den vorgeblichen MönchHermannseine Prophetengabe durchaus im Stich gelassen habe. Hätten die Angreifer hierin unbedingt Recht, so wäre der Streit dadurch gewissermaßen entschieden. Indessen existiert meiner Meinung nach eine solche Scheidelinienicht. Es zieht sich vielmehr umgekehrt einvieldeutig-orakelhafter Tondurch das Ganze hindurch, eine Sprache, dieüberallder mannigfachsten Auslegungen fähig ist und in der zweiten Hälfte, in rätselvoll anklingenden Worten, ebenso das Richtige trifft wie in der ersten Hälfte. Es ist kein essentieller Unterschied zwischen Anfang und Ende: beide Teile treffen es, und beide Teile treffen es nicht; beide Teile ergehen sich in Irrtümern und Dunkelheiten, und beide Teile blenden durch Lichtblitze, die, hier wie dort, gelegentlich einen völlig visionären Charakter haben.
Beschäftigen wir uns, unter Heranziehung einiger Beispiele, zuerst mit dererstenHälfte. Wir bemerken hier eine Verquickung jener drei Hauptelemente, die nirgends in dieser sogenannten Weissagung fehlen: Falsches, Dunkles, Zutreffendes. Frappant zutreffend vom katholischen Standpunkt aus sind die acht Zeilen in der Mitte des Gedichts, die sich aufJoachimI. und II. beziehen. Sie lauten:
Seine (Johann Ciceros) Söhne werden beglückt durch gleichmäßiges Los;Allein dann wird ein Weib dem Vaterlande trauriges Verderben bringen,Ein Weib, angesteckt vom Gift einer neuen Schlange,Dieses Gift wird auch währen bis in’s elfte Glied,
Seine (Johann Ciceros) Söhne werden beglückt durch gleichmäßiges Los;Allein dann wird ein Weib dem Vaterlande trauriges Verderben bringen,Ein Weib, angesteckt vom Gift einer neuen Schlange,Dieses Gift wird auch währen bis in’s elfte Glied,
Seine (Johann Ciceros) Söhne werden beglückt durch gleichmäßiges Los;
Allein dann wird ein Weib dem Vaterlande trauriges Verderben bringen,
Ein Weib, angesteckt vom Gift einer neuen Schlange,
Dieses Gift wird auch währen bis in’s elfte Glied,
Und dann
Und nun kommt der, welcher Dich, Lehnin, nur allzu sehr haßt,Wie ein Messer Dich zertheilt, ein Gottesleugner, ein Ehebrecher,Er macht wüste die Kirche, verschleudert die Kirchengüter.Geh, mein Volk: Du hast keinen Beschützer mehr,Bis die Stunde kommen wird, wo die Wiederherstellung (restitutio) kommt.
Und nun kommt der, welcher Dich, Lehnin, nur allzu sehr haßt,Wie ein Messer Dich zertheilt, ein Gottesleugner, ein Ehebrecher,Er macht wüste die Kirche, verschleudert die Kirchengüter.Geh, mein Volk: Du hast keinen Beschützer mehr,Bis die Stunde kommen wird, wo die Wiederherstellung (restitutio) kommt.
Und nun kommt der, welcher Dich, Lehnin, nur allzu sehr haßt,
Wie ein Messer Dich zertheilt, ein Gottesleugner, ein Ehebrecher,
Er macht wüste die Kirche, verschleudert die Kirchengüter.
Geh, mein Volk: Du hast keinen Beschützer mehr,
Bis die Stunde kommen wird, wo die Wiederherstellung (restitutio) kommt.
Die Vorgänge in der Mark in dem zweiten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts, der ÜbertrittElisabethszur neuen Lehre und die Aufhebung der Klöster durchJoachimII., der die Axt an den Stamm legte, konnte, wir wiederholen es, vom katholischen Standpunkt aus, nicht zutreffender und in nicht besserem Prophetenton geschildert werden. Aber zugegeben, daß — wie die Angreifer erwidern — der Verfasser im Jahre 1690 gut prophezeien hatte in betreff von Vorgängen, die hundertundfünfzig Jahre zurücklagen, warum, so fragen wir, prophezeite er teils falsch, teils dunkel in betreff so vieler anderer Vorgänge, die, wenn 1690 die Scheidelinie ziehen soll, ebenfalls der Vergangenheit angehörten. Nehmen wireinBeispiel statt vieler — die Verse, die sich aufGeorge Wilhelm, also auf die Epoche während des dreißigjährigen Krieges beziehen. Es sind die folgenden:
Nach dem Vater ist der Sohn Herr des Markgrafentums.Erläßt nicht viele leben nach ihrem Sinne, ohne sie zu strafen.Indem er zu stark vertraut, frißt der Wolf das arme Vieh,Und es folgt in Kurzem der Diener dem Herrn im Tode.
Nach dem Vater ist der Sohn Herr des Markgrafentums.Erläßt nicht viele leben nach ihrem Sinne, ohne sie zu strafen.Indem er zu stark vertraut, frißt der Wolf das arme Vieh,Und es folgt in Kurzem der Diener dem Herrn im Tode.
Nach dem Vater ist der Sohn Herr des Markgrafentums.
Erläßt nicht viele leben nach ihrem Sinne, ohne sie zu strafen.
Indem er zu stark vertraut, frißt der Wolf das arme Vieh,
Und es folgt in Kurzem der Diener dem Herrn im Tode.
Die vierte Zeile ist auf den TodAdam Schwarzenbergsgedeutet worden, wogegen sich nichts sagen läßt. Der Inhalt dieser Zeile träfe also zu. Aber die zweite und dritte geben, wenn man das auch hier vorhandene Dunkel durchdringt, eine Charakteristik der Zeit sowohl wie des Mannes, wie sie nicht leicht falscher gedacht werden kann. Wenn es umgekehrt hieße: „Er ließ alle leben nach ihrem Sinne, ohne sie zu strafen,“ und „er vertraute (da er bekanntlich immer schwankte)nicht starkgenug“ — so würdendieseSätze um vieles richtiger sein als die, die jetzt dastehen. Wo bleibt da das bequeme Prophezeien nach rückwärts?[10]
Vergleichen wir nun damit die Prophezeiungen derzweiten Hälfte, der Epoche nach 1690, wo also der Dichter, selbst wenn er um 1690 schrieb, jedenfalls gezwungen war, in die Zukunft zu blicken.
ÜberFriedrich den Großen[11]heißt es, wie nicht geleugnet werden soll, mehr dunkel und anklingend, als scharf zutreffend:
In Kurzem toset ein Jüngling daher, während die große Gebärerin seufzt;Aber wer wird vermögen, den zerrütteten Staat wieder herzustellen?Er wird das Banner erfassen, allein grausame Geschicke zu beklagen habenEr will beim Wehen der Südwinde sein Leben den Festungen vertraun.
In Kurzem toset ein Jüngling daher, während die große Gebärerin seufzt;Aber wer wird vermögen, den zerrütteten Staat wieder herzustellen?Er wird das Banner erfassen, allein grausame Geschicke zu beklagen habenEr will beim Wehen der Südwinde sein Leben den Festungen vertraun.
In Kurzem toset ein Jüngling daher, während die große Gebärerin seufzt;
Aber wer wird vermögen, den zerrütteten Staat wieder herzustellen?
Er wird das Banner erfassen, allein grausame Geschicke zu beklagen haben
Er will beim Wehen der Südwinde sein Leben den Festungen vertraun.
oder (nach anderer Übersetzung):
Weht es von Süden herauf, will Leben er borgen den Klöstern
Weht es von Süden herauf, will Leben er borgen den Klöstern
Weht es von Süden herauf, will Leben er borgen den Klöstern
Dann (Friedrich WilhelmII.):
Welcher ihm folgt, ahmt nach die bösen Sitten der Väter,Hat nicht Kraft im Gemüth, noch eine Gottheit im Volke.Wessen Hülf’ er begehrt, der wird entgegen ihm stehen,Und er im Wasser sterben, das Oberste kehrend zu unterst.
Welcher ihm folgt, ahmt nach die bösen Sitten der Väter,Hat nicht Kraft im Gemüth, noch eine Gottheit im Volke.Wessen Hülf’ er begehrt, der wird entgegen ihm stehen,Und er im Wasser sterben, das Oberste kehrend zu unterst.
Welcher ihm folgt, ahmt nach die bösen Sitten der Väter,
Hat nicht Kraft im Gemüth, noch eine Gottheit im Volke.
Wessen Hülf’ er begehrt, der wird entgegen ihm stehen,
Und er im Wasser sterben, das Oberste kehrend zu unterst.
Dann (Friedrich WilhelmIII.):
Der Sohn wird blühen; was er nicht gehofft, wird er besitzen.Allein das Volk wird in diesen Zeiten traurig weinen;Denn es scheinen Geschicke zu kommen sonderbarer Art,Und der Fürstahnet nicht, daß eine neue Macht im Wachsen ist.
Der Sohn wird blühen; was er nicht gehofft, wird er besitzen.Allein das Volk wird in diesen Zeiten traurig weinen;Denn es scheinen Geschicke zu kommen sonderbarer Art,Und der Fürstahnet nicht, daß eine neue Macht im Wachsen ist.
Der Sohn wird blühen; was er nicht gehofft, wird er besitzen.
Allein das Volk wird in diesen Zeiten traurig weinen;
Denn es scheinen Geschicke zu kommen sonderbarer Art,
Und der Fürstahnet nicht, daß eine neue Macht im Wachsen ist.
Niemand, der vorurteilslos an diese Dinge herantritt, wird in Abrede stellen können, daß ganz speziell in den letzten acht Zeilen Wendungen anzutreffen sind, die von einer frappierenden Zutreffendheit sind, so zutreffend, daß in der ganzen Weissagung nur eine einzige Stelle ist: jene acht Zeilen, die sich auf Joachim I. und II. beziehen, die an Charakterisierung von Zeit und Personen damit verglichen werden können. Wenn auch hier ausweichend geantwortet ist, es handle sich in allen dreien um bloße Allgemeinheiten, so ist das teils nicht richtig, teils bezeichnet es den Charakter der ganzen Dichtung überhaupt, gleichviel, ob dieselbe Nahes oder Zurückliegendes in Worte faßt.
Es ist nach dem allen nicht zu verwundern, daß der Streit über die Echtheit nach wie vor schwebt, und daß die Weissagung, selbst unter den Protestanten, die verschiedensten Urteile erfahren hat.Küsternennt dasVaticiniumeinfach ein „Spiel des Witzes“ (lusus ingenii);Guhrauerbezeichnet es als eine lakonisch-orakelmäßige Darstellung, die, mit Rücksicht auf die einmal befolgte Tendenz, nicht ohne Geschick angelegt und durchgeführt worden sei. SchulratOtto Schulzgeht in seinem Unmut schon weiter und in der festen Überzeugung, „daß der gesunde Sinn des preußischen Volkes diese Weissagung als die Ausgeburt eines hämischen Fanatikers zu würdigen wissen werde.“ ProfessorTrahndorffdenkt noch schlimmer darüber, indem er sie geradezu für Teufelswerk ausgibt; hält sie aber andererseits für eine wirkliche, wenn auch diabolische Prophezeiung. „Diese hundert Verse,“ so sagt er, „sind als eine echteProphezeiunganzusehen, aber zugleich wegen des darin waltenden unevangelischen Geistes als das Werk des Lügengeistes zu verwerfen.“ VonTrahndorffzuMeinhold, dem Verfasser der Bernsteinhexe, ist nur noch ein Schritt. Wenn jener die wirkliche Prophezeiung zugegeben hat, so fragt es sich nur noch, ob nicht der Lügengeist, den der eine darin findet, durch den andern ohne viele Mühe in einen Geist der Wahrheit verkehrt werden kann.Meinholdvollzieht denn auch diese Umwandlung und versichert, „daß er beim Lesen dieser Lehninschen Weissagung die Schauer der Ewigkeit gefühlt habe“.
So weichen selbstprotestantischeBeurteiler im einzelnen und gelegentlich auch im ganzen von einander ab.
Es wird also schwerlich jemals glücken, aus demGeist und Inhaltder Prophezeiung, wie so vielfach versucht worden ist, ihre Unechtheit zu beweisen. Diese Dinge appellieren an das Gefühl, und bei dem poetischen Geschick, das aus demVaticiniumunverkennbar spricht, empfängt dieser Appell keine ungünstige Antwort. Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man Geist und Ton der Dichtung durchaus betonenwill,beidemehrfürdie Echtheit als gegen dieselbe sprechen. Beispielsweise die Schlußzeilen:
Endlich führet das Scepter, der der Letzte seines Stammes sein wird,Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu sühnende That,Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutschland einen König wieder.Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer LeidenUnd wagt die Ihrigen allein zu hegen, und kein Fremdling darf mehr frohlocken,Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder erstehn,Und die Geistlichkeit steht wieder da nach alter Weise in Ehren,Und kein Wolf steht mehr dem edlen Schafstalle nach.
Endlich führet das Scepter, der der Letzte seines Stammes sein wird,Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu sühnende That,Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutschland einen König wieder.Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer LeidenUnd wagt die Ihrigen allein zu hegen, und kein Fremdling darf mehr frohlocken,Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder erstehn,Und die Geistlichkeit steht wieder da nach alter Weise in Ehren,Und kein Wolf steht mehr dem edlen Schafstalle nach.
Endlich führet das Scepter, der der Letzte seines Stammes sein wird,
Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu sühnende That,
Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutschland einen König wieder.
Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer Leiden
Und wagt die Ihrigen allein zu hegen, und kein Fremdling darf mehr frohlocken,
Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder erstehn,
Und die Geistlichkeit steht wieder da nach alter Weise in Ehren,
Und kein Wolf steht mehr dem edlen Schafstalle nach.
Selbst diese matte Übersetzung der volltönenden Verse des Originals hat noch etwas von prophetischem Klang.
Die Frage wird nicht aus dem Inhalt, sondern umgekehrt einzig und allein aus derFormund aus äußerlich Einzelnem heraus entschieden werden.
Guhrauerhat zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß sich in der Weissagung (Zeile 63) das Wort „Jehova“ vorfinde, und hat daran die Bemerkung geknüpft, daß dieser Ausdruck „Jehova“ an Stelle des bis dahin üblichen „Adonai“ überhaupt erst zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gebräuchlich geworden sei. Bis dahin habe man den Ausdruck oder die Lesart „Jehova“ gar nicht gekannt. Ist diese Bemerkung richtig, so ist sie mehr wert als alle andern Halb-Beweise zusammengenommen. Gleichviel indes, ob richtig oder nicht, derWeg, der in dieserGuhrauerschenBemerkung vorgezeichnet liegt, ist der einzige, der zum Ziele führen kann. Nur Sprachforscher, Philologen, die, ausgerüstet mit einer gründlichen Kenntnis aller Nüancen mittelalterlichen Lateins, nachzuweisen imstande sind: „dies Wort, diese Wendung waren im dreizehnten Jahrhundert unmöglich,“ nur sie allein werden den Streit endgültig entscheiden.
Das Resultat einer solchen Untersuchung, wenn sie stattfände, würde lauten: „unecht“. Darüber unterhalte ich, so wenig ich mich mit denbisherigenVerwerfungsbeweisen habe befreunden können, nicht den geringsten Zweifel. Aber auch der gegenteilige Beweis würde das alte Interesse an dieser Streitfrage nicht wiederbeleben können. Denn die Ereignisse haben mittlerweile die Prophezeiung überholt. Seit der ThronbesteigungFriedrich WilhelmsIV. ist siefalschgeworden, gleichviel ob sieechtist oder nicht. Diesen Unterschied zwischen „unecht“ und „falsch“ ziemt es sich durchaus zu betonen. SchonGuhrauerhat sehr richtig darauf aufmerksam gemacht, daß derTextder Prophezeiungechtund die Prophezeiung selber doch einefalsche, d. h. eine unerfüllt gebliebene sein könne. „Eine unerfüllt gebliebene — so fügt er hinzu — gleich so vielen anderen falschen Prophezeiungen, derenAuthentizitätvon niemand bezweifelt worden ist.“
Friedrich WilhelmIII. war bereits der elfte Hohenzoller nachJoachimI.; der Zeiger an der Uhr ist über die verhängnisvolle Stunde ruhig hinweggegangen, die Hohenzollern leben und nur die Weissagung, echt oder nicht, ist tot.
[10]Aus der Epoche von vor 1690 sind auch (aus einem andern Grunde noch, als aus dem eben beiGeorge Wilhelmangeführten) die vier Zeilen merkwürdig, die sich auf Kurfürst Friedrich I., den ersten Hohenzoller, beziehen. Sie lauten:Wahrheit sprech ich: Dein Stamm, der zu langem Alter bestimmt ist,Wird einst mit schwacher Gewalt die heimischen Gauen beherrschen,Bis zu Boden gestreckt, die einst in Ehre gewandelt,Städte verwüstet und frech beschränkt die Herrschaft der Fürsten.In diesen vier Zeilen, wenn wir einePost-fact-Prophezeiung annehmen wollen (was wir, schon hier sei es gesagt, wirklich tun), erschwert sich der Dichter seine Aufgabefreiwillig, und anstatt im Prophetenton Dinge über die RegierungszeitFriedrichsI. zu sagen, die er 1690 allerdings wissen konnte,ohneein Prophet zu sein, verschmäht er diese bequeme Aushilfe völlig und knüpft vielmehr Betrachtungen an die Erscheinung des ersten Hohenzollern, die, selbst von 1690 ab gerechnet, noch in der Zukunft lagen. Er machte es sich also nicht leicht, hatte vielmehr immer das Ganze im Auge und prophezeite auch da nochwirklichund aus eigenstem Antrieb (man könnte sagen: „seine Mittel erlaubten es ihm“), wo das Prophezeienpost facteinem Stümper in der Prophetie das bequemere und sichere Auskunftsmittel gewesen sein würde.[11]Die Prophezeiung geht von KönigFriedrichI. gleich aufFriedrichII. über und überspringt alsoFriedrich WilhelmI. Man hat daraus einen Beweis für die Unechtheit herleiten wollen,aber ganz mit Unrecht. Der Prophet (so nehmen wir zunächst an) blickte in die Zukunft, er sah wechselnde Gestalten, und den Soldatenkönig saher nicht. Das geistige Auge, — dies müssen wir festhalten, — kann Gegenstände ebenso gut übersehen wie das leibliche. Ja, es läßt sich aus dem Fehlen KönigFriedrich WilhelmsI. viel eher, wenigstens mittelbar, ein Beweisfürden wirklich prophetischen Gehalt der Weissagung herleiten. Versucht man nämlich, wie einige getan haben, das, was sich aufFriedrich den Großenbezieht, aufFriedrich WilhelmI. zu deuten, so entsteht ein völliger Nonsens, und werden dadurch alle diejenigen schlagend widerlegt, die beweisen möchten, daß diese Sätze überhaupt dunkle Allgemeinheiten seien, die schließlich, bei einiger Interpretationskunst, aufjedenpaßten. Man kann aber leicht die Probe machen, daß dies durchaus nicht zutrifft, und daß bestimmte Verse auch nur auf bestimmte Personen passen.
[10]Aus der Epoche von vor 1690 sind auch (aus einem andern Grunde noch, als aus dem eben beiGeorge Wilhelmangeführten) die vier Zeilen merkwürdig, die sich auf Kurfürst Friedrich I., den ersten Hohenzoller, beziehen. Sie lauten:Wahrheit sprech ich: Dein Stamm, der zu langem Alter bestimmt ist,Wird einst mit schwacher Gewalt die heimischen Gauen beherrschen,Bis zu Boden gestreckt, die einst in Ehre gewandelt,Städte verwüstet und frech beschränkt die Herrschaft der Fürsten.In diesen vier Zeilen, wenn wir einePost-fact-Prophezeiung annehmen wollen (was wir, schon hier sei es gesagt, wirklich tun), erschwert sich der Dichter seine Aufgabefreiwillig, und anstatt im Prophetenton Dinge über die RegierungszeitFriedrichsI. zu sagen, die er 1690 allerdings wissen konnte,ohneein Prophet zu sein, verschmäht er diese bequeme Aushilfe völlig und knüpft vielmehr Betrachtungen an die Erscheinung des ersten Hohenzollern, die, selbst von 1690 ab gerechnet, noch in der Zukunft lagen. Er machte es sich also nicht leicht, hatte vielmehr immer das Ganze im Auge und prophezeite auch da nochwirklichund aus eigenstem Antrieb (man könnte sagen: „seine Mittel erlaubten es ihm“), wo das Prophezeienpost facteinem Stümper in der Prophetie das bequemere und sichere Auskunftsmittel gewesen sein würde.
[10]Aus der Epoche von vor 1690 sind auch (aus einem andern Grunde noch, als aus dem eben beiGeorge Wilhelmangeführten) die vier Zeilen merkwürdig, die sich auf Kurfürst Friedrich I., den ersten Hohenzoller, beziehen. Sie lauten:
Wahrheit sprech ich: Dein Stamm, der zu langem Alter bestimmt ist,Wird einst mit schwacher Gewalt die heimischen Gauen beherrschen,Bis zu Boden gestreckt, die einst in Ehre gewandelt,Städte verwüstet und frech beschränkt die Herrschaft der Fürsten.
Wahrheit sprech ich: Dein Stamm, der zu langem Alter bestimmt ist,Wird einst mit schwacher Gewalt die heimischen Gauen beherrschen,Bis zu Boden gestreckt, die einst in Ehre gewandelt,Städte verwüstet und frech beschränkt die Herrschaft der Fürsten.
Wahrheit sprech ich: Dein Stamm, der zu langem Alter bestimmt ist,
Wird einst mit schwacher Gewalt die heimischen Gauen beherrschen,
Bis zu Boden gestreckt, die einst in Ehre gewandelt,
Städte verwüstet und frech beschränkt die Herrschaft der Fürsten.
In diesen vier Zeilen, wenn wir einePost-fact-Prophezeiung annehmen wollen (was wir, schon hier sei es gesagt, wirklich tun), erschwert sich der Dichter seine Aufgabefreiwillig, und anstatt im Prophetenton Dinge über die RegierungszeitFriedrichsI. zu sagen, die er 1690 allerdings wissen konnte,ohneein Prophet zu sein, verschmäht er diese bequeme Aushilfe völlig und knüpft vielmehr Betrachtungen an die Erscheinung des ersten Hohenzollern, die, selbst von 1690 ab gerechnet, noch in der Zukunft lagen. Er machte es sich also nicht leicht, hatte vielmehr immer das Ganze im Auge und prophezeite auch da nochwirklichund aus eigenstem Antrieb (man könnte sagen: „seine Mittel erlaubten es ihm“), wo das Prophezeienpost facteinem Stümper in der Prophetie das bequemere und sichere Auskunftsmittel gewesen sein würde.
[11]Die Prophezeiung geht von KönigFriedrichI. gleich aufFriedrichII. über und überspringt alsoFriedrich WilhelmI. Man hat daraus einen Beweis für die Unechtheit herleiten wollen,aber ganz mit Unrecht. Der Prophet (so nehmen wir zunächst an) blickte in die Zukunft, er sah wechselnde Gestalten, und den Soldatenkönig saher nicht. Das geistige Auge, — dies müssen wir festhalten, — kann Gegenstände ebenso gut übersehen wie das leibliche. Ja, es läßt sich aus dem Fehlen KönigFriedrich WilhelmsI. viel eher, wenigstens mittelbar, ein Beweisfürden wirklich prophetischen Gehalt der Weissagung herleiten. Versucht man nämlich, wie einige getan haben, das, was sich aufFriedrich den Großenbezieht, aufFriedrich WilhelmI. zu deuten, so entsteht ein völliger Nonsens, und werden dadurch alle diejenigen schlagend widerlegt, die beweisen möchten, daß diese Sätze überhaupt dunkle Allgemeinheiten seien, die schließlich, bei einiger Interpretationskunst, aufjedenpaßten. Man kann aber leicht die Probe machen, daß dies durchaus nicht zutrifft, und daß bestimmte Verse auch nur auf bestimmte Personen passen.
[11]Die Prophezeiung geht von KönigFriedrichI. gleich aufFriedrichII. über und überspringt alsoFriedrich WilhelmI. Man hat daraus einen Beweis für die Unechtheit herleiten wollen,aber ganz mit Unrecht. Der Prophet (so nehmen wir zunächst an) blickte in die Zukunft, er sah wechselnde Gestalten, und den Soldatenkönig saher nicht. Das geistige Auge, — dies müssen wir festhalten, — kann Gegenstände ebenso gut übersehen wie das leibliche. Ja, es läßt sich aus dem Fehlen KönigFriedrich WilhelmsI. viel eher, wenigstens mittelbar, ein Beweisfürden wirklich prophetischen Gehalt der Weissagung herleiten. Versucht man nämlich, wie einige getan haben, das, was sich aufFriedrich den Großenbezieht, aufFriedrich WilhelmI. zu deuten, so entsteht ein völliger Nonsens, und werden dadurch alle diejenigen schlagend widerlegt, die beweisen möchten, daß diese Sätze überhaupt dunkle Allgemeinheiten seien, die schließlich, bei einiger Interpretationskunst, aufjedenpaßten. Man kann aber leicht die Probe machen, daß dies durchaus nicht zutrifft, und daß bestimmte Verse auch nur auf bestimmte Personen passen.
Den Leib des Fürsten hüllt der RauchVon Ampeln und von WeihrauchschwelenUnd ringsum steigt ein TrauerchorUnd ein Tedeum steigt emporAus hundert und aus tausend Kehlen.
Den Leib des Fürsten hüllt der RauchVon Ampeln und von WeihrauchschwelenUnd ringsum steigt ein TrauerchorUnd ein Tedeum steigt emporAus hundert und aus tausend Kehlen.
Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch
Von Ampeln und von Weihrauchschwelen
Und ringsum steigt ein Trauerchor
Und ein Tedeum steigt empor
Aus hundert und aus tausend Kehlen.
Unter den Töchtern Lehnins warChorindie bedeutendste, ja, eine Zeitlang schien es, als ob das Tochterkloster den Vorrang über diematergewinnen würde. Das war unter den letzten Askaniern. Diese machten Chorin zum Gegenstand ihrer besonderen Gunst und Gnade und beschenkten es nicht nur reich, sondern wählten es auch zu ihrer Begräbnisstätte. Unter den sieben Markgrafen, die hier beigesetzt wurden, ist der letzte zugleich der hervorragendste: Markgraf Waldemar, gestorben 1319. Nach dem Erlöschen der Askanier trat Chorin wieder hinter Lehnin zurück.
Chorinerreicht man am bequemsten von der benachbarten Eisenbahnstation Chorin aus, die ziemlich halben Weges zwischen Eberswalde und Angermünde gelegen ist. Ein kurzer Spaziergang führt von der Station aus zum Kloster. Empfehlenswert aber ist es, in Eberswalde bereits die Eisenbahn zu verlassen und in einem offenen Wagen an Kapellen, Seen und Laubholz vorbei, über ein leicht gewelltes Terrain hin, den Rest des Weges zu machen. Dies Wellenterrain wird auch Ursache, daß Chorin, wenn es endlich vor unseren Blicken auftaucht, völlig wie eine Überraschung wirkt. Erst in dem Augenblicke, wo wir den letzten Höhenzug passiert haben, steigt der prächtige Bau, den die Hügelwand bis dahin deckte, aus der Erde aufund steht nun so frei, so bis zur Sohle sichtbar vor uns, wie eine korkgeschnitzte Kirche auf einer Tischplatte. Es kommt dies derarchitektonischenWirkung, wie gleich hier hervorgehoben werden mag, sehr zu statten, weniger dermalerischen, die für eine Ruine meist wichtiger ist als jene. Wir kommen am Schlusse unseres Aufsatzes auf diesen Punkt zurück.
Kloster Chorin trat nicht gleich als esselbstins Dasein, sondern ging vielmehr aus einer früheren, an anderem Orte gelegenen Anlage hervor. Es scheint geboten, auch bei dieser Vorgeschichte, die wenig gekannt ist, zu verweilen.
Kloster Chorin, ehe es diesen seinen Namen annahm, war KlosterMariensee. Die Stelle, wo letzteres stand, war lange zweifelhaft. Die Urkunden sagten freilich deutlich genug: „auf der Ziegeninsel im Paarsteiner See“; aber der Paarsteiner See hattezweiInseln, von denen — wenigstens in den Nachschlagebüchern — keine mehr den Namen „Ziegeninsel“ führte. Die eine hieß, in eben diesen Büchern, der „Paarsteiner Werder“, die andere der „Pehlitzer Werder“.
Nachfragen am Paarsteiner See selbst indes, die ich anstellen durfte, haben die Streitfrage schnell entschieden. Der „Pehlitzer Werder“ heißt im Volksmund an Ort und Stelle noch immer dieZiegeninsel, und wenn dennoch ein leiser Zweifel bliebe, so würde derselbe durch die Kirchentrümmer beseitigt werden, die, unverkennbar auf eine Klosteranlage deutend, bis diesen Augenblick noch auf dem „Pehlitzer Werder“ — in alten UrkundenInsula Caprarum— angetroffen werden.
Diese Ziegeninsel liegt am Südende des Sees und ist Privateigentum, etwa wie ein eingezäuntes Stück Grasland, weshalb man auch nur vom gegenüberliegenden Amtshof aus die Überfahrt nach derselben bewerkstelligen kann. Die Erlaubnis dazu wird gern gewährt.
Früher, wenn die Tradition recht berichtet, war das Terrain zwischen dem Amtshof und der Insel mehrSumpfals See, so daß ein Steindamm, eine Art Mole, existierte, die hinüberführte; der Paarsteiner See aber, im Gegensatz zu anderen Gewässern der Mark, wuchs konstant an Wassermenge, so daß allmählich der Sumpf in der wachsenden Wassermenge ertrank und mit dem Sumpf natürlich auch der Steindamm. Die Tradition hat nichts Unwahrscheinliches; auch erkennt man noch jetzt, bei klarem Wasser, lange Steinfundamente, die in gerader Linie vom Ufer zur Insel führen.
Die Insel selbst, an deren Südwestseite man landet, hat die Form eines verschobenen Vierecks, dessen vier Spitzen ziemlich genau die vier Himmelsgegenden bezeichnen. Der Umfang der Insel mag einige Morgen betragen.
An der Landungsstelle, in ziemlicher Ausdehnung, erhebt sich eine aus mächtigen Blöcken aufgetürmte Wand: Roll- und Feldsteine, von denen es schwer zu sagen ist, ob die Fluten hier vor Jahrtausenden sich ablagerten oder ob erst unsere Freunde, die Mönche, sie zu Schutz und Trutz hier aufschichteten.
Die Insel zeigt im übrigen auf den ersten Blick nichts Besonderes; sie macht den Eindruck eines vernachlässigten Parks, in dem die Natur längst wieder über die Kunst hinausgewachsen ist. Es vergeht eine Zeit, ehe man die Trümmer entdeckt und überhaupt in dem bunten Durcheinander sich zurechtfindet; dann aber wirkt alles mit einem immer wachsenden Reiz. Die Überreste des Klosters liegen nach Osten zu, fast entgegengesetzt der Stelle, wo man landet. Was noch vorhanden ist, ragt etwa zwei Fuß hoch über den Boden und reicht in seinen charakteristischen Formen völlig aus, einem ein Bild des Baues zu geben, der hier stand.[12]An der Profilierung der Steine erkennen wir, daß wir es mit einem romanischen Bau zu tun haben, der wahrscheinlich drei Schiffe (eher schmal als breit) hatte; an einzelnen Stellen glaubt man noch ein Pfeilerfundament des Mittelschiffs zu erkennen. Weitere Nachgrabungen würden gewiß mancherlei Auskunft Gebendes zutage fördern, wobei bemerkt werden mag, daß auch das, was jetzt dem Auge sich bietet, erst infolge von Erdarbeiten, die der Pehlitzer Amtmann anordnete, vor kurzer Zeit zutage getreten ist.
Was die Trümmer selbst angeht, so gehören sie sehr wahrscheinlich der Ostseite der ehemaligen Klosterkirche an, woraus sich ergeben würde, daß das Längsschiff derselben sich nichtparallelmit dem Ufer, sondern senkrecht auf dasselbe, alsoinseleinwärtshingezogen haben muß. In dieser Richtung hätten also auch weitere Nachgrabungen zu erfolgen.
Wie die eigentlichen Klostergebäude, die Mönchswohnungen, zu dieser Klosterkirche standen, wird um so schwerer nachzuweisen sein, als die ganze Anlage nur von bescheidenen Dimensionen war, einzelnes auch leicht möglicherweise in dem heraufsteigenden See versunken ist. Zwischen diesem und der Klosterkirche bemerken wir noch ein niedriges Feldsteinfundament, über dessen Zugehörigkeit und frühere Bestimmung die Ansichten abweichen. Ich bin indes der Meinung, daß alle dieseaußerhalbund doch zugleich in nächsterNähegelegenen, dabei durch eine eigentümlicheSchrägstellung markierten Feldsteinbauten nichts anderes waren als die Siechenhäuser, in denen die Mönche den Hospitaldienst übten.
In der Mitte der Insel erhebt sich der sogenannte Mühlberg, der beste Punkt, um einen Überblick zu gewinnen. Wir erkennen von hier aus unter den Zweigen der Bäume hindurch die Kirchenstelleund die Hospitalstelle, wir sehen die prächtige alte Lindenallee, die am Nordufer der Insel entlang den dahinter liegenden breiten Schilfgürtel halb verdeckt, und sehen durch die offenen Stellen hindurch die blaue Fläche des Sees, die sich wie ein Haff jenseits des Schilfgürtels dehnt. Dieser weitgehende See, überall eingefaßt durch prächtig geschwungene Uferlinien, gewährt ein Landschaftsbild voll imponierender Schönheit; aber dieser Schönheit vermählt sich eine Sterilität, wie sie an märkischen Seen nur selten getroffen wird. Die Ufer, wenn sie Basalt wären, könnten nicht unfruchtbarer sein. Keine Spur von Grün bedeckt die sandgelben, in ihren Formen nicht unmalerischen Abhänge, kein Saatfeld läuft wie ein grünes Band von den Hügeln zum See hernieder, kein Laubholz, kein Tannicht, keine Decke grünen Mooses. Diese absolute Öde, nur einmal zur Rechten durch eine Turmspitze unterbrochen, ist an sich nicht ohne einen gewissen Zauber, aber das Gefühl, daß hier die Grundelemente zu einem märkischen Landschaftsbilde ersten Ranges nur geboten wurden, um vonseiten der Kultur unbenutzt zu bleiben, verkümmert die Freude an dem, was wirklich vorhanden ist.
Freilich, ständen diese Ufer auch in Grün und lachten auch die Wohnungen der Menschen daraus hervor, hier rote Dächer mit Tauben auf dem First, dort Wassermühlen, von niederstürzenden Gewässern getrieben — doch würde niemand da sein, um sich von dieser Inselstelle aus des schönen Landschaftsbildes zu freuen. Der „Pehlitzer Werder“ (Insula caprarum), einst in regem Verkehr mit den Bewohnern dieser Landesteile, eine Zufluchtsstätte für Verfolgte, eine Pflegestätte für Kranke und Verwundete, ist jetzt nichts mehr als Koppel- und Grasplatz für den Amtshof. Im Monat Mai schwingen sich Knechte und Hütejungen auf die Rücken der Pferde, und wie zur Tränke reitend, schwimmen sie mit ihnen zur Insel hinüber. Diese gehört nun sommerlang den Pferden und Füllen. Am Ufer hin, in der alten Lindenallee grasen sie auf und ab und horchen nur auf, wenn bei untergehender Sonne drüben der Paarsteiner Kirchturm zu Abend läutet. Eines der halbwachsenen Füllen tritt dann auch wohl in das Klostergemäuer, um die Disteln abzugrasen, die über dem alten Mönchsgrabe stehen; aber plötzlich, als sei eine Flamme aus der Erdegefahren, dreht sich das Jungtier im Kreise herum und starrt und prustet, und mit Schüttelmähne und gehobenem Schweif flieht es die Stätte und jagt zitternd, rastlos, an der Uferlinie der Insel hin. — —
Bis 1272 bestand KlosterMarienseeauf der Ziegeninsel im Paarsteiner See. In diesem Jahre, so scheint es, kam man überein, „wegen mehrerer Unbequemlichkeit, die sich aus der Lage des Klosters ergäbe“, dasselbe weiter westwärts und zwar an den Choriner See zu verlegen, richtiger wohl, es mit einer neuen klösterlichen Pflanzung, die sich bereits am Choriner See befinden mochte, zuvereinigen. Eine solche neue Pflanzung muß nämlich, wenn auch nur in kleinen Anfängen, um 1272 schon existiert haben, wie nicht nur aus einzelnen allerdings so oder so zu deutenden urkundlichen Angaben, ganz besonders aber aus einer Steintafelinschrift hervorgeht, die noch bis zum Jahre 1769 im Kloster vorhanden war.[13]Die ersten Zeilen derselben lauteten:
„Anno 1254 ist der MarkgrafJohannes(I.), Churfürst zu Brandenburg, der dieses Kloster Chorin Cistercienser-Ordens gestiftet, allhier begraben.“
„Anno 1254 ist der MarkgrafJohannes(I.), Churfürst zu Brandenburg, der dieses Kloster Chorin Cistercienser-Ordens gestiftet, allhier begraben.“
Wenn nun bereits um 1254 Markgraf Johann I. hier beigesetzt werden konnte, so mußte wenigstens ein Klosteranfang und in ihm eine Grabkapelle vorhanden sein. Wir werden nicht irre gehen, wenn wir die Anfänge von Kloster Chorin gerade um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts setzen.
Wie immer aber dem sein möge, jedenfalls haben wir von 1272 an ein Kloster Chorin und dürfen annehmen, daß sich die bauliche Vollendung desselben, trotz einer unverkennbaren Großartigkeit der Anlage, in verhältnismäßig kurzer Zeit vollzogen haben muß. Es sprechen dafür die zum Teil vortrefflich erhaltenen Überbleibsel des Klosters, die ihrem Baustil nach in die Wendezeit des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts gehören. Die Zeit war einem solchen raschen Aufblühen besonders günstig; das Ansehen des Ordens stand auf seiner Höhe, und die Askanier, wie bereits hervorgehoben, waren unermüdlich, dem Kloster ihre besondere Gnade zu betätigen. Keiner mehr als Markgraf Waldemar, der letzte des Geschlechts. Fast alles Land zwischen Eberswalde und Oderberg im Süden und eben so zwischen Eberswalde und Angermünde im Norden gehörte dem Kloster. Der Paarsteiner See war so ziemlich der Mittelpunkt der reichen Stiftung, die bei der Säkularfeier des Klosters zweiundsechzig Dörfer zählte.
Diese Dörfer deuten auf einen Totalbesitz, der dem Reichtum Lehnins (zwei Flecken und vierundsechzig Güter) nahe kam, vielleicht auch diesen Reichtum übertraf, da die Dörfer der Odergegenden im allgemeinen für reicher und ergiebiger gelten als die Dörfer der Zauche und selbst des Havellandes; doch mochte das damals, wo der Reichtum, der in den Sümpfen und Brüchen des Oderlandessteckte, noch nicht erschlossen war, anders sein als jetzt. Ist doch noch nicht lange her, daßjedesSanddorf vor dem Sumpfdorfe den Vorrang behauptete, der Sand gab wenig, aber der Sumpf gab nichts.
Lassen wir aber die Frage nach dem größeren oder geringeren Besitz beiseite, so müssen wir bei Betrachtung beider Klöster sofort durch die Tatsache überrascht werden, daß wir von der Geschichte des einen, trotz aller Lücken und Mängel, verhältnismäßig viel, von der Geschichte des andern verhältnismäßig wenig wissen. Ohne die urkundlichen Überlieferungen, die Sagen und Traditionen, die sich an Lehnin knüpfen, überschätzen zu wollen, so muß doch schließlich zugestanden werden, daß etwas da ist, und daß wir Gestalten und Ereignisse von größerem oder geringerem Interesse an uns vorüber ziehen sehen. Nichts derartiges aber, oder doch fast nichts, bietet Chorin.
Ob diese Armut der Überlieferung einfach darin liegt, daß das Kloster Chorin in der Tat nichts anderes war als ein klösterlicher Amtshof, mit vielen Gütern und Vorwerken, oder ob uns die Glanzseiten der Geschichte, wenn solche da waren, einfach verloren gegangen sind, ist nachträglich schwer zu entscheiden, doch spricht manches dafür, daß das erstere der Fall war und daß Kloster Chorin nicht viel etwas anderes zu bedeuten hatte als eine große mönchische Ökonomie, in der es auf Erhaltung und Mehrung des Wirtschaftsbestandes, aber wenig auf die Heilighaltung ideeller Güter ankam. Was indessen mehr besagen will als die Dürre dieser urkundlichen Überlieferungen, das ist der Umstand, daß das Kloster auch bei seinen Um- und Anwohnern nicht die geringste Spur seiner Existenz zurückgelassen zu haben scheint.
Da sind keine Traditionen, die an die Lehniner Sagen von Abt Sibold erinnerten, da ist kein See, kein Haus, kein Baum, die als Zeugen blutiger Vorgänge mit in irgend eine alte Klosterlegende verflochten wären; da ist keine „weiße Frau“, die abends in den Trümmern erscheint und nach dem Mönche sucht, den sie liebte; alles ist tot hier, alles schweigt.
Ein einziger kurzer Abschnitt klingt an die Historie wenigstens an. Es bezieht sich dies auf dasbayrische Interregnumin unserer Geschichte, spezieller auf die Epoche, die zwischen dem Todedes echten und dem Auftauchen und Wiederverschwinden des falschen Waldemar liegt, also auf die Zeit zwischen 1319 und 1349. Man hat dem Kloster nachgesagt, daß es in dieser Zeit sich durch Intrige, Schweigekunst und feines politisches Spiel hervorgetan und wenigstens um seiner Klugheit willen einen gewissen Anspruch auf unsern Respekt erworben habe. Ich habe indes nichts finden können, was einen Anhaltepunkt für die Annahme einer solchen Superiorität böte. Von scharfer Vorausberechnung, von raschem Hervortreten im rechten Moment, oder wohl gar von dem Blitzenden eines genialen Coups nirgends eine Spur; überall nur die Betätigung allertrivialster Lebensklugheit, eine Politik von heute auf morgen, von der Hand in den Mund.
Verfolgen wir, wie zur Beweisführung für die vorstehenden Sätze, die Haltung des Klosters während der vorgenannten Epoche, so werden wir es einfach immer „bei der Macht“ finden. Hielt die Macht aus, so hielt Chorin auch aus, schwankte die Macht, so schwankte auch Chorin. In zweifelhaften Fällen hielt sich’s zurück und wartete ab. Wenn dies „Diplomatie“ ist, so ist nichts billiger als die diplomatische Kunst.
Von 1319-1323 waren für die Mark drei Prätendenten da: HerzogRudolfvon Sachsen, HerzogHeinrichvon Mecklenburg und HerzogWratislawvon Pommern-Wolgast. Die besten Ansprüche hatte unbedingt Rudolf von Sachsen; das Kloster sagte sich aber: „Herzog Heinrich und Herzog Wratislaw sind uns näher und weil sie uns näher sind, sind sie wichtiger für uns.“ Diese Erwägung genügte, um sich — im Gegensatze zur Mittelmark, die nach Sachsen hinneigte — auf die Seite von Pommern und Mecklenburg zu stellen.
So lagen die Sachen noch im Juni 1320. Aber das Ansehen Rudolfs von Sachsen wuchs; zu seinem größeren Rechte gesellte sich mehr und mehr auch die größere Macht, und sobald das Kloster diese Wahrnehmung machte, war es rasch zu einer Wandlung entschlossen. Im November 1320 begegnen wir bereits einer Urkunde, worin „Herzog Rudolf das Kloster Chorin in seinen Schutz nimmt, ihmseine Ungnade erläßt“ und dabei natürlich seinen Besitz ihm bestätigt. Wir sehen, das Kloster hatte es für gut befunden, seine erste Schwenkung zu machen.
Indessen die Dinge gingen nicht lange so. Kaiser Ludwig hielt es um diese Zeit für angetan, die Mark als ein verwaistes Reichslehn einzuziehen und seinen ältesten Sohn damit zu begnaden. Dieser kam als Markgraf ins Land. Die Rechnung, die vonseiten Chorins nunmehr angestellt wurde, war einfach die folgende: „Rudolf von Sachsen ist stärker gewesen als Mecklenburg oder Pommern, Kaiser Ludwig aber ist wiederum stärker als der Sachsenherzog.“ So wurde unser Kloster denn, nachdem es drei oder vier Jahre lang sächsisch gewesen war, ohne Zögernbayrisch. Dies war die zweite Schwenkung. Aber noch andere standen bevor.
1345 tauchte der sogenannte „falsche Waldemar“ auf; wir lassen dahingestellt sein, ob er der falsche oder der echte war. Sein Anhang mehrte sich, aber die größere Macht stand zunächst noch auf bayrischer Seite. Was tat nun Chorin? Es hielt aus bei den Bayern, so lange Bayern der stärkere Teil war, und dies Ausharren führte den besten Beweis, daß man dem Kloster viel zu viel Ehre antut, wenn man ihm, wie geschehen ist, nachredet, daß es all die Zeit über (von 1319 bis 1345) gut askanisch gewesen wäre oder gar an der Rückkehr und Restituierung Waldemars, nötigenfallsirgend einesWaldemars, gearbeitet habe. Nichts davon. Das Kloster Chorin hatte weder die Treue, auf die Wiedereinsetzung eines „echten Waldemar,“ wenn es an einen solchen glaubte, zu dringen, noch hatte es andererseits den Mut einer politisch-patriotischen Intrige, d. h. den Mut, nötigenfalls auf jede Gefahr hin und bloß dem askanischen Namen zuliebe, den unechten Waldemar zu einemechten zu machen. Chorin tat nichts, als wartete ab. Waldemar, gleichviel ob der falsche oder der richtige, zog schon zwei Jahre durchs Land, und die Uckermark, darin unser Kloster gelegen war, hatte ihn bereits anerkannt; nur gerade Abt und Konvent von Chorin zögerten immer noch, ein Wort zu sprechen und die alten askanischen Sympathien zu bezeigen. Warum? Diebayrische Herrschaft, wenn auch mannigfach bedroht, erschien noch unerschüttert, jedenfalls dem Eindringling überlegen. Chorin blieb also gut bayrisch, so lange esdas Klügstewar, gut bayrisch zu sein.
Aber der Herbst 1348 änderte plötzlich die Machtstellung der Parteien, und mit der veränderten Machtstellung änderte sichnatürlich auch die Stellung Chorins. Kaiser Karl IV., der Luxemburger, der dem bayrischen Kaiser, dem Vater des bayrischen Markgrafen von Brandenburg, auf den Kaiserthron gefolgt war, trat auf die Seite des falschen Waldemar und ließ ihn für echt erklären.
Jetzt wäre die Stunde für Chorin dagewesen, endlich Treue zu zeigen, wenn auch nur Treue gegen Bayern; aber es kannte nichts als Unterwerfung unter die Macht. Mit dieser Anerkennung des falschen Waldemar durch den Kaiser war der bayrische Markgraf von Brandenburg auf einen Schlag der schwächere Teil geworden; die natürliche Folge davon war, daß Chorin aufhörte, bayrisch zu sein, um sofort kaiserlich und Waldemarisch zu werden.[14]
Dies war ein böser Fleck, eine häßliche Wandlung; aber das Häßlichere kam noch nach. Die Sache währte nicht lange; der Kaiser dachte bald anders und ließ den Waldemar im Frühjahr 1350 eben so leicht wieder fallen, wie er ihn achtzehn Monate früher erhoben hatte. Die Häuser Luxemburg und Bayern söhnten sich aus. Waldemar war nun wieder nichts oder doch nicht viel; nur die askanische Partei stand noch zu ihm. Einzelne treue unter den Städten suchten ihn auch jetzt noch zu halten,nur nicht Chorin. Die Machthaber hatten ihn fallen lassen, und das Kloster tat selbstverständlich dasselbe. Von einem Einstehen, einem Zeugnisablegen, von dem, was wir heute Charakter und Gesinnung nennen würden, keine Spur. Nach halbjähriger Teilnahme an der Waldemar-Komödie war Chorin wieder so gut bayrisch, wie es vorher gewesen war. Die bayrischen Markgrafen ihrerseits waren auch zufrieden damit und machten aus dem flüchtigen Abfall nicht allzuviel. Sie drückten zwar in einer Urkundeihren Unmut und ihre Trauer darüber aus, das Kloster nicht fest befunden zu haben; aber das war wenig mehr als eine Formalität, die Sache war beigelegt und Chorin wieder angesehen, vielleicht angesehener als zuvor. Es hielt nun auch aus, so lange die Bayern im Lande waren; aber wir dürfen wohl annehmen, nicht aus Treue, sondern einfach deshalb, weil das Ausbleiben jeder neuen Versuchung ein neues Ausgleiten unmöglich machte.
Die angebliche „politische Glanzzeit“ Chorins war das natürliche Resultat gegebener Verhältnisse, nicht mehr und nicht weniger, und die Quitzow-Zeit wird dem Kloster zu einem ähnlich abwartenden politischen Verfahren Veranlassung gegeben haben. Doch sind die Aufzeichnungen darüber lückenhafter. Chorin hatte keinenHeinrich Stich(S. S.55), entbehrte vielmehr eines Abtes, der sich gemüßigt gesehen hätte, die Verwickelungen einer verwickelungsreichen Epoche niederzuschreiben. Die letzten anderthalbhundert Jahre des Klosters unter der sich befestigenden Macht der Hohenzollern scheinen ohne jede Gefährdung hingegangen zu sein; Schenkungsbrief reiht sich an Schenkungsbrief, bis endlich die Reformation dazwischen tritt und den Faden durchschneidet.
Die Vorgänge, die die Säkularisierung Chorins begleiteten, waren wohl dieselben wie bei Einziehung der brandenburgischen Klöster überhaupt. Chorin wurde freilich zunächst aus freier Hand verkauft, aber dies hatte keinen Bestand, und binnen kurzem wurde auch hier der Klosterhof ein Amtshof, eine Domäne. Er ist es noch.
Von den alten Baulichkeiten, wenn dieselben auch Umwandlungen unterworfen wurden, ist noch vieles erhalten; lange einstöckige Fronten, die den Mönchen als Wohnung und Arbeitsstätten dienen mochten, dazu Abthaus, Refektorium, Küche, Speisesaal, ein Teil des Kreuzganges, vor allem die Kirche. Diese, wenn schon eine Ruine, richtiger eine ausgeleerte Stätte, gibt doch ein volles Bild von dem, was diese reiche Klosteranlage einst war. Schon die Maße, die Dimensionen deuten daraufhin; das Schiff ist vierundvierzig Fuß länger als die Berliner Nikolaikirche undbei verhältnismäßiger Breite um siebzehn Fuß höher. Im Mittelschiff stehen auf jeder Seite elf viereckige Pfeiler (einige zur Linken sind neuerdings verschwunden); der zwölfte Pfeiler, rechts wie links, steckt in der Mauer. Die Konsolen oder die Kapitälornamente sind verschieden gestaltet und stellen abwechselnd Akanthus-, Klee- und Eichenblätter dar. Das Blattwerk zeigt hier und da noch Spuren von grüner Farbe, während der Grund rot und gelb gemalt war. Freskoartige Malereien finden sich noch in letzten Überresten im Kreuzgang; an einer stehengebliebenen Kappe zeigt sich Zweig- und Blattwerk, das ein Wallnußgesträuch darzustellen scheint. Das hohe Gewölbe, welches von den Pfeilern des Mittelschiffes getragen wurde, ist seit einem Jahrhundert eingestürzt. An Stelle desselben wurde im Jahre 1772 ein Dachstuhl aufgerichtet, der seitdem das neue Dach trägt. Dies neue Dach ist niedriger, als das alte war, was sich an den Giebelwänden, besonders an dem Frontispiz im Westen noch deutlich markiert. Von den Seitenschiffen ist nur noch eins vorhanden, das nördliche; über dem niedrigen Dach desselben ragen die elf Spitzbogenfenster des Hauptschiffes auf, deren obere Steinverzierungen noch beinahe unversehrt erhalten sind.
Leider geht dieserbaulichschönen Ruine, wie gesagt, das eigentlichMalerischeab. Ruinen, wenn sie nicht bloß, als nähme man ein Inventarium auf, nach Pfeiler- und Fensterzahl beschrieben werden sollen, müssen zugleich einLandschafts-oder auch einGenrebildsein. In einem oder im andern, am besten in der Zusammenwirkung beider wurzelt ihre Poesie. Chorin aber hat wenig oder nichts von dem allen; es gibt sich fast ausschließlich als Architekturbild. Alles fehlt, selbst das eigentlich Ruinenhafte der Erscheinung, so daß, von gewisser Entfernung her gesehen, das Ganze nicht anders wirkt wie jede andere gotische Kirche, die sich auf irgend einem Marktplatz irgend einer mittelalterlichen Stadt erhebt. Nur fehlt leider der Marktplatz und die Stadt. Und treten wir nun in die öden und doch wiederum nicht malerisch zerfallenen Innenräume ein, so fehlt uns eines mehr als alles andere. Wer immer auch unser Führer sein mag, und wäre er der beste, wir vermissen die stilleFührerschaft von Sage und Geschichte. Alles läßt uns im Stich, und wir schreiten auf dem harten Schuttboden hin, wie auf einer Tenne, über die der Wind fegte. Alles leer.
Kloster Chorin ist keine jener lieblichen Ruinen, darin sich’s träumt wie auf einem Frühlingskirchhof, wenn die Gräber in Blumen stehen; es gestattet kein Verweilen in ihm und es wirkt am besten, wenn es wie ein Schattenbild flüchtig an uns vorüberzieht. Wer hier in der Dämmerstunde des Weges kommt und plötzlich zwischen den Pappeln hindurch diesen still einsamen Prachtbau halb märchenartig, halb gespenstisch auftauchen sieht, dem ist das Beste zuteil geworden, daß diese Trümmer, die kaum Trümmer sind, ihm bieten können. Die Poesie dieser Stätte ist dann wie ein Traum, wie ein romantisches Bild an ihm vorübergezogen, und die sang- und klanglose Öde des Innern hat nicht Zeit gehabt, den Zauber wieder zu zerstören, den die flüchtige Begegnung schuf.