»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und über Dein Herz das Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich für immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich Dich von ganzem Herzen liebhabe und daß ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du begleitest michals die Hüterin meines Verlangens nach dem Vollkommenen.Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich habe die Worte Deines väterlichen Freundes von Dir gehört, der begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn solcher Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und Gelingen sie verstoßen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, Heimweh und Vollendung. Ich binBenvenuto Paule.«
»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und über Dein Herz das Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich für immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich Dich von ganzem Herzen liebhabe und daß ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du begleitest michals die Hüterin meines Verlangens nach dem Vollkommenen.
Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich habe die Worte Deines väterlichen Freundes von Dir gehört, der begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn solcher Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und Gelingen sie verstoßen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, Heimweh und Vollendung. Ich bin
Benvenuto Paule.«
Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen hatte, war ihr, als griffen zwei starke Hände nach ihrem Herzen. Sie wußte nicht, ob sie Schmerzen durchlitt oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel stürmten durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das erste Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als wendete das Leben, dies unfaßbare Etwas, das Leben genannt wird, sich plötzlich nach ihr um, begabt mit Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen Augen, wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich meine dich! Hast du nicht auf mich gewartet? Hast du nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da bin ich.«
Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender Beteiligtheit plötzlich, als läge alles, was sich bisher ereignet hatte, weit hinter ihr, tief unter ihr, in großen entstellenden Abständen, die es fremdartig,klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? Der kurze Weg durch das Haus, von seinem Zimmer bis zu dem ihren, war eine lange Straße, auf deren leerer Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig und bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es gewesen, die sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig gestellt hatte in Befürchtungen, Absichten und Taten? Um was nur, um was?
Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von allem, was ihr vergangenes Leben bewegt hatte, ein einziges zu ihr, es kam in Gestalt eines Engels über die verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern und Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt daher, fernher aus den lieblichen Gärten ihrer schönen Kindertage. Und dieser Engel zeigte ihr in den rauhen, unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des Mannes, der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner blassen Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete ihre Hoffnung zu heldenhafter Siegesseligkeit auf und wies über die winterlichen Felder hinaus auf den Unfrieden, die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres Daseins.
Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, es erschien ihr das Eine, Große, Notwendige ihres Wesens, daß sie sich aufmachte, um den Weg in dies Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die befreiende Kraft jenes Lichts gefehlt hatte, das aus denWorten brach, die von Paule kamen und ihr galten: »Ich liebe dich von ganzem Herzen« —?
Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer Zeit wohlgerichtet und mit Entschlossenheit aus ihrem Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem ersten befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das Schloß für immer zu verlassen.
»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch und durch aufgelöst. Sieh dir das Tier an, es zittert noch am ganzen Körper, drüben wird es bewegt, komm, sieh ...«
»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt werden muß es doch. Wenn es nicht so viel aushält wie ich, will ich es nicht mehr reiten.«
Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. Was war nur in ihrem Angesicht für ein feierliches Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche Freude, und doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:
»Glaubst du, sie hielte nicht aus? — Ganz andere Sachen! Hast du eine Ahnung, was so einem Tier zuzumuten ist. Aber wozu? Willst du denn überhaupt schon wieder fort?«
»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«
»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«
Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht verstand.
Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid ließ die schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenkeempor sehen, sie hatte den einen Fuß vorgestellt, hielt mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte gepreßt und knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte die Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war lichter umher in der Welt, als der Morgen versprochen hatte, und die Schneedecke war geschmolzen. Aber kalt war es immer noch, der nasse, leere Park lag erstorben. Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der Graf Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von Erhobenheit, Wehmut und Kraftbewußtsein. Sie starrte hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe sie von verworrenen, bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr ruhiges Land zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie denn, welch ein Vorhaben entflammte ihr Herz?
»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen hinüber, das sie einst gewesen war, bis heute.
Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein, denn das Rütteln hörte auf, und nun vernahm sie Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des Schlosses. Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers geöffnet waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte. Erst leise, dann heftiger. Endlich öffnete er vorsichtig, und sie sahen sich durchs Fenster.
»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte noch, ich komme.«
Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er rasch auf sie zu, er kam aus der Küchentür.
»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«
Das junge Mädchen dachte:
Und wenn ich nun Paule nicht finde?
»Ja, ja«, sagte sie.
»Wann kommst du, kommst du gleich?«
»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«
»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah Afra angstvoll an. Sie empfand nun, daß er erregt und traurig war.
»Ich komme nicht.«
»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun, denn es steht böse um ihn. Ich bin voll Angst um sein Ergehen ... schon seit langem.«
Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte Afra und atmete auf. Da kam Martin mit Joni. Das Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt seinen Kopf tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze, als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:
»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst nicht?«
»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich könnte nicht, meine Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur dies. Und grüß ihn und wünsch ihm Lebewohl. Ich käme nicht wieder.«
»Was bedeutet das?«
»Tu, was ich sage!«
»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie soll es denn werden?«
Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel für den Fuß und seine Schulter für ihre Hand. Eilfertig, wie er stets war, wenn es ihm galt, Melchior zu zeigen,wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr unentbehrlicher war.
Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für Wettbewerb und dachte nicht an sein Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer und nach einem trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, Afra umzustimmen, nur ihren Eigensinn verdoppelte. Das große Schloß war leer, und sein müder Schritt hallte angstvoll wider ...
Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker als sie war. Sie fühlte den kalten Wind an ihren Schläfen und sah die Wolken dahinziehen. Das Land, das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß ihr Urteil nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen wichtig und unwichtig und zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und dieser Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit ihrer Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens bedacht und selbstsüchtig schalt. Sie verachtete sich in ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch ihre Lippen über den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte, und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten Spiel verglich und von dessen Ausgang sie sich einreden konnte, wie immer er sein möchte, so würde es ihr zum wenigsten doch einige Unterhaltung bringen. Und im lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer Seele mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrerVergangenheit denken, und immer waren es solche, die sie tief bewegt hatten. Sie sah Elsbeths unstete Hand, wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang glitt, das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre dunklen Anklagen häufte, mit jenem von Gram und Hilflosigkeit entstellten Mund, den der Tod nun schon lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels Geige. Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den Saiten, dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, weiße Staubschicht. Das Kerzenlicht blinkte in den schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen, satten Farben und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten sie eigenes Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war keinen anderen Farben zu vergleichen, vielleicht noch dem beseelten Feuer, das aus den Bildern der Kirchenfenster drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse Fahne im Wind, sie wurde in ruckweisen, schaukelnden Stößen dahingerissen, und ihr war wieder, als sei sie auf einer Flucht um ihr Leben.
Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende Unruhe. Sie setzte Joni in Galopp, bis sie unter den Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt sie an, ohne abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im Schatten des tiefen Dachs lagen. Ungeduldig hieb sie die Reitgerte über den Sattel, daß es laut schallte. Der Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in einerblauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen Fleck hatte, und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick zu senken. Anfangs verstand er sie nicht, und da er annahm, es handelte sich wohl um die gewohnten paar herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte Witterung.
Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.
»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein befiehlt etwas?«
»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte Afra kalt, »ich will wissen, ob der Freund des Herrn Grafen bei dir gewesen ist?«
»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin — ja, der Herr ist hier gewesen ...«
Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, die Sonne schien, die ganze Welt war voll Frohsinn und Güte. Sie lachte beglückt auf:
»Wo steckt er denn, der Prophet?«
Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, und meinte, ohne Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:
»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu lange ... Er hat sehr auf Sie gewartet, Fräulein Afra.«
»Hör, woher weißt du das?«
Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn, wandte sich der Landstraße zu und blickte wie suchend in die Richtung nach Wartalun:
»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«
Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar Gäste der Wirtsstube angesammelt, auch an den Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der verwitterten Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge, und neben dem Eingang lagen leere Fässer.
»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«
»Ob ich will! — Gleich ist es da.«
Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen Gewohnheiten gestatteten, aber befangen blieb er doch. Afra empfand es deutlich, es drang von den Ereignissen in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten unter die Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte die Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis sah in den unverständlichen Schicksalen das Walten finsterer Mächte, und es war längst Gewißheit geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft im Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah man im Unschuldigsten den Urheber allen Unheils. Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen erschien den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich ihm um so mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in seinen Bann geraten sei. Das Schloßgesinde erzählte unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über das junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt hatte.
Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als Afra auf Cismaren zu fortgeritten war. War nicht durch diesen Vorfall die schlimmste Befürchtung erwiesen?Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin und her, und sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt hatte, er würde noch das ganze Schloß in seine Gewalt und in seinen Besitz bringen.
Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar schien? — Er schritt mit seinen versonnenen Augen arglos dahin, bald hart und fest, die Stirn im Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie einer, den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen verachtet. Und doch ging etwas von ihm aus, das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen nach den eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes wachrief. Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde umher ein Wille lebendig, der alle kleine Kraft verächtlich machte, es fand mit ihm eine heimliche Umwertung statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung in der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung der Zukunft verwoben schien. Er hatte recht, wenn er sprach, und beinahe eher noch, wenn er schwieg. Schön und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und arm und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in wilde Trauer werfen und war so unvergeßlich wie das Wesen und die Gestalt seiner Hände.
Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses und mancherlei mehr, je nach dem Maß von Anspruch und Erkenntnis, aber die Lösung der Rätsel seiner Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen wissen nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung alleinaus dem unverfälschbaren Wert eines großen und guten Herzens stammt. So wurde Zweifel zu Haß oder Liebe, aber bald gewahrte man, daß im Grunde diejenigen geachtet wurden, die ihn liebten.
Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem Gasthaus eingekehrt, das an einem Tannenwäldchen, nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und Cismaren lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich keines besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen waren die Tische und Bänke unter den tiefästigen Kastanien zuweilen von allerlei leichten Gästen bevölkert, deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort ein, wenn die Nacht sie überraschte, denn bis Cismaren waren es noch zwei volle Stunden Wegs. Der Ruf der Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es ging das Gerücht, daß dort vor Jahren ein reicher Viehhändler eingekehrt und seit jener Nacht spurlos verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß, lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des Ermordeten sein Grab im trüben Frühlingswasser des Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den seltsamen Namen »Die Knickburg«.
Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel das vom Tannenwald halb versteckte Haus, das flacheFlußufer und das Silberband des Wassers hinter den Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über das ebene Land hin und hörte den Wind in den Tannen. Wartalun war im Grau der Abendferne versunken. Er war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag eines Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer heißen Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer und lauschte. Er faltete seine Hände und horchte auf die dumpfen Stöße seines Herzens und lächelte geringschätzig über sich und wollte nicht glauben, wieviel Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche sich hinter seinem starken Willen verbarg.
Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende Organ des Wirtes erscholl auf der Holztreppe, eine helle, klare Stimme fiel ein. In goldenen Strömen sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er so glücklich gewesen.
Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß und Afra vor ihm stand und das Lebenslicht ihrer hellen Augen seine Seele rief, ihn selbst, sein ganzes Wesen, restlos bis in die Verborgenheit seiner einsamsten Erwartungen, wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal der Welt durch ein leuchtendes Tor von Rosen führt.
Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit der Kraft seiner Arme und von einem Feuer entflammt, das ihn zu betäuben drohte. Er küßte ihren Mund und ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre dieHingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche Abwehr gegen ihre große liebliche Macht.
Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl glänzten, lag Marias Schleier. Ein Triumph der Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes totenbleiches Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten Lippen schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit zu schlürfen, derweil ihre Hand das Herz schützte, aus dem ihr Blut in Strömen rann.
Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe Abendhimmel stand im Wasser des Flusses und in den stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen Baumgruppen unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen aus. Vereinsamt wartete die Welt auf die kühle Nacht. Am Horizont, im Abschiedsfrieden des winterlichen Tags, von Licht gerändert, stand eine zerklüftete Wolke, die wie ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen Sonne folgte.
Noch bevor die Abenddämmerung ganz verglommen war, schritten Afra und Paule die leere Landstraße auf Wartaheim zu. Joni blieb in der Knickburg.
Afra machte sich plötzlich von seinem Arm frei:
»Still! Horch. Hörst du die Pferde auf der Straße? Auch die Lichter nahen.«
»Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.«
»Aber hörst du denn nicht?«
»Geliebteste ... ach, wäre die ganze Erde leer von Menschen.«
»Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto.« Afra nahm ihren Hut ab und schüttelte mit einem zitternden Lachen der Ergriffenheit ihren Kopf.
»Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen«, sagte sie. Sie schaute sich um. Zur Rechten lag eine schwere Mauer aus dunklen Tannen, und zur Linken hoben sich unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen den helleren Himmel ab.
»Es ist unser Wagen«, sagte sie nach einer Weile schweigenden Lauschens nachdenklich. »Ob sie uns suchen?«
»Vielleicht dich, Afra.«
Der Wagen kam näher. Afra zögerte, was zu tun sei, dann sagte sie schnell:
»Tritt du zur Seite. Ich schicke dir später die Pferde nach Wartaheim. Es ist besser, sie finden hier nur mich.« Dann besann sie sich plötzlich und änderte rasch ihren Entschluß:
»Nein, du bleibst. Laß sie denken, was sie wollen. Ich werde tun, was ich will. Wer könnte es auch sein. Nur Helmut darf nichts ahnen, verstehst du mich, Benvenuto?«
»Ja, ich verstehe dich. Er würde leiden.«
»Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir geschehen?«
Er antwortete nicht.
Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich an ihr Ohr. Nach einer Biegung der Landstraße kamen die beiden Lichter heran, sie beleuchteten die Wegstrecke zwischen den Wartenden und dem Gefährt, so daß man die nassen Blätter liegen sah und die Furchen und Wagenspuren deutlich erkannte.
Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang nicht Gesang aus dem Wagen, oder war es einWimmern?
»Martin!« rief sie laut. Und dann: »Halt an! Warte!«
Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die Köpfe emporgerissen, man sah deutlich, daß der Kutscher heftig erschrak und die Zügel viel zu hart anzog. Die Tiere stemmten die Füße unruhig ein, und die Deichsel des nachdrängenden Wagens hob sich zwischen ihren Köpfen.
Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen der Stallknechte. Er riß den Hut herunter, als er sie erblickte, und Afra bemerkte, ehe er sprach, daß sein Gesicht verstört war, daß sein Kopf ganz verwüstet aussah und daß seine Augen in ruhloser Angst wie nach Hilfe ausschauten. Da er dicht neben der Wagenlaterne stand, erkannte man seinen Ausdruck deutlich, und so kam es, daß Afras Frage hastig und bestürzt klang:
»Wohin willst du? Wen fährst du?«
»Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der Herr ... der Herr ...«
Das Wagenfenster wurde niedergestoßen: das war Friedels Stimme. Er schien niemand zu erkennen:
»Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den Schloßwagen nicht? Haltet mich nicht auf. Marsch! Platz!«
»Warte noch«, sagte Afra ruhig.
Ein Ausruf des höchsten Erstaunens klang wie ein Fluch, dann machte sich von innen eine Hand in erregter Überstürzung am Wagenschlag zu schaffen.
»Was ist geschehen?« fragte Afra den Knecht.
Er hatte sich abgewandt, die Hände vor dem Gesicht.
»Der Herr, der Herr ...« hörte Afra.
Nun war Friedel draußen. Er schloß die Wagentür besorgt und hastig wieder und stellte sich davor auf. In seinem Gesicht lagen höchste Anspannung, eine wilde Schadenfreude und ein an Gestörtheit grenzender Aufruhr.
»Ah, Afra — da bist du! So, hurra! Es lebe die Herrin vonWartalun!«
»Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich die Peitsche nehmen?«
»Laß sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich, daß ich vor Lachen nicht sprechen kann?! Gott bewahre dich davor, daß du dies Lachen kennenlernst. — Wie? Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...«
Da stand Afra steil vor ihm.
»Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in Wartalun geschehen? Wenn du noch ein unnötiges Wort sagst, laß ich dich hier auf der Straße stehen und kehre mit dem Wagen um.«
»Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schloß. Man hat wohl zwei Stunden lang nach dir geschrien, bis man an seinem Blut erstickte. Was geschehen ist?«
Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat, als ränge er innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die Sinne auslöschte. Er bewegte nur die Fäuste hin und her. Afra sah es im rötlichen Licht der Laterne. Dann tippte er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine linke Brust und stammelte endlich mit einem häßlichen Keuchen:
»Da hindurch! Zweimal hintereinander und am Rücken glatt heraus! Durch und durch geschossen! Alles rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du siehst ihn nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm schon seine Augen zugedrückt.«
Afra trat langsam zurück, einen Schritt, zwei Schritte. Sie stieß auf Paule.
»Entschuldigen Sie ...« sagte sie deutlich.
Ein Pferd hob den Kopf und schüttelte ihn schnaubend.
Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, daß Friedels Atem nach Wein roch und daß er betrunken war. Dann wurde es plötzlich in ihr wach, wie unter einem jähen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren Erkenntnis, die sie überfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem Innern etwas für alle Zeit.
Friedel war wieder in ihrer Nähe:
»Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du Begnadete unter den Reichen. Alles, was du umher siehst oder weißt — alles, bis an die Wälder von Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht dahinkönnen, bis es für unseren ärmlichen Zeitlauf klare Sicherheit war, daß alles dein sein sollte. Und dein Popanz, der Martin, hat zwei Pferde zuschandengemacht, um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du allerlei zu danken ... Zeugen mußten herbei ... Nun?«
Afra stand ganz ruhig da und hörte Friedels Worte an, die ein wenig gefaßter wurden, jetzt, da man ihn reden ließ und da die schlimmste Botschaft aus seinem Herzen gestoßen war.
»Ist Graf Helmut tot«, sagte Paule. Es war keine Frage, er sagte es ruhig aus.
Seine Stimme brachte Friedel auf:
»Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher? Nicht zwei Hemden hast du gehabt, als du dich bei uns einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl nur zu nehmen brauchen, was dir behagt. Oh — mir wird übel, wenn ich an den Mutwillen Gottes und an die Willkür des Schicksals denke. Oh, ihr ramponierten Großmäuler im Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben, nicht wahr? Laßt mich durch! Ich muß fort. Ich fühle mich in euren Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich langsam zersetzt. Nur heraus, es ist gleichgültig, ob oben oder unten.«
»Gib uns den Wagen«, sagte Afra. »Ich schick direinen anderen, wenn du willst. Es wird dir wohl auf zwei Stunden nicht ankommen.« Sie sprach hart und bestimmt.
»Den Wagen, diesen? Nein!« Friedel stellte sich vor den Schlag.
Afra sah hinein, über seine Schulter fort.
»Ach so«, sagte sie kalt. »Also fahrt! Und da beschimpfst du Martin, wo du ihm soviel Glück verdankst?«
»Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir behalten. Deine Scherze laß — mir verdirbt das Herz rasch genug.«
Er geriet plötzlich in furchtbare Wut:
»Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht halten kann, das mir aus dem Leben bricht. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber wenn, so mußt auch du vor ihm bestehen können. Wo hast du ein Recht her, uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust deiner teuflischen Triumphe über uns Menschen ...«
Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels Arm:
»Schweig«, sagte er heiß und mit bleicher Stirn, »du lästerst Gott.«
Und er fuhr fort zu sprechen.
Seine gedämpfte Stimme klang ganz eigentümlich eindringlich. Sie kam aus dem Dunkel hervor und nahm die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre bannende Gewalt. Friedel hörte hin, wider seinen Willen, und je mehr er verstand, um so tiefer sank er in die Betäubung, die die Gewalt dieser starken Worte mit sich brachte.Der Kutscher hielt die Pferde und sah um ihre Köpfe herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche Gestalt des Sprechenden.
»Ich will nichts«, schloß Paule mit traurigem Gleichmut, der seine innere Wahrhaftigkeit deutlich machte. »Aber was sprichst du von Reichtum und Gerechtigkeit, von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du, dein kleiner Gram, der von Mißgunst um seinen Ruhm und von Angst um sein Licht gebracht ist, wäre den Schmerzen zu vergleichen, die diejenigen erleiden, die nicht die Hilfe deiner Erbärmlichkeit haben, du Narr? Du wärest nicht gestorben, du Hund, wenn Satans Willkür triumphiert hätte.«
Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile schwieg. Niemand antwortete ihm. Aber er fand die Besinnung nicht, um die er zu ringen schien.
Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es, daß Afra mit einem raschen Schritt auf ihn zutrat und ihm ihre Hand auf die Lippen preßte.
»Du schweigst! Ich will, daß du schweigst! Hörst du? Kein Wort darfst du mehr von diesen Dingen sprechen.«
Paule stand still da, mit niederhängenden Armen. Er atmete tief und schwer, und seine großen Augen, dunkel in ihrem Schatten, schienen nichts zu sehen von allem, was um ihn her vorging, noch wo er sich befand.
Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin und her und suchte mit der Hand in der dunklen Luft.
»Erdenleben ...« stammelte er. »Was ist das, was mit uns geschehen wird? Dies alles ist unwahr. Wohinbin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei! Laßt mir doch mein armes Glück, was kümmert mich euer feuriger Himmel? Ich bin nicht stark genug ... laßt mich, umher liegen Tote ...«
»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.
Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte sich der Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als Afra es ihm befahl, und er nickte, als sie ihn anwies, den Weg zu fahren, der gewünscht worden war. Die Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und dem nassen Erdboden.
»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und verklang in Finsternis.
Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann es zu dämmern. Es war ein grauer Tag, der heraufzog. Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett, das schon durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des Geschlechts in Empfängnis und Verscheiden beherbergt hatte, und neben dem seinen stand das Lager, in dem sein Weib in einer vergangenen Leidensnacht den Untergang des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden hatte.
Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner durchschossenen Brust gefaltet, blanke grüne Efeublätter fügten sich darüber zu einem schmalen Kranz, auf dem sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war einweißes Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen Augen die gequälte Stirn glättete und die blauen Lider in sanfte Schatten bettete.
Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in den Abendstunden des vergangenen Tags nach Wartaheim und Cismaren und in die umliegenden Ortschaften gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen beschäftigte, die Wartalun heimsuchten, zu großem Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch manche unter den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter von Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So mochte sich der seltsame Trupp zusammengefunden haben, der an diesem trüben Morgen durch den Nebel auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, ihrer fünf oder sechs, von denen erst vor einigen Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal aufgespielt hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof kamen und sich unter der kahlen Linde gruppierten.
Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer in den verhangenen Morgenhimmel empor, zu den Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich trauervolle und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen Schleifen und weinerlicher Armut, von einem robusten Horn begleitet, das immer in zwei harten, knatternden Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise vor sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der nassen Luft, in ihren schwarzen Röcken, in den Gesichternjene angestrengte Trauer, die einfachen Männern aus dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und ihre vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter den ehrwürdigen und altmodischen Hüten.
Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen. Der lichtlose Morgen machte alle Gesichter blaß und krank, und niemand wehrte diesem wohlgemeinten Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des Landes gedient hatten, solange man zurückdenken konnte.
Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen, beseligten Bestürzung, die ihr wilde Schauer eines Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr für Augenblicke zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen Winden dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, weithin, weit fort über verödete Steppen und braches Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit geöffneten Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und kargen Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter Menschenseelen.
»Benvenuto!« rief sie leise, denn niemand im Hause sollte wissen, wo sie war.
Er schlief tief und fest. Mit den Klängen der Trompeten kam ein schwaches Lächeln auf seinen schlafenden Mund. Afra sah in tiefem Erstaunen in sein Angesicht, in diese Züge, die sie zum erstenmal in voller Ruhe erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schönheit darin, die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstörbare Freude eines Menschen, der zuversichtlich auf demHeimweg war. Sie hatte nicht einen Augenblick das Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als sei er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun, und für alle Zeit, um dieses Lächelns willen, das ihr über die armselige Torheit der Geängstigten und über die starräugige Allgewalt des Todes zu triumphieren schien.
Über ihr und über ihm, über den Lebendigen der Liebe, schlief Helmuts gescholtener Leib sein letztes Mal im Schein des täglichen Lichts über der Erde. Auch zu ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers die Abschiedsgrüße der Dorfmusikanten und füllten die Luft, die kein Atemzug mehr bewegte, über der vollkommenen Stille, die von seinem wächsernen Angesicht ausging.