Der kleine Geiger.

In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort, wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf.

Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer, erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere Partien des ausgedehnten Gartens.

An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus, zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile mit feinem Geschmacke erbaut, dieVorderfront dem grünen, luftigen Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler Einfachheit.

Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten, dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen, nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.

Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen, das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens gelegt hatte.

Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite.

Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske über dem Gesichtchen. DieAugen waren geschlossen und leiser Athem bewegte kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke, wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte.

Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende Brust – Du brauchst das Glück.

Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue, sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster, aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's können! – Ach, wenn ich eine Geige hätte!« – und ich ergrimmte ob solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.

Der Künstler aber – die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute den »Geigenkönig« – hörte mir lächelndzu, als ich ihm von dem Knaben erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk.

Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute, und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten.

Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen; die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte, brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr. Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.

Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen, kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten, nur an ganzmilden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben, für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt.

Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr leichter würde, seine Verordnungen auszuführen.

Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen.

Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der, gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.

Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien schüchtern nachzuspielen versuchte.

Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte, vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen. Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem Bettchen ruhte.

Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der Gäste zu fassen.

Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen, daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten.

Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich mich aus den hellen Räumenins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie es dem Kleinen gehe.

Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich trat ein. Mit geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke in seinem Bettchen; der Vater kauerte stumm in einem Winkel der Stube und begrüßte mich kaum; die Mutter aber schlich weinend umher und machte sich tausenderlei, auch ganz Ueberflüssiges, zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.

Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der Doctor hatte es ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, zu Tode erschöpften Knaben bannte jede Hoffnung.

Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. Beklommenen Herzens setzte ich mich an die kleine Lagerstätte und hatte Mühe, meine eigenen Thränen zurückzuhalten, angesichts des großen, mächtigen Schmerzes, der den kummergebeugten Eltern bevorstand.

Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich hingebend, dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, als er mich bemerkte, mühsam auf seine Geige hindeutete und, mich mit sanft flehendem Blicke anschauend, seine winzigen, abgemagerten Händchen bittend ineinanderlegte.

Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze und eilte zurück in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen Festgenossen.

»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den Hausherrn herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten liegt im Sterben. Ihm verlangt nach Euch und nach Musik. Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch erfüllen?«

Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge des Künstlers dem meinen. Leise drückte er mir die Hand und verließ mit mir den Saal. Er holte seine Geige, und wenige Minuten später standen wir im Zimmer des sterbenden Kindes.

Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden Toncascaden von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, säuselnd wie mildes Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens Pochen, erhaben wie frommer Gottgedanke. Und wie ein Gruß aus Engels Munde umschmeichelten die lieblichen Melodien die entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit tönenden Zauberbildern.

Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein Auge auf, und seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast unhörbar:

»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig wie er!«

Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von stolzem Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief er.

Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen gefeiert. Und als ich Abschied nahm vom Meister, da wollte mein Mund niedersinken auf des edlen Menschen Hand, der ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und ihnen Trost und Liebe spendet.

Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte aufspritzte.

Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren, während vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper und eine müde, dünne Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder und rohe Gassenhauer in wüstem Durcheinander herableierte.

Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen, auf daß sie den Platz räume und ihre musikalischen Productionen irgend anderswohin verlege, wo sie ihn nicht in seiner Arbeit störten. Daran war aber vorläufig nicht zu denken, denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses stand in einem Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die Harfenistin blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern der Kinder hoffend, die theils an deren Seite stehend, theils von den offenen Fenstern aus dem Jubel ihrer Kleinen zulächelten.

Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren, doch ebenso erfolglos wie früher. Die Ziffern undZahlen tanzten ihm wie kleine, neckende Kobolde vor den Augen. Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest bleibe von achtundzwanzig Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn Mark zweiunddreißig Pfennige.

»In der Weidlingau ist der Himmel blau –« klang es ihm in die Ohren.

»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. – Nein, gefehlt!«

»Ach, es wär' so schön gewesen –«

»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. – Wieder falsch!«

»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n –«

»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur heimwärts zöge! – Fünf Mark sechzehn Pfennige. – Abermals gefehlt! – Nein, so geht es nicht, absolut nicht! Da könnte man verrückt werden.«

Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber abwarten, daß Ruhe würde, als sein Gehirn foltern mit solch vergeblicher Anstrengung. Was er unter diesen Umständen herausrechnete, würde doch nur ein Unsinn sein.

Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik gesetzte alte Volkslied an:

Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe oft gesungen. Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: andas Elternhaus, an die Gefährten, an seine frohe, glückliche Kindheit. Und jetzt ertappte er sich dabei, wie er, gleich den Kindern im Hofe, der dünnen, etwas umflorten Stimme der von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin lauschte. Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers mitten unter der Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte und sang. Ihre schwächliche, hagere Gestalt beugte sich nach vorn über die Harfe, das Gesicht sah er nicht, denn ein hoher, unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen Seidenbändern und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert, entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen und ein blaues, mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen vervollständigten ihren Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider waren, unbrauchbar geworden, von ihren früheren Eigenthümern statt weggeworfen zu werden, der armen Harfenistin geschenkt worden. Sie sah komisch genug aus in dieser verwitterten, theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen, hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, dies Volkslied, das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend wirkt:

klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem Tone von den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger griffen mechanisch die Accorde in der alten Harfe und die großengelben Bänder und Blumen auf dem lächerlichen Hute nickten und flatterten im Winde.

Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich in sein Herz. Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus seinem Täschchen, wickelte sie in Papier und warf sie der fahrenden Sängerin vor die Füße. Diese hatte eben das Lied beendet, sie hob die Münze vom Boden auf, und als sie den Kopf neigend nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte, sah er in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach, als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde ihr schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, langsam dem Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine unterbrochene Arbeit und in einer Viertelstunde hatte er die Musikantin in der blauen Sammtjacke und mit den gelben Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist bestimmt in Gottes Rath –«

Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß seiner Amtsstunden, »der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, aus der Stadt ins Freie. Er nahm seinen Weg in die Auwaldungen, die sich den launischen Windungen des weiter unten die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen Ufer und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee hinziehen.

Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch die theils schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- und Purpurfarben getauchten Baumkronen der Buchen und Erlenund durch das niedrige Buschwerk der Weiden, zitternde Streiflichter über den fahlen Rasenboden und die herabgefallenen gelben Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die Lichter und Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des Flusses erkalteten – die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und Wald mit seinem unabsehbaren Mantel umspannend.

Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach bei solch dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch den Wald allzu leicht verfehlen. So eilte er beschleunigten Schrittes heimwärts, das Tempo erst mäßigend, als ihm der aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer der Stadt, trotz der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die einzuschlagende Richtung Sicherheit gab.

Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises Weinen eines Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte er in das graue, wogende Nebelmeer, aus dem die näher stehenden Bäume wie Gespenster mit ausgestreckten Armen emporragten.

Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie wieder, die klagende Kinderstimme.

»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit voller Kraft in den dunklen schweigenden Wald hinein.

Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus kindlicher Kehle antwortete ihm, und der Richtung desselben nachgehend, stand er in wenigen Minuten an der Seite eines neben einem Bündel Reisig an dem Boden kauernden und bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.

Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel dürrer Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend erzählte er diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt worden, von der Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel überrascht, aber den Heimweg nicht mehr habe finden können.

Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt zu gelegenen Ausgang des Waldes bald erreicht. Noch hatten sie einen am Damm des Flusses sich hinziehenden schmalen Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet zu gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als der Knabe stehen blieb und, das Holzbündel von der Schulter werfend, seinem Führer für die ihm geleistete Hilfe dankte.

»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«

Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.

»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und jetzt bemerkte Julian einen dicht an dem einen großen Platz umschließenden Lattenzaun stehenden, unförmlichen Gegenstand, in welchem er bei näherer Besichtigung einen jener sonderbaren Wagen erkannte, wie ihn wandernde Zigeuner oder Seiltänzer minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk als ihre bewegliche Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken ähnlichen Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.

»O –!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er einen Seufzer unterdrückte.

In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite des Wagens eine weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich,endlich!« rief sie. »Wir glaubten schon, es sei Dir ein Unglück geschehen.« Und sie umarmte und küßte ihn.

Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske Hut mit den großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf dem Kopfe, ihr Gesicht zu verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen mit den weißen Borten ließ Julian sogleich die Straßensängerin vom Morgen in ihr erkennen, deren musikalische Vorträge ihn fast zur Verzweiflung gebracht.

Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« schrie sie in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist ihm nichts geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders wurde sie in der Hast und Freude des Wiedersehens gar nicht gewahr. Und Julian machte sich nicht bemerkbar. Er drückte ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und verschwand im Nebel.

Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über dem kühlen Grasboden gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen Karren der Spielleute und ließ sich erzählen von ihrem Leben und Schicksal. Es war ein trauriges Lied, aber kein selten gehörtes. Der Vater – der Ernährer – todt, die Mutter erkrankt vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, hätte Elvira – dies war der Name der kleinen Harfenistin, und Roland hieß ihr Bruder – sich nicht entschlossen, das von ihrem Vater – der Dirigent einer von einem Circus engagirten Musikkapelle war – ererbte und so gut es ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen zu verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Bei Tage sang und spielte Elvira vor den Fensternder Häuser, Abends in Kneipen und Kaffeeschänken. Schon nahte die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg machen mußte nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war. Meist begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter wollte es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber blieb sie die langen, öden Stunden des späten Abends allein in ihren engen vier Holzwänden, als daß sie das Mädchen allein hätte ziehen lassen. Auch half Roland ja selbst zum Erwerb, denn schon führte er den Bogen, und manche Hand, die sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig für das blasse Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.

Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt verweilen. Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der Behörde Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend kam Julian, um ein Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen und irgend eine kleine Gabe, wie sie seine bescheidenen Verhältnisse ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas Geld oder Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, dessen er glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau ihm für seine Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit Jubel empfangen, nicht nur wegen seiner kleinen Unterstützungen, sondern mehr noch um der freundlichen Theilnahme willen, die sie bei ihm fanden.

Eines Abends jedoch – es war der letzte ihres Aufenthaltes – kam Roland nicht, wie er es sonst immer gethan, ihm freudig entgegengelaufen. Weder der Knabe noch seineSchwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen blicken. Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von sich entfernt, in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, eng aneinander geschmiegte Gestalten bemerkte. Es war Elvira. Ihr zur Seite stand ein Julian unbekannter Mann, seine Arme um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf auf seiner Schulter lehnte.

Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte Geschichte – wie hätte es denn auch anders sein können unter solchen Verhältnissen! Und doch, ach – wie leid that es ihm um das junge Mädchen.

Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen – oder die Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? – Wenn er jetzt gleich wieder fort ging, wie sollte er den Leuten die Flasche Wein und den kalten Braten zukommen lassen, die er ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen Wanderschaft mitgebracht.

Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung, der Mann eilte raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber, die Arme auf einen Pfosten des Zaunes, den Kopf in die Hände gestützt, brach in bitterliches Schluchzen aus.

In zwei Sätzen stand Julian neben ihr.

»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in das Mädchen, ihr den Kopf streichelnd, wie man einem weinenden Kinde thut.

Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre Stimme. Endlich aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian, um was es sich handelte.

Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In einem kleinen Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot zu nehmen pflegte, hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da er wußte, daß sie am nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen, ihr zu sagen, daß es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und mit der Mutter gleich alles Nöthige besprechen und festsetzen wolle.

»Nun –?« fragte Julian, als das Mädchen stockte.

»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie mit zitternder Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und ihm Lebewohl gesagt.«

»Sie lieben ihn also nicht?«

Da schluchzte sie laut auf.

»O – wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem Hinweinen: »Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf nicht, weder ihn noch einen Anderen. Wenn ich seine Frau würde, müßte ich meinen Erwerb aufgeben. Er würde es nicht dulden, daß ich als Harfenistin durch Straßen und Schenken ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug für uns Beide. Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, und selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, daß sie das bittere Brot der Gnade äßen.«

Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es war ihm weh zu Muthe.

Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, der in der Stadt einige kleine Einkäufe besorgt hatte.

Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den Anderen!« flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie derMutter nicht, daß ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn abgewiesen habe, aber sie soll es nicht erfahren, daß ich ihn lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«

Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen Spaziergange lenkte Julian wieder, ohne selbst recht zu wissen, warum, seine Schritte nach dem Wiesenplatze vor dem Auwald. Leer, öde und still lag er heute da. Das kurze Gras um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für das Abendessen kochte, lagen Stückchen halbverkohlten Holzes auf der Erde.

Wo sie wohl jetzt weilen mochten? – Was die Zukunft ihnen bringen würde? – Immer nur Mühe, Entbehrung, Lasten und Sorge? – Oder auch Glück und Freude? – dachte Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden Flusses langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen die Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und Brückenlaternen sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf dem Wasser schwimmende Sterne, klang ihm wieder das Lied im Ohre:

Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, ahnte sie wohl nicht, wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!

Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den glücklichsten Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, die sehr wenig bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. Die Ersteren – sie sind leider in der Mehrzahl – haben die unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen Verhältnisse immer mit solchen der besser situirten Leute zu vergleichen und an diesen abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate kommen, ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes beschert hat, ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. Wohnen sie in einer kleinen Stadt, so beklagen sie es, die Vortheile eines Aufenthaltes in einer Großstadt entbehren zu müssen, werden sie nach einer solchen versetzt, so bemitleiden sie sich dafür, nicht den Sommer auf dem Lande zubringen zu können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist es sicherlich nicht der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die Umstände sie geführt haben.

Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. Er gehörte zu der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem bescheidensten Lose – so es nur erträglich – zufrieden geben; die sich des flüchtigsten Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und selbst dann, wenn ihr Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, düster auf sie herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheitüben, daß sie geduldig auf eine Besserung warten. Seit fünfzehn Jahren bei einem Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, bezog Martin einen Monatssold, der gerade ausreichte, daß er nicht hungern und nicht frieren mußte und nicht in schmutzigen oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte. Er bewohnte eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen Beamtenswitwe, bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben Zimmer, an demselben Tische zu Mittag und trug unverändert denselben grauen Rock und denselben schwarzen Filzhut. Allerdings wurden Hut und Rock, wenn sie sich als vom Zahne der Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch neue ersetzt. Da der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein Vorgänger, so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen Kleidern verwachsen wäre. Nur wenn er – dies war der einzige Luxus, den er sich gönnte – das Theater besuchte, vertauschte er den grauen mit einem schwarzen Rocke, mit demselben schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren gelegentlich der behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten unternommenen Präsentationsvisite getragen hatte.

Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er es nicht weiter bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein munterer, aufgeweckter Knabe, hatten seine Lehrer ihn als einen fleißigen und begabten Schüler sehr lieb gehabt. Doch als sein Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den dürftigsten Verhältnissen zurücklassend, da unterbrach der Jüngling seine zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da sich eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte ernährend. Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, und da er nun für niemand mehr als für sich selbst zu sorgenbrauchte, brachte er es, so gering seine Bezahlung auch war, doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für unvorhergesehene Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen, sondern auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten. Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren dieses stillen, unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige Echo das Wort des Dichters in dem Herzen dieses scheinbar trockenen Actenabschreibers fand. Ein Copist! Wie sollte die Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von Jahren von acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer Empfindungen und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit fähig sein! Ja, besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt etwas wie eine Seele?

Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor sich hinblickenden grauen Augen des von niemanden beachteten, schüchternen und schweigsamen Mannes zu lesen verstand, ein Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt zarter und reiner Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den Schein alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag. Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er erst vor wenigen Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber jetzt herzliche Freundschaft verband.

Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; durch sein bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas zu benützen, war ein Gespräch herbeigeführt worden und im Laufe desselben hatte er die ihm wundersam scheinende Entdeckung gemacht, daß seine Sitznachbarin von demselben Enthusiasmus über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt war,wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. Und nicht nur das – sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. Immer reger wurde der Verkehr zwischen ihnen, immer mehr Freude und Erquickung fanden die beiden Einsamen in den trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es ihnen zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende in Elisens traulichem Stübchen zu verbringen.

Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der Thee getrunken war, griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin aber nach einem Buche, aus dem er ihr vorlas und über welches sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie empfanden es Beide als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem Anderen eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit bot, alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete Schweigen gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die Ideen, welche theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung rangen, auszusprechen und sie durch das Urtheil des Anderen frische Nahrung, Erweiterung und Berichtigung finden zu lassen.

Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, die für sie ein besseres Los als das einer Handarbeiterin im Auge gehabt und ihr eine gute Erziehung hatten angedeihen lassen. Sie hatte viel gelesen und manches gelernt; doch wies der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel und Lücken auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, daß, als das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre beiden Eltern zu verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen Broterwerb angewiesen zu sein, ihr bis dahin nur zu ihremVergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung zierlicher Kunstblumen zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen kleinen Bruder.

Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die weißen Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, um dann die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, da flatterten ihre Gedanken weit hinaus aus dem engen Raum, und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die ihre Phantasie erbaute, belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres wirklichen Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und Empfundenen williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.

Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die Verschlimmerung des Zustandes des kleinen Patienten und schließlich sein Tod im Verkehre der beiden Freunde eine schmerzliche Unterbrechung herbeiführte. Und als Martin – nachdem Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe bestattet hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise aufnahm – auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche zurückkehren wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr mit der Freundin zu verzichten oder ihren guten Ruf zu gefährden. Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute an, die Köpfe zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder an der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger hatte erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden Scandal zu bezeichnen.

Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. Die Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungenpreisgeben wollte er nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies glaubte er aber nicht über sich bringen zu können, denn – jetzt erst ward er sich darüber klar – nicht freundschaftliche Gefühle allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein, die Freundschaft hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem Augenblicke selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.

Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, Elisen seine Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er aber fand hierzu den Muth nicht. Seine Schüchternheit und die aus diesem Gefühle geborene Ueberzeugung der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein sollte, die Neigung eines weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die Elisens, die er in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte, zu erwerben, banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt einen entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den Weg verrammelte, der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen können; er ließ seine Besuche bei Elisen immer seltener werden und blieb, allerlei Vorwände suchend, schließlich ganz aus.

Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was in ihm vorging und was die Ursache war seines plötzlichen Abbrechens ihres Verkehres, hatte er sich jedoch sehr getäuscht. Nicht nur war der Klatschbasen mißbilligendes und verleumderisches Geflüster über ihre vertraulichen Beziehungen zu Martin auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren gekommen, sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie von ihm geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.

Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin die Schwelle des trauten Zimmers mit dem mit geblumten Kattun überzogenen Sopha, in dessen Ecke er so oft gelehnt,mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft sitzen gesehen, das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht mit den freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses Zimmers, nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten hatte. Anfänglich war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, seinen Entschluß durchzuführen. Oft hatte er das Haus, das ihn unwiderstehlich lockte, umschritten, war an dessen Thor stehen geblieben, hatte bebenden Herzens nach den zwei Fenstern hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge der gedämpfte Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das Haus nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und das Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als sein Glück.

Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin sie ihn bat, sie Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; sie habe ihm eine Mittheilung zu machen, seinen Freundesrath in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.

Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch blasser als sonst – oder ließen nur das Trauerkleid und die schwarze Halskrause es so blaß aussehen? – und um die Augenbrauen ein seltsam nervöses Zucken, als wohnte hinter dieser Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache vielleicht er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten, ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums Herz sei.

Doch er bezwang sich und schwieg.

»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« sagte er mit erzwungener Ruhe.

»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete sie. »Denn heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir Feierabend gönnen.«

Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten Aufschnitt, Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk daneben, hatte sie bereits gesorgt, und nun ordnete sie alles in ihrer stillen, geräuschlosen Art. Dabei knisterte und flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter, und das Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.

Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher in seiner Seele. Und er glaubte vergehen zu müssen bei dem Gedanken, wie glücklich er werden könnte, wenn – ja wenn –

Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen – ganz wie früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle kleinen Begebenheiten, alle Freuden und Leiden ihres einfachen Lebens mitzutheilen. Auch von dem todten Brüderchen sprach sie, und wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen, sich noch viel einsamer fühle als früher, so lange sie für ihn zu sorgen und zu schaffen hatte.

Und dann – ganz plötzlich – rückte sie mit dem heraus, was sie eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht, sich zu verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl sei ein guter, braver Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide stellen ja keine großen Ansprüche an das Leben und sie seien gewohnt, zu arbeiten. Und – was die Hauptsache – sie liebe ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich nicht entschließen wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten kennen zu lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend auch zu ihr zu kommen. Martin schnellte von seinem Sitze empor. Kreidebleich stand er vor ihr. Sein Herz hämmerte in so wuchtigen Schlägen, daß er kaum zu sprechen vermochte.

»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier soll ich ihm begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von mir! Das nicht! Lassen Sie mich gehen, bevor er kommt.«

»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte Elise. »Mir ist an Ihrem Urtheile viel gelegen.«

»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will nicht hier bleiben, ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt und rannte im Zimmer umher, um Hut und Ueberrock zu suchen, die er nicht fand, obgleich beides vor seinen Augen an einem Haken an der Thür hing. Elise aber blieb unerbittlich.

»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie. »Sagen Sie mir, warum Sie es nicht wollen.«

Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die Hände wie bittend ineinander legte, sagte er: »Warum? – Weil – weil – Ach, Elise, Sie quälen mich nutzlos. Sie ahnen nicht –«

Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und Rock vom Nagel reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen.

Elise hielt ihn zurück.

»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen, wohlan, gehen Sie, ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild sehen Sie sich an. Hier ist es, so sieht er aus. Und nun sagen Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben, daß meine Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.«

Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor die Augen. Es war seine eigene –

Martin stieß einen leisen Schrei aus und im nächsten Augenblicke lag Elise in seinen Armen. Er glaubte nicht, daß ihre Wahl keine gute sei – und sie hatte sie nie zu bereuen.

Eine Auswahlder hervorragendsten Romane aller Nationen.

Preis des Bandes eleg. geb. 40 Kr. = 75 Pf. = 1 Fr.Pränumeration für ein Jahr (26 Bände) 10 fl. = 19 M. = 25 Fr.

A. Hartleben's Verlag in Wien, Pest und Leipzig.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Darstellung abweichender Schriftarten (ausgenommen römische Zahlen):Antiqua.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Textanfang verschoben. Wiederholungen von Kopf- und Fußzeilen in der Verlagswerbung wurden entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite11:"unrecht" geändert in "Unrecht"(Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht)

Seite23:"«," geändert in ",«"(»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,«)

Seite75:"Theoder" geändert in "Theodor"(mein Freund Theodor mit lauter Stimme)

Seite92:"sie" geändert in "Sie"(wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt)

Seite103:"." eingefügt(im Forste lag schon tiefes Dunkel.)

Seite112:"Studienbätter" geändert in "Studienblätter"(Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen)

Seite125:"»" entfernt vor "Hör'"(gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!)

Seite132:"Häusesmeeres" geändert in "Häusermeeres"(im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen)

Seite161:"Kraszwski" geändert in "Kraszewski"(Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken)

Seite161:"Girolamo" geändert in "Gerolamo"(Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.)


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