Franzi's Weihnacht.

Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder, auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen bleich und ernst herabblicken.

Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.

Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957 Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.

»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen besorgten Blick nach dem Westen werfend,dorthin, wo die bayerische Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle, schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.

Der Andere zuckt die Achseln.

»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir. Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern, wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer hinauf.«

Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder.

Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck« gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der geringeErlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau, ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe schaffen.

Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte, welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit.

Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln. Freilich hatte er sich vor Eintrittstarken Schneefalles mit Proviant versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag, daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen Tag satt essen.

Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus den vielen Wilderern und Schmugglern – denn die bayerisch-österreichische Grenze zieht sich über diesen Berg – ein Dorn im Auge und von denselben in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem Mallnitzer Tauern ermordet worden.

Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.

Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel, wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacantenWächterpostens melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer, derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter eingebrochen und der erste Schnee gefallen.

Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz versprach.

Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen.

Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie bei dem am Fuße des Berges liegendenGasthause »zur Rositte« anlangten, wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte. Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen, von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor.

»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das sind ja lauter Lichterbäume – aber ohne Lichter.«

Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben, hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen »Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines Vaters den steilen Weg hinan.

So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch verhältnißmäßig gut von Statten.

Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden, undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange entgegen gehen zu lassen.

Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf seine Frau, als er sah, wie sie stehenbleibend, ihre Hand auf ihr zum Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.

»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es nicht,«*) sagte er ängstlich.

*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«

Doch der Anfall ging vorüber.

»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«

Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben wären! Ihm ward so bange.

Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein gehauen sind.

Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien, daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu stürzen.

Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und den Blick trübend.

Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals auszurasten.

Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll – o, sie muß ruhen, sonst muß sie ersticken.

Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.

Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.

»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind, schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. – Lieber Gott, ich danke Dir.«

Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.

Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat. Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich erkalten und erstarren – und er erkennt, daß sie todt ist.

Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.

Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.

Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt – wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes, der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut« geworden.

»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum« erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist undeinsam blicktest Du von stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«

Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten. Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt, Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig Jahre – und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung – er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen – verletzt fühlte; die Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte: häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes.

»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau, wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie – mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein – kurzum, wenn sie auch alle Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will. Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt. Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine ebenso gute Hausfrau finden.«

Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der edlen Kochkunst – so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien – bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten, sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:

»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaftensocialen Institution. Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«

Ich lachte laut auf.

»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. »Sie haben entschieden Talent dazu!«

Er aber schüttelte den Kopf.

Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte er es sich jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen Cousine Ottilie, die er mit einer gemeinsamen Tante, bei welcher sie seit dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern lebte, für einige Monate auf seinen Landsitz eingeladen hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem Ottilie nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, sah man es ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher Jugendfrische strotzende, allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr theuer war. Er stellte dies auch nicht in Abrede, als ich einmal neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte er gleich die Bemerkung bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne. Ottilie besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen, allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.

Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine ökonomische Thätigkeit ihm freiließ – und manchmal auch etwas mehr – ihr zu widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß machte, sie mit sichtlichem Vergnügen in ihren antihäuslichenLiebhabereien noch zu bestärken. Er unterrichtete sie im Reiten, Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen im Pistolenschießen nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf als er, wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im Sattel wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder – denn mittlerweile war es Herbst geworden – dahinsprengte, war er ganz außer sich vor Entzücken.

»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, indem er mir eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. »Zwanzig Schüsse ins Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander auf dreißig Schritt Distanz, und keinen daneben, um keine Linie! Phänomenal! Das lob' ich mir, einen solchen Kameraden zu haben!«

»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. »Aber Sie wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten Kameraden für Ihre Sportvergnügungen.«

Christian machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. Warum soll ich mir mein angenehmes Leben mit der Erwägung verbittern, daß ich nicht finde, was ich suche!«

Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des Oefteren eine unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche Person im Dienste, die unter seiner Oberaufsicht die häusliche Wirthschaft leitete und ganz befriedigend gut kochte. Aber seine Lieblingsspeisen genau nach seinem Geschmacke zu bereiten, das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht zu erklären, woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine heitere Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, getrübt wurde.

Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete – auch eines seiner Lieblingsgerichte – die nicht nach seinem Geschmacke war, eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch gar zu hübsch wäre, wenn sie nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten auch ein bißchen von den Künsten der Küche verstände. Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit mehr durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende Pastete zu bereiten.

Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn ihrer Neigung hätte es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich zu einer wackeren Hausfrau ausgebildet, als zu einer glänzenden Sportsdame, zu der sie sich zu entwickeln drohte. Christian aber hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses sogleich sein Bedauern über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig rief er Ottilie zu:

»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, Du bist zwar unter meiner Leitung eine sehr gewandte und kühne Reiterin geworden, aber mein Bucephalus ist nichts für Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich warne Dich vor einem erneuten Versuch.«

»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische erschien sie in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein wenig Brot und Zucker zu reichen.

Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über in seiner Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und ärgerlich, denn sein Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu verspäteter Stunde heim. Wir hatten mit dem Mittagessen auf ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein in der Länge der Zeitsicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach englischer Art halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.

Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit hochgerötheten Wangen in das Speisezimmer.

»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, so erhitzt bist Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, so etwas kommt bei Dir nicht vor.«

Ottilie lächelte und gab keine Antwort.

Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner Befriedigung, daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch ganz »englisch« war und daß sich Christian's Stimmung sichtlich erheiterte. Die Mehlspeise aber that das Uebrige. Es waren gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte Klößchen, auch ein Lieblingsgericht Christian's und – o Wunder! ganz nach seinem Geschmacke zubereitet.

Christian strahlte.

»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum zweitenmal zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre Scharte von gestern glänzend ausgewetzt.«

Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde schien plötzlich eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, wenn Christian Vormittag abwesend war – und da er jetzt viel zu thun hatte, traf sich dies öfters – fand er irgend eine seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz seinem Geschmacke entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal bemerkte ich bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte Wangen wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine Vermuthung zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen, unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.

Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's Kopf platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in das Gespräch gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod eine Frau sei, die mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den der häuslichen Kenntnisse, namentlich der Kochkunst, vereinige und mit den Schwächen und Eigenheiten ihres Mannes freundliche Nachsicht übe.

Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen Christian's zu überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd auf ihren Teller und brachte die Unterhaltung auf ein anderes Thema.

Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes verbrachter Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt zurück, um, Christian's Einladung entsprechend, einige Wochen später zum Weihnachtsfeste wiederzukommen.

Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch vorzufinden. Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren wollten, zurückgehalten. Und ebenso wenig überraschte mich die sich mir bald aufdrängende Wahrnehmung, daß sein Herz für seine Cousine in hellen Flammen stand, und daß Christian's Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd zusammenschlugen. Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die Tante über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend eine geheime Sorge.

So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des Erdgeschosses brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose Lichtlein in den einander gegenüber hängenden Spiegeln sich hundertfach vervielfältigend wiederstrahlten. Eine Menge schönerGeschenke, auf weißüberdeckten Tischen zierlich geordnet, lagen da, nicht nur für den Herrn des Hauses und dessen Gäste, auch für seine Beamten und Diener und deren Kinder, die in stillem, freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung durch ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden und kaum Worte des Dankes fanden.

Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, und gegen die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, eine dampfende Punschbowle auf den Tisch.

Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.

Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser liebenswürdiger Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung überflogen. Er gedachte seiner Mutter, die er innig geliebt, und die der Tod erst vor wenigen Jahren von seiner Seite gerissen. Und indem er von ihr und von dem stillen, glücklichen Leben, das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie schön es wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.

»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine Rede, »feierten wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. Mütterchen bescherte mir immer einen riesigen Baumkuchen. Sie wußte, daß ich ihn besonders liebe. Mathilden wollte ich dessen Herstellung aber nicht anvertrauen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger Baumkuchen wurde aufgetragen.

»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da Zauberei im Spiele?«

Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante aber erklärte lächelnd:

»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du uns von diesem Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun, und da dachte ich, damit nichts fehlen sollte –«

Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte, sich mit frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte.

»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige Röthe überzog seine gebräunten Wangen.

Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich, ganz so, wie er unter den geschickten Händen von Christian's Mutter gediehen war.

Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich dagesessen. Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend, sagte er mit etwas schwankender Stimme:

»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen, als das heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß zu bekennen, das für Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß mehr ist: Ottilie und ich, wir lieben uns. Willst Du sie mir zur Frau geben?«

Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie, und die Tante segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus auf das Wohl des Brautpaares. Und wieder erklangen die Gläser.

Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger geworden war, sagte Ottilie zu Christian:

»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist – auch ich habe Dir etwas mitzutheilen, was Dich überraschen wird.«

Christian lächelte freudig verschmitzt.

»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen, nicht wahr? Und die Hachéklößchen damals und alle meine anderen Lieblingsspeisen.«

Ottilie sah ihn groß an.

»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah, Du meinst, daß nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen gekocht hat? Ja, das hast Du errathen. Unser liebes Tantchen war es, die Dir eine Freude bereiten wollte, was ihr ja auch vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist es, was ich Dir sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein Rothfuchs – täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht, ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische. Du wolltest die Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun, jetzt, mein Schatz, ist Dein wilder Bucephalus völlig in meiner Gewalt.«

Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren.

»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte –« Und dabei sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine Verstimmung verflogen. »Bah, was macht es?« rief er, wieder fröhlich. »Die gute Tante bleibt bei uns und leitet das Haus. Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit. Vorläufig bist Du mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen miteinander.«

»Ja, wir schießen um die Wette.«

»Und unser Ziel –«

»– ist unsere Liebe und unser Glück!«

Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.

Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. geboren. Seine Mutter starb am Tage nach seiner Geburt und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben sein Eintritt in die Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die Last der Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu tragen aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen weder ein schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. Das einzig Hübsche seines Gesichtes waren die großen, stahlgrauen, schwärmerisch blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen Stumpfnase und dem weiten, dicklippigen Munde sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der ihm in seinem ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, das Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in den April geschickt.

Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer Bestätigung seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, wie er allgemein gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, welchen alles, was sie unternehmen, mißlingt und welche, ohne dümmer, oder ungeschickter, oder träger zu sein als Andere, doch von Allen überholt und übervortheilt werden.

Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so war es sicherlich Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen Rücken die meisten Püffe, dessen Kleider die meisten Risse erhielten und dem obendrein noch oft Strafe zutheil ward, indem ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch war, als Rädelsführer und Urheber der Schlägerei verklagten.

In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl seiner Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, bei der Prüfung durchzufallen, einzig aus dem Grunde, weil ihm zufällig solche Fragen gestellt wurden, die er nicht zu beantworten wußte, während er auf alle seinen Collegen vorgelegten Fragen ganz richtige Antworten zu geben vermocht hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er sich gern jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen ließen, wenn sie eines Dienstes bedurften, bildete er doch die Zielscheibe ihrer Neckereien. Und schlecht gelang es ihm, sich derselben zu erwehren, denn eine treffende Replik auf irgend eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst dann ein, wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst vorüber war.

Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe ein Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung unserem Michel besonderes Interesse und Vergnügen gewährte. Mit Ernst und Eifer machte er sich an die Arbeit. Aber unmittelbar vor dem Ablieferungstermin hatte er das Unglück, das Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen großen Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er unvorsichtigerweisebei sich trug, auf dem Wege von der Schule heimwärts, aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb ihm nichts anderes übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile – denn die Zeit drängte – vom neuem auszuarbeiten. Wer beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als seine Arbeit als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, in welcher er seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!

Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die Geschichte seines in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand glaubte ihm; trug doch die belobte Arbeit Namen und Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer präsentirt hatte; welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche vermochte er dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn aus, andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren Eltern dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. Der Lehrer aber verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken Betrugsversuch und bedeutete dem schmerz- und zornverwirrten Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch schweres Vergehen straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft hüten, denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem Vater klagte, da ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil und eine Wiederholung des stereotypen Urtheiles: »Geschieht Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel, das weiß ich längst.«

Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und ungerechten Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten,führten dazu, Michel's Gemüth zwar nicht zu verbittern – hierzu war es zu gut – aber es immer mehr von der Außenwelt abzuziehen und, sich selbst genügend, sich eine stille, träumerische Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe aufsteigend, beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat, nach Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, welche ihm, wie früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie entgegenbrachten. Gesellige Vergnügungen suchte er noch weniger. In größerer Gesellschaft, an welcher Frauen theilnahmen, war er schüchtern und beklommen, da er sich mit Recht oder Unrecht immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche Figur zu spielen, und für Damen, die für die Komik linkischer Unbeholfenheit meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als die Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich war, zog er es vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere Gesellschaft zu meiden.

So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.

Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund nannte er sein, dessen Besitz ihm Freude gewährte.

Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden dunkelbraunen Augen treu und ehrlich in sein Auge blickte, dann ward ihm so innig warm und wohl ums Herz, wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem Leben war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte – das wußte er. Und wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da regte sich Dankbarkeit und Liebe in seinem Herzen zu diesemGeschöpfe, dem ersten, das ihm treue, aufrichtige Liebe entgegenbrachte, und mit einem Gefühle von Rührung zog er dessen Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten Scheitel.

Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund nicht mehr und nicht weniger war als – sein Hund.

Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder auch nur reiner Race. Sein Lux – so hieß er – war eine Kreuzung von Dachs- und Hühnerhund. Von letzerem hatte er den schönen, intelligenten Kopf, von ersterem die etwas verkürzten Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und weiß. Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren Michel gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich war er seinem Herrn! Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn aus dem Wasser zog, in welches sein früherer Besitzer, um sich seiner zu entledigen, ihn geworfen, wich er ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren unzertrennlich. Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben Wirthshause, machten zusammen große Spaziergänge. Und da von den Beiden der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere und lebhaftere war und der Herr sich augenscheinlich oft den Wünschen seines vierfüßigen Gefährten unterordnete, so kam es, daß die in Betreff unseres Michels stets zum Spotte geneigten Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen, nicht etwa sich anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr Müller mit seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem Michel.« Letzterer hörte zuweilen diese Aeußerung, doch warer darob weder gekränkt noch beleidigt; er lächelte fröhlich vor sich hin.

Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten Spaziergänge frei ließen, verbrachte Michel bei seinen in der einsamen Zurückgezogenheit seines Lebens ihm lieb gewordenen Büchern. Er las und lernte eifrig. Was ihm an rascher Auffassungsgabe mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit und Fleiß. Sein Lieblingsstudium war Geschichte.

Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der Akademie der Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für ein großes historisches Essay über den Einfluß einer gewissen literarischen Bewegung auf die Entwickelung des Schriftthums las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes Interesse ein, und da sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl Auszeichnung wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub machte er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken sammelte er mit Emsigkeit reiches Material und zu Hause sichtete und ordnete er dasselbe.

Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch den überraschenden Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So wenig vertraulich die Beziehungen der jungen Männer zu einander auch waren, empfing Michel seinen Gast doch mit zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt, rückte dieser bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor. Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus derselben zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe gegen Wechsel aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlichaußer seiner Signatur auch die zweier guter Giranten. Einer seiner Freunde habe seine Unterschrift bereits gegeben; nun bäte er ihn – Müller – um die Gefälligkeit, das zweite Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner Bedeutung, die Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm jedenfalls vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.

Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines Collegen und mit den wärmsten Dankesversicherungen entfernte sich derselbe.

Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges und unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er war ein guter Wirth und mochte Schulden nicht leiden. Und jetzt hatte er selbst indirect eine Schuld contrahirt. Ja, aber die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es nicht über sich gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.

Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die ganze Geschichte über seiner Arbeit bald vergessen.

Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. Die Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.

Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel während dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der Treppe, seiner Wohnung gegenüber, liegt das Zimmer eines hübschen jungen Mädchens, einer Waise, welche sich und ihren kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit – sie ist Blumenmacherin – ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die Verbindung nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst zu erwartendes Avancement erfolgt oder – aber die Hoffnungauf dieses Glück wagt er nicht laut auszusprechen, kaum zu denken – nun, oder bis er mit seiner Concurrenzschrift den Preis gewinnt.

Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an welchem die Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung des von der Akademie ausgeschriebenen Preises publiciren werden. Bleich und müde nach schlafloser Nacht erhebt sich Michel von seinem Lager. Eines nicht unbedeutenden Unwohlseins halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und Bett hüten.

Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine unüberwindliche innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf dem Divan hingestreckt, streichelt er mit fieberheißer Hand das weiche Fell seines treuen Hundes. Er erinnert sich, daß die Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der That klingelt dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe und das Morgenblatt seiner Zeitung.

Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er die Adreßschleife und entfaltet das Blatt.

Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber der Autorname der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine –

Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem Auge blickt er auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.

Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes vermessen! Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht ihm, dem »Aprilnarr« des Schicksales!

Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.

Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, in welchem derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß sein Amtscollege * * * bedeutender Schulden wegen aus seinem Dienste entlassen sei. Unter seinen protestirten Wechseln finde sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht in der Lage sein, den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren Eventualität vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle selbst einzukommen.

Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche ihn darin beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß sie nie die Seine werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen Herzenseinsamkeit habe sie ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich für ihn fühlte. In Wahrheit habe sie stets einen anderen Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung mit demselben einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der er sich in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.

Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem Sitze empor und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er fand die Eingangsthür unverschlossen und trat in das kleine Vorzimmerchen.

Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers ausstreckte, erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender Beklommenheit und Angst. Er wagte es nicht, derjenigen ins Auge zu schauen, die er liebte und die ihn so furchtbar hintergangen hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine kräftige Männerstimme im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte nicht. Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf schallendes, fröhliches Gelächter.

Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, sank er auf einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf in seine Hände.

Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die Hoffnung, eine neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was lag noch an seinem Leben?

Wenige Stunden später stieg Herr Müllersenior, um seinen kranken Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung empor. Als er in Michel's Schlafzimmer trat, fand er ihn, eine tiefe Schußwunde in der Stirn, entseelt in einer Ecke des Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck- und Schriftstücke lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des Unglücklichen hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere hing schlaff über der Divanlehne herab.

Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und Freund und beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit seiner warmen Zunge ihr neues Leben einflößen.

Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, daß er ruhen darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches Dasein, das für ihn Tragödie war und für die Anderen – Posse!

»Treue –?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es diesen Artikel echt und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben nicht darüber belehrt, daß dies ein Begriff ist ohne realen Hintergrund, eine Vorstellung, die sich mit den Thatsachen nicht deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu dem Zwecke erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« – so fragte das Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter Stimme, um den polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, der uns aus der Residenz nach dem lieblichen Landsitze eines gemeinsamen Freundes führte, von dem wir zur Feier des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.

»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. »Was meinst Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. Treue muß echt sein. Verfälschte Treue ist ja nicht mehr Treue, sondern ihr Gegentheil.«

»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre zum Waggonfenster hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue und eine unechte. Das werde ich Dir gleich an einem Beispiele erläutern.«

Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:

»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen ist, ist echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger äußerer Verhältnisse und Umstände ist, kann unmöglich für echt gelten. Die Treue einer Frau, die zufällig keinem Manne begegnete, der ihr besser gefiel als ihr Gatte, ist eine unechte Treue.«

»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man ja bei dem erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung aufstellen, dieselbe sei nur durch zufällige Umstände bedingt.«

»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem er sich in die Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, weder weiblichen noch männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos für seine Treue bürgen. Immer handelt es sich darum, ob das Schicksal dem Betreffenden den Rechten oder die Rechte entgegenführt, denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu erschüttern. Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine echte Treue gebe.«

»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« erwiderte ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner Lebens- und Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich immer. »Aus Deinen persönlichen Erfahrungen gleich auf die Allgemeinheit zu schließen, ist aber doch etwas voreilig.«

»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte kommt,« wiederholte Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit seinen weißen Fingern den blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.

Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Er, Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie er kam und siegen wollte, keine Frauentreue standzuhalten, kein Mädchenherz unverwundet zu bleiben vermochte. Hieß er denn nicht seit der Tanzschule her »der Unwiderstehliche«? Und hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden verflossenen Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt und stetig mehr verdient!

Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald lyrisch schmachtend, hatte er – so ging die Sage – seit seiner frühesten Jugend fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und – auch dies erzählte die Fama – das Glück gepackt, wo und so oft es sich haschen ließ.

Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen letzten Worten meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während er den aus seiner Cigarre aufsteigenden blauen Ringelwölkchen sinnend nachschaute.

Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und zierlich gebaut, das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen blonden Locken und einem üppigen Vollbart umrahmt, der die Lippen so weit frei ließ, um das verführerische, zuweilen etwas frivole Lächeln, das den Frauen so leicht gefährlich wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen, dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen – war seine äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten Wahlspruch:Veni, vidi, vicinicht Lügen zu strafen. Vorzüglicher Reiter und Tänzer, amusanter Causeur, der eine Menge pikante Geschichtchen und schnurrige Anekdoten zu erzählenwußte, stets elegant und mit feinstem Chic gekleidet, konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht geladen wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen mußte. Dabei hatte er eine so ganz besondere Art, mit den Damen zu verkehren. Voll ritterlicher Galanterie und doch nie ohne einen gewissen Anflug selbstbewußter Ueberlegenheit und leichter Blasirtheit.

»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene Pause plötzlich unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe immer der alte, unverbesserliche Idealist, der Du warst?«

»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte ich. »Du wirst aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht auch Ausnahmen –«

»Giebt es nicht,« fiel er ein.

»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du nicht, daß Margarethe zum Beispiel –«

Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir uns auf dem Wege befanden.

»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten Seufzer. »Ja, ich hätte es denken können, daß Du sie als Beleg Deiner unhaltbaren Theorie werdest heranziehen wollen.«

»Nun –?!«

»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß nicht auch ihre bis jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit in den guten Jungen, der seit vier vollen Jahren das Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts anderes ist als dasWerk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis jetzt noch keinen Mann kennen lernte, der –«

»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja gerade gesagt,« unterbrach ich ihn ungeduldig.

»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser Rechte sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit ihres Herzenspanzers zu erproben.«

»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer Frau, wie Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten eines Mißtrauens zu bannen geeignet ist, so geringschätzig zu denken.«

Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber blieb unerschütterlich.

»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« erwiderte er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. Ich besitze nur eben genug Menschenkenntniß, um die Handlungen der Menschen auf ihre innere Quelle zurückführen zu können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein als die anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen, die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, ist – wie alle Anderen – auch sie unterworfen. Daran läßt sich nichts ändern.«

Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest wurzelten, um sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich eine Fortsetzung unseres Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. Meine Gedanken flogen voraus, den Freunden entgegen. Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich hinein über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheitverkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, die ich je gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch ihren Anblick bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr jung, Arthur zählte sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. Und wer die Beiden sah, hätte sie eher für übermüthige Geschwister, denn für Ehegatten halten können. Manchmal, wenn ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten herumtollen, als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte wohl sie ernster machen, sie konnten mitsammen reifen und – altern. Aber trennend, ihre zu einem wohlklingenden Accord zusammengestimmten Seelen trennend, konnte nichts zwischen sie treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten füreinander, als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie lebten vollkommen für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; wenn er sie näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß wenigstens dies eine Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.

Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte ich Theodor nach einer kleinen Weile:

»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im Allgemeinen und über weibliche Treue im Besonderen ist wohl auch die Ursache Deines Widerwillens gegen das Ehejoch?«

Theodor nickte lächelnd.

»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist dies die Ursache. Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte ich nöthig, mich zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheitaufzuopfern? Die Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen ja dem Junggesellen, der verheiratete Freunde hat, beinahe in ebenso reichlichem Maße zur Verfügung wie den Ehemännern. Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an ihrem Tische, an ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So oft wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit, die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, anfing, sie ein bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren wir unsere Unabhängigkeit und genießen doch alle Vortheile des Ehestandes, ohne dessen Mühen, Lasten und beunruhigenden Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor, der die Lasten und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des Glückes ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum fortgenippt.«

Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der Locomotive verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. Wir griffen nach unseren Handkofferchen und Ueberziehern, stiegen aus und warfen uns in einen Wagen, der uns in einer halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz brachte.

Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil wurde, brachte mich auf den Gedanken, daß er in der That nicht unrecht habe, seinen Junggesellenstand als einen glücklichen zu preisen. Alles, was er über sein beneidenswerthes Los gesagt, schien sich zu bestätigen. Die sichtliche Freude, die seine Gegenwart hervorrief, das herzliche Entgegenkommen, das der Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende Lächeln, das Margarethe ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heimdes Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte sich, um die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.

Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der Theodor die Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe bewährte sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, Margarethe nicht ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers zu liegen.

Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es war, die er sich als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, vielleicht, um mir den Beweis für die Richtigkeit seiner mir so abscheulich dünkenden Theorien zu liefern.

Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, etwa Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch Mittheilung seiner Auffassung des weiblichen Charakters, namentlich aber des seinen gegen sie gerichteten Feldzugsplänen zweifelsohne zugrunde liegenden Motives herauszufordern, oder die Vorsicht ihres, wie mir schien, von allzu argloser Vertrauensseligkeit erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit angebrachte Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken wieder fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten zu mischen? Waren Theodor's Anschauungen die richtigen; war mein Glaube an Frauentugend und Treue wirklich nur eine auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische Schwärmerei, dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe des Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. Mein Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg vereiteln; der Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt würde, wäre jedoch fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauenzu rechtfertigen, sondern er würde im Gegentheile Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk des Zufalles sei.

Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung der Dinge ohne Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit Argusaugen überwachte ich Margarethens Benehmen gegen Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere Zuversicht, daß das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, schwand immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken begegnenden Augen sprühte, je reicher und von einer seltsamen Unruhe durchbebt der Tonfall ihrer Stimme wurde, je heller ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie seine witzigen Einfälle lohnte.

Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. Auch alle anderen anwesenden Damen schienen völlig berauscht von der hinreißenden Macht seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten ihn mit brennenden Blicken, während er, wie ein schillernder Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von der einen zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.

Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages der nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, wobei Theodor natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der anerkannt beste und eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in den Hintergrund zu drängen, gleichwie das Licht der Sterne vor dem siegreichen Glanz der Sonne erbleichen muß.

Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe, als Theodor an sie herantrat, um sie um die letzte Quadrille zu bitten.

»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich, indem sie mit dem Fächer auf mich wies.

»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein schönes Haupt gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu, die ich nicht verstand und die von Margarethe ebenso leise beantwortet wurden, während eine flüchtige Röthe über ihre zarten Wangen glitt.

Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe flog an Theodor's Arm durch den Saal dahin.

Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich mich wieder in Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden Augen und hochwogendem Busen sich auf ein kleines Ecksofa niedergleiten ließ, während Theodor vor ihr stehend, ihr mit dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen vollbewußt, eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich stets, wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen – des Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren nannte – neue Triumphe packte mich so mächtig, daß ich dem Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf die Gefahr hin, abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte.

Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten zu beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über einen Pavillon, den Arthur in dem bis an den Garten sich hinziehenden Walde hatte bauen lassen.

»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo ich mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe. Der dichte Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher aus sich ein weiter Blick über das Thal öffnet, bieten einen reizenden Aufenthalt. Um mir denselben bequemer zu machen, überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.«

»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,« fiel Theodor ein.

»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein Pluto begleitet mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein gar wackerer und treuer Beschützer.«

»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung zu,« mischte jetzt ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge seiner feinen Nase jede Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter Seite droht?«

Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich einschüchtern und mir Schweigen gebieten zu wollen schien. Margarethe aber erwiderte mit feinem Lächeln:

»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.«

»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch allzu große Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten Warnungen mit ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend.

Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie:

»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.«

Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase zu erproben, mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin in der Waldeinsamkeit anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren,ob er Freund und Feind zu unterscheiden vermag,« schloß er spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden Deine Wißbegierde befriedigen.«

Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete ich, daß börsengierige Strolche nicht die schlimmsten Feinde seien. Die scheinbare Freundschaft mancher Leute sei weit gefährlicher als offenkundige Feindschaft, gegen die man sich wappnen könne.

»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein gar böses Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante Entdeckung, nur nicht ganz neu.«

Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich noch Beide lachen. Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von Theodor, auch von Margarethe, die sich an seinen Witzen über mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein Engagement mit ihr zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch nicht anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben wurde, pflichtschuldigst bei Margarethe ein.

Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie sprachen eifrig und lächelnd miteinander und ganz deutlich schien es mir, Theodor's Namen aus Margarethens Munde zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit Arthur über ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen zu können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe von solcher Seite kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das ideale Bild, das ich von der Lauterkeit ihres Charakters in meiner Seele trug, verwüstet zu sehen.

Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt, die Paare traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich meinen trübseligen Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte ich mich vor Margarethe und bot ihr meinen Arm.

»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse wären, nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes veranstalteten Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in die Augen blickend.

Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar Worte der Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die aber sicherlich recht albern waren, denn Margarethe lachte. Sie verbarg zwar ihre spöttisch zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße, den sie an ihr Gesicht drückte. Ich fühlte es jedoch, daß sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte ihr nicht. Sie war so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen Augen, die über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten, das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise hoben und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig einsogen, der volle und doch schlanke weiße Nacken, der durch das schwarze Spitzengewebe der Corsage wie beseelter Marmor schimmerte – es war ein so entzückend liebliches Bild, das sich meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst zu denken vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen sollte, vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner nimmersatten Eitelkeit zu fröhnen, das Herz dieses reizenden Wesens mit den Fallstricken seiner auswendig gelernten feurigenBlicke, seiner allerorten wiederholten lügenhaften Liebesbetheuerungen zu umgarnen.

»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig stimmt?« fragte sie, als ich nach dem »Herren-Eté« an ihre Seite zurücktrat.

»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer Neid, der mir die Laune verdirbt.«

»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so ruhig ein?«

»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist –«

Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »Balancer«, fragte sie:

»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist – denn daß es ein Er, steht wohl außer Zweifel – dessen Los Ihnen so beneidenswerth dünkt?«

»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?«

»Mein Herz schweigt.«

»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den ich beneide. Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle Ihnen drohenden Gefahren beschützen zu dürfen.«

»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe und warf einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber tanzte, und, ohne uns Beachtung zu schenken, mit seiner Dame eifrig plauderte.

Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder.

»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für selige Augen macht, der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen gewürdigt zu werden,« sagte ich boshaft.

Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten. Dann aber beim »Tour de main« fragte sie:

»Wie sagten Sie vorhin? – Der Unwiderstehliche?«

»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion weiblicher Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter seinen Intimen der Unwiderstehliche genannt wird?«

»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend – der Unwiderstehliche! – Da wir aber gerade von Theodor sprechen – ich habe einen Auftrag meines Mannes an Sie und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere Landeinsamkeit für einige Tage zu theilen. Sie bleiben doch?«

Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend.

Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, wobei ich Theodor's Namen gehört. Sie wollte das Glück des Zusammenseins mit dem Geliebten – denn daß sie ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar keinem Zweifel mehr Raum – verlängern, und ich wurde dabei als das mindest störende Element – als Elephant, wie ich grollend mich selbst benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe einen dicken Strich zu machen. »Pluto, Pluto!« rief es in meinem Inneren, »ich werde Dein Verbündeter, wir werden sie beschützen!« Alle meine löblichen Erwägungen, daß mich die Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein Recht hätte, mich in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren verflogen wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, gegen Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen Armen, in denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr,während ich im Walzerschritt mit ihr durch den Salon hinraste.


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