Chapter 20

Münze mit Astarte-Stein zu Byblos

Den ausgesprochenen Fetisch- und Seelenglauben derAraberhabe ich bereits in meinem genannten Buche geschildert. Wie es mit denBabyloniernundAssyriernin dieser Beziehung steht, läßt sich nur vermuten. Ihre Religion, wesentlich eine Astralreligion, sollen sie von dem so rätselhaften Volke der Sumerer überkommen haben; sie steht in vieler Beziehung hoch genug. Daß aber bei ihnenWahrsagekunst, Traumdeuterei, Zauber- und Beschwörungswesen, Magie jeder Art, Astrologie in höchster Blüte standen, weiß man sicher. Sie hatten Geister und Dämonen in reicher Zahl, wie die sieben Hauptdämonen, von denen es in einer Legende heißt (Greßmann, Altorientalische Texte):

Anstürmende Wetter, böse Götter sind sie,Schonungslose Dämonen, die auf dem Himmelsdamm geboren wurden, sind sie usf.

Anstürmende Wetter, böse Götter sind sie,Schonungslose Dämonen, die auf dem Himmelsdamm geboren wurden, sind sie usf.

Anstürmende Wetter, böse Götter sind sie,Schonungslose Dämonen, die auf dem Himmelsdamm geboren wurden, sind sie usf.

Anstürmende Wetter, böse Götter sind sie,

Schonungslose Dämonen, die auf dem Himmelsdamm geboren wurden, sind sie usf.

Der Himmelsdamm soll der Tierkreis sein. Vielleicht ist es aber der Horizont, wohin es, wie überall, zur Unterwelt geht. Jene Dämonen sind Sturm-, Finsternis- und Wettergeister, sie verschlingen auch Sin, den Mond. Andere Dämonen in besonders großer Menge bringen Pest, Not und alle Krankheiten. Ihre Darstellung ist tierisch und oft grotesk-furchtbar; Drachen und Greife spielen eine Hauptrolle, aber auch Hunde, Skorpionen, Schlangen, Panther, Wölfe usf. Soviel ich jedoch sehen kann, findet sich keine Angabe, die auf eine Beziehung zu Seelen Abgeschiedener deutete, wiewohl Hexen und Verhexungen sehr bekannt und gefürchtet sind; schon das zweite Gesetz Hammurabis behandelt Zauberer und solche, die der Zauberei bezichtigt werden. Ein Gottesurteil, Werfen in den Strom, entscheidet. Ein Leben nach dem Tode wird durchaus angenommen, und zwar wie bei Naturmenschen mit den Bedürfnissen des Diesseits. Gilgames (Jzdubar), der Held des gleichbenannten Epos, hat seinen Freund Eabani durch Tod verloren. Er denkt nun voll Furcht auch an seinen Tod, und nachdem ihm sich unsterblich zu machen oder wenigstens das Jenseits zu schauen mißlungen, muß Nergal, der Totengott, auf Eas Befehl ein Loch in der Erde öffnen, durch das Eabanis Geist emporsteigen kann. Gilgames befragt ihn nun. Wir besitzen nur den Schluß, aber er entscheidet. Eabani sagt:

Wer den Tod des Eisens starb — sahst du einen solchen? — Ich sah ihn —Auf dem Ruhebett liegt er und trinkt klares Wasser.Wer in der Schlacht getötet ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —Sein Vater und seine Mutter halten sein Haupt und sein Weib (beugt sich) über ihn.Dessen Leichnam aufs Feld geworfen ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn).Sein Geist findet keine Ruhe in der Erde.Dessen Geist keinen Pfleger hat — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —Im Topf Zurückgebliebenes, Bissen, die auf die Straße geworfen, ißt er.

Wer den Tod des Eisens starb — sahst du einen solchen? — Ich sah ihn —Auf dem Ruhebett liegt er und trinkt klares Wasser.Wer in der Schlacht getötet ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —Sein Vater und seine Mutter halten sein Haupt und sein Weib (beugt sich) über ihn.Dessen Leichnam aufs Feld geworfen ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn).Sein Geist findet keine Ruhe in der Erde.Dessen Geist keinen Pfleger hat — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —Im Topf Zurückgebliebenes, Bissen, die auf die Straße geworfen, ißt er.

Wer den Tod des Eisens starb — sahst du einen solchen? — Ich sah ihn —Auf dem Ruhebett liegt er und trinkt klares Wasser.Wer in der Schlacht getötet ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —Sein Vater und seine Mutter halten sein Haupt und sein Weib (beugt sich) über ihn.Dessen Leichnam aufs Feld geworfen ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn).Sein Geist findet keine Ruhe in der Erde.Dessen Geist keinen Pfleger hat — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —Im Topf Zurückgebliebenes, Bissen, die auf die Straße geworfen, ißt er.

Wer den Tod des Eisens starb — sahst du einen solchen? — Ich sah ihn —

Auf dem Ruhebett liegt er und trinkt klares Wasser.

Wer in der Schlacht getötet ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —

Sein Vater und seine Mutter halten sein Haupt und sein Weib (beugt sich) über ihn.

Dessen Leichnam aufs Feld geworfen ist — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn).

Sein Geist findet keine Ruhe in der Erde.

Dessen Geist keinen Pfleger hat — sahst du (einen solchen)? — Ich sah (ihn) —

Im Topf Zurückgebliebenes, Bissen, die auf die Straße geworfen, ißt er.

Das entspricht völlig uns schon bekannten Ansichten. In dem furchtbaren Fluch, den Hammurabi auf denjenigen herabbeschwört, der seine Gesetze mißachten sollte, findet sich auch: „Unten in der Unterwelt möge er (Samas, „der große Richter Himmels und der Erde“) seinen Totengeist nach Wasser schmachten lassen!“ Vielleicht ist dieses Wasser das Wasser des Lebens, das die Richter der Unterwelt, die Anunnaki, in Verwahrung hielten (S. 197). Daß die Geister auch einen Kult hatten, sieht man aus den vier letzten Versen des angeführten Textes. Daß die Götter Fetische waren, möchte ich nicht behaupten, trotz solcher Ausdrücke wie im zweiten Gesetz Hammurabis: „Er (der bezichtigte Zauberer) soll zum Stromgott gehen und in den Stromgott eintauchen.“ Lippert aber ist naturgemäß dieser Ansicht und erklärt den Gestirndienst für Fetischdienst. Es spricht einstweilen dagegen der Mangel von Seelengeistern. Die Sitten, mögen sie zum Teil noch so sehr „afrikanisch“ sein, haben damit nichts zu schaffen. Was es aber mit dem auf assyrisch-babylonischen Denkmälern so oft wiederkehrenden heiligen Baum naturmenschlich für eine Bewandtnis hat, kann ich nicht sagen. In den Mythen ist der Baum hinreichend bekannt und als Weltgegenstand auf der ganzen Erde verbreitet. Als das möchte ich den assyrisch-babylonischen nicht ansehen, wegen der Anbetungen und Opfer, die ihm sogar von Göttern und Genien dargebracht werden. Doch sei auf das schöne Buch des Pfarrers Alfred Jeremias „Das Alte Testament im Lichte des alten Orients“ verwiesen.

Sehen wir von dem eigentlichen Zoroastrismus derEranierab, der einer anderen Betrachtung angehört, so wissen wir nicht viel von den sonstigen Anschauungen dieser Völker, um mehr behaupten zu können, als daß Seelen- und Fetischglauben bei ihnen wahrscheinlich bekannt und gehegt wordenist. Reste finden wir in den Zarathustrischen Lehrwerken. Als der Urstier starb, heißt es im Bundehesh: „Gosurun, das ist die Seele des einzigerschaffenen Stieres, ging aus dem Leibe des Stieres hervor und stand vor dem Stiere. So stark wie tausend Menschen, wenn sie zugleich ihr Geschrei erheben, klagte Gosurun dem Ahura.“ Die Klage bezieht sich auf durch Ganamino (Ahriman) in die Welt gebrachte Übel. Von Ahura auf die Zukunft verwiesen, klagt die Stierseele weiter dem Sternenkreis, dem Mondkreis, dem Sonnenkreis. Nun zeigt ihm Ahura den Frohar des Zarathustra. DieserFroharist aber allgemein die Seele, die also präformiert besteht (von Ahura geschaffen, Kap. II) und selbständig lebt. An einer anderen Stelle (Kap. VI) treten die „Frohars der Krieger und Reinen“ beim Kampf Ahuras gegen Ahriman mit Keulen und Lanzen in der Hand auf, also wie die Menschen selbst (S. 43). Und so sind überhaupt anscheinend alle Frohars (Seelen) zuvor schon in Ahuras Reich vorhanden, etwa wie Platons Ideen. Und selbst die Welt hat einen solchen Frohar; lange bevor sie Welt wird, besteht sie schon im Himmel. Und auch die höchsten Götter besitzen Frohars. Ahura sagt ausdrücklich (Kap. XV): „Die Seele ist zuerst geschaffen und der Leib wurde hernach für sie geschaffen, und sie wurde in den Leib gelegt“ (ähnlich Kap. XVII). Die Seele wird auch das „Selbsttätige“ genannt.

Weiter wissen wir von wunderbaren Vögeln; wie Karsapt, der dem Urmenschen und Paradiesherrscher Yima die mazdaijaçnische Lehre von Ahura überbrachte, von Varaghna der demselben Yima, da er die Unwahrheit gesagt hatte, die drei Gnaden entnahm, von dem auch aus Märchen bekannten Simorg und vielen anderen. Manche von ihnen kämpfen gegen die bösen Nachtgebilde, wie, ganz naturgemäß, der Hahn. Auch sind Dämonen, Geister, Gespenster usf. in unendlicher Zahl bekannt, gute (Yazatas) und böse (Dêvs), menschlich und tierisch geformte, wie der furchtbare Dahâka, dem Yima erliegt, und der teuflische Vernichter Aesna daeva, den man mit dem Asmodeus verglichen hat. Die Vorbedingungen für Seelen- und Fetischkult sind hiernach allerdings gegeben. Gleichwohl kann ich nicht ersehen, daß ein solcher Kult in der historischen Zeit stattgefunden hat. Zwei Stellen finde ich in Windischmanns „Zoroastrische Studien“, die unmittelbar auf Berg- und Baumkult sich beziehen, und beide betreffen das unsterblichmachende Haoma: „Anrufen will ich den Berg Hukairya, den ganz reinen, goldenen, von welchem herabfließt Ardviçura Anâhita, tausend Männer hoch besitzt sie Majestät wie alle Wasser, die auf der Erde hervorfließen.“ Die Ardviçura Anâhita ist das Lebenswasser, in ihm wächst der (weiße) Haoma-Baum Gaskerena (S. 175f.). Und es heißt: „Wir rufen Gaskerena, den starken, von Mazda geschaffenen, an.“ Selbst dieses als Fetischismus anzusehen, möchte ich zaudern; es fehlt das Charakteristische, da ja die Gegenstände nur vorgestellt sind, nicht in Körperlichkeit angebetet werden. Außerdem sind es Lebensspender. Auf das irdische Homa, das bei Opfern dienende gelbe Homa, bezieht sich die Anbetung nicht. Lippert schreibt dem Fetischismus unter den Eraniern eine viel größere Bedeutung zu und rechnet hierher auch die Anbetung des Feuers. Der Zarathustrismus verleiht dem Feuer an sich keine göttliche Bedeutung; die Erklärungen, die ich darüber im Bundehesh aufgesucht habe (von den fünf und den drei Feuern) sind rein physisch. Gleichwohl findet eine wirkliche Feuerverehrung bekanntlich in so ausgedehntem Maße statt, daß sie vielfach als das Wesentliche der „Religion der Magier“ angesehen wurde. Möglich, daß dabei auch an einen Geist gedacht ist. Strabo erzählt, die Götter nähmen von den Opfern nur die Seele, alles Körperliche werde von den Priestern und Opfernden verzehrt. Aber dem Feuer wird Fett und Öl unmittelbar gespendet, das eben das Feuer anfacht, wie wenn es einen von der Spende sich ernährenden Geist enthielte. Auch dem Wasser wird geopfert, hier aber nach Strabos Bericht in der Weise, daß allesnebendem Wasser geschieht, dieses selbst nichts erhält, damit es nicht verunreinigt werde. Etwas Bestimmtes läßt sich für die historische Zeit nicht behaupten; diese ist zu spät, in Anbetracht der langen Vergangenheit, die das Volk schon vor seinem Eintritt in dieGeschichte gehabt hat. In dieser Vergangenheit aber wird es wohl viel Naturmenschliches gedacht und gewirkt haben.

Wir suchen das am besten bei den Indiern auf, deren Anschauungen sich vielfach mit denen der Eranier decken, wie sie ja wahrscheinlich mit diesen am längsten zusammengelebt haben. Seit den Auseinandersetzungen Carus Sternes (Ernst Krause) neigt man von mehreren Seiten der Ansicht zu, daß die Wiege der Arier in (Nord-)Europa gestanden hat, dieIndierder am weitesten nach Osten verschlagene Stamm sind, und demgemäß die urarischen Anschauungen nicht bei ihnen zu suchen sind, sondern eher an ihrem westlichen Gegenpol. Es läßt sich gegenwärtig nicht viel darüber sagen. Nur wäre es sehr merkwürdig, wenn in der Heimat noch mehr als tausend Jahre tiefe Barbarei herrschte, da bei den östlichst ausgewanderten Stämmen schon hohe eigene, nicht etwa von Fremden angenommene, Kultur strahlte. Kein Volk hat eine so merkwürdige Reihe von Religionsanschauungen entwickelt wie die Indier. Alles ist in diesen Anschauungen vertreten, des Wilden Ansichten, des Polytheisten, des Monotheisten und des höchstdenkenden, völlig abstrakten Philosophen. Und das Übel ist, daß das meiste nebeneinander hergeht, das Absurdeste mit dem Großartigsten sich nahe verträgt. Gleichwohl müssen wir annehmen, daß das Naturmenschliche an sich allem voraufgegangen ist und sich später neben dem Höheren noch erhalten hat, mitunter auch in einer Kraft, daß es dieses Höhere völlig überwallt. Als die Indier ihr jetziges Land von Iran aus erwarben und in allmählichem Vordringen in Besitz nahmen, was wohl vor mehr als viertausend Jahren geschah, fanden sie schon eine, nichtarische, Bevölkerung vor, wir nennen sie Dravida, die noch gegenwärtig wesentlich auf dem Standpunkte des Naturmenschen sich befindet. L.Feuthin seiner interessanten Sammlung „Aus dem Lande der Nibelungen“ schreibt den Dravida weite Verbreitung, bis nach Persien hin, und bedeutende Kultur zu. Ich vermag ihm aber in seinen Argumenten nicht zu folgen. Fetisch- und Seelenglaube waren vorherrschend, und böse und gute Geister erfüllten das All und wohnten in allen Gegenständen, namentlich in Tieren (Schlange), doch auch in Bäumen, Pfählen, Steinen. Sollte die Seele eines Verstorbenen in einen Gegenstand einziehen, so wurde dieser auf das Grab gesetzt und mit Öl bestrichen. Das Priestertum war ein Schamanentum.

Die Indier haben manches von diesen Anschauungen und Kulten angenommen, wenn sie es nicht schon selbst mitgebracht haben sollten. Die Schlange (Nâgaa) spielt bei ihnen eine große Rolle, sogar als Gewitter- und Sturmerregerin. Krischna sieht seines Bruders Râma Seele „als Schlange aus seinem Munde hervorgehen und in das Meer gleiten, wo sie von den Schlangengöttern mit großen Ehren empfangen wurde“. Das entspricht völlig dem, was aufS. 45gesagt ist. Und so wurde auch den Schlangen ein erheblicher Kult gewidmet. Ein anderer Fetisch ist der „weiße Elefant“, der mit dem Apis der Ägypter verglichen werden darf und der als Regenmacher dient. Gubernatis hat über die Tiere in der indogermanischen Mythologie ein umfangreiches Buch verfaßt, auf das verwiesen werden muß. Die Deutungen auf Naturerscheinungen, wie Wolken, Morgenröte, Blitz, Donner usf., lehnt Lippert ab. Für die Urzeit, wie ich glaube, durchaus mit Recht; später haben die betreffenden Tiere in der bilderreichen Sprache des Indiers allerdings zur Allegorisierung der vergötterten Naturerscheinungen gedient. Auch die Ägypter nannten trotz ihres Apis sehr viele Götter „Wildstier“. Und nicht selten ist die allegorische Bedeutung völlig vergessen und tritt das Tier an Stelle der Erscheinung, wie die Kuh für die Morgenröte, oder Kühe für Wolken, das Roß in Vertretung Indras als Sonnen- und Wettergott (auch Poseidon wandelt sich in ein Roß), wie ferner die Schlange als Wolkenungetüm, das die Wasser zurückhält und von Indra mit dem Donnerkeil erschlagen werden muß, bevor die Wasser befreit sind und auf die Erde strömen können. Der weiße Elefant wird sogar gewürdigt, sich in den Schoß der Prinzessin Maja zu begeben und von ihr als Buddha geboren zu werden. Die Seelen bedürfen in der Unterwelt der Nahrung. Sie empfangen sie aus den Opfern, den Geschenken, die sie im Leben an die Priester der Unterweltsgottheit Yama gespendet haben. Lippert erzählt, daß Fürsten Hunderte von Dörfern und ganze Länder an Brahmanen vergeben hätten, um dadurch im Jenseits standesgemäß versorgt zu sein. Überhaupt soll das „Gib, auf daß ich gebe“ ein Grundzug der alten indischen Indrareligion sein; was dem entsprechen würde, was von Naturmenschen zu erwarten ist (S. 39f.). Indessen konnten doch arme Leute sich dadurch den Unterhalt im Jenseits sichern, daß sie sich auf Erden besondere Entbehrungen und Kasteiungen auferlegten. In dem als Bhagavad-Gîtâ (Gottheit-Lied) bezeichneten Zwiegespräch des Epos Mahâbharâta, das man schon mit der Ilias verglichen hat, das aber gedanklich so viel höher steht als diese, als sie im ganzen künstlerisch von ihm übertroffen wird, will der Pandu-Held Ardschuna nicht gegen seine Verwandten, die Kuruiden, kämpfen. Er sagt zur Begründung (Übersetzung von R. Boxberger):

Wie sollten wir, die Wissenden, nicht scheuen diese Freveltat,Da auf Geschlechtesuntergang ein zahllos Heer von Übeln naht?Stirbt ein Geschlecht, so höret alsbald auf der Manenopfer Pflicht,Und ruhlos wird der ganze Stamm, wenn Ahnenkultus ihm gebricht ...Dann gehen Stammesmörder samt dem ganzen Stamm zur Unterwelt,Denn aus dem Himmel stürzt der Ahn, sobald das Manenopfer fehlt.

Wie sollten wir, die Wissenden, nicht scheuen diese Freveltat,Da auf Geschlechtesuntergang ein zahllos Heer von Übeln naht?Stirbt ein Geschlecht, so höret alsbald auf der Manenopfer Pflicht,Und ruhlos wird der ganze Stamm, wenn Ahnenkultus ihm gebricht ...Dann gehen Stammesmörder samt dem ganzen Stamm zur Unterwelt,Denn aus dem Himmel stürzt der Ahn, sobald das Manenopfer fehlt.

Wie sollten wir, die Wissenden, nicht scheuen diese Freveltat,Da auf Geschlechtesuntergang ein zahllos Heer von Übeln naht?Stirbt ein Geschlecht, so höret alsbald auf der Manenopfer Pflicht,Und ruhlos wird der ganze Stamm, wenn Ahnenkultus ihm gebricht ...Dann gehen Stammesmörder samt dem ganzen Stamm zur Unterwelt,Denn aus dem Himmel stürzt der Ahn, sobald das Manenopfer fehlt.

Wie sollten wir, die Wissenden, nicht scheuen diese Freveltat,

Da auf Geschlechtesuntergang ein zahllos Heer von Übeln naht?

Stirbt ein Geschlecht, so höret alsbald auf der Manenopfer Pflicht,

Und ruhlos wird der ganze Stamm, wenn Ahnenkultus ihm gebricht ...

Dann gehen Stammesmörder samt dem ganzen Stamm zur Unterwelt,

Denn aus dem Himmel stürzt der Ahn, sobald das Manenopfer fehlt.

Der Ahn darf also nur so lange im Himmel bleiben, als er Opfer empfängt, sobald dieses aufhört, muß er in die Unterwelt. Auch die Gottheit Krischna (Wischnu), die eben mit Ardschuna das Zwiegespräch hält und die so außerordentlich hohe Ideen vertritt, lehrt:

Zu Göttern geht, wer sie verehrt; zu Ahnen, wer diese ehret, ein;Zu Larven, wer die Larven ehrt; zu mir, wer mich verehrt allein.

Zu Göttern geht, wer sie verehrt; zu Ahnen, wer diese ehret, ein;Zu Larven, wer die Larven ehrt; zu mir, wer mich verehrt allein.

Zu Göttern geht, wer sie verehrt; zu Ahnen, wer diese ehret, ein;Zu Larven, wer die Larven ehrt; zu mir, wer mich verehrt allein.

Zu Göttern geht, wer sie verehrt; zu Ahnen, wer diese ehret, ein;

Zu Larven, wer die Larven ehrt; zu mir, wer mich verehrt allein.

Und er stellt auch fest, daß der Mensch nach dem Tode mit dem vereint wird, woran er im Sterben denkt. Völlig wildenmäßig mutet es an, wenn in dem Atharvaveda zu dem Toten gesagt wird: „Kehre nicht zurück auf den Götterpfaden, dort bleibe, wache bei den Vätern“, und namentlich, wenn den Toten die Fessel angelegt wird: „Die Kudifessel, die man den Toten anlegt, die Hemmerin der Füße“ (S. 42). Selbst der große Sanskritkenner Max Müller gibt das Naturmenschliche in den Anschauungen der Indier zu, aber doch nur in den allerursprünglichsten. Indem er jedoch den Gang dieser Anschauungen an einem Gott, an Agni, dem Feuergott, darlegt, sagt er: „Sie werden sehen, daß wir im Veda diesen Gott des Feuers beobachten können lange bevor er überhaupt ein Gott ist, und auf der anderen Seite werden wir seine weitere Entwicklung bis dahin zu verfolgen imstande sein, wo er nicht bloß ein Gott des Feuers, sondern ein höchster Gott, ein Gott über allen anderen Göttern, Schöpfer und Lenker der Welt ist.“ Dann erzählt er, wie Agni in den Veden oft menschlich und tierisch aufgefaßt wird. Dêva wird er zunächst, rein physikalisch, der „Glänzende“, genannt, bis dieser Name höhere und höhere Bedeutung gewinnt und Gottheit überhaupt bezeichnet. Dabei bleibt das Bewußtsein von der eigentlichen Natur des Agni: „Du, o Agni, wirst geboren, zu erstrahlen wünschend, du wirst geboren aus den Himmeln, du aus den Wassern, du aus dem Steine, du aus dem Holze, du aus den Kräutern, du, o König der Menschen, der reine“, heißt es in einem Lied des Rigveda. Daraus aber ergibt sich, daß für Max Müller Agni auch in der ursprünglichsten Auffassung nicht ein Fetisch im Sinne des Naturmenschen ist. Aus solchen Rigvedaversen an Agni, wie: „Du bist dem Menschen immer Vater und Mutter“, „Agni halte ich für meinen Vater, ich halte ihn für meinen Verwandten, meinen Bruder und meinen beständigen Freund“, könnte Agni als Ahn in Anspruch genommen werden, aber dem stehen unzählige andere Verse unmittelbar entgegen. Alles was von Agni gesagt wird, er lecke mit Zungen, er esse mit scharfen Kinnbacken, er zerkaue und strecke nieder die Wälder, er tue den Bäumen Gewalt an, er mache die Pflanzen zu seiner Speise, er schere das Haar der Erde, er springe aus dem Holz hervor usf., klingt theromorph und anthropomorph, kann aber kaum anders denn als sehr prägnante dichterische Ausdrucksweise angesehen werden (s. jedochS. 33f.). Wenn es dann an einer anderen Stelle des Rigveda heißt: „Agni, unser Priester, wird beim Opfer herumgeführt, ein Roß seiend“, so könnte man freilich wie bei Swantewit an einen Tierfetisch als Vertreter Agnis denken. Max Müller lehnt es aber ab und hält auch dieses für bildliche Ausdrucksweise, und nach allem, was sonst der Rigveda von Agni sagt, wohl mit Recht. Agni ist freilich kein ursprünglicher Gott, der Urgott der Indier scheint Indra zu sein, der später von seiner Höhe herabsank, immerhin aber stets Bedeutung hatte, während er bei den Eraniern sich nur noch als Geist findet. Der gleiche Forscher führt als weiteres Beispiel die Stürme (Marut) an, von denen auch im Rigveda ganz persönlich gesprochen wird. Sie schütteln Himmel und Erde, gleich dem Saum eines Gewandes, sie erscheinen glänzend auf ihren Wagen mit Speeren, Dolchen, Ringen, Äxten und Peitschen, die sie in der Luft klatschen lassen, sie schießen Pfeile und schleudern Steine, sie haben goldene Kopfbinden rings um den Kopf, sie werden auch als Musikanten Sänger, Pfeifer und Tänzer, mitunter auch als Vögel und als wilde Eber mit Hauern dargestellt. Man kann nicht irdischer und dramatischer sprechen, und weniger fetischmäßig. Wie es sich mit dem Soma als Gottheit, als Opfer und als berauschendes Getränk verhält, ist nicht ganz klar, so wenig wie bei dem entsprechenden Haoma der Eranier. Ursprünglich als höchst bedeutungsvoll, ja Unsterblichkeit verleihend, dargestellt, gepriesen und empfohlen, wurde es später verpönt und verboten, wahrscheinlich infolge zu großer Anwendung als berauschendes Getränk. Einen Fetisch werden wir in der betreffenden Pflanze, die also von Soma bewohnt gewesen sein sollte, kaum sehen können.

Nach allem möchte ich glauben, daß zwar die Indier des Rigveda und der folgenden Zeiten die Seele und ihr Leben naturmenschlich aufgefaßt haben. Dafür spricht schon die angenommene Seelenwanderung, von der später die Rede sein wird. Daß sie selbst Götter naturmenschlich als mit menschlichen Bedürfnissen und Schwächen behaftet sich dachten. Daß aber der Fetischglaube sich nur in vereinzelten Erscheinungen, die für das Ganze bedeutungslos waren, geltend machte, selbst wo Tiere wie Stier, Schlange, Elefant und der berühmte Affe Hanumann in Betrachtkommen. Im einfachen Volk und bei Einzelnen wird natürlich, wie ja auch bei den höchsten Kulturnationen, sehr viel Fetischismus vorhanden gewesen sein. Aber die Religionsanschauungen der Indier nehmen eine so merkwürdige Richtung, einerseits in das rein Abstrakte, andererseits in das rein Ethisch-Anthropopathische, daß so niedrige Ansichten wie die des Fetischismus nicht in ihnen als Wesentliches existiert haben können, trotz aller heiligen Tiere und verehrten Erscheinungen. Der Fetischismus stellt sich sonst überall mit einer gewissen Selbstverständlichkeit dar — er ist ja dem Naturmenschen in der Tat selbstverständlich —, die gegenständliche Ausdrucksweise der Indier ist aber meist so dunkel und verstiegen, daß wir uns zu Allegorien und Symbolen retten müssen, wenn wir nicht reinen Unsinn und absurdes Geschwätz bei einem doch so tief veranlagten, so hoch denkenden und so dichterisch empfindenden Volke annehmen wollen. Höchstens furchtbaren Dämonenglauben und ins äußerste gegen sich und gegen die Mitmenschen getriebene Konsequenz gewisser Götter- und Kultlehren müssen wir bei einzelnen Sekten zugestehen, und Leichtgläubigkeit gegenüber von Behauptungen anerkannter und nicht anerkannter Priester und Zauberer, und endlich einen verblüffenden, spitzfindigen, kleinlichen, das ganze Leben wie ein eisernes Gespinst durchziehenden Formalismus gegen die höheren Mächte, von denen selbst der so freie Buddha das Volk nicht hat lösen können. Solche Ausdrücke wie in dem Rigveda: „Indra hilft dem, der reichlich schenkt und opfert; eine heilige Handlung hat keine Wirkung, wenn die entsprechende Dakschina nicht gereicht wird“, und „Indra wendet sich ab von Dürftigkeit und Hunger“, dazu Verwünschungen von Werkfeindlichen und Nichtopfernden, sind freilich schlimm. Dieselbe Ansicht findet sich sogar in der Bhagavad-Gîtâ. Krischna sagt daselbst:

Als einst der Herr die Welt erschuf, setzt’ er den Opferdienst auch ein,Durch diesen pflanzt euch fort, er soll des Vaterfluches Ruh euch sein.Durch ihn ernährt die Götter all, daß sie erhalten diese Welt;Nur so gelanget ihr zum Heil, wenn eins das andere erhält.Erwünschtes Gut gewähren sie, wer ihnen Opferdienst gewährt;Ein Dieb ist, wer, den Göttern nichts entgeltend, ihr Geschenk verzehrt.Wer von des Opfers Überrest sich nährt, wird frei von Sündenqual,Doch ihr verfällt, der nur für sich bereitet hat das Festesmahl ...

Als einst der Herr die Welt erschuf, setzt’ er den Opferdienst auch ein,Durch diesen pflanzt euch fort, er soll des Vaterfluches Ruh euch sein.Durch ihn ernährt die Götter all, daß sie erhalten diese Welt;Nur so gelanget ihr zum Heil, wenn eins das andere erhält.Erwünschtes Gut gewähren sie, wer ihnen Opferdienst gewährt;Ein Dieb ist, wer, den Göttern nichts entgeltend, ihr Geschenk verzehrt.Wer von des Opfers Überrest sich nährt, wird frei von Sündenqual,Doch ihr verfällt, der nur für sich bereitet hat das Festesmahl ...

Als einst der Herr die Welt erschuf, setzt’ er den Opferdienst auch ein,Durch diesen pflanzt euch fort, er soll des Vaterfluches Ruh euch sein.Durch ihn ernährt die Götter all, daß sie erhalten diese Welt;Nur so gelanget ihr zum Heil, wenn eins das andere erhält.Erwünschtes Gut gewähren sie, wer ihnen Opferdienst gewährt;Ein Dieb ist, wer, den Göttern nichts entgeltend, ihr Geschenk verzehrt.Wer von des Opfers Überrest sich nährt, wird frei von Sündenqual,Doch ihr verfällt, der nur für sich bereitet hat das Festesmahl ...

Als einst der Herr die Welt erschuf, setzt’ er den Opferdienst auch ein,

Durch diesen pflanzt euch fort, er soll des Vaterfluches Ruh euch sein.

Durch ihn ernährt die Götter all, daß sie erhalten diese Welt;

Nur so gelanget ihr zum Heil, wenn eins das andere erhält.

Erwünschtes Gut gewähren sie, wer ihnen Opferdienst gewährt;

Ein Dieb ist, wer, den Göttern nichts entgeltend, ihr Geschenk verzehrt.

Wer von des Opfers Überrest sich nährt, wird frei von Sündenqual,

Doch ihr verfällt, der nur für sich bereitet hat das Festesmahl ...

Dabei steht die Bhagavad-Gîtâ im bewußten Gegensatz zu den „heiligen Schriften“, also wohl den Veden und ihren Opferkommentaren. Noch schlimmer sind die Witwenverbrennungen und gar die tückischen Menschenopfer an die Zerstörungsgöttin Kali. Auch zeigen sich die bildlichen Darstellungen der Gottheiten meist aufs höchste abenteuerlich-grotesk und nicht selten rein götzenhaft. Wir haben aber bei den Indiern in Anschauung, Literatur und Kunst eine wunderliche Mischung von Edelstem und Rohestem, Schönstem und Abstoßendstem, wie kaum bei einem anderen Volke. Das erschwert die richtige Einschätzung außerordentlich. Denn wer hört und liest, daß Götterbilder gebadet werden sollen, daß Götterbilder mit Leben begabt und des Lebens beraubt werden, wird gewiß geneigt sein, in diesen Götterbildern Fetische zu sehen. Wer aber an die unglaublichen geistigen Leistungen des Volkes denkt, wird jenes auf gleiche Stufe stellen mit dem entsprechenden bei der Athene, bei unseren Marien- und Heiligenbildern und bei unseren Kirchen, wo ebenfalls Weihung und Entweihung stattfindet, und es mit dem Bedürfnis so vieler Menschen erklären: woran sie sich wenden, gegenständlich vor sich zu haben, und dieses dann mit Verehrung zu behandeln; und der Verehrung zu entkleiden, sobald es profanem Zwecke übergeben wird oder übergeben werden muß.

Man hat die ältere Indierreligion, die sich an die Namen Indra, Rudra, Yama, Agni, Varuna, Mitra u. a. anschließt, als dieVedareligionbezeichnet, die jüngere, um die Trimurti: Brahma, Wischnu, Çiva, mit den zugehörigen Frauengestalten, sich bewegende, alsHindureligion. Brahma gehört beiden Religionen. Für die jüngere Linie gilt hinsichtlich unseres Themas nichts anderes als für die ältere. Die Gottheiten sind nur konzentrierter und machtvoller und darum — bis auf Brahma, von dem als von einem Abstraktumnachher zu sprechen ist — um so furchtbarer; Çiva gehört zu den grauenvollsten Schöpfungen der menschlichen Phantasie. Die dritte und vierte, mit dem Hinduismus parallele Religionsanschauung: der höhereBrahmaismusund derBuddhismusgehen schon über eigentlicheReligionsanschauungen hinaus und führen in die philosophische Theosophie und das ethische Menschentum. Wir werden ihre Hauptlehren aber gleichwohl noch, wenigstens teilweise, mit in diesem Buche behandeln.

DieChinesenmachen uns die Arbeit leicht, ihre konfuzianischen Anschauungen, die der Staatsreligion angehören, sind so völlig auf Seelen- und Ahnenglaube begründet, wie kaum selbst bei einem Naturvolke. Wie die ganze Welt durch das Zusammenwirken von Yang (Wärme, Licht, Männlichkeit) und Yin (Kälte, Finsternis, Weiblichkeit) entstanden ist, besteht auch die Seele aus zwei Teilen: einem guten Teil, Schen, und einem bösen, Kwei. Nach dem Tode gibt jener Teil die guten, dieser die bösen Geister. Der Tote bedarf der Wartung und stetiger Gaben. Letztere werden ihm jetzt meist in Attrappen aus Papier gereicht, das gilt namentlich von Geld, Menschen und Tieren. Im Hause sind auf einem Tisch Seelentafeln aufgestellt, die Namen und Rang der Ahnen enthalten, vor ihnen Opfer an Speisen und Trank. Seelentafeln besitzen auch die Tempel und Altäre der Götter, Kaiser, Heiligen, großen Männer und der Naturgegenstände (Flüsse, Berge, Sterne, Sonne, Mond, Himmel usf.), welche verehrt werden. Es wird angenommen, daß die Seelen sich zeitweilig in diese Tafeln (oder auch Bilder) begeben und von den Opfern genießen. Selbst die höchstverehrten Gegenstände, Himmel und Erde, werden als Seelen verehrt. Der Kaiser, „der Sohn des Himmels“, ist die Seele des Himmels auf Erden. So durchdringt der Seelenglaube und Seelenkult die ganze Staats- und Volksreligion, und wie das Volk allen möglichen Seelen opfert, so geschieht es auch vom Staat, vom Kaiser und den Mandarinen an bestimmten Tagen, einzeln und kollektiv. Seelen, welche sich bewähren, indem sie die Wünsche erfüllen, erhalten die ausschweifendste Verehrung; ihnen werdenKapellen und Tempel errichtet, das Volk strömt in Massen mit Geschenken aller Art herbei. Bleibt die Erfüllung der Wünsche aus, so geraten die Seelen in Verruf und werden verlassen. Priester und Priesterinnen sind imstande Seelen in sich aufzunehmen und von Ort zu Ort zur Anbetung zu transportieren, sie sind lebende und wandelnde Fetische. Indessen scheint es, als ob gegen das Verfahren des Wilden der umgekehrte Weg eingeschlagen ist. Dieser entnimmt die Seele dem Menschen oder Tiere und versetzt sie in die Gegenstände. Die Chinesen dagegen glauben, daß die Seele der Lebewesen aus der Seele von Gegenständen, nämlich aus der des Himmels (als Schen) und der der Erde (als Kwei) stammt. So werden auch folgerichtig Krankheiten daraus abgeleitet, daß Schen den Körper ganz oder zum Teil verläßt, und besteht die Kunst des Arztes nicht darin, einen bösen Geist aus dem Körper zu bannen, sondern den guten in den Körper zurückzuführen. Es ist also nicht richtig, wenn die Anschauungen der Chinesen denen der Naturvölker gleichgesetzt werden, vielmehr gehören sie eigentlich dem Pandeismus statt dem Pananimismus, an, und zwar einem dualistischen. Das Naturmenschliche tritt in der Verselbständigung der Seelen hervor und in den materiellen Eigenschaften, die den Seelen zugeschrieben werden. Deshalb freilich unterscheiden sich selbst die höchsten Seelen, die von Himmel (Tien) und Erde (Ki) und die der Kaiser nur graduell von den naturmenschlichen Seelen, und können allerdings sie und alle beseelt gedachten Gegenstände als Fetische bezeichnet werden. Die ganze Natur besteht aus solchen Fetischen. Der Gang der Natur, das Tao, das durch den Planeten Jupiter (Tai-sui) geregelt wird, bestimmt den Gang des Menschen; der Mensch hat sich genau diesem Gang anzuschließen, und wo er ihn nicht ohne weiteres erkennt, durch Orakel ihn zu ermitteln. Kombinationen ganzer und gebrochener Linien, die schon von dem 2300 v. Chr. gelebt haben sollendem Fohi herrühren, und denen, indem sie für Gottheiten, wie Himmel, Erde, Gewässer, Berge, Wind, Donner usf. stehen, dieser Gottheiten Seele innewohnt, dienen dazu; und die Enträtselung geschiehtdurch Priester. Die hierher zu rechnenden Lehren, die das ganze Leben und alle Handlungen des Chinesen, vom Niedrigsten zum Höchsten, regeln, hat Konfuzius im Yih-King gesammelt. Es war dem Menschen die Möglichkeit geboten, ganz in die Natur aufzugehen, ein Tschen-sjen zu werden und so mit der Welt einig zu leben. Indessen bestand ein Mittel, zum Ziele zu gelangen, doch auch darin, möglichst viele Schen in sich zu vereinigen; und das geschah ganz naturmenschlich durch Verschlucken von möglichst vielen Gegenständen, die man beseelt glaubte. Eine ganz andere Auffassung des Taoismus behandeln wir später (S. 143,220).

DerBuddhismus, der als Foismus in China so weite Verbreitung gefunden hat, mußte sich solchen Volksansichten fügen und hat sich dem Seelenkultus angeschlossen, freilich auf eine ihm eigene, mehr geistige Weise, indem der Kultus durch Vorlesen seiner heiligen Bücher und Anrufen von Buddhas Namen geschieht. Doch kommt zur Abwendung von Unheil auch das Hersagen von Zaubersprüchen und das Opfern von Gegenständen in Frage, was ganz den Sinn der Geisterversöhnung hat. Gleiche Mittel dienen bei den Seelenmessen, die Seelen zu befreien, sie in den Zustand der buddhistischen Seligkeit zu versetzen. Wie aber hier die indische Tüftelei hineinspielt, zeigt sich an der Bedeutung des Gedankens. Es genügt oft schon, wenn ein Heiliger sich ganz in Wünsche für den Toten versenkt, um diesem die Seligkeit zu verschaffen. Wie auch in gleicher Weise ein Mensch sich selbst in den Heiligenzustand aller Grade versetzen kann, bis zum höchsten des Buddha, wenn er den Ordnungen des Hinayana und des Mahayana, die bekanntlich auch so vieles Edle und Ideale in sich vereinigen, nachstrebt. Der Buddhismus hat in Tibet und einem Teil der Mongolei alsLamaismuseine beherrschende Machtstellung gewonnen. Aber das Volk ist dabei leer ausgegangen. Es hat früher einem vollständigen Seelen- und Fetischglauben gehuldigt, war ganz demSchamanentumergeben, und jetzt sind Menschen seine Götter, die Lama, welche als inkarnierte buddhistische Intelligenzen angesehen werden; die beidenHöchstgestellten, der Dalai Lama und der Tasi Lama, als inkarnierte Boddhisattwen (historisch und geistig), die Unzahl der anderen als inkarnierte buddhistische Heilige vergangener Zeiten. Die Inkarnationen sind eine indische Erfindung; Wischnu zählt deren, Awatare, eine erhebliche Zahl. Der verkommene Buddhismus hat sich ihrer bemächtigt, um Menschenfetische aus einem der größten und edelsten Männer aller Länder und Zeiten zu schaffen. Neben den hohen Lehren des Meisters, die sich ja nicht verlieren können, wuchert greulichster Aberglaube und einfältigster Heiligenkult.

Von den Anschauungen derJapanerhabe ich schon bei anderer Gelegenheit gesprochen. Ihre primitive Religion aber, mit einigen Änderungen jetzige Staatsreligion, ist derShintoismus(chinesisch: Pfad der Götter, japanisch: Kami no Michi). Beseelung alles möglichen spielt wie in China eine Hauptrolle. Dazu die Vergöttlichung und der Kult von Herrschern und anderen Menschen (für Kriegskunst, Schreibkunst, Sittenlehre usf.) und die Verehrung von Tieren, wie Fuchs, Hirsch, Schildkröte Schlange, wesentlich wegen ihrer schädlichen Eigenschaften, sowie von gewissen Bäumen (Sakaki und Hinoki). Die Sanktuarien der Shintotempel enthalten als „Stellvertreter des erlauchten Geistes“, Mitamaschiro (auch Shintai), irgendeinen Gegenstand, einen Metallspiegel (in einem Spiegel hat die Sonnengottheit Amaterasu ihr Antlitz bewundert), ein Schwert u. a., die in Beutel oder Truhen verschlossen sind und als Fetische angesprochen werden könnten. Ähnliche Götterembleme in Schreinen haben auch die einzelnen Familien in ihrer Behausung auf einem „Göttersims“, neben Krügen oder Flaschen mit Maiswein und Vasen mit Zweigen der heiligen Bäume oder mit Blumen. Auch Familienahnendienst besteht in ausgedehntem Maße, und mitunter ebenfalls im Hause selbst, wo auf dem „Sims der erlauchten Seelen“ Seelentäfelchen stehen. Die Toten bekommen Gebrauchsgegenstände mit. Weiter an naturmenschliche Anschauungen erinnert die Furcht des Shintoisten, sich rituell zu verunreinigen. Blut, Tod und Geburt verunreinigen am meisten und nachhaltigsten, und wie der Neger die gebärendeFrau absperrt, tut es auch der Shintoist. Auch Atem verunreinigt. Kein Verunreinigter darf einen Tempel besuchen. Und die Priester mußten mit vorgehaltenen Masken opfern, ganz wie Saxo Grammaticus von den Priestern des Swantewit erzählt, die im Tempel des Gottes nicht atmen durften, sondern zum Atmen jedesmal hinausgehen mußten. Lippert meint, da im Atem die Seele sei, solle eine Beleidigung der Gottheit, durch aufdringliche Vermischung der Menschenseele mit ihrer Seele, verhindert werden. Bei allem ist die vielfach sehr schöne Mythologie bemerkenswert, die sich auf Naturgottheiten bezieht. Der Shintoismus hat sich später mit dem Buddhismus vereinigt; die Gottheiten, Kami, wurden mit den Buddhas,Hotoke, gleichgesetzt, sie sollen die Satzungen Buddhas bewahrt haben. Karl Florenz („Die Religionen der Japaner“, in dem B. G. Teubnerschen Sammelbuche „Die Orientalischen Religionen“), dem ich in obigem zum Teil gefolgt bin, sagt: „Die Shintogottheiten werden angerufen in Verbindung mit allem Günstigen, Freudigen, Glückverheißenden; Buddha aber in Verbindung mit den Kümmernissen des Lebens und beim Tode“. Das letztere entspricht ja völlig dem Charakter der Buddhalehre, wie das erstere dem Charakter des Shinto (eigentlich des Volkes) angemessen sein wird. Der reine Buddhismus soll in Japan eine höhere Stufe einnehmen als in China oder Tibet und sich mehr den Lehren des Meisters anschließen. Gleichwohl wird das Pantheon des japanischen Buddhismus als das riesenhafteste der Welt bezeichnet, wie Japan als das tempelreichste. Doch gehört die weitere Schilderung nicht mehr hierher.

Mexikanisches Götterbild

Indem wir nun noch ganz über den Stillen Ozean wandern, gelangen wir zu denamerikanischen Kulturvölkern. In Amerika überhaupt scheint der Sonnenkult besonders verbreitet zu sein; seine größte Ausbildung hat er jedoch eben unter den Kulturvölkern dieses Erdteils erfahren. Bei denMexikanern, wo der Sonnengott zugleich Kriegsgott (Huitzilopochtli) war, nahm dieser Kult die grauseste Form durch die Massenmenschenopfer an, die mit Kannibalismus verbunden waren. Blut mußten die Menschen den Gottheiten bei jeder Gelegenheit als Gabe bringen; war es nicht das eines Opfers, so war es das eigene Blut durch Schlitze in der Brust, den Ohren, der Zunge, den Lippen. Im Blut wohnt die Seele, wie wir wissen. DieMayavölkerübten ähnliche Gebräuche, wenn auch nicht entfernt in der rücksichtslosen Furchtbarkeit wie die Mexikaner. Und bei denPeruanernhat der Sonnenkult schon einen bedeutenden Adel erreicht, der nur selten von Menschenopfern unterbrochen wurde. Die Inka waren Sonnensöhne und vertraten die Sonnengottheit auf Erden. Vertreter der Gottheit waren auch die Herrscher Mexikos; sie legten einen Eid ab, bewirken zu wollen, „daß die Sonne ihren Lauf gehe, daß die Wolken regnen, die Flüsse fließen und die Früchte reifen.“ Wir kennen ähnliche Verpflichtungen der Herrscher auch bei anderen Völkern, und ein König der Norweger hat sich selbst zum Opfer bringen müssen, als es unter seiner Herrschaft nicht gelang, die Götter dem Volke günstig zu stimmen und eine Hungersnot abzuwenden. In Mexiko wie in Peru erhielten die Herrscher schon bei Lebzeiten Gottesdienst und Opfer, die nach ihrem Tode fortgesetzt wurden. Menschliche Schutzgeister fanden sich überall. Zum Teil waren es die Geopferten selbst, die man dann schon bei Lebzeiten vor ihrer Opferung mit göttlichen Ehren behandelte und mit allen Gaben beschenkte, um sie sich günstig zu stimmen. Andere Geister gewann man durch Vermauern oder Vergraben von Menschen, namentlich von Kindern. Sonnensäulen und Huacas — ein Wort, das auch Geister bedeuten soll — sind Mäler solcher Schutzgeister, oder auch Steine, die sich an den Orten befinden. Viel verbreitet in Mexiko war auch die Sitte, Götter selbst zu essen. „Am dritten Jahresfeste des Huitzilopochtli verfertigen die Priester ein Bild des Gottes, zusammengebacken aus allerlei Sämereien mit dem Blute der geopferten Kinder. Nach diesem Bilde schoß ein Priester einen Pfeil und durchschoß den Gott. Dann nahm ein Priester an ihm die Handlungen vor wie an einem Menschenopfer. Er öffnete die Brust, brachte ein Herz hervor und reichte es dem Könige, der es aß. Den Leib des Bildes aber verteilte er so an die Quartiere der Stadt, daß jeder Einwohnerein Teilchen davon erhalten konnte. Dieses nannte man Teocualo, der Gott, den man ißt.“ So erzählt Lippert. Die Handlung läßt verschiedene Deutung zu; die einfachste und naheliegendste scheint mir doch die zu sein, daß das Bild den Gott darstellte und jeder, aus einer Opferhandlung an ihm, einen Teil von ihm in sich aufnehmen wollte. Nach dem Genannten wären die Tempel hier, in Peru, und übrigens auch anderweitig, lediglich Begräbnisstätten für einen vergötterten Ahnen. Zu all diesem Naturmenschlichen kommen nun noch die Tierfetische, die Totems. In Mexiko gelten als solche Kolibri, Reiher, Adler, Schlange, Bär usf. Und die Götterbilder erhielten sie als Symbole, wie aus nebenstehender Darstellung einer Gottheit zu ersehen ist. Im Haupttempel wurde sogar eine lebende Klapperschlange gehalten und verehrt. In Peru kommt der Kondor hinzu. Wir besitzen durch John L. Stephens (Reisen in Zentralamerika, Reisen in Yucatan) eine große Zahl von Darstellungen mittelamerikanischer Gottheiten und Kulthandlungen. Auf dem seltsamen Kreuz zwischen den beiden anbetenden Figuren im Tempel zu Palenque steht ein Hahn oder ein Reiher, die Arme des Kreuzes enden wohl in stilisierten Schlangen. Tiere, Alligatoren, Vögel, Affen, kommen auf den Bildwerken Mittelamerikas oft vor, nicht selten auch Menschen mit eigenartigen Tierköpfen.

Ich schließe damit die wohl etwas ermüdende Aufzählung. Das Naturmenschliche ist für eine Betrachtung der Welt- und Lebenanschauungen von außerordentlicher Bedeutung, weiles das Allgemeinmenschliche darstellt. Es verleugnet sich zu keiner Zeit und bei keinem Volke, selbst nicht bei uns, von denen nicht besonders gesprochen zu werden brauchte. Und wo es nicht offen zutage tritt, weil mehr Erfahrungen und bessere Einsichten zu anderen Anschauungen geführt haben, da wirkt es versteckt durchaus noch mit und lenkt die Ansichten weit mehr, als stolze Kultur zugestehen mag. Es ist materiell verfeinert und ethisch gehoben worden, aber im Wesen findet es sich nicht sehr verändert. Und eigentlich sind es nur der absolute Materialismus und absolute Energismus, die aber, wie sich später zeigen wird, zu absolutem Zwangssystem führen, sowie der Spinozismus, die das Naturmenschliche äußerlich ganz abgestreift haben. Demnach werden wir auch in der Folge noch oft an die bisherigen Darlegungen zu erinnern haben.


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