21.Leben und Gottheit.
DieAnschauung vom Lebenrichtet sich nach dem Grade der Freiheit Gott oder den Göttern gegenüber und nach dem Grade des Vertrauens. Die arischen Stämme scheinen noch am wenigsten abhängig von ihren Göttern gewesen zu sein, aber wohl auch am wenigsten vertrauend auf sie. Aus ihrer Mitte ist der Buddhismus hervorgegangen, in dem die Götter, wenn ihr Dasein nicht geleugnet wird, doch als sehr geringwertig für die Menschen angesehen werden. Hier gilt der extremste Grundsatz nach einer Seite hin; das Leben des Menschen ist bestimmt durch ihn selbst, er ist selbst Meister seines Geschickes (S. 211ff.).
Fünf Gesichtspunkte sind es vor allem, nach denen das Leben mit seinen inneren und äußeren Vorgängen beurteilt wird:Zufall,Freiheit,Fürsorge,Vorausbestimmung,Zwang. Die genaue Untersuchung dieser Gesichtspunkte gehört in die Metaphysik und Ethik. Auch entfallen hier, wo wir von den aus der Religion fließenden Anschauungen sprechen, der erste und fünfte Gesichtspunkt; es bleiben nur die drei mittleren Gesichtspunkte, und sie setzen das Verhältnis des Menschen zur Gottheit fest. Wenn bei religiöser Anschauung Willensfreiheit herrschen soll, so muß Verantwortlichkeit gegen die Gottheit bestehen. Der Egoismus führt dann auch zu Anforderungen an die Gottheit. Beide können mit dem Leben abgetan sein, oder auch sich über das Leben hinaus fortsetzen. Im ersten Falle hat der Mensch alles Unheil, das ihn im Leben betrifft, als Strafe für freiwillige Missetat zu betrachten, alles Gute als Belohnung für Wohlverhalten.Das letztere nimmt er meist ohne zu danken hin; er wird immer irgendeine schöne Tat finden, für die er Belohnung glaubt sich erwarten zu dürfen. Denn das rein ethische Wohltun aus Trieb der Seele und Freude daran ist gar selten und schaltet eigentlich die Gottheit aus. Aber eine Strafe sieht der Mensch nicht immer als verdient an. Dazu gehört wahre, herzensinnige Frömmigkeit und Zerknirschung, wie wir sie in den Hymnen, Psalmen und Kirchenliedern oft so ergreifend ausgedrückt finden. Hier vermischt sich die Anschauung mit der von der Fürsorge der Gottheit für den Menschen. Das Leben wird der Gottheit vertrauensvoll überlassen. Was diese bietet, wird in Demut angenommen, was sie verhängt, in Demut ertragen; vielleicht als Belohnung, vielleicht als Buße, immer aber als Ratschluß des Höchsten, der schon weiß, warum. Ich brauche aus dem Monotheismus keine Beispiele anzuführen. Aber auch der Polytheismus kennt solche Anschauungen:
Zeus, wer du auch seist, Hoher, Unerforschlicher,Ob Geist der Menschen, ob Naturnotwendigkeit,Ich fleh dich an; denn du lenkst auf stiller BahnHinwandelnd, alles Menschenlos zum rechten Ziel.
Zeus, wer du auch seist, Hoher, Unerforschlicher,Ob Geist der Menschen, ob Naturnotwendigkeit,Ich fleh dich an; denn du lenkst auf stiller BahnHinwandelnd, alles Menschenlos zum rechten Ziel.
Zeus, wer du auch seist, Hoher, Unerforschlicher,Ob Geist der Menschen, ob Naturnotwendigkeit,Ich fleh dich an; denn du lenkst auf stiller BahnHinwandelnd, alles Menschenlos zum rechten Ziel.
Zeus, wer du auch seist, Hoher, Unerforschlicher,
Ob Geist der Menschen, ob Naturnotwendigkeit,
Ich fleh dich an; denn du lenkst auf stiller Bahn
Hinwandelnd, alles Menschenlos zum rechten Ziel.
ruft die unglückselige Hekabe bei Euripides aus. Ähnlich heißt es in dem schönen babylonischen Klagelied an Istar:
Du schaust auf den Unglücklichen und Zerschlagenen,Leitest ihn täglich rüstig.
Du schaust auf den Unglücklichen und Zerschlagenen,Leitest ihn täglich rüstig.
Du schaust auf den Unglücklichen und Zerschlagenen,Leitest ihn täglich rüstig.
Du schaust auf den Unglücklichen und Zerschlagenen,
Leitest ihn täglich rüstig.
Damit in Verbindung steht dann die für alle Religion so absolut notwendige Anschauung, daß die Gottheit sich erbitten läßt, unverdiente Gnaden erweist, verdiente Strafe erläßt. Im Polytheismus wird sogar eine Gottheit gegen die andere angerufen. In jenem Istar-Liede sagt der Flehende:
Löse meine Brust und schaffe mir Fülle!Lenke meinen Schritt, daß ichFroh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe!Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut werde,Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.
Löse meine Brust und schaffe mir Fülle!Lenke meinen Schritt, daß ichFroh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe!Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut werde,Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.
Löse meine Brust und schaffe mir Fülle!Lenke meinen Schritt, daß ichFroh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe!Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut werde,Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.
Löse meine Brust und schaffe mir Fülle!
Lenke meinen Schritt, daß ich
Froh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe!
Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut werde,
Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.
So wird Istar auch der „Stern der Klagen“ genannt, und dieses trotz der Schilderung ihrer willkürlichen, absoluten Übermacht, die Freunde verfeindet und auf dem Schlachtfelde herrscht. Seltsam, mehr wunderlich, klingt die fast stehende Versöhnungsformel an die Gottheiten, daß „ihr Herz sich beruhigen möge“ oder „sie selbst sich beruhigen mögen“, wie überhaupt die babylonischen Texte soviel von der Unruhe der Gottheiten sprechen, ja von ihrem Lärmen, wodurch auch so viel Kampf und Streit zwischen ihnen entsteht; so der kosmogonische Kampf Apsus und Tiamats gegen sie. Vielleicht treffen unsere Übersetzungen nicht den richtigen Sinn. Es sind auch Kollektivlieder für jede beliebige Gottheit gedichtet und bekannt. Wenn der Mensch sein Wohlverhalten dem Gotte vor Augen stellt, so geschieht das nicht selten in der Weise, daß er sagt, die und die Sünde hätte er nicht begangen. Das 125. Kapitel des ägyptischen Totenbuches ist dafür sehr charakteristisch. Die Vorschrift lautet: „Was NN (als Toter) spricht, wenn man zur Halle der beiden Wahrheiten (S. 189) gelangt, nachdem NN sich losgemacht hat von allem Bösen, das NN getan hat, um das Antlitz aller Götter zu schauen“. Und nun kommen die Bekenntnisse. „Ich habe nicht falsch gehandelt gegen die Menschen“ usf. Dreiundsechzig solche negative und kaum zehn positive, unter den letzteren freilich das so schöne:
Ich habe dem Hungernden Brot gegeben,Und dem Dürstenden Wasser,Und dem Nackten Kleider.
Ich habe dem Hungernden Brot gegeben,Und dem Dürstenden Wasser,Und dem Nackten Kleider.
Ich habe dem Hungernden Brot gegeben,Und dem Dürstenden Wasser,Und dem Nackten Kleider.
Ich habe dem Hungernden Brot gegeben,
Und dem Dürstenden Wasser,
Und dem Nackten Kleider.
Andere Völker sind ähnlich verfahren. Bei allen aber werden nicht selten Zweifel an der Hilfe der Gottheit geäußert, entweder weil diese dem Menschen zu fern steht und sich um ihn nicht kümmert, oder weil der Mensch sich zu niedrig dünkt Gott gegenüber. Wie oft ist dem letzteren Gefühl in Psalmen, aber auch in den anderen Schriften der Bibel Ausdruck verliehen: „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest“ usf. Bei den Ariern finden wir mehr den Zweifel an dem Wollen der Gottheit; Euripides bietet eine Menge von Beispielen. Hekabes Ausruf: „Ihr Götter! Zwar unnütze Helfer seid ihr uns; doch ist es tröstlich anzuflehen die Himmlischen, wenn unsereinen heimsucht das Mißgeschick“, gehört noch zu den mildesten.
Weit verbreitet ist sogar die Anschauung von der Gottheiten „Neid und Mißgunst“ gegen die Menschen. Wie sie untereinander Neid und Mißgunst hegen und dadurch zum Kampf gegeneinander getrieben werden, daß ein Göttergeschlecht das andere stürzt, hat in furchtbaren Worten Aischylos im Prometheus geschildert. Dann wie die Gottheiten nach Willkür herrschen, ganz wie Tyrannen auf Erden:
Ach, neue Herrn sind im OlympAm Ruder jetzt; neuem Gesetz gemäß regiertOhne Gesetz Zeus jetzt.Das früher Gewaltige jetzt vertilgt er’s.
Ach, neue Herrn sind im OlympAm Ruder jetzt; neuem Gesetz gemäß regiertOhne Gesetz Zeus jetzt.Das früher Gewaltige jetzt vertilgt er’s.
Ach, neue Herrn sind im OlympAm Ruder jetzt; neuem Gesetz gemäß regiertOhne Gesetz Zeus jetzt.Das früher Gewaltige jetzt vertilgt er’s.
Ach, neue Herrn sind im Olymp
Am Ruder jetzt; neuem Gesetz gemäß regiert
Ohne Gesetz Zeus jetzt.
Das früher Gewaltige jetzt vertilgt er’s.
Und dann:
Auf die armen Menschenkinder nahmEr keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht,Ein anderes neues dann zu schaffen, war sein Plan.
Auf die armen Menschenkinder nahmEr keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht,Ein anderes neues dann zu schaffen, war sein Plan.
Auf die armen Menschenkinder nahmEr keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht,Ein anderes neues dann zu schaffen, war sein Plan.
Auf die armen Menschenkinder nahm
Er keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht,
Ein anderes neues dann zu schaffen, war sein Plan.
Prometheus, der dies von Zeus sagt, rettet die Menschen. Das steht nicht fern von der Art wie Ellil bei den Babyloniern verfährt, daß Ea wenigstens für wenige Retter sein muß. Namentlich erregt Glück den Neid der Götter. Und wer etwa sich darin überhebt, muß es schwer büßen. Niobes Tragödie spricht noch jetzt zu uns aus den herrlichen und rührenden Darstellungen, die wir bewundern. Selbst die Bibel hat Anklänge, daß Gott dem Menschen nicht alles gewähren will, wie in der Paradiessage und in der Sage vom Turmbau zu Babel. Doch tragen solche Erzählungen auch den Stempel der Erklärung für Erscheinungen im Leben der Menschheit. Warum der Mensch mühselig sein Leben verbringt, warum er stirbt, warum er so zerstreut und vielsprachig auf Erden weilt. Andere Völker haben aus gleichem Grunde andere Sagen erfunden.
So ist die Freiheit des Menschen doch keine unbedingte und die Fürsorge der Gottheit keine vollkommene. Darum ist es dem Menschen auch ein vertrauter Gedanke, daß er über sich überhaupt nicht zu bestimmen habe, daß, wie seine Geburt, so auch sein ganzes Leben durch die Gottheit vorausbestimmt ist und sein Tod. Was ihm Gutes zukommt, was ihn Böses berührt, hat die Gottheit schon vorgewirkt. Diesesentweder absolut oder relativ (vom SchicksalS. 136ff.). Wie weit die absolute Vorausbestimmung geht, sehen wir in dem grämlichen „Prediger“: „Denn auch daß ein Mensch esse und trinke und Gutes genieße für alle seine Mühe, ist eine Gabe Gottes. Ich weiß, daß alles was Gott tut, das wird ewig sein, hinzuzufügen ist nichts und davon zu nehmen ist nichts, und Gott tat es, daß sie sich fürchten vor ihm.“ „(Ich weiß) daß, was den Menschensöhnen begegnet und was dem Vieh begegnet einerlei Begegnis für beide sei; wie der Tod dieses, so der Tod jener, und einerlei Geist in allem, so daß der Vorzug des Menschen vor dem Viehe nichts sei, denn alles ist eitel.“ Daraus folgt dann das berühmte: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist nichtig.“ So scharf wie im „Prediger“ findet sich der Pessimismus freilich selten ausgesprochen, außer etwa bei Philosophen. Aber über Gebundenheit und Machtlosigkeit klagt der Mensch überall.
Die Verzweiflung führt dann zunächst zu derLebensweisheit der Unbekümmertheit und des Genießens. Im „Prediger“ wird sie fortwährend empfohlen: „Siehe, was ich gesehen habe, das ist gut, daß es schön ist, zu essen und zu trinken und Gutes zu sehen für alle seine Mühe, die er sich müht unter der Sonne die Zahl seiner Lebenstage, die Gott ihm gegeben, denn das ist sein Teil.“ „Am Tage des Glückes fühle dich glücklich, und am Tage des Unglückes sieh’s an.“ „So preise ich die Freude, daß nichts gut ist für den Menschen unter der Sonne als zu essen und zu trinken und sich zu freun.“ „Denn so viele Jahre der Mensch lebt, ihrer aller freue er sich und gedenke der Tage der Dunkelheit, daß ihrer viele sein werden; alles was kommt ist nichtig.“ Gemildert werden diese Lehren durch die ethische Auffassung, daß die Freude ein Entgelt für die Mühsal ist, die der Mensch tragen muß, und daß bei allem der Mensch doch nichts Böses tun darf, sondern Gutes wirken muß. Eine Tradition schrieb den „Prediger“, selbstverständlich mit Unrecht, König Salomo zu. Die Azteken hatten im König Netzahualcoyotl (1470) einen ähnlichen Salomo: „Allen irdischen Dingen ist ihr Ende bereitet. Inmitten der fröhlichen Laufbahn ihres Glanzes undihrer Eitelkeit geht ihnen die Kraft aus und sie werden zu Staube. Das ganze Erdenrund ist nichts als ein Grab, und alles, was darauf lebt, wird einst darunter begraben werden. Die Dinge von gestern sind heute nicht mehr und die Dinge von heute werden vielleicht schon morgen nicht mehr sein. Die einst auf Thronen gesessen, Versammlungen gelenkt, Heere befehligt, Länder erobert, göttliche Verehrung gefordert, der Macht der Herrschaft, dem Ruhm nachgejagt haben, wo sind sie jetzt? Verschwunden mit all ihrer Herrlichkeit, gleich dem Rauche, der aus dem Krater des Popokatepetl aufsteigt und spurlos verschwindet.“ So lautet die triste Weisheit des aztekischen Königs nach Ixtlilxochitl, als wenn er das entsetzliche Schicksal seines Volkes und seiner Nachkommen geahnt hätte. Und daran schließt er, wie der „Prediger“, die Mahnung: „Aber du, mein Freund, so freue dich der Anmut dieser Blumen, freue dich mit mir. Wirf nun Furcht und Sorge von dir, die uns den Genuß verderben bis ans Ende des Lebens. Sammle ja alle zusammen, welche Liebe dir verbindet, welche teuer dir in Freundschaft. Denn auf Erden ist nichts sicher als des Todes herbe Schneide. Auch im Wechsel ist die Zukunft.“ Phantasiebegabte Ethnologen haben bereits behauptet, die Azteken und Mayas wären die verlorenen zehn Stämme Israel. Also Tradition! Gleiche Anschauungen sollen sich im alten peruanischen Drama „Ollanta“ finden. Sicher haben die Literaturen der meisten Völker solche und ähnliche Ausbrüche von Menschenverzweiflung über das Leben. Wie die Indier darüber dachten, haben wir an anderer Stelle zu erörtern. Von den griechischen und römischen Lehren genügt es, zwei Äußerungen hervorzuheben. Herakles sagt in der Alkestis zu dem um seine Herrin trauernden Diener:
Den Menschen allen ist verhängt des Todes LosUnd ihrer keinem noch wurde geoffenbart,Ob nur der Tage nächster sie am Leben trifft.Denn dunkel ist, wohin des Schicksals Wege gehn,Und nicht erlernbar, und die Kunst enthüllt es nicht ...Erheitre dich und trinke, rechne diesen TagFür dein, das andre für des Schicksals Eigentum.
Den Menschen allen ist verhängt des Todes LosUnd ihrer keinem noch wurde geoffenbart,Ob nur der Tage nächster sie am Leben trifft.Denn dunkel ist, wohin des Schicksals Wege gehn,Und nicht erlernbar, und die Kunst enthüllt es nicht ...Erheitre dich und trinke, rechne diesen TagFür dein, das andre für des Schicksals Eigentum.
Den Menschen allen ist verhängt des Todes LosUnd ihrer keinem noch wurde geoffenbart,Ob nur der Tage nächster sie am Leben trifft.Denn dunkel ist, wohin des Schicksals Wege gehn,Und nicht erlernbar, und die Kunst enthüllt es nicht ...Erheitre dich und trinke, rechne diesen TagFür dein, das andre für des Schicksals Eigentum.
Den Menschen allen ist verhängt des Todes Los
Und ihrer keinem noch wurde geoffenbart,
Ob nur der Tage nächster sie am Leben trifft.
Denn dunkel ist, wohin des Schicksals Wege gehn,
Und nicht erlernbar, und die Kunst enthüllt es nicht ...
Erheitre dich und trinke, rechne diesen Tag
Für dein, das andre für des Schicksals Eigentum.
Und als Hauptspruch den schon benutzten (ähnlich auch von Epicharmos):
Sterblichen geziemt es, sterblich auch gesinnt zu sein.
Sterblichen geziemt es, sterblich auch gesinnt zu sein.
Sterblichen geziemt es, sterblich auch gesinnt zu sein.
Sterblichen geziemt es, sterblich auch gesinnt zu sein.
Und sicher fällt meinem Leser noch Horatius’ Ermahnung ein: „Quid sit futurum cras fuge quaerere, quam fors dierum cunque dabit, lucro appone.“ In einer Rezension des Gilgames-Epos der Babylonier (vielleicht aus mehr als 2000 v. Chr.) sagt Sabitu (eine Göttin, die am Rande der Welt wohnt) zum Helden:
Als die Götter die Menschen schufen,Setzten sie den Tod für die Menschen ein,Das Leben aber nahmen sie in ihre Hand.Du, Gilgames, dein Leib sei gefüllt,Tag und Nacht vergnüge dich!Täglich mache ein Freudenfest!Tag und Nacht tanz und juble usf.
Als die Götter die Menschen schufen,Setzten sie den Tod für die Menschen ein,Das Leben aber nahmen sie in ihre Hand.Du, Gilgames, dein Leib sei gefüllt,Tag und Nacht vergnüge dich!Täglich mache ein Freudenfest!Tag und Nacht tanz und juble usf.
Als die Götter die Menschen schufen,Setzten sie den Tod für die Menschen ein,Das Leben aber nahmen sie in ihre Hand.Du, Gilgames, dein Leib sei gefüllt,Tag und Nacht vergnüge dich!Täglich mache ein Freudenfest!Tag und Nacht tanz und juble usf.
Als die Götter die Menschen schufen,
Setzten sie den Tod für die Menschen ein,
Das Leben aber nahmen sie in ihre Hand.
Du, Gilgames, dein Leib sei gefüllt,
Tag und Nacht vergnüge dich!
Täglich mache ein Freudenfest!
Tag und Nacht tanz und juble usf.
Ähnliche Lehren finden wir in dem ägyptischen sogenannten Harfnerliede, dessen Inhalt aus etwa 1700 v. Chr. stammt. Es wird geschildert wie Menschen, Städte und Länder vergehen, und dann rät der Dichter:
Folge deinem Herzen, solange du lebst,Leg Myrrhen auf dein Haupt und kleide dich in feines Linnen,Gesalbt mit den ächten Wundern der Gottesdinge.Sei noch fröhlicher, laß dein Herz nicht ermatten,Folge deinem Herzen und deinem Vergnügen,Verrichte deine Sachen auf Erden und quäle dein Herz nicht,Bis jener Tag des Wehgeschrei’s zu dir kommt kommt —Denn Osiris hört ihr Schreien nicht —Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.
Folge deinem Herzen, solange du lebst,Leg Myrrhen auf dein Haupt und kleide dich in feines Linnen,Gesalbt mit den ächten Wundern der Gottesdinge.Sei noch fröhlicher, laß dein Herz nicht ermatten,Folge deinem Herzen und deinem Vergnügen,Verrichte deine Sachen auf Erden und quäle dein Herz nicht,Bis jener Tag des Wehgeschrei’s zu dir kommt kommt —Denn Osiris hört ihr Schreien nicht —Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.
Folge deinem Herzen, solange du lebst,Leg Myrrhen auf dein Haupt und kleide dich in feines Linnen,Gesalbt mit den ächten Wundern der Gottesdinge.Sei noch fröhlicher, laß dein Herz nicht ermatten,Folge deinem Herzen und deinem Vergnügen,Verrichte deine Sachen auf Erden und quäle dein Herz nicht,Bis jener Tag des Wehgeschrei’s zu dir kommt kommt —Denn Osiris hört ihr Schreien nicht —Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.
Folge deinem Herzen, solange du lebst,
Leg Myrrhen auf dein Haupt und kleide dich in feines Linnen,
Gesalbt mit den ächten Wundern der Gottesdinge.
Sei noch fröhlicher, laß dein Herz nicht ermatten,
Folge deinem Herzen und deinem Vergnügen,
Verrichte deine Sachen auf Erden und quäle dein Herz nicht,
Bis jener Tag des Wehgeschrei’s zu dir kommt kommt —
Denn Osiris hört ihr Schreien nicht —
Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.
Alles dieses klingt so allgemein menschlich aus urältester Zeit, und klingt noch heute.
Es ist nur ganz natürlich, daß der Mensch gerne sein Schicksal erkennen möchte. Die Chaldäer vornehmlich haben dazu dieAstrologiegeschaffen, die sich aber fast überall auf der Erde vorfindet, sei es daß die Gestirne, als Gottheiten, in ihrer Stellung bei der Geburt und später, ihren Willen kundtun, sei es daß höhere Mächte das Geschick wie Schrift am Himmel ordnen (S. 179). Es wird jedem Stern an sich eine Bedeutung für das menschliche Wesen und für die Welt beigemessen — wer denkt nicht an den Stern bei Christi Geburt!— und auch in Verbindung mit den anderen Sternen. Und es gilt, aus der Kombination der Sterne das Wahre zu erraten, oder am Himmel wie in einem Buche zu lesen. Das verstehen nicht alle, sondern nur gewisse Leute. Sonst hat die Menschheit noch dieOrakelder Gottheiten ausgebildet, wofür die Griechen wohl die merkwürdigsten Beispiele besitzen. OderWahrsagungendurch Geister Verstorbener, oder von weisen Männern und Frauen, — die Beschwörung der Hexe von Endor, zu der der gewaltige und unglückliche Saul wandert, gehört hierher. — Auch Zeichen an Tieren, namentlich bei den in dieser Hinsicht recht törichten Römern, die sich von ihren eigenen Deutern verspotten lassen mußten, oder solche an Gewitter, Wind und allen möglichen Begegnissen spielen eine große Rolle. Von diesem allen zu sprechen ist nicht meine Aufgabe. Die „Geheimlehre“ ist eine sehr ausgebreitete Wissenschaft mit Horoskop, Beschwörung, Hölzchenwerfen, Kartenlegen und allem so sonderbaren Unfug, Zauber und Spuk. Sie hat noch jetzt, wie die vielen Prozesse zeigen, die dabei doch immer nur flagrante Fälle treffen, eine außerordentliche Bedeutung in vielen, nicht selten geistig sehr wenig gebildeten oder von Aberglauben durchsetzten Kreisen. Ich wüßte aus meinen Kreisen die unglaublichsten Dinge zu erzählen, wie ein, an sich ganz verständliches Drängen des Menschen, seine Zukunft und die Folgen seines Tuns und Lassens zu erkennen, zu größten Albernheiten ausartet. Wieviel Unheil die griechischen Orakel angerichtet haben, meist durch Zweideutigkeit, oft auch durch Dienstfertigkeit gegen eine Person oder einen Stamm, wie des delphischen Orakels gegen die Spartaner, ist bekannt. Aber die erleuchtetsten Geister der Griechen haben doch an sie geglaubt. Da ist es nicht zu verwundern, wenn Ägypter, Chinesen, Amerikaner, Indier usf. gleichfalls an solche Dinge glaubten, und daß Weissagungen zu Staatseinrichtungen wurden. Der delphische Gott hat fast die ganze alte Kulturwelt, bis tief nach Asien hinein und bis zu den Säulen des Herakles durch seine Aussprüche beherrscht. Wir kennen deren eine große Zahl. Und wie gerne denkt man an die Prophezeiungen der gewaltigen Prophetenmit ihrer so immensen ethischen und religiösen Bedeutung! Und, in weitem Abstande freilich, doch zum Teil von poetischem Geist getragen, stehen die sibyllinischen Weissagungen, aus so viel späterer Zeit. Auch in den babylonischen, ägyptischen und anderen Texten haben wir Prophezeiungen, namentlich aber viele Beschwörungen von Göttern und Dämonen. So sehr bildeten diese einen Bestandteil des Lebens, daß sie sich zu Formeln verdichteten, in die, ähnlich wie bei den Bittliedern (S. 184), nur der jedesmalige Name des Gottes oder Dämons desBeschwörenden, oder desjenigen für den etwas beschwört werden sollte, und die Bitte (z. B. um Heilung von der und der Krankheit) einzutragen war. So beginnt ein babylonischer Text:
Ich rufe euch an, ihr großen Götter,... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung,Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist,Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.
Ich rufe euch an, ihr großen Götter,... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung,Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist,Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.
Ich rufe euch an, ihr großen Götter,... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung,Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist,Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.
Ich rufe euch an, ihr großen Götter,
... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung,
Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist,
Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.
Und bei solcher Beschwörung wurden, harmlos genug, Blüten, Früchte, Wolle usf. verbrannt. Eine der großen babylonischen Beschwörungen unter dem Namen Ea und Atrahasis (S. 161), betrifft Unheil und Sünde, die das ganze Land ergriffen haben, und Plagen, die Ellil gesandt hat, richtet sich aber wesentlich auf Hilfe für schwangere Frauen. Ea und Atrahasis scheinen die Helfenden zu sein. Selbst die Gottheiten benutzen bei ihrem Tun Beschwörungsformeln; in demselben Text bilden (symbolisch?) Ea und die Göttermutter Mami oder Aruru Wesen aus Lehm, dabei spricht Mami eine Beschwörung und speit auf den Lehm. Bei dieser Beschwörung spielen sieben „Mütter“ (man denkt unwillkürlich an die Mütter im „Faust“) eine Rolle. Selbst Ormuzd bedient sich einer Beschwörungsformel, des Honover, gegen Ahriman und stürzt ihn dadurch zu Grunde. Die ungeheure Bedeutung des Spruches bei den Indiern habe ich mehrmals hervorgehoben. Und der Römer konnte ohneAbwehrformelnüberhaupt nicht leben; wie auch gegenwärtig der Bauer, und nicht bloß dieser, gegen Beschreien, bösen Blick, Katzen, die ihm über den Weg laufen u. a. Abwehrformeln murmelt oder sich bekreuzigt.
Mit derartigen Anschauungen hängen dann die derDies nefastizusammen, der Tage, die an sich voll Unheil sind, und an denen nichts unternommen werden darf, sowie ihrer Gegensätze, derDies fasti, der guten Tage. Die Kalender in allen Teilen der Erde hatten die Aufgabe, diese Tage anzumerken. Und Priester und Wahrsager wurden bei großen und kleinen Unternehmungen benutzt, durch Vogelschau, Opfer und sonstige Anzeichen festzustellen, ob der betreffende Tag dazu auch geeignet sei. Die Geschichte der Völker ist voll von Beispielen dafür. Auch die Sabbatvorschriften, für die die Bibel einen so menschenfreundlichen und edlen Zweck angibt, die Ruhe von Mühe und Arbeit für sich und alle anderen, selbst für das arbeitende Vieh, beziehen sich anderweitig vielfach auf schlimme Tage. Ein babylonischer Text, den man als Sabbatvorschrift bezeichnet und der in der Tat für den 7., 14., 19., 21. und 28. des Schalt-Ellul das Kochen von Fleisch, das Anziehen eines Hemdes, das Opfern, das Fahren, das Wahrsagen, das Behandeln von Kranken, jede Unternehmung verbietet, wie etwa am Sabbat der Hebräer, beginnt aber mit der Überschrift: „Ein böser Tag“. Es ist also kein Sabbat, kein Sonntag, der ja ein feierlicher und glücklicher Tag sein sollte und war und ist. Auch die Folge im Monat zeigt dieses; zwischen dem 14. und 19. sind nur fünf, zwischen dem 19. und 21. gar nur zwei Tage. Und unsere „Freitage“ und „Dreizehnten“! Selbst die gleichfalls auf der ganzen Erde verbreitetenSpeiseverbotegehören bis zu einem gewissen Grade hierher, soweit sie nicht einheimischen Anschauungen ihre Entstehung verdanken. Doch kann ich darauf nicht eingehen.
Im ganzen nimmt die Freiheit des Menschen zu, wie die Zahl der Gottheiten abnimmt und der monotheistische „Knecht Gottes“ ist sicher freier als der polytheistische „Bildner“ seiner Gottheiten. Das liegt auch daran, daß nicht, wie unter Menschen, mit der Macht des Einzelnen die Unterdrückung und so oft auch die Ausnutzung wächst, sondern daß der Glaube an die Fürsorge aus dem donnernden und gefürchteten Gott einen, wenn auch strafenden, doch gütigen Vater imHimmel macht, trotz der vielen Erfahrungen, die hier so bewegend widersprechen.