Chapter 29

24.Seele und Unsterblichkeit, Leben-Reihe.

Leicht erkennt der Mensch, daß das Leben nach zwei Richtungen sich abspielt, nach der animalen und nach der geistigen. Früh ist deshalb schon zwischen eineranimalenSeele und einergeistigenunterschieden worden. Derersteren Seele Tätigkeit geht auf Entwicklung des körperlichen Lebens, Erhaltung dieses Lebens, Befriedigung der sinnlichen Begierden und Lüste und auf Zusammenleben mit der äußeren Welt. Die zweite Seele hat es mehr mit dem Absehen von dem körperlichen und äußeren Leben zu tun, und mit Denken, Schließen und Erkennen. Platon hat von dieser zweiten Seele einen Teil abgetrennt, den er θυμός (Mut) nennt. Wir wollen ihn mit „Verstand“ bezeichnen. Er wirkt gegen die bösen und schlechten Triebe der ersten Seele und leitet, im Gegensatz, die Wünsche und die Handlungen zum Guten. Alsdann bleibt von der zweiten Seele das rein Geistige übrig, der νοῦς, Nus, die „Vernunft“. Diese Dreiteilung nach Platon (ἐπιθυμητικός, θυμός, νοῦς) erschöpft die Seelentätigkeiten zweifellos nicht. Wenn aber die Stoiker eine Siebenteilung der Seele vornahmen und davon fünf Teile an die Sinnentätigkeit vergaben (nach den fünf Sinnesorganen), einen Teil auf die Fortpflanzung rechneten (wie die Pythagoräer) und den letzten auf die Sprache, d. h. das Denken, so kann dieses noch weniger befriedigen. Der Leser weiß, daß die Psychologie meist eine Dreiteilung vornimmt: in Denken, Fühlen, Begehren, die kaum für die Zwecke des reinen rationalen Teiles dieser Wissenschaft ausreicht, und auf die übrigens auch nicht viel Wert gelegt wird. In der Tat haben wir es hier mit Teilungen der Seele nur mit Rücksicht auf die voraufgehenden Unsterblichkeitslehren zu tun. Denn naturgemäß entsteht die Frage, was denn von der Seele unsterblich sein soll. Wir wollen darum die Tätigkeit der Seele sorgfältiger unterteilen. Eine eingehendere Untersuchung aller Seelentätigkeiten zeigt, daß man die Seele für unseren Zweck, und wohl auch allgemeiner, in folgende Klassen zerlegen kann.

Animale Seele, zur Entwicklung, Erhaltung und Bewegung des Körpers.

Trieb-Seele, zur Befriedigung von sinnlicher Lust und von Trieben.

Sinnen-Seele, zum Wahrnehmen der Außenwelt und aller Reize an und in unserem Körper.

Gefühls-Seele, zum Empfinden der Affekte, wie Liebe, Haß, Zorn, Mitleid usf.

Regulierendeoderkategorische Seele(Bewußtsein, Kategorien, Freiheit, Wille; Anschauungsformen).

Verstandes-Seele(Erkennen, Behalten, Erinnern, Wissen, Vorstellen u. a.).

Vernunft-Seele(Sinnen, Denken, Schließen usf.).

Göttliche Seele,Geist,Glaube,Intuition.

Über die vier erstgenannten Klassen ist nichts zu bemerken. Die fünfte Klasse, deren Tätigkeiten wir auch insgesamt als Kategorien, Stammtätigkeiten, bezeichnen können, gibt die Normen für alle Seelentätigkeit überhaupt und zwar zwangmäßig. Unter dem Gesichtspunkt des Bewußtseins kennen wir überhaupt nur die Tätigkeiten der Seele. Nur das animale Leben bietet manche und sehr wichtige Tätigkeiten, die unserem Bewußtsein sich entziehen. Die eigentlichen Kategorien, wie Quantität, Qualität, Ursächlichkeit usf. regeln alle und jede Wahrnehmung und Erfahrung und sind selbst für das animale Leben unausweichlich. Freiheit wird allerdings als Kategorie von vielen geleugnet. Eine Erörterung hierüber ist noch nicht am Platze. Hier genügt es, daß alle unsere seelischen Tätigkeiten uns freierscheinen, selbst wo wir gezwungen werden. Wille endlich ist die Einleitung mindestens zu allen bewußten Tätigkeiten. Welche kategorische Bedeutung dem Willen zugeschrieben wird, weiß der Leser aus Schopenhauers Philosophie. Endlich die Anschauungsformen, unter denen wir und die Welt uns erscheinen, sind Raum und Zeit. Die Wirkung der regulierenden Seele erstreckt sich also über alle Tätigkeiten der übrigen Seelen. Über die sechste und siebente Klasse ist wiederum nichts zu bemerken. Die achte Klasse hat im Sinne namentlich der indischen, und überhaupt der theosophischen, Lehren hinzugefügt werden müssen; ihre Bedeutung wird durch die Darlegungen im folgenden Buch noch klarer als durch die Bezeichnung werden. Und nach den wichtigsten Ansichten ist diese Klasse als Intuitionen enthaltend auch von der Macht der regulierenden Seele auszunehmen. Die modernenTheosophenscheinen diese Seele in drei Seelen abzustufen: Buddhi-Manas, der Mensch als höchstes Prinzip; Buddhi, die Welt als höchstes Prinzip; Atma, das höchste Prinzip überhaupt. Unsere sieben anderen Klassen sind dann in vier untergebracht: Kama-Manas, die intellektuelle Seele, Vernunft-, Verstandes- und regulierende Seele einbegreifend; Kama, die Triebseele; Prana, die animale Seele; Linga-Scharira (der Ätherleib), wohl die Sinnenseele. Die Namen sind indisch wie die Ideen. Der Zerlegung der höchsten Seele in die drei Seelen kann man zustimmen. Die Zusammenfassung der Vernunft-, Verstandes- und regulierenden Seele scheint mir aber unzweckmäßig und lediglich der heiligen Siebenzahl wegen erfolgt zu sein. Ich habe übrigens in meinem Werke „Philosophische Grundlagen der Wissenschaft“ die Seelentätigkeiten einzeln untersucht und sie in eine kanonische Tafel gebracht, soweit sie für den dort entscheidenden Zweck nötig war. Die obige Klasseneinteilung ist für das Allgemeine spezifizierter.

Worauf bezieht sich nun die Unsterblichkeit? Auf die achte Seele unter allen Umständen, und für diese ist die Unsterblichkeit eine absolute. Das ist die Auffassung aller bisher behandelten Anschauungen. Der Buddhismus scheint die absolute Unsterblichkeit auf diese Seele zu beschränken, vermutlich auch der Wischnuismus, soweit er Pandeismus ist (S. 229f.). In diesen beiden Anschauungen würde es sich hiernach für die übrigen Seelen nur noch um relative Unsterblichkeit und Fortleben nach dem Tode handeln, bis sie nach der abgelaufenen Zahl von Inkarnationen, Bekörperungen, annihiliert werden, oder, wohl besser, sich selbst annihilieren, in der Weise, daß sie entweder in Tat verschwinden oder in ein Anderes übergehen, das nicht mehr mit Leben und Individualität in Verbindung steht. Schreiben wir den Tieren und Pflanzen keine achte Seele zu, so wären diese von der absoluten Unsterblichkeit ausgeschlossen. Das ist, glaube ich, auch der Standpunkt unserer modernen Theosophen. Nach Platon bezöge sich die absolute Unsterblichkeit auch auf die siebente Seele, da er sie mit der achten zu der Vernunft-Seele zusammenfaßt. Jedoch diese und die anderen Anschauungen können wohl eine absolute oder relative Unsterblichkeit ohne die fünfte Seele nicht behaupten, diese müßte immer mit einbegriffen sein. Die, nach Platon, am wenigsten konzedierende Ansicht schreibt hiernach auch dieser fünften und dazu der sechsten Seele absolute Unsterblichkeit zu, den vier anderen Seelen nur relative. Aber Anschauungen wie z. B. die des Mohammedanismus und Christentums, soweit sie ewige körperliche Strafen und ewige körperliche Freuden als Belohnungen im Jenseits annehmen, müssen auch für diese vier Seelen absolute Unsterblichkeit behaupten, also für die Seele als Ganzes. Glauben sie, daß eine Seele schon für sich Pein und Lust empfinden kann, so mag die erste Seele mit dem Tode schwinden oder, bei Behauptung einer Wiederbekörperung, beschränkt fortbestehen. Zugleich wird angenommen, daß, was absolut oder beschränkt fortbesteht, immer beisammen bleibt, sonst würde ja die Individualität verloren gehen. Bei einer Wiederbekörperung ändert sich dann nur die Person. Aber die Individualität muß immer freier werden von den Schlacken des materiellen, persönlichen Lebens, je mehr von dem nur beschränkt Fortbestehenden sich annihiliert oder annihiliert wird, bis absolute Freiheit davon eintritt, die Person für immer schwindet und die absolute Unsterblichkeit nur noch das höchste Sein bedeutet.

Fassen wir nun in der allgemeinsten Darstellung der oben behandelten Anschauungen alle Vor-Leben, Leben, Nach-Leben zu einerLeben-Reihezusammen, mit verschiedenen Einzel-Leben, so träten also die acht Seelen in den verschiedenen Leben in verschiedener Weise, Intensität, in Tätigkeit. Jede von ihnen kann in einem Leben aufs äußerste wirken, und in einem anderen Leben ganz zurückgedrängt sein, daß sie wie nicht vorhanden erscheint. Und dieses kann auch im Einzel-Leben der Fall sein; wir wissen ja, daß in unserem Körper-Leben in der Tat die Seelentätigkeiten fortdauernd wechseln. Daher kann auch der Unterschied zwischen Mensch und Tier und Pflanze, überhauptzwischen Mensch und jedem anderen Ding, aufgehoben werden, wie im Menschen die verschiedenen Zustände schwinden. Und es ist kein Widerspruch, wenn eine Lehre, wie die der Indier von der Metempsychose, die Menschenseele auch in Tiere, Pflanzen und andere Dinge wandern und ein neues Körper-Leben beginnen läßt. Die Gesamtheit der Seelen bleibt, aber sie treten in der Tätigkeit teilweise oder ganz zurück, so daß auch eine von ihnen oder zwei von ihnen, wie im Tiere die beiden animalischen Seelen, ausschließlich wirken. Die ganze Reihe soll aber, wenn sie auch Rückschritte aufweist, im wesentlichen in der angegebenen Weise doch nach aufwärts führen, bis zuletzt die animalischen Seelen ganz geschwunden sind, wenn auch das Gesamtseelenindividuum sich noch bekörpert zeigt. In Buddhas Lehre heißt das, bis der Wille zum (Körper-) Leben völlig erloschen ist. Alsdann enthält die Leben-Reihe keine Körper-Leben weiter und das Nach-Leben ist ein einziges, körperfreies. Diese nähere Ausführung unter Spezialisierung der Einzelseelen habe ich zum zusammenfassenden Verständnis der voraufgehenden nicht leicht zu durchdringenden Anschauungslehren von Welt und Leben unternommen. Will der Leser von Einzelseelen nichts wissen, so mag er darunter Tätigkeitsklassen der Seele überhaupt verstehen. Das ändert an den Ausführungen nichts. Er beachte aber immerhin, wie doch die fünfte Tätigkeitsklasse als regulierend und kategorisch so ganz verschieden ist von allen anderen Tätigkeitsklassen. Davon werde ich bei Betrachtung der sogenannten materialistischen Anschauungen von Welt und Leben eingehend zu sprechen haben.

Von je ist danach gefragt worden, warum, wenn das Leben auch Vor-Leben hat, wir von diesen nichts wissen, wenigstens nicht Alle etwas davon wissen, wenn auch Einzelne, wie Pythagoras und Buddha, volle Kenntnis davon gehabt haben wollen. Die schon erwähnte (S. 217) Tatsache, daß wir beim Kennenlernen neuer Dinge wohlglauben, sie schon zu kennen, reicht, wie jeder sieht, durchaus nicht zum Nachweis hin, daß wir etwas von unserem Vor-Leben wissen, ganz abgesehen davon, daß ja die Vor-Leben überhaupt voneinander verschieden sein können und auch sein sollen. Die einzige einigermaßen befriedigende Antwort haben wiederum indische Weise gegeben, die ja, als die energischesten Verfechter der Leben-Reihe, die Frage am meisten angeht, und an sie sich anschließend unsere Theosophen. Wir können aber Frage und Antwort erst in einem späteren Abschnitt behandeln.

Den Eindruck wird aber, glaube ich, der Leser gewonnen haben, daß es sich hier, wenn auch um zweifelvolle und vielleicht unrichtige, doch um sehr großartige Anschauungen handelt, namentlich bei den in Indien erblühten und später nach dem Westen verbreiteten von der Leben-Reihe und ihrer Gipfelung im reinen absoluten Geistes- oder Gottes-Leben. Wir lernen im nächsten Buch ihre mehr phantastische und im letzten Buch ihre metaphysische Ausbildung kennen. Neben solchen Anschauungen nimmt sich die von Paradies und Hölle philosophisch freilich recht dürftig und derb naturmenschlich aus. Ob auch ethisch und erzieherisch, ist allerdings eine andere Frage, denn die Leben-Reihe (Sansarabei den Indiern) ist gegen die Ruhe-Ewigkeit (Nirvana) aufs äußerste herabgesetzt.


Back to IndexNext