Leonie, Sie haben mich einst liebgehabt – ist nicht ein kleines Restchen von der alten Liebe übriggeblieben?«
Sie schüttelte den Kopf, wollte widersprechen und – brach in Tränen aus.
Da legte er den Arm um sie und zog sie näher zu sich heran und nahm ihr sanft die Hände vom Gesicht.
»Jetzt nicht aus Landsmannschaft – freiwillig und von Herzen bitte ich um einen Kuß, Leonie –!«
Sie drängte ihn zurück.
»Nicht so, Doktor Erdmann – ach Gott, wir sind ja inzwischen viel zu alt und vernünftig geworden!– – So schnell kann ich's nicht überwinden,« sagte sie traurig.
Er ließ nicht nach, hielt ihre Hand fest trotz des Sträubens – Lieselott hatte so oft gesagt: Bitten und betteln kannst du wie kein anderer – die Frau wollt' ich sehn, diedirwas abschlägt. Nun sollte sich's zeigen. Ein alter Autler verzagt nicht gleich bei der ersten Panne.
»So werde ich warten. Vielleicht kommt noch einmal die Stunde, wo wir uns wieder jung fühlen. Sie dreizehn und ich zweiundzwanzigjährig. Ist's nicht in der Romantik der Postkutsche, so vielleicht in der Prosa des Doktorzimmers – ich habe Geduld.« Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Und sah sie an – und allmählich ging in dem ernsten treuherzigen Blick seiner Augen das innere Leuchten auf, das einst ihr Kinderherz gefangengenommen. Sie wollte es nicht sehn – unruhig rückte sie in ihrem breiten Sessel hin und her.
»Aber Sie haben ja Gäste, Doktor!«
»Macht nichts – die haben erst recht Zeit zum warten.« Er zog seine Uhr. »Also in fünf Minuten, so lange gebe ich Ihnen Zeit. Dann werden Sie mir verziehen haben.«
Da mußte sie wider Willen lächeln – die Panne war überwunden, das Fahrzeug wurde wieder flott. Er rückte seinen Stuhl näher.
»Bitte, sagen Sie mir's!«
»Ich glaube beinah', man kann Ihnen wirklich nicht lange böse sein, Doktor Erdmann.«
»Das ist noch längst nicht genug! Hab' ich nicht auch Zinsen zu fordern nach so vielen Jahren?«
Sie errötete und strich hastig mit der Hand über Stirn und Scheitel.
»Und ich glaube auch, daß Sie ein guter Arzt sind – mein Kopf ist jetzt wieder ganz frei.«
»Und Ihr Herz, Leonie?«
»Das ist – nicht mehr frei.«
»Sondern –?«
»Es gehört einem – Landsmann, Doktor – und Sie sind ja ein Oldenburger,« sie lächelte schalkhaft.
»Vier Minuten fünfzig Sekunden!« sagte er zufrieden und steckte seine Uhr ein. »Bekomme ich jetzt meinen Kuß?«
Da widersprach sie nicht mehr, als er den Arm um sie legte –