Heim!
Ruth Hardenberg war auf dem Wege zu ihrer Mutter.
Was das für sie bedeutete, hätte niemand von allen, die sie kannten und liebhatten, selbst ihr eigener Vater nicht begriffen.
Als kleines Kind hatte man ihr gesagt, ihre Mutter sei tot. Später zerstörte die unbedachte Äußerung irgendeines Bekannten die mitleidige Lüge und Ruth erfuhr, daß ihre Mutter noch lebe, daß sie gesund und blühend und glücklich sei – als das Weib eines anderen. In einer Sommernacht, als die Rosen dufteten, hatte sie ihre kleine zweijährige Tochter und ihren Gatten verlassen, um einem fremden Manne anzugehören und fortan ihm und ihrer Kunst zu leben.
Tanten und Cousinen hatten, wenn je die Rede darauf kam, nur gehässige Worte für die ehemalige Liane Hardenberg. Die Männer zuckten die Achseln und lächelten nachsichtig und vielsagend.
Ruths Vater sprach nie von der einst heißgeliebten Frau. Nur die alte Kindermuhme, die schon Ruths Mutter auf den Armen getragen, sagte manchmal: »Die arme Mama! Wer weiß, was ›Er‹ ihr allesvorgeredet hat. ›Er‹ hat sie ja rein bezaubert mit seinem wunderschönen Geigenspiel. Und der Papa war dann manchmal so heftig und schalt über das viele Musikmachen.«
Und allmählich – ganz in der Tiefe und Stille ihres sehnsüchtigen Kinderherzens – sprach's ihr die kleine Ruth nach: »Die arme liebe Mama! Wer weiß, weshalb sie es getan hat. Und ob ihr nicht manchmal schrecklich bange nach ihrer kleinen Mausel ist?«
Die Kinderfrau hatte ihr erzählt, daß die gnädige Frau immer »meine süße kleine Mausel« gesagt, und daß sie herzbrechend an dem Kinderbettchen geschluchzt hatte – die letzte Nacht, ehe sie fortging. Und nach ihrer Art beschrieb sie dem andächtig lauschenden Kinde, das kein Bild von seiner Mutter besaß, die unbekannte Mama: »fein und zierlich und flink wie eine Bachstelze; Haare wie Gold und die schönsten blauen Augen; Hände so weich wie ein Maulwurfsfellchen, und eine Stimme so süß und hold, wie die Engel singen, wenn sie nachts auf der großen blauen Himmelswiese spazierengehen und silberne Sternblumen pflücken.«
Seitdem träumte Ruth, die groß und dunkelhaarig war und die eckige Figur und die ernsten grauen Augen ihres Vaters besaß, von dieser zierlichen blonden Mama und hörte nachts im Traum eine zärtliche Stimme: »Meine süße kleine Mausel!« rufen. Und manchmal tat ihr förmlich das Herz weh, so unbeschreiblich sehnte sie sich nach ihrer unbekannten Mutter.
Nicht, als ob Ruths Vater nicht auch gut und liebevoll zu dem Kinde gewesen wäre. Aber er war ein ernster wortkarger Mann, den das Leben hart mitgenommen hatte; der rastlos arbeiten mußte, um alte Schuldenzu tilgen und seinem Kinde einen ehrlichen Namen zu hinterlassen; um seine Existenz, die die unsinnige Verschwendungssucht seiner Frau vernichtet hatte, von neuem aufzubauen. Ehemals hatte ihm eine große Fabrik in Danzig gehört, jetzt war er Geschäftsführer eines Aktienunternehmens in einem kleinen polnischen Grenzstädtchen – seine Tage waren voll Sorge und Arbeit und für das Kind blieb ihm wenig Zeit. Ruth sah ihn eigentlich nur bei den Mahlzeiten, und auch da hatte er meist den Kopf voll von anderen Dingen. Wenn Ruth ihm gesegnete Mahlzeit oder Gutnacht sagte, hielt er wohl ihre kleine Hand fest und küßte sie flüchtig auf die Stirn oder fragte auch einmal: »Willst du etwas, Ruth? Hast du auch alles, was du brauchst?« – aber Ruth mußte dabei immer denken: Eine Mutter ist doch ganz was anderes!
Eine Mutter zu haben, war das Köstlichste, was Ruth sich denken konnte, der größte, sehnsüchtigste, glühendste Wunsch ihres Kinderherzens.
Sie hatte eine kleine Schulfreundin, zu der sie gern ging, weil deren Mutter ihr mitleidig zuweilen eine flüchtige Liebkosung zuteil werden ließ. Wenn die hartgearbeitete Hand der guten kinderreichen vielbeschäftigten Frau über ihr Haar glitt, duckte Ruth sich zusammen wie ein Vögelchen, schloß die Augen und dachte: Wenn das jetzt meine Mama wäre, wie wollt' ich die Hand festhalten und küssen. Ach,einmalnur Mamas Hand fühlen, die so sanft und weich wie ein Maulwurfsfellchen ist! Und Mamas Stimme hören, die so klingt wie Engelsstimmen auf der Himmelswiese.
Und als die kleine Freundin einmal das Fieber hatte und ihre Mutter auf dem Bettrande saß und kalteUmschläge auf das heiße Köpfchen legte, das sich ungeduldig hin und her warf, stand Ruth nachdenklich daneben und dachte, sie würde gern Fieber und Schmerzen ertragen, wenn ihre Mama nur ein allereinziges Mal so an ihrem Bett säße.
Nächtelang kam ihr das Bild der kleinen Kranken und der zärtlich pflegenden Mutterhände nicht aus dem Sinn.
Später, als Ruth heranwuchs, zeigte es sich, daß sie das musikalische Talent ihrer Mutter geerbt hatte.
Der Vater wollte anfangs nichts davon wissen. Er haßte die Musik, die Kupplerin, die ihm sein Weib gestohlen und jenem fremden Geiger in die Arme getrieben hatte. Aber Ruth ließ nicht nach mit Bitten und Betteln, und ihre Begabung war so unleugbar, drängte so ungestüm nach freier Entfaltung und künstlerischer Ausbildung, daß selbst fremde Leute Herrn Hardenberg zuredeten, das Kind auf ein Konservatorium zu geben.
Schweren Herzens entschloß er sich zu diesem Schritt, der ihn auch pekuniäre Opfer kostete. In zäher Rechtschaffenheit trug er noch Jahr um Jahr die alten Verpflichtungen ab – wie sollte er da die teure Pension und all die ungezählten Nebenspesen aufbringen? Aber für das Glück seines Kindes schien ihm kein Opfer zu groß, er rechnete und sparte, versagte sich seine kleinen Liebhabereien und schränkte den Haushalt aufs äußerste ein.
Und nun war es so weit. Seit einem Jahre war Ruth in der teuren Dresdener Pension, durfte üben und spielen und studieren und Konzerte hören, soviel sie nur wollte. Sie war froh und glücklich. Ihr einziger Kummer war, daß sie keine Stimme besaß –ihr schwaches Stimmlein konnte man unmöglich mit dem Gesang »der Engel auf der Himmelswiese« vergleichen.
Daheim der Vater arbeitete für sein Kind und sehnte sich nach seinem Kinde. Es war ihm nicht gegeben, viel Zärtlichkeit nach außen zu zeigen, so ahnte niemand, Ruth wohl am wenigsten, wie unaussprechlich teuer sie seinem Herzen war.
Nicht einmal in den großen Ferien hatte er sie bei sich gehabt. Ruth war überangestrengt und bleichsüchtig und eine der Tanten lud sie zu sich auf ihr Gut.
Und da war das Wunderbare geschehen, was in Ruths Herzen die alte Kindersehnsucht weckte und eine Welt von neuen heimlichen Wünschen und süßen Träumen auslöste.
In Ruths Gedanken, die sich bewußt und unbewußt in Musik umsetzten, ward dies große Ereignis ihres Lebens mit der etwas abgeleierten Liedstrophe eingeleitet:
»Es war ein Sonntag hell und klar,Ein selten schöner Tag im Jahr …«
»Es war ein Sonntag hell und klar,Ein selten schöner Tag im Jahr …«
Immerfort summte ihr die Melodie im Ohr – und dabei sah sie das Bild zum Malen deutlich vor sich: Früh am Sonntagmorgen in der Kirche. Sie selbst neben Onkel und Tante Hardenberg und den Cousinen in der rotausgeschlagenen Gutsbank links vom Altar. Die Messe hat eben begonnen. Die alte Orgel versagt manchmal und der Sopran der Dorfmädel setzt beim zweiten Kyrie einen Viertelton zu hoch ein. Die Sonnenstrahlen bauen eine schräge flimmernde Brücke zu den Kirchenfenstern, auf der die Weihrauchwolken emporzuklettern scheinen. Da geht die Sakristeitür und herein tritt eine wunderschöne Frau, groß, schlank, elegant, mit prachtvollem, blondem Haar, das sich in losen Wellenum ihren Kopf bauscht, steht einen Augenblick still im Sonnenschein, während die flimmernde Lichtbrücke zerreißt und sich über ihrem Haupt von neuem aufbaut und geht in das Herrschaftsgestühl gerade gegenüber.
Durch Ruths Herz geht ein wunderlich schreckhaftes Entzücken. Sie kann nicht mehr beten, muß fort und fort die schöne fremde Frau betrachten. So – genau so hat sie sich im Traum ihre Mutter vorgestellt.
Gruß und Gegengruß ist mit der anderen Bank gewechselt worden.
»Du – wer ist das?« frägt Ruth leise ihre Cousine.
Hella Hardenberg blättert verlegen in ihrem Gebetbuch, guckt auf die Mama, ob sie's sagen darf – aber die ist ganz in Andacht und in den bezaubernden Sommerhut ihres Visavis versunken, der unfehlbar ein Wiener Modell ist.
»Das ist … das ist die Frau von Domanska aus Groß-Herdain,« flüstert Hella stockend, »sie kommt sonst nie hierher.«
Ruth wird nicht nur blaß, sie wird geradezu grünweiß vor zitternder Erregung, so daß Tante Hardenberg allen Ernstes eine Ohnmacht befürchtet.
»Dann ist es also … meine Tante … Mamas Schwester!« – – –
Mögen die Weihrauchwolken noch so betäubend duften, mag der bäuerliche Chor beimSanctusnahezu umwerfen und das Ministrantenglöcklein schrill und eindringlich mahnend klingeln – Ruth hört und sieht nichts mehr – ein einziger Gedanke pocht in ihren Schläfen, eine einzige starke und süße Melodie klingt und singt an ihrem Ohr: Mamas Schwester – Mamas Schwester …
Nach dem Hochamt die übliche kurze Begrüßung zwischen den Gutsnachbarn, wobei Ruth ihrer Tante v. Domanska vorgestellt wird und ihr, schneeweiß bis in die Lippen, die Hand küßt. Ein Glück, daß Onkel Hardenberg im richtigen Moment seinem Kutscher pfiff – sonst wär's auf dem Kirchhof mitten unter der gaffenden Dorfjugend unfehlbar zu einer dramatischen Szene gekommen.
Am nächsten Morgen ein Brief aus Groß-Herdain. Man unterhält »seit der Geschichte« fast gar keine Beziehungen mehr, aber dringend und mit überzeugendster Liebenswürdigkeit bittet Frau von Domanska ihr »das Kind« herüberzuschicken. Den unverzeihlichen Schritt Lianens hätten alle Verwandten aufs schärfste verurteilt, aber schließlich sei doch niemand für sie verantwortlich, und warum solle sie, Lianens Schwester, und das Kind entgelten, was Liane gesündigt hätte?
Die Verwandten wollten anfänglich nichts davon hören, aber Ruth fiebert beinah vor Aufregung, bis Tante Hardenberg sie gutmütig in den Wagen schiebt und mit ihr hinüberfährt.
Im Salon auf Groß-Herdain gibt's dann – zwar keine dramatische, wohl aber eine erschütternde Szene, wie das mutterlose Kind der fremden Tante zu Füßen sinkt und all das sehnsüchtige Weh, all den heimlich mit sich herumgeschleppten Kummer ihrer einsamen Kinderzeit in den Armen von »Mamas Schwester« ausschluchzt.
Seitdem brennt nur eine Sehnsucht in Ruths Herzen: Hin zur Mutter! Wenn schon »Mamas Schwester« so gut und lieb und zärtlich zu ihr war, wie himmlisch süß muß es da erst sein, in MamasArmen zu liegen, Mamas Stimme ein allereinzigesmal »liebe kleine Mausel« sagen zu hören! Nie hatte Ruths Vater ihr einen Kosenamen gegeben, nicht aus Mangel an Liebe – einfach weil es nicht in seiner Natur lag. Jetzt weniger denn je. Es gibt Kinder, die das kaum merken, und andere, die es ihr Leben lang tief und schmerzlich entbehren.
Die Sehnsucht reist mit Ruth aus den Ferien zurück und wächst sich in der steif-vornehmen Pension in Dresden zu einem schier unersättlichen Riesen aus, der Ruth Tag und Nacht in seinen herrischen Armen hält, ihr Herz klopfen macht, ihre Wangen bald blaß, bald fieberisch rot färbt; der in allen Tonarten zu ihr redet, zu allen Übungen den Takt schlägt, der Beethoven, Chopin und Liszt zu Liedern ohne Worte macht, aus denen eine einzige, fast tödlich sehnsüchtige Melodie klingt: Hin zu Mama!
Und der Vater, der alles für sein Kind tat, der es ernährt und gekleidet, geliebt und erzogen hat, dessen Leben eine Kette von Opfern und Entbehrung für das Glück dieses heißgeliebten Kindes ist, ahnt nichts von der tödlich sehnsüchtigen Melodie in Ruths Herzen. Er rechnet und spart und arbeitet, zählt die Tage bis Weihnachten, wo seine kleine Ruth zu den Ferien heimkommen soll und schickt ihr pünktlich, schon acht Tage vor dem heiligen Abend, das Reisegeld. Ein reichlich bemessenes – und schreibt dazu: »Kauf' dir in Dresden, was du dir wünschest, mein Kind. Ich versteh' so wenig davon, was junge Mädchen brauchen.«
Ach, er versteht freilich nicht, was sein armes kleines Mädchen braucht, der gute Papa, denkt Ruth mit zuckenden Lippen. Und in einer schlaflosen Nacht,wo ihre Gedanken den alten Weg wandern, den hundertmal gewanderten, der schon so ausgetreten ist von ihren kleinen, müden, suchenden Füßen, wird jählings ein Entschluß geboren. Ein großer atemraubender: Ruth will nach Berlin zu ihrer Mama. Sie hält's nicht mehr aus. Sie stirbt vor Sehnsucht, wenn man sie nicht läßt. Und Papa ließe sie nicht, das ist sicher. Er weiß ja nicht, was man braucht, was ein Kind braucht: die Mutter – zu allererst und über alle anderen Dinge die Mutter. Und Ruth malt sich aus, daß die arme Mama ebenso zärtlich und sehnsüchtig nach ihrer kleinen Mausel verlangt. Nur natürlich – die Verhältnisse erlauben es nicht. Und der Mann mit der Geige, der sie bezaubert hat, läßt sie nicht fort. Und der Papa würde sie vielleicht auch nicht wieder aufnehmen – die arme Mama. Also muß sie selbst – Ruth – die Sache in die Hand nehmen. Reisegeld hat sie ja. Und die Adresse weiß sie auch, Frau v. Domanskas alte Kammerfrau hat sie ihr verraten.
Sie wollte schon immer einmal der Mama schreiben. Wohl zwanzig Briefe und mehr wurden auf der zierlichen Mappe geschrieben und wieder zerrissen. Du lieber Gott, was sagt denn so ein Brief! Da müßte man schon mit Engelszungen reden können wie irgendein großer Dichter oder Schriftsteller, um in nüchternen Buchstaben aufs Papier zu kritzeln, was man denkt, was man fühlt, wie heiß man sich sehnt. Nein, ein Brief ist gar nichts, ist das armseligste Ding von der Welt, wenn das Herz danach schreit, die Arme um Mamas Hals zu legen und den Kopf an Mamas Schulter zu drücken und da still, ganz still liegen und sich halbtot weinen für alles, was man fünfzehn lange Jahre hindurch entbehrt und gelitten hat.
Im bloßen Gedanken daran duckt Ruth sich zusammen wie ein frierendes Vögelchen – wie sie's als Kind getan hat, wenn die hartgearbeitete Hand der mitleidigen fremden Frau in flüchtiger Liebkosung über ihr Haar strich. O Mama!
Sie schreit es beinah laut hinaus – und dann setzt sie sich im Bett aufrecht, streicht die Haare aus der heißen Stirn und denkt angestrengt nach. Überlegt weise und klug wie ein Erwachsenes. In Dresden bringt man sie auf die Bahn, besorgt ihr Gepäck und Billet und in Posen holt der Papa sie ab. Aber in Dobrilugk, anderthalb Stunden hinter Dresden ist der Knotenpunkt, wo der Berliner und der Kottbus-Posener Zug sich scheiden. Wenn sie … wenn sie ihr Gepäck allein weitergehn ließe und sie selbst kaufte sich in Dobrilugk ein neues Billet und führe nach Berlin? Um fünf Uhr nachmittags wäre sie dort, Gott, sie fürchtet sich gar nicht, sie nimmt eine Droschke und fährt Kurfürstenstraße 7. Dann die Treppe hinauf und klingeln: Ist die gnädige Frau zu Hause? Und ihre Karte hineingeschickt. Und dann: Mama, o Mama! – Meine süße kleine Mausel! Bist du's wirklich? Mein Herzenskind – – und dann Schluchzen und Küsse und Himmelsseligkeit – und tausend Fragen ohne Ende: Wie geht es dir und wie lebst du? Und was ist aus dir geworden, liebe kleine Tochter? Wonach sehnst du dich? was glaubst und hoffst und liebst du? Ruth weiß nicht genau, was es da alles zu fragen und zu antworten gibt. Sie könnte es auch nicht sagen und erklären, sie fühlt nur instinktiv, daß es unaussprechlich süß sein müsse, wenn eine geliebte Hand sich zum allererstenmal vertraut und zärtlich auf den heimlichsten Pulsschlag ihres Lebens legen wird.
Und diese im voraus gekostete Seligkeit glüht Ruths Entschluß wie Eisen im Schmiedefeuer, und die Sehnsucht klopft und hämmert daran herum, bis er felsenfest und stark und tapfer dasteht – unerschütterlich.
In eine Handtasche packt sie das Nötigste. Was sonst noch fehlt, wird Mama ihr ja geben, und schreibt einen Brief an den Papa, den sie einen Tag vor der Reise in den Kasten wirft.
»Sei nicht bös, lieber Papa! Ich halt's nicht mehr aus, ich fahre nach Berlin zu meiner Mama und will Weihnachten mit ihr verleben. Und vielleicht – ach, lieber Papa, vielleicht holst du mich dann ab? Mama wohnt Kurfürstenstraße 7. Alle Mädel in der Pension haben Vater und Mutter und ich, ach, lieber Papa, ich möchte docheinmalwenigstens wissen, wie das ist, eine Mutter zu haben! Bitte sei nicht bös deiner Ruth.«
Und zwischen den Zeilen steht noch allerlei törichtes Zeug, was das heiße Herzchen in Hoffnung und Sehnsucht und holder Weltunkenntnis sich ausgesonnen hat: von Versöhnung und Heimkommen, und ein zaghafter Traum von einem glückseligen Kinde, das zum erstenmal im Leben zwischen Vater und Mutter sitzen darf.
Und nun war richtig alles so gekommen, wie das siebzehnjährige Köpfchen es ausgeheckt hatte und Ruth Hardenberg saß im Berliner Zuge und fuhr zu ihrer Mutter.
Es war am Nachmittag des 22. Dezember und richtiges frostklares Weihnachtswetter. Felder und Wälder verschneit, die Züge überfüllt, in allen Coupés fröhliche Gesichter, unruhige Vorfreude, kaum zubändigende Ungeduld. Ruth blaß und fröstelnd, fiebernd vor Aufregung und eiskalt bis in die Fingerspitzen, schweigsam zwischen all den anderen. Ach wenn sie jetzt allein wäre, sie hätte ihr Gesicht an die Lehne gedrückt und gelacht und geschluchzt vor zitternder Erwartung. Nun tat sie keins von beiden. Saß steif aufgerichtet, still und stumm in ihrer Ecke und starrte in das schneehelle Dämmern und auf die vorüberfliegenden Lichter und malte sich das hundertmal Geträumte aus. Ab und zu tauchte ein flüchtig unbehaglicher Gedanke an Mamas zweiten Mann in ihr auf. Wie sollte man sich dem gegenüber verhalten? wie ihn anreden? Er war's doch eigentlich, der das ganze Unglück verschuldet, dem armen Papa die Mama weggenommen, sie mit seiner Geige verzaubert hatte. Wie er nur aussehen mochte? Und seine Geige, die wollte sie hören! Ob Mama ihn wirklich noch liebte? Gott, wenn er sie nun vor Ruths Augen in die Arme nähme und küßte, – gräßlich wäre das, nicht auszudenken!
Ruth hatte ein unklares Empfinden, daß sie vielleicht allerlei Peinliches, Verlegenheitbringendes hören und sehen und erleben würde. Sie lehnte sich innerlich dagegen auf, schob es mit beiden Händen energisch von sich in den tiefsten Winkel. »Er« brauchte ja gar nicht da zu sein. War vielleicht auf einer Kunstreise, gab ein Konzert. Ach, hoffentlich!
Ruths Gedanken gingen zu tröstlicheren Bildern über: Mamas kleine feine Hände, die den Christbaum anzündeten – und sie durfte dabei helfen. Und manchmal vergaßen sie alle beide den Baum und die Lichter und küßten sich. Ruth fühlte die süßen zärtlichen Mutterküsse auf ihrem Gesicht und weiche Mutterhändeum ihren Hals, und Mutters blondes Haar glänzte wie Gold im Kerzenschimmer. Und nachher saß Mama am Klavier und sang all die lieben alten Weihnachtslieder: Stille Nacht, heilige Nacht – –
Und Ruth würgte an ihren Tränen.
O, was hatte sie entbehrt all die langen, langen Jahre hindurch, wo sie keine Mutter gehabt hatte!
Der Zug lief in Berlin ein und Ruth bekam glücklich eine Droschke und fuhr nach der Kurfürstenstraße. Wie im Traum läutete sie an der Haustür und hätte beinah das Bezahlen vergessen, wenn der Kutscher ihr nicht ein grob unverschämtes Wort nachgerufen hätte.
Wie im Traum stieg sie die breiten teppichbelegten Treppen hinauf, stand oben vor der Entreetür im dritten Stock, wo der Name »van Eigersloh« auf demPorzellanschildchenstand – und wagte minutenlang nicht zu klingeln. Als sie es dann endlich doch tat und ein gewandtes Berliner Stubenmädchen im weißen Häubchen öffnete, brachte sie vor rasendem Herzklopfen kaum die Frage heraus.
»Die Gnädige empfängt nicht,« sagte die Weißbehaubte schnippisch und wollte die Tür zuschlagen, als Ruth hastig ihren Fuß dazwischen schob.
»Ach bitte, einen Moment nur, ichmußsie sprechen,« stammelte sie fast weinend vor Angst und Aufregung. Wenn nicht – was dann? wohin in der großen fremden Stadt? In all dem stürmischen Auf und Nieder ihrer Gedanken fuhr ihr das blitzgleich und schreckhaft durch den Sinn. Daran hatte sie bisher noch gar nicht gedacht: daß ein Kind vor der Mutter Tür abgewiesen werden könne!
Die zitternde Stimme, das blasse Gesichtchen mit den erschrockenen Augen stimmten das Mädchen milder.Und überhaupt, es mußte doch was Feines sein, das sah man dem jungen Dinge schon an. Und was Dringendes. Fragen konnte man ja wenigstens.
»Bitte, warten Sie hier. Die gnädige Frau ist bei der Toilette. Grad' im Begriff auszugehen,« sagte sie, legte die Visitenkarte auf ein kleines Silbertablett, warf noch einen neugierig forschenden Blick auf Ruth und verschwand im Hintergrunde des Korridors.
Ruth stand allein in dem matt erleuchteten Entree, das aussah wie tausend andere Berliner Entrees, und ihr doch vorkam wie ein Heiligtum. Als stände sie in einer Kirche. Ein großer Spiegel mit schmaler Marmorkonsole, rechts und links allerlei Bilder und Büsten. Gegenüber ein Kleiderständer, daran einige Herrenhüte und Röcke hingen, – daneben ein dunkelroter Theatermantel mit weichem silbergrauen Pelzwerk besetzt – Mamas Mantel!
Um ein Haar wäre Ruth hingelaufen und hätte das Gesicht hineingedrückt – inMamas Mantel! Sie stellte ihre Handtasche auf einen Stuhl und krampfte die Hände zusammen. Was wird nun kommen? Herrgott, so klopf' doch nicht so, du dummes Herz! – bis zum Halse herauf, als wollt' es zerspringen. Und ein Hämmern in den Schläfen. Und so komisch rot und schwarz vor den Augen – mechanisch erfaßte Ruth eine Stuhllehne und hielt sich daran fest.
Da ging eine Tür. Eine andere, als durch die das Mädchen verschwunden war. Und eine Stimme rief: »Marianne, wo stecken Sie denn?«
In der nächsten Sekunde steht eine blendend schöne Frau in eleganter, sehr tief ausgeschnittener Gesellschaftstoilette auf der Schwelle, hinter ihr flutendesLicht, das ihr blondes Haar vergoldet und ihre Brillanten wie Sprühfeuer aufflimmern läßt.
Ruth hat's nicht gewollt, in ihr ist so gar nichts Theatralisches, es war bloß einfach stärker als sie – und ihre Knie zitterten so sehr, ihre Füße trugen sie nicht – ehe sie sich's versieht oder nur irgend etwas denken kann, liegt sie auf den Knien vor der wunderschönen Frau: »Mama – o meine Mama!«
»Wer … was …? Jesus – Ruth!« Entsetzen, Schreck, Erstaunen – zuletzt doch ein warmer, echter Herzenston: »Meine kleine Ruth … so groß geworden … steh' doch auf, Kind – komm' herein!«
Hinein in den Salon, in das blendende Licht – am Kronleuchter sind alle Flammen aufgedreht. Ruth sieht einen Flügel, aufgeschlagene Noten, deckenhohe Spiegel an den Wänden, tiefrote seidene Möbel, Portieren – das alles wie ein Traumbild, schattenhaft, flüchtig – zwei Arme halten sie umfangen, ein Herz pocht gegen das ihre, Mutterlippen küssen sie – und für Ruth kommt ein Augenblick der höchsten und tiefsten, der alles um sich her vergessenden, wunschlosen Seligkeit – – –
Sie wacht auf wie aus süßem Traum – und fühlt plötzlich, daß die Arme, die sie umfangen, nackt sind, der Hals, an den sie ihr tränenüberströmtes Gesicht drückt, die Schultern – nackt und warm und parfümiert. Ein Schauer läuft über sie hin, höher hinauf schiebt sie ihr glühendes Gesichtchen und preßt es gegen Mamas Wange – hat sie doch ganz vergessen, daß ihre Mama eine große Künstlerin, eine elegante Weltdame ist. Aber auch die Wange, wie sonderbar – gar nicht so weich, wie Ruth gedacht hatte – so, als wenn sie bestaubt wäre – oder gemalt?
Der erste Sturm, die erste Ekstase sind vorüber.
Liane van Eigersloh schiebt ihr Kind, das sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat, von sich und betrachtet es prüfend. Ihr lächelndes Gesicht, über das sonderbare Streifen gehen – Ruths Tränen, die eine Verheerung in Puder und Schminke angerichtet – nimmt einen fremdkühlen Ausdruck an. Sie nickt. GanzseineTochter, kein Zug von ihr – schade! Ein wohlgefälliger Streifblick in den Spiegel, der sich schnell in einen bestürzten wandelt. »Gott, wie sehe ich denn aus? Ruth – liebes kleines Dummchen, wie hast du mich zugerichtet!«
Schon ist sie im Nebenzimmer hinter den roten Seidenportieren verschwunden. Man hört erregtes eifriges Flüstern, einen unterdrückten Ausruf.
Ruth sieht sich um. Sieht herrliche Gemälde an den Wänden, und kleine moderne grüngraue und elfenbeinfarbene nackte Skulpturen auf Tischchen und Etageren, wie man sie in den Schaufenstern sieht, die ihr sehr sonderbar in »Mamas Zimmer« vorkommen, zahlreiche Photographien von Mama in prächtigen Toiletten, jede anders und alle tief, sehr tief ausgeschnitten. Unmassen von Blumen, frische und welke, in Vasen und Jardinieren; Fächer, Handschuhe, Noten, alles in buntestem Durcheinander und über allem ein schwerer betäubender Duft. Sie tritt an den Flügel, auf den Tasten liegt ein kleiner parfümierter heller Handschuh – Ruth nimmt ihn in die Hand und drückt ihn an die Lippen und weiß nicht recht, soll sie lachen oder weinen.
Da kommt Mama wieder, einen seidenen Schal um die nackten Schultern, der Teint wieder tadellos wie zuvor hergerichtet, lächelnd, strahlend. Wieschön sie ist, viel tausendmal schöner als Ruth geträumt hat.
»Nun, meine liebe kleine Ruth, erzähle! Wo kommst du her? Bist du dem Papa ausgerissen? Das hast du recht gemacht!«
Ruth beichtet. Anfangs stockend, dann immer beredter, vertraulicher, und die Mama hört zu, ein wenig zerstreut, wie es scheint, ein wenig nervös, jeden Augenblick sieht sie nach der Uhr. Das von der großen, großen Sehnsucht, die Ruth nachts nicht schlafen ließ und sie beinahe krank machte – dies zarteste Geständnis, das Ruth heißerglühend, das Gesicht in den buntseidenen Schal gedrückt, flüstert – hat sie offenbar gar nicht verstanden, denn fast im selben Augenblick sagt sie: »Kind, du wirst Hunger haben – warte!« und drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel. »Bringen Sie sogleich Tee und etwas Gebäck,« befiehlt sie dem Mädchen. »Und um acht soll Luise für ein kleines Abendbrot sorgen, Bouillon, Filetbeefsteak, Salat und süßes Kompott – liebst du das Filet deutsch oder englisch,mignonne?«
»So wie du es gewohnt bist,« sagt Ruth ein wenig verstört, die sich von ihrer großen Sehnsucht nicht so schnell zu englischem Filet zurechtfinden kann.
»Nein, wiedues wünschest, Ruth,« betont die Mutter – und dann, halb verlegen: »Wir, das heißt, mein … Herr van Eigersloh und ich speisen auswärts.«
Da Ruth keine Antwort gibt, verschwindet das Mädchen.
»Du gehst fort, Mama?«
»Ich muß, Kind. Der Wagen kann jeden Augenblick kommen. Diner in der französischen Gesandtschaft – eine Absage ist unmöglich.«
Ruths Gesichtchen sieht jämmerlich enttäuscht aus – eine kleine drückende Pause entsteht. Da richtet Mama sich auf, man hört Schritte im Nebenzimmer. »Da kommt Jacques …« sie preßt Ruths Finger zusammen. »Sei lieb, ich bitte dich.«
Statt des idealen Künstlerkopfes, den Ruth erwartet hat, ein ziemlich nichtssagendes volles, glattrasiertes lächelndes Gesicht, stark gelichtetes Haar, eine große elegant gekleidete Figur – und dieser Mann, von dem Ruth nicht weiß, ob sie ihn gern haben, fürchten oder hassen soll, kommt auf sie zu, wie der Bonvivant im Theater, schüttelt ihr kordial beide Hände: »Das ist also die liebe kleine Ruth …«
Marianne, die mit einem Tablett voll Teller und und Tassen hereintritt, beendet die etwas peinliche Situation. Alle drei setzen sich um den Mitteltisch, Tee und Gebäck werden präsentiert.
»Hatten Sie eine gute Reise? Es ist bitter kalt heute,« bemerkt Herr van Eigersloh, und Ruths Mutter fügt auf französisch hinzu: »Ich hoffe, daß dein Vater dich zweiter Klasse fahren ließ?«
Ruth bejaht und nimmt fröstelnd einen Schluck heißen Tee. Sie sprechen von Dresden, von Kunstschätzen und der königlichen Familie, von allen möglichen Dingen, die Ruth unsagbar gleichgültig sind – dann erscheint Marianne und meldet den Wagen, zugleich bringt sie Mantel und Kapotte für ihre Gnädige.
»Also adieu, kleine Ruth. Mach' nicht so ein betrübtes Gesichtel, es geht wirklich nicht anders. Morgen plaudern wir weiter. Marianne wird für dich sorgen. Willst du etwas lesen? Dort im Regal liegen Bücher, die neuesten Journale. – Hast du die Noten, Jacques? – Marianne, meinen Fächer!«
Noch eine graziöse Kußhand, dann ist Ruth abermals allein. Sie sieht sich um wie betäubt – aus allen Himmeln gerissen. Das also war das Wiedersehen mit Mama, worauf sie all die langen, langen Jahre gewartet; das sie sich hundertmal in den glühendsten Farben ausgemalt; wovon sie seit dem Sommer Tag und Nacht geträumt hatte. Und das ist nun alles: kaum eine Viertelstunde – ein Dutzend flüchtigster Worte – geteilte Aufmerksamkeit zwischen ihrer Toilette, Jacques und ihrem Kinde – das sie seit fünfzehn Jahren nicht gesehen!
Und nach diesem Wiedersehen, das Ruth bis in die tiefste Seele hinein erschüttert, fährt Mama in Gesellschaft und wird fremden gleichgültigen geputzten Menschen ihre Lieder vorsingen – – und Ruth liegt in der Diwanecke, wo sie vorhin neben Mama gesessen, und schluchzt, als solle ihr das Herz brechen. Nicht mit Worten oder Begriffen macht sie sich die Grausamkeit ihrer Enttäuschung klar – aber sie fühlt diese tief und schwer wie einsame Kinder fühlen.
Sie rührt auch das appetitlich servierte kleine Souper kaum an, trinkt nur auf Mariannens Zureden einen Schluck Wein und läßt sich willenlos von dem Mädchen, das teilnehmender als ihre Herrin ist, in einem engem, eiskalten Zimmerchen, dem Badekabinett, auskleiden und in das schnell hergerichtete Bett legen.
Keine zärtliche Mutterhand, die sie zudeckt und den ungemütlichen kleinen Raum in ein Paradies umgewandelt hätte; keine »engelssüße« Stimme, die ihr Gutenacht sagt – keine Lippen, die sie küssen – und wie ein gescholtenes Kind weint Ruth sich in den Schlaf.
Aber Kinderherz ist sanguinisch und so leicht läßt Ruth mit ihrem zärtlichen Liebesverlangen sich nicht einschüchtern.
Am nächsten Morgen darf sie der Mama beim Frühstück Gesellschaft leisten.
Sie sind allein. Herr van Eigersloh, der sich beginnender Korpulenz wegen trainiert, macht seinen Morgenspaziergang.
Ruth hat allerlei erzählt, während die Mama gleichmütig in ihrer Schokolade rührt.
»Also in Inowrazlaw lebt dein Vater jetzt.Inowrazlaw– guter Gott! – Verkehr habt ihr wohl nicht?«
»Doch, Papa hat ein paar gute Freunde, den Doktor und den Amtsgerichtsrat, der furchtbar lustig ist. Und Töchter sind auch da, sehr nette Mädchen.«
»Hm, kann mir's denken. Blond gescheitelt natürlich und können malen und sticken und Klavierspielen. Und warten wohlerzogen und geduldig auf einen Mann. – Sag' mal, Ruth, dein Kleid ist natürlich auch in Inowrazlaw gearbeitet. Wie viel zahlt ihr eigentlich Fasson?«
»Neun Mark fünfzig,« sagt Ruth erstaunt und treuherzig. Sie trägt ein leidlich gutsitzendes dunkelblaues Tuchkleid von sehr jugendlichem Schnitt, das ihr vorzüglich steht, und weiß nicht recht, was sie aus Mamas Bemerkungen machen soll.
»Neun Mark fünfzig, dacht' ich's doch!« lacht die Mama hell heraus und zupft die ockergelben Valenciennesspitzen an ihrer eleganten Matinee zurecht; gleich darauf streichelt sie Ruths Wange: »Poor little darling!«
Ruth hält die Hand fest. »O Mama!«
»Was denn,dearest?«
»Denkst du noch manchmal an die kleine Mausel?« fragt Ruth, die es nicht erwarten kann, von Mamas Lippen das heißersehnte Wort zu hören.
»Welche Mausel, Kind?«
Ruth sieht sie mit großen Augen an. »Die Wanken sagte, du hättest mich immer ›süße kleine Mausel‹ genannt,« sagt sie zögernd.
»Ach ja, richtig – also Mausel – gewiß denk' ich an dich.«
»Und hast mich lieb, Mama?«
»Aber natürlich, Kleines.« Die großen ernsthaften grauen Augen, die so unverwandt und eindringlich fragen können, verursachen ihr ein leises Unbehagen.
»Weißt du was, du mußt dich anders frisieren. So …« sie lockert ein paar Haarsträhne und schiebt den Kamm, der Ruths Frisur hält, etwas tiefer. »Laß dich ansehen, siehst du?« sie hält Ruth einen Handspiegel vor, »so kleidet's dich zehnmal besser. Du studierst also Musik? Hast du denn Talent, Kleines?«
»Professor Brehmer meint es,« sagt Ruth bescheiden.
»Das hast du natürlich von mir, dein Vater besitzt nicht so viel …« Die Mama schnippt mit den Fingerspitzen.
»Darf ich dir etwas vorspielen, Mama?«
»Später. Jetzt hab' ich Kopfweh. Und Marianne räumt den Salon auf.« Auch das noch! denkt Liane Eigersloh schaudernd, als ob Gesang und Geigenspiel nicht grad des Guten genug wäre! Sie lehnt sich hintenüber, spielt mit dem Teelöffel und gähnt verstohlen. Mama spielen ist nicht so leicht, wenn manjahrelang ganz aus der Übung ist. Dann fällt ihr etwas anderes ein. »Sag' mal, kommt dein Gepäck nach?«
»Mein Korb ist nach Inowrazlaw gegangen.«
Zum erstenmal denkt Ruth an ihren Vater und was der wohl sagen wird.
»Und du hast gar nichts weiter bei dir?«
»Nichts als mein Nachtzeug, Mama. Ich dachte, wenn ich etwas brauchte … ich hab' ja noch Geld, Papa schickte mir reichlich.«
»Natürlich brauchst du. Wir müssen nachher gleich ausgehen und das besorgen,« sagt Liane lebhaft interessiert und richtet sich aus ihrer halbliegenden Stellung auf.
»Aber ist mein Tuchkleid nicht gut genug? Es ist noch ganz neu und in der Pension fanden alle, es stände mir gut.«
»Nein, Kind, du brauchst eine helle seidene Bluse. Oder besser noch ein weißes Kleid. Wir haben morgen eine kleine Gesellschaft.«
»Am heiligen Abend?«
»Nun natürlich. Du glaubst doch wohl nicht, daß Jacques und ich »familiensimpeln« wollen? Uns bei der Hand fassen und um den Baum tanzen, wie zwei artige Kinder und dazu singen ›O Tannebaum, o Tannebaum …?‹«
Und Liane van Eigersloh lacht aus vollem Halse.
Ruth wagt nicht zu sagen, daß sie einfältig genug war, zu träumen, sie höre eine süße Stimme »Stille Nacht, heilige Nacht« singen. Sie kommt sich entsetzlich dumm und kindisch vor. Was für spießbürgerliche Begriffe hat sie sich eigentlich von der Mama gemacht, die eine große Künstlerin ist, eine Dame von Welt, die seit fünfzehn Jahren in der Großstadt Berlin lebt.
Mama erzählt von ihrer Gesellschaft, wer alles eingeladen ist: Künstlerinnen, Offiziere, ein paar steinreiche Junggesellen, alles distinguierte Namen, o sie verkehren in sehr guter Gesellschaft, Jacques ist Mitglied eines vornehmen Klubs. Zahllose Festlichkeiten haben sie in dieser Saison schon mitgemacht, eine Pracht und Eleganz – Ruth würde Augen machen, wenn sie das sehen könnte; von so was hättepoor little darlingnatürlich keine Ahnung. Und wie man Jacques und Liane van Eigersloh feierte …
Ruth hört staunend und geduldig zu und wartet, ob nicht endlich, endlich diese hunderttausend zärtlich vertraulichen Fragen kommen werden, die eine Mutter für ihr Kind haben muß, das sie so viele Jahre nicht gesehen, das sie eigentlich noch gar nicht kennt.
Aber nichts von alledem. Keine Hand, die sich in liebevollem Verstehen auf das in banger Sehnsucht klopfende Herz, auf den heimlichsten zartesten Pulsschlag ihres Innenlebens legt – und nach einer halben Stunde wird Ruth hinausgeschickt, weil Mama Toilette machen will.
Sie geht in den zwei großen Vorderzimmern umher, betrachtet die Bilder und Statuen, die sie gestern nur flüchtig gesehen und die ihr heute noch viel weniger gefallen, sucht vergebens nach einer Photographie von Mama, die nicht so schrecklich ausgeschnitten ist, blättert in den Büchern und legt sie mit hochrotem Gesicht hastig, als hätte sie sich die Finger daran verbrannt, wieder hin. Die gehören sicher Herrn Jacques van Eigersloh, wenn Mama wüßte, was alles darin steht … Zuletzt schaut sie zum Fenster hinaus auf die breite stille vornehme Straße. Die blasse Dezembersonne scheint auf die verschneiten Vorgärten; eilige Menschenhasten paketbeladen vorüber, ein Dienstmann schleppt einen großen Christbaum, und Ruth erinnert sich, was sie fast vergessen hat, daß morgen heiliger Abend ist.
Da kommen von nebenan aus Herrn van Eigerslohs kleinem Privatzimmer Geigentöne. Ruth fährt herum und bleibt lauschend auf ihrem Platz stehen. Wie festgebannt. Atemlos – ihre Augen glänzen, ihr Herz beginnt zu klopfen. Gott im Himmel, wie der Mann spielt! Ja – nun glaubt sie's wirklich, daß sein Spiel die arme Mama verzaubert hat. Sie selber, Ruth, wäre ihm vielleicht auch nachgefolgt …
Wie die Geige singt und weint und bittet! Ein Lied der Sehnsucht, ein Lied der Einsamkeit, das Ruth weinen macht. Und plötzlich muß sie an ihren Vater denken. Sie sieht ihn vor sich, wie er in seinem Zimmer sitzt, am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt. Und die Geige singt dazu. Mit einer süßen klagenden Menschenstimme singt sie ein Lied von Menschenleid. Deutlich hört Ruth die Worte. Den Text zu dem Bilde, das ihre Augen innerlich schauen: Verlassen von seinem Weibe. Fünfzehn Jahre des Grams und der Einsamkeit. Fünfzehn Jahre der Arbeit und Sorge. Und verlassen von seinem Kinde. Ganz allein. Ärmer als der ärmste Fabrikarbeiter. Allein – allein – allein –
Längst hat die Geige das Thema gewechselt und ist zu einem rauschenden Impromptu übergegangen – noch steht Ruth leidversunken. Ihre Lippen zittern, das Herz tut ihr so weh. Nie hat sie gewußt, daß es so viel Jammer auf Erden geben könnte. Daß das Leben so schwer sei! O Vater und Mutter, was habt ihr getan, daß euer Kind um euch so leidenmuß! Das Kind, das ihr liebhabt – und dem ihr doch das Herz zerreißt!
»Die gnädige Frau wartet,« meldet Marianne und hält Ruths Hut und Jäckchen schon in der Hand.
Eine Besorgungsfahrt mit der Mama durch die menschenwimmelnden Straßen. Und die glänzenden Geschäfte, die prachtvollen Schaufenster – Ruth, die in Dresden nicht viel hinaus kam, wird fast schwindlig vor lauter Schauen. Und was da alles gekauft wird! Ruth schaut und staunt: entzückende kleine Lackschuhe und ein feines weiches weißes Kleid mit Spitzen und blaßroten Schleifen, lange Handschuhe und ein gemalter Elfenbeinfächer an goldener Kette.
»Mein Weihnachtsgeschenk fürlittle darling.«
Ruth küßt der guten Mama verstohlen die Hand, doch ihr Herz will nicht recht froh werden.
Nach dem Mittagsschläfchen fragt die Mama: »Du singst auch, Ruth?«
»Nein, ich hab' leider keine Stimme.«
Lianens feines musikalisches Ohr hat es längst herausgehört, aber sie kann sich den heimlichen Triumph nicht versagen. Ruth muß mit an den Flügel, Mama sucht lange in den Noten, bis sie etwas Passendes findet: Hensels süßes kleines Frühlingslied. Sie beginnt die Begleitung. Ruths Stimmchen setzt schüchtern ein, noch unsicherer als sonst, zitternd, verängstigt. Mama läßt die Hände sinken. »Nein, wirklich nicht, keine Spur von Stimme,« sagt sie aufatmend. Fast befriedigt klingt es. Etwas kühl Abschätzendes liegt auch in dem Blick, mit dem sie Ruths lang aufgeschossene schmächtige Gestalt umfaßt. Sie schüttelt den Kopf, daß die blonden Stirnlöckchen fliegen, ihre Augen leuchten. Nein – die wird ihr nicht gefährlich!
»Nun werdeichsingen.«
Ein italienisches Lied – und die arme kleine Ruth, die musikliebend ist bis in die Fingerspitzen hinein, ist bezaubert, nein, hingerissen von dem Gesang ihrer Mutter. Eine Kraft, eine Höhe und Fülle, ein Schmelz ohnegleichen liegt in dieser herrlichen Stimme. Ruth fällt das naive Wort der alten Kinderfrau ein, weiß Gott, sie hat recht: wie Engelsgesang steigt der Mutter Lied von himmlischen Höhen herab, umfängt die selig lauschende Seele ihres Kindes und trägt sie empor.
»Mama, o Mama – was bist du für eine herrliche Künstlerin!«
Das Kind kniet vor ihr, glühend vor stolzer Freude. Kniet wie vor einem Heiligenbild in der Kirche. Ein Augenblick reinster Wonne, wo die Seelen von Mutter und Kind eins sind in jenem überirdischen Entzücken, das nur drei Dinge hier auf Erden über unsere schauernden Herzen auszugießen vermögen: Liebe, Kunst und Natur.
Die große Künstlerin, die vielgefeierte, der das Beifallsklatschen von Tausenden etwas Alltägliches ist, strahlt vor Glück, ein stolzer Atemzug schwellt ihre Brust. Sie küßt das Kind, dann schiebt sie es sanft von sich. Sie will mehr, noch mehr Triumphe feiern, noch mehr der Anbetung aus diesen reinen zärtlichen Kinderaugen. Schier unersättlich ist sie, wie berauscht von diesem neuen Erleben. Was sie fünfzehn Jahre lang versäumt, möchte sie in einer einzigen Stunde nachholen. Alle Erden- und Himmelsseligkeit zugleich auskosten.
In ihrem heißhungrigen, ihrem ehrgeizigen Glücksverlangen vergißt sie alle Vorsicht, vergißt, wen sie vor sich hat.
Sie beginnt ein neues Lied. Ein leidenschaftliches wildbegehrendes Liebeslied, glühendes Verlangen, stürmisches Drängen, ein Taumel der Liebesleidenschaft. Schleierlose Hingabe – Mund an Mund, Herzen an Herzen – gott- und welt- und menschenvergessen –
Ein Lied, das in der Gesellschaft wie ein zündender Blitz einschlug, die blasierten Menschen hinriß und entflammte und rasende nicht endenwollende Beifallssalven auslöste.
Und Ruth, die noch neben ihr kniet und die Worte hört und die Worte liest, die ihre Mutter singt, auf deren feinfühlige Seele die leidenschaftliche Musik fast intensiver noch als der Text wirkt, wird glühend rot bis in die dunklen Haarwurzeln. Und ihre Seele bebt und erschauert. Schleier um Schleier wird vor ihren keuschen Augen weggerissen. Hüllenlos schaut sie – zitternd, entsetzt – die Geheimnisse des Lebens.
Und solche Lieder singt ihre Mutter!
Ihre Gedanken verwirren sich, wie eine Nachtwandelnde, die im blassen keuschen Mondlicht einsam am hohen Dachfirst wanderte, über sich die Sterne und das große heilige Himmelszelt – und jählings hinabgestoßen wird in den Staub und Dunst und die widerliche Schwüle der Gassen – unter Menschen, die die Leidenschaft zu Tieren erniedrigt.
Und das tat ihre Mutter! –
Das Kind springt auf und läuft wie gejagt durchs Zimmer, wirft sich auf den Diwan und bohrt den Kopf in die Kissen, um nichts zu hören, nichts mehr zu sehen.
Bis zu dieser Stunde hat sie immer heimlich in ihrem Herzen dem Vater unrecht und der Mutterrecht gegeben. Jetzt in diesem Augenblick wendet sich das Zünglein der Wage, die eine fliegt hinauf, die andere sinkt tief, tief hinab – für das Kind ein erschütterndes Erleben!
Schmeichelnde Hände liebkosen sie, heiße weiche Lippen küssen sie. Sie rührt sich nicht, liegt still und stumm in den Mutterarmen.
»So sehr hat's dich mitgenommen, meine süße kleine Ruth?« flüstert eine erregte Stimme an ihrem Ohr. »Begreifst du's nun, daß ich hinaus mußte in die Welt? Daß eine Künstlerin wie ich sich nicht in dem entsetzlichen Inowrazlaw vergraben konnte?«
Ruth weiß gar nicht, ob und was sie geantwortet. Sie läßt alles Reden und Liebkosen wehrlos über sich ergehen. Über den jungen Baum, der so still im kühlen Waldesschatten aufwuchs, ist das erbarmungslose Leben hereingebrochen, wilde Stürme schütteln ihn, glühende Sommersonne versengt ihn.
Ruth liegt in den weichen Mutterarmen und ein Grauen läuft über sie hin. Und auf einmal schießt ein Wunsch in ihr auf, ein fast schmerzhaft heftiges Verlangen. Schießt empor, steil und aufrecht, wie der Schaft einer Sonnenblume, die ihr goldenes Antlitz sehnsüchtig gen Osten wendet: Ach, könnt' ich jetzt heim!
Heim in ihr stilles Mädchenstübchen mit dem schneeweißen schmalen Bett und der Defreggerschen Madonna darüber. Heim in die kleinen engen Gäßchen, wo die polnischen Juden an der Tür stehen und ihr freundlich zunicken; zu den niedrigen Kleinstadthäusern, hinter denen die verschneiten Gärten liegen. Und rings umher Wald und Feld in unberührter schneeiger Reinheit und tiefem Winterschweigen.
Heim!
Ihr graut vor der Gesellschaft am heiligen Abend, wo die Mama vielleicht wieder solch häßliche Lieder singen und Herr Jacques van Eigersloh lächelnd und strahlend und händereibend unter seinen geputzten Gästen umhergehen wird.
Aber wie soll sie es nur anfangen?
Sie sitzt abends im Eßzimmer und bindet seidene Bändchen an allerhand raffinierte kleine Geschenke, die zwischen den Christbaumzweigen hängen sollen, während Herr und Frau van Eigersloh vorn im Salon den Baum putzen. Als Ruth fertig ist, will sie hinübergehen, um der Mama ihre Hilfe anzubieten. Keine Spur von Freude ist in ihrem Herzen, nur eine große Leere, eine unsäglich tiefe Traurigkeit. Sie möchte fort – aber sie will der Mama, die doch so lieb und gut zu ihr ist, die Freude nicht verderben. So wird sie noch über die Feiertage bleiben und dann – ach, hoffentlich! kommt der Papa und holt sie heim.
Die Salontür ist verschlossen. Da geht Ruth zurück und will durch das Zimmer des Hausherrn, das sie höchst ungern betritt, hineingelangen, als sie ihren Namen hört. Unwillkürlich bleibt sie stehen.
»Wie willst du sie vorstellen?«
»Natürlich als Ruth Hardenberg, meine Tochter erster Ehe.«
»Von der kein Mensch etwas weiß. Die Sache ist mir äußerst fatal.«
»Ach, Unsinn!«
»Eine so große Tochter. Völlig erwachsen. Man wird dir nachrechnen.«
»Jesus, ja« – ein ungeduldiger Seufzer – »es geht doch nicht anders, da sie nun einmal hier ist …«Dann gedämpftes Lachen: »Du – mit der Tochter nehm' ich's noch dreimal auf!«
»Aber selbstverständlich! Gib sie deshalb lieber als deine Nichte aus.«
»Das kann ich doch nicht. Was sollte das Kind wohl denken?«
»Sehrmal à propos– dies hereingeschneite Kind!«
»Mein Weihnachtsgeschenk, Jacques!«
»Ich bitte dich, tu' nicht so – Sentiments kleiden dich absolut nicht,ma chère. Im Grunde deiner Seele wünschest du sie ja doch je eher je lieber nach diesem gesegneten Inowrazlaw zurück …«
Und kein Wort aus Muttermund, das dieser harten Behauptung widerspricht – nur ein halbverlegenes Auflachen! – Im nächsten Augenblick ist Ruth allein in ihrem Badezimmerchen. Liegt auf den kalten Steinfließen, als hätte eine brutale Hand sie niedergeschlagen. Zu hart war die Enttäuschung für das zärtliche Kinderherz – zu grausam die Ernüchterung. – Eine Last ist sie für die Mama, ein ungebetener, unwillkommener Eindringling! Sie beißt sich die Lippen blutig, um nicht laut zu schreien. Zertrümmert ist der Altar, heruntergerissen ihr Heiligenbild, in den Staub getreten, beschmutzt, zerbrochen – die Stücke in alle Winde zerstreut. O, was nun, was nun? Wie kann sie weiter leben ohne diese heilige Liebe, die fromme Verehrung, die heiße Sehnsucht? – alles, was bis dahin ihr Denken und Leben ausgefüllt, ihm Inhalt und Wert gegeben – – –
»Ruth! Ruth! So komm doch, hilf die Kerzen aufstecken,mignonne!«
Noch zwei, drei Abendstunden; oberflächliches Geplauder, Lachen, Zärtlichkeiten, die für Ruth eine Marter sind.
Noch eine letzte schlaflose Nacht in dem engen eiskalten Badezimmer. Und frühmorgens, ehe das Haus erwacht – während Mama noch tief und fest in ihren gestickten Kissen schlummert – schreibt Ruth auf einen Zettel: »Sei nicht bös, daß ich fortgehe. Papa ist so allein und ich hab' Heimweh« – nimmt Tasche und Muff und schleicht sich wie ein Dieb aus dem Hause in das graue kalte Dämmern des Dezembermorgens hinein.
Und dann eine Droschke und zum Bahnhof.
Und die endlos lange Eisenbahnfahrt mit den trostlosen Gedanken, dem bettelarm gewordenen Herzen.
Und endlich ein verschneites Städtchen an der russischen Grenze.
Ein müder Mann sitzt im Dunkel des Weihnachtsabends in seinem Zimmer am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt, und denkt daran, daß heute der vierundzwanzigste Dezember ist. Und daß Weib und Kind ihn verlassen haben – daß ihm nun auf der Welt nichts mehr übrigbleibt als eine Kugel vor den Kopf oder ein Sprung in das rauschende schwarze Wasser – damit sein Kind nicht zugrunde gehe an der harten Wahl zwischen Vater und Mutter.
Draußen schlägt der Hund an. Lautes Bellen, ein freudiges Winseln, dann geht die Haustür – leise, zaghafte Schritte über den Flur. Der einsame Mann hört es nicht – vor seinen Ohren gurgeln schon die rauschenden Wasser, die ihm das letzte Lied singen werden – das ihn Jacques Eigerslohs falsche lockende Geigentöne vergessen läßt für immer.
Die Tür knarrt, der Hund springt herein – ein hastiger Schritt kommt über den Teppich – zwei Armelegen sich um des Einsamen Hals, ein schneenasses kaltes Gesichtchen schmiegt sich an seine Wange. »Papa!«
Und dann ein wirres wildes Schluchzen und Stammeln, abgebrochene Laute, die sein Ohr nicht versteht und sein Herz doch errät und richtig deutet: Klagen, Anklagen, die das Vaterherz zerreißen – der ganze trost- und fassungslose Jammer einer allerersten allerbittersten Enttäuschung.
Er hält das Kind in seinen Armen und Gott selber vielleicht gibt ihm die Worte ein, die er dem beraubten, zerrissenen Herzen sagen muß, das sein Heiligstes verloren.
Und im Finstern tastet und sucht das verirrte, das verwaiste, heimatlos gewordene Seelchen, und findet zum erstenmal den Weg zum Vaterherzen. Und schlüpft hinein, schauernd, zitternd. Wie sie sich noch nie gefunden, so ergießt sich Seele in Seele in dieser heiligen Weihnachtsnacht.
Eine Uhr schlägt. Da fährt der Vater auf und wird sich des Tages und der Stunde bewußt. »Sieben Uhr, Ruth – und ich hab' nicht mal einen Baum für dich; der steht noch ungeputzt draußen im Garten.«
Enger schmiegen sich die Arme um seinen Hals – und ein bettelndes Stimmchen an seinem Ohr: »Sag'einmal›kleines süßes Mausel,‹ Papa!«
Pause – während der man die Atemzüge beider hört. Dann sagt eine tiefe zärtliche Stimme: »Ich weiß etwas Besseres: Ruth – mein kleiner treuer Kamerad!«
»Papa!«
»Ruth – Liebling!«
Ein allerletztes verlorenes Schluchzen. Dann ein tiefes Atemholen. »Jetzt brauch' ich keinen Baum mehr. Den putzen wir morgen. Oder zu Neujahr –oder wann sonst. Ich bleib' jetzt bei dir, Papa. Immer! Ich geh' nicht mehr fort.«
»Und deine Musik?«
»Ich mag sie nicht mehr, Papa! Den ganzen langen Weg hab' ich nur einen Gedanken, nur einen Wunsch gehabt …«
»Und der heißt?«
»Heim!«
Ende.