„Tief auch, natürlich.“
„Und wenn man hineinfällt. — —“
„Kommt man schwer heraus — außer wenn man schwimmen kann.“
„Da unten schlafen, ewig — — mit Ihnen. — — Ich liebe Sie ja, — ich — —“
Ich entfernte mich rasch. „Sie wissen nicht was Sie reden — und mit wem.“
Das arme, dumme Männchen — — — Warum hatte gerade er mir das gesagt? — — — Und unwillkürlich dachte ich mir einen Andern an seine Stelle — groß und blond. — Ich sah die lieben blauen Augen voll Zärtlichkeit auf mich gerichtet — — und eine Sehnsuchtüberkam mich, eine Sehnsucht riesengroß, seinen Mund sprechen zu hören — von Liebe.
Vielleicht hat er nicht so Unrecht gehabt, der kleine Spanier. — Ruhen da unten auf dem Meeresgrund, wo Alles schweigt.
Die armen Irren!
Nicht mehr die Folter ungestillter Wünsche!
***
10. Juni.
Auf meinem Tische steht ein Rosenstrauß in einer Opalschale. Kleine Sonnenfunken huschen über den irisierenden Stein, über die duftenden Blumen. Purpurn die einen, blaß und zart die andern. Sie sind von ihm. Und auch das Buch daneben. „Das Evangelium Buddhas“, die schönste, die poetischste der Religionen, die Religion der Güte. Ich schlage es auf und lese auf’s Geradewohl diese Stelle:
„Erbarme Dich Derer, die mühselig und beladen sind. Habe Mitleid mit den Leidenden. Hilf den Geschöpfen, welche hoffnungslos darniederliegen in den Fallstricken der Trübsal. Der Wohltäter hat den Pfad der Erlösung gefunden. Er gleicht einem Manne, der ein Bäumchen gepflanzt hat und sich dadurch Schatten, Blüten und Früchte sichert“.
Gerade diese Stelle hat er mir früher einmal genannt. Ich glaube, es ist sein Motto.
Ich habe das Buch geschlossen, mich zurückgelehnt im Schaukelstuhl und den Duft einer Rose eingesogen. — — — Dann bin ich traurig geworden. — Morgen wird die Glut verbleichen — und nichts bleibt übrig als ein welkes Blätterhäufchen. Es war. — Wenn man so nimmt, man müßte weinen über die Schönheit eines Blumenlebens, das man in Händen hält. — —
Ich kenne mich selbst nicht mehr. Ist das dieselbe vernünftige Mimi, deren Herz erstarrte, weil es zur Maienzeit ein Frost getroffen? — Oder ist’s die Andere, die Fremde?
Früher waren’s Nelken, jetzt sind es Rosen.
Es ist noch nicht so lange her.
O über unsere Unbeständigkeit!
***
Am 12. Juni.
Der General hat mir seine Photografie gegeben. „Cosa sarebbe la vita senza speranza? Dunque speriamo“ steht darauf.
Ja, wenn man könnte!
***
Am 14. Juni.
Egon hat viel zu tun mit seinem Buch und einer Arbeiterversammlung, der er nächstens präsidieren soll. — Ich seh’ ihn selten und wenn, dann scheint er mir einsilbigund zerstreut. Zum Concert aber, heute Abend, bei Solfini, will er kommen.
„Ob mir denn nicht wohl sei“, frug die Tante, „weil ich so blaß aussehe.“
Ich glaube, sie muß etwas gemerkt haben. Ich bin ihr dankbar, daß sie nicht darüber spricht.
Traurig ist’s, das Leben ohne Hoffnung.
***
Am 15. Juni.
Die Nachbarinnen haben uns zum Thee geladen. — Eine Schaar verblühter Mädchen sitzt um den Tisch, auf den eine gehäkelte Decke gebreitet ist. So zwischen dreißig und fünfzig Jahren — Herbstzeitlosen; die meisten sind recht häßlich. — — Sie schauen in das Leere, mit dem Blick des Leides und der getäuschten Erwartung.
Sie trinken aus großen, altmodischen Schalen Thee. Wenn sie sich bewegen, entströmt ihren Kleidern ein leiser Duft von Lavendel und getrockneten Rosen.
Sie flüstern, leise, furchtsam.
Ein hageres Fräulein sitzt am Spinett und spielt eine wehmütige Melodie. — In Moll. Gedämpft. — Die Tasten schäppern.
Laut wie gewöhnlich, schreiend fast, sprechen nur die Hausfrauen. Sie haben möglichst grelle Kleider angelegt zum Empfang — und Corona trägt eine Art Sandalen; die Lederriemen sind aber nicht festgemacht, sondern sieschleifen nach, und die metallenen Schnallen erzeugen einen Lärm wie Sporengerassel, wenn sie geht.
Keine hat einen Beruf. Es sind verfehlte Existenzen.
Entsetzlich.
Dann fuhren wir in’s Concert.
Das war schön.
Zuerst sang ein Österreicher — ein gewisser Link — von dem wir bis dahin nie etwas gehört haben. Nun ja, Niemand ist Prophet in seinem Vaterland. Der Mann verdient es, daß man ihm einige Aufmerksamkeit schenkt.
Sein Lied „Der Abendfriede“, mutet an wie ein Stimmungsbild vor Sonnenuntergang. Wie es mich ergriffen hat in seiner Zartheit und Farbenpracht! Man atmet förmlich den Duft dieser stillen Landschaft ein, den tiefen Frieden der Natur. Ein Schlummerlied, so leise und so weich.
Und die närrischen Leute applaudierten; ich hätt’ es nicht vermocht. Das höchste Glück, der größte Schmerz, — leidenschaftliche Liebe, tötlicher Haß, kurz alle auf’s Höchste getriebenen Sensationen erfordern Schweigen. — Das ist eventuell noch eine Steigerung.
Man soll den Zauber auf sich wirken lassen, still, hingebungsvoll, entzückt.
Und dann das Brahm’sche: „Wie bist Du meine Königin.“ — Wonnevoll, wonne — wonnevoll. Wie ich dieses Lied liebe!
Um mich her Sprechen und Surren wie in einem Bienenschwarm. — —
In meinem Innern gieng etwas Seltsames vor. Diese Musik hatte ungeahnte Tiefen in meiner Seele aufgewühlt, Schätze zu Tage gefördert, die im Grunde schlummerten. Die starren Bande, die Fesseln meiner Phantasie sind gelöst; ein Wunderland, ein prächtiges Bild nach dem andern entrollt sich vor meinem schönheitsdürstenden Auge. Eine Art Trunkenheit überkommt und entrückt mich in weltferne Regionen.
Das haben die Töne bewirkt, diese Fülle von Wohllaut, die meine Sinne umschmeichelten, — die einzelnen schrillen, wilden Klänge dazwischen, die sich wie scharfe Krallen in mein Herz verfiengen, es umklammerten — und zerfleischten.
Tomagno sang noch italienisch das „Vieni a l’amore.“ Das ist ein Künstler von Gottes Gnaden.
Ich schwelgte in den süßen Melodien — ich habe diesen Abend doppelt genossen, weil ich Egon in der Nähe wußte. Nach den musikalischen Vorträgen bat er mich, mich in den Wintergarten führen zu dürfen. Es ist ein Bau mit Säulen — im antiken Stil. Die Luft war schwer vom Dufte der Orangen und Tuberrosen. —
Wir standen uns gegenüber — allein.
Ich hatte den Kopf an eine der Säulen gelehnt und wartete, daß er spreche, irgend etwas sage, etwas Gleichgültiges.
„Sie passen hier herein. Wenden Sie den Kopf etwas zur Seite. — Ja so — — ich habe einmal eine Kamee gesehen — die trug Ihre Züge — nur weniger seelenvoll. Und gerade die Seele ist der Hauptreiz in einem Gesicht, die Seele ist das, was uns so mächtig anzieht, uns niederzwingt auf die Knie. Und darum“ — — — Einige lustwandelnde Paare kamen in unseren Bereich und maßen uns mit erstaunten Blicken: „Elle a de la chance, cette petite autrichienne“, hörte ich eine Dame sagen — — sein Satz blieb unvollendet.
Wir giengen bald.
Ach wenn ich wüßte! Was gäbe ich darum.
Mich selber, ganz und gar.
Und immer wieder hör’ ich das „wonne — wonnevoll“, zuerst laut, dann immer leiser, — schwächer — ersterbend.
***
Am 16. Juni.
Einmal wollte ich Venedig sehen — bei Nacht. Wir fuhren den Canal grande entlang. Es war, als hätte eine schöne Frau ihr herrlichstes Geschmeide angetan, ihr bestrickendstes Lächeln angenommen, um die Schar ihrer Verehrer zu blenden.
Geisterhaft bleich ragen die Palazzis zum Himmel und die Sterne durchfurchen ihn wie feurige Garben. Die bunten Papierlampions schaukeln hin und her im Abendwind.
Musik. Wir folgten in der Richtung, aus der die Töne drangen. — Anfänglich waren sie leise wie ein Flüstern, das Kosen des Zephirs in blütenbeschneiten Bäumen, plötzlich anschwellend, rauschend, brausend wie der Föhn, wenn sein glühender Hauch die Lawinen von den Bergen wälzt und talwärts schleudert.
Es war versengendes Feuer, das diesen Kehlen entströmte: eine unbeschreiblich ergreifende Melodie, die weithin zitterte über die stille Flut.
Da waren mit einemmale die trüben Bilder vergessen: ein warmes Glücksgefühl kam über mich. Ich faltete stumm die Hände und: „Liebe — Liebe“ — durchbebte es mich.
***
Am 17. Juni.
Laß mich vor Dir knien, laß’ mich die Arme um Dich schlingen und den Kopf an Deine Brust legen.
Denn ich gehöre Dir. Ich bin Dein Eigen mit Leib und Seele: mein ganzes Wesen drängt sich Dir zu, Du Unvergleichlicher.
Du hast mein Herz versengt. Deine Ketten sind weich und Dein Dienst ist wonnevoll.
Ach Gott, wie ich ihn liebe!
Wenn sie mich zum Schaffote führten, in seinem Auftrag, weil er es wollte, ich gienge frohen Sinnes, — in einer Art Hypnose. Mit ihm leben — für ihn sterben— Andres gibt es nicht für mich. Ohne ihn kann ich nicht sein: ich bedarf seiner wie des Atems.
Komm’ ich beschwör’ Dich, komm! —
Laß’ uns wandeln Hand in Hand, durch ein Dasein, das ewig währt, in dem es keine Trennung gibt. — Blumen sprießen auf unserem Weg und Schmetterlinge umgauckeln uns.
Komm’ laß’ uns glücklich sein und laß uns Andere beglücken.
Komm’ ich befehl’ es Dir.
———————————
„Ich denk’ an Dich mit tiefer Leidenschaft,Ich denk’ an Dich mit meiner Seele Kraft,Ich will mein Denken,So ganz in Dich versenken,Daß Du gezwungen bistAn mich zu denken.“
„Ich denk’ an Dich mit tiefer Leidenschaft,Ich denk’ an Dich mit meiner Seele Kraft,Ich will mein Denken,So ganz in Dich versenken,Daß Du gezwungen bistAn mich zu denken.“
„Ich denk’ an Dich mit tiefer Leidenschaft,Ich denk’ an Dich mit meiner Seele Kraft,Ich will mein Denken,So ganz in Dich versenken,Daß Du gezwungen bistAn mich zu denken.“
„Ich denk’ an Dich mit tiefer Leidenschaft,
Ich denk’ an Dich mit meiner Seele Kraft,
Ich will mein Denken,
So ganz in Dich versenken,
Daß Du gezwungen bist
An mich zu denken.“
———————————
Er hat mich gehört, er ist gekommen!
Ich wollte die Feder in mein rotes Herzblut tauchen, ins flammende Sonnengold um das Unfaßliche niederzuschreiben.
Ist denn möglich? Er liebt mich.
Das höchste Glück hat keine Worte.
„Egon!“
Schlussvignette
Albanus’sche Buchdruckerei Dresden.
G. Pierson’s Verlag in Dresden und Leipzig.Bertha von Suttner’s Werke:Die Waffen nieder!Eine Lebensgeschichte 28. Aufl.2 Bände. M. 6.—, geb. M. 8.—.Volksausgabe M. 2.—, geb. M. 3.—.Schriftsteller-Roman.M. 3.—, geb. M. 4.—.Erzählte Lustspiele.Neues aus dem High Life. Dritte Auflage. M. 3.—, geb. M. 4.—.Dr.Hellmuts Donnerstage.M. 3.—, geb. M. 4.—.Ein Manuskript.Dritte Aufl. M. 3.—, geb. M. 4.—.Verkettungen.Novellen. Zweite Auflage. M. 3.—, geb. M. 4.—.Inventarium einer Seele.Dritte Aufl. M. 4.—, geb. M. 5.—.Eva Siebeck.Roman. Dritte Auflage M. 5.—, geb. M. 6.—.Die Tiefinnersten.Roman. M. 5.—, geb. M. 6.—.Trente-et-Quarante.Roman. M. 5.—, geb. M. 6.—.Phantasien über den Gotha.Mit Porträt der Verfasserin. Geb. M. 5.—.Es Löwos.Eine Monographie. M. 1.50, geh. M. 2.50.Hanna.Roman. M. 5.—, geb. M. 6.—.High Life.Roman. Zweite Auflage. M. 5.—, geb. M. 6.—.Einsam und arm.Erzählung. 2 Bände. M. 8.—, geb. M. 10.—.Schmetterlinge.Novelletten und Skizzen. M. 3.—, geb. M. 4.—.La Traviata.Riviera-Roman. Zweite Auflage. M. 5.—, geb. M. 6.—.Schach der Qual!Ein Phantasiestück. M. 2.—, geb. M. 3.—.
G. Pierson’s Verlag in Dresden und Leipzig.
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Bertha von Suttner’s Werke:
Die Waffen nieder!Eine Lebensgeschichte 28. Aufl.
2 Bände. M. 6.—, geb. M. 8.—.Volksausgabe M. 2.—, geb. M. 3.—.
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