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Am nächsten Morgen, als ich bei ihr pochte,Rief keine Stimme mir wie sonst Herein.Ob sie um diese Zeit noch schlafen mochte?Das war kaum glaublich. Doch es konnte sein,Dass sie vielleicht zum Scherze nur geschwiegen.Und leis die Tür aufklinkend trat ich ein.Das Zimmer leer. Beim raschen ÜberfliegenNicht eine Spur von ihr – nicht eine mehr!Nur auf dem Kissen endlich sah ich liegenEin weisses Blatt. Ein Briefchen. ZentnerschwerSank mir's aufs Herz. Dies Blättchen schloss nun einWas Hoffnung mir und Furcht! Sein Inhalt der:»Geliebter Freund! Du wirst mir böse sein,Dass ich so heimlich mich hinweggeschlichen,Und hältst gewiss für feig mich, schwach und klein.Das bin ich auch. Sogar mit dir verglichen,Dem ich doch vorwarf, dass im Hass und LiebenEr allzuviel gezaudert und gewichen.Wie falsch das war! Du bist dir treu gebliebenVon Anfang bis zu Ende. Ich nur nicht,Ich hielt nicht stand! So ward ich fortgetrieben,Die Woge von dem Wind. Doch reut's mich nicht!Mir ist es heut, als machten wir zusammenNoch einen schönen Gang in Dämmerlicht.Hell leuchteten der Sonne letzte FlammenAuf unsre Wege, aber Wolken-TückeSchwoll hoch und höher, bis sie drin verschwammen.Wir schritten dennoch fort, versenkt im Glücke –Da standen plötzlich wir vor einer Kluft,Schwarz wie die Nacht und tief und ohne Brücke.Dich trug dein leichter Flügel durch die Luft,Ich konnte dir nicht folgen. So geschiedenStürzt' ich hinab und mich verschlang – die Gruft.Denn was ich vor mir sehe noch hiniedenIst Bessres kaum als Gruft: die Fremde, Ferne,Die einzig birgt wohl, was ich brauche, Frieden.Ich will versuchen, ob ich drüben lerneAuch ohne Glück den Menschen noch zu dienen.Den Schwachen, Kranken, half ich immer gerne –War ich's doch selbst! Und wärst du nicht erschienen,Ich wär des gleichen Wegs schon längst gegangen.Ich lese Zweifel jetzt in deinen Mienen,Doch glaub' mir, es ist wahr! Nur ein VerlangenHab ich daneben noch: Dass du nicht suchst,Nicht, wo ich bin, noch was ich angefangen –Dir will ich tot sein. Ob du liebst, ob fluchst,Mir gilt es gleich. Ich werd dich nie mehr sehen.Du sollst es auch nicht. Falls du's doch versuchst,Treibst du mich nur des letzten Wegs zu gehen,Den ich beinah schon jetzt gewählt. Drum: schweigeUnd lass ins Jenseits dir mein Bild verwehen.Ring auch mit Zweifeln nicht und glaub, es zeigeVielleicht ein Ausweg sich.Nicht jeder kann,Was ihm das Schicksal aufgab.Also neigeAuch ich mich deinem Muss, mein – halber Mann.Sei mir nicht gram, dass ich trotz aller LiebeDir das so offen sag –: die ficht's nicht an!Glaub nicht, wenn ich des Lebens bunt GetriebeJetzt lassen muss, dass mir gross Leid geschähe!Das wär nicht wahr! Was mir noch übrig bliebeVon seinem Schimmer ohne deine Nähe,Gilt mir ein Nichts. Und so gedenke meinWie einer, die dich gerne glücklich sähe.Dazu versuche eines: stark zu sein.«

Am nächsten Morgen, als ich bei ihr pochte,Rief keine Stimme mir wie sonst Herein.Ob sie um diese Zeit noch schlafen mochte?Das war kaum glaublich. Doch es konnte sein,Dass sie vielleicht zum Scherze nur geschwiegen.Und leis die Tür aufklinkend trat ich ein.Das Zimmer leer. Beim raschen ÜberfliegenNicht eine Spur von ihr – nicht eine mehr!Nur auf dem Kissen endlich sah ich liegenEin weisses Blatt. Ein Briefchen. ZentnerschwerSank mir's aufs Herz. Dies Blättchen schloss nun einWas Hoffnung mir und Furcht! Sein Inhalt der:»Geliebter Freund! Du wirst mir böse sein,Dass ich so heimlich mich hinweggeschlichen,Und hältst gewiss für feig mich, schwach und klein.Das bin ich auch. Sogar mit dir verglichen,Dem ich doch vorwarf, dass im Hass und LiebenEr allzuviel gezaudert und gewichen.

Am nächsten Morgen, als ich bei ihr pochte,Rief keine Stimme mir wie sonst Herein.Ob sie um diese Zeit noch schlafen mochte?

Am nächsten Morgen, als ich bei ihr pochte,

Rief keine Stimme mir wie sonst Herein.

Ob sie um diese Zeit noch schlafen mochte?

Das war kaum glaublich. Doch es konnte sein,Dass sie vielleicht zum Scherze nur geschwiegen.Und leis die Tür aufklinkend trat ich ein.

Das war kaum glaublich. Doch es konnte sein,

Dass sie vielleicht zum Scherze nur geschwiegen.

Und leis die Tür aufklinkend trat ich ein.

Das Zimmer leer. Beim raschen ÜberfliegenNicht eine Spur von ihr – nicht eine mehr!Nur auf dem Kissen endlich sah ich liegen

Das Zimmer leer. Beim raschen Überfliegen

Nicht eine Spur von ihr – nicht eine mehr!

Nur auf dem Kissen endlich sah ich liegen

Ein weisses Blatt. Ein Briefchen. ZentnerschwerSank mir's aufs Herz. Dies Blättchen schloss nun einWas Hoffnung mir und Furcht! Sein Inhalt der:

Ein weisses Blatt. Ein Briefchen. Zentnerschwer

Sank mir's aufs Herz. Dies Blättchen schloss nun ein

Was Hoffnung mir und Furcht! Sein Inhalt der:

»Geliebter Freund! Du wirst mir böse sein,Dass ich so heimlich mich hinweggeschlichen,Und hältst gewiss für feig mich, schwach und klein.

»Geliebter Freund! Du wirst mir böse sein,

Dass ich so heimlich mich hinweggeschlichen,

Und hältst gewiss für feig mich, schwach und klein.

Das bin ich auch. Sogar mit dir verglichen,Dem ich doch vorwarf, dass im Hass und LiebenEr allzuviel gezaudert und gewichen.

Das bin ich auch. Sogar mit dir verglichen,

Dem ich doch vorwarf, dass im Hass und Lieben

Er allzuviel gezaudert und gewichen.

Wie falsch das war! Du bist dir treu gebliebenVon Anfang bis zu Ende. Ich nur nicht,Ich hielt nicht stand! So ward ich fortgetrieben,Die Woge von dem Wind. Doch reut's mich nicht!Mir ist es heut, als machten wir zusammenNoch einen schönen Gang in Dämmerlicht.Hell leuchteten der Sonne letzte FlammenAuf unsre Wege, aber Wolken-TückeSchwoll hoch und höher, bis sie drin verschwammen.Wir schritten dennoch fort, versenkt im Glücke –Da standen plötzlich wir vor einer Kluft,Schwarz wie die Nacht und tief und ohne Brücke.Dich trug dein leichter Flügel durch die Luft,Ich konnte dir nicht folgen. So geschiedenStürzt' ich hinab und mich verschlang – die Gruft.Denn was ich vor mir sehe noch hiniedenIst Bessres kaum als Gruft: die Fremde, Ferne,Die einzig birgt wohl, was ich brauche, Frieden.

Wie falsch das war! Du bist dir treu gebliebenVon Anfang bis zu Ende. Ich nur nicht,Ich hielt nicht stand! So ward ich fortgetrieben,

Wie falsch das war! Du bist dir treu geblieben

Von Anfang bis zu Ende. Ich nur nicht,

Ich hielt nicht stand! So ward ich fortgetrieben,

Die Woge von dem Wind. Doch reut's mich nicht!Mir ist es heut, als machten wir zusammenNoch einen schönen Gang in Dämmerlicht.

Die Woge von dem Wind. Doch reut's mich nicht!

Mir ist es heut, als machten wir zusammen

Noch einen schönen Gang in Dämmerlicht.

Hell leuchteten der Sonne letzte FlammenAuf unsre Wege, aber Wolken-TückeSchwoll hoch und höher, bis sie drin verschwammen.

Hell leuchteten der Sonne letzte Flammen

Auf unsre Wege, aber Wolken-Tücke

Schwoll hoch und höher, bis sie drin verschwammen.

Wir schritten dennoch fort, versenkt im Glücke –Da standen plötzlich wir vor einer Kluft,Schwarz wie die Nacht und tief und ohne Brücke.

Wir schritten dennoch fort, versenkt im Glücke –

Da standen plötzlich wir vor einer Kluft,

Schwarz wie die Nacht und tief und ohne Brücke.

Dich trug dein leichter Flügel durch die Luft,Ich konnte dir nicht folgen. So geschiedenStürzt' ich hinab und mich verschlang – die Gruft.

Dich trug dein leichter Flügel durch die Luft,

Ich konnte dir nicht folgen. So geschieden

Stürzt' ich hinab und mich verschlang – die Gruft.

Denn was ich vor mir sehe noch hiniedenIst Bessres kaum als Gruft: die Fremde, Ferne,Die einzig birgt wohl, was ich brauche, Frieden.

Denn was ich vor mir sehe noch hinieden

Ist Bessres kaum als Gruft: die Fremde, Ferne,

Die einzig birgt wohl, was ich brauche, Frieden.

Ich will versuchen, ob ich drüben lerneAuch ohne Glück den Menschen noch zu dienen.Den Schwachen, Kranken, half ich immer gerne –War ich's doch selbst! Und wärst du nicht erschienen,Ich wär des gleichen Wegs schon längst gegangen.Ich lese Zweifel jetzt in deinen Mienen,Doch glaub' mir, es ist wahr! Nur ein VerlangenHab ich daneben noch: Dass du nicht suchst,Nicht, wo ich bin, noch was ich angefangen –Dir will ich tot sein. Ob du liebst, ob fluchst,Mir gilt es gleich. Ich werd dich nie mehr sehen.Du sollst es auch nicht. Falls du's doch versuchst,Treibst du mich nur des letzten Wegs zu gehen,Den ich beinah schon jetzt gewählt. Drum: schweigeUnd lass ins Jenseits dir mein Bild verwehen.Ring auch mit Zweifeln nicht und glaub, es zeigeVielleicht ein Ausweg sich.Nicht jeder kann,Was ihm das Schicksal aufgab.Also neige

Ich will versuchen, ob ich drüben lerneAuch ohne Glück den Menschen noch zu dienen.Den Schwachen, Kranken, half ich immer gerne –

Ich will versuchen, ob ich drüben lerne

Auch ohne Glück den Menschen noch zu dienen.

Den Schwachen, Kranken, half ich immer gerne –

War ich's doch selbst! Und wärst du nicht erschienen,Ich wär des gleichen Wegs schon längst gegangen.Ich lese Zweifel jetzt in deinen Mienen,

War ich's doch selbst! Und wärst du nicht erschienen,

Ich wär des gleichen Wegs schon längst gegangen.

Ich lese Zweifel jetzt in deinen Mienen,

Doch glaub' mir, es ist wahr! Nur ein VerlangenHab ich daneben noch: Dass du nicht suchst,Nicht, wo ich bin, noch was ich angefangen –

Doch glaub' mir, es ist wahr! Nur ein Verlangen

Hab ich daneben noch: Dass du nicht suchst,

Nicht, wo ich bin, noch was ich angefangen –

Dir will ich tot sein. Ob du liebst, ob fluchst,Mir gilt es gleich. Ich werd dich nie mehr sehen.Du sollst es auch nicht. Falls du's doch versuchst,

Dir will ich tot sein. Ob du liebst, ob fluchst,

Mir gilt es gleich. Ich werd dich nie mehr sehen.

Du sollst es auch nicht. Falls du's doch versuchst,

Treibst du mich nur des letzten Wegs zu gehen,Den ich beinah schon jetzt gewählt. Drum: schweigeUnd lass ins Jenseits dir mein Bild verwehen.

Treibst du mich nur des letzten Wegs zu gehen,

Den ich beinah schon jetzt gewählt. Drum: schweige

Und lass ins Jenseits dir mein Bild verwehen.

Ring auch mit Zweifeln nicht und glaub, es zeigeVielleicht ein Ausweg sich.Nicht jeder kann,Was ihm das Schicksal aufgab.Also neige

Ring auch mit Zweifeln nicht und glaub, es zeige

Vielleicht ein Ausweg sich.Nicht jeder kann,

Was ihm das Schicksal aufgab.Also neige

Auch ich mich deinem Muss, mein – halber Mann.Sei mir nicht gram, dass ich trotz aller LiebeDir das so offen sag –: die ficht's nicht an!Glaub nicht, wenn ich des Lebens bunt GetriebeJetzt lassen muss, dass mir gross Leid geschähe!Das wär nicht wahr! Was mir noch übrig bliebeVon seinem Schimmer ohne deine Nähe,Gilt mir ein Nichts. Und so gedenke meinWie einer, die dich gerne glücklich sähe.Dazu versuche eines: stark zu sein.«

Auch ich mich deinem Muss, mein – halber Mann.Sei mir nicht gram, dass ich trotz aller LiebeDir das so offen sag –: die ficht's nicht an!

Auch ich mich deinem Muss, mein – halber Mann.

Sei mir nicht gram, dass ich trotz aller Liebe

Dir das so offen sag –: die ficht's nicht an!

Glaub nicht, wenn ich des Lebens bunt GetriebeJetzt lassen muss, dass mir gross Leid geschähe!Das wär nicht wahr! Was mir noch übrig bliebe

Glaub nicht, wenn ich des Lebens bunt Getriebe

Jetzt lassen muss, dass mir gross Leid geschähe!

Das wär nicht wahr! Was mir noch übrig bliebe

Von seinem Schimmer ohne deine Nähe,Gilt mir ein Nichts. Und so gedenke meinWie einer, die dich gerne glücklich sähe.

Von seinem Schimmer ohne deine Nähe,

Gilt mir ein Nichts. Und so gedenke mein

Wie einer, die dich gerne glücklich sähe.

Dazu versuche eines: stark zu sein.«

Dazu versuche eines: stark zu sein.«


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