20Die Wahrsagung

Freitag, 22. April

Eines Nachts schlief der Junge auf einem der Holme des Tåkern, als das Geräusch von Ruderschlägen ihn weckte. Kaum hatte er die Augen aufgemacht und sie auf den See gerichtet, als ein starker Lichtschein aufflammte, der ihn beinahe blendete.

Zuerst konnte er nicht begreifen, was draußen auf dem See so hell leuchtete, bald aber sah er, daß am Schilfrand ein Kahn lag, in dessen Hintersteven eine große Pechfackel an einer eisernen Gabel brannte. Die roten Flammen der Fackel spiegelten sich deutlich in dem nachtschwarzen See, und der prächtige Schein mußte die Fische herbeigelockt haben, denn um die Flamme in der Tiefe herum zeigte sich eine Menge dunkler Striche, die sich beständig bewegten und den Platz wechselten.

In dem Kahn befanden sich zwei alte Männer. Der eine saß bei den Rudern, der andre stand auf dem hintern Brett und hielt einen kurzen, mit großen Widerhaken versehenen Spieß in der Hand. Der Mann, der die Ruder führte, schien ein armer Fischer zu sein. Er war klein, ausgemergelt und wettergebräunt und hatte einen dünnen abgetragenen Rock an. Offenbar war dieser Mann gewohnt, bei jedem Wetter draußen zu sein, und machte sich nichts aus der Kälte. Der andre war wohlgenährt und gut gekleidet und sah wie ein gebieterischer, selbstbewußter Bauer aus.

„Halt nun still!“ sagte der Bauer, als sie dicht bei dem Holm waren, wo der Junge lag. In demselben Augenblick stieß er den Spieß ins Wasser, und als er ihn wieder herauszog, kam ein langer, prächtiger Aal mit aus der Tiefe herauf.

„Ei sieh da!“ sagte der Bauer, während er den Aal von der Gabel losmachte, „das ist einer, der sich sehen lassen kann. Jetzt haben wir, glaub ich, genug und können umdrehen.“

Aber der andre schaute sich um, ohne die Ruder zu bewegen. „Wie schön ist es heute Abend hier draußen!“ sagte er. Und das war in der Tat so. Kein Lüftchen rührte sich; mit Ausnahme des Streifens, den der Kahn gezogen hatte, lag der ganze Wasserspiegel regungslos da. Wie eine Fläche aus purem Golde leuchtete er in dem Feuerschein.

Hoch und klar wölbte sich der mit Sternen besäte dunkelblaue Nachthimmel darüber. Gegen Westen verdeckten die Schilfholme das Ufer. Dort drüben erhob sich der Omberg groß und dunkel, viel mächtiger als gewöhnlich, und er schnitt ein großes dreieckiges Stück des Himmelsgewölbes weg.

Der andre wendete den Kopf von dem Feuerschein ab und schaute sich um. „Ja, es ist schön hier in Ostgötland,“ sagte er. „Aber das beste an der Landschaft ist doch nicht ihre Schönheit.“

„Was ist denn das beste?“ fragte der Fährmann.

„Daß es von jeher eine angesehene, hochgepriesene Landschaft war.“

„Ja, das ist sehr wahr.“

„Und ferner, daß man weiß, daß es immer so bleiben wird.“

„Wie soll man das wissen?“ fragte der andre, der die Ruder führte.

Der Bauer richtete sich auf und stützte sich auf seinen Spieß. „In unserer Familie hat sich eine alte Geschichte immer wieder vom Vater auf den Sohn vererbt, und in dieser Geschichte erfährt man, wie es mit Ostgötland gehen wird.“

„Dann könntest du sie mir wohl erzählen,“ sagte der Ruderer.

„Wir pflegen sie sonst nicht dem ersten besten zu erzählen, aber einem alten Kameraden will ich sie nicht vorenthalten.“

„Auf dem Gute Ulvåsa hier in Ostgötland,“ fuhr er fort, und jetzt konnte man an seinem Ton merken, daß er etwas erzählte, was er selbst von andern gehört hatte und auswendig wußte, „wohnte vor vielen Jahren eine Schloßherrin, die die Gabe hatte, in die Zukunft zu schauen und den Leuten vorauszusagen, was ihnen widerfahren werde, und zwar sicher und genau, wie wenn es wirklich schon geschehen wäre. Deshalb wurde sie weitberühmt, und man kann sich wohl denken, wie die Leute von nah und fern herbeizogen, um zu erfahren, was sie Gutes oder Böses zu erwarten hätten.

Eines Tages, als die Frau auf Ulvåsa in ihrem Saal am Spinnrad saß, wie das in frühern Zeiten Sitte war, trat ein armer Bauer herein und setzte sich ganz unten an der Tür auf die Bank.

‚Ich möchte wohl wissen, was Ihr denkt, liebe Schloßherrin?‘ sagte der Bauer nach einer Weile.

‚Ich denke an hohe und heilige Dinge,‘ antwortete sie.

‚Es würde sich wohl nicht schicken, wenn ich Euch um etwas fragte, das mir sehr am Herzen liegt?‘ fragte der Bauer.

‚Ei, es wird dir wohl nichts am Herzen liegen, als die Frage, ob du vielKorn von deinen Äckern ernten werdest. Aber ich bin gewohnt, von dem Kaiser gefragt zu werden, wie es um seine Krone stehe, und von dem Papst, wie es mit seinen Schlüsseln bestellt sei?‘

‚Ja, so etwas ist wohl nicht leicht zu beantworten,‘ sagte der Bauer. ‚Und ich habe auch gehört, daß noch nie jemand von hier weggegangen sei, der mit der Antwort, die er erhalten habe, zufrieden gewesen wäre.‘

Als der Bauer dies sagte, sah er, daß die Schloßfrau sich auf die Lippe biß und auf der Bank weiter hinaufrückte. ‚So, das hast du von mir gehört?‘ sagte sie. ‚Nun, dann mache einmal den Versuch und frage mich nach dem, was du wissen möchtest, alsdann wirst du ja sehen, ob ich so antworten kann, daß du zufrieden bist.‘

Nach dieser Aufforderung zögerte der Bauer nicht länger mit seinem Anliegen. Er sagte, er sei gekommen, sich zu erkundigen, wie es zukünftig mit Ostgötland gehen werde. Denn nichts sei ihm so lieb wie dieses Land, und er wisse, er würde bis zu seiner letzten Stunde glücklich sein, wenn er eine gute Antwort auf diese Frage bekäme.

‚Wenn du sonst nichts wissen willst,‘ sagte die weise Frau, ‚dann werde ich dich wohl befriedigen können. Denn so wahr ich hier sitze, kann ich dir sagen, Ostgötland wird allezeit etwas haben, dessen es sich vor andern Landschaften wird rühmen können.‘

‚Ja, das ist eine gute Antwort, liebe Schloßfrau,‘ sagte der Bauer, ‚und ich wäre ganz befriedigt, wenn ich nur begreifen könnte, wie das zugehen soll.‘

‚Warum sollte es nicht möglich sein?‘ sagte die Frau von Ulvåsa. ‚Weißt du nicht, daß Ostgötland jetzt schon weit berühmt ist? Oder meinst du, es gebe in ganz Schweden eine Landschaft, die sich rühmen könnte, zwei solche Klöster zu besitzen wie Alvastra und Vreta, und eine so schöne Domkirche wie die in Linköping?‘

‚Das mag wohl so sein,‘ sagte der Bauer, ‚aber ich bin ein alter Mann und weiß, daß das Herz des Menschen veränderlich ist, und ich fürchte, es möchte eine Zeit kommen, wo sie uns weder wegen Alvastra oder Vreta noch wegen unserer Domkirche ehren werden.‘

‚Damit kannst du recht haben,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber deshalb brauchst du doch nicht an meiner Wahrsagung zu zweifeln. Ich werde jetzt ein neues Kloster auf Vadstena bauen lassen, und dieses wird sicherlich das berühmteste hier im Norden werden. Hoch und niedrig wird dorthin wallfahren, und alle werden diese Landschaft preisen, weil sie einen so heiligen Ort in ihren Grenzen birgt.‘

Der Bauer erwiderte, er freue sich ganz außerordentlich über diese Nachricht. Aber da er wohl wisse, daß alles vergänglich sei, möchte er eben doch gar zu gern erfahren, was dem Lande Ansehen verschaffen könne, wenn das Kloster Vadstena je einmal in üblen Ruf käme.

‚Du bist nicht leicht zufrieden zu stellen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber ich sehe gar weit in die Zukunft, und deshalb kann ich dir sagen, ehe dasKloster Vadstena seinen Glanz verliert, wird daneben ein Schloß erbaut werden, das das prächtigste seiner Zeit sein wird. Könige und Fürsten werden da wohnen, und es wird der ganzen Landschaft zur Ehre gereichen, einen solchen Schmuck zu besitzen.‘

‚Das zu hören, freut mich auch sehr,‘ sagte der Bauer. ‚Aber ich bin ein alter Mann und weiß, wie es mit der Herrlichkeit dieser Welt zu gehen pflegt, und ich möchte wohl wissen, was die Blicke der Leute auf diese Landschaft lenken soll, wenn das Schloß einmal in Verfall gerät.‘

‚Du begehrst nicht wenig zu wissen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber ich kann doch so weit in die Zukunft schauen, daß ich sehe, wie in den Wäldern um Finspång herum Leben und Bewegung entsteht. Ich sehe, daß dort Eisenhütten und Schmiedewerkstätten errichtet werden, und ich glaube, daß man die ganze Landschaft darum ehren wird, daß in ihrem Gebiet das Eisen verarbeitet wird.‘

Der Bauer verbarg nicht, wie sehr er sich über diese Nachricht freute. ‚Aber,‘ fuhr er fort, ‚wenn es nun so schlecht ginge, daß auch das Finspånger Hüttenwerk sein Ansehen verlöre, dann könnte wohl unmöglich noch etwas Neues aufkommen, dessen sich Ostgötland rühmen könnte?‘

‚Du bist nicht leicht zufriedenzustellen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber so weit in die Zukunft kann ich doch noch schauen, daß ich sehe, wie hier von Herrenleuten, die in fremden Ländern Krieg geführt haben, Edelsitze erbaut werden, die so groß wie Schlösser sind, und ich glaube, daß diese Herrenhöfe dem Lande ebensoviel Ehre eintragen werden, wie alles andre, von dem ich gesprochen habe.‘

‚Aber wenn einst die Zeit kommt, wo niemand mehr die großen Herrenhöfe preist?‘

‚So brauchst du doch keineswegs ängstlich zu sein,‘ erwiderte die Frau von Ulvåsa. ‚Auf den Auen von Medevi in der Nähe des Wettern sehe ich Heilquellen hervorsprudeln, und die Quellen von Medevi werden dem Lande ebensoviel Ehre gewinnen wie irgend etwas, von dem ich bis jetzt gesprochen habe.‘

‚Ja, das ist wirklich etwas Großes, was ich da gehört habe,‘ sagte der Bauer. ‚Aber wenn nun eine Zeit kommt, wo die Menschen an andern Quellen Heilung suchen?‘

‚Deshalb brauchst du nicht ängstlich zu sein,‘ antwortete die Frau von Ulvåsa. ‚Denn ich sehe, wie die Menschen von Motala bis Mem arbeiten. Sie graben eine Wasserstraße quer durchs Land, und von dieser wird Ostgötland ebensoviel Ehre haben wie von irgend etwas anderm.‘

Aber der Bauer sah trotzalledem beunruhigt aus.

‚Ich sehe, wie die Fälle des Motalastromes Räder drehen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, und auf ihren Wangen zeigten sich zwei rote Flecke, denn jetzt begann sie ungeduldig zu werden. ‚Ich höre in Motala Hammerschläge dröhnen und in Norrköping Webstühle schlagen.‘

‚Ja, das ist ein angenehmer Klang,‘ sagte der Bauer, ‚aber alles istvergänglich, und ich fürchte, auch dieses könnte einmal vergessen und verlassen sein.‘

Doch als der Bauer auch jetzt noch nicht befriedigt war, da war die Geduld der Schloßfrau erschöpft. ‚Du sagst, alles sei vergänglich!‘ rief sie. ‚Aber jetzt will ich dir etwas nennen, was immer und ewig sich gleich bleiben wird. Und das ist, daß es hier in dieser Landschaft bis zum jüngsten Tage solche hochmütige, eigensinnige Bauern geben wird, wie du einer bist!‘

Kaum hatte die Frau von Ulvåsa dies gesagt, als der Bauer auch schon fröhlich und vergnügt aufstand und ihr für die gute Auskunft dankte. Jetzt endlich sei er befriedigt, sagte er.

‚Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst,‘ sagte die Frau von Ulvåsa.

‚Ja, seht Ihr, liebe Schloßfrau,‘ antwortete der Bauer, ‚ich denke so: alles, was Könige und Klosterleute und Gutsbesitzer und Stadtbewohner bauen und errichten, das hat nur einige Jahre Bestand. Aber wenn Ihr mir sagt, daß es in Ostgötland immer ehrgeizige und beharrliche Bauern geben werde, dann weiß ich auch, daß es seinen alten Ruhm behalten wird. Denn nur die, die unter der ewigen Arbeit zur Erde gebückt einhergehen, können das Land für alle Zeiten in Wohlstand und Ehren erhalten.‘“

Samstag, 23. April

Hoch droben in der Luft flog der Junge dahin. Er hatte die große Ostgötaebene unter sich, und im Vorüberfliegen zählte er die vielen weißen Kirchen, die zwischen den kleinen Baumgruppen aufragten. Und es dauerte nicht lange, da war er schon bei der Zahl fünfzehn angekommen. Aber dann kam er draus, und er konnte die richtige Reihenzahl nicht mehr einhalten.

Die meisten Höfe hatten große weißangestrichene zweistöckige Häuser, die sehr stattlich aussahen, und der Junge verwunderte sich sehr darüber. „Hierzulande gibt es, wie es scheint, keine Bauern,“ sagte er vor sich hin. „Ich sehe ja lauter Herrenhöfe.“

Doch da riefen die Wildgänse sogleich: „Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute! Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute!“

Auf der Ebene drunten waren Eis und Schnee verschwunden, und die Frühlingsarbeiten hatten begonnen. „Was sind das für lange Krebse, die über die Äcker hinkriechen?“ fragte der Junge nach einer Weile.

„Pflüge und Ochsen! Pflüge und Ochsen!“ antworteten alle Wildgänse zugleich.

Die Ochsen kamen auf den Äckern so langsam vorwärts, daß man gar nicht merkte, wie sie sich bewegten, und die Gänse riefen ihnen zu: „Ihr kommt erst im nächsten Jahr an Ort und Stelle! Ihr kommt erst im nächsten Jahr an Ort und Stelle!“

Aber die Ochsen blieben die Antwort nicht schuldig. Sie taten das Maul auf und brüllten: „Wir schaffen in einer Stunde mehr Nutzen, als solche Landstreicher wie ihr in eurem ganzen Leben!“

An einigen Orten wurden die Pflüge von Pferden gezogen, und diese zogen mit viel größerem Eifer als die Ochsen. „Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu tun?“ riefen die Gänse den Pferden zu. „Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu tun?“

„Schämt ihr euch nicht selbst, die Faulenzer zu spielen?“ wieherten die Pferde zurück.

Während Pferde und Ochsen bei der Arbeit draußen waren, lief derStallhammel auf dem Hofe umher. Er war frisch geschoren und machte allerlei Bocksprünge, warf die kleinen Jungen um, trieb den Kettenhund in seine Hütte hinein und stolzierte dann umher, als sei er allein Herr auf dem Hofe. „Hammel, Hammel, was hast du mit deiner Wolle getan?“ fragten die Wildgänse, die über ihn hinflogen.

„Die hab ich in die Fabriken von Norrköping geschickt!“ antwortete der Hammel mit einem langen Meckern.

„Hammel, Hammel, was hast du mit deinen Hörnern gemacht?“ fragten die Gänse. Aber Hörner hatte der Hammel zu seinem großen Kummer nie gehabt, und man konnte ihn nicht mehr kränken, als wenn man ihn darnach fragte. Lange sprang er wild umher und stieß mit dem Kopfe, so zornig war er.

Auf der Landstraße trieb ein Mann aus Schonen eine Herde Ferkel vor sich her, die erst ein paar Wochen alt waren und weiter oben im Lande verkauft werden sollten. Die Ferkel trotteten tapfer voran, ob sie auch noch so klein waren, und hielten sich dicht zusammen, wie um beieinander Schutz zu suchen. „Nöff, nöff, nöff, wir sind zu zeitig von Vater und Mutter weggekommen! Nöff, nöff, nöff, wie soll es uns armen Kindern gehen?“ grunzten die Ferkelchen.

Nicht einmal die Wildgänse hatten das Herz, solche arme Tröpfchen zu necken. „Es wird euch besser gehen, als ihr denkt!“ riefen sie ihnen im Vorbeifliegen zu.

Die Wildgänse waren nie so guter Laune, als wenn sie über ebenes Land hinflogen. Da beeilten sie sich durchaus nicht, sondern flogen von Hof zu Hof und trieben ihren Spaß mit den Haustieren.

Während der Junge so über die Ebene hinritt, fiel ihm eine Sage ein, die er vor langer Zeit einmal gehört hatte. Er erinnerte sich ihrer nicht ganz genau, es handelte sich darin um einen Rock, dessen eine Hälfte aus goldglänzendem Samt, die andre aber aus grauem Drillich bestand. Aber der Besitzer des Rockes besetzte die Drillichseite mit so viel Perlen und Edelsteinen, daß sie schöner und köstlicher glänzte als der Goldstoff.

An diese Drillichseite mußte der Junge denken, als er jetzt auf Ostgötland hinabschaute, denn es bestand aus einer großen Ebene, die im Norden und Süden von zwei bewaldeten Bergen eingeschlossen war. Die beiden Bergeshöhen lagen schimmernd blau und wie mit einem goldnen Schleier verhüllt im Morgenlicht da, und die Ebene, die nur einen winterlich kahlen Acker neben dem andern ausbreitete, machte an und für sich keinen schöneren Eindruck als grauer Drillich.

Aber den Menschen war es gut gegangen auf dieser Ebene, weil sie freigebig und gütig ist, und deshalb hatten sie versucht, sie so schön als möglich herauszuputzen. Als der Junge hoch droben auf dem Gänserücken dahinritt, kamen ihm die Städte und Höfe, Kirchen und Fabriken, Schlösser und Bahnhöfe wie große und kleine Schmuckstücke vor, die darüber hingestreut waren.Die Ziegeldächer glänzten im Sonnenschein, und die Fensterscheiben funkelten wie Edelsteine. Gelbe Landstraßen, glänzende Eisenbahnschienen und blaue Kanäle liefen wie aus Seide gestickte Ranken zwischen den Ortschaften hin. Linköping lag um seine Domkirche herum wie die Perleneinfassung um einen kostbaren Stein, und die Höfe auf dem Lande waren wie Busennadeln und Knöpfe. Es war nicht viel Ordnung im Muster, aber es war eine Pracht, die zu sehen man nie müde wurde.

Die Gänse hatten die Omberggegend verlassen und flogen jetzt in östlicher Richtung am Götakanal hin. Dieser war auch dabei, sich für den Sommer herzurichten. Arbeiter besserten die Kanalufer aus und strichen die großen Schleusentüren mit Teer an.

Ja, überall auf dem Lande wurde gearbeitet, um den Frühling gut zu empfangen, und desgleichen auch in den Städten. Da standen Maler und Maurer auf den Gerüsten vor den Häusern und machten sie fein, die Dienstmädchen beugten sich zu den offnen Fenstern heraus und putzten die Scheiben. Drunten am Hafen wurden Segelboote und Dampfschiffe hergerichtet.

Bei Norrköping verließen die Wildgänse die Ebene und flogen gen Kolmården, und eine Weile folgten sie einer alten, hügeligen Landstraße, die sich an Felsenschluchten und wilden Bergwänden hinzog. Da stieß der Junge plötzlich einen Schrei aus. Er hatte, während er da auf dem Gänserich durch die Luft ritt, mit dem einen Fuß geschaukelt und dabei einen Holzschuh verloren.

„Gänserich! Gänserich!“ rief der Junge. „Ich habe meinen Holzschuh fallen lassen!“

Der Gänserich wendete sich um und ließ sich auf die Erde hinabfallen. Aber da sah der Junge, daß zwei Kinder, die auf dem Wege daherkamen, seinen Schuh aufgelesen hatten.

„Gänserich! Gänserich!“ schrie der Junge schnell. „Flieg wieder hinauf! Es ist zu spät! Ich kann meinen Schuh nicht wieder erlangen!“

Aber drunten auf dem Wege stand das Gänsemädchen Åsa mit ihrem Bruder Klein-Mats, und sie betrachteten einen kleinen Holzschuh, der vom Himmel heruntergefallen war.

„O Klein-Mats, erinnerst du dich, als wir am Övedskloster vorbeikamen, erzählte man uns in einem Bauernhofe, man habe dort ein Wichtelmännchen gesehen, das Lederhosen und Holzschuhe angehabt habe wie ein einfacher Arbeiter. Und weißt du, wie wir nach Vittskövle kamen, erzählte uns ein Mädchen, sie habe ein Wichtelmännchen in Holzschuhen gesehen, das auf dem Rücken einer Gans davongeflogen sei. Und weißt du, Klein-Mats, als wir selbst in unsere Hütte zurückkehrten, da haben wir ein Männlein gesehen, das gerade so angezogen war und auch auf eine Gans hinaufkletterte, mit der es dann davonflog. Vielleicht ist eben jetzt dasselbe gute Wichtelmännchen da oben auf seiner Gans über uns hingeflogen, und das hat den Schuh verloren.“

„Ja, so wirds wohl sein,“ sagte Klein-Mats.

Sie wendeten den Holzschuh um und betrachteten ihn genau, denn man findet nicht alle Tage den Holzschuh eines Wichtelmännchens auf der Landstraße.

„Warte, warte, Klein-Mats!“ rief Åsa. „Hier auf der einen Seite steht etwas.“

„Ja, wirklich. Aber es sind sehr kleine Buchstaben.“

„Laß mich einmal sehen! Ja, da steht – – da steht – Nils Holgersson von Westvemmenhög.“

„Das ist das Merkwürdigste, was ich je gehört habe!“ sagte Klein-Mats.

Nördlich von Bråviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgötland und Sörmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und über eine Meile breit ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wäre, dann wäre er der schönste Berg, den man sich nur denken könnte; aber er ist nun eben nicht so hoch.

Ab und zu trifft man wohl ein Gebäude, das von Anfang an so groß angelegt wurde, daß der Eigentümer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewölbe und tiefe Keller, aber gar keine Außenwände und keine Dächer, das Ganze erhebt sich nur ein paar Fuß hoch über der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten Grenzberges muß man unwillkürlich an so ein verlassenes Bauwerk denken, denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die Grundlage für einen Berg. Mit steil abfallenden Hängen ragt er aus der Ebene empor, und nach allen Seiten sind große Felsmassen aufgetürmt, die aussehen, als wären sie dazu bestimmt gewesen, mächtige, hohe Felsenhallen zu tragen. Alles ist gewaltig und großartig und riesenmäßig angelegt, aber es hat keine richtige Höhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister muß der Sache überdrüssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die steilenFelsenwände und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen aufgeführt hatte, die sonst wie Mauern und Dächer auf den fertig gebauten Bergen stehen.

Aber gleichsam als Ersatz für die Gipfel und Felsenkuppen ist der große Berg von jeher mit prächtigen Bäumen bestanden gewesen. Eichen und Linden wuchsen am Saum des Waldes und in den Tälern, Birken und Erlen um den See herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber überall, wo sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle diese Bäume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefürchteten großen Wald von Kolmården, der so verrufen war, daß jeder Wanderer, der hindurch mußte, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stündchens gewärtig war.

Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmården heranwuchs, daß niemand mehr imstande wäre, uns zu sagen, wie er allmählich so wurde, wie er heute ist. Im Anfang mußten sich die Bäume wohl ordentlich wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblöcken stehen und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen mußten. Es ging ihnen wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkämpfen muß, aber gerade dadurch später groß und stark wird. Als der Wald herangewachsen war, hatte er Bäume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher Aufenthaltsort für wilde Tiere und für Räuber, die es verstanden, hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber für andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und düster, unwegsam und unzugänglich, voll stachligen Gestrüpps, und die alten Bäume mit ihren bärtigen Zweigen und moosbewachsenen Stämmen sahen aus wie wilde Spukgestalten.

In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Sörmland und Ostgötland niederließen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den fruchtbaren Tälern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmårder Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mühe zu fällen. Und je länger er unberührt stehen bleiben durfte, desto dichter und mächtiger wuchs er heran, bis er schließlich eine Festung bildete, deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte, mußte die Axt zu Hilfe nehmen.

Andre Wälder müssen oft Angst vor den Menschen haben, aber bei dem Kolmårder Walde war es gerade umgekehrt, da waren es die Menschen, die sich fürchten mußten, denn er war so dunkel und dicht, daß die Jäger und Besenbinder sich immer wieder darin verirrten und oft halb verhungerten, bis sie sich endlich aus der Wildnis herausgearbeitet hatten. Und für die Leute, die von Ostgötland nach Sörmland oder umgekehrt reisen mußten, war dies ein geradezu lebensgefährliches Unternehmen. Auf schmalen Tierpfaden mußtensie sich mühselig durcharbeiten; denn die Grenzbevölkerung war nicht einmal imstande, einen gebahnten Weg durch den Wald zu unterhalten. Es führten weder Brücken über die Bäche, noch Fähren über die Seen, oder Baumstämme über die Moore. Und im ganzen Walde war nirgends eine Hütte, wo friedliche Menschen wohnten, während es Räuberhöhlen und Schlupfwinkel für die wilden Tiere in Menge gab. Nicht viele Reisende kamen unbeschädigt durch den Wald hindurch; aber um so mehr stürzten in Abgründe und versanken in Sümpfen, wurden von Räubern ausgeplündert, oder von wilden Tieren zu Tode gejagt. Selbst die Ansiedler, die am Rande des großen Waldes wohnten und sich nie hineinwagten, litten Schaden durch ihn, denn Wölfe und Bären drangen heraus und raubten ihnen das Vieh. Solange sich die wilden Tiere in dem dichten Kolmården verstecken konnten, war es ganz und gar unmöglich, sie auszurotten.

Soviel war sicher, sowohl die Ostgötländer als die Sörmländer wären den Wald mit Freuden losgewesen; aber das ging eben sehr langsam, solange es noch anderweitig fruchtbaren Boden gab. Allmählich aber rückte man doch vor; an den Abhängen rings um den dichten Urwald entstanden Dörfer und Bauernhöfe, der Wald wurde einigermaßen befahrbar gemacht, und bei Krokek mitten in der dichtesten Wildnis, bauten Mönche ein Kloster, wo die Reisenden einen sicheren Zufluchtsort fanden.

Immerhin verblieb der Wald auch fernerhin eine wilde, gefährliche Gegend, bis eines schönen Tages ein Wanderer, der ganz ins Herz hineingedrungen war, durch Zufall entdeckte, daß der Kolmårder Berg in seinem Innern Erzlager barg. Sobald dies bekannt wurde, strömten die Grubenarbeiter und Bergleute in den Wald, die Schätze zu heben. Und nun kam die Zeit, in der die Macht des Waldes gebrochen wurde; die Menschen warfen Gruben auf und bauten Schmelzöfen und Bergwerke in dem alten Walde. Doch dies allein hätte ihm nicht ernstlich geschadet, wenn bei dem Bergwerkbetrieb nicht auch so ungeheuer viel Brennmaterial verbraucht worden wäre. Kohlenbrenner und Holzfäller hielten ihren Einzug in dem alten düstern Urwald, und sie machten ihm nahezu den Garaus. Um die Bergwerke herum wurde er ganz niedergehauen und der ausgerodete Boden in Ackerland verwandelt. Viele Ansiedler zogen hinauf, und bald entstanden da, wo vor kurzem noch nichts als Bärenhöhlen gewesen waren, mehrere neue Dörfer mit Kirchen und Pfarrhöfen.

Selbst an den Stellen, wo man den Wald nicht vollständig ausgerottet hatte, wurden die alten Baumriesen gefällt und das Dickicht gelichtet. Nach allen Richtungen wurden Wege angelegt und die wilden Tiere und Räuber verjagt. Als die Menschen so allmählich Herr über den Wald geworden waren, handelten sie sehr schlecht gegen ihn; ohne eine Spur von Rücksicht wurden die Bäume gefällt und Kohlen daraus gebrannt. Sie hatten ihren alten Haß gegen den Wald nicht vergessen, und nun sah es aus, als wollten sie ihn ganz und gar von der Erde vertilgen.

Zum Glück für den Wald fand sich schließlich gar nicht so sehr viel Erz in den Kolmårder Gruben. Deshalb nahmen die Grubenarbeit und der Bergwerkbetrieb bald wieder ab. Dann hörte auch das Kohlenbrennen auf, und der Wald konnte ein wenig aufatmen. Viele von den Leuten, die sich in den Kolmårder Ortschaften niedergelassen hatten, wurden arbeitslos und konnten sich nur schwer durchbringen; der Wald aber wuchs wieder heran und breitete sich von neuem aus, daß die Höfe und Bergwerke schließlich wie Inseln in einem grünen Meere dalagen. Die Kolmårder Bewohner versuchten es nun mit dem Ackerbau, aber ohne besonderen Erfolg; der alte Waldboden wollte lieber Königseichen und Riesentannen hervorbringen, als Rüben und Getreide.

Zu der Zeit betrachteten die Menschen den Wald mit düstern Blicken; der Wald schien immer kräftiger und üppiger zu werden, während sie selbst ärmer und immer ärmer wurden. Aber schließlich fiel ihnen ein, es könnte doch möglicherweise an dem Walde selbst etwas Gutes sein. Vielleicht könnten sie gerade durch ihn ihr Auskommen finden; eines Versuches müßte es doch jedenfalls wert sein.

So begannen die Leute denn Balken und Bauholz aus dem Walde zu holen und sie dann an die Tieflandbewohner, die ihren Wald schon ganz gefällt hatten, zu verkaufen. Und die Menschen erkannten bald, daß sie, wenn sie einigermaßen vernünftig zu Werke gingen, ihr Auskommen ebensogut vom Walde als von den Äckern und den Erzgruben haben könnten. Von da an sahen die Menschen den Wald mit ganz andern Augen an. Sie lernten es, schonend mit ihm umzugehen und ihn zu lieben. Jetzt vergaßen sie auch die alte Feindschaft und betrachteten fortan den Wald als ihren besten Freund.

Ungefähr zwölf Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, geschah es, daß einer der Bergwerkbesitzer von Kolmården einen seiner Jagdhunde los sein wollte. Er ließ seinen Waldhüter kommen und sagte ihm, es sei ihm unmöglich, den Hund zu behalten, weil man diesem nicht abgewöhnen könne, alle Schafe und Hühner zu jagen, die er erblicke;deshalb solle der Waldhüter den Hund mit sich nehmen und draußen im Walde erschießen.

Der Waldhüter band dem Hund einen Strick um den Hals, um ihn an einen bestimmten Platz im Walde zu führen, wo man die alten Hunde vom Herrenhofe erschoß und vergrub. Der Waldhüter war ein guter Mensch, aber er war doch froh, daß der Hund erschossen werden sollte, denn es war ihm wohlbekannt, daß dieser Hund auch noch auf andres Wild Jagd machte, als auf Schafe und Hühner. Sehr häufig trieb er sich im Wald herum und stibitzte bald ein Häschen, bald einen jungen Auerhahn.

Es war ein kleiner schwarzer Hund mit einer gelben Brust und gelben Vorderpfoten. Er hieß Karr und war so klug, daß er alles verstehen konnte, was die Menschen sagten. Als nun der Waldhüter mit ihm durch den Wald zog, wußte Karr recht wohl, was seiner wartete. Aber das hätte ihm beileibe niemand ansehen können. Er ließ nicht den Kopf hängen und kniff auch nicht den Schwanz ein, sondern sah ganz ebenso unbekümmert aus wie sonst.

Wir werden gleich sehen, warum der Hund sich so viele Mühe gab, niemand merken zu lassen, daß er Angst hatte. Rings um das alte Bergwerk herum erstreckte sich nämlich ein großer dichter Wald, der allen Bewohnern der Umgegend und den Tieren recht wohl bekannt war, denn der Eigentümer des Waldes hatte diesem seit einer Reihe von Jahren die größte Schonung angedeihen lassen; kaum Brennholz hatte gefällt werden dürfen, ja, man hatte nicht einmal gewagt, ihn zu lichten, sondern hatte ihn einfach wachsen lassen, wie er wollte. Aber ein Wald, der auf solche Weise behütet wird, mußte selbstverständlich ein beliebter Zufluchtsort für die Tiere werden, und so hatten sich diese auch sehr zahlreich da niedergelassen. Unter sich nannten die Tiere den Wald den „Friedenswald“, und sie betrachteten ihn als den allerbesten Zufluchtsort im ganzen Lande.

Während der Hund nun an dem Strick durch den Wald geführt wurde, fiel ihm ein, wie sehr er von allen kleinen Tieren, die hier wohnten, gefürchtet war.

„Ei, Karr, denk dir, was das für eine Freude hier ringsum im Walde wäre, wenn sie wüßten, was deiner wartet!“ dachte er. Aber er wedelte mit dem Schwanze und stieß ein fröhliches Bellen aus, damit doch ja niemand denke, er fürchte sich und sei niedergeschlagen.

„Welches Vergnügen hätte ich denn im Leben, wenn ich nicht ab und zu einmal auf die Jagd gehen könnte!“ sagte er. „Bereue, wer Lust hat, ich tus gewiß nicht!“

Aber in demselben Augenblick, wo der Hund dies sagte, ging eine sonderbare Veränderung mit ihm vor. Er streckte den Kopf und Hals vor, als hätte er am liebsten laut hinausgeheult; auch lief er jetzt nicht mehr neben dem Forstwart her, sondern hielt sich hinter ihm. Offenbar war dem guten Karr etwas Unangenehmes eingefallen.

Der Sommer war jetzt angebrochen, die Elchkühe hatten vor kurzem ihreJungen zur Welt gebracht, und am vorhergehenden Abend war es Karr gelungen, ein kaum fünf Tage altes Elchkälbchen von seiner Mutter weg und auf ein Moor hinauszutreiben. Da hatte er das Kälbchen zwischen den Rasenhügeln umhergejagt, nicht eigentlich, um es zu fangen, sondern um sich an dessen Angst zu ergötzen. Die Elchmutter wußte, daß das Moor jetzt, so kurz nach dem Auftauen des gefrorenen Bodens, grundlos war und noch kein großes Tier tragen konnte. Sie blieb deshalb am Rande stehen, solange sie es aushalten konnte; als aber Karr das Kälbchen immer weiter hinaustrieb, ging die Elchkuh plötzlich auch aufs Moor hinaus, jagte den Hund weg, nahm das Kälbchen an sich und ging mit ihm wieder dem Lande zu. Die Elentiere schreiten viel geschickter als andre Tiere über schwankenden gefährlichen Grund hin, und es sah aus, als würde es der Elchkuh gelingen, den festen Boden wieder zu erreichen. Aber als sie schon ganz dicht am Lande angelangt war, rutschte ein Rasenhügel, auf den sie den Fuß gesetzt hatte, plötzlich in den Sumpf hinein, und sie selbst sank mit. Sie gab sich alle Mühe, wieder herauszukommen, konnte aber nirgends festen Fuß fassen, und so sank sie immer tiefer hinein. Karr stand unbeweglich da und wagte kaum zu atmen, und als er merkte, daß die Elchkuh sich nicht allein heraushelfen konnte, lief er so schnell, als seine Füße ihn trugen, davon. Er hatte plötzlich an alle die Schläge denken müssen, die ihm zuteil werden würden, wenn es herauskäme, daß er die Elchkuh aufs Moor hinausgelockt hatte, und so wagte er vor lauter Angst nicht anzuhalten, bis er daheim angelangt war.

Dieses Erlebnis war unserm Karr vorhin eingefallen, und es quälte ihn jetzt mehr als alle andern lockeren Streiche, die er je ausgeführt hatte. Vielleicht kam es daher, weil er der Elchkuh und dem Kälbchen gar kein Leid hatte antun wollen, sondern ganz unabsichtlich schuld an ihrem Tode geworden war.

„Aber vielleicht sind die beiden noch am Leben,“ dachte der Hund mit einem Male. „Sie waren ja noch nicht tot, als ich von ihnen weglief. Vielleicht sind sie doch noch herausgekommen.“

Karr bekam eine unwiderstehliche Lust, etwas darüber zu erfahren, solange er noch Zeit hatte. Er sah, daß der Waldhüter den Strick nicht besonders festhielt. Da machte er einen raschen Sprung zur Seite – er kam wirklich los und rannte nun wie besessen in den Wald hinein und dem Moore zu; der Waldhüter hatte nicht einmal Zeit, die Flinte an die Wange zu legen, so schnell entschwand der Hund seinen Blicken.

Dem Waldhüter blieb nichts andres übrig, als hinter Karr herzulaufen, und als er an das Moor kam, stand der Hund ein paar Meter vom Rande entfernt auf einem Rasenhügel und heulte aus Leibeskräften. Der Waldhüter dachte, er müsse doch nachsehen, was das bedeute. Vorsichtig legte er die Flinte neben sich nieder und kroch auf allen vieren aufs Moor hinaus. Er war noch nicht weit gekommen, da sah er eine Elchkuh im Moor liegen und neben ihr ein Kälbchen. Die Kuh war tot, aber das Kälbchen lebte noch; es war aber ganz ermattet und konnte sich nicht rühren. Karr stand dicht daneben; baldbückte er sich nieder und leckte das Kälbchen, bald stieß er laute Klagetöne aus, um Hilfe herbeizurufen.

Der Waldhüter hob das Kälbchen auf und schleppte es ans Ufer. Als nun der Hund merkte, daß das Kälbchen gerettet würde, geriet er ganz außer sich vor Freude. Er sprang um den Waldhüter herum, leckte ihm die Hände und stieß ein fröhliches Bellen aus.

Der Waldhüter trug das Kälbchen nach Hause und legte es im Stall in einen Stand. Dann holte er Hilfe herbei, damit die tote Elchkuh aus dem Moor herausgezogen würde; und erst nachdem dies alles geschehen war, fiel ihm ein, daß er ja Karr hätte erschießen sollen. Er lockte den Hund, der die ganze Zeit über nicht von seiner Seite gewichen und ihm überall nachgelaufen war, und ging wieder mit ihm in den Wald hinein.

Der Waldhüter ging geradewegs nach dem Hundegraben; aber plötzlich schien er sich anders zu besinnen, denn er drehte wieder um und schlug den Weg nach dem Herrenhof ein.

Karr war ganz ruhig hinter ihm hergelaufen; aber als der Waldhüter umkehrte und den Weg nach seiner alten Heimstätte einschlug, wurde er unruhig. Ach, nun hatte der Waldhüter gewiß herausgefunden, daß Karr es gewesen war, der an dem Tode der Elchkuh schuld war, und nun führte er ihn nach dem Herrenhof, damit er dort noch vor seinem Tode seine Schläge bekäme!

Aber Schläge bekommen, das war das schlimmste, was Karr widerfahren konnte, und bei dieser Aussicht konnte er den Mut kaum noch aufrecht erhalten. Er ließ den Kopf hängen, und als die beiden den Herrenhof erreichten, sah Karr gar nicht auf, sondern tat, als erkenne er keinen Menschen.

Der gnädige Herr stand auf der Treppe, als der Waldhüter ankam.

„Was haben Sie denn da für einen Hund, Waldhüter?“ fragte er. „Das ist doch wohl nicht unser Karr, der müßte doch schon längst erschossen sein?“

Der Waldhüter erzählte nun von den Elchen; Karr aber machte sich so klein wie nur möglich und verkroch sich hinter den Beinen des Forstwarts, damit man ihn nicht sehe.

Aber der Forstwart erzählte die Geschichte nicht so, wie Karr gedacht hatte. Er lobte Karr über die Maßen und sagte, der Hund habe offenbar gewußt, daß die Elche in Not gewesen seien, und habe sie retten wollen.

„Nun können der gnädige Herr mit dem Hund machen, was Sie wollen; ich kann ihn nicht erschießen,“ sagte der Forstwart zum Schluß.

Der Hund richtete sich auf und horchte. Er wollte seinen Ohren nicht trauen, und obgleich er nicht zeigen wollte, wie groß seine Angst gewesen war, konnte er ein leises Bellen doch nicht unterdrücken. War es wirklich möglich, daß er das Leben behalten durfte, nur weil er so besorgt um die Elentiere gewesen war?

Der gnädige Herr fand auch, daß Karr sich gut benommen hatte; da er ihn aber unter keinen Umständen wieder auf dem Hofe haben wollte, wußte er nicht gleich, was er sagen sollte.

„Ja, wenn Sie ihn versorgen wollen, Waldhüter, und mir dafür einstehen, daß er sich künftig besser aufführt, dann mag er am Leben bleiben,“ sagte er schließlich.

Der Waldhüter war bereit, Karr zu sich zu nehmen; und so kam Karr zu dem Waldhüter.

Von dem Tage an, wo Karr zu dem Waldhüter kam, gab er das unerlaubte Jagen vollständig auf. Nicht allein, weil er einen so heilsamen Schrecken davongetragen hatte, sondern vielmehr, weil er nicht wollte, daß der Waldhüter böse auf ihn würde. Denn seit der Waldhüter ihm das Leben gerettet hatte, liebte er ihn über alles in der Welt. Karr hatte keinen andern Gedanken mehr, als seinem neuen Herrn überall nachzulaufen und auf ihn aufzupassen. Wenn dieser ausging, rannte Karr voraus und untersuchte den Weg, und wenn er daheim war, lag Karr vor der Tür und beobachtete alle Aus- und Eingehenden mit scharfem Auge.

Wenn im Waldhause alles ganz still war, wenn ringsum kein Schritt laut wurde und Karrs Herr sich an den jungen Bäumchen, die er in seinem Garten heranzog, zu schaffen machte, vertrieb sich Karr die Zeit damit, mit dem Elchkälbchen zu spielen.

Im Anfang hatte Karr gar keine Lust verspürt, sich mit dem Tiere abzugeben. Da er aber seinem Herrn auf Weg und Steg nachlief, kam er auch mit ihm in den Stall, und während dieser das Kälbchen mit Milch tränkte, saß Karr vor dem Stand und schaute zu. Der Waldhüter nannte das Kälbchen Graufell; er meinte, einen feineren Namen verdiene es nicht, und darin stimmte Karr mit seinem Herrn überein. So oft er das Kälbchen ansah, meinte er, seiner Lebtage noch nie etwas so Häßliches und Unförmliches gesehen zu haben. Das Kälbchen hatte lange schlotterige Beine, die wie lose Stelzen unter seinem Körper saßen. Der Kopf war sehr groß; er hatte ein geradezu greisenhaftes Aussehen und hing immer auf die eine Seite herunter. Die Haut saß runzelig auf dem Körper, als hätte das Tier einen Pelz an, der nicht für es gemacht worden war. Auch sah es immer gedrückt und mißmutig aus; aber merkwürdigerweise stand es stets schnell auf, sobald es Karr vor dem Stand erblickte, wie wenn es sich über den Anblick des Hundes freute.

Mit jedem Tag wurde das Elchkälbchen elender; es wuchs nicht, und schließlich konnte es sich nicht einmal mehr aufrichten, wenn es Karr sah. Einmal sprang der Hund zu ihm in den Stand hinein, und da leuchteten die Augen des Kälbchens auf, als sei ihm ein besonderer Wunsch in Erfüllung gegangen. Von dieser Zeit an besuchte Karr das Kälbchen jeden Tag; er blieb stundenlang bei ihm, leckte ihm den Pelz, spielte und scherzte mit ihm und teilte ihm dies und das mit, was ein Tier des Waldes wissen sollte.

Und es war merkwürdig, von dem Tag an, wo Karr auf den Gedankenkam, zu dem Kälbchen hineinzugehen, begann dieses zu wachsen und zu gedeihen. Als es dann erst ein wenig zu Kräften gekommen war, nahm es in wenigen Wochen ungeheuer zu, und schon nach kurzer Zeit hatte es keinen Platz mehr in dem kleinen Stand, sondern mußte in einem Gehege untergebracht werden. Und nach ein paar weiteren Monaten waren seine Beine so lang geworden, daß es mit Leichtigkeit über die Hecke hätte springen können.

Da bekam der Waldhüter von dem Gutsbesitzer die Erlaubnis, den Platz mit einem starken hohen Zaun einzufriedigen. Hier verbrachte das Tier mehrere Jahre und wuchs allmählich zu einem großen gewaltigen Elch heran. Karr leistete ihm Gesellschaft, so oft er konnte; aber jetzt geschah dies nicht mehr aus Mitleid, sondern weil sich eine warme Freundschaft zwischen den beiden gebildet hatte. Der Elch war noch immer niedergeschlagen und schien auch träge und energielos; aber Karr verstand es, seinen Freund munter und fröhlich zu machen.

Graufell hatte nun fünf Sommer bei dem Waldhüter verbracht; da wurde eines Tages von einem Zoologischen Garten im Ausland an den gnädigen Herrn die Anfrage gerichtet, ob er den Elch vielleicht verkaufen würde. Ja, das wollte der gnädige Herr gern. Dem Waldhüter tat es sehr leid; aber es hätte ja nichts genützt, wenn er sich gesträubt hätte, und so wurde denn der Verkauf des Tieres endgültig beschlossen. Karr erfuhr bald, was bevorstand, und lief mit der Nachricht eilends zu seinem Freunde hinaus. Der Hund war unglückselig, daß er Graufell verlieren sollte; aber der Elch nahm die Sache ganz ruhig auf und schien weder betrübt noch erfreut darüber zu sein.

„Willst du dich denn so ohne allen Widerstand fortschicken lassen?“ fragte Karr.

„Was könnte es nützen, wenn ich mich auch wehren würde?“ erwiderte Graufell. „Ich bliebe freilich am liebsten da, wo ich bin, aber wenn man mich verkauft, muß ich eben fort von hier.“

Karr stand vor Graufell und betrachtete ihn mit prüfenden Blicken. Man konnte gut sehen, daß der Elch noch nicht ganz ausgewachsen war. Seine Schaufeln waren noch nicht so breit und sein Höcker nicht so hoch und seine Mähne nicht so wild, wie die der ausgewachsene Elche, aber um sich seine Freiheit zu erkämpfen, dazu wäre er doch stark genug gewesen.

„Man merkt wohl, daß er sein Leben lang in der Gefangenschaft gewesen ist,“ dachte Karr; aber er sagte nichts.

Erst nach Mitternacht kehrte der Hund in das Gehege zurück; er wußte, da hatte der Elch ausgeschlafen und war bei seiner ersten Mahlzeit.

„Es ist gewiß recht vernünftig von dir, daß du dich so ruhig in dein Schicksal findest, Graufell,“ sagte Karr, der jetzt ganz beruhigt und vergnügt zu sein schien. „Du wirst in einem großen Garten eingesperrt werden und da ein sorgenfreies Leben haben. Aber weißt du, es wäre doch recht schade, wenn du von hier fortkämest, ohne vorher den Wald gesehen zu haben. Du weißt, deine Stammesgenossen haben den Wahlspruch: ‚Der Elch ist eins mit dem Walde‘, und du bist noch nicht einmal in einem Walde gewesen.“

Graufell hob den Kopf von dem Klee, an dem er eben kaute. „Ich möchte den Wald wohl gern sehen, aber wie soll ich über den Zaun kommen?“ sagte er mit seiner gewöhnlichen Trägheit.

„Nein, das ist wohl ganz unmöglich für einen, der so kurze Beine hat,“ sagte Karr.

Der Elch schielte zu Karr hinüber, der trotz seiner Kleinheit jeden Tag mehrere Male über den Zaun sprang. Er trat an den Zaun, machte einen Sprung – und war im Freien, beinahe ohne daß er wußte, wie es zugegangen war.

Nun wanderten die beiden in den Wald hinein. Es war eine wunderschöne mondhelle Sommernacht; aber drinnen unter den Bäumen war es dunkel, und der Elch ging mit vorsichtigen Schritten vorwärts.

„Es wäre vielleicht am besten, wenn wir umkehrten,“ sagte Karr. „Du bist ja noch nie in solch einem wilden Walde gegangen und könntest dir leicht ein Bein brechen.“

Da begann Graufell plötzlich rascher und kecker vorwärts zu gehen.

Karr führte den Elch in den Teil des Waldes, wo mächtige Tannen wuchsen, die so dicht standen, daß nie ein Windhauch hindurchdrang. „Hier pflegen deine Stammesgenossen vor Sturm und Kälte Schutz zu suchen,“ sagte Karr. „Und sie stehen hier den ganzen Winter hindurch unter freiem Himmel. Aber du bekommst es ja dort, wo du hinkommst, viel besser. Da hast du ein Dach über dem Kopf und stehst dann wie eine Kuh in einem Stalle.“

Graufell gab keine Antwort; er blieb stehen und zog den würzigen Tannenduft ein. „Hast du mir noch mehr zu zeigen, oder habe ich jetzt den ganzen Wald gesehen?“ fragte er.

Da ging Karr mit ihm an ein großes Moor und zeigte ihm die Rasenhügel und das Bebemoor.

„Über dieses Moor hin fliehen die Elche, wenn ihnen Gefahr droht,“ sagte Karr. „Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber trotzdem sie so groß und schwer sind, können sie darauf gehen, ohne einzusinken. Du wüßtest dir gewiß auf so schwankem Grunde nicht zu helfen; aber du brauchst es ja auch gar nicht, denn du wirst nie von Jägern verfolgt werden.“

Graufell gab keine Antwort, aber mit einem großen Satz war er draußen auf dem Moor. Es war ihm eine Freude, als er fühlte, wie die Rasenhügel unter ihm schwankten. Er lief weit hinaus und kehrte zu Karr zurück, ohne ein einziges Mal eingesunken zu sein.

„Haben wir jetzt den ganzen Wald gesehen?“ fragte er.

„Nein, noch nicht,“ sagte Karr.

Jetzt ging er mit dem Elch an den Waldessaum, wo hohe Laubholzbäume wuchsen: Eichen, Espen und Linden.

„Hier pflegen deine Stammesgenossen Laub und Rinde zu fressen,“ sagte Karr. „Sie halten dies für die beste Nahrung; aber im Ausland bekommst du jedenfalls viel besseres Futter.“

Graufell betrachtete verwundert die prächtigen Bäume, die sich wie grüne Kuppeln über ihm wölbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde.

„Das schmeckt bitter und gut,“ sagte er. „Es ist besser als Klee.“

„Dann kannst du dich ja freuen, daß du es einmal zu schmecken bekommen hast,“ sagte der Hund.

Hierauf führte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz still und glänzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhüllten Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er unbeweglich stehen.

„Was ist das, Karr?“ fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See.

„Das ist ein großes Wasser, ein See,“ sagte Karr. „Dein Geschlecht pflegt von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen. Von dir kann man das freilich nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad nehmen.“ Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm hinaus.

Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schließlich aber stieg er doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Wasser sich weich und kühl an seinen Körper anschmiegte. Er wollte es auch auf dem Rücken fühlen und ging deshalb weiter hinein. Da merkte er, daß das Wasser ihn trug, und nun fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er lustig um Karr herum und war im Wasser wie zu Hause. Als die beiden wieder am Ufer angelangt waren, fragte der Hund, ob sie nun nach Hause gehen sollten.

„Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, laß uns noch eine Weile im Walde umherstreifen!“ sagte Graufell.

Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien Platz, der vom hellen Mondschein übergossen dalag. Auf den Gräsern und Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar große Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchkühe und verschiedene Rinder und Kälber. Als Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jäh an. Die Elchkühe und das Jungvieh beachtete er kaum; seine Augen waren unverwandt auf den alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen Spitzen, einen mächtigen Höcker auf dem Rist und am Halse einen großen Mähnensack herunterhängen hatte.

„Was ist denn das für einer?“ fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor Erregung.

„Er heißt Hornkrone,“ sagte Karr, „und ist dein Stammesgenosse. Solche breite Schaufeln und eine ebensolche Mähne bekommst du wohl eines Tages auch, und wenn du im Wald verbliebest, würdest du wohl auch der Anführer einer Herde.“

„Wenn der dort drüben mein Stammesgenosse ist, dann will ich näher treten und ihn betrachten,“ sagte Graufell. „Ich hätte nie gedacht, daß ein Elchstier so stattlich sein könnte.“

Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu Karr zurück, der am Waldessaum stehen geblieben war.

„Bist du nicht freundlich aufgenommen worden?“ fragte Karr.

„Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum erstenmal mit Stammesgenossen zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies mich fort und drohte mir mit seinem Geweih.“

„Du hast wohl getan, daß du ihm ausgewichen bist,“ sagte Karr. „Ein junger Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, muß sich vor einem Kampf mit alten Elchen hüten. Ein andrer hätte freilich einen schlechten Ruf im Walde bekommen, wenn er ohne Widerstand zurückgewichen wäre; aber das braucht dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland.“

Kaum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder der Wiese zuwendete. Der alte Elch kam gerade auf ihn zu, und bald waren die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen aufeinander ein und stießen zu, und Graufell wurde über die ganze Wiese zurückgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er seine Kraft gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurückgedrängt worden war, stemmte er die Füße fester auf den Boden, stieß heftig mit dem Geweih und begann nun seinerseits Hornkrone zurückzutreiben. Graufell kämpfte lautlos, aber Hornkrone keuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch allmählich über die ganze Wiese zurückgedrängt. Plötzlich ertönte ein lautes Krachen. Von Hornkrones Geweih war die Spitze abgebrochen. Da riß er sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein.

Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurückkehrte. „Jetzt hast du alles gesehen, was im Wald ist,“ sagte er zu Graufell. „Sollen wir jetzt nach Hause gehen?“

„Ja, es wird wohl allmählich Zeit dazu,“ sagte Graufell.

Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn er sich in etwas verrechnet hätte, Graufell aber schritt mit hoch erhobenem Kopf dahin und schien sich über sein Abenteuer zu freuen. Ohne das geringste Zögern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das verwelkte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelöscht, und den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte.

„Der Elch ist eins mit dem Walde!“ rief er und warf den Kopf so weit zurück, daß sein Nacken auf dem Rücken lag; und dann stürmte er in wilder Flucht in den Wald hinein.


Back to IndexNext