Die MeermädchenDie Meermädchen(Zu Seite 332)
‚Ach, ich denke an jene Nacht, wo ich dein Seehundfell versteckte,‘ antwortete der Fischer; er fühlte sich ihrer jetzt vollkommen sicher und meinte, er brauche nichts mehr vor ihr zu verheimlichen.
‚Was sagst du da?‘ fragte die Braut. ‚Ich habe doch nie ein Seehundfell gehabt.‘ Es war, als habe sie alles vergessen.
‚Weißt du denn nicht mehr, wie du mit den Meermädchen getanzt hast?‘ fragte der Fischer.
‚Ich weiß nicht, was du meinst,‘ antwortete die Braut. ‚Du hast wohl heute nacht einen sonderbaren Traum gehabt.‘
‚Wenn ich dir nun aber dein Seehundfell zeige, glaubst du mir dann?‘ fragte der Fischer und steuerte sogleich auf jenen Holm zu. Als sie dort angekommen waren, stieg das Brautpaar aus, und der Fischer zog das Fell unter dem Stein hervor, wo er es damals versteckt hatte.
Aber kaum erblickte die Braut das Seehundfell, als sie es auch schon an sich riß und sich über den Kopf warf. Das Fell schmiegte sich ihr um die Glieder wie etwas Lebendiges, und sie warf sich augenblicklich in den Strom hinein.
Der Bräutigam sah sie fortschwimmen. Rasch sprang er ihr nach ins Wasser, konnte sie aber nicht mehr erreichen. Als er sah, daß er sie nicht mehr zurückhalten konnte, warf er in seiner Verzweiflung seinen Spieß hinter ihr her. Dieser traf besser, als der Fischer gewollt hatte, denn das arme Meerweibchen stieß einen lauten Schrei aus und verschwand in der Tiefe.
Der Fischer blieb am Ufer stehen und hoffte, sie werde wieder an der Oberfläche auftauchen. Aber da sah er, wie sich über das Wasser ringsum ein milder Glanz ergoß, der ihm eine wunderbare Schönheit verlieh. So etwas hatte der Fischer noch nie gesehen; das Wasser glänzte und blinkte und spielte in rosigem und weißem Schimmer, gerade wie Perlmutter in einer Muschel.
Und als die glitzernden Wellen ans Ufer schlugen, sah der Fischer, daß auch dieses sich veränderte. Überall begann es zu blühen und zu duften; ein weicher Glanz breitete sich aus, und es bekam eine Schönheit, die es früher nicht gehabt hatte.
Und der Fischer erriet, woher das alles kam. Die Sache ist nämlich die: Wer ein Meerweibchen sieht, findet es schöner als alle andern Menschenkinder – er kann gar nicht anders – und als sich nun das Blut des Meerweibchens mit dem Wasser vermischte und alsdann mit den Wellen über die Ufer floß, teilte sich ihre Schönheit auch diesen mit; die Schönheit wurde ihnen als Erbteil geschenkt, daß alle, die sie sahen, von der Lieblichkeit dieser Ufer hingerissen wurden und von da an stets von Sehnsucht nach ihnen erfüllt waren.“
Als der vornehme Herr in seiner Erzählung so weit gekommen war, sah er Klement an, und dieser nickte dem Erzähler ernst zu, sagte aber nichts, denn er wollte ihn nicht unterbrechen.
„Und nun paß wohl auf, Klement, was ich dir sage,“ fuhr der vornehme alte Herr fort, und jetzt blitzte es plötzlich schalkhaft in seinen Augen auf. „Von jenerZeit an siedelten sich die Menschen auf den Holmen an. Zuerst waren es nur Bauersleute und Fischer, aber eines schönen Tages kam der König mit seinem Jarl den Strom heraufgezogen. Als er die drei Holme sah, machte er die andern gleich darauf aufmerksam, daß jedes Schiff, das in den Mälar hineinwollte, daran vorbeifahren müsse. Und der Jarl meinte, hier müßte man eigentlich das Fahrwasser unter Schloß und Riegel legen, dann könnte man es nach Belieben öffnen und schließen, also die Handelsschiffe hereinlassen, die Seeräuberflotten aber hinaussperren.
Und siehst du, Klement, dieser Vorschlag wurde ausgeführt,“ sagte der alte Herr, indem er aufstand und von neuem mit seinem Stock in den Sand zeichnete. „Auf der größten der drei Inseln, siehst du, hier, baute der Jarl eine Burg mit einem prächtigen Wachturm, der Kärnan genannt wurde. Und rings um den Holm herum zog er Mauern, siehst du, so. Und hier im Süden machte er ein Tor in die Mauer und setzte einen starken Turm darauf. Er baute Brücken nach den andern Holmen hinüber und versah auch diese mit hohen Türmen. Und draußen auf dem Wasser, in weitem Umkreis um die Holme herum, schlug er einen Kranz von Pfählen mit Querbalken, die geöffnet und geschlossen werden konnten; nun konnte kein Schiff ohne seine Erlaubnis vorbeifahren.
Du siehst also, Klement, die drei Holme, die so lange unbemerkt dagelegen hatten, waren plötzlich in eine starke Festung verwandelt worden. Aber damit war es noch nicht genug. Diese Ufer und Sunde hier zogen die Menschen an, und bald strömten von allen Seiten Leute herbei, die sich auf den Holmen niederließen. Für diese Leute baute der Jarl eine Kirche, die später die Storkyrka genannt wurde. Hier liegt sie heute noch, ganz dicht bei der Burg, und hier, innerhalb der Mauern lagen die kleinen Häuser der ersten Ansiedler. Sie waren nicht großartig, aber damals brauchte es nicht mehr, um den Ort eine Stadt zu nennen. Die Stadt wurde Stockholm genannt, und so heißt sie noch bis auf den heutigen Tag.
Dann kam ein Tag, Klement, wo der Jarl nach seiner großen Arbeit zur Ruhe eingehen durfte; aber Stockholm fehlte es darum doch nicht an einem Baumeister. Mönche kamen dahergezogen, die man die schwarzen Brüder nannte; Stockholm hatte es ihnen angetan, und so baten sie darum, sich da ein Kloster bauen zu dürfen. Das Kloster wurde dann auch wirklich auf dem Stadtholm gebaut, hier gleich hinter der Storkyrkan. Nach einiger Zeit kamen auch noch andere Mönche ins Land, die sich die grauen Brüder nannten. Diese baten auch um Erlaubnis, sich in Stockholm anzubauen. Aber auf dem großen Holm war nun kein Platz mehr für ihr Kloster; es wurde daher auf einem der kleineren, dem Mälar zugekehrten Holme erbaut, und dieser Holm heißt von jener Zeit an der Gråmunkeholm, oder der Holm der grauen Mönche. Auf dem dritten Holm aber siedelten sich fromme Männer an, die sich Brüder vom heiligen Geist nannten und sich besonders um die Krankenpflege annahmen. Sie bauten ein Krankenhaus, und der Holm wurde seit jener Zeit der Helgeandsholm, der Holm des heiligen Geistes, genannt.
Siehst du, Klement, nun waren die drei Holme schon ganz mit Häusern bedeckt; aber immer neue Leute strömten herbei, denn das Wasser und die Ufer hier haben ja, wie du weißt, die Eigenschaft, die Menschen anzuziehen. Es kamen fromme Frauen vom Orden der heiligen Klara, die auch um einen Bauplatz baten. Doch war guter Rat teuer, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich am nördlichen Ufer anzubauen, auf dem Norrmalm, wie dieser Teil genannt wurde. Sie waren freilich nicht so recht zufrieden damit, denn mitten durch den Norrmalm zieht sich ein hoher Bergrücken, und dort hatte die Stadt ihren Galgenhügel, deshalb war der Ort verachtet; aber die Schwestern vom Orden der heiligen Klara bauten doch ihre Kirche und ihr Kloster am Ufer, gerade unter dem Galgenhügel. Und nachdem sie sich einmal in dieser Gegend niedergelassen hatten, kamen bald andre hinzu. Hier, ganz im Norden auf dem Hügel selbst, wurde ein Krankenhaus und eine Kirche gebaut, die dem heiligen Georg geweiht waren, und hier, gerade unter dem Hügel, erstand eine Kirche für den heiligen Jakob.
Auch auf dem Södermalm, wo die Klippen steil aus dem Meere aufragen, fing man zu bauen an. Hier entstand bald eine Kirche zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria.
Aber nun, Klement, darfst du nicht glauben, es seien nur Klosterleute nach Stockholm gezogen. O nein, außer ihnen kamen noch viele andre Leute; vor allem eine Menge deutscher Handwerker und Kaufleute, und da diese tüchtiger waren als die schwedischen, wurden sie gut aufgenommen. Sie ließen sich in der Stadt innerhalb der Mauern nieder, rissen die kleinen, ärmlichen Häuser, die vorher da standen, nieder und bauten dafür große, prächtige Gebäude aus Stein. Aber es war nur wenig Platz da drinnen innerhalb der Mauern, und so mußten die Häuser mit den Giebeln nach der Straße dicht nebeneinander gebaut werden.
Ja ja, Klement, da siehst du, wie Stockholm die Menschen herbeizog.“
In diesem Augenblick tauchte unten am Wege ein andrer Herr auf, der rasch auf die beiden zukam. Doch der alte Herr, der mit Klement sprach, winkte den Neuangekommenen mit einer Handbewegung zurück; da blieb dieser in der Ferne stehen. Der vornehme alte Herr aber setzte sich neben den Spielmann auf die Bank.
„Nun sollst du mir einen Gefallen tun, Klement,“ sagte er. „Ich habe keine Zeit, mich noch länger mit dir zu unterhalten, aber ich werde dir ein Buch über Stockholm schicken, und das sollst du von Anfang bis zu Ende durchlesen. Jetzt habe ich sozusagen bei dir den Grund von Stockholm gelegt, Klement, nun sollst du weiter daran bauen. Ja, studiere jetzt selbst weiter und mache dir klar, wie es der Stadt ferner ergangen ist, und wie sie sich allmählich verändert hat. Lies, wie die kleine enge, mauerumschlossene Stadt auf den Holmen sich zu diesem Häusermeer ausgebreitet hat, das wir hier vor uns sehen. Lies, wie aus dem düsteren Turm Kärnan das schöne helle Schloß da drunten geworden ist, und wie die Kirche der grauen Mönche in die Grabstätte der schwedischenKönige umgewandelt wurde. Lies, wie der eine Holm nach dem andern bebaut wurde. Lies, wie die Gemüseländer auf Söder und Norr in schöne Gärten oder bebaute Stadtviertel umgewandelt wurden. Lies, wie die Hügel geebnet und die Wasserstraßen ausgefüllt wurden. Lies, wie die Könige die Tiergärten einfriedigen ließen, woraus dann die schönen Ausflugsorte des Volkes wurden. Gib dir Mühe, so recht vertraut mit Stockholm zu werden, Klement, denn die Stadt gehört nicht allein den Stockholmern, sie gehört dir und ganz Schweden.
Und wenn du dann das alles über Stockholm liest, Klement, dann denke daran, daß ich dir gesagt habe, Stockholm habe die Kraft, alles andre anzuziehen. Zuerst zog der König hierher, dann bauten sich die vornehmen Herren ihre Paläste da. Dann zog einer nach dem andern hierher, so daß Stockholm jetzt nicht nur eine Stadt für sich oder für die nächste Umgebung ist, nein, Klement, es ist eine Stadt für das ganze Reich.
Du weißt doch, Klement, in jedem Kirchspiel gibt es einen Gemeinderat, aber in Stockholm wird der Reichstag fürs ganze Volk gehalten. Du weißt, im ganzen Lande hat jeder Bezirk einen Richter, aber in Stockholm ist ein Gerichtshof, der über allen andern steht. Du weißt, überall gibt es Kasernen und Truppen, aber in Stockholm sind die höchsten, die das ganze Heer unter sich haben. Überall im Lande sind Eisenbahnen, aber alle werden von Stockholm aus geleitet. Hier sind die Vorgesetzten der Pfarrer, der Lehrer, der Ärzte, der Vögte, der Richter. Hier ist der Mittelpunkt für unser Land. Von hier kommt das Geld, das du in deiner Tasche hast, und die Marken, die wir auf unsere Briefe kleben. Von hier erhalten alle Schweden irgend etwas, und hier haben auch alle Schweden irgend etwas zu tun. Hier braucht sich niemand fremd zu fühlen oder Heimweh zu haben. Hier sind alle Schweden daheim.
Und wenn du das alles liest, Klement, dann denk auch an das letzte, was Stockholm herbeigezogen hat. Das sind auf Skansen die alten Häuser, die alten Tänze, die alten Trachten und das alte Hausgerät. Hier sind auch Spielleute und Märchenerzähler; alles Alte und Gute ist nach Stockholm gekommen, hierher nach Skansen, damit es in Ehren gehalten werde, und damit es neugeehrt draußen unter dem Volk wieder erstehen soll.
Aber wenn du dies alles von Stockholm gelesen hast, Klement, dann sollst du dich vor allem auf diesen Platz hier setzen; du sollst sehen, wie die Wellen ihr glitzerndes Spiel treiben und die Ufer in blendender Schönheit erglänzen. Ja, du sollst selbst dafür sorgen, daß auch du von dem Zauber ergriffen und hingerissen wirst.“
Der schöne alte Herr hatte die Stimme etwas erhoben; sie klang nun laut und majestätisch gebietend, und seine Augen blitzten. Jetzt stand er auf, winkte Klement noch freundlich mit der Hand und verließ ihn. Klement aber fühlte plötzlich in seinem Herzen ganz deutlich, der Herr, der da mit ihm gesprochen hatte, mußte ein sehr vornehmer Herr sein, und er verbeugte sich hinter ihm, so tief er nur konnte.
Am nächsten Tage kam ein königlicher Lakai mit einem großen, roteingebundenen Buch und einem Brief zu Klement, und in dem Briefe stand, daß das Buch vom König sei.
Darnach war der gute alte Klement Larsson mehrere Tage lang ganz wirr im Kopfe; es war fast kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen, und nach acht Tagen kam er zu dem Direktor von Skansen und kündigte seine Stelle. Als Grund brachte er vor, er müsse durchaus in seine Heimat zurückkehren.
„Warum willst du denn nach Hause?“ fragte der Direktor. „Gefällt es dir denn gar nicht hier?“
„Doch, doch, es gefällt mir gut,“ antwortete Klement. „In dieser Beziehung habe ich nichts mehr zu klagen, aber ich muß trotzdem nach Hause.“
Klement hatte sich in einer schweren Not befunden, weil der König zu ihm gesagt hatte, er solle Stockholm genau kennen lernen, dann werde es ihm da gewiß gefallen. Aber Klement fand Tag und Nacht keine Ruhe mehr, bis er daheim in seiner Heimat berichten konnte, daß der König das zu ihm gesagt hatte. Ach, welch ein Glück würde das sein, wenn er vor der Kirche daheim hoch und nieder erzählte, wie gut der König gegen ihn gewesen war, wie er auf derselben Bank neben ihm gesessen, sich in ein Gespräch mit ihm eingelassen und mit ihm, einem armen alten Spielmann, eine ganze Stunde lang geredet hatte, um ihn von seinem Heimweh zu heilen. Es war ja schon etwas Großes, daß er es hier auf Skansen den Lappländern und den Mädchen von Dalarna erzählen konnte; aber was war das gegen das Glück, es denen daheim mitteilen zu können!
Und wenn Klement auch schließlich ins Armenhaus kommen sollte, selbst das erschien ihm nach diesem Erlebnis nicht mehr schwer. Er wäre trotzdem ein ganz andrer Mensch als vorher und würde auf ganz andre Weise geachtet und geehrt werden.
Und diese neue Sehnsucht überwältigte ihn. Er konnte nicht anders, er mußte zu dem Direktor gehen und ihm sagen, er wolle durchaus in seine Heimat zurückkehren.
Weit droben auf dem lappländischen Gebirge lag ein altes Adlernest auf einem Felsenvorsprung, der über einer schroffen Bergwand herausragte. Das Nest war aus Tannenzweigen verfertigt, die schichtenweise quer übereinandergelegt waren. Seit Jahren war es immer mehr erweitert und erhöht worden, und jetzt hatte es mehrere Meter im Durchmesser und lag da droben, fast ebenso groß wie eine Lappenhütte.
Die Felsenwand, auf der das Adlernest lag, überschattete ein ziemlich hohes Tal, das im Sommer immer von einer Schar Wildgänse bewohnt war; und dieses Tal war auch wirklich ein ausgezeichneter Zufluchtsort für die Gänse, denn es lag so gut versteckt zwischen den Bergen, daß es nicht vielen Leuten bekannt war; ja, selbst unter den Lappen wußte man nur wenig davon. Mitten in dem Tal lag ein kleiner runder See, wo sich reichlich Nahrung für die kleinen Gänschen fand, und an den mit Weidenbüschen und kleinen verkrüppelten Birken dicht bestandenen Ufern gab es so gute Brutplätze, wie sie sich die Gänse nur wünschen konnten.
Seit undenklichen Zeiten hatten droben auf dem Felsen Adler und drunten im Tal Wildgänse gewohnt. Alle Jahre raubten die Adler einige von den Wildgänsen, hüteten sich aber wohl, so viele zu rauben, daß diese aus dem Tale verscheucht worden wären. Ihrerseits hatten die Wildgänse auch nicht so gar wenig Nutzen von den Adlern; diese waren ja wohl Räuber, aber sie hielten andre Räuber fern.
Ein paar Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, stand die alte Führerin der Schar, Akka von Kebnekajse, eines Morgens in demFelsental und schaute zu dem Adlernest hinauf. Die Adler pflegten kurz nach Sonnenaufgang auf die Jagd auszufliegen; und in allen den Sommern, die Akka in diesem Tal verbracht hatte, war sie jeden Morgen auf ihrem Posten gewesen und hatte beobachtet, ob die Adler im Tale blieben, um da zu jagen, oder ob sie sich nach andern Jagdgebieten begaben.
Sie brauchte nicht lange zu warten, bis die beiden stattlichen Vögel die Felsenplatte verließen. Schön, aber furchtbar schwebten sie durch die Luft dahin. Sie schlugen die Richtung nach dem Flachlande ein, und Akka stieß einen erleichterten Seufzer aus.
Die alte Anführerin war nun zu alt zum Eierlegen und Junge aufzuziehen. So vertrieb sie sich denn im Sommer die Zeit damit, daß sie von einem Gänsenest zum andern wanderte und über das Ausbrüten und Aufziehen der Jungen gute Ratschläge erteilte. Außerdem hielt sie nicht allein Ausschau nach den Adlern, sondern auch nach den Bergfüchsen, den Eulen und andern Feinden, von denen den Gänsen und deren Jungen Gefahr drohen konnte.
Gegen Mittag spähte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten, und dann fühlte sie sich für die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die Adler nicht zurück.
„Ich muß alt und stumpfsinnig geworden sein,“ dachte Akka, nachdem sie eine Weile gewartet hatte. „Die Adler müssen ja längst daheim sein.“
Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt hätten die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen müssen, wo sie ihre Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend spähte sie abermals, denn da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer spähte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, daß sie alt werde. Sie war es so gewohnt, die Adler über sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte sie sich gar nicht denken, daß sie noch nicht zurückgekehrt sein könnten.
Am nächsten Morgen war Akka schon früh auf den Beinen, und wieder schaute sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und jämmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien.
„Sollte da droben wirklich ein Unglück geschehen sein?“ dachte Akka. Sie breitete die Flügel aus und flog so hoch hinauf, daß sie in das Adlernest hineinsehen konnte.
Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie.
Langsam und zögernd ließ sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was für Räuber hier wohnten. In dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn und Hautfetzen, Hasenköpfe, Vogelschnäbel und federnbesetzte Füße von Schneehühnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen Überbleibselnlag, bot mit seinem großen aufgesperrten Schnabel, seinem unbeholfenen flaumigen Körper und seinen unfertigen Flügeln einen widerwärtigen Anblick.
Schließlich überwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand des Nestes, sah sich aber doch ängstlich nach allen Seiten um, denn sie war darauf gefaßt, die alten Adler im nächsten Augenblick dahersausen zu sehen.
„Gut, daß endlich jemand kommt!“ rief das Adlerjunge. „Verschaff mir sogleich etwas zu essen!“
„Na na, das hat wohl keine so große Eile,“ sagte Akka. „Sag mir zuerst, wo deine beiden Eltern sind.“
„Ja, wenn ich das wüßte! Gestern morgen sind sie fortgeflogen und haben mir nichts als eine Maus dagelassen. Du wirst dir denken können, daß die schon lange verzehrt ist! Es ist unverschämt von meiner Mutter, mich so Hunger leiden zu lassen.“
Jetzt war Akka überzeugt, daß die alten Adler erschossen worden waren, und sie dachte, wenn sie das Junge hier verhungern ließe, wäre sie die ganze Räubergesellschaft in Zukunft los. Aber sie konnte sich eben doch nicht entschließen, ein solches verlassenes Junge so elendiglich umkommen zu lassen, wenn es in ihrer Macht stand, ihm zu helfen.
„Was starrst du mich denn so an?“ schrie das Junge. „Hörst du nicht, daß ich etwas zu essen will?“
Akka breitete die Flügel aus und flog rasch zu dem kleinen Seehinunter; kurz darauf erschien sie wieder im Adlernest mit einer Forelle im Schnabel.
Aber als sie den Fisch vor den jungen Adler hinlegte, geriet dieser ganz außer sich vor Zorn. „Meinst du, ich esse solches Zeug?“ schrie er, stieß den Fisch weg und hackte mit seinem scharfen Schnabel nach Akka. „Verschaff mir ein Schneehuhn oder eine Wühlmaus, hörst du!“
Aber jetzt streckte Akka den Kopf vor und gab dem Jungen einen ordentlichen Schlag in den Nacken. „Das laß dir gesagt sein,“ rief die Alte, „wenn ich dir Futter verschaffen soll, mußt du mit dem zufrieden sein, was ich dir bringen kann. Dein Vater und deine Mutter sind tot, von ihnen kannst du also keine Hilfe mehr erwarten. Wenn du aber lieber hier verhungern willst, während du auf Schneehühner und Wühlmäuse wartest, dann habe ich nichts dagegen.“
Nachdem Akka dies gesagt hatte, flog sie sogleich davon und ließ sich erst nach einer guten Weile wieder in dem Neste sehen. Da hatte das Junge den Fisch verzehrt, und als Akka ihm einen neuen Fisch hinlegte, verschlang es diesen sogleich, obgleich man ihm gut anmerkte, daß er ihm abscheulich schmeckte.
Nun hatte Akka eine schwere Aufgabe. Die alten Adler kehrten niemals wieder, und so mußte sie alle Nahrung für das Junge ganz allein herbeischaffen. Sie brachte ihm Fische und Frösche, und diese Kost schien dem jungen Adler gar nicht übel zu bekommen, denn er wuchs groß und kräftig heran. Bald hatte er seine Eltern vollständig vergessen und glaubte, Akka sei seine rechte Mutter. Und Akka liebte ihn wie ein eigenes Kind. Sie erzog ihn mit aller Sorgfalt und gab sich die größte Mühe, ihm seinen wilden Sinn und seinen Hochmut abzugewöhnen.
Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fühlte Akka die Zeit herbeikommen, wo sie ihre Federn verlor und also nicht fliegen konnte. Sie wußte, während eines ganzen Monats würde sie dann nicht imstande sein, dem Jungen im Adlernest Nahrung zu bringen, und so müßte dieses elendiglich verhungern.
„Hör nun, Gorgo,“ sagte Akka eines Tages zu dem jungen Adler. „Jetzt kann ich dir keine Fische mehr hier heraufbringen, und nun fragt es sich, ob du dich ins Tal hinunterwagst, damit ich dir auch ferner deine Nahrung verschaffen kann. Du mußt jetzt wählen, ob du lieber hier oben verhungern, oder dich ins Tal hinunterwerfen willst, was dich möglicherweise das Leben kosten kann.“
Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stieg Gorgo auf den Rand des Nestes. Er nahm sich kaum die Mühe, die Entfernung mit dem Blick zu messen, sondern breitete seine kleinen Flügel aus und flog hinunter. Er überschlug sich zwar ein paarmal in der Luft, gebrauchte aber doch seine Flügel ganz geschickt, und so kam er unbeschädigt drunten im Tal an.
Von da an verbrachte Gorgo den Sommer zusammen mit den jungen Gösselchen und wurde ihnen bald ein sehr guter Kamerad. Da er sich selbstfür einen jungen Gänserich hielt, gab er sich alle Mühe, gerade so zu leben wie sie, und wenn sie in den See hinausschwammen, lief er hinter ihnen her, bis er fast ertrank. Er schämte sich fürchterlich, daß er nicht schwimmen lernen konnte, und ging zu Akka, ihr sein Leid zu klagen.
„Warum kann ich nicht ebensogut schwimmen lernen wie die andern?“ fragte er.
„Du hast allzu gekrümmte Zehen und zu große Klauen bekommen, während du da droben auf dem Felsenvorsprung lagst,“ sagte Akka. „Aber du brauchst dich deshalb nicht zu grämen, es wird doch noch ein rechter Vogel aus dir.“
Die Flügel des jungen Adlers waren bald groß genug, ihn zu tragen; aber es dauerte doch noch bis zum Herbst, wo die jungen Gänse fliegen lernen sollten, bis es ihm einfiel, daß er seine Flügel auch zum Fliegen gebrauchen könnte. Nun aber brach eine herrliche Zeit für ihn an, denn in dieser Kunst war er bald der erste von allen. Seine Kameraden blieben nie länger in der Luft droben, als sie durchaus mußten; er aber hielt sich fast den ganzen Tag da droben auf und übte sich im Fliegen. Er war noch immer nicht darauf gekommen, daß er von andrer Art war als die Gösselchen. Aber es fiel ihm doch allerlei auf, was ihn in Erstaunen setzte, und immer wieder kam er mit neuen Fragen zu Akka.
„Warum laufen die Schneehühner und die Wühlmäuse davon, sobald sich auch nur mein Schatten droben am Felsen zeigt?“ fragte er. „Vor den andern Gänsen zeigen sie keinen solchen Schrecken.“
„Deine Flügel sind zu groß geworden, während du droben auf dem Felsenvorsprung lagst, und vor denen fürchten sich die kleinen Tiere,“ sagte Akka. „Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.“
Nachdem Gorgo fliegen gelernt hatte, lernte er auch ganz von selbst, Fische und Frösche zu fangen, aber bald begann er auch darüber nachzugrübeln.
„Woher kommt es, daß ich von Fischen und Fröschen lebe?“ fragte er. „Das tun ja meine Brüder und Schwestern auch nicht?“
„Das kommt daher, weil ich keine andre Nahrung für dich hatte, solange du droben auf dem Felsenvorsprung lagst,“ sagte Akka. „Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.“
Als die Wildgänse im Herbst südwärts zogen, flog Gorgo mit in der Schar. Er betrachtete sich immer als zu ihnen gehörig; aber ringsumher in der Luft flogen unzählige Vögel, die alle auf dem Wege nach dem Süden waren, und als Akka mit einem Adler in ihrem Gefolge daherkam, gerieten sie in große Aufregung. Bald war die Schar der Wildgänse von einem Schwarm neugieriger Vögel umringt, die ihre Verwunderung laut kundgaben. Akka gebot ihnen Schweigen, aber es war nicht möglich, so viele böse Zungen im Zaum zu halten.
„Warum nennen sie mich einen Adler?“ fragte Gorgo unaufhörlich, und er wurde immer hitziger. „Können sie denn nicht sehen, daß ich eine Wildgansbin? Ich bin doch kein Vogelräuber, der seinesgleichen verzehrt! Wie kommen sie nur darauf, mir einen so häßlichen Namen zu geben?“
Eines Tages flogen die Wildgänse über einen Bauernhof hin, wo viele Hühner auf dem Misthaufen scharrten. „Ein Adler! Ein Adler!“ riefen alle Hühner und liefen eiligst davon, sich zu verstecken. Aber jetzt konnte Gorgo, der von den Adlern immer als von wilden Bösewichten hatte reden hören, seinen Zorn nicht mehr bemeistern. Er schlug mit den Flügeln, schoß hinunter und schlug seine Fänge in eines von den Hühnern. „Ich will dich lehren, daß ich kein Adler bin!“ schrie er heftig und hackte mit dem Schnabel auf das Huhn los.
Da hörte er, daß Akka ihn von oben aus rief. Er gehorchte augenblicklich und flog hinauf. Die alte Wildgans kam ihm entgegengeflogen, um ihn zu züchtigen. „Was tust du?“ rief sie und schlug mit dem Flügel nach ihm. „Hattest du etwa im Sinne, das arme Huhn zu zerreißen? Du solltest dich schämen!“
Als aber der Adler die Züchtigung ohne Widerstand hinnahm, erhob sich unter den großen Vogelscharen ringsumher ein wahrer Sturm von Spottreden und Schmähungen. Der Adler hörte es, und nun wendete er sich mit zornigen Blicken an Akka, wie wenn er sie anfallen wollte. Aber er änderte seine Absicht sogleich wieder, stieg mit heftigen Flügelschlägen hoch in die Luft hinauf, so hoch, bis ihn kein Ruf mehr erreichen konnte, und schwebte da droben umher, solange die Wildgänse ihn noch sehen konnten.
Drei Tage später erschien er wieder bei den Wildgänsen.
„Jetzt weiß ich, wer ich bin,“ sagte er zu Akka. „Und da ich ein Adler bin, muß ich so leben, wie es einem Adler geziemt. Aber deshalb können wir doch gute Freunde bleiben; dich oder eine der Deinigen werde ich nie angreifen.“
Aber Akka hatte ihren ganzen Stolz darein gesetzt, diesen Adler zu einem ungefährlichen Vogel heranzuziehen, und sie wollte es nicht leiden, daß er nach seiner Art leben wollte.
„Meinst du, ich werde mit einem Vogelräuber Freundschaft halten?“ sagte sie. „Lebe so, wie ich es dich gelehrt habe, dann darfst du wie bisher in meiner Schar bleiben.“
Beide waren stolz und unbeugsam; keines wollte nachgeben, und schließlich verbot Akka dem Adler geradezu, sich in ihrer Nähe sehen zu lassen, ja, sie war so böse auf ihn, daß in Akkas Nähe niemand seinen Namen auch nur auszusprechen wagte.
Von dieser Stunde an zog Gorgo im Lande umher, einsam und von allen gemieden, wie alle großen Räuber. Er war oftmals in trüber Stimmung, und sicherlich sehnte er sich oft nach der Zeit zurück, wo er sich noch für eine Wildgans gehalten und mit den lustigen jungen Gösselchen gespielt hatte. Unter den Tieren war er wegen seiner Kühnheit berühmt. Es hieß, er fürchte sich vor nichts und vor niemand als vor seiner Pflegemutter Akka, und er stand auch in dem Rufe, sich noch nie an einer Wildgans vergriffen zu haben.
Gorgo war erst drei Jahre alt und hatte noch nicht daran gedacht, sich eine Frau zu nehmen und eine Heimat zu gründen, als er eines Tages von einem Jäger gefangen wurde, der ihn an das Freiluftmuseum Skansen in Stockholm verkaufte. Als Gorgo nach Skansen kam, waren schon zwei Adler da. Sie wurden in einem Käfig aus eisernen Stangen und Stahldraht gefangen gehalten; der Käfig stand im Freien und war sehr groß, und damit die Adler sich heimisch fühlen sollten, hatte man sogar einige Bäume hinein verpflanzt und einen ordentlichen Berg aus Steinblöcken darin aufgeführt. Aber trotz allem gediehen die Vögel nicht; fast den ganzen Tag saßen sie unbeweglich auf demselben Platz, ihr schönes dunkles Gefieder wurde struppig und verlor seinen Glanz und, hoffnungslose Sehnsucht im Blick, starrten die armen Tiere gerade in die Luft hinaus.
In der ersten Woche seiner Gefangenschaft war Gorgo noch wach und lebendig; aber dann überfiel ihn allmählich eine dumpfe Gleichgültigkeit. Er saß ganz ruhig auf demselben Platz, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und die Tage vergingen, ohne daß er es merkte.
Eines Morgens, als Gorgo wie gewöhnlich im Halbschlaf befangen war, hörte er, daß ihn jemand vom Boden aus anrief.
„Wer ruft mich?“ fragte er.
„Aber Gorgo, erkennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Däumling, der mit den Wildgänsen umherzog.“
„Ist Akka auch gefangen worden?“ fragte Gorgo, in einem Ton, wie wenn er aus einem tiefen Schlafe erwachte und seine Gedanken erst zusammennehmen müßte.
„Nein, Akka und der weiße Gänserich und die ganze Schar der Wildgänse sind wahrscheinlich jetzt droben in Lappland,“ sagte der Junge. „Nur ich bin hier gefangen.“
Während der Junge dies sagte, sah er, daß Gorgo die Augen abwendete und wie vorher in die Luft hinausstarrte.
„Königsadler!“ rief der Junge. „Ich habe nicht vergessen, daß du mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht und auch das Leben des weißen Gänserichs verschont hast. Sag mir, ob ich dir in irgend einer Weise helfen könnte!“
Aber Gorgo hob kaum den Kopf. „Störe mich nicht, Däumling!“ sagte er. „Ich träume eben, ich flöge hoch droben in der Luft umher, und ich will nicht erwachen.“
„Du mußt dir Bewegung machen und dich darum kümmern, was um dich her vorgeht,“ mahnte der Junge. „Sonst siehst du bald ebenso elendig aus wie die andern Adler hier.“
„Ich wünschte, ich wäre schon wie sie. Sie sind so traumverloren, daß sie nichts mehr berühren kann,“ sagte Gorgo.
Als es Nacht geworden war und alle Adler schliefen, ertönte ein leichtes Kratzen an dem Stahldrahtnetz, das den Adlerkäfig bedeckte. Die beiden alten und abgestumpften Gefangenen ließen sich von dem Geräusch nicht stören, aber Gorgo erwachte. „Wer da?“ rief er. „Wer bewegt sich da oben auf dem Dache?“
„Ich bin's, Gorgo, der Däumling,“ antwortete der Junge. „Ich versuche hier den Draht durchzufeilen, damit du entfliehen kannst.“
Der Adler hob den Kopf und sah in der hellen Nacht, wie der Junge eifrig an dem Drahtnetz, das über den Käfig gespannt war, feilte. Einen Augenblick regte sich die Hoffnung in seinem Herzen, aber die Mutlosigkeit gewann doch gleich wieder die Oberhand. „Ach, Däumling, ich bin ein sehr großer Vogel,“ sagte er. „So viele Drähte, daß ich hinauskommen kann, wirst du kaum durchfeilen können. Gib dein Vorhaben lieber gleich auf und laß mich in Frieden.“
„Schlaf du nur und kümmere dich nicht um mich,“ erwiderte der Junge. „Heute nacht werde ich freilich noch nicht fertig und morgen nacht auch nicht; aber ich will nun einmal versuchen, dich zu befreien, denn hier gehst du ja vollständig zugrunde.“
Gorgo schlief wieder ein; als er aber am nächsten Morgen erwachte, sah er gleich, daß schon eine große Menge Drähte durchgefeilt waren. An diesem Tag fühlte er sich nicht so schläfrig wie am vorhergehenden; er schlug oft mit den Flügeln und hüpfte auf den Ästen umher, um seine steifen Glieder wieder geschmeidig zu machen.
Eines Morgens in aller Frühe, gerade als der erste Streifen Morgenlicht am Himmel aufleuchtete, weckte der Däumling den Adler. „Versuch es jetzt, Gorgo!“ sagte er.
Der Adler schaute auf. Der Junge hatte wirklich die vielen Drähte durchgefeilt; da droben in dem Stahldrahtnetz war ein großes Loch. Gorgo bewegte die Flügel und schwang sich hinauf. Zweimal fiel er wieder in den Käfig zurück, aber schließlich gelangte er doch glücklich ins Freie.
Mit stolzen Flügelschlägen stieg er hoch zu den Wolken empor. Der kleine Däumling stand unten und sah ihm mit einem wehmütigen Ausdruck nach. Ach wie sehr wünschte er, es käme jemand und gäbe auch ihm die Freiheit!
Der Junge war jetzt ganz heimisch auf Skansen. Er hatte mit allen Tieren Bekanntschaft geschlossen und viele Freunde unter ihnen gewonnen; er sah ja auch wohl ein, daß in diesem Freiluftmuseum außerordentlich viel Interessantes und Lehrreiches zu sehen war, und es wurde ihm nicht schwer, sich die Zeit zu vertreiben; aber doch zogen seine Gedanken jeden Tag sehnsüchtig hinaus zu seinem lieben Gänserich Martin und allen seinen andern Reisegefährten.
„Wenn ich doch nur nicht durch mein Versprechen gebunden wäre! Dann wollte ich schon einen Vogel finden, der mich zu den Wildgänsen trüge,“ dachte er.
Es klingt recht merkwürdig, daß Klement Larsson dem Jungen seine Freiheit nicht wiedergegeben hatte, aber man muß bedenken, wie verwirrt der kleine Spielmann war, als er Skansen verließ. An dem Morgen, wo er abreiste, hatte er sich allerdings vorgenommen gehabt, dem kleinen Knirps sein Essen in einem blauen Napf hinzustellen, aber zum Unglück hatte er keinen solchen finden können. Dann waren alle die Leute von Skansen – die Lappen, die Mädchen aus Dalarna, die Maurer und Gärtner – herbeigekommen, ihm Lebewohl zu sagen, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich einen blauen Napf zu verschaffen. Die Stunde der Abreise kam heran, und schließlich wußte er sich nicht anders zu helfen, als einen der Lappländer um Hilfe zu bitten.
„Hör einmal,“ sagte er. „Hier auf Skansen wohnt einer von dem Wichtelvolk, dem ich jeden Morgen etwas zu essen bringe. Willst du mir nun einen Gefallen tun? Hier ist etwas Geld, dafür kaufe einen blauen Napf und stelle ihn morgen mit etwas Grütze und Milch auf die Treppe der Bollnäshütte.“
Der alte Lappe machte ein sehr verwundertes Gesicht; aber Klement hatte keine Zeit mehr, ihm die Sache noch näher zu erklären, denn er mußte jetzt auf den Bahnhof.
Der Lappe war dann auch wirklich in die Stadt gegangen, einen blauen Napf zu kaufen; als er aber keinen blauen sah, der ihm für seinen Zweck passend erschien, kaufte er einen weißen, und in diesem stellte er gewissenhaft jeden Morgen Milch und Grütze hin.
Auf diese Weise war der Junge seines Versprechens nicht entbunden worden. Er wußte wohl, daß Klement fort war, aber er selbst durfte nicht davongehen.
In dieser Nacht nun sehnte sich der Junge mehr als gewöhnlich nach der Freiheit, und das kam daher, daß es jetzt im Ernst Frühling und Sommer geworden war. Er hatte während der Reise ja oft unter der Kälte und dem schlechten Wetter gelitten, und in der ersten Zeit auf Skansen hatte er öfters gedacht, es sei vielleicht ganz gut, daß er die Reise hatte aufgeben müssen, denn wenn er im Mai nach Lappland gekommen wäre, hätte er dort droben sicherlich erfrieren müssen. Aber jetzt war es warm geworden, die Wiesen prangten in frischem Grün, Birken und Pappeln hatten ein seidig schillerndes Blätterkleid, die Kirschbäume, ja alle möglichen Obstbäume standen mit Blüten übersät da, die Beerensträucher hatten schon ganz kleine Früchte auf den Zweiglein, die Eichen rollten äußerst vorsichtig ihre Blätter auf, Erbsen, Kohl und Bohnen grünten auf den Gemüsebeeten auf Skansen.
„Jetzt wäre es wohl auch in Lappland warm und schön,“ dachte der Junge. „Wie gerne säße ich an einem schönen Morgen auf dem Rücken des Gänserichs Martin! Wie prächtig wäre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da droben, von wo ich auf die mit grünem Gras und mit herrlichen Blumen geschmückte Erde herunterschauen könnte!“
Der Junge war noch mit diesem Gedanken beschäftigt, als plötzlich Gorgo aus der Luft heruntersauste und sich neben dem Däumling auf das Dach des Käfigs setzte. „Ich wollte nur meine Flügel prüfen, um zu sehen, ob sie mich noch ordentlich tragen,“ sagte er. „Du hast hoffentlich nicht gedacht, ich werde dich hier in der Gefangenschaft zurücklassen? Setze dich jetzt auf meinen Rücken, dann bringe ich dich zu deinen Reisegefährten zurück.“
„Nein, das ist unmöglich,“ sagte der Junge. „Ich habe mein Wort darauf gegeben, daß ich hier bleibe, bis man mir die Freiheit zurückgibt.“
„Was schwatzest du da für dummes Zeug?“ erwiderte Gorgo. „Zuerst hat man dich gegen deinen Willen hierhergebracht und dich dann noch obendrein gezwungen, hierzubleiben. So ein Versprechen braucht man nicht zu halten, das wirst du doch verstehen?“
„Ich muß es trotzdem halten,“ sagte der Junge. „Nein, mein lieber Gorgo, ich danke dir für deine gute Absicht, aber du kannst mir nicht helfen.“
„So, kann ich es nicht?“ erwiderte Gorgo. „Das sollst du bald sehen!“ Und in demselben Augenblick ergriff Gorgo den Jungen mit seinen großen Fängen, schwang sich mit ihm zu den Wolken hinauf und verschwand in nördlicher Richtung.
Mittwoch, 15. Juni
Der Adler flog ununterbrochen in nördlicher Richtung weiter, bis er ein gutes Stück über Stockholm hinausgekommen war; da ließ er sich auf einen bewaldeten Hügel hinab und lockerte den Griff, mit dem er den Jungen festhielt.
Aber kaum fühlte sich dieser frei, als er, so schnell er nur konnte, wieder nach der Stadt zurücklief.
Da machte der Adler einen großen Sprung, holte den Jungen ein und legte die Klaue auf ihn. „Willst du ins Gefängnis zurückkehren?“ fragte er.
„Was willst du eigentlich von mir? Ich werde doch wohl gehen dürfen, wohin ich will!“ rief der Junge und versuchte sich von dem Adler los zu machen. Doch da ergriff ihn Gorgo abermals mit seinen starken Fängen, hob ihn auf und trug ihn fort.
Nun flog er mit dem Jungen über ganz Uppland hin und hielt nicht an, bis er den großen Wasserfall bei Älvkarleby erreicht hatte. Hier ließ er sich auf einen Stein nieder, der mitten im Strom gerade unter dem rauschenden Wasserfall lag, und ließ dann seinen Gefangenen aufs neue los.
Der Junge erkannte sogleich, daß es ihm ganz unmöglich war, dem Adler von hier aus zu entfliehen. Von oben her kam der weißschäumende Schwallherabgestürzt, und ringsum brandete und wogte das Wasser mit wildem Schäumen. Der Junge war sehr erbittert, daß er auf diese Weise wortbrüchig werden mußte; er wendete dem Adler den Rücken und wollte kein Wort mehr mit ihm sprechen.
Aber nachdem jetzt der Adler den Jungen an einer Stelle abgesetzt hatte, wo er ihm nicht mehr entfliehen konnte, erzählte er ihm, wie er von Akka von Kebnekajse aufgezogen worden, mit dieser seiner Pflegemutter aber jetzt in Feindschaft geraten sei.
„Und jetzt kannst du vielleicht verstehen, Däumling, warum ich dich zu den Wildgänsen zurückbringen möchte,“ sagte er zum Schluß. „Ich habe gehört, in welch hoher Gunst du bei Akka stehst, und deshalb wollte ich dich bitten, den Friedensstifter zwischen uns zu machen.“
Sobald der Junge hörte, daß der Adler ihn nicht nur aus Eigensinn fortgetragen hatte, wurde er wieder freundlich gegen ihn.
„Ich würde dir außerordentlich gern in dieser Sache helfen,“ sagte er, „aber ich bin ja durch mein Versprechen gebunden.“ Und nun erzählte er seinerseits dem Adler, wie er in Gefangenschaft geraten sei, und daß Klement Larsson Skansen verlassen hätte, ohne ihm sein Wort zurückzugeben.
Doch der Adler wollte um keinen Preis seinen Plan aufgeben. „Höre mich an, Däumling!“ sagte er. „Meine Flügel tragen mich, wohin du nur willst, und meine Augen machen alles ausfindig, was du nur sehen möchtest. Erzähl mir, wie der Mann aussah, der dir das Versprechen abgenommen hat, ich will ihn aufsuchen und dich zu ihm tragen. Alsdann mußt du sehen, wie du ihn dazu bringst, dich von deinem Versprechen zu entbinden.“
Dieser Vorschlag leuchtete dem Jungen ein. „Ja, ja, Gorgo, man merkt wohl, welchen klugen Vogel du als Pflegemutter gehabt hast,“ sagte er. Dann beschrieb er dem Adler Klement Larsson ganz genau und fügte auch noch hinzu, er habe auf Skansen gehört, daß der kleine Spielmann aus Hälsingeland stammte.
„Wir wollen ganz Hälsingeland absuchen, von Lingbo bis Mellansjö, von Storberg bis Hornsland!“ rief der Adler. „Gleich morgen, noch ehe es Abend geworden ist, wirst du mit dem Manne reden können.“
„Jetzt versprichst du sicher mehr, als du halten kannst, Gorgo,“ sagte der Junge.
„O, ich wäre ein schlechter Adler, wenn ich das nicht könnte!“ erwiderte Gorgo.
Als Gorgo mit dem Däumling von Älvkarleby aufbrach, waren die beiden ganz gute Freunde geworden, und der Junge ritt jetzt auf Gorgos Rücken. Auf diese Weise sah er wieder etwas von den Gegenden, über die sie hinflogen. Solange ihn der Adler in den Klauen getragen hatte, war ihm das nicht möglich gewesen. Es war vielleicht ganz gut für ihn, daß er sich nicht so genau auskannte, denn wenn er gewußt hätte, daß er am Morgen über so schöne Orte wie die alten Königshügel von Uppsala, über die große ÖsterbyerFabrik, die Danemoraer Grube und das alte Schloß zu Örbyhus hingeflogen war, hätte er sich gewiß sehr gegrämt, weil er nichts davon gesehen hatte.
Jetzt trug ihn der Adler hurtig über Gästrikland hin. In dem südlichen Teil war nicht viel zu sehen, was die Aufmerksamkeit gefangen nehmen konnte. Eine fast ganz mit Tannenwald bestandene Ebene breitete sich ungeheuer groß unter ihm aus; weiter gegen Norden aber erstreckte sich quer durch die Landschaft, von der Dalagrenze bis zum Bottnischen Meerbusen, ein schöner Landstrich mit bewaldeten Hügeln, glänzenden Seen und rauschenden Strömen. Da lagen dichtbevölkerte Kirchspiele um weiße Kirchen herum, Landstraßen und Eisenbahnen kreuzten sich, die Häuser waren in Grün gebettet, und blühende Gärten schickten holde Düfte in die Luft hinauf.
An den Wasserläufen sah der Junge mehrere große Eisenhämmer, ganz ähnliche, wie er schon im Bergwerkdistrikt gesehen hatte. In ungefähr gleichen Zwischenräumen lagen sie in einer Reihe bis zum Meere hin, wo schließlich eine große Stadt ihre weißen Häusermassen ausbreitete. Nördlich von dieser dichtbevölkerten Gegend setzten die dunkeln Wälder wieder ein; doch war hier das Land nicht eben, sondern bildete Hügel und Täler, es hob und senkte sich wie ein aufgeregtes Meer.
„Dieses Land hat ein Kleid aus Tannenzweigen und eine Jacke aus Feldsteinen an,“ sagte sich der Junge im stillen. „Aber um die Mitte trägt es einen Gürtel, der an Kostbarkeit nicht seinesgleichen hat, denn er ist mit blauschimmernden Seen und blumigen Wiesen bestickt; die großen Eisenhämmer schmücken ihn wie eine Reihe von Edelsteinen, und als Schnalle dient ihm eine große Stadt mit Schlössern und Kirchen und großen Häusergruppen.“
Nachdem Gorgo mit dem Jungen eine Strecke weit in die nördlich sich hinziehende Waldgegend hineingeflogen war, ließ sich Gorgo ganz oben auf dem Gipfel eines kahlen Felsen nieder, und als der Junge auf den Boden hinuntergesprungen war, sagte der Adler: „Es gibt hier im Walde allerlei Leckerbissen für dich, und ich selbst kann die drückenden Gedanken an die Gefangenschaft gewiß nicht los werden und mich nicht so recht frei fühlen, bis ich wieder auf der Jagd gewesen bin. Du hast doch wohl keine Angst, wenn ich davonfliege?“
„O nein,“ sagte der Junge, „fliege du nur.“
„Du kannst gehen, wohin es dir beliebt, nur gegen Sonnenuntergang solltest du wieder hier sein,“ sagte der Adler, und dann flog er davon.
Der Junge fühlte sich ziemlich einsam und verlassen, als er dann auf einem Stein saß und über die nackten Gebirgshalden und die großen Wälder hinschaute, die ihn rings umgaben. Aber er hatte noch nicht lange dagesessen, als von drunten aus dem Walde Gesang zu ihm heraufdrang und er etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern sah. Bald erkannte er eine blau-gelbe Fahne, und an dem Gesang und dem fröhlichen Rufen erriet er auch, daß die Fahne einem ganzen Zug von Menschen vorausgetragen wurde; aber es dauerte noch recht lange, bis er sehen konnte, welche Art von Zug es war.Die Fahne wurde auf Zickzackwegen heraufgetragen, und Nils Holgersson war außerordentlich gespannt, wohin diese Fahne und die Menschen dahinter wollten. Auf die einsame, öde Berghalde, wo er sich eben befand, kamen sie gewiß nicht, das konnte er sich gar nicht denken. Und doch war es so. Jetzt tauchte die Fahne am Waldessaum auf, und hinter ihr strömten eine Menge Menschen heraus, denen die Fahne den Weg gewiesen hatte. Auf dem ganzen Berge war nun Leben und Bewegung, und an diesem Tage hatte der Junge so viel zu sehen, daß er sich keinen Augenblick langweilte.
Auf dem breiten Gebirgsrücken, wo der Junge von Gorgo zurückgelassen worden war, hatte vor ungefähr zehn Jahren ein Waldbrand gewütet. Die verkohlten Bäume waren gefällt und fortgeschafft worden, und da, wo der große Brandplatz an den frischen Wald stieß, hatte sich allmählich wieder einiges Wachstum eingestellt. Aber der größte Teil lag noch immer unheimlich kahl und verlassen da. Zwischen den Steinen waren zwar noch schwarze Baumstümpfe und legten Zeugnis davon ab, daß einst ein großer, prächtiger Wald hier gestanden hatte, aber nirgends sproßten junge Schößlinge aus dem Boden heraus.
Die Leute wunderten sich darüber, wie lange es dauerte, bis sich die leere Fläche wieder mit Wald bekleidete; sie vergaßen ganz, daß seit jener Zeit, wo das Feuer hier gewütet hatte, die Erde aller Feuchtigkeit ermangelte. Deshalb waren nicht allein alle Bäume gänzlich verbrannt und alles, was auf dem Waldboden wuchs – Heidekraut, Maiblumen, Moos und Preißelbeerstauden –, verschwunden, sondern auch die Erde, die den Felsengrund bedeckte, war nach dem Brande so trocken und lose wie Asche geworden. Jeder Windstoß, der daherjagte, wirbelte sie hoch in die Luft hinauf; und da die Berghöhe dem Winde sehr ausgesetzt war, wurde ein Steinblock um den andern reingefegt. Der Regen tat natürlich auch das Seine, das Erdreich hinwegzuschwemmen; und nachdem sich nun Wind und Wetter zehn Jahre lang alle Mühe gegeben hatten, den Berg abzufegen, sah er so kahl aus, daß man sich nichts andres denken konnte, als daß er bis ans Ende der Welt so liegen bleiben würde.
Aber eines Tages, gleich in der ersten Sommerzeit, versammelten sich alle Kinder des Dorfes, in dessen Gebiet der abgebrannte Berg lag, vor einer der Schulen. Jedes Kind trug eine Hacke oder einen Spaten auf der Schulter, sowie ein Paket Mundvorrat in der Hand. Sobald alle Kinder versammelt waren, wanderten sie in einem langen Zuge dem Walde zu. Die Fahne wurde vorausgetragen, die Lehrer und Lehrerinnen gingen nebenher, und hinterdrein kamen einige Waldhüter und ein Pferd, das eine große Ladung Tannenschößlinge und Tannensamen trug.
Dieser Zug hielt in keinem der dem Dorf zunächstliegenden Birkengehölzean, nein, er wanderte weit hinauf in den Wald. Immer höher ging es auf verlassenen alten Viehwegen, und die Füchse streckten die Köpfe aus ihrem Bau heraus und fragten verwundert, was doch das für Hirtenvolk sei, das zu Berg ziehe. Der Zug kam an verlassenen Weilern vorüber, wo früher in jedem Herbst Kohlen gebrannt worden waren, und die Kreuzschnäbel wendeten ihren krummen Schnabel nach dem Zuge und konnten nicht begreifen, was das für Kohlenbrenner sein sollten, die da in den Wald eindrangen.
So erreichte der Zug schließlich die große abgebrannte Hochebene. Da waren die Felsen ganz kahl, ohne die feinen Linäenranken, von denen sie einstmals bedeckt gewesen waren, und die Steinplatten waren des schönen silberweißen Mooses und auch der feinen niedlichen Renntierflechten entkleidet. Rings um die schwarzen Wassertümpel herum, die sich in den Felsenspalten und Vertiefungen angesammelt hatten, wuchsen weder Kallablätter noch Sauerklee. Auf den kleinen Plätzen, wo zwischen den Steinblöcken und Rissen noch Erde lag, standen keine Farrenkräuter, keine Sternmieren, keine weißen Pyrola, nirgends war eine Spur von all dem Grünen und Roten und Buschigen und Weichen und Zierlichen, was sonst den Waldboden schmückt.
Es war, als ob plötzlich heller Sonnenschein über die graue Hochebene hinleuchtete, als die Kinder des Dorfes sich darauf zerstreuten. Das war doch wieder etwas Frohes und Schönes, etwas Frisches und Rosiges, etwas Junges und etwas im Wachsen Begriffenes! Vielleicht konnten sie dem armen verlassenen Waldboden wieder zu etwas Leben verhelfen!
Nachdem die Kinder sich ausgeruht und gesättigt hatten, ergriffen sie die Hacken und Spaten und fingen an zu arbeiten. Die Waldhüter zeigten ihnen, wie sie es machen müßten, und nun steckten die Kinder in jedes noch so kleine Fleckchen Erde, das sie entdecken konnten, die kleinen Tannenpflänzchen hinein.
Während die Kinder also pflanzten, sprachen sie ganz altklug miteinander davon, wie diese kleinen Pflänzchen, die sie jetzt in die Erde hineinsteckten, das Erdreich festhalten würden, damit es nicht wieder weggeblasen werden könnte. Aber das sei nicht das einzige Gute daran, denn dadurch bilde sich auch neue Erde unter den Wurzeln, in diese falle Samen hinein, und in einigen Jahren könnten sie da, wo jetzt nichts als kahle Felsblöcke seien, Himbeeren und Heidelbeeren pflücken. Und die kleinen Pflanzen, die sie hier einsetzten, würden allmählich zu großen Bäumen heranwachsen, ja in späteren Jahren könne man große Häuser oder stolze Schiffe daraus bauen.
Wenn aber sie, die Kinder, jetzt nicht heraufgekommen wären und gepflanzt hätten, solange noch ein bißchen Erde in den Felsenspalten lag, dann wäre durch den Wind und den Regen jede Möglichkeit, daß je hier etwas gepflanzt werden könnte, vollends zerstört worden, und es hätte also niemals wieder ein Wald auf diesem Berge entstehen können.
„Ja, es ist nur gut, daß wir heraufgekommen sind,“ sagten die Kinder. „Es war wirklich die höchste Zeit.“ Und sie kamen sich ungeheuer wichtig vor.
Während die Kinder so auf dem Berge arbeiteten, waren Vater und Mutterdaheim; nachdem aber einige Zeit vergangen war, hätten sie gar zu gerne gewußt, wie es den Kindern droben auf dem Berge gehe. Sie dachten, es sei natürlich nur zum Spaß, daß solche kleinen Leute einen Wald pflanzen sollten, aber es könnte jedenfalls ganz unterhaltend sein, wenn sie nachsähen, wie es da droben zugehe. Und ehe sie sich versahen, waren Vater und Mutter schon auf dem Wege nach dem Walde. Als sie den Bergpfad erreicht hatten, trafen sie mit andern Nachbarn zusammen.
„Wollt ihr hinauf zum Brandplatz?“
„Ja, wir sind eben auf dem Wege.“
„Um nach den Kindern zu sehen?“
„Ja, wir wollen hinauf und sehen, was sie da treiben.“
„Es ist natürlich nur zum Spaß.“
„Freilich, viele Bäume werden da droben nicht wachsen.“
„Wir haben den Kaffeekessel bei uns, damit sie etwas Warmes bekommen, da sie den ganzen Tag von trockner Kost leben müssen.“
Jetzt erreichten Vater und Mutter den Brandplatz, und zuerst dachten sie nichts weiter, als wie hübsch alle die roten Wangen der Kinder auf dem grauen Berge aussähen. Aber dann gaben sie genau acht, wie die Kinder arbeiteten: die einen setzten die Pflänzchen ein, die andern zogen Furchen und säten Samen hinein, wieder andere rissen das Heidekraut heraus, damit es die jungen Bäumchen nicht ersticken sollte.
Sie sahen auch, wie eifrig und ernsthaft die Kinder es mit der Arbeit nahmen; sie hatten ja kaum Zeit, aufzuschauen.
Der Vater sah eine Weile zu, dann fing er auch an Heidekraut herauszureißen. Nur zum Scherze natürlich. Die Kinder waren die Lehrmeister, denn jetzt kannten sie die Kunst, und sie durften nun Vater und Mutter zeigen, wie man es machen mußte.
Schließlich nahmen dann auch alle die Erwachsenen, die heraufgekommen waren, nach den Kindern zu sehen, an der Arbeit teil. Da war es natürlich noch viel unterhaltender als vorher, und nach kurzer Zeit bekamen die Kinder noch mehr Hilfe.
Man brauchte nämlich noch mehr Handwerkszeug, und ein paar Jungen mit langen Beinen wurden nach Hacken und Spaten ins Dorf hinuntergeschickt. Als diese an den Häusern vorbeirannten, kamen die Bewohner heraus und fragten: „Was ist denn los? Ist ein Unglück geschehen?“
„Nein, nein, aber das ganze Dorf ist droben auf dem Brandplatz und hilft den Wald pflanzen.“
„Ei, wenn das ganze Dorf droben ist, dann wollen wir auch nicht daheimbleiben.“
So strömte alles auf den abgebrannten Berg hinauf. Zuerst blieben die Neuangekommenen ruhig stehen und schauten eine Weile zu; aber dann konnten sie es nicht lassen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Denn es mochte wohl sehr vergnüglich sein, wenn der Bauer im Frühjahr seinen Acker bestellt unddabei an das Getreide denkt, das aus der Erde herauswachsen soll, aber dies war doch noch verlockender.
Hier sollten nicht nur schwache Halme aus dieser Saat aufgehen, sondern starke Bäume mit hohen Stämmen und mächtigen Zweigen. Hier handelte es sich nicht nur darum, die Ernte eines Sommers hervorzurufen, sondern Wachstum für viele Jahre. Das hier bedeutete so viel, wie Insektensummen, Drosselschlag und Auerhahnbalzen hervorzurufen und ungezähltes Leben auf dem Brandplatz zu wecken. Und dann war es auch wie ein Denkmal, das man für die kommenden Geschlechter errichtete. Bisher hätte man ihnen einen kahlen, nackten Berg als Erbe hinterlassen, jetzt aber sollten sie einen stolzen Wald dafür bekommen; und wenn die Nachkommen dies erkannten, dann verstanden sie sicher auch, daß ihre Vorfahren gute und kluge Leute gewesen waren, und darum würden sie mit Ehrerbietung und Dankbarkeit der Vorfahren gedenken.