VI.

Das gedämpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage.

Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Sträußchen zusammen aus Primeln, Veilchen, Weidenkätzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er sonst noch auffinden konnte, Gräsern und Halmen. Auch ein winziges Johanniskäferchen, mit kleinen schwarzen Pünktchen auf dem roten Schild,packteer mit hinein. Diesen Strauß sandte er der Kranken. Er legte keine Karte bei.

Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Erfreute sich in dem Bewußtsein, daß sie diese Frühlingskinder in die Hände nahm, ihren Duft einsog und vom Frühling und der Genesung träumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm zu beschäftigen, dadurch, daß er ihnen freien Spielraum ließ, nach dem Geber zu suchen.

Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nächte. Stets gleich gedämpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlöschen zu wollen.

Aber eines Tages würde es doch verlöschen, das wußte Ginstermann. Einmal da würden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf würden Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wußte es ganz genau. Und während seines ganzen Lebens würden ihn zwei Gedanken beschäftigen. Sie war das Weib, das die Natur für dich schuf, hieß der eine, sie war es doch nicht, der andere.

Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemühte sich, Fräulein Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmädchen zu bestechen, aber das wäre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen.

Was aber hätte der Arzt denken sollen? Er hätte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlächeln gelächelt. Konnte er seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im übrigen, was hätte all das genützt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren.

Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrügliche Ahnung zu sagen: Dieses Licht da droben, hörst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten. Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glücklich, am andern Tage nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu sehen.

Das Licht brannte nun einundzwanzig Nächte.

In der zweiundzwanzigsten waren die Fenster dunkel.

Ginstermann vermochte es nicht sofort zu fassen. Er strengte die Augen an, ob nicht doch, ganz leise, ganz leise das Licht da droben noch schimmere. Er wartete, er wartete.

Die Fenster waren und blieben dunkel. Sie blieben, Gott weiß es, sie blieben dunkel. Dunkel! Er konnte es gar nicht begreifen.

Noch im Laufe des Abends war er hier außen gewesen. Nicht der kleinste Umstand deutete darauf hin, daß das Unausdenkbare eingetreten sei.Heute morgen hatte das Zimmermädchen die Fenster geputzt und dabei gesungen.

Ginstermann fühlte sich wie befreit. Das Gespenst, das ihn eingehüllt hatte, lange Tage hindurch, löste sich von ihm. Er atmete auf, lange und tief.

Langsam ging er die Straße hinab, das Glück der Erlösung genießend und die Freude, daß es besser mit ihr ging.

Plötzlich hörte, sah, fühlte er wieder wie früher. Der ausgeschaltete Strom seiner Empfindungen kam wieder in Bewegung.

Er trat in ein Café, dessen erleuchtete Fenster vor ihm lagen. Er brauchte Licht, Menschen! Sein Glück drehte ihn im Wirbel.

Hier war es hell, ungewohnt hell, es gab Menschen, wenn auch nicht viele. Mit der Befriedigung eines, der eine schwere Zeit hinter sich hat, ließ er sich auf ein Plüschsofa nieder.

Das Café war in modernem, sympathischen Stile gehalten. Polster von karmoisinrotem Plüsch mit schwarzen, senkrechten Streifen, Tische und Stühle rot gelackt wie Gartenmöbel. Ein Fries nackter, einander nachlaufender Männer mit den gleichen Bewegungen an den Wänden. Das Ganze machte den Eindruck feierlichen Pompes.

Das ist ein Raum für die still Glücklichen, dachte Ginstermann.

Das Lokal war schlecht besetzt. In der Ecke, Ginstermann gegenüber, saßen zwei junge Leute. Der eine lag phlegmatisch in seinem Sessel, die Beine ausgestreckt, die Hände in den Hosentaschen, und lachte, wobei sich sein Zigarrenstumpen auf und ab bewegte zwischen den Zähnen. Der andere sprach aufgeregt, immerzu, mit der Begeisterung der ersten geistigen Gärung, er sprach mit Händen und Füßen und warf jedesmal die Streichhölzer um, wenn er seine Zigarette anzünden wollte. Sein Zuhörer lachte nur.

„Ihr Menschen seid so wesenlos und schemenhaft wie die Moose auf dem Meeresgrund,“ rief der Erregte aus, „und wiederum seid ihr so dick und unverschämt stumpf wie ein Balken!“

Etwas im Hintergrunde saß eine Dame vor geleertem Glase, den Hut ins Gesicht gesetzt, mit der Lektüre der Wiener Karikaturen beschäftigt. Man sah die nackten Beine nur so strampeln.

In einer Nische hatten ein Herr und eine Dame Platz genommen. Das Gesicht des Herrn fiel durch leichenhafte Blässe und Bewegungslosigkeit auf und eine Falte über der Nasenwurzel, scharf wie der Schnitt eines Messers. Die Dame sahGinstermann nicht, er erblickte nur den in einem enganliegenden, stahlgrauen Ärmel steckenden Arm, wenn sie gewohnheitsmäßig in die Höhe griff, um die Frisur zu richten. Er hörte sie dazwischen kurze Fragen stellen und schloß aus ihrer Stimme und Betonung, daß sie geistreich war.

Im Seitenkabinett spielten zwei Herren stillschweigend Billard. Der eine war der Cafetier, seinem Wesen und seiner Kleidung nach.

Ein junges, hübsches Mädchen bediente. Ihre Kollegin saß auf einem Stuhle und war eingenickt. Sie hob nur dazwischen die schlafschweren Augenlider, als habe sie im Schlummer das ungeduldige Klopfen des Löffels an eine Tasse gehört.

Es machte Ginstermann Vergnügen, all das zu beobachten, während ein Teil seiner Gedanken unausgesetzt das glückliche Ereignis des Abends umkreiste.

Er fühlte sich behaglich hier und brach sogar in Lachen aus, als der Lebhafte ihm gegenüber in lachendem Zorn ausrief: „Dann nehme ich mein Rückgrat heraus und schlage es an dir ab, mein Lieber!“

Das hübsche Mädchen brachte ihm den Kaffee und blieb ein Weilchen bei ihm stehen. Es war ein blutjunges Ding mit mandelförmigen Augen,aus denen die Schwermut der Keuschheit blickte. Niemand hätte sie in dieser Stellung vermutet.

„Sagen Sie, Fräulein,“ begann Ginstermann, „kann man nicht zu Ihrer Taufe eingeladen werden?“

Das Mädchen lachte und blickte ihn verdutzt an, halb argwöhnisch, eine Keckheit hinter dieser Frage vermutend.

Nun, sie sei doch noch so jung, daß sie unmöglich schon getauft sein könne.

Sie brach in Lachen aus und wandte sich halb ab, nach den Gästen sehend. Dabei klimperte sie mit dem Gelde in der Tasche ihrer schneeweißen Schürze.

„Wir werden Sie ‚Rehäuglein‘ taufen,“ fuhr Ginstermann fort — da berührte jemand seine Schulter.

Es war der Akademiker Goldschmitt. „Uff, Ginstermann?“ rief er aus.

Der Maler war verblüfft, Ginstermann hier im Café zu treffen, mehr noch, ihn bei einer Unterhaltung mit einer Kellnerin zu ertappen. Seine Verblüffung steigerte sich aber noch, als er Ginstermanns Aufgeräumtheit bemerkte. Er war nur gewöhnt, ihn als einen verschlossenen, düsteren Menschen, der sein geistiges und seelisches Lebenhinter einer regungslosen, hochmütigen Miene verbarg, zu sehen.

Ginstermann für seine Person war froh, nun jemanden zur Unterhaltung zu haben. Er sprach und lachte immerzu. — Er begann von den Bildern des jungen Malers zu sprechen und lobte sie. Er gab seiner Meinung über zeitgenössische Größen Ausdruck, die er sich erst während des Sprechens bildete. Er legte dem Akademiker seine Anschauungen über Zweck und Ziel der bildenden Kunst klar. Er warf ihm Händevoll Gedanken hin, die er verwerten könne.

Dabei dachte er an ganz andere Dinge.

Es ging besser mit ihr, also war alles gut.

Goldschmitt hörte aufmerksam zu und wartete auf den zündenden Funken. Er breitete seine Pläne und Ideen vor ihm aus, ob er sie für gut finde.

Ginstermann fand alle für gut, sogar für sehr gut.

„Sie werden Ihren Weg machen,“ sagte er und stieß mit ihm an.

Der Maler konnte sich nicht enthalten, nach der Ursache von Ginstermanns Lustigkeit zu fragen.

„Ich feiere heute Geburtstag,“ erwiderte ihmGinstermann, den wahren Sinn dieser Antwort selbst erst herausfindend, nachdem er gesprochen.

Einige Gäste traten geräuschvoll ins Lokal, und wie auf ein Zeichen wurde es lauter, kaffeehausmäßiger. Die verschlafene Kellnerin stand auf und ging langsam mit schwerfälligem Wiegen der Hüften zwischen Büfett und Tischen hin und her. Die einzeln sitzende Dame legte das Blatt aus der Hand und begann mit unmerklich lächelnden Blicken unter dem Hute hervorzusehen.

Der Lebhafte in der Ecke hatte ein Glas umgeworfen, das ganze Tischtuch triefte. Er plauderte weiter, während das Rehäuglein den Schaden gut machte. Sein Freund lachte, daß sich alle Gäste umwandten und mitlachten. Sein Mund war rund wie ein Taler.

„Betrachten Sie mal diesen Menschen,“ sagte Ginstermann.

Goldschmitt entgegnete: „Das ist Spiegel, er hat dieses Café hier entworfen.“

Das wollte Ginstermann nicht glauben.

„Sie, Spiegel,“ rief Goldschmitt über das Lokal, „haben Sie dieses Café entworfen oder nicht?“

Der Angerufene drehte schnell den Kopf, rief: „Jawohl!“ und setzte seine Disputation fort, eheGinstermann sein Gesicht sehen konnte, das ihn nunmehr interessierte.

Um zwölf Uhr brachen sie auf. Ginstermann war in sehr aufgeräumter Stimmung und lachte immerzu. Er drückte dem Rehäuglein ein Zweimarkstück in die Hand und sagte:

„Morgen um zehn, da bin ich wieder da, und Sie werden mir dann herausgeben.“ Goldschmitt, der Knicker, gab keinen Pfennig Trinkgeld, er sah dem Mädchen nur mit einem kurzen, warmen Blick in die Augen, den niemand bemerkte, der nicht Ginstermanns scharfe Beobachtung besaß.

„Bleiben Sie recht brav, Rehäuglein,“ scherzte Ginstermann und schüttelte ihr wie ein alter Bekannter die Hand.

An der Nische vorbeigehend, in der der Herr mit seinem leichenblassen Gesicht saß, blickte sich Ginstermann um. Zwei helle Augen, die Ähnlichkeiten hatten mit denen von Fräulein Schuhmacher, waren auf ihn gerichtet. Sie erblickten nicht den Mann in ihm, sie suchten nach dem Menschen in ihm. Zu diesen Augen gehörte ein Gesicht von seltener Häßlichkeit.

Goldschmitt protestierte anfangs dagegen, daß Ginstermann ihn nach Hause begleite, aber er mußte nachgeben.

Arm in Arm gingen sie die Straße hinunter, und Ginstermann unterbrach plötzlich das Gespräch und sagte: „Wissen Sie was, Goldschmitt, dieses Sie ist zu fade, nennen wir uns du.“

„Also du, wie du meinst,“ versetzte der Maler.

Vor dessen Wohnung angelangt, versuchte ihn Ginstermann, noch durch eine neuaufgeworfene Frage zu halten. Aber Goldschmitt wollte schlafen gehen, er müsse morgen zeitig heraus.

„Eines will ich dir noch sagen, Ginstermann, wenn du wieder ins Café kommst, so gieb dem Mädchen kein Trinkgeld. Du sollst ihr kein Trinkgeld geben. Das Mädchen ist meine Braut. Aber — notabene — nicht daß du meinst — — gute Nacht.“ —

Ginstermann wanderte langsam nach Hause.

Es war eine herrliche Nacht, die tausend süße Geheimnisse barg. Im Himmel hatten sie alle Kerzen zur großen Mette angezündet. Die Erde lag gebettet in feuchtwarme Luft und dem Geruche frischer Wiesen, von Liebe und Fruchtbarkeit träumend gleich einem Weibe.

Ginstermann hatte nicht die mindeste Lust, schlafen zu gehen, aber er war müde. Die Haustüre öffnend, sah er Maler Ritt, die Zigarette imMund, in jeder Hand eine Flasche tragend, über den Vorplatz gehen.

Die Türe seines Ateliers war angelehnt, und der Lichtschein, der daraus strömte, erhellte Ritts boshaft-gutmütiges, verlebtes Faungesicht. Im Atelier pfiff jemand „La Paloma“.

„Nanu?“ sagte der Maler, „hä-hä!“ und zog erstaunt die Brauen in die Höhe.

Ob er nicht ein wenig eintreten wolle? Auf eine Zigarette? Nicht?

Ginstermann war auf den Maler nicht sonderlich gut zu sprechen, aber er trat ein. Er hatte so gar keine Lust zum Schlafengehen, und dann war Ritt doch nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Mensch. Und heute, wo einbesondererTag war . . .

Es ging besser mit ihr, folglich war alles gut.

Er trat in eine Wolke bläulichen Zigarettenrauches. Der Schirm der Lampe schwebte einer rotglühenden Kugel gleich darin. Die Wolke kam infolge ihres Eintritts in Bewegung, und um die rotglühende Kugel schaukelten phantastische Figuren. Im gleichen Moment bemerkte er ein mattschimmerndes Gesicht, dessen glänzende Augen auf ihn gerichtet waren, den weißen Saum eines Unterrockes, und nach links blickend abermals einblasses Gesicht, aus dem eine senkrechte Rauchsäule emporstieg.

Zwei Damen in eleganten Kostümen lagen auf Ottomanen, halb in Kissen und Puffs versunken. Sie blickten ihn beide an, und obschon ihre Augen von verschiedenem Schnitt und ungleicher Farbe waren, lag doch der nämliche Ausdruck in ihnen, lüsterner Glanz. Sie rührten sich nicht und blieben ruhig liegen, als Ritt Ginstermann mit ostentativer Pose und einer Menge Bemerkungen, wie ein Tierbändiger ein seltenes Exemplar, vorstellte.

„Dieser Mann hat den sanften Blick der Taube, aber die scharfen Krallen des Geiers, meine Damen,“ schloß er.

Sie lachten alle, und Ginstermann gab ihnen die Hand.

Die eine erwiderte mit einem zögernden Druck, die andere reichte ihm die Rechte mit müder Grazie und ließ sie sofort wieder auf das Kissen zurückfallen.

Wo er nur immer diese hübschen Frauen auftreibt, dachte Ginstermann.

Ritt ging umher und füllte die Gläser, die auf niedrigen Taburetts standen, so daß sie bequem zur Hand waren. Dabei strich er der einen derDamen leise über die Haare, als ob er eine Mücke verscheuche. Ihre Augen folgten ihm, und weiße Zähne schimmerten hinter lächelnden Lippen.

Es war nicht die, die Ginstermann die Hand gedrückt hatte.

Der Maler legte sich auf zwei Stühle und forderte Ginstermann auf, ein Gleiches zu tun.

„Bei mir können Sie lernen, wie man angenehm lebt,“ rief er aus. „Die Leute amüsieren sich in den Pausen ihrer Arbeit, ich arbeite in den Pausen meiner Vergnügungen, die Leute wollen sich schonen, ich will mich auf angenehme Art zugrunde richten — hähä. Darin beruht der Unterschied meiner Lebensauffassung und der der Welt. Wir leben nur eines Atemzuges Länge, laßt uns atmen, Freunde! Prosit!“

Man stieß an. Ginstermann dachte an das Mädchen in der Leopoldstraße und trank sein Glas bis zum Boden leer.

Ritt fuhr fort, in seiner näselnden, dünnen Stimme die Freude zu preisen, die den Menschen über sein tierisches Ahnentum erhebe.

Der Maler vermochte nicht eine Minute zu schweigen. Er befand sich unausgesetzt in nervös lustiger Erregung.

Ein Genie von Geburt, hatte ihn sein ausschweifendesLeben frühzeitig zu einer totalen Erschlaffung seines Willens geführt, so daß er zum Spielball seiner Triebe geworden war. Von Zeit zu Zeit schloß er sich vollständig von der Welt ab, um sich wiederum die nötige Achtung vor sich selbst zu geben, und da schuf er ein Bild, von dem jeder einzelne Pinselstrich den Eindruck der Inspirativen erweckte. Seine Schöpfungen hatten ihn berühmt gemacht. Aber allen haftete etwas an, was an einen verzweifelten Sieg erinnerte, als seien sie einem vorbeisausenden Augenblick entrissen. Er hatte keine Zeit zur Sammlung, seine Seele war zerrüttet.

Niemand hätte das Alter des Malers genau zu bestimmen vermocht. Am Tage sah er vierzig, bei Lampenlicht dreißig Jahre alt aus. Sah man ihn aus einiger Entfernung, so erweckte seine schlanke, elegante Figur den Eindruck eines Zwanzigjährigen.

Sein Gesicht war welk, ausgetrocknet, mit matten Augen, die nahezu wimpernlos waren. Er trug einen dünnen, langen Spitzbart, der einige Dutzend Haare hatte, über seine Züge lag etwas Täppisches, Kindisches ausgebreitet, das zeitweise verdrängt wurde durch den Ausdruck mühsam verborgenen Grauens vor etwas Entsetzlichem, das er selbst nicht kannte, vor dem Wahnsinn.

Ginstermann suchte Ritt deshalb zu meiden, weil er in ihm ein Stadium entdeckte, aus dem er sich glücklich emporgearbeitet hatte. Diese nervöse Lustigkeit des Malers, seine Gier, sich fortwährend zu betäuben, seine Freude an Orgien, sein bramarbasierendes Reden, das alles erinnerte ihn an seinen früheren Zustand.

Er empfand Mitleid mit ihm, sah aber auf der anderen Seite ein, daß der Versuch, den Abwärtsgleitenden zu retten, vergebens gewesen wäre. Ritt würde ihm ins Gesicht gelacht haben, weil er sich gescheut hätte, den Zusammenbruch seines Inneren einzugestehen.

Eine der Damen sang, als Ritt geendet, ein französisches Chanson, dessen Refrain lautete: Achète moi un homme, maman, if you please, maman.

Die beiden anderen sangen den Refrain mit, und schließlich fiel auch Ginstermann ein.

Nach jedem Vers brachte Ritt einen Trinkspruch aus, einen paradoxer als den andern.

Ginstermann saß vergnügt in seinem niederen Sessel, er war zu müde, um aufzustehen. Es gefiel ihm auch gut. Zur Abwechslung konnte sogar ein Einsiedler mal seine Höhle verlassen.

Die eine der Damen betrachtete ihn durch ihreLider hindurch mit schillernden Augen, während sie sang.

Man stieß wieder an. Aber Ginstermann war zu müde, nach einem Glase zu greifen.

Zur vollständigen Genesung braucht man immerhin vierzehn Tage, dachte er, je nachdem, je nachdem. Da fühlte er, wie jemand ihm mit der Hand über das Gesicht strich, und er schlief ein. Hinter der Wand hörte er noch Gelächter und Ritts näselndes „Bravo, bravo!“ —

Da stieß ein Vogel mit großen Fittichen gegen seine Stirne, und er öffnete die Augen.

Vor ihm saß eine Dame mit schillernden Augen und lächelte. In ihrer Hand hielt sie ein Kissen mit einer Geste, als wolle sie es nach ihm werfen.

Nun fiel es ihm erst ein, wo er war.

Das war Ritts pompöses Studio, dort stand sein neuestes Bild „Mädchenreigen“ und hier die rotglühende Lampe, und richtig, diese Dame hatte ihm beim Eintreten die Hand gedrückt. Die anderen aber waren nicht zu sehen.

Er war noch voller Schlaf und bewegte die Lippen, um zu sprechen.

„Sie holen Wein,“ sagte das Mädchen, das auf der Ottomane saß, und blies sonderbar lächelnd gegen die Glut ihrer Zigarette.

Er stand auf und gab ihr die Hand, um sich zu verabschieden.

„Sie kommen nicht sogleich wieder“, flüsterte das Weib und blickte ihn an. Ihre Hand bebte.

In seinem Kopfe schwindelte es. Er sagte, sich herabbeugend und lächelnd: „Ich bin müde.“ Ihre Augen waren dicht vor den seinen. Funken tanzten darin. Diese Augen waren wie Magnete, die ihn festhielten. Nun entfernten sie sich, und zwei Reihen weißer Zähne unter roten Lippen kamen näher. Er stand noch immer und hielt diese heiße, zitternde Hand in der seinigen. Da fühlte er eine Hand an seinem Nacken, und ein warmer Hauch traf sein Gesicht.

Dieser Hauch stieß ihn ab. Er richtete sich auf und kam zum Bewußtsein.

„Adieu“, sagte er und ging hinaus.

Ihn schwindelte. Die kühle Luft hier außen tat wohl. Ein paar tiefe Atemzüge, und sein Kopf war klar.

Er stieg die Treppe hinauf. Es war vier Uhr.

An der Tür der Malerin von Sacken, seiner Nachbarin, flimmerte ein kleines Sternchen. Auch sie hatte noch Licht. Alle Leute waren noch wach und waren guter Dinge.

Es war heute ein ganz besonderer Tag!

Er freute sich nun auf die Ruhe und den Moment, wo er sich in seine Decke wickelte mit dem Gedanken, daß nunmehr keine Wagen mit schwarzgekleideten Leuten zu befürchten seien.

Plötzlich lauschte er. Hier hatte jemand geschluchzt!

Es war so stille, daß er das Rollen eines Wagens von der Straße her hörte. Und nun vernahm er wiederum unterdrücktes Schluchzen.

Da drinnen hielt der Gram einen Menschen wach.

Diese Laute nach all dem Lachen des Abends wirkten auf ihn wie eine niederschmetternde Anklage, als trüge er an dem Schmerze jenes Weibes Schuld.

Fräulein von Sacken klopfte eines Abends bei ihm an, um ihn nach der Zeit zu fragen, da sie nicht schlafen könne, wenn ihre Uhr stehe. Aber sie kam nicht deswegen. Sie kam, um mit einem Menschen ein paar Worte wechseln zu können, da die Einsamkeit sie peinigte. Ginstermann erriet das. Und nach kurzem Gespräche fragte sie ihn, ob er wisse, was die drei schrecklichsten Dinge im Leben seien. Sie beantwortete ihre Fragen selbst, indem sie sagte: Die Einsamkeit, die Gestaltungssehnsucht und der Ehrgeiz.

Daran dachte er jetzt. Er sah sie noch deutlichan der Türe stehen und jene drei Worte sprechen, deren jedes einzelne eine Tragödie birgt. Sie waren ihm erschienen wie drei hohe, finstere Tore, hinter denen er nackte Menschenleiber in wortloser Qual sich winden sah.

Heute war sie im Kampfe mit den drei Bestien unterlegen. Er aber wollte ihr helfen. In seiner glücklichen Stimmung konnte er den Schmerz dieses Weibes um so tiefer begreifen.

Er begann an seiner Türe zu rütteln, mit dem Fuß dagegenzustoßen.

Das Schluchzen hörte augenblicklich auf.

Eine Weile wartete er, dann ging er an die Türe der Malerin und pochte behutsam.

„Wer da?“ fragte eine jähe, ängstliche Stimme.

Er, Ginstermann, er bitte um Verzeihung, aber —

Fräulein von Sacken öffnete.

„Herr Ginstermann?“ sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme und lächelte verwundert.

Ob das nicht zum Verrücktwerden sei: nun habe er seinen Schlüssel verloren und könne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlüssel oder Haken oder sonst ein Instrumentzum Öffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten störe —

Ach nein — das sei allerdings unangenehm.

„Treten Sie ein bißchen ein, es findet sich vielleicht etwas.“

Er wäre so frei. Wenn er aber störe, so müsse sie es ruhig sagen.

Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren.

Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten Ärmlichkeit dieses Mädchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes Atelier mit gedämpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch gebetteten zwei schönen Frauen in der Erinnerung trug.

Hier roch es nach Terpentinöl und welken Blumen. Die Möbelstücke warfen harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe.

Der mächtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich über Wände und Decke.

Fräulein von Sacken war eine große, üppige Erscheinung. In ihrem schwarzen Kleide, mit dem nervösen, bleichen, leicht zerfließenden Gesicht, das von früherer Schönheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines Fürsten, die denAbschied bekommen hat, da ihre Schönheit verging, und ihr üppiger Körper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte Schwermut erfüllte ihre Züge, als trauere sie über ein verfehltes Leben. Sie hatte große Augen von matter Schwärze mit langen, strahlenförmigen Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet.

Man gewann den Eindruck, daß sie die Nächte in einem Sessel verbringe und vor sich hingrüble, während Tränen ihren dunklen Augen entfielen.

Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines höheren Offiziers, und ihre Angehörigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mühsam verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurück. Sie hatte mit dem Stilleben begonnen, war dann zum Porträt, vom Porträt zum Genre, zur Landschaft, übergegangen, um schließlich wieder beim Stilleben anzukommen, fest überzeugt, daß sie nur hierin etwas leisten könne.

Das bißchen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich längst zerrieben und im verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen Talenten geht, die angesichts einer großen Schöpfung kläglich absterben.

Das Grauen vor der künstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr größtes Leiden.

Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlüssel herbei.

„Vielleicht passen die“, sagte sie.

Ginstermann prüfte die Bärte und legte sie kopfschüttelnd beiseite.

„So geht es, wenn der Mensch Unglück hat“, sagte er. „Nun ging ich heute mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.“

Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede wartend.

„Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.“

„Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein Sacken“, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. „So einer bin ich. Aber wir tragen ja alle unsere Tragödiein uns herum, ich und Sie und Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß Geduld haben.“

„Viel Geduld!“

„Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.“

„Niemand erträgt das.“

„Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns verlacht? Für wen schaffenwir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind, taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte, man sollte — aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.“

Er schwieg.

Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte. Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden.

Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verändertem Tone sagte er: „Nun sehen Sie, nun habe ich meinen Schlüssel gefunden. Ist das nichtkostbar! Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.“

„Haben Sie ihn gefunden?“ fragte sie mechanisch.

„Ja,“ entgegnete er, „und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte, nicht übel, daß ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist menschlich, sich dazwischen Luft machen zu müssen. Morgen bin ich wieder jener, den Sie um seine göttliche Ruhe beneiden.“

Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und preßte sie. Ihre Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben nicht vergessen würde, sagte sie:

„Es muß doch einen Gott geben!“

„Wieso?“ fragte Ginstermann verdutzt.

Das waren schlimme Tage.

Und mehr noch schlimme Nächte.

Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte er sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei.

Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld aufden Schritt des Postboten auf der Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte, ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt.

Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei, ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.

Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame, die in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit bemerkte er jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und betrübt darüber, daß er so gar kein Glück hatte, um bald darauf in die nächste Straße zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen, angetrieben.

Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälligerWeise die Villa in der Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen alten Mann, der täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen halben Stunde wieder zu verlassen.

Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war, schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem Zimmer brannte.

Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden Abend und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?

Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden. Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.

Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen stellte, so konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren Kelche das Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm einer Statuette.

Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels beschäftigt, mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen Spiegel mußte er immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen gewesen.

Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr. Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen, wenn ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor treffen. Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe. Er zählte, bei neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend öffnete sich auch die Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten Sinne.

Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner Brust schlug.

Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf, um wie auf ein unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zulassen. Leute grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich groß und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf, wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend — ah, recht sehr! Hier fiel ein Stock klappernd aufs Pflaster.

Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der Außenwelt hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine Mappe gebeugt.

Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu können. Er dachtean den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend Pläne.

Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.

Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.

Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine Vorstellungen immer noch lückenhaft erschienen.

Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht wie behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt, wie er mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein Meister in der Maske, alle Kritikersagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt hinter dir her . . .

Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten — seht, dort! Weshalb jammert dieses Weib so und liegt auf den Knien?

Platz da — Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort, dort! Seht! — Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat den ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . .

Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen, mit ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets zu packen . . .

Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein Dienstmädchen. „Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit, mich zu bestellen.“ Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf.

„Nein — nein — ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won — Wonderneß sprechen.“

„Ich bedaure.“

„Leopoldstraße 12?“

„Allerdings.“

„Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße 12.“

„Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch —“

„Zu Besuch — richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um Entschuldigung. Ein alter Mann —.“ Das Männlein macht einen Kratzfuß und steigt vorsichtig die Treppe hinunter.

„Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.“

„O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden“ . . .

Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt Rauch. Wenn man schnell alarmiert. — Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines Motors, über den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles nur Denkbare, um einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag, befand sich sein Gehirn in hellster Aufregung. Er zählte bishundert und zurück, er lauschte auf das Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer, du liegst im Gras, Hitze schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst.

Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich auf den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte.

Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war.

Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in Kapellis Ateliers.

So vergingen einige Wochen.

Ginstermann erzählt:

Heute aber, nachdem ein fortgesetztes Mißgeschick mich gänzlich mutlos gemacht hatte, heute aber — meine Herrschaften, verzeihen Sie diese Phrase — lächelte mir endlich Fortuna!

Ja, Fortuna lächelte mir!

Holdrio!

Meine Damen, meine verehrten Damen und Herrn. Ich wandere zurück an den „Wällen Jerusalems, des ewigen“, ich bin weit draußen in der Vorstadt gewesen. Es wird Abend, ein trüber, trauriger Abend, als hätte ihn mein Herz geboren. Ein feiner Regen rieselt herab.

Ein niederträchtiger, unverschämter Regen, der meine Zigarette näßt, daß sie zu kohlen beginnt. Dieser Umstand allein würde bei normalen Verhältnissen genügt haben, mich mißmutig zu machen. Jetzt schlug er dem Faß den Boden aus.

Es ist zuviel, es ist zuviel, alles was recht und billig ist.

Ich werde geradezu wütend. Aber plötzlich, durch all meine Misere hindurch lächelte mir der holde Sonnenblick Fortunas.

Nur Geduld. Bei großen Momenten halte ich große Reden der Einleitung, wie ein Gourmand die Delikatessen einer sorgfältigen Betrachtung unterzieht, um seinen Genuß zu steigern.

Also es regnet, und das Pflaster ist naß. Meine Zigarette ist erloschen, und ich schreite mit düsteren Blicken meine Straße. Das bewußte Haus kommt näher.

Ein geschmackloses, ein lächerliches Haus, dasExperiment eines Architekten, der in modernem Stil macht. Macht ist gut gesagt.

Wie gesagt und überhaupt — betrachten Sie, bitte dieses Haus!

Ich hätte Lust, Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag zu halten über moderne Architektur im speziellen, über moderne Kunst im allgemeinen. Eventuell mit Ihnen ein kleines Exkursiönchen durch die Baustile aller Zeiten und Völker zu unternehmen, über die phrygische, lykische, syrische Kunst hinweg, hinein in die babylonisch-assyrische, mit Ihnen den Palast des Königs Sargon zu Chorsabad zu besichtigen und den Tempel des Chunsu zu Karnak zu durchwandern. Hier im Schatten des Säulenwaldes würde es mir ein besonderes Vergnügen sein, Ihnen, wenn Sie wünschen, meine Ansichten über die rituellen Gebräuche dieser Völker auseinanderzusetzen.

Aber zur Sache! Ich sehe, die Damen langweilen sich.

Ich gehe an diesem Hause vorüber, empört über seine Geschmacklosigkeit, über die höhnisch lächelnde Verschlossenheit, mit der mich seine vierundzwanzig Augen verfolgen — da höre ich meinen Namen rufen.

Ganz leise, als äffe mich ein Spuk.

Meine Herrschaften!!

Ich wende den Kopf, von vornherein überzeugt, daß ich mich täuschte, da erblicke ich eine weibliche Gestalt unter der Türe.

Ich rege mich nicht von der Stelle, ich starre sie nur an, über mir sausen Flammen.

„Guten Abend,“ sagt sie und lächelt mir zu.

Endlich gehe ich näher. „Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.“

Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dämmerung leuchtend blassen Gesichtchen blicken ihre glänzenden, großen Augen. Geschmeidig wie eine Katze huscht sie die Stufen herunter.

Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: „Ich konnte mir gar nicht denken, wer mich anrufen könne.“

Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott.

„Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.“

„In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.“

„Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.“

„Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher Neugierde natürlich,studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die Herzen, man sieht sie wahr.“

„Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,“ unterbricht sie mich, und, indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: „Ich will ihn in den Kasten stecken.“

Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie.

Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend. Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli geschaffen.

Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die Regentropfen wie Tau.

Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir,daß sie krank war, nicht sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals.

Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore.

„Wir werden demnächst abreisen,“ sagt sie, mit der Fußspitze vorsichtig in den Rand einer kleinen Pfütze tippend.

„Mama ist leidend. Der Arzt rät uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist nun wieder kränker geworden, so daß wir die weite Reise vorläufig nicht wagen können.“

Sie tippt noch immer mit der Fußspitze in die kleine Pfütze und blickt zu Boden.

„Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?“

„Ja, leider.“ Sie sieht auf und blickt mich an.

„Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?“

„Mit Vergnügen, allein —“

Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge.

„Sehr häufig sogar.“

„Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so würde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bißchen plaudern, nicht?“

„Sehr gerne, sehr gerne.“

„Können Sie Samstag?“

„Haha — ja —,“ ich besinne mich etwas, „o ja, Samstag sehr gut. Gewiß, gewiß, sehr angenehm.“

„Ja, aber der Garten ist groß.“

Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei.

„Natürlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr Ginstermann.“

„Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.“

Sie nickt mir nochmals zu und schlüpft ins Haus.

Meine Brüder, meine Brüder!

Die Leopoldstraße hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um nicht herauszulachen. Die Hände in die Rocktaschen vergraben, um nicht die Leute am Rock zu fassen und zu schütteln, die Zehen verkrampft in den Schuhen, um nicht zu tanzen.

So gehen die Menschen, denen das Glück ins Herz fiel.

Das bin ich.

Er läuft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fuß und sagt: Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus.— Ob man sich nicht verlaufen könne? Nicht? Herzlichen Dank.

Er deutet auf eine Plakatsäule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen Blauplätze zu vertauschen. Offerten unter „Chiemsee“. Vermittler verbeten.

Das bin ich.

Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wünsche Ihnen eine hübsche, langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber wie Millionen Nadeln durchfährt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hübsche Krankheit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame.

Das bin ich, liebe Brüder, das bin ich!

Nachdem die ersten Wogen des Glückes zurückgeebbt waren, fand Ginstermann die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefühl, das sein ganzes Wesen durchzitterte, löste eine still-übermütige Stimmung in ihm aus.

Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen Zustand köstlicher Ruhe,durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches schimmerte.

Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wäldern zu verkommen, die Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Füßen leuchten sieht.

Gemächlich ließ er sich vom Strom der Menschen treiben.

Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hörte er mit neuen Ohren, seien alle seine Sinne verändert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem stillen Zimmer krank gelegen. Gewohnt täglich, in jeder Minute Nahrung zu sich zu nehmen, stürzten sie sich heißhungrig auf alles, was sie umgab. Aber unterhalb dieser Flucht von Eindrücken zogen unaufhörlich stille, sanftfarbene Bilder durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor, daß Menschen und Häuser plötzlich ihre Körperhaftigkeit verloren, und er durch sie hindurch in ein Traumland blickte.

Der Regen hatte mit einem Male aufgehört, nachdem er die Menschen den ganzen Tag über gelangweilt hatte, und die Sonne schüttete noch im Sinken Hände voll blitzender Funken über die Stadt. Eine ungewöhnlich gespenstische Beleuchtungherrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze eines Sterbenden.

Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern sprühten, einher, wie Wesen, die ein Zauber für einige Stunden dem Dasein zurückgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise blieben unberührt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde nicht entziehen konnten, mit ihrem alltäglichen Gebaren den Zauberspiegel in Stücke schlagend.

In den Hauptstraßen gab es nahezu ein Gedränge, so viele Leute hatte das Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren, kräftigen Luft zu erhaschen.

Die Wagen glitten pfeilschnell vorüber, und das Prasseln der Pferde, die stramm in den Zäumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es auftauchte. Als wären sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abständen hintereinander her, den Strom des Verkehrs für Augenblicke in zwei Arme teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkürlich den Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten.Blasse Gesichter mit verblasenen Schatten unter den glänzenden Augen wanderten durch den Lichtschein.

Aus dem Panoptikum tönte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut, seelenlos und jäh abbrechend, als habe man für einen Moment die Türe eines Vergnügungslokales geöffnet.

Ginstermann lächelte in der Erinnerung daran, daß er vor drei Jahren an dieser mit Plakaten beklebten Türe gestanden und den Vorbeieilenden mit verbindlichem Lächeln die grellbunten Zettel in die Hand gedrückt habe.

Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch der süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein.

Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von Licht über Häuser und Menschen werfend.

Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage.

Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einigeglichen Ruinen mit mächtigen Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern.

Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle, selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen, einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu diesen Ohren sprechen zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese geliebte Stimme zu hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese Einmütigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes Glück in Aussicht, ein Kuß im Hausflur, ein abendliches Zusammensein.

Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit.

Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe,Schreie, Gepfeife geheimnisvoll. Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war.

Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin zurücktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche Leute hätte er gerne angesprochen.

Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen klingen zu hören, als sie sich ansahen.

Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die Bewegung der Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der Abgeschiedenheit seiner Gedankenweltwar dieser Kontakt gelockert worden und nun, da ein Erlebnis sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm redete.

Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines Hündchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein kleines Maschinchen, und man hätte glauben können, es bewege sich in drolliger Absicht nicht schneller vom Platze, während es die Beinchen wie verrückt bewegte.

Eine Dame ging neben ihm her. Es war Fräulein Scholl.

Ginstermann überschritt die Straße und rief sie an. Sie wandte sich mit einer drehenden Bewegung um, als befände sie sich auf dem Eise. Sie entdeckte ihn nicht sofort.

„Ach, Sie!“ rief sie dann mit vergnügtem Lachen, ihm die Hand entgegenstreckend, viel höher, als es nötig gewesen wäre.

Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schüttelte Ginstermanns Hand, als seien sie langjährige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner Hut, braunes Kostüm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen von altgoldener Farbe. Das sensitive Auge einesMalers schien diese Nüancen zusammengestimmt zu haben.

Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe.

„Ich bin in Berlin gewesen,“ sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend.

Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzählte ihm von der Hin- und Rückfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen Mädchens. Häufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten, Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte.

Er hörte ihr gerne zu. Ihre unvollständigen Sätze, ihr Lachen, die dazwischen geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch zu beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Würde erinnernd, die eine junge Dame zu bewahren hat, plötzlich ihr Lachen dämpfte, ihre Bewegungen überwachte und in korrekten Sätzen sprach.

Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden Fröhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen Veranlagungauch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen.

Allmählich verstand es Ginstermann, das Gesprächsthema auf ihn mehr interessierende Gegenstände zu lenken.

Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe.

„Natürlich doch,“ entgegnete sie, „gleich am Montag.“ Und ihn anblickend, setzte sie hastig dazu: „Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen, Herr Ginstermann.“

„Mich?“

„Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.“

„Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Fräulein.“

Sie lachte ungläubig und sagte, sie könne ihren Kopf wetten. Sie habe auch geklingelt — sie war zu Rad — aber er habe nichts gehört.

Es wäre wirklich schade um ihren Kopf.

Aber, sie würde ihn auf keinen Fall verlieren.

Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder.

Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage. Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühendenTropfen gleich, die an den Drähten entlang rollten.

Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut er konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend, und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt. Dazwischen äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die an der Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren.

Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches auf die Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig Komödie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er,daß sich die Mädchen in Berlin kennen gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte, wo ihr Vater eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in Berlin sei, daß sie bei schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der Geliebten zu hören, andererseits bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon er in seiner übermütigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was ich noch fragen wollte, einzuleiten.

Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur.

Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im Munde. Die Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen undsich den Kopf an der Kante des Gesimses entzweischlagen.

„Zum Abschied“, sagte Ginstermann, „sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.“

Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder Grazie bekannt: „Herr Ginstermann — Fräulein Bijou.“

Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung.

Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren, eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung.

Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte.

Fräulein Bijou kläffte und umkreiste, auf drei Beinen hüpfend und mit dem Schweife wedelnd, die Lachenden.

Seine Herrin nahm es auf den Arm und drückte es zärtlich gegen die Wange.

„Eine gescheite Dame“, sagte Ginstermann, „sehen Sie nur das Gesichtchen. Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht gehört seit Jahrhunderten zur Aristokratie.“

Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden.

„Ach, Sie wollen schon gehen?“

„Ich kompromittiere Sie ja.“

„Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es würde ihm rasend Spaß machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen, Herr Ginstermann, ja?“

Dabei sah sie ihn bittend an.

In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens über diese Einladung verbergend, erwiderte er: „Ich muß leider ablehnen. Danke. Ich muß an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht erwarten kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.“

Sie setzte das Hündchen ab und reichte ihm die Hand.

„Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit heraufzukommen?“

„Da müßte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.“

Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie:

„Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen —“

Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fuß auf dem Absatze und stichelte mit der Schirmspitze nach der Fußspitze.

„Adieu,“ sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drückte.

Sie war rund und kurz, heiß.

„Adieu, Fräulein Scholl und nochmals Dank für Ihre liebe Einladung.“

Fräulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf.

Bijou rannte aus der Türe und kläffte Ginstermann nach. — — — — — — — — — — — —

Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb:

Das Herz.

Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hieß er, das ist: der Gestorbene. Er war bleich, weiß wie Zucker sein Gesicht, seine Hände. Seine Augen waren dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von bläulicher Farbe. Ein Lächeln umkräuselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu schreien, blickte er junge lachende Mädchen an, so weinten sie und trauerten ihr ganzes Leben. Er ging durch die Straßen und lächelte. Da wurden alle Menschen stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen.

Sein Lächeln, das sagte: Weshalb lacht ihr?

Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sieunter der Linde. Er ritt auf einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte, und die Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte sich mehr, sie standen wie gelähmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen anzustimmen, da rissen die Saiten wie Zunder.

„Es ist Habuck!“ flüsterten die Mädchen und hüllten das Gesicht in die Schürze.

Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man kann ihn noch heute so sehen.

Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich zweischneidigen Schwertern zu Häupten des Volkes. Sein Stolz war so groß, daß er sagte: Erdengöttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart.

Er verbrachte die Nächte beim Wein und brütete, wie er das Lachen töten könne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig.

Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er unsichtbar mit ihm kämpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt die Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten.

„Habuck kommt übers Feld,“ riefen die Leute und stürzten in ihre Häuser. Sie krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den Hufschlag seines Pferdes hörte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig wurde.

Eines Abends ritt Habuck über eine große Heide. Violett das Kraut, violett der Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter.

Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete.

Es stand mitten im Wege und wich nicht.

Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb stehen, als er über das Weib wegreiten wollte.

„Ich habe dir etwas zu geben,“ sagte das Weib.

Habuck fragte: „Was willst du?“

„Ich habe dir etwas zu geben,“ wiederholte das Weib und trat nahe an ihn heran.

„Nimm es,“ sagte es, „ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es verloren, als du ein Knabe warst.“

Und als Habuck zögerte, warf sie es ihm in den Schoß und verschwand.

Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter.

Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. DieVögel begannen zu trillern im Walde, es war spät in der Nacht.

Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein.

„Wer bist du?“ fragten die Leute.

Niemand kannte Habuck mehr. —

Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein.


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