Stimme vom Berge:Gott ist groß! — Licht gleißt sein Antlitz.Sein LächelnStreut Rosen und MyrrhenAuf das dunkle Haupt der Welt.Stimme in der Ferne:— — — scheucht die SchattenIn ihr finstres ReichMit goldnen Pfeilen. — Groß ist Gott!Chor der Betenden:Der das Licht aus dem Dunkel schlug,Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut,Ist unser Herr!Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel,Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen,Dem Büffel, dem Krokodil,Das Korn, die Lotos schuf,Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde,Ist unser Herr!Chor der Suchenden:Wir gehen rechts — wir gehen links,Wir gehen links — wir gehen rechts,Wissen wir’s?Wir gehen vorwärts — wir gehen zurück,Rund herum um das Glück.Das finden wir nicht.Uns trägt der Rücken eines Tiers.Das kennen wir nicht.Wir pochen an der dunklen Wand,Ob nicht die Pforte einmal springt,Die keiner fand.Wir trinken Nächte,Uns trinkt die Nacht.Wir schleppen die Kette von Menschenleid,Die endlose Kette von Menschenleid,Die jedes Herz noch schwerer macht,Durch die engen Dornentore der Zelt.Und tragen sie ringsherum um die Welt,Und immer ringsherum um die Welt,Und harren der Stunde, da sie fällt.Und suchen das Lachen.Und suchen unsere Ewigkeit.Und tasten weinend der Finsternis Pfade.Rate!Rate!Eine Stimme singt:Mit Blüten bestreu ich euch,Ihr Bittren!Mit süßen,Wohlriechend wie der Morgenwind,Die in den ewigen Gärten sprießen,Die ferne von der Erde sind . . .Alles, was klingt,Zerspringt.Das tiefste MeerVerrinnt.Alles, was Staub ist,Wird Wind.Wird Wind!Alle ZeitIst ein Flügelblinken der Ewigkeit.Und denkst du an den letzten TagGibt’s keinen Tag!Öffne dein Herz.Schwester, Bruder,Bruder, Schwester,Öffne dein Herz!Die Zeit der Saat — naht!Denke an mich:Die Lebensgebärerin,Die Lebensernährerin,Die Lebenserweckerin,Die LebensvollstreckerinBin ich!Denke an mich:Was schläft, das muß reden.Was tot ist, will ich töten.Und keine Tiefe ist mit zu tief,Die ich nicht rief.Flügel schenk ich dir, die tragenDich über die Erde.Wer über der ErdeNicht lebt,Lebt nichtAuf der Erde,Und nimmer ist’s nötig,Daß er begraben werde.Denke an mich:Die Lebensgebärerin,Die Lebensernährerin,Die Lebenserweckerin,Die LebensvollstreckerinBin ich!Im Herzen des Alls,Da quillt ein See,Er hat nicht Grund.Gott warf sein Herz hinein,Daß ich entsteh!Gott warf sein Herz hinein,Warf seines Sohnes Herz hinein,Warf aller Weisen und GutenHerz in den See,Daß ich entsteh!Öffne dein Herz,Schwester, Bruder,Bruder, Schwester,Öffne dein Herz.O, öffne dein Herz!Die Zeit der Saat — naht!Schmücke dich!Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit,Der Dorre sinkt!Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht!Chor der Erlösten, jubelnd:Liebe! Liebe!!Chor der Verlornen, schluchzend:Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . .
Stimme vom Berge:
Gott ist groß! — Licht gleißt sein Antlitz.
Sein Lächeln
Streut Rosen und Myrrhen
Auf das dunkle Haupt der Welt.
Stimme in der Ferne:
— — — scheucht die Schatten
In ihr finstres Reich
Mit goldnen Pfeilen. — Groß ist Gott!
Chor der Betenden:
Der das Licht aus dem Dunkel schlug,
Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut,
Ist unser Herr!
Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel,
Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen,
Dem Büffel, dem Krokodil,
Das Korn, die Lotos schuf,
Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde,
Ist unser Herr!
Chor der Suchenden:
Wir gehen rechts — wir gehen links,
Wir gehen links — wir gehen rechts,
Wissen wir’s?
Wir gehen vorwärts — wir gehen zurück,
Rund herum um das Glück.
Das finden wir nicht.
Uns trägt der Rücken eines Tiers.
Das kennen wir nicht.
Wir pochen an der dunklen Wand,
Ob nicht die Pforte einmal springt,
Die keiner fand.
Wir trinken Nächte,
Uns trinkt die Nacht.
Wir schleppen die Kette von Menschenleid,
Die endlose Kette von Menschenleid,
Die jedes Herz noch schwerer macht,
Durch die engen Dornentore der Zelt.
Und tragen sie ringsherum um die Welt,
Und immer ringsherum um die Welt,
Und harren der Stunde, da sie fällt.
Und suchen das Lachen.
Und suchen unsere Ewigkeit.
Und tasten weinend der Finsternis Pfade.
Rate!
Rate!
Eine Stimme singt:
Mit Blüten bestreu ich euch,
Ihr Bittren!
Mit süßen,
Wohlriechend wie der Morgenwind,
Die in den ewigen Gärten sprießen,
Die ferne von der Erde sind . . .
Alles, was klingt,
Zerspringt.
Das tiefste Meer
Verrinnt.
Alles, was Staub ist,
Wird Wind.
Wird Wind!
Alle Zeit
Ist ein Flügelblinken der Ewigkeit.
Und denkst du an den letzten Tag
Gibt’s keinen Tag!
Öffne dein Herz.
Schwester, Bruder,
Bruder, Schwester,
Öffne dein Herz!
Die Zeit der Saat — naht!
Denke an mich:
Die Lebensgebärerin,
Die Lebensernährerin,
Die Lebenserweckerin,
Die Lebensvollstreckerin
Bin ich!
Denke an mich:
Was schläft, das muß reden.
Was tot ist, will ich töten.
Und keine Tiefe ist mit zu tief,
Die ich nicht rief.
Flügel schenk ich dir, die tragen
Dich über die Erde.
Wer über der Erde
Nicht lebt,
Lebt nicht
Auf der Erde,
Und nimmer ist’s nötig,
Daß er begraben werde.
Denke an mich:
Die Lebensgebärerin,
Die Lebensernährerin,
Die Lebenserweckerin,
Die Lebensvollstreckerin
Bin ich!
Im Herzen des Alls,
Da quillt ein See,
Er hat nicht Grund.
Gott warf sein Herz hinein,
Daß ich entsteh!
Gott warf sein Herz hinein,
Warf seines Sohnes Herz hinein,
Warf aller Weisen und Guten
Herz in den See,
Daß ich entsteh!
Öffne dein Herz,
Schwester, Bruder,
Bruder, Schwester,
Öffne dein Herz.
O, öffne dein Herz!
Die Zeit der Saat — naht!
Schmücke dich!
Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit,
Der Dorre sinkt!
Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht!
Chor der Erlösten, jubelnd:
Liebe! Liebe!!
Chor der Verlornen, schluchzend:
Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . .
Der letzte Tag.
Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz hinein: Was bringst du mir?
Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch.
Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual.
Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte. Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen?
Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen, soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte kämpfen, so lange es ging.
„Wer gab dir diese Macht, Bianka?“ rief er aus. „Ein Lächeln von dir kann mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!“
Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag.
Dumpf schlugen die Uhren. „Hörst du“, rief er, „nun treiben sie die Nägel in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.“
Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen, die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt.
All die Kämpfe — und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln!
So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er, immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte Wahrheit.
Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen hatte wie über weite, weite Ebenen!
Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. „Jaja, du bist gezeichnet!“
Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte?
Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden, immerzu nach Süden.
Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von Zufällen.
Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt: Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben. Ich habe meinHerzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr applaudiert. In der ersten Sitzreihe — er verbeugt sich tief und lächelt . . .
Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde. Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was kümmert sie der Bettler? Und heute — heute kommt ein Diener mit silbernen Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: „Jemand interessiert sich für Sie. Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.“ Da erhebt sich derBettler und geht. Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . .
Endlich graute der Tag.
Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle.
Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen.
Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es.
Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen.
Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen und lauschten.
Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf.
Bianka stand schon oben.
„Ich bin etwas früher daran“ sagte sie, sich gleichsam entschuldigend.
Seit wann sie schon da sei?
Ungefähr zehn Minuten.
Wenn er es nur geahnt hätte!
Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel.
Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher.
Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne.
Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern.
„Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.“
Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons.
„Ja, das ist allerdings ein Vorteil.“
Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und lachten wohlauch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der andere sie für ernst nehme.
Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die bekannten Wege schritten.
Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen.
Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone.
Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es.
„Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?“
„Nein, nein.“
„Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?“
„Nein, nein.“
So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte.
„Ich reise gar nicht gerne“, sagte Bianka, „gar nicht gerne.“ Dann lachte sie nervös und fügte hinzu: „Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im schönen Mailand.“
„Und übermorgen in Nizza?“
„Voraussichtlich.“ Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser aus dem Hutrande zu schaffen.
„Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?“
„Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.“
„Nach Ka—iro!“
Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch.
Dann lachte er heraus.
„Das ist ein kleiner Katzensprung — das ist ein kleiner Katzensprung!“ rief er aus.
Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen.
„Das ist ja in Afrika!“ lachte er. „In Afrika!“
Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte.
Bianka nahm seine Hand und flüsterte: „Bitte.“
„Bitte“, flüsterte sie.
Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, daß Bianka nach Kairo übersiedeln würde. Dagab es zwei Wege: einen übers Meer, einen über Kleinasien.
Heizer, Steward?
Ah, es war ja vorbei. Er würde es nicht ertragen. Morgen würde er schon verzweifeln.
Da stand Bianka still und sagte: „Wir müssen nun Abschied nehmen.“
„Ja“, sagte er rauh, „einmal muß der Teufel aus der Schachtel.“
Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich.
Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den Lippen.
Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben.
„Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen“, fragte sie und lächelte.
„Wie Sie wünschen.“
Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen.
„Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt.Aber zuvor will er sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .“
Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab.
Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn, Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie ein Kind.
Sie waren oben.
Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen blinkten.
Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel um seinen Herrn.
Bianka wandte ihm den Blick zu.
Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen, durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß.
Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war. Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie er.
Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem Hühnerhund auf der Wiese drunten zu.
Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen.
„Wir müssen uns jetzt adieu — sagen,“ flüsterte sie. So leise. Es war nur ein Hauch.
„Ja“, sagte er, laut.
„Wir müssen jetzt voneinander gehen“, flüsterte sie, so leise wie vorhin. Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte.
Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne.
„Es ist so schön. Gerade jetzt.“
Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein.
„Ja, es ist schön“, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken.
In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete.
Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann.
Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter, ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen.
Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte.
Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand und sagte:
„Adieu!“ So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! —
Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede Linie verändernd.
Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer.
Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen.
Ihr Herz pochte gegen das seine.
Er gab ihr den Kuß zurück.
„Liebster!“ hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen.
Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im Laubgang.
Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht.
Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese.
Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . .
Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel. Ginstermann dachte nichts.
Er fühlte nur, daß er glücklich war, befreit, erlöst, gerettet! Er fühlte nur, daß ihn neue Kraft durchströmte.
Die Stunden gingen, er saß und dachte nichts.
Am Abend pochte es, und er sagte herein.
Bianka trat ins Zimmer.
Er faßte es nicht sofort, und doch war er auch nicht überrascht.
Sie blieb an der Türe stehen und sagte: „Bleib, bleib.“
So blieb er auf derselben Stelle stehen.
Sie blickten einander an, eine Ewigkeit.
„Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka?“ fragte er endlich.
Sie antwortete ihm mit einem langen Blick.
„Sage doch du zu mir.“
„Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?“
Nein, nein — o, nur schnell — sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle — sie sei nur gekommen, um es ihm zu sagen . . .
Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Türe.
Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme:
„Weshalb ich nicht kann — das will ich dir sagen, Liebster.“
„Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.“
Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an.
Dann schüttelte sie den Kopf und breitere die Hände vors Gesicht.
Sie brach in Weinen aus.
Erst nach geraumer Zeit wagte er es, näher zu treten. Er legte seine Hand auf ihre Schulter, ganz sachte.
„Bianka?“
Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die Augen pressend.
Er führte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte.
Plötzlich hörte sie auf zu weinen. Sie erhobsich. Ganz dicht kamen sie zu stehen. Unwillkürlich rückte sie den Stuhl zurück.
„Ich kann nicht“, flüsterte sie, ihn mit den Blicken beschwörend. Sie sah zu Boden und schüttelte sonderbar den Kopf.
„Härme dich nicht, Beste“, sagte er,
Sie ging zur Türe, ging hinaus. Die Türe stand offen.
Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen. Er wußte . . .
Da kam sie zurück. Sie nahm seine beiden Hände.
„O du!“ stammelte sie.
Sie küßte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und küßte ihn auf das Herz.
Sie lächelte verzückt.
Dann ging sie . . . . .
Drei Uhr morgens.
Auf dem Geleise, das nach Süden führt, geht ein Mann. Weit weg liegt die Stadt.
Er geht immerzu.
Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der Mond steht am Himmel und alle seine Sterne.
Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Süden führt.
Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft von Rosen steigt in die Nacht.
Der Mann klettert über den Zaun. Ein Hund schlägt an.
Der Mann geht gemächlich von Stock zu Stock und reißt die Rosen ab. Ein Hund zerrt an der Kette und kläfft. Das kümmert den Eindringling nicht. Er plündert die Stöcke, dann steigt er wieder über den Zaun und setzt gemächlich seinen Weg fort.
Wo die Geleise in den Wald einmünden, macht er Halt.
Er wirft die Rosen über die Schienen.
Dann wartet er.
Er steht und wartet.
Eine Stunde. Ein Hahn kräht von weit her.
In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt.
Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen.
Der Mann tritt zurück.
Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei.
Er entblößt sein Haupt.
Ende.
Anmerkungen zur TranskriptionOffensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... seines Gehirns,daßsich seit Jahren in rastloser ...... seines Gehirns,dassich seit Jahren in rastloser ...... Schild,pakteer mit hinein. Diesen Strauß sandte ...... Schild,packteer mit hinein. Diesen Strauß sandte ...... jeder andere Mensch. Und heute, wo einbesonserer...... jeder andere Mensch. Und heute, wo einbesonderer...... dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissigwaren,...... dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissigwaren....... Es war entzückend, nichts, gar nichtszu tun...... Es war entzückend, nichts, gar nichtszu tun,...... Tische, als er beiKappellieintrat. Es war Biankas ...... Tische, als er beiKapellieintrat. Es war Biankas ...... „FräulenSchuhmacher reist demnächst ab.“ ...... „FräuleinSchuhmacher reist demnächst ab.“ ...... Farbe und Ausdruck,wähenddas Gesicht bleich ...... Farbe und Ausdruck,währenddas Gesicht bleich ...... Li befahl nichts,Liefreute sich an dem ...... Li befahl nichts,siefreute sich an dem ...... drolligen Kerlchen und ließ ihn ofthundermal...... drolligen Kerlchen und ließ ihn ofthundertmal...... ihrer Harmonie und zielbewußtenEngergie. ...... ihrer Harmonie und zielbewußtenEnergie. ...... auf und stellteCamellahart auf den Boden. ...... auf und stellteCamillahart auf den Boden. ...... ihn an seine früheren Jahre erinnerte, erfaßteihn,...... ihn an seine früheren Jahre erinnerte, erfaßteihn.......Kamillaauf!“ „Hier hinauf, geehrter Bruder im ......Camillaauf!“ „Hier hinauf, geehrter Bruder im ...... Aber er wagte ihn nicht zu öffnen. Erwußte....... Aber er wagte ihn nicht zu öffnen. Erwußte,...... Roselind neigt sich imStattel. „Du bists. ...... Roselind neigt sich imSattel. „Du bists. ...... „Jetzt können Sie ruhigsterben,scherzte er, ...... „Jetzt können Sie ruhigsterben,“scherzte er, ...... seiner kleinenKamillazu sehen. Er wollte ihr ...... seiner kleinenCamillazu sehen. Er wollte ihr ......Kamillawar nicht zu sehen. Er begab sich in ......Camillawar nicht zu sehen. Er begab sich in ...... Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daßKamilla...... Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daßCamilla...... seiwas....... seiwas.“...... wie die weißen Rosen diePrinzessinenim ...... wie die weißen Rosen diePrinzessinnenim ...... klopfte energisch gegen die Scheiben. Nichts regtesich...... klopfte energisch gegen die Scheiben. Nichts regtesich....
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):