Sechstes Kapitel.

Der Pastor und der Förster hatten sich auf ihren Stühlen zurückgelehnt und blickten nach der Decke. Die Schwester hatte die Hände im Schoße zusammengelegt und sah auf den Bruder; man hörte den Sturmwind einmal wieder recht deutlich, und nachdem man lange genug geschwiegen hatte, sprach der Förster, wie es schien, um etwas zu sagen:

»Es wird jetzo auch um den Blutstuhl tüchtig pfeifen und sausen.« Sonderbarerweise fügte er dann hinzu:

»Einunddreißig Jahre sind eine lange Zeit!«

»Freilich!« sagte der geistliche Herr, wendete sich dann an den nachdenklichen Hausherrn und fragte:

»Und Sie haben gar keine Ahnung, was er seines Zeichens war, und wie er eigentlich hieß?«

»Entschuldigen Sie, meine Herren,« erwiderte Herr Philipp Kristeller und ging zum letztenmal in dieser Nacht, um seinen Archivschrank in seiner Offizin zu öffnen. Mit einem einzelnen Briefe in einer weiten, sonst leeren Hülle kam er zurück, reichte das mit mehreren Poststempeln und fünf abgebröckelten Siegeln bedeckte Couvert dem Förster Ulebeule und den Brief dem Pastor Schönlank, setzte sich langsam, legte die Hand über die Augen, brachte seine Pfeife von neuem in Brand und wartete ruhig die Wirkung der Papiere auf die Hausfreunde ab.

»Inhalt — neuntausend — fünfhundert Thaler in Staatspapieren!« murmelte der Förster. »Frei! — Herrn Philipp Kristeller! —«

»Sehr wunderbar!« rief der Pfarrer seinerseits, das Begleitschreiben überfliegend. »In der That ein seltsamer Brief! Eine rätselhafte, mysteriöse Sendung!«

»Zum Henker, so lesen Sie doch laut!« rief der Förster, und der Pastor las laut:

»Ein Mann, der den Willen hat, sein Leben von vorn anzufangen, entledigt sich hier seiner schwersten und verdrießlichsten Last und schickt dem Freunde das einliegende Geld. Es verschwindet einer und hinterläßt keine Spur; es ist unnötig und vergeblich, ihm nachzuforschen und nachzurufen. O Philipp und Johanne, nehmt, was ihn nur niederziehen würde in die Tiefe. Gründet ein Haus, das feststeht und glückliche, fröhliche Kinder in seinen Mauern aufwachsen sieht. Lebt wohl, ihr guten Freunde — lebt wohl! — Philipp Kristeller, es grüßt dich — auf dem Wege zurück zu den Menschen, Wege zurück zu den Menschen,

der Narr vom Blutstuhl.

Hamburg, am 30. Oktober 183—«

Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch, Ulebeule schlug auf den Tisch, daß sämtliches Gerät emporhüpfte und die Gläser scharf und bedrohlich zusammenklirrten:

»Donnerhallo! Na, das muß ich sagen! na, da bitte ich zu grüßen!«

»Und Ihr habt, selbst mit diesem Schreiben in der Hand, damals nicht gemeint, dieses alles zu träumen, alter Freund?« fragte der Pastor.

»Tagelang, wochenlang bin ich wie ein Träumender umhergegangen, nicht nur mit dem Briefe, sondern auch mit dem Gelde in der Hand. Und es waren die nüchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von verschiedener Herren Ländern! Sie verwandelten sich nicht über Nacht in gelbe Klettenblätter, — sie gingen mir nicht vor der Nase in gespenstischem Dampfe auf; — sie waren echt und hatten ihren Kurs, und die Banquiers waren gern erbötig, mir sie umzutauschen oder umzuwechseln! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und fragte die, wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe — den guten Onkel ging ich fürs erste noch nicht um seinen guten Rat an.

»Auch Johanne hatte natürlich zuerst eine Art von Schrecken zu überwinden;dannaber sagte sie mir verständig und ruhig ihre Meinung, und ich bin derselben gefolgt.

»›Dein Freund hat mir leid gethan und ein Bangen erregt durch sein Wesen; aber nie ein Grauen, als ob er ein schlechter, ein böser Mensch sei. Ich habe ein großes Mitleiden mit ihm gehabt und hätte ihm gern helfen mögen in seinem Unglück. Aber sieh, Philipp, er hat mir auch immer den Eindruck gemacht, als ob er stets genau überlege und wisse, was er sage und thue. Er hat in seiner Melancholie einen klugen klaren Kopf; und was uns jetzt so wunderlich scheint und aller Welt als eine Verrücktheit vorkommen würde, das hat er auch bedacht und sich zurecht gelegt, und er wird sicher das Beste für sich gefunden haben. Ich glaube, du darfst das Geld nehmen und es versuchen, dein Glück darauf zu bauen. Wir wollen es verwalten wie ein Darlehn, Philipp; wir wollen dem Geber täglich seinen Stuhl an unseren Tisch setzen, wir wollen stets den besten Platz für ihn frei halten; wir wollen ihn von einem Tage zum anderen erwarten, und — dem Onkel wollen wir von einer Erbschaft sprechen, und du kannst das nur gleich thun; ich nehme die Verantwortung für die kleine Notlüge gern auf mein Gewissen.‹

»Seht, Nachbarn, das ist denn der Grund, weshalb der Sessel da stets leer steht, weshalb immer ein Platz an meinem Tische offen gehalten worden ist, diese ganzen letzten einunddreißig Jahre durch; der Freund ist aber bis heute nicht zurückgekehrt! Mein Leben von meiner Ankunft unter euch kennt ihr; — ihr wißt, wie ich diese bereits zweimal in Gant geratene Offizin übernahm, und wie es mir in schwerer Arbeit glückte, den Platz zu behaupten, der meinen Vorgängern so gefährlich geworden war! Ihr wißt aber auch —«

»Welch einen großen Schmerz du zu erdulden hattest,Bruder?« rief die alte Schwester leidenschaftlich erregt. »Nein, nein, sie haben wohl davon gehört; aber das rechte Wissen haben sie doch nicht davon.«

»Es war sehr traurig, Fräulein Kristeller,« sprach der Pastor, und Ulebeule seufzte schwer und murmelte:

»Ja, ja; aber Ihr seid nicht der Erste, Philipp, dem solcherart das Glas vor dem Munde weggeschlagen wird.«

»Das Haus stand; aber die Braut, die junge Frau sollte nicht einziehen. Sie starb an dem Tage, auf welchen die Hochzeit festgesetzt war, und an ihrer Stelle habe ich meinem armen Bruder seine Wirtschaft geführt, diese dreißig Jahre hindurch, dieses Menschenalter, von welchem an diesem stürmischen Abend so viel die Rede gewesen ist.«

»Und wir haben unsere Tage in der Stille doch gut verlebt,« sagte der Apotheker »zum wilden Mann« wehmütig lächelnd. »Wir sind in Frieden grau geworden, und der Sturm, der vor dem Fenster vorbeibraust, kümmert uns wenig mehr. Der freie Stuhl ist leer geblieben, und der, für welchen der Sitz aufbewahrt wurde, hat seine Ruhe wohl auch gefunden, an einem anderen Orte weit in der Fremde; hoffentlich nachdem er sich, wie er in seinem wilden Briefe da sagt, zu den Menschen zurückgefunden hatte. Wir aber, die wir hier miteinander alt geworden sind, wir wollen in Treue und guter Gesinnung auch fernerhin bei einander bleiben und kein Ärgernis an einander über die nächste Begegnung hinaus weiter tragen.«

»Das wollen wir!« sprachen beide Männer wie aus einem Munde.

»Gewiß, gewiß,« sagte das Fräulein.

Der Regen hatte augenblicklich aufgehört; aber der Wind war dafür um ein ziemliches heftiger geworden. Nach dem, was da erzählt worden war, ließ sich ein gleichgültiges Gespräch nicht leicht anknüpfen, und doch fühlte jeder das Bedürfnis dazu im hohen Grade.

Als Ulebeule sich endlich zusammennahm und kläglich sagte:

»Es ist doch ein tüchtiger Wind!« machte Fräulein Kristeller freilich die dazu gehörende Bemerkung:

»Ach ja, und die armen Leute, die jetzt auf dem Wasser sind!« aber das Gespräch war damit doch wieder zu Ende und fiel kläglich zu Boden. Herr Philipp hatte seinen schicksalvollen Brief wieder in das gelbgewordene Couvert geschoben und trat eben mit demselben in die Thür seiner Offizin, als er stehen blieb und rief:

»Da ist der Doktor!«

»Der Doktor!« riefen aufatmend und mit glatt auseinander sich legenden Mienen alle ihm nach. »Der Doktor! richtig, er wird es sein.«

Er war es. Man vernahm draußen vor den Fenstern der Offizin, nicht des Hinterstübchens, Rädergeknarr, das Stampfen eines Gaules, Peitschengeknall und dazwischen eine laute joviale Stimme:

»Holla, heda! Giftbude! Lichter an die Fenster! Bist du da, Friedrich, so reiß' das Scheunenthor auf und leuchte, daß wir die Karete und uns aus der Sündflut und dem sonstigen Orkane in Sicherung bringen!«

Das alte Fräulein lief schnell hinaus und dem gern gesehenen dritten Hausfreunde entgegen. Behaglicher lehnten sich der Förster und der geistliche Herr auf ihren Stühlen zurück. Der Apotheker stand lächelnd mit seinem vergilbten Briefe in der Hand da und horchte mit den andern.Schon hörte man jetzo auf der Hausflur des Doktors lustige Stimme, dazwischen die Stimme Dorothea's, und dann sprach noch jemand darein, gleichfalls kräftig-heiter.

»Er kommt nicht allein. Er bringt uns einen Gast oder sich einen Patienten mit,« sprach der Apotheker »zum wilden Mann«, und sofort zeigte es sich, daß das erstere der Fall war. Weit flog die Thür, die von der Hausflur in das bilderreiche Hinterstübchen führte, auf, und mit dem LandphysikusDr.Eberhard Hanff trat der Gast ein, höflich auf der Schwelle um den Vortritt sich mit Fräulein Dorothea bekomplimentierend.

»Keine Umstände, Herr Oberst,« rief der Doktor, den ältlichen, breitschulterigen, stattlichen alten Herrn mit dem schneeweißen Haar, den schwarzen scharfen Augen im munteren tiefgebräunten Gesichte weiter vorschiebend. Und ohne alle weiteren Umstände stellte er vor:

»Colonel Dom Agostin Agonista — im Dienste Seiner Majestät des Kaisers von Brasilien, — von mir aufgegriffen auf dem Wege zum wilden — ach, Herrje, Punsch?! — o Oberst, habe ich es nicht gesagt? Fräulein Dorette, Sie wissen meine Gefühle und Gemütsstimmungen doch immer auf drei Meilen Weges hinaus zu ahnen; — Punsch!! Die Herren werden sich dem Herrn Oberst am besten selber bekannt machen. Ach, Fräulein Dorette, je bösartiger die Witterung, desto inniger die Ahnung Ihrerseits; — erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Hand küsse.

»Lassen Sie das dumme Zeug nur und hängen Sie lieber Ihren Mantel an den Haken,« sprach die Schwester des Apothekers, »der Herr Oberst ist uns sehr willkommen, und wir bitten höflichst, Platz zu nehmen.«

Der Landphysikus pflegte die Leute, die er dann und wann auf seinen Berufswegen »als Gäste aufgriff« und in irgend ein beliebiges Haus mit sich nahm, stets in einer ähnlichen Weise vorzustellen und sie dadurch gewöhnlich in nicht geringe Verlegenheit zu bringen. Der brasilianischeOberst jedoch ließ sich nicht so leicht in Verlegenheit setzen. Er wendete sein munteres, vernarbtes altes Soldatengesicht heiter und hell im kleinen Kreise umher und sagte mit dem leisesten Anhauch eines fremdartigen Accentes:

»Meinerseits nenne ich dieses einen raschen Überfall, meine Dame und meine Herren, und bitte sehr um Entschuldigung wegen dieses nächtlichen Eindringens. Der Herr Doktor fand mich freilich in einer höchst erbärmlichen Schenke am Wege durch den Sturm und die Nacht festgehalten hinter dem Tische und hat in der That in der freundlichsten Weise den barmherzigen Samariter gespielt. Er nahm mich in seinen Wagen auf und bot mir ein besseres Nachtquartier in dieser Ortschaft an. Ich folgte ihm gern, und dann hielt er vor diesem Hause an, — um einen ›Kristeller‹ zu nehmen, wie er sagte, — auf einen Moment, wie er sagte, und ich kam mit ihm herein, um auch einen ›Kristeller‹ zu mir zu nehmen, und mein Name ist wirklich Agonista, und ich bin Oberst in brasilianischen Diensten.«

»Mein Name ist Kristeller; aber der Doktor, mein lieber Freund, nennt einen Liqueur so, dessen Erfindung mir gelungen ist, Herr Oberst,« sagte der Apotheker. »Übrigens ist uns allen hier Ihr Eintritt in unseren kleinen Kreis eine Ehre und ein großes Vergnügen.«

Der Pastor und der Förster sprachen nun gleichfalls ihre Befriedigung über die zeitgemäße Ankunft des interessanten Fremden aus. Man schüttelte sich die Hände und schob von neuem die Stühle an den Tisch.

»O — Fräulein Dorette, ich habe Ihnen wie gewöhnlich mein Kompliment zu machen!« rief der LandphysikusDr.Eberhard Hanff, in Extase nach einem langen Zuge die Nase aus dem Dampfe des Getränkes des Abends in die Höhe hebend. »Finden Sie jetzt nicht auch, Colonel, daß wir hier besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe ›zum Krug ohne Deckel‹ oder wie die Räuberhöhle sonstheißt? he, und wie wehrte und sperrte man sich gegen das bessere Verständnis eines landkundigen Mannes!«

»Es ist gewiß besser hier,« sagte der Soldat mit einer Verbeugung gegen die Schwester des Hausherrn. »Man wehrt sich oft gegen sein Glück, Senhora — man sollte es nicht thun.«

Die Übrigen gaben dem Oberst natürlich recht, und dann redete man ebenso selbstverständlich von neuem eine geraume Zeit über das Wetter; doch dann auch über die Wege, über die Wegschenke, in welcher der Doktor den Fremden gefunden hatte, über die Gegend im allgemeinen und besondern, über das frühe Abziehen der Zugvögel in diesem Jahre, über dieses und jenes: nur der Apotheker »zum wilden Mann« nahm an dieser Unterhaltung wenig Anteil.

Er, Philipp Kristeller, saß seinem brasilianischen Gaste gegenüber. Den alten Brief hatte er nicht wieder in sein Pult verschlossen, sondern, durch die plötzliche Ankunft des Doktors und des Fremden daran gehindert, ihn wieder mit sich gebracht und auf dem Tische von neuem vor sich niedergelegt. Er stützte jetzt den Ellenbogen darauf und lächelte in das Gespräch der Übrigen hinein, doch wie abwesend und den eigenen Gedankengespinnsten nachgehend. Daß der so plötzlich und unvermutet in seinem stillen Hauswesen erschienene ausländische Herr seine innere Erregung vermehrte, konnte man nicht sagen, doch richtete er, der Hausherr, dann und wann verstohlen forschend den Blick auf den Gast; und die Antworten, die er sodann auf an ihn gerichtete Fragen gab, waren noch um ein weniges zerstreuter.

Der Arzt erkundigte sich zuerst scherzhaft nach dem Grunde, und Ulebeule antwortete für den Apotheker.

»Laßt ihn, Medicus, hat sich der Bär erniedrigt, so wird er sich wohl bald um so mehr erheben; denn wozu hat er seine Hinterpranken sonsten? fragt man in Polackien. Wäret ihr eine Viertelstunde früher gekommen, so hättetihr unsalleinsgesamt in einer noch viel kurioseren Stimmung angetroffen. Wie die Hasen ihre Hexensteige durchs Korn, so haben wir uns an diesem Abend unsere Wege durch die angenehme Unterhaltung gebissen. O, wir haben seltsame Historien vernommen!«

»Ulebeule!« rief der Apotheker; doch der Förster war in seinem Eifer nicht imstande, auf den Ruf zu hören.

»Ich sage Ihnen, Doktor, es ist ein Jammer und Schade, daß Fräulein Dorette's Punsch Sie und den Herrn Oberst nicht ein wenig früher angeludert hat. Wie Federwild sind die merkwürdigsten Geschichten um uns her aufgestoben. Wir wissen jetzt, weshalb sich dreißig Jahre lang keiner von uns in diesen Lehnstuhl da hat setzen dürfen; — wir wissen, in welcher Weise unser Freund Philipp bei uns ankam, — wir haben viel gehört von Liebe und Tod, von wilden Männern und alten Geldbriefen, wie nicht jedermann solche von der Post zugeschickt kriegt. Waren Sie jemals in Ihrem Leben auf dem Blutstuhle, Doktor?«

»Ulebeule?!« rief jetzt auch der geistliche Herr, und diesmal hörte der Förster.

»Nun, nun, — ja, ja, Ihr habt recht!« brummte der redselige Waidmann kleinlaut. »Nehmt's nicht übel, Kristeller, da Ihr selber so vertraulich waret —«

Herr Philipp füllte freundlich dem biederen Hausfreunde das Glas und reichte ihm die Hand; doch nun sagte der Doktor Hanff:

»Zu den kuriosen Geschichten sind wir, die wir unsererseits dergleichen vielleicht auch dann und wann erlebten, diesmal zu spät gekommen. Aber eine Frage erlaube ich mir doch: habt ihr diesen guten Trunk hier jener Historien wegen etwa zusammengebraut?«

Der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, der die ganze Zeit hindurch mit nachdenklichen Augen auf den leerstehenden Ehrensessel geschaut hatte, sah jetzt scharf auf und hell und heiter im Kreise umher, zuletzt am schärfstenauf den Herrn des Hauses. Währenddessen antwortete der Pastor dem Physikus und den forschenden Blicken des Colonels zugleich mit:

»Sie sind zu einem eben so freudigen wie ernsthaften Gedächtnisfeste gerade noch zur rechten Zeit gekommen, lieber Doktor. Unser Freund Kristeller sitzt heute gerade dreißig Jahre hier in diesem Hause ›zum wilden Mann‹, Herr Oberst. Er ist uns und allen Bewohnern der Gegend weit und breit ein lieber, treuer Freund und Helfer ein ganzes Menschenalter durch gewesen; den Punsch hat uns Fräulein Dorothea improvisiert, und Ihre Einladung würden Sie zu Hause vorgefunden haben, lieber Doktor.«

»Den Umweg habe ich mir demnach gespart,« lachte der Landphysikus. »Mein Herr Vater verwunderte sich gleich über meine verständige Nase, als die Wickelfrau mich ihm auf die Arme legte.«

Noch eine Bemerkung über seinen Hausschlüssel anfügend, sah der Humorist des Ortes von einem zum anderen, aber man lächelte diesmal nur, man lachte nicht mit oder hielt sich gar vor Lachen am Tische. Am vergnügtesten sah noch der Oberst aus, und dieser erhob nunmehr auch sein dampfendes Glas und sprach:

»So erlaube ich mir denn, als ein wie vom Himmel in diese Behaglichkeit hineingefallener Fremdling gleichfalls auf diesen schönen und wichtigen Gedenktag und Abend zu trinken. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit; manches wird darin anders — Gesichter und Meinungen. Und meine gnädige Dame und meine guten Herren, auch ich kann heute ebenfalls ein mir sehr merkwürdiges und folgenreiches Gedächtnisfest feiern; — auch mir sind heute gerade dreißig Jahre vergangen, seit ich zum erstenmale im Feuer stand und zwar an Bord der chilenischen Fregatte ›Juan Fernandez‹ gegen den ›Diablo blanco‹, den weißen Teufel, ein Schiff der Republik Haity, um am folgenden Morgen mit einem Holzsplitter in der Hüfteund einem Beilhieb über der Schulter im Raum des Niggerpiraten aus der Bewußtlosigkeit aufzuwachen!«

»Wozu man freilich heute noch gratulieren kann,« brummte der Doktor, während die anderen auf andere Weise ihr Interesse und Mitgefühl kundgaben.

»Wozu ich mir ganz gewiß heute noch Glück zu wünschen habe,« sagte der tapfere alte Krieger, »denn in diesem gottverdammten Schiffsraume, dem schwärzesten, stinkendsten Loche, das je auf dem Wasser schwamm, lernte ich einen Arzt kennen, der eine Kur an mir verrichtete, wie sie keinem europäischen Mediziner gelungen wäre —«

»Das wäre der Teufel!« rief der europäische Physikus.

»Der war es so zu sagen auch,« sprach gelassen der brasilianische Oberst, »und er klopfte mich auf die Schulter und sagte: ›Senhor, eine Zeit lang hat jedermann auf Erden das Recht, den Narren zu spielen, nur darf er das Spiel nicht über die gebührliche Zeit fortsetzen, er macht sich sonst lächerlich; Ihr gefallt mir, Senhor, und ich meine es gut mit Euch, — diesmal kommt Ihr noch mit dem Leben davon; erinnert Euch meiner und ruft mich, wenn Ihr mich braucht; ich stehe immer an Eurem linken Ellbogen.‹ — Meine Herrschaften, das Ding verhielt sich wirklich so, und ich habe den Schwarzen jedesmal, wenn ich ihn nötig hatte, gerufen, und mich stets wohl dabei gefunden. Vorher war's mir herzlich schlecht in der Welt ergangen, und ich hatte mich recht übel darin befunden.«

Der geistliche Herr rückte ein wenig ab von dem sonderbaren Gaste, Fräulein Dorothea Kristeller murmelte:

»Ei, ei! hm, hm;« — der Apotheker sagte noch immer nichts; aber Ulebeule rief entzückt:

»Das ist ja aber heute wie ein Abend aus dem Tausendundeinenachtbuche! Wir sind drin im Erzählen, und wenn's nach mir geht, bleiben wir bis zum Morgen dabei. Lieber Herr Oberst, unser alter Philipp da hatte vom Anfange an auch nicht die Absicht, uns alles das, was er unsberichtet hat, zu beichten; er geriet nur so ganz allgemach auf die Fährte, und wir haben ihn nur durch gute Ermunterung darauf gehalten. Herr Oberst, nehmen Sie sich gütigst ein Exempel und erzählen Sie weiter von den Mohren. Der Abend ist ganz darnach; — was meinen Sie, Pastore?«

Der Pastor war wieder zugerückt und bot dem fremden Kriegsmann die Dose.

Dom Agostin Agonista lächelte gutmütig und sagte vergnügt:

»Ich weiß nicht, was für wilde Historien unser freundlicher Herr Hospes von sich erzählt hat; mein Leben ist sicherlich ins Wilde geschossen und hat Früchte gebracht, die auf jedem Markte Verwunderung erregen müssen. Zuerst wucherte das Gewächs phantastisch ins Kraut, und mehr als ein Botanikus wartete mit Spannung auf die überirdischen Blüten und Früchte. Jawohl! Der große Hurrikane kam, der Wind und Sturm über Land und See, — die Blätter wurden weggefegt, die Blüten, oder was so aussah, dito. Endlich fand sich so ungefähr drei bis vier Fuß unter der Erde etwas, was mit der Kartoffel einige Ähnlichkeit hatte — allerlei Knollen durch Fasern aneinanderhängend — ungenießbar, zäh, ein abgeschmacktes Produkt der alten Mutter Erde. Dazu hat man es denn gebracht, meine Herrschaften, und der einzige Trost ist nur, daß eben nicht ein jeder nach seiner Wahl ein Pomeranzen- oder Palmenbaum werden kann. Je früher aber der Mensch herausfindet, in welche Klasse er nach Linné oder Buffon gehört, desto besser ist es für ihn und desto schneller kommt er zur Ruhe und zur Zufriedenheit mit seinen Zuständen. So lange er's noch nicht heraus hat, spuckt er Gift und Galle in den schönsten Sonnenschein hinein und macht Brüderschaft mit dem Schneegestöber und Winterwinde. Ich halte das auch für eine Philosophie, Herr Kristeller.«

»Das ist es auch, Herr Oberst,« sagte Herr Philipp.»So lange aber der Mensch jung ist, findet er die große Wahrheit selten. Ja, Viele — die Meisten finden sie nie und glauben an ihre Palmbaumberechtigung bis zum Ende.«

»Und das ist ein Glück,« rief der wetterfeste, philosophische Kriegsmann, »denn ohne diese glückliche Illusion würde die ganze Menschheit doch nichts weiter sein als ein sich elend am Boden hinwindendes Geschling und Gestrüpp. Übrigens sind die Kartoffeln und die Trüffeln gar nicht zu verachten.«

»Aber mit dem Mohrenschiff und dem schwarzen Satan, der den verehrten Herrn Oberst so zutraulich auf die Schulter klopfte, hat dieses alles doch eigentlich nicht das Geringste zu schaffen — nicht wahr?« fragte Ulebeule.

»Bravo, Förster!« rief der Doktor. »Ihr seid und bleibt ein hirschgerechter Waidmann. Tago! Tago! Ihr laßt Euch wahrlich nicht von der Fährte abbringen. Geben Sie sich nur drein, Oberst, und erzählen Sie uns von dem Mohrenschiffe und Ihren sonstigen spaßhaften und ernsthaften Erlebnissen. Die Nacht ist schwarz genug dazu, und wir sind ganz Ohr.«

Nun schien der richtige Ton für die folgende Unterhaltung gefunden zu sein; aber in demselben Moment jagte der Colonel Agonista alle, nur den Hausherrn nicht, in hellster Überraschung, ja im jähen Schrecken von den Stühlen empor.

Er hatte sein Glas erhoben und sagte jetzt langsam und ruhig:

»Lassen Sie uns anstoßen auf das Wohl aller wetterfesten Herzen, gleichviel ob sie ihre Schlachten innerhalb ihrer vier Wände durchfechten oder durch Blut und Feuer über den halben Erdball herumgeworfen werden. Kennst du mich nicht mehr, Philipp? Kennst du mich wirklich nicht mehr, Philipp Kristeller?!«

Der Apotheker »zum wilden Mann« hatte den Geldbrief, der bis jetzt unter seinem Ellenbogen gelegen hatte, gefaßt und in der zitternden Hand zusammengeknittert. Seit fünf Minuten schon wußte er, wer sein Gast war, und der Oberst Dom Agostin Agonista hatte das auch gewußt. Nun aber griff die Schwester zu und stützte den Bruder; der Oberst faßte ihn von der anderen Seite und so erhob er sich jetzo mühsam wie die Übrigen, legte beide Arme dem Gaste um die Schultern, legte ihm das Gesicht an die Brust und stöhnte:

»Nach einem Menschenalter also!«

Der Doktor, der Pastor und der Förster verwunderten sich, ein jeder auf seine Manier, und es währte eine ziemliche Weile, ehe jedermann wieder Platz genommen hatte.

Endlich saßen sie wieder; der Oberst aber nicht auf dem ihm so lange Zeit aufbewahrten weichen Ehrenplatz. Dom Agostin hatte, nachdem er die Ehre zuletzt fast grob zurückgewiesen hatte, mit zierlicher, drängender Höflichkeit Fräulein Dorette Kristeller in den Lehnstuhl niedergesetzt, und diese behielt denn auch den Platz, nachdem sie ihren Protest eingelegt hatte.

»Gegen die Gewalt kann ich nicht an, Herr Oberst, aber behaglich sitze ich hier wahrhaftig nicht, und in die Wirtschaft muß ich auch jeden Augenblick hinaus.«

Das war richtig. Die chinesische Bowle mußte noch zweimal im Verlaufe der Nacht gefüllt und das Gastzimmer ebenfalls doch auch für den geheimnisvollen, abenteuerlichen Freund hergerichtet werden. Dazwischen erzählte der alte Soldat, ohne sich im geringsten zu sperren, dem »Wilden Mann« seine Geschichte. Was darin zu Tage kam, hätte jeden Tisch voll Philister (unter anderen Umständen) bewogen, erst von dem munteren Erzähler leise abzurücken, dann nach und nach mit den Gläsern und Pfeifen sich nach einem anderen Platze umzusehen und dann — bis zum Nachhausegehen — von dem neuen Stuhl ausverstohlen, furchtsam und verblüfft über die Schultern nach dem unheimlichen fidelen alten südamerikanischen Burschen hinzustieren.

Das kahle Gezweig kratzte nicht mehr so ärgerlich wie vorher an den Fensterscheiben des Hinterstübchens in der Apotheke »zum wilden Mann«. Der Förster Ulebeule hatte den Kopf in die Nacht hinausgesteckt, ihn zurückgezogen und den im Zimmer Anwesenden die tröstliche Versicherung gegeben:

»Es klärt sich richtig auf. Man sieht die Sterne durchs Gewölk. Der Wind hat ordentlich über unseren Köpfen und Schornsteinen aufgeräumt. Ich kenne das und wette, daß wir morgen einen ganz klaren Tag haben werden.«

Dies fiel in die Pause nach dem wundervollen Ereignis und Wiederzusammenfinden in der Apotheke »zum wilden Mann«.

Philipp Kristeller hatte bis jetzt die Hand seines Wohlthäters noch nicht losgelassen. Die beiden alten Freunde saßen nebeneinander, und der Oberst hielt spielend in der Linken den Brief, den er vor einunddreißig Jahren in der Lebensverzweiflung geschrieben und mit 9500 Thalern in Staatspapieren für den botanischen Studiengenossen beschwert hatte. Jetzt zum erstenmal entzog er die rechte Hand dem Freunde vom Blutstuhle, warf das letzte Endchen seiner Cigarre hinter sich und zog eine kurze Pfeife heraus, die er aus einem sehr exotisch, sehr indianisch aussehenden Tabaksbeutel füllte und plötzlich — ehe er durch einen hastigen Griff und Ruf des Apothekers daran gehindert wurde, in Brand setzte. Ehe er dran gehindert werden konnte, hatte Dom Agostin Agonista ein bedeutendes Stück von seinem verjährten, wild-phantastischenSchreiben abgerissen, es regelrecht zu einem Fidibus zusammengedreht und denselben zu dem Zwecke verwendet, zu welchem man eben einen Fidibus gebraucht. In demselben Moment fing er gelassen und gemütlich an, seine Geschichte zu erzählen, und sie ging gut an, nämlich mit den Worten:

»Nicht wahr, Doktor, wer noch keinen Menschen umgebracht hat, der wird sich nur schwer in die Gefühle eines, der's bereits fertig brachte, hineinfinden. Erschrecken Sie nur nicht zu arg, meine Herrschaften; ich habe mich allmählich hineingefunden; — es lernt sich alles in der Welt und wird zur Gewohnheit, das Hängen und Erschießen wie — das Köpfen. Ich stamme aus einem der anrüchigsten Geschlechter Deutschlands und hatte drei Tage vor dem Zusammentreffen mit meinem Freund Philipp Kristeller auf dem Blutstuhle gethan, was ich mußte. Um es kurz zu sagen, so hatte ich, unter Billigung und Beistand von Staat und Kirche, einem nichtsnutzigen Mitbruder im Wirrwarr dieser Welt auf offenem Felde und vor zehntausend Zuschauern den Kopf abgeschlagen. Erschrecken Sie nicht, bestes Fräulein — auch das ist eine verjährte Geschichte.«

Ja, was half es zu sagen: Erschrecken Sie nicht! —? sie fuhren doch alle zusammen, selbst Herr Philipp Kristeller.

»Das Amt, das meine Vorfahren seit mehr als zweihundert Jahren in ununterbrochener Geschlechtsfolge verwaltet hatten — rühmlich verwaltet hatten, war eines Tages auf mich übergegangen, und ich habe es ausgeübt — einmal! — wie gesagt, drei Tage vor jenem Anfall vom Veitstanz, in welchem der da mich auf dem Blutstuhl fand. Sieh, Philipp,das war es! und deine Johanne hatte wohl Recht, wenn sie schon lange vor jenem letzten Zusammentreffen dich auf mancherlei an mir aufmerksam machte, was ihr nicht gefiel. Ach Gott, ich wollte, ich könnte es dem armen guten Kinde heute abend auchsagen, wie gut sie mir stets gefiel. Sie ist also tot — ein Menschenalter tot? ach Philipp, Philipp, du hast es kaum wissen können, wie viel Sonnenschein von ihr ausging, wo sie ging und stand, und wie schwarz und scheußlich mir die Welt in dem schönen Lichte vorkam. Auch verjährt! da wir noch am Leben sind und es uns wohl geht, so wollen wir von uns reden. — Ich war wunderlich erzogen worden. Mein Großvater August Gottfried Mördling hatte das schlimme Erbamt noch im reichlichen Maße und als finsterer Enthusiast bekleidet; mein Vater hatte dagegen das Glück gehabt, daß in seine ganze, freilich nicht sehr lange Lebenszeit nicht ein einziges Mal die unangenehme Notwendigkeit fiel, die Kammer im Oberstock des Hauses aufzuschließen und mit dem Auge und dem Finger an der Schärfe des breiten Schwertes mit der Jahreszahl 1650 hinauf und hinunter zu fahren. Von meiner Mutter weiß ich wenig zu sagen. Sie war eine kränkliche, verdrossene Frau, und ich habe nur eine Haupterinnerung von ihr, nämlich daß sie eine ausgebreitete Geflügelzucht trieb und das Schlachten der Hühner, Puter, Enten, Tauben und Gänse stets selber besorgte und zwar mit großer Kunstfertigkeit und einer gewissen wilden Energie. Mein Vater, ein sanfter, gebildeter Mann, der Schiller verehrte, Goethe verstand, für Uhland schwärmte und mich erzog, ging bei solchen Exekutionen stets mit raschen Schritten vom Hofe oder aus der Küche weg, indem er murmelte: O du grundgütiger Himmel! — Mein Vater, Alexander Franz Mördling, war auch gereist, sowohl als Kunst- wie als Naturliebhaber, er war in Frankreich, England und Holland gewesen, sprach recht gut englisch und französisch und erzog mich nur zu gut. Er machte auch mich zu einem gebildeten Menschen, der über Sonnen- und Mond- Auf- und Untergänge zu reden wußte, und vor allen Dingen ein Herbarium anzulegen verstand. Als die echten, richtigen Autodidakten machten wir uns beide unsere Welt zurecht,— eine Welt, aus der keiner von uns beiden berufsmäßig herausgerufen werden durfte, ohne halb verrückt zu werden und ganz zu Grunde zu gehen. Unser Erbhof lag natürlich außerhalb der Stadt, versteckt im Grün, von uralten Linden überschattet, durch hohe Mauern und ein gewaltiges Thor geschützt — ein Haus aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts, warm im Winter, kühl im Sommer — ein Generalsuperintendent hätte drin wohnen und seine Predigten abfassen können. Der Schall und Spektakel der Leute draußen drang kaum zu uns; und wenn mein Papa mir unsere eigentlichen Zustände keineswegs vorenthielt, so machte die Kenntnis davon durchaus keinen niederdrückenden Eindruck auf mich. Es lag für den Knaben sogar ein Reiz darin — man war allein, aber man war auch etwas, was die anderen nicht waren; — liebes Fräulein, man saß wie ein geheimnisvoller Affe auf der Mauer und grinste die Jungen drüben jenseits des Grabens, die nicht zu grinsen wagten, so zu sagen unheimlich-vornehm an. Sie glauben es mir nicht, Fräulein Dorette, aber es verhielt sich doch so. Da mein Vater in seiner Abgeschiedenheit erträglich behaglich und zufrieden seine Tage verbrachte, so hatte ich um so weniger Grund, mich über mein Schicksal zu beklagen. Wir hatten durch Sommer und Winter unsere kleinen Freuden, — und Matthias Claudius würde sich sicherlich wohl in unseren Beschäftigungen und träumerischen Grübeleien und Liebhabereien gefühlt haben. Ja, es fällt mir erst jetzt bei: vom alten Wandsbecker Boten hatte mein Alter das Meiste in seiner Natur; — er konnte es sicherlich nicht ahnen, welch ein Meister Urian in seinem Söhnchen steckte. — Aber endlich kam ein Winter, in dem mein Vater bei hohem Schnee und hartgefrorenem Boden mit Tode abging; und ich ein mündiger, erwachsener Mensch, der allem, was außerhalb unserer Hofmauer lag und vorging, gänzlich unmündig gegenüberstand, ihn sterben sah.«

An dieser Stelle stand der Erzähler, der Oberst Dom Agostin Agonista auf und ging zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen.

»Es ist das einzige, was einem bei außergewöhnlich unruhigen Gemütsbewegungen hilft,« sagte er zurückkommend und seinen Stuhl wieder einnehmend. »Übrigens hat der Herr Förster recht; es wird klar, und wir werden morgen wohl einen schönen Tag haben. Wo war ich doch stehen geblieben? Ja so, beim Tode meines Vaters und dem, was damit zusammenhing. Ich muß die Herren und das Fräulein also noch eine Weile inkommodieren.«

Sie hatten ihm alle, bis auf den Apotheker, starr und mit immer noch hoch emporgezogenen Augenbrauen auf den Rücken gesehen, den er ihnen zudrehte, als er aus dem Fenster guckte. Als er sich umwendete, wandte ein jeder, nur der Apotheker nicht, die Augen wo anders hin und that so unbefangen als möglich.

»Das nennst du uns inkommodieren, August?« fragte Philipp Kristeller vorwurfsvoll zärtlich.

»Augustin — Agostin — Agostin Agonista, wenn es dir einerlei ist, alter Bursch,« lachte der brasilianische Oberst und — erzählte weiter:

»Wir waren allein im Hause, mein Vater, ich und eine alte Hexe von Magd, die uns Beide seit meiner Mutter Tode in der raffiniertesten Knechtschaft hielt. Mein Vater hatte schon längere Zeit gekränkelt, sich selber bedoktert und war nun mit seiner Kunst zu Ende. Lieber Doktor, der städtische Arzt, den wir zum Schluß herbeiriefen, konnte auch weiter nichts thun, als die Achseln zucken, — und, Freund Philipp, in der Nacht vor seinem Abscheiden überlieferte mein Vater mir die Schlüssel zu dem Archive unseres Hauses! Drei Tage nach seinem Begräbnis öffnete ich den schwarzen Eichenschrank, in welchem die seit fast zweihundert Jahren recht ordentlich geführte Chronik unserer Familie aufbewahrt wurde, und trat damit in die Krisis ein, währendwelcher mein alter Philipp da und seine so junge und schöne Johanne meine Bekanntschaft machten und so viele Gründe hatten, sich über mich zu verwundern. Ich fand in dem Schranke ein von meinen Vorvätern zusammengeschriebenes dickleibiges Manuskript in schwarzem Lederband mit Messingecken und Haspen. Sie hatten regelrecht Buch geführt, und es war ein recht nettes Hauptbuch draus geworden mit allen Zahlen und sonstigen Belegen! Und ich las und rechnete es nach bis auf meinen Herrn Großpapa hinunter — ich las es vom Anfang bis zum Ende, Wort für Wort, Datum für Datum, Zahl für Zahl; und als ich in der dritten Nacht gegen zwei Uhr morgens von der gräulichen Lektüre aufstehen wollte, da konnte ich nicht. Ich saß fest im Stuhl, gerädert von unten auf, und draußen war es grimmig kalt — der Hofhund heulte und weinte vor Frost, und ich fühlte den Frost gleichfalls bis in die Knochen, und dazu, halb wahnsinnig, mein Leben, Fühlen, Denken, Meinen abgebrochen, wie wenn ein Stock übers Knie abgebrochen worden wäre. Meine grimmige Hexe von Haushälterin hatte mich am Ofen aufzuthauen wie ein steifgefrorenes Handtuch, und es währte länger als eine Woche, ehe sich die allernotwendigste animalische Wärme wieder in mir bemerkbar machte. Ich lag länger als eine Woche im Bett und klapperte geistig und körperlich mit den Zähnen; dann aber lief ich hinaus und lief mich warm durch das winterliche Land — blieb vierzehn Tage für diesmal vom Hause weg und suchte mir zu der Wärme auch den Schlaf zu erlaufen, erlief mir jedoch nur die scheußlichsten aller Träume. Es ist ein Wunder, daß keiner es mir heute ansieht, was für ein Narr ich damals war! Nach meiner Rückkehr saß ich bis zum Frühjahr als ein Idiot am Herde, und ohne den Frühling wäre ich sicherlich als ein Idiot im Landesirrenhause elend und erbärmlich verkommen; und eigentlich, lieber Philipp, habe ich über jene Periode meines Daseins nichts mehr zu sagen.Ich fuhr in meinem Einspänner über die Grenze, mietete in einem Dorfe eurer Provinz ein Absteigequartier und ging dann in die Berge: — da trafen wir uns, und du hieltest mich für einen übergeschnappten Privatgelehrten, dem seine Freunde seiner Gesundheit wegen geraten hatten, sich ein wenig auf die Botanik zu legen.«

»Ich habe meinen Freunden bereits vorhin mitgeteilt, mit welchem Respekt mich deine Wissenschaft erfüllte,« rief der Apotheker »zum wilden Mann«, und sie nickten rund um den Tisch und sprachen:

»Ja, ja! o freilich!«

Der Oberst Dom Agostin Agonista aber sah selbst in dieser Nacht zum erstenmale sehr ernst, ja fast böse und finster drein und sagte:

»Ich würde dir im Laufe der Zeit meine Umstände wohl klarer erschlossen haben, Philipp, ich würde dir alles von mir und meinem Leben erzählt haben; aber dein Liebeswesen hat mich dran gehindert und mir den Mund zugehalten. Lieber Junge, wenn mir etwas die Welt noch mehr verleidete, so war das deine Braut. Bei Gott, ich habe euch oft gehaßt wegen eurer Seligkeit, — o Philipp Kristeller, in mehr als einer Stunde hätte ich euch mit Vergnügen eine Fallgrube für eure Zärtlichkeit graben können. Wäre das Eifersucht gewesen, so wär's schlimm genug gewesen; aber es war noch schlimmer, es war Neid, der nichtswürdige zähnknirschende Neid. Ach, Freund, Freund, damals hatte ich wahrhaftig nicht die Absicht, dir im Leben auf die Beine und, so weit ich es konnte, zu einer Frau zu helfen! Mußte da erst das Ärgste kommen, um mir den Sinn vollständig zu wenden, und das Ärgste kam; — gottlob, sage ich heute! — Von einer meiner vorgeblichen botanischen Rasereien ins Wilde zurückkehrend, fand ich einen Brief zu Hause, ein Schreiben mit dem Siegel der Oberstaatsanwaltschaft drauf. Ich wurde durch dieses Reskript umgehend nach der nächsten Kreisstadt beordert,und was die hohe Behörde da von mir verlangte und zu verlangen berechtigt war, das können die Herren und die gütige Senhora sich sicher selber vorstellen; ich habe gewiß nicht nötig, mit dem Finger die Richtung anzudeuten. Man legte mir ein vom Landesherrn bereits unterzeichnetes Todesurteil vor, und ich hatte noch drei Wochen Zeit, mich und meinen Patienten auf die mir obliegende Operation vorzubereiten. Während dieser drei Wochen sahest du mich nicht, Philipp Kristeller; aber du fandest mich drei Tage nach vollbrachtem Amtsgeschäft auf der Opferklippe. Ja, ja, meine Herren, nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und auch das war ein Erholungsausflug! — Ich hatte meine Sache gut gemacht und war gelobt worden, von den Behörden, den Zeitungen und dem zuschauenden Pöbel; aber ich trug schwer an der Ehre. Buchstäblich, — ich trug meinen still und um einen Kopf kürzer gemachten Patienten, minus diesen Kopf auf dem Rücken, und ich hatte ihn eben auf den Blutstuhl hinaufgeschleppt, als mein Freund Philipp die Klippe von der anderen Seite her erkletterte. Seht, es ist immer von den Gefühlen des armen Sünders auf dem Hochgerichte die Rede; aber diesmal waren auch die des Scharfrichters bemerkenswerth; — reden wir nicht davon: ich trug, wie gesagt, den Rumpf des armen Teufels von dem Gerüste hinunter; er hing mir auf dem Rücken, die Hände schleiften auf dem Boden nach, und ich hielt auf jeder Schulter einen Fuß im blauen wollenen Strumpfe gepackt! So hab' ich ihn auf den Blutstuhl hinaufgeschleift; und als du mich fandest, Philipp Kristeller, auf dem Felsen liegend, das Gesicht zu Boden gedrückt, da saß der Halunke auf mir, kopflos — hatte mir eine Kralle in das Nackenhaar gewühlt und sang sein diabolisches Triumphlied über mich — ein Bauchredner sondergleichen; aber höchst widerlich, selbst heute abend noch, nach einunddreißig Jahren ruhigeren Nachdenkens und kühlerer Überlegung!«

Der Oberst schwieg und fuhr sich mit dem Taschentuche über die Stirn. Man räusperte sich rund um den Tisch; der Förster und der Pastor hüllten ihre Verlegenheit in die dichtesten Tabakswolken, der Landphysikus schien die seinige in sich ertränken zu wollen, und alle drei — sonst gar nicht übele Leute — sahen in diesem Momente merkwürdig stupide aus. Fräulein Dorette Kristeller im Ehrenstuhle hatte sich soweit als möglich aus dem Lichtschein in die Dämmerung zurückgezogen; man hörte sie leise ächzen und seufzen, ja es schien sogar, als ob sie stoßweise in ihr Taschentuch hineinschluchze. Eine solche Geschichte erzählte man trotz allem nicht ungestraft, — selbst im Kreise seiner allerbesten Freunde nicht.

Dem alten Soldaten entging der gemachte Eindruck keineswegs, aber nachdem er seinerseits die widerliche Erinnerung mit einer Hand- und Armbewegung so zu sagen vom Tische gewischt hatte, stützte er beide Ellenbogen auf die Platte und schaute munterer denn je um sich. Er hatte, wie sich gleich auswies, noch extraordinärere Dinge in seinem späteren Leben durchgemacht, er hatte nicht wie die anderen still im Winkel gesessen, er hatte sich allerlei um die Nase wehen lassen, was die meisten Leute für Sturm genommen haben würden, er aber nur noch für Wind hielt. Er war nicht umsonst kaiserlich brasilianischer Gendarmerieoberst geworden.

»Lieber, guter August — Augustin,« flüsterte der Apotheker, »du bist als ein eigentumsloser Bettler in deiner Verwirrung in die Welt hinausgelaufen; — du hast mir das Erbe deiner Väter überwiesen —«

»So ist es! Niemals hat ein Mensch mit gleich leerer Tasche dem alten Europa den Rücken gewendet!«

»O meine Johanne — meine liebe, arme Johanne!«seufzte der Apotheker leise; aber da that der Abenteurer und Soldat einen sehr feinfühligen Griff in die Ideenfolge seines Jugendbekannten.

»Nein, nein, Philipp, bei allen Mächten, nein! es ist nicht so! Das ist nicht der Geschäftsgang zwischen Himmel und Erde! Du würdest sie doch verloren haben — o, um meine Hinterlassenschaft hat sie dir das Schicksal nicht sterben lassen! Was hatte ihr Dasein und Geschick mit dem zu schaffen, was alles an den Thalern hing, die ich damals auf der Flucht von mir warf und dir an den Hals, weil du mir zufällig zunächst standest. Das Kind ist nicht daran gestorben, Philipp! Ihr hättet ein schönes Leben auf die Erbschaft meiner Vorväter gebaut, wenn die Schöne, die Gute dir nicht doch hätte sterben müssen; und dann — — wer hier unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie?«

Die Frage erforderte eine Antwort, und jeder gab sie auf seine Weise, doch laut bejahete oder verneinte niemand. Der Apotheker »zum wilden Mann« drückte zum hundertstenmale dem Obersten Agonista die Hand, und dieser schüttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief:

»Was kann es alles helfen — jeder erlebt sein Leben, und wer noch mit dem nötigen Humor davon zu erzählen weiß, der ziert jegliche Tafelrunde, und selbst die Weisesten, Ehrwürdigsten und Ehrbarsten können ihn ruhig ausreden lassen. Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen, nämlich daß der größte Verdruß der Menschen im einzelnen daraus entspringt, weil sie die Welt im ganzen für zu still halten. Meine Herrschaften, die Welt ist nicht still, und man muß den Wirrwarr nur recht kennen lernen, um das, was einem vom ersten Seufzer bis zum letzten passiert, nach dem richtigen Maße zu schätzen. Hol der Teufel die Narren, denen ihre vier Wände auf den Kopf zu fallen scheinen: steigt aufs Dach jedesmal, wenn's euch zu angst wird und überzeugt euch, daß das Firmament fürs erste noch nichtdie Absicht hat, zusammenzubrechen. Also, ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf dem Kai zu Neu-Orleans, so ungefähr in der Stimmung eines Menschen, der aus einem schweren Rausch erwacht, übernächtig sich die Stirn reibt und doch den kühlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schläfen fühlt. Was aus mir werden mochte, war mir ganz gleichgültig. Ich war zu allem bereit, zum Leben wie zum Sterben, und verkaufte, da ich Hunger hatte, um wenigstens das allernächste Behagen noch einmal festzuhalten, mein Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trödler. Traktierte darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden, den einarmigen Mulatten Aaron Toothache, und zwar in einem Lokale, in dem Volk zusammensaß, von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff haben kann. Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem Fregattschiff der Republik Chile, dem braven ›Juan Fernandez‹, kennen, und wir gefielen uns gegenseitig. Wie die Bekanntschaft endlich im Schiffsraume des ›weißen Satans‹ auslief, habe ich euch bereits mitgeteilt.«

Sie waren ihm während der letzten Minuten alle auf den Leib gerückt. Sie schienen nach seinen letzten Äußerungen ihre geheime Scheu und Abneigung gegen ihn gänzlich überwunden zu haben! Sie waren ihm so dicht an die Ellenbogen gerückt, daß ihm die Luft auszugehen schien. Blasend machte er eine Armbewegung, um sie wieder ein wenig von sich zurückzudrängen, und wir — wir machen es vollständig umgekehrt, als die aufs Äußerste gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke »zum wilden Mann«: wir rücken ab vom Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom Agostin Agonista.

Was dieser wunderliche Erzähler jetzt zu erzählen hatte, war freilich bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande; allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und mündlich oderschriftlich, ja sogar dann und wann durch den Druck mitgeteilt worden. Wir lassen ihn, den Oberst Agonista so ungefähr um ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein kurzes Wort zusammenfassen.

»Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als Gefreiter in dem Peloton, das als Executionskommando in den Festungsgraben befehligt worden war. Der Lieutenant hob den Degen, und — wir gaben Feuer: ich ohne Umstände wie die anderen. Von dem Augenblicke an war ich von meiner europäischen Lebensbürde vollständig frei. Ich machte mir aus dem Tage, der gestern war, und dem, der vielleicht morgen sein konnte, nicht das Geringste mehr; — juchhe, wie der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts! So bin ich immer bei mir, und zwar bei mir allein gewesen: auf dem Marsche, wie in der Wachtstube, am Feuer in der Indianerhütte wie in den Salons der Präsidialstädte. Ja, meine Herrschaften, habe ich da drüben manchen Präsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen, habe selber geholfen, den Excellenzen Stühle zuzurücken oder sie ihnen unterm Sitze wegzuziehen, wie's sich gerade schickte. Venezuela machte mich zum Luogotenente, Paraguay zum Major; aber Seine Majestät Dom Pedro von Brasilien war am gnädigsten gegen mich, und so fand ich denn auch am meisten Gefallen an ihm. Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das vielfarbige Gesindel in Rio Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten: er durch regelrecht richtige konstitutionelle Güte, ich durch flache Säbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp, drei Schwadronen hinter einander, rund über das Pack weg. Meine Herren und Sie, liebes Fräulein, Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der Seite ansehen; aber es ist nicht anders, und bei der Wahrheit soll der Mensch bleiben:wenn ich das Köpfen aufgegeben habe, so habe ich mich desto energischer auf das Hängen gelegt und gefunden, daß es eine viel reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebenso gut erfüllt. Was aber das Gehängtwerden anbetrifft, so habe ich selber die Schlinge mehr als einmal um den Hals gefühlt, gottlob ihn aber stets noch glücklich herausgezogen. Ei ja, ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus — bin hoffähig und reite bei feierlichen Aufzügen am Kutschenschlage Ihrer kaiserlichen Majestäten. Komme ich nach Rio heim, so werde ich mich verheiraten; denn für ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen wird's allmählich ein wenig spät. Doch davon morgen, und nun vor allen Dingen das letzte Glas von diesem höchst vortrefflichen Getränk und dazu ein Rat, Wunsch und Trinkspruch: Verehrte Freunde, da wir einmal da sind, so leben wir, wie es eben gehen will; und da das, was uns endlich aus dem Dasein hinausschiebt, immer am Werk ist, so schieben wir ohne Skrupel gleichfalls; — vor allen Dingen aber lebeerhoch — mein Freund, mein lieber, alter, guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm wachse, blühe und gedeihe fort und fort seine Apotheke ›zum wilden Mann!‹«

Das riefen sie alle nach und klangen die Gläser an einander, und dabei erhoben sie sich und standen verwirrt, schwankend ob all des Abenteuerlichen, das der Abend enthüllt und gebracht hatte. Wie die Gäste Abschied von dem Hausherrn, seiner Schwester und dem Oberst Agostin Agonista nahmen, wußten sie selbst nachher kaum anzugeben.

Der Oberst aber sagte:

»Philipp, einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln bitte ich mir aus. Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen Vaterlande haben.«

Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal; wir aber begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Wege nach ihren Wohnungen.

Daß sie, der Förster, der Pastor und der LandphysikusDr.Hanff, ihren freundlichen Wirten gute Nacht oder vielmehr guten Morgen gesagt hatten, stand fest.

Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Thür begleitet, und sie standen auf der Landstraße, wo der Doktor seinen Einspänner bereits wartend fand. Sie vernahmen noch, wie der Hausherr drinnen den Schlüssel im Schloß umdrehte, und niemand hinderte sie jetzt mehr, ihren Stimmungen, Gefühlen und Ansichten die Thüren weit aufzuwerfen.

Der Erste, der das Wort ergriff, war natürlich der Doktor, und er rief von seinem Wagentritt aus:

»Nicht wahr, da hab' ich euch wieder mal einen tollen Gesellen ins Dorf geschleift? He, ihr hattet wohl kaum eine Ahnung davon, daß es dergleichen auf Erden geben könne, — was? Mir gefällt der Kerl ausnehmend wohl, und ich freue mich unbändig auf eine fernere und genauere Bekanntschaft, — zu Worte wird er einen im Laufe der Zeit ja auch wohl einmal kommen lassen. Wir laden ihn natürlich rund herum der Reihe nach zum Essen ein.«

»Natürlich, und er soll sich dann auch über uns wundern,« rief Ulebeule, und der Doktor fuhr ab auf der Landstraße zur Rechten; er hatte ein gut Stück Weges zu fahren, ehe er seine Behausung erreichte.

Die beiden anderen wendeten sich links, und der geistliche Herr trug vorsichtig seine Taschenlaterne voran. Wo ihre Wege aber schieden, standen sie noch einmal still und sahen nach der Apotheke »zum wilden Mann« zurück. Das Haus lag dunkel da unter dem wieder dunkel und schnell ziehenden Gewölk. Obgleich der Wind sich ein wenig gelegt hatte und die Sterne sichtbar waren, trieb sich noch genug bedrohliches Gedünst am Himmelsgewölbe um, unddie Pappeln in der Nähe der Apotheke schwankten wie betrunkene Gespenster.

»Mir wird jenes Haus dort nie wieder so aussehen, wie ich es bis zum heutigen Abend gekannt habe,« sagte der Pastor. »Was sagen Sie, lieber Freund?«

»Das weiß der Teufel!«

Der geistliche Herr zog ein wenig die Achseln zusammen.

»Sie sollten dieses böse Wort vorsichtiger gebrauchen, Bester,« meinte er. »Freilich, freilich, nach dem, was wir eben vernommen haben — wer kann da sagen — wer da seine Hand im Spiele gehabt hat? Ich lobe mir Zustände, die auf besseren Grund und Boden gebaut sind als — — kurz, was halten Sie vom heutigen Abend an von den Umständen unseres Freundes Kristeller?«

»Der Alte ist mir lieber denn je geworden!« rief der Förster voll Enthusiasmus. »Das nenn' ich einen braven Mann und einen guten Menschen! Wenn einer es verdiente, diesem famosen Scharfrichter und brasilianischen Generalfeldmarschall zur richtigen Stunde auf seinem Wege zu begegnen, so war's unser Philipp. Die Welt oder nur ein Stück davon würde er freilich nicht erobert haben, aber was man ihm giebt, das nimmt er mit Bescheidenheit und Dankbarkeit, und für unsere Gegend ist er doch wirklich diese dreißig Jahre durch ein Segen gewesen.«

»Und der andere — dieser andere — dieser Dom — Dom — Agonista?!«

»Hören Sie, Pastore, den muß man sich erst bei Tage besehen, ehe man ein Urteil über ihn abgeben kann; bei Lampenlicht geht nichts in der ganzen weiten Welt über ihn! das ist ein Prachtkerl; — wahrhaftig, solch ein Gesell aus Schmiedeeisen und Eichenholz rückt einem nicht alle Tage an den Ellenbogen. Was wollen Sie — ich glaube, ich glaube, mich hat lange nichts so sehr geärgert, als daß er mir nicht auf der Stelle angetragen hat, Brüderschaft mit ihm zu machen.«

»Da bin ich denn doch in der That ein wenig weichlicher als Sie, lieber Ulebeule,« sagte der Pastor mit einem leisen Schauder. »Mir ist dieser plötzlich wie aus dem Boden aufgestiegene Mensch entsetzlich! Die Kaltblütigkeit, mit welcher er aus nichts in seinem Leben ein Hehl machte, griff mir in alle Nerven. Wenn ich zu viel Punsch getrunken haben sollte, so bin ich nicht schuld daran, sondern dieser — dieser — dieser ungewöhnliche Erzähler. Wehren Sie sich einmal gegen ein fortwährend Einschänken, wenn es Sie fortwährend heiß und kalt überläuft! Hatten Sie wirklich vorher eine Ahnung davon, daß es solche Lebenswege und Fata in unseres Herrgotts Welt geben könne?«

»In Büchern habe ich Schnurrioseres gelesen; aber hier hatten wir freilich einmal das Wirkliche und Wahrhaftigein natura. Heiß und kalt hat mich seine Historie nicht gemacht, aber die Pfeife ist mir ziemlich oft darüber ausgegangen. Käme einem jeden Abend ein solcher Kerl über den Hals, so würde einem das Schmauchen auf die allernatürlichste Art abgewöhnt. Außerdem daß ich einen brasilianischen Obersten noch niemals mit eigenen Augen gesehen hatte, erzählte dieser Oberst mehr als brasilianisch gut, und noch dazu ganz und gar nicht aus dem Jäger-Lateinischen. Das muß ich kennen und hätte es ihm beim ersten Flunkerwort abgespürt und es ihm merken lassen, nämlich moralisch mit dem Hirschfänger übers Gesäß: Hoho, das ist für den gnädigsten Fürsten und Herrn! Hoho, das ist für die Ritter und Knecht'! Dies ist das edle Jägerrecht!«

»Ulebeule?!« rief der Pastor klagend-vorwurfsvoll.

»Ja, ja, es ist wahr, 's ist spät und es zieht hier arg,« rief der Förster, »aber die Mohrenschiffgeschichte allein hätte doch auf jedem Orgelbilde abgemalt werden können; — bei allem in Grün, man kommt sich ganz abgeschmackt und verrucht verledert und in seinem Loche versumpft vor, wenn man es sich überlegt, was man seinerseits hier am Ortevor sich brachte an Erfahrung, während der sein Gewölle um so viele Nester herum ablegte.«

»Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich hier im Frieden grau werden ließ. Meine Natur hätte nicht für ein solches Dasein gepaßt.«

»Das brauchen Sie mir nicht schriftlich zu geben,« lachte der Förster; »aber hat uns nicht gerade dieses kuriose, ins Kraut geschossene Menschenkind bewiesen, daß niemand weiß, was in ihm steckt und was er unter Umständen aus sich herausziehen kann? O je, wie oft hab' ich in meinen jungen Jahren aus Angst oder Verdruß in die weite Welt hinauslaufen wollen! Nach einem solchen Erzählungsabend begreift man weniger als je, weshalb man es damals nicht ausführte und seinen Schulmeistern, Eltern und sonstigen Vorgesetzten durch die Lappen ging.«

»Wir werden alle unsere Wege richtig geführt und sind in guten Händen,« sprach der geistliche Hirte und trat leider gerade in diesem ganz unpassenden Moment in eine etwas tiefere Pfütze, in der er ohne Gnade hätte umkommen müssen, wenn sein handfester Begleiter nicht noch gerade zu rechter Zeit zugegriffen hätte.

»Bitte ein andermal um denselben Dienst,« sprach Ulebeule gravitätisch; sonst aber brachte dieser Zufall ihr jetziges Gespräch über das Haus Kristeller und den Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieobersten Dom Agostin Agonista zu einem Abschluß.

Einiges wurde jedoch noch gesprochen, ehe der Pastor geradeaus seiner Pfarre zuwanderte und der Förster sich links in den dunkeln Hohlweg schlug, der zu seiner Försterei führte.

»Wir sehen uns doch morgen? Dieses alles kann doch gewiß nicht passiert sein, ohne daß man ein weniges mehr davon sieht und hört und sich darüber ausspricht!«

»Man fühlt freilich das Bedürfnis,« meinte der Pastor, »und ich meine, wir treffen wohl irgendwo zusammen.Man ist es auch unserm guten Apotheker schuldig, daß man sich nach seinem Befinden erkundige.«

»Und dem Oberst nicht weniger.«

»Gewiß, gewiß. Nun, wir werden ja sehen. Und nun gute Nacht, oder vielmehr guten Morgen, mein teurer Freund. Wir sind selten so lange bei einander geblieben als am heutigen Abend.«

»Und immer war's noch zu früh zum Aufbruch, und ich wäre sofort bereit, diesen wilden Indianer mit der ersten Dämmerung thauschlägig zu spüren. Aber der Kerl schnarcht — ich bin fest überzeugt, er liegt im Bau und schnarcht wie kein zweiter Mensch mit gutem Gewissen auf zwanzig Meilen in die Runde. Sapperlot, so wie ich mich aufs Ohr gelegt habe, fange ich an, vom Blutstuhl und diesem brasilianischen Landdragoner-General zu träumen, und — morgen — morgen — mache ich — doch Brüderschaft mit ihm!«

So sprach also die Welt! — Wenn eine Million Zuhörer in dem bildervollen Hinterstübchen der Apotheke »zum wilden Mann« dem alten Philipp Kristeller und dem Obersten Agostin Agonista zugehört haben würde, so würde diese Million denkender und redender Wesen kaum ein mehreres und anderes als der Pastor Schönlank und der Förster Ulebeule bemerkt haben. Der Seelenaustausch in diesen Wendungen genügte übrigens auch vollkommen: wenden wir uns zu dem greisen Geschwisterpaar in der Apotheke »zum wilden Mann« und zu seinem eigentümlichen Gaste zurück.

Bruder und Schwester saßen allein im jetzt recht frostig werdenden Hinterstübchen, im erkaltenden Qualm von spirituösem Getränk und Tabaksdampf. Der Gast war zu Bett gegangen.

Der Hausherr hatte den Freund mit dem Lichte in das behagliche Gemach die Treppe hinaufbegleitet und noch einmal all sein überquellendes Gefühl in Wort und Empfindungslaut zusammenzufassen gesucht. Der Oberst hatte ihn freundlich zu beruhigen bestrebt und dann, noch in Gegenwart seines guten Philipp's, sehr gegähnt und den Rock ausgezogen. Liebevoll aber hatte er ihn doch noch einmal von dem ersten Treppenabsatz zurückgerufen und, ihm die Hand auf die Schulter legend, gesagt:

»Philipp, alter Kerl, lieber Junge, es ist mir in der That ein herzliches Genügen, unter deinem Dache zu ruhen. Wahrhaftig, in mancher unbehaglichen, unbequemen Stunde zu Lande und zu Wasser habe ich mir da, d. h. unter diesem Dache, oft das vorzüglichste Quartier zurecht gemacht, und jetzt hab' ich die Wirklichkeit, und sie ist wunderbar wohlthuend!«

An diesen erfreulichen Ausbruch seiner Gefühle hatte er denn freilich recht praktisch die Frage nach dem Stiefelknecht geknüpft.

Während der Bruder dem Gaste zu seinem Schlafzimmer leuchtete, war Fräulein Dorette in der Bildergalerie sitzen geblieben, doch hatte sie den Ehrensessel aufgegeben und sich auf ihrem gewohnten Stuhle niedergesetzt. Da saß sie, beide Ellenbogen auf den Tisch stützend und starr durch den Qualm, den die Herren hinterlassen hatten, und über die leere Punschschale und die gleichfalls leeren Gläser weg auf die buntbehängte Wand gegenüber sehend. Da saß sie und horchte auf die Schritte über ihrem Kopfe unddann auf die Schritte des zurückkehrenden Bruders auf der Treppe.

»Welch ein Erlebnis!« murmelte sie. »Wie fällt das jetzt in unsere Tage? — So spät im Leben! — Und was werden die Folgen sein? — o, o, o!«

Nun aber trat der Bruder wieder ein und zur Schwester heran. Nun legte er seinerseits ihr die Hand auf die Schulter:

»Weißt du dich auch noch nicht in dem Glück, das uns dieser Abend gebracht hat, zurecht zu finden? O Dorette, liebe Dorette, wie schön hat sich nun alles ineinander gefunden und geschlossen, — und gerade an diesem Tage, an diesem Abend. Wer glaubt da an Zufall? Wer hat jemals deutlicher als wir die Hand der Vorsehung, die alles gut macht, in seinem Lebenslose erblickt?«

»O!« stöhnte die Schwester. »Ach, Bruder, Bruder, was wird nun aus unserm Leben werden? — O, wenn er doch nur früher gekommen wäre! Aber so spät am Abend — so spät am Abend — was sollen wir anfangen?«

Herr Philipp Kristeller hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen und blickte die Schwester groß und verwundert an.

»Was — wie meinst du das, Dorothea?«

»Jetzt frage mich nur nicht weiter,« sagte das alte Fräulein scharf. »Es wird sich ja alles finden — morgen, übermorgen! Ja morgen ist ja auch ein Tag! — Aber man kann es ja nicht lassen. — Bester Bruder, wenn er nun bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Man muß sich ja da alle möglichen Fragen stellen.«

»Wenn er bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Aber das wäre ja herrlich!« rief der Apotheker, entzückt sich die Hände reibend. »Wie weich und angenehm wollten wir ihm sein Leben machen!«

Verwundert sah er hin, als das Fräulein zweifelnd und melancholisch den Kopf schüttelte.

»Du glaubst nicht, daß wir das vermöchten, Dorothea?«

»Nein,« erwiderte das Fräulein kurz und sprach unter einem schweren Seufzer mehr zu sich als dem Bruder:

»Und dann der andere Fall, — wenn er morgen wieder abreisen will, und dazu —«

Sie brach ab und vollendete den Satz auch nicht, als der Bruder gespannt eifrig fragte:

»Und dazu? — was meinst du? was willst du sagen?«

»Wir müssen es eben abwarten,« sprach Fräulein Dorothea Kristeller aufstehend. »Etwas anderes läßt sich in dieser Nacht doch nicht bereden; und jetzt wollen auch wir zu Bett gehen und versuchen zu schlafen.«

Nach diesem saßen sie doch noch, aber stumm, eine gute halbe Stunde beieinander. Als sie zu Bette gegangen waren, schlief weder Bruder noch Schwester einen ruhigen Schlaf.

Den ruhigsten Schlaf von allen, deren Bekanntschaft wir diesmal machten, schlief der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista.

Der lag friedlich auf dem Rücken und lächelte im Schlummer und sogar beim Schnarchen. Man vernahm ihn so ziemlich durch das ganze Haus, und wenn er träumte, so träumte er, ganz gegen alle soldatische Sitte und Gewohnheit, weit in den jungen Tag hinein.

Dieser junge Tag kam frisch, reingewaschen, glänzend und sonnig — ein klarster, kalter Oktobertag. Die Berge in ihrem braunen Herbstgewande hoben sich scharf von dem hellblauen Himmelsgewölbe ab; die leeren Felder der Ebene lagen bis in die weiteste Ferne klar da; und die Dörfer, die einzelnen Gehöfte, Anbauerhäuser und Hütten erschienen dem Auge scharf umzogen, als ob sie dem Spiegel einerCamera obscuraentnommen worden und in die Morgenlandschaft hinein aufgestellt seien.

In dieser sonnigklaren Herbstmorgenlandschaft erschien aber die Apotheke »zum wilden Mann« vor allem Übrigenwie hübsch auf- und abgeputzt. Die Firma über der Thür glänzte in ihrer Goldschrift weit hin, die Landstraße nach rechts und links entlang. Und alles, was sonst zu dem Hause gehörte: Gartengegitter, Stallungen und Mauern, befand sich im ordentlichsten Zustande. Man sah, daß um jegliches Zubehör dieses Heimwesens ein sorglicher Geist walte, der seine Freude und sein Genügen dran habe und sein Möglichstes von Tag zu Tage thue, alles im Hof, Haus und Garten im guten Stande zu erhalten. Bis auf die vom Sturme der Nacht zerzausten Sonnenblumen, die noch in ihren welken Resten über den Gartenzaun hingen, war alles rings um die Apotheke »zum wilden Mann« im vollsten Sinne des schönen Wortes — präsentabel.

Und Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast. Eben hatte er herunter sagen lassen: augenblicklich rasiere er sich und werde in zehn Minuten erscheinen.

Die Dünste der Nacht waren verscheucht, das Hinterstübchen gekehrt und mit weißem Sande bestreut. Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische, und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer; — es war ein Vergnügen, Herrn und Fräulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu sehen, und — eingeladen zu werden, gleichfalls daran Platz zu nehmen.

Der Oberst ließ nur wenig über die angegebenen zehn Minuten auf sich warten. Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der Treppe; — der Apotheker Philipp Kristeller riß die Thür seines Lieblingsgemaches auf.

»Schönen guten Morgen!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der Schwelle, und Wirte und Gast faßten sich rasch zum erstenmal bei hellem Tageslicht ins Auge: am schärfsten sah das Fräulein zu; etwas weniger scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an; — der Apotheker »zum wilden Mann« sah gar nichts, seinGast und Freund schwamm ihm vor den Augen — wenigstens die ersten Minuten durch.

»Recht alt geworden,« meinte der Oberst bei sich, und er hatte recht.

»Unter anderen Verhältnissen würde ich gar nichts gegen ihn haben,« sagte das Fräulein in der Tiefe der Seele, »ein anständiger, behäbiger Herr!«

Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts; er schüttelte von neuem dem alten wiedergefundenen Freunde — dem Wohlthäter und Gaste die Hand und drückte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den Ehrenplatz nieder. Erst als der Oberst saß, sagte Herr Philipp etwas, und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele, sondern er rief es fröhlich und laut:

»August, ich freue mich unendlich, — du bist merkwürdig jung geblieben!«

»Bei allen Göttern zu Wasser und zu Lande, ich hoffe das,« lachte der Oberst Dom Agostin, und es war eine Wahrheit: trotz seiner schneeweißen Haare und seiner wohlgezählten Jahre war er sehr jung geblieben; aber das jüngste an ihm war doch seine Stimme.

Diese allein schon konnte als eine Merkwürdigkeit gelten. Mit einem behaglichen Widerhall erfüllte sie das Haus, ging einem voll und rund durch die Ohren ins Herz und paßte sich gemütlich, ja sozusagen, tröstlich-fröhlich allem und jeglichem an, was die Stunde im Guten und im Bösen bringen mochte. Wer sie von fern vernahm und vorzüglich in Verbindung mit dem herzlichen Lachen ihres Besitzers, der sagte sich unbedingt:

»Da freut sich ein braver Gesell seines Daseins.«

Der Oberst schüttelte nun noch einmal dem Fräulein die Hand und sprach zum Apotheker:

»Ich habe euch heute morgen das Recht gegeben, mich für einen Langschläfer zu halten, aber ihr werdet wahrscheinlich morgen früh schon eines Besseren belehrt werden. Gewöhnlichpflege ich drei Stunden vor Sonnenaufgang auf dem Marsche zu sein. Man lernt das, auch ohne Anlagen dazu zu haben, unterm Äquator; und wenn ihr eines morgens das Nest ganz leer finden solltet, so braucht ihr euch auch nicht allzu sehr zu wundern.«

»O, Freund,« rief der Apotheker, »wir werden dich zu halten wissen! wir werden dich sicherlich fürs erste nicht loslassen! Du bist unser! Du darfst nicht gehen, wie du gekommen bist — du würdest für lange Zeit alle unsere Freude, unser Behagen mit dir wegführen!«

»Hm,« sagte der Oberst, und dann frühstückten sie gemächlich und der alte Soldat mit besonders ausgezeichnetem Appetit. Er zeigte auch beneidenswert wohl konservierte Zähne und wußte sie trefflich zu gebrauchen.

Nach vollendetem Frühstück lehnte er sich behaglich seufzend zurück und setzte seine Pfeife in Brand. Dorette ging ihren Hausgeschäften nach, und die beiden Herren waren allein. Sie plauderten jetzt — sie konnten jetzt plaudern — der Ernst in ihren gegenseitigen Verknüpfungen war wenigstens für den Moment überwunden; sie hatten die nötige Ruhe zum harmlosen Schwatzen gefunden, und sie schwatzten miteinander — zwei gemütliche ältliche Herren, deren einer etwas mehr von der Welt gesehen und sich bedeutend besser erhalten hatte, als es dem anderen vergönnt gewesen war.

Der Brasilianer freute sich über die deutschen Stubenfliegen, welche ihm um die Nase summten; es war ihm auch durchaus nicht zu verdenken; aber die Thatsache verdient, in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden.


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