IV.

IV.

Die neue Lehre oder Weltanschauung nun wird, wie wir bereits hervorhoben, auf ein effektives Erfassen des Weltproblems und eines höchsten Zieles, wie eine kritische Philosophie und echte Wissenschaft sie uns betrachten lehrt, gerichtet sein müssen, ein Erfassen, aus dem dann von selbst Pflichten und Antriebe für den handelnden Menschen sich ergeben werden.

Aus dieser Bestimmung geht hervor, daß die neue Lehre nicht im Begriffe der Moral aufgehen kann, in welcher so Manche ein Aequivalent für die Religion erblicken, während wir eine Erhöhung und Vervollkommnung der Moral vielmehr nur als eine der Wirkungen betrachten, welche die neue Weltanschauung hervorbringen muß.

Für Andere haben die bekannten VerseGoethe's, nach welchen, wer Wissenschaft und Kunst besitzt, keiner Religion bedarf, wer jene beiden nicht besitzt, Religion haben müsse, etwas Bestechendes. Diesem berühmten Ausspruche zufolge ist also die Beschäftigung mit Kunst oder Wissenschaft in ihrer Allgemeinheit ein volles Aequivalent für die Religion. Eine tiefere Erwägung jedoch ergiebt, daß keine jener beiden Sphären in ihrer Allgemeinheit dieseLeistung zu vollbringen vermag. Was die Wissenschaft betrifft, so kommen für unser Problem vielmehr nur jene ihrer Ergebnisse in Betracht, welche sich auf die höchsten Weltfragen beziehen, während die Kunst und zwar hauptsächlich die Poesie hier nur insofern eine Rolle spielt, als sie jenen höchsten Gedanken einen idealen Ausdruck verleiht. Im Begriffe der Kunst liegt in seiner Allgemeinheit ja nur eine formale Bestimmung, während die Art des Inhaltes völlig dahingestellt bleibt; unser Problem erfordert aber einen sehr bestimmten, höchsten Gedankengehalt.

Es fehlt nun nicht an Versuchen, eine neue Welt- und Lebensanschauung an Stelle der Religion zu setzen, Versuche, welche sich hauptsächlich an die NamenComte,Feuerbach,Dühring,Duboc,NietzscheundSalterknüpfen, welch' letzterer allerdings vornehmlich Ethiker ist, und zwar einer der ausgezeichnetsten Ethiker, die wir kennen. Wir haben die Ausführungen jener Philosophen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« einer kritischen Würdigung unterzogen. Wie viel Bedeutendes und Beherzigenswerthes wir bei jenen Denkern auch fanden, so konnten wir doch keinem unsere volle Beistimmung geben. Wir würden die negative Seite des in jener Schrift gewonnenen Ergebnisses heute noch schärfer betonen als damals, weil wir unsere eigene Stellung zu dem Problem in mancher Beziehung einer Correctur zu unterwerfen hatten. Doch kann es nicht unsere Absicht sein, unsere Kritik jener Versuche hier einer Revision zu unterziehen. Diese wird sich durch nähere Darlegung unserereigenen Anschauungen über den Inhalt dessen, was wir im Gegensatze zur Religion als neue Lehre bezeichnen möchten, von selbst ergeben. Wir wiederholen jedoch, daß wir keineswegs der Meinung sind, etwas absolut Richtiges oder Allgemeingültiges zu sagen, wir geben vielmehr nur unserer persönlichen Anschauung Ausdruck, hoffen jedoch in Anderen verwandte Saiten zu berühren.

Wie also vermögen wir durch Erkenntniß geleitet – sei dieselbe nun positiv oder negativ – zu einer Idee des Weltgrundes und eines höchsten Zieles zu gelangen, welche, indem sie unser Leben und Streben mit etwas uns Ueberragendem verbindet, als Grundlage erhebender und begeisternder Gefühle zu dienen vermag? Diese Gefühle aber werden keine anderen sein, als die der tiefsten Ehrfurcht vor dem Weltgrunde, der höchsten Hoffnung auf ein Welt- oder doch Menschenziel.

Durch welche Erkenntniß aber wird zunächst der Weltgrund für uns zum Gegenstande der tiefsten Ehrfurcht? Allein durch die Erkenntniß, daß eine Charakterisirung desselben oder der letzten und höchsten Dinge unserer Beurtheilung sich entzieht, daß die Welt für unsere geistige Organisation ein unlösbares Räthsel, ein unergründlichesMysterium ist.

Unsere Erfahrung, so lehrt die kritische Philosophie und eine ihre Lehre bekräftigende Naturforschung, erschöpft den Weltinhalt nicht. Unsere Vorstellungen decken sich nicht mit dem realen Sein, die Armuth und Beschränktheit unserer Sinne, die Unzulänglichkeit unseres Verstandes vermag uns nur ein völlig subjektives und unvollkommenesBild der Welt zu bieten, und jeder Schluß, der von unserer Vorstellungswelt auf das reale Sein gezogen wird, erweist sich als trügerisch, denn es liegt, so wie wir beschaffen sind, nicht in unserer Macht, die Schranken zu durchbrechen, welche uns von der Erkenntniß der Welt trennen. – Ebensowenig wie die Außenwelt, erkennen wir uns selbst, denn auch die psychischen Phänomene sind eben nur Phänomene. Doch was ist ihr tiefstes Wesen? was sind sie selbst? Wir können keine Antwort finden. Ein Räthsel ist die Welt, ein Räthsel sind wir selbst, ein Räthsel ist das Leben, ein Räthsel der Tod. Lassen wir voreilige Metaphysiker in dem Glauben, die Weltformel gefunden und der Weisheit letzten Schluß gezogen zu haben.UnsererWeisheit letzter Schluß sei der, daß die letzten Dinge unergründlich für uns sind, daß wir von Räthseln umgeben inmitten eines Mysteriums leben, wir selbst ein Mysterium. Durch diese Einsicht aber beweisen wir den höchsten Fragen gegenüber eine tiefere Ehrfurcht, nicht nur als die Metaphysiker, sondern auch als die Religiösen, welche den Weltgrund als etwas ihnen Bekanntes erfassen.

Wir leugnen nun nicht, daß das Bewußtsein, eine Ergründung des Weltwesens sei uns versagt, auch ein Gefühl in uns erwecken kann, welches wahre Ehrfurcht ausschließt, nämlich das eines dumpfen Schmerzes, ein Gefühl, als wären wir in einen Kerker gebannt, von dem aus wir uns vergebens nach dem Lichte sehnen, an dessen ehernen Wänden all unsere Versuche scheitern, der Wahrheit näher zu kommen. Auch dieses Gefühl ist berechtigt, und in manchen Gemüthern mag es das vorherrschendesein. Andere aber wird es nur flüchtig berühren, während die edlere Empfindung des ehrfurchtvollen Erfassens des Weltgeheimnisses ihnen homogener ist. Es mögen ja, namentlich in unseren Tagen, nur Wenige dieser Vertiefung fähig sein; unsere Zeit ist arm an Ehrfurchtsmenschen und das schöne SelbstbekenntnißGoethe's: »Mein Gemüth war von Natur zur Ehrerbietung geneigt und es gehörte eine große Erschütterung dazu, um meinen Glauben an irgend ein Ehrwürdiges wanken zu machen«, dürfte nur von Wenigen in seiner Tiefe erfaßt werden können. Einzelne aber werden der ehrfurchtsvollen Versenkung in das Weltproblem dennoch fähig sein, und der wahrhaft philosophische Geist, welcher zugleich die Kraft der Phantasie besitzt, gewonnene Denkergebnisse in das lebendige Gefühl aufzunehmen, wird immer wieder von diesem Gefühle erfaßt werden. Denn immer wieder wird das Verlangen sich bei ihm regen, von dem Gegebenen, in welchem der gemeine Sinn befangen bleibt, zu dem Gedanken des Mysteriums sich zu erheben, oder die Dinge im Zusammenhange damit zu betrachten, wodurch ihre Bedeutung eine wunderbare Vertiefung erfährt. In den Momenten der höchsten Steigerung aber wird dieser Affekt der Ehrfurcht in der Form eines inneren Erbebens auftreten, indem der Geist, die gegebene Welt der Erscheinungen verlassend, hinabtaucht in die Räthsel des Daseins. Und dieser Affekt hat eine kathartische Wirkung, denn er bedeutet die Abwendung von der Unzulänglichkeit, Beschränktheit und Vergänglichkeit der gegebenen Welt, von den Dissonanzen und der dualistischen Zerrissenheit des Lebens, soweit wir dasselbe erkennen und begreifen. Richten wir das Auge ausschließlich auf das Gegebene, so gelangen wir leicht zu einer pessimistischen Verurtheilung des Seins überhaupt. Davor kann nur das Bewußtsein uns schützen, daß der tiefste Sinn des Seins und seine eigentliche Bedeutung uns verschlossen ist und keinerlei Beurtheilung desselben uns zusteht.

Wir verwahren uns gegen eine Verwechselung des Gedankens, die Welt als Mysterium zu verehren, mit dem, in die Unermeßlichkeit des Weltalls und die Unübersehbarkeit des Weltprozesses sich zu versenken. Bleiben wir hierbei doch innerhalb der Welt der Erscheinungen, während wir durch die Erfassung des Weltgrundes als eines undurchdringlichen Geheimnisses über die Phänomenalität uns erheben. Wenn wir ferner innerhalb der Erscheinungswelt verharren, so ist die Gesammtheit der Dinge, trotz ihrer Unfaßbarkeit doch um nichts wunderbarer, als ein scheinbar verschwindendes Einzelding, die kosmische Harmonie um nichts wunderbarer, als die Harmonie der Theile eines Kunstwerkes, und es ist immer das Zeichen eines gröberen Sinnes, durch bloße Quantitätsverhältnisse sich blenden zu lassen.

Geziemt es dem Menschen, seiner geistigen Organisation gemäß, das Weltgeheimniß ehrfurchtsvoll zu erfassen, so wäre es doch der vollkommenere Zustand, wenn eine Erkenntniß der letzten Dinge für ihn erreichbar wäre, wenn sein Denken mit dem Sein sich zu decken, sein Verstand den Weltinhalt zu erfassen, die Kraft zu begreifen vermöchte,welche in der geistigen wie in der materiellen Welt sich offenbart.

Wäre es aber undenkbar, daß latente Kräfte im Menschen schlummern, deren Erwachen und schrittweise Entwickelung – wenn auch nimmermehr den Menschen der Gegenwart oder einer nahen Zukunft, so doch den einer ferneren Zukunft – auf jene höhere Stufe emporzuheben vermöchten? Sollte in der Menschheit nicht die Fähigkeit liegen, aus ihrem Zustande der Unvollkommenheit, der Halbheit, aus dem Dualismus, in welchem selbst ihre edelsten Geister befangen bleiben, einst herauszutreten? Sollte es nicht im Bereiche der Möglichkeit liegen, daß nicht nur die idealen Kräfte, welche die Menschheit bisher gezeigt hat, einer gewaltigen Steigerung fähig wären, sondern daß auch neue, unbekannte Potenzen dereinst in ihr zu Tage treten, welche schließlich eine Verwandlung des Weltbildes und mit dieser höchst wahrscheinlich den Wegfall von tausend Unvollkommenheiten der Natur herbeiführen würden, welche der menschliche Wille nie würde überwinden können, die aber zuletzt doch nur in unserer mangelhaften subjektiven Vorstellungsweise begründet sind? Denn eben durch die reichere und vollkommenere Gestaltung des Weltbildes in dem höher organisirten vorstellenden Geiste würde die Erkenntniß des Weltinhaltes vermittelt werden. Bietet die Wissenschaft nun irgend welche Stütze für die Annahme, die Menschheit könnte berufen sein, zunächst auf dem Wege bewußter Vervollkommnung, später aber durch das Erwachen neuer geistiger Kräfte, einem Ziele entgegenzugehen – unter welchem kein Millenium, keinZukunftsparadies, und was der kindlichen Träumereien mehr sind, zu denken ist – einem Ziele, welches den Sieg bedeutet, den Sieg der höheren Seite der Natur über die niedere, ja eine Durchbrechung der Schranken, in welche die menschliche Erkenntnißkraft jetzt noch gebannt ist, durch die Entwickelung höherer geistiger Organe, wenn auch dieses Ziel an sich noch kein letztes wäre?

Es giebt mattherzige Naturen, für welche der Gedanke des Fortschrittes, wenn sie sich schon nicht skeptisch zu demselben verhalten, doch nichts Anregendes, nichts Erwärmendes hat; es giebt wieder andere, welche lebhaft an demselben festhalten, jedoch mit gewissen Verbesserungen der menschlichen Gesellschaft, insbesondere mit einer Versittlichung derselben sich zufrieden geben würden; endlich aber können wir uns auch so beschaffene Geister vorstellen, welche der Menschheit und ihrer Entwickelung nur dann Werth beimessen würden, wenn es irgend welche Anzeichen gäbe, daß dieselbe zum Siege, zur höchsten Erkenntniß, d. h. zum Uebergange in eine höhere Ordnung – von dessen Bewerkstelligung wir uns freilich keine Vorstellung bilden können – berufen sei. Und ist der Gedanke eines Zieles, eines Abschlusses und, wenn auch nur eines vorläufigen, nicht ein Bedürfniß des menschlichen Geistes? Ist es nicht ein Bedürfniß desselben einüber alles Gegebene hinausreichendes Zielüber sich zu sehen? So lange wir den Menschen als ein Wesen betrachten, welches niemals höhere Kräfte, als die von ihm bisher bekundeten, offenbaren wird,so giebt es in der That kein Ziel für ihn; ein solches stellt erst dann sich ein, wenn wir die Möglichkeit einer Erhebungder Menschheit zu einer höheren Organisationsstufe ins Auge fassen, wenn auch dieses Ziel an und für sich noch kein letztes und höchstes wäre. Für den Menschen aber müßte es ein Gegenstand der höchsten Hoffnung, des höchsten Vertrauens sein.

Bietet die Wissenschaft irgend eine Stütze dafür, daß der Mensch dieser Hoffnung sich ergebe?

In der That scheint in der Darwin'schen Evolutionslehre eine Stütze dafür geboten zu sein. Diese Lehre ist keine Gewißheit, wohl aber eine Hypothese von höchster Wahrscheinlichkeit, die in den verschiedensten Wissenschaften unentbehrlich geworden ist. Nur Wenige, die in sie eingedrungen sind und nicht von ihr bekehrt worden wären, so groß ist die Kraft der Ueberzeugung, die von ihr ausgeht. Das Höhere hat sich nach ihr aus dem Niederen entwickelt. Der Mensch ist auf dem Wege langsamen Fortschrittes aus der niederen thierischen Stufe hervorgegangen. Zugleich aber ist mit ihm ein Wendepunkt im organischen Leben der Erde eingetreten, denn sein Auftreten bezeichnete die Möglichkeit einer unermeßlichen Bewußtseinssteigerung und geistigen Fortschrittsfähigkeit bei Beibehaltung derselben physischen Lebensform, weshalb auch mit Recht angenommen werden darf, daß ein etwaiger Fortschritt über den Menschen hinaus nur durch geistige Vervollkommnung, durch die Weckung und die Entwickelung bis jetzt unbekannter oder doch kaum angedeuteter psychischer Organe erfolgen, daß einegeistige Organisationssteigerung unabhängig von einer physischeneintreten könne.Darwinund die Mehrzahl seiner Anhänger machen beim Menschen,in seiner jetzigen höchsten Entwickelung, Halt, als ob mit ihm der Höhepunkt des organischen Fortschrittes der Erde erreicht wäre. Doch deutet die ungeheure Fortschrittsfähigkeit des Menschen, sein gewaltiges Ringen und Streben nicht darauf hin, daß er über sich selbst hinaus will? Entspricht dem Fortschrittsgesetze die Annahme nicht mehr, daß die Menschheit berufen sei, in einen höheren Typus einzumünden, bei welchem ihr ideales Wollen in ein erhabenes Können sich verwandeln würde, und daß die aufsteigende organische Entwickelung erst in Wesen gipfle, bei welchen Denken und Sein sich decken und die Vernunft Herrscherin geworden ist?

In Deutschland hat der Gedanke einer biologischen Organisationssteigerung über den Menschen hinaus seinen beredtesten Vertreter inCarl du Prel. In seinem Hauptwerke »Philosophie der Mystik«[11]weist der geistvolle Forscher auf die Unvollkommenheit hin, mit welcher die Entwickelungslehre den Menschen betrachtet, indem sie in Bezug auf ihn nur eine ihrer Folgerungen gezogen hat. Wenn aber bei jedem höhern Gliede der organischen Entwickelung zwei Seiten in Betracht kommen, nämlich erstens eine Seite, welche auf die biologische Vergangenheit zurückweist, sodann aber auch eine andere, welche gleichsam prophetisch auf die kommende Entwickelung hindeutet, so müsse auch der Mensch unter diesem doppelten Gesichtspunkte betrachtet werden. »Wenn wir die Entwickelungslehre nicht als den Mohr betrachten wollen«, sagt derVerfasser, »der seine Schuldigkeit gethan, nachdem er uns bis zum Menschen geführt, wenn wir logisch sein wollen, so müssen wir auch den Menschen unter diesen Gesichtspunkt stellen. Der Darwinismus hat einen retrospektiven Blick auf die Entwickelungsgeschichte des irdischen Lebens geworfen, giebt sich aber keine Mühe, in der Menschennatur diejenigen Ansätze zu entdecken, welche prophetisch sind und bei demderzeitigenEndgliede der Entwickelung so gut vorhanden sein müssen, wie bei jedem früheren. Wie einem jeden Naturprodukte sowohl die Rudimente der Vergangenheit, als auch die Ansätze künftiger Entwickelung ankleben, so muß auch der Mensch sein Janus-Gesicht haben.« Die Ansätze einer höheren psychischen Entwickelung des Menschen – denn nur auf psychischem Gebiete wird, wie schon früher bemerkt, die höhere Entwickelung erfolgen – würden aber doch selbst ein Entwickelungsprodukt sein und zwar offenbar ein zeitlich späteres, als die übrigen Geisteskräfte des Menschen. Folgt daraus nicht, daß jene Ansätze und Keime einer höheren Organisationsstufe keineswegs zur Zeit schon im Menschen sich bemerkbar zu machen brauchen, sondern möglicherweise erst in Zukunft sich ankündigen werden?Du Prelaber betrachtet es, wie aus jenen Sätzen hervorgeht, als selbstverständlich, daß jene Symptome zur Zeit schon müssen bemerkbar sein. Deshalb durchforscht er das menschliche Seelenleben. Nun ist es gewiß ein richtiger Gedanke, daß jene Symptome nur in abnormen seelischen Zuständen könnten gefunden werden. Solche sind die Erscheinungen des Somnambulismus, der Wahrträume, des doppeltenGesichtes, des Gedankenlesens u. a., die wir insgesammt als visionäre Phänomene bezeichnen können. Diese aber verdienen auch dann ernste Beachtung, wenn man sich gegen den Spiritismus durchaus ablehnend verhält und demselben keine reale Bedeutung beimißt. Das Eigenthümliche bei all jenen Erscheinungen besteht darin, daß gleichsam durch andere Organe als die normalen, über Zeit und Raum hinausgehend, Wahrnehmungen gemacht oder Wirkungen erzielt werden. Die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt erscheinen dabei theils unmittelbarer, theils mannigfaltiger als im normalen Zustande. Es ist nicht zu leugnen, daß jene abnormen Zustände solche einer geistigen Erhöhung sind und dem Subjekt, wie auch unter Umständen dem Objekt Vortheile gewähren. Wir wollen ferner nicht in Abrede stellen, daß es viel Verlockendes an sich habe, jene Erscheinungen als Symptome einer biologischen Organisationssteigerung zu betrachten. Eine Gewißheit ist jedoch nicht vorhanden, um so weniger, da in jenen Phänomenen doch nur gleichsam eine geistigere Art der Verbindung zwischen Subjekt und Objekt geschaffen wird, nicht aber entweder Wahrnehmungen gemacht oder Wirkungen erzielt werden, die sich innerhalb der subjectiven Anschauungsformen nicht gleichfalls herbeiführen ließen. Noch weniger, als in jenen immerhin auffälligen Erscheinungen mit Sicherheit prophetische Anzeichen zu erblicken, steht das Recht uns zu, darin mehr als höchstens Ansätze einer höheren Entwickelung zu sehen. Obwohldu Prelnun selbst einräumt, daß wir in jenen abnormen Zuständen nur gewissermaßen ein »Wetterleuchten« zu erblicken haben,so zögert er andrerseits nicht, die höchsten Schlüsse aus diesen Beobachtungen zu ziehen, und in ihnen den Schlüssel zur Lösung der schwierigsten Fragen zu erblicken. Aus dem Umstande, daß in jenen visionären Zuständen gleichsam ein zweites, höheres Bewußtsein in uns erwacht, ergiebt sich fürdu Prelsofort, daß der Mensch ein Doppelwesen sei, bestehend aus der empirischen Person, welche im normalen Bewußtsein sich offenbart, und einem transcendentalen Subjekt, welches eben in jenen abnormen Erscheinungen von Zeit zu Zeit hervortritt. Weiter schließt unser Philosoph aus der Kenntniß, welche die Somnambulen in ihren Heilsverordnungen vom menschlichen Körper und den Gesetzen des inneren Lebens verrathen, daß das transcendentale Subjekt das organisirende Prinzip und der Schöpfer der empirischen Person ist. Demnach ist die irdische Verkörperung eine freie That des transcendentalen Subjektes, eine freiwillige Inkarnation zum Zwecke der Läuterung und Vervollkommnung, und nun ist kein weiter Schritt mehr zum Gedanken der Palingenesis, die jedoch beidu Prelin Gestalt eines metaphysischen Darwinismus auflebt, indem die verschiedenen biologischen Entwickelungsstufen als freiwillige Verkörperungen des transcendentalen Subjekts in aufsteigender Linie erscheinen; die biologische Steigerung endlich, welche über den Menschen hinausführt, bedeutet die Befreiung des transcendentalen Subjekts von seiner letzten sinnlichen Verkleidungsform, indem der Zweck unserer individuellen Entwickelung die Vorbereitung des künftigen Typus des planetarischen Menschen ist. – Es würde eine besondere Schrift erfordern, um das Gewebevon Irrthümern, Trugschlüssen und Unklarheiten zu entwirren, welches in dieser Begriffsdichtung enthalten liegt, die, indem sie Schwierigkeiten zu beseitigen glaubt, nur solche schafft. Der ganze Gedankenbau schwebt in der Luft, da sein scheinbares Fundament, der Schluß nämlich, daß in somnambulen und verwandten Zuständen ein transcendentales Subjekt sich offenbare, ein Trugschluß ist, wie die Metaphysik keinen schlimmeren sich zu Schulden kommen ließ, und der nur aufs Neue beweist, wie ohnmächtig der menschliche Geist in seiner jetzigen Beschaffenheit ist, die letzten Dinge zu ergründen.

Währenddu Preldemnach von der Thatsache, daß es abnorme Zustände giebt, eine ganze Theorie ableitet, so betrachten wir es nur alsMöglichkeit, daß jene abnormen Funktionen schon Ansätze höherer psychischer Formen seien;[12]während sich für unseren Philosophen ausjenen Phänomenen die Lösung der schwierigsten Probleme ergiebt, so halten wir esnur nicht für ausgeschlossen, daß eben aus jenen Phänomenen die psychischen Kräfte sich entwickeln können, welche den Zukunftsmenschen oder die höhere Wesensstufe, zu welcher die Menschheit emporsteigen wird, befähigen werden, das Wesen der Erscheinungen zu begreifen. Dann erst würde erkannt werden, was wie allen Erscheinungen, so auch der Persönlichkeit zu Grunde liegt.[13]

Die wesentlichen Gründe aber, weshalb wir eine vertrauensvolle Hingebung an den Gedanken, daß die Menschheit berufen sei, durch Organisationssteigerung zum Siege fortzuschreiten, d. h. zur höchsten Erkenntniß, zur Ueberwindung des Dualismus, in dem sie jetzt befangen ist, zu einer nicht nur wahrhaftigeren, sondern auch reicheren und vollkommenerenWeltanschauung für berechtigt halten – gleichviel ob bereits Ansätze zu diesem höheren Zustande vorhanden sind oder nicht – sind das durch den Darwinismus betonte Gesetz der Entwickelung des Höheren aus dem Niederen und der unbestreitbar gewaltige Vervollkommnungsdrang des Menschen, seine tiefgehende Unzufriedenheit mit allem Geleisteten, seine erhabene Sehnsucht nach einem höheren Daseinszustande.

Ein großer Theil des zu vollziehenden Fortschritts würde allerdings nur durch Vorgänge in der geistigen Organisation des Menschen erfolgen können, welche gänzlich außer dem Bereiche seiner bewußten Anstrengung fallen, wie ja auch schon der Gedanke, welcher im Genius aufleuchtet, und, wenn verkündet, eine allgemeine Bewußtseinssteigerung herbeiführt, frei aus der Tiefe des Geistes aufsteigt. Allein bevor jene höheren Kräfte im Menschen in Wirksamkeit treten würden, bevor sie möglicherweise in Wirksamkeit tretenkönnen, müssen die gewaltigsten bewußten Anstrengungen, sowohl intellektueller als auch moralischer Art vorhergehen, die dann dem höheren Daseinszustande offenbar zu Gute kämen, der Art, daß letzterer nicht nur ein Ziel der Hoffnung, sondern auch in einem gewissen Sinne ein Ziel des Strebens ist. Man darf annehmen, daß die erwiesenen Kräfte des Menschen erst müssen ausgeschöpft werden, bevor neue Kräfte in ihm auftreten können. Solche aber werden ein reicheres, den Weltinhalt umfassendes Wahrnehmungs- und gesteigertes Begriffsvermögen sein, während auch unser ästhetisches und ethisches Bewußtsein für den Zukunftmenschen nicht kann verloren gehen.

Der Gedanke eines Ueberganges des Menschen in eine höhere Ordnung mag den Meisten, obgleich er im Grunde, wie wir schon früher bemerkten, nur der Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses des über alles Gegebene hinausstrebenden menschlichen Geistes ist, als phantastisch und befremdend erscheinen. Doch rührt dies wohl hauptsächlich daher, weil man jenes Ziel zu nahe an unser Entwickelungsniveau heranrückt und nicht bedenkt, daß das letztere mit dem ersteren durch eine unermeßliche Kette von fortschreitenden Bewußtseinssteigerungen und -Erweiterungen, durch eine stete Vermehrung der Beziehungen zwischen Geist und Welt, durch eine immer souveränere Beherrschung der Natur mittelst immer vollkommenerer Erfindungen, durch eine wachsende Freimachung der menschlichen Kräfte, durch eine fortschreitende Verfeinerung unseres Willens, eine Vergeistigung des Lebens, eine unendliche Bereicherung unseres Wissens, eine immer vollkommenere Ausgestaltung ihrer spezifischen moralischen und intellektuellen Vorzüge durch die modernen Kulturvölker und endlich durch dasHervortreten neuer Kräfteim Menschen würde vermittelt werden. Dieser Fortschritt wird nur in Form eines langsamen, mühsamen Prozesses vor sich gehen können,[14]aber der Fortschritt selbst ist unleugbar. Sehr schön bemerktPhilipp Mainländer, wenn auch vom Standpunkte des dogmatischenPessimisten aus, welchem ein dereinstiger freiwilliger Untergang der Menschheit durch ein Erlahmen der Lebenskräfte eine Gewißheit ist: »Wie Sterne stille stehen, ja, rückläufig zu sein scheinen, so scheint auch dem in das Einzelne versunkenen Geist die Menschheit bald stille zu stehen, bald rückläufig. Der Philosoph aber sieht überall nur resultirende Bewegung und zwar eine stetigeVorwärtsbewegungder Menschheit.«[15]

In unserer Aera ist nicht nur der Gedanke des Fortschrittes durch die Evolutionslehre mächtiger, als zu irgend einer anderen Zeit, hervorgetreten, sondern macht der Fortschritt selbst – wie wir den Verkleinerern unserer Zeit, die an Einzelheiten haften bleiben, gegenüber behaupten wollen – in intensiver Weise auf den verschiedensten Gebieten sich bemerkbar, wie unvollkommen das Vorhandene auch immer noch sei.

Da zeigt sich zunächst ein Fortschritt in der Sphäre der Moral. Wie mangelhaft unsere Moral auch noch ist, so ist doch nicht zu bestreiten, daß heute eine höhere Achtung vor dem Menschen besteht, daß die Menschen mehr aneinander denken, und daß die Idee einer gerechten socialen Ordnung in höherem Maße die Geister beschäftigt, als zu einer früheren Zeit. Unser moralisches Ideal ist ein höheres geworden undW. M. Salter[16]weist nach, daß die Sittenlehre Jesu unseren Ansprüchen nicht mehr genügenkönne. Daß aber unser moralisches Ideal ein vollkommeneres geworden ist, ist ein Beweis dafür, daß unsere Moral selbst sich vervollkommnet hat. Eine Verbreitung der Entwickelungstheorie kann ihrerseits nur zur Erhöhung der Moral beitragen, »denn die Erkenntniß der Thatsache der Vererbung geistiger und physischer Eigenschaften, wenn nicht auf Kinder so auf Kindeskinder, der Vererbung, deren Wirkungsbereich wir im einzelnen Falle nie bestimmen können – muß auf eine Erhöhung des Gefühls der Verantwortlichkeit hinwirken, da wir so gewahren, daß die Folgen des guten wie des schlechten Handelns sich noch weiter erstrecken, als wir zuvor geahnt hatten«[17]. Als Zeichen der Zeit muß auch die erfreuliche Erscheinung der Gesellschaften für ethische Cultur in Nord-Amerika begrüßt werden, deren Zahl im Wachsen begriffen ist.

Wir brauchen kaum an den mächtigen Aufschwung der Wissenschaften in den letzten Decennien, an das Aufblühen neuer Wissenszweige und neuer Methoden der Forschung, an die enormen Fortschritte in der technischen Beherrschung und Verwerthung der Naturkräfte, als Beweis für unsere oben ausgesprochene Behauptung, zu erinnern.WennDühring'sAusspruch, daß die Größe unseres Jahrhunderts allein in dessen polytechnischen Errungenschaften zu suchen sei, auch ein einseitiger ist, so weist er doch auf ein Gebiet hin, auf welchem in der That die größten Fortschritte gemacht worden sind. Und doch scheinen wir am Vorabende neuer Entdeckungen und Erfindungen zu stehen, und lassen sich gewisse technische Ergänzungen unserer unvollkommenen körperlichen Organisation wohl jetzt schon vorherbestimmen.[18]

Die Leugner des Fortschrittes sind wohl am leichtesten durch die Thatsache deswachsenden Geschichtsüberblickeszu widerlegen, der doch gewiß als eine Form des Fortschritts muß betrachtet werden. Durch das Aufblühen zahlreicher neuer Wissenschaften ist der Geschichtsüberblick gerade in unserer Zeit außerordentlich erweitert, unser Bewußtsein dadurch ungemein bereichert worden. Aber nicht nur unsere Gedanken-, sondern auch unsere Empfindungswelt hat z. B. durch die Vermittlung der Dichtungen alter oder fremder Völker eine Bereicherung erfahren, sowie eben dadurch wieder für unsere moderne Poesie neue Stoffgebiete sind erobert worden. Das wichtigste Ergebniß des wachsenden Geschichtsüberblickes dürfte aber dieses sein, daß wir den Menschen immer genauer kennen lernen, immer deutlicher die Ursachen wahrnehmen, welche den Fortschritt der Völker gefördert und welche ihn gehemmt haben, wodurch wir wieder der Wege klarer uns bewußt werden,welche die Völker in Zukunft einzuschlagen haben, um sicherer und rascher vorwärts zu schreiten und nicht immer wieder von den »retardirenden Dämonen« beirrt und zurückgehalten zu werden. An die Möglichkeit eines Zusammenbruchs der modernen Kultur, gleich demjenigen der antiken, durch den Anprall barbarischer oder halbbarbarischer Völker braucht aber nicht gedacht zu werden, weil heute umgekehrt die culturtragenden Rassen es sind, welche die rohen Völker mehr und mehr in ihrer Existenz bedrohen. Die Cultur kann nicht verloren gehen, wenn auch einige der weniger lebenskräftigen Culturvölker einst von der Bildfläche verschwinden sollten.

Die Künste scheinen bei oberflächlicher Betrachtung allerdings eher in einem Rückgange begriffen zu sein, aber man übersehe nicht, daß unsere Zeit einen epochemachenden musikalischen Genius höchster Ordnung hervorgebracht, daß einige Kunstzweige einen Aufschwung genommen haben, wie sie einen solchen zu keiner früheren Epoche aufzuweisen hatten, daß die Technik mancher Künste sich vervollkommnet, der Stoffkreis sich ungemein erweitert hat und daß manche Nationen, welche bis vor kurzem als künstlerisch unproduktiv galten, mit einem Schlage eine Reihe bedeutender Dichter und Künstler hervorgebracht haben, die, aus dem Vollen schöpfend, die Kunst mit neuen Typen und Formen bereichert haben.

Trotzdem muß zugestanden werden, daß die Phantasie in den Wissenschaften und auf technischem Gebiete heute weit größere Triumphe feiert, als in den Künsten. Aber es sind Anzeichen vorhanden, daß die Kunst, wenn die maßgebendenNationen aus ihrem jetzigen socialen Revolutionszustande werden herausgetreten sein und die Gesellschaft festere Formen wird angenommen haben, wenn ferner die Resultate der Naturforschung und die dadurch geschaffene enorme Erweiterung des Gesichtskreises die Phantasie mächtiger werden ergriffen haben, auf neuer Grundlage nur um so machtvoller aufblühen wird.

Einer der wichtigsten Fortschritte der modernen Culturvölker in der Gegenwart aber ist die wachsende Lossagung von der Religion, einer der wichtigsten Fortschritte der Zukunft wird es sein, daß unter jenen Nationen, welche zur Führung der Menschheit berufen sind und die dereinst vielleicht den Inbegriff der Menschheit bilden werden, eine neue Lehre sich befestige, vermöge welcher alles Leben und Streben eine höhere Bedeutung erhalten wird. Daß die Evolutionslehre mit den gewaltigen Perspektiven, die sie, wenn richtig verstanden, eröffnet, hierbei eine große Rolle spielen wird, indem daseffektive Erfassen des Fortschrittsgesetzes den Fortschritt selbst beschleunigen wird, scheint uns keinem Zweifel zu unterliegen. Der Individualität wird in der Art der Verwerthung jener Lehre immer ein weiter Spielraum bleiben. Die Idee des Fortschritts, wenn mit Phantasie erfaßt, hat, wenn selbst das Ziel des Fortschritts völlig unbestimmt gelassen wird, etwas Erregendes, Begeisterndes. Um so mächtiger muß sie den Geist ergreifen, wenn mit ihr die Idee eines höchsten Zieles verbunden wird, in dem einst alle Errungenschaften des Menschen, wie die Ströme in dem Weltmeer, einmünden sollen. Dieser Uebergang wird eben von jenen Völkernoder von jenem Volke vollzogen werden, welches am lebenskräftigsten und fortschrittsfähigsten sich bewährt hat und dadurch der natürliche Herr der Erde geworden ist.

Somit wäre unsere Weltanschauung eine ausgesprochen optimistische? Allerdings, wie die Evolutionslehre selbst es ist, aber nur in dem Sinne, daß dem Menschengeschlechte eine unermeßliche Kraft des Fortschritts zugetraut und eine große Zukunft von ihm erwartet wird. Aber daß das Vollkommene erst von der Zukunft erwartet, daß auf sie unsere Hoffnung gerichtet wird, ist ein Beweis, daß wir eine optimistische Auffassung der Gegenwart und Vergangenheit, bei aller Verehrung für einzelne große Errungenschaften, nicht für gerechtfertigt halten. Wir wollen hier nicht das Urtheil der großen Philosophen und Dichter des Pessimismus über die gegebene Welt wiederholen, die jedoch darin fehlten, daß sie erstens die Welt, wie wir sie kennen, mit dem realen Sein verwechselten, zweitens aus der trüben Vergangenheit und trüben Gegenwart voreilig auf die Nothwendigkeit einer trüben Zukunft schlossen, – eine Anschauung, welche der Evolutionslehre und dem gewaltigen Fortschrittsstreben der Menschen widerspricht. Die pessimistische Betrachtung des Gegebenen aber ist selbst wieder ein Hebel des Fortschritts, denn nur aus tiefer Unzufriedenheit mit dem thatsächlich Gegebenen wird jeder Fortschritt geboren. Nur indem wir beständig von dem Gefühle unserer Unvollkommenheit begleitet werden, vervollkommnen wir uns. Dasselbe gilt vom allgemeinen wie vom Einzelleben, und das Bewußtsein, daß das Leiden der gewaltigste Urheber alles Fortschritts ist, daß die Beseitigungdes Leidens das Ende alles Strebens und aller Vorwärtsbewegung wäre, vermag uns vor ungemessenen Klagen zu bewahren und an einem vorschnell verdammenden Urtheil über den Lebensinhalt zu hindern. Die blos pessimistische Auffassung des Gegebenen muß zu stumpfer Resignation und Entmuthigung führen, wenn wir nicht von dem Vertrauen beseelt sind, daß die menschliche Natur durch unentwegtes Vorwärtsstreben, welches das Leiden hervorruft, verbessert werden kann, und daß der Menschheit ein hohes Ziel winkt.

Eine Gewißheit ist jenes Ziel, welches den Sieg bedeutet, allerdings nicht. Möglicherweise ist die Menschheit nur eines gewissen Grades der Vervollkommnung fähig, ohne diese Grenze überschreiten zu können. Möglicherweise bezeichnet der Mensch in einem etwas höheren Vervollkommnungszustand, als er ihn jetzt aufweist, dennoch den Gipfelpunkt der organischen Entwickelung der Erde. In diesem Falle wäre die bisherige Entwickelung eineziellose und trügerische, das Streben und Ringen der Menschheit einvergeblichesgewesen, da unüberwindliche und unausrottbare Mängel und Gebrechen sie, so wie sie ist, ewig hindern würden, Vollkommenheit und Seligkeit zu erlangen.

Wie sollen wir uns in einem solchen Falle die Zukunft der Menschheit denken? Da würde wohlMainländer'sProphezeihung zur Wahrheit werden. Demnach würde die Civilisation und Bildung zunächst in immer weitere Kreise dringen, bis sie, nachdem die unzähmbaren Feinde der Cultur im Kampfe mit den Culturträgern sich aufgerieben, alle Menschen umspannt hätte. Allmähligaber würde ein Nachlassen und endlich ein Stillstehen der schöpferischen Kräfte sich bemerkbar machen. Die Menschheit würde nicht mehr fortschreiten. Da aber die ursprüngliche Macht der Leidenschaften durch die Cultur gemäßigt wäre, so würde der Zustand der Stagnation bald zu einem solchen der allgemeinen Ermüdung und Ermattung überleiten, die Todessehnsucht den Lebenstrieb überwinden, wobei nicht an einen allgemeinen Selbstmord, sondern an ein natürliches Aufhören der Menschheit zu denken wäre.

Das Ziel, welches die Evolutionslehre verheißt, hat weit größere Wahrscheinlichkeit für sich, als dieses, da jedoch auch dieses Ziel keinevolle Gewißheitist, so ergiebt sich, daß der Werth des Lebens,unseresLebens allerdings zur Zeit noch nicht mit Gewißheit bestimmt werden kann – in dem Sinne nämlich, ob das Sein dem Nichtsein oder dieses jenem vorzuziehen sei –, und daß die Philosophen, die es dennoch unternommen – und die Mehrzahl derselben hat es unternommen –, voreilig geurtheilt haben, denn so lange wir Werdegang und Ziel des Lebens nicht mit Gewißheit beurtheilen können,vermögen wir auch seinen Werth nicht mit Sicherheit zu schätzen.

Demnach wäre uns allerdings nureineGewißheit gegeben, diese nämlich, daß die Menschheitin jedem Falle ihrer Erlösung entgegengeht, sei es der Erlösung von der Unvollkommenheit durch den Sieg, sei es der Erlösung von einem ziellosen Leben durch einen freiwilligen Untergang. Aber auch in dem letzteren Falle würde den Menschen nicht das Recht zustehen, das Nichtsein höher zu schätzen, als das Sein überhaupt, sondern nur alsdasjenige Sein,welches eben der Menschheit beschieden war. Sollte aber eine Erdkatastrophe die Menschheit hinwegraffen, bevor sie zur Gewißheit über ihre Bestimmung gelangt ist, dann wäre dies nur ein Beweis, daß von vornherein die Bedingungen gefehlt haben, die der Menschheit den Fortschritt zu einem höheren Ziele ermöglicht hätten.

Wenn nun aber auch nur die Erlösung der Menschheit an sich, sei es in der einen oder in der anderen Form, nicht aber die Erlösung durch den Sieg eine volle Gewißheit ist, so ist die letztere Form ihrer Erlösung doch dieunvergleichlich wahrscheinlichereund auf den größeren Grad der Wahrscheinlichkeit kommt es hier wie überall an. Es kann über Entwickelung und Schicksale der Menschheit jakeinerlei bestimmte Prophezeiunggemacht werden, die größereWahrscheinlichkeit eines Zielesaber wird unser Hoffen und Streben bestimmen müssen, und deshalb geziemt es uns, im Hinblick auf die Evolutionslehre und auf die Consequenzen, welche sich aus ihr ergeben, den Gedanken eines unermeßlichen Fortschrittes der Menschheit, einer Hervorkehrung neuer, unbekannter Kräfte, einer Annäherung an ein erhabenes Ziel zu unserem Leitstern zu erheben.

Nun wird es nicht an Stimmen fehlen, welche einwenden werden, daß, wie hoch das Ziel auch sei, welches der Zukunftsmensch erringen wird, dieser Gedanke dem gegenwärtigen Menschen doch keine Erhebung gewähren könne, da er persönlich nichts von jenen Errungenschaften wahrnehmen werde, und kein Mitgenuß ihm zu Theil werden kann. Dem gegenüber muß jedoch hervorgehoben werden, daß esnicht minder unzulässig ist, die Unsterblichkeit absolut zu negiren als sie zu behaupten, wiewohl weit mehr Gründe gegen, als für die Annahme einer solchen zu sprechen scheinen, und daß Derjenige, welchem die Hoffnung auf einen persönlichen höheren Existenzzustand ein unabweisbares Bedürfniß ist, dieselbe nicht vollständig braucht sinken zu lassen, obgleich es würdiger wäre, er würde mit dem Gedanken sich begnügen, daß dieguten Thaten, die er vollbracht, stets fortwirken werden, daßdieseunsterblich sind.

Muthigere, stärkere und selbstlosere Geister aber werden, unbekümmert um ihr persönliches Schicksal, in der Idee einer unermeßlichen Fortschrittsfähigkeit der Menschheit und eines großartigen Zieles, eines siegreichen Abschlusses der aufsteigenden planetarischen Entwickelung, eine Erhebung und Ermunterung zum persönlichen Vorwärtsstreben finden. Indem der Mensch zu jenem hohen Ziele emporblickt, fühlt er sich Eins mit der lichtschaffenden Naturkraft selbst, und was er sucht und liebt, wird gleich jener das Große und Vollkommene sein. Der »Nützlichkeitslehre«, die heute wieder so viel Beifall findet, wird ein von dieser Idee Durchdrungener nicht zum Opfer fallen, denn ihm wird es klar sein, daß es nimmermehr auf die Gefühlszustände der Individuen, sondern auf ihr Werk, ihre Leistung ankommt. Der Utilitarismus betrachtet als oberstes Princip der Moral »das größte Glück der größten Anzahl« oder die »Maximation der Glückseligkeit«; allein die Voraussetzung, daß mit der Erhöhung der Moral das Glück der Menschen im Allgemeinen eine Steigerung erfahre, ist einfach eine Täuschung. Indem wir uns eineeingehendere Begründung dieser Behauptung für eine andere Gelegenheit vorbehalten, wollen wir an dieser Stelle nur Folgendes zum Beweise für dieselben hervorheben: es läßt sich zunächst in Bezug auf jene, an welchengehandelt wird, nur sagen, daß durch die Vervollkommnung der Moral einerseits allerdings viele Leiden beseitigt werden, während sich doch durchaus nicht bestimmen läßt, inwiefern dadurch auch positives Glück geschaffen wird, indem Gerechtigkeit, Rücksicht und Theilnahme von Seiten der Mitmenschen keineswegs immer als Glück empfunden werden – zeigen sich in der Art, wie die Menschen dieselben Dinge betrachten und empfinden, doch die allergrößten Verschiedenheiten –, während andererseits Ungerechtigkeit und Unterdrückung durchaus nicht immer als Leiden empfunden werden und Jemand durch ein Unrecht, welches ihm widerfahren ist, ebensogut gefördert wie geschädigt werden kann; in Bezug auf dieHandelndenaber läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß je mehr die Menschen der Stimme der Pflicht, statt dem Lockrufe ihrer egoistischen Neigungen folgen, je ausdauernder sie auf ihrem Posten beharren, je mehr sie sich zur Gerechtigkeit zwingen, je strenger sie sich selbst überwachen, je empfindlicher ihr Gewissen wird, um so strenger, ernster und mühevoller das Leben sich gestalten wird. Um es zu wiederholen: so wenig wie der Mensch, so wie er beschaffen ist, zur Vollkommenheit berufen ist, ebenso wenig ist er zur Glückseligkeit berufen, denn aller Fortschritt der Cultur besteht in einer Steigerung der Strenge des Menschen gegen sich selbst. Der Utilitarismus betrachtet den Menschen irrthümlicher Weise alsSelbstzweck, während er nur ein transitorischer Typus ist und aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine höhere Seinsordnung hinstrebt, der all seine Errungenschaften dereinst zu Gute kommen werden. Deshalb handelt es sich auch in der moralischen Sphäre nicht um die Gefühlszustände der Individuen, sondern um Befestigung, Kräftigung und Stärkung der menschlichen Gemeinschaft, als der nothwendigen Voraussetzung und Grundlage aller höheren Cultur, deshalb frägt es sich bei Aufstellung höchster Principien nicht darum, was der Mensch empfindet, sondern was er wirkt, voraussichtlich wirkt zu Gunsten einer höheren Ordnung, als deren Vorläufer er zu betrachten ist.

Etwas soll der Mensch über sich anerkennen. Da er selbst das Vollkommene nicht darstellt, so soll er es verehren und seine Dienste ihm widmen, denn das Vollkommene soll uns nicht nur ein Gegenstand der Verehrung sein, sondern unser gesammtes Streben soll dadurch eine Directive erhalten. Jede ideale Kraftanspannung bedeutet einen Fortschritt, und um so freudiger muß das Erreichbare erstrebt werden,je größer der Zusammenhang, in dem man es betrachtet. Durch den Hinblick auf ein erhabenes Ziel wird aber zugleich unsere Beurtheilung des Gegebenen und durch den Menschen in seiner jetzigen Gestalt Erreichbaren, berichtigt. Demnach werden wir die einzelnen Errungenschaften zu schätzen wissen, ohne sie jedoch als etwas Endgiltiges oder Letztes zu betrachten, und wird uns ferner klar werden, daß, wie der Mensch zur Zeit beschaffen ist, eine harmonische Entwickelung und allseitige Vervollkommnung von ihm nicht erwartet werden kann, daß er immer nurin einzelnen Richtungen Bedeutendes wird leisten können und daß es genug ist, wenn jeder die Kraft, die er besitzt, übt und entfaltet.

Wenn aber Jemand einwenden sollte, das Ziel, welchem die Menschheit, wenn nicht alle Zeichen trügen, voraussichtlich entgegengehen wird, sei zu entfernt, um als Antrieb auf unser Thun zu wirken, so ist diesem Kleinmüthigen zu entgegnen, daß in jedem idealen Gedanken, in jeder edlen und schöpferischen That bereits ein Strahl der künftigen Sonne aufleuchtet, bereits ein Ton der künftigen Harmonie erklingt, die den Übergang zu einem höheren Zustande vorbereiten werden.

In der ehrfürchtigen Versenkung in das Mysterium der Welt und in dem Ausblick auf ein erhabenes Ziel, für dessen Wahrscheinlichkeit so gewichtige Gründe sprechen, welches aber die Menschheit zum Theil durch bewußtes Vorwärtsstreben, zum Theil durch das Erwachen höherer geistiger Potenzen in ihr wird erringen können, scheint uns in der That eine Weltanschauung geboten zu sein, die nicht nur an Wahrheit, sondern auch an ethischem Werth über der Religion steht, letzteres aber dadurch, daß nicht der persönliche Egoismus es ist, welcher in jenem Ziele Befriedigung findet.


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