Weimar. — Hof-Buchdruckerei.
Weimar. — Hof-Buchdruckerei.
In dem väterlichen Hause war Goethe früh mit Kunst und Künstlern in Berührung gekommen: „halb natürlich, halb erworben“ besaß der noch nicht Fünfzehnjährige „die Gabe, die Gegenstände auf die Kunst anzusehen“. Auf den einsamen Spaziergängen im Frankfurter Stadtwalde nach dem trüben Ausgange der Gretchen-Episode entstanden 1764 „auf die ungeschickteste Weise“ die ersten Zeichnungen nach der Natur, die der Vater aber doch sorgsam bewahrte, und welche dem trefflichen Seekatz ein Bedauern entlockten, daß der Jüngling nicht zum Maler bestimmt sei. Die künstlerischen Regungen erstarkten in Leipzig im Verkehr mit Oeser; dem Vater und Freund Hermann wurden die ersten Radirungen gewidmet. 1768 nach der Rückkehr verkürzt das Zeichnen dem körperlich Erkrankten die langen Stunden der Zimmerhaft; 1772 wird während eines Ausfluges an den Rhein fleißig gezeichnet, es wird radirt. Goethe ist „ganz Zeichner“ und erwirbt sich durch seine Leistungen das Lob der Freunde Merck und Schönborn. Jetzt wird auch das Portraitiren versucht, und unter Nothnagels Leitung in Öl gemalt. Während der ersten Jahre des Weimarer Lebens geht dies so fort: landschaftliche Skizzen werden in vielen Briefen erwähnt, Wieland, Frau von Stein, Corona u. a. werden portraitirt; das uns erhaltene Bild des ersten galt für sehr ähnlich, die anderen scheinen leider unwiederbringlich verloren. Welche Bedeutung die Italiänische Reise und der Verkehr mit den römischen Künstlern für die ausreifende Entwicklung von Goethes Kunstanschauung und Ausübung hatte, ist auf jeder Seite des Tagebuches wie der Briefe ersichtlich. Nicht nur sein „kleines Zeichnentalentchen“ hatte er ausgebildet, sondern er durfte von sich sagen, daß er „als Künstler“ zurückkehre. „Unzählige kleine Skizzen“ hatte er mitgebracht: ihre Zusammenstellung in einen noch heute in Goethes Studirzimmer bewahrten Sammelband erheiterte ihm die einsamen Stunden des Herbstes 1788. Wenn sich aus den folgenden Jahren weniger Zeugnisse eigner künstlerischer Thätigkeit mit chronologischer Zuverlässigkeit nachweisen lassen, so wissen wir doch, daß sie nie ganz erlosch, zumal während der Sommeraufenthalte in Jena und Böhmen, da der Verkehr mit anregenden Persönlichkeiten, wie mit dem Landschafter Kaaz 1808 und 1809, die alte Lust wieder in’s Leben rief.
In dem väterlichen Hause war Goethe früh mit Kunst und Künstlern in Berührung gekommen: „halb natürlich, halb erworben“ besaß der noch nicht Fünfzehnjährige „die Gabe, die Gegenstände auf die Kunst anzusehen“. Auf den einsamen Spaziergängen im Frankfurter Stadtwalde nach dem trüben Ausgange der Gretchen-Episode entstanden 1764 „auf die ungeschickteste Weise“ die ersten Zeichnungen nach der Natur, die der Vater aber doch sorgsam bewahrte, und welche dem trefflichen Seekatz ein Bedauern entlockten, daß der Jüngling nicht zum Maler bestimmt sei. Die künstlerischen Regungen erstarkten in Leipzig im Verkehr mit Oeser; dem Vater und Freund Hermann wurden die ersten Radirungen gewidmet. 1768 nach der Rückkehr verkürzt das Zeichnen dem körperlich Erkrankten die langen Stunden der Zimmerhaft; 1772 wird während eines Ausfluges an den Rhein fleißig gezeichnet, es wird radirt. Goethe ist „ganz Zeichner“ und erwirbt sich durch seine Leistungen das Lob der Freunde Merck und Schönborn. Jetzt wird auch das Portraitiren versucht, und unter Nothnagels Leitung in Öl gemalt. Während der ersten Jahre des Weimarer Lebens geht dies so fort: landschaftliche Skizzen werden in vielen Briefen erwähnt, Wieland, Frau von Stein, Corona u. a. werden portraitirt; das uns erhaltene Bild des ersten galt für sehr ähnlich, die anderen scheinen leider unwiederbringlich verloren. Welche Bedeutung die Italiänische Reise und der Verkehr mit den römischen Künstlern für die ausreifende Entwicklung von Goethes Kunstanschauung und Ausübung hatte, ist auf jeder Seite des Tagebuches wie der Briefe ersichtlich. Nicht nur sein „kleines Zeichnentalentchen“ hatte er ausgebildet, sondern er durfte von sich sagen, daß er „als Künstler“ zurückkehre. „Unzählige kleine Skizzen“ hatte er mitgebracht: ihre Zusammenstellung in einen noch heute in Goethes Studirzimmer bewahrten Sammelband erheiterte ihm die einsamen Stunden des Herbstes 1788. Wenn sich aus den folgenden Jahren weniger Zeugnisse eigner künstlerischer Thätigkeit mit chronologischer Zuverlässigkeit nachweisen lassen, so wissen wir doch, daß sie nie ganz erlosch, zumal während der Sommeraufenthalte in Jena und Böhmen, da der Verkehr mit anregenden Persönlichkeiten, wie mit dem Landschafter Kaaz 1808 und 1809, die alte Lust wieder in’s Leben rief.
Die hier kurz zusammengestellten Daten zeigen, daß das Verlangen nach eignem künstlerischen Schaffen und die Freude an demselben wie ein rother Faden Goethes Leben während mehr als 45 Jahre durchzieht: im Jahre 1810 sollte dieser Trieb seinen Abschluß finden.
Der Anfang dieses Jahres war „mühsam genug“, galt es doch die endliche Fertigstellung der Farbenlehre. Am 12. März ging Goethe behufs ungestörten Abschlusses der Drucklegung nach Jena und verweilte dort bis zum 16. Mai. Während dieser Zeit, auf Spaziergängen wie im Gespräche mit Freunden oder dem Sohne, erwachte die Anwandlung, die Eindrücke zu Papier zu bringen. Auch während des Aufenthaltes in Böhmen vom 16. Mai bis 16. September erhielt sich „dieser wundersame Trieb, um später nicht wieder hervorzutreten“. Elf Jahre später scheinen äußere Anlässe Goethe bestimmt zu haben, diese „mehr als gewohnt reinlichen Blätter“ des Jahres 1810 zusammenzusuchen und in einem Bande zu vereinigen, ziemlich zu derselben Zeit, da Schwerdgeburth, Lieber und Holdermann es unternahmen, Goethische Handzeichnungen durch Radirung zu vervielfältigen und mit erläuternden Versen in einem Heft herauszugeben.*)
Als der Unterzeichnete der Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft berichtete, daß sich jenes 1821 zusammengestellte Album nicht allein in den Sammlungen des Goethe-National-Museums vorgefunden, sondern daß demselben auch ein von Goethe verfaßter, erläuternder Text beiliege, welcher die Sammlung gleichsam als des Dichters Vermächtniß bezeichnet, aus dem sein künstlerisches Wollen und Können zu beurtheilen sei, da wurde von verschiedenen Seiten der Wunsch rege, dasselbe möge in getreuer Wiedergabe nebst den Erläuterungen den Mitgliedernzugänglich gemacht werden. Da die Erlaubniß zur Veröffentlichung mit dankeswerther Bereitwilligkeit höchsten Ortes ertheilt wurde, beschloß der Vorstand, das Album im Jahre 1888 als außerordentliche Gabe den Mitgliedern zu überreichen, indem er zugleich den Unterzeichneten mit der Herausgabe betraute. Einer Rechtfertigung bedarf dieser Beschluß gewiß nicht. Nichts dürfte geeigneter sein, den Goethefreunden einen richtigen Begriff von des Dichters künstlerischen Fähigkeiten zu geben, als die Betrachtung dieser mit besonderer Sorgfalt unter Abwesenheit jeglicher fremden Beihülfe ausgeführten Blätter. Es finden sich ja im Verkehr hie und da Goethische Zeichnungen, meist von ihm oder von der Familie an Freunde und Sammler verschenkt, manchmal mit einigen Worten von seiner Hand geziert, aber es steht fest, daß sehr viele derselben erst durch befreundete Künstlerhand ihre letzte Vollendung erhielten. In den Sammlungen des Goethe-Museums selbst befinden sich hunderte Goethischer Zeichnungen, aber entweder sind dieselben nur flüchtige Skizzen oder sie sind nachweislich von Lieber, Kaaz u. a. ausgeführt und sauber mit Linien und farbigen Rändern umzogen. Von diesen allen hebt sich unser Album durch liebevolle, von keiner fremden Hand berührte Ausarbeitung aufs vortheilhafteste ab. Interessant ist es, dasselbe neben den in der Goethischen Sammlung so zahlreich vertretenen Federzeichnungen der Kobell, Tischbein, Hackert u. a. zu durchblättern: auf den ersten Blick erkennen wir, daß Goethes Auge und Auffassung der Natur mit denen seiner Zeitgenossen übereinstimmt, daß seine Formensprache auch die ihre ist.
Goethe selbst hat seinen Zeichnungen am 22. und 23. Juni 1821 Erläuterungen beigegeben: denselben etwas hinzufügen zu wollen, wäre Überhebung. Nur einige einschlagende Vermerke der Tagebücher mögen hier mitgetheilt sein. Am 26. März 1810 geht Goethe „morgens spaziren an der Leutra hin; Gegend von Schiller’s Garten, durch’s Paradies zurück. Nach Tische gezeichnet.“ Ebenso am 27.: wir dürfen annehmen, daß damals die schönen BlätterNr. 2und13entstanden. Ein kurzer Ausflug nach Drackendorf am 29. mag die SkizzeNr. 3veranlaßt haben. Am 6. April geht Goethe mit seinem August spaziren, „den Philosophenweg, dann in’s Thal herunter, durch’s Zwätzener Thor zurück;“ den Nachmittag des 8. April bringt er bei Major v. Knebel zu und zeichnet „während die übrige Gesellschaft tanzte“. Am 11. April geht er „einen Augenblick spaziren, das Detail des Pulverthurmes anzusehen“ und zeichnet und tuscht dann den übrigen Theil des Tages, sicher anNr. 10. Am 2. und 3. Mai liest Goethe in Bruce’s Reisen nach Abyssinien und vermerkt „die Cataracten des Nils“ — unzweifelhaft die Anregung zuNr. 6. Vom 16. Mai bis 5. Juni wird das Zeichnen fast an jedem Tage erwähnt; in Hof entsteht das BlattNr. 13. Vom 21.–26. Mai begiebt sich Goethe täglich um elf in den Weißen Hirsch in Carlsbad, um von einem Fenster desselben aus zu zeichnen; nach Tische werden die Contoure sorgfältig umrissen und die Blätter getuscht. Am 11. Juni beendigt er die „Orlamündische Zeichnung“Nr. 14, am 11., 13. und 14. werden die bisher fertig gewordenen Blätter „ajustirt und aufgezogen“. Am 4. August wird Carlsbad verlassen; auf den 17. fällt der Ausflug von Teplitz nach Schloß Graupen in Begleitung Riemer’s und Zelter’s, der die Sammlung um die schönenNrn. 17und18vermehrte; am 24. August wird das Stadtthor von Bilin (Nr. 22) gezeichnet und am 27. ausgeführt. Bis zum 5. September ist kein Tag, an dem nicht der Morgen oder der Abend oder beide mit künstlerischer Thätigkeit ausgefüllt sind. Bedenken wir dabei den gerade in jenem Sommer 1810 sehr lebhaften gesellschaftlichen Verkehr — wir erinnern an die Anwesenheit des Königs von Holland und der Kaiserin von Österreich mit glänzendem Gefolge, die für dieselbe anzufertigenden Gedichte, die dem Herzog Carl August in Teplitz gewidmeten Stunden — so scheint es nicht mehr übertrieben, wenn Goethe selbst diesen zum letzten Mal erwachenden Trieb zu künstlerischem Schaffen geradezu einen wundersamen nennt.
Über die Zeichnungen selbst ist kaum etwas hinzuzufügen, deren Ausführungsweise in den Lichtdrucken der Herren M. Rommel & Co. mit ebensogroßer Sorgfalt als gutem Erfolg wiedergegeben ist.Nr. 1und2sind in Größe den Originalen fast gleich, die übrigen Blätter wurden um etwa ⅓ verkleinert.
Möge denn diese Veröffentlichung dazu beitragen, die künstlerische Seite in Goethe unseren Mitgliedern näher zu bringen. Wenn einst die gesammten schriftlichen Belege über den Verkehr Goethes mit Künstlern gesichtet und erläutert vorliegen, dann erst werden die sämmtlichen Beziehungen Goethe’s zur Kunst, und was Kunst und Künstler ihm verdanken, klargelegt werden können. Hat unsere diesjährige Veröffentlichung den Weg zu diesem letzten Ziele nur einigermaßen geebnet, so hat sie ihren Zweck erfüllt.
C. Ruland.
*)Vergl. Tag- und Jahreshefte, Lempel’sche Ausgabe §§ 748, 764, 1089, 1047.
*)Vergl. Tag- und Jahreshefte, Lempel’sche Ausgabe §§ 748, 764, 1089, 1047.
*)Vergl. Tag- und Jahreshefte, Lempel’sche Ausgabe §§ 748, 764, 1089, 1047.