Chapter 2

Wer heute in das Haus hineinsehen konnte mit den grünen Fensterladen, etwa eine Stunde vor Mittag, der merkte wohl, daß die Gedanken seiner Bewohner nicht im gewöhnlichen alltäglichen Geleise gingen. Man konnte es sehen an der Art, wie die Leute aufstanden und wie sie sich setzten, wie sie die Türen öffneten und schlossen, wie sie Dinge anfaßten und wieder wegstellten, mit denen sie weiter nichts taten, als sie nehmen und wieder hinstellen, und offenbar auch weiter nichts tun wollten. Wer sich besinnt, in welcher Gemütslage er am öftesten die Uhr aus der Tasche zog, und noch ehe er sie wieder in die Tasche versenkt, schon vergessen hatte, welche Zeit es sei, und sie wieder hervorholte, und da er nicht wußte, warum er das getan, sie an das Ohr hielt, und ohne gehört zu haben, ob sie noch ging oder nicht, den Uhrschlüssel suchte und sie aufzog, vielleicht zum dritten Male in Zeit von einer Stunde: der wird, falls er sich noch besinnen kann auf das, was er schon damals nicht wußte, als er es tat, erraten können, was die Leute zu aller der zwecklosen Tätigkeit verleitet. Auch der junge Herr, der eben zum sechsten Male seit einer Stunde seine Uhr aufziehen will, ist so wenig mit dem Bewußtsein bei diesem Geschäft, daß er es in der nächsten Viertelstunde zum siebenten Male versuchen wird. Dann setzt er seine wohlgenährte, kurze Gestalt auf den Stuhl am Fensterund ist ungewiß, ob er hinaus auf die Straße sieht, oder ob er bei den Gedanken ist, die in derselben zwecklosen Unruhe, die sein Äußeres zeigt, wie Wolkenschatten an seinem Bewußtsein vorbeiflattern. Er sitzt in schwarzer Sonntagskleidung einer jungen Frau gegenüber. Er hätte Zeit genug, zu sehen, wie schön sie ist, wie anmutig ihr das zerstreute Wesen ansteht, — und es kleidet sie weit besser, als ihn. Zuweilen scheint er es auch zu sehen, aber dann ist es, als wäre es ihm keine Freude. Dann werden die Gedankenschatten auf seinem Gesichte tiefer und flattern nicht mehr so schnell darüber hin. Er betrachtet die schönen Züge der jungen Frau genauer, ja es ist, als ob er sie belauere, als ob er sich sorgenvoll frage, ob sie den Ausdruck von Widerwillen, der über ihnen hängt, behalten werde, bis — und klingt dann zufällig ein stärkerer Tritt von der Straße herein an sein Ohr, dann schrickt er auf, aber er vermeidet ihre schönen, offenen Augen, die sie, vom Klange des Tritts geweckt, nach ihm hin aufschlagen kann.

Im Gärtchen kann der alte Valentin einem ebenso alten Herrn im blauen Rock nichts recht machen. Er ist zu aufgeregt und horcht und sieht viel durch den Zaun nach der Straße, darüber tut er bald zu wenig, bald zu viel; und der alte Herr schilt manchmal, scheint es auch nur, um seine Bewegung zu verbergen. Die Hände zittern merklich, mit denen er untersucht, ob die Buchsbaumeinfassung der kleinen Beete auch so eigensinnig gleichmäßig geschoren ist, wie er sie geschoren haben würde, besäße er noch das scharfe Auge von ehedem. Der alte Valentin müßte eine Träne von den hohlenBacken wischen, wie es so oft geschieht, über die Hilflosigkeit des alten Herrn und tausend Vergleiche zwischen sonst und jetzt, die ihm der Anblick derselben herbeiruft; aber seine Augen und seine Gedanken sind auf der Straße vor dem Zaun.

Hinten am Ende des Ganges neben der Tür des Schuppens sitzt auf einem Haufen Schieferplatten ein ungemütlicher Gesell in Hemdärmeln. Der Ausdruck seines Gesichts wechselt ohne sichtbaren äußeren Anlaß zwischen widerwärtiger Zutulichkeit und tückischem Trotz. Er kramt, scheint es, unter seinen Gesichtern, wie ein Mädchen in ihrem Schmuck. Er hält beide bereit, um das rechte gleich bei der Hand zu haben. Er weiß noch nicht, welches er brauchen wird.

Vorn durch den Spalt der wenig geöffneten Haustüre lauscht das Dienstmädchen. Aber keine ihrer Bekannten geht vorbei. Bald wird sie auf einen Vorwand sinnen, die erste beste vorüberwandelnde Gestalt anzuhalten, nur um wie gelegentlich anzubringen, das Haus erwarte heute seinen jüngeren Sohn aus der Fremde zurück. Einstweilen sagt sie es dem alten Hunde, der, bemüht, die verschiedenen Gruppen durch sein Ab- und Zugehen in Verbindung zu erhalten, eben bei ihr angekommen ist. Und sogleich wendet er sich nach dem Hofe zurück, wie um weiter zu sagen, was er vernommen. Der alte Hund ist von der Unruhe der Menschen angesteckt. Ist doch jetzt die Stunde, die er an andern Tagen vor seiner Hütte schlafend verbringt.

Die alte Gewohnheit scheint ihn zu mahnen, als er an seiner Hütte vorbeilaufen will. Er legt sich daneben, aber erschließt die Augen nicht; er scheint in tiefe Gedanken versunken. Denkt er sich die weite Erde mit ihren Bergen und Tälern und Flüssen, mit ihren Städten und Dörfern? Und von Ort zu Orte Straßen und auf jeder Straße Wanderer, fortziehende und heimkehrende?

Wer ein scharfes Auge hätte, die Herzensfäden alle zu sehen, die sich spinnen die Straßen entlang über Hügel und Tal, dunkle und helle, je nachdem Hoffnung oder Entsagung an der Spule saß, ein traumhaftes Gewebe! Manche reißen, helle dunkeln, dunkle werden hell; manche bleiben ausgespannt, so lang die Herzen leben, aus denen sie gesponnen sind; manche ziehen mit unentrinnbarer Gewalt zurück. Dann eilt des Wanderers Seele vor ihm her und pocht schon an des Vaterhauses Tür und liegt an warmen Herzen, an Wangen von Freudentränen feucht, in Armen, die ihn drücken und umfangen und ihn nicht lassen wollen, während sein Fuß noch weit davon auf fremdem Boden schreitet. Und steht er auf der Flur des Vaterhauses, wie anders dann, wie anders oft ist sein Empfang, als er geträumt! Wie anders sind die Menschen geworden! In einer Minute sagt er zweimal: sie sind’s, und zweimal: sie sind’s nicht. Dann sucht er die altbekannten lieben Stellen, die Häuser, den Fluß, die Berge, die das Heimatstal umgürten; die müssen doch die alten geblieben sein. Aber auch sie sind anders geworden. Oft sind es die Dinge, die Menschen, oft nur das Auge, das sie wiedersieht. Die Zeit malt anders, als die Erinnerung. Die Erinnerung glättet die alten Falten, die Zeit malt neue dazu. Und die, mit denen er in der Erinnerung immer zusammenwar, in der Wirklichkeit muß er sich erst wieder an sie gewöhnen.

Ob Apollonius das dachte, als er immer etwas vergebens erwartete und nicht wußte, daß es der Bruder war, der ihm entgegenkommen sollte? Ob der Bruder fühlte, Apollonius müsse nach ihm aussehen, als er so schnell von seinem Stuhle aufstand? Er hatte schon die Türklinke in der Hand. Er ließ sie fahren. Fiel ihm ein, er könne ihn verfehlen, und blieb, weil er Frau und Bruder die Peinlichkeit des Augenblicks ersparen wollte, in dem sie einander allein gegenüberstehen müßten? Sie mit dem Widerwillen und er mit dem Bewußtsein jenes Widerwillens. Jetzt stieg die alte Gestalt des Geschiedenen vor dem Bruder auf und es war, als befreite sie ihn von schweren Sorgen. Es war die Wendung, mit der er sich sonst von dem Gegenwärtigen abwandte, und dabei aussah, als sagte er zu sich: „der Träumer“! und eine rasche Bewegung machte, wie um recht zu fühlen, welch’ ein andrer er sei, wie besser er sich auf das Leben verstehe und die Art, „die lange Haare hat und Schürzen trägt“. Er musterte mit einem beruhigten Blick in den Spiegel seine gedrungene Gestalt, sein volles, rotes Gesicht, das tiefer in den Schultern stak, als er meinte, wenigstens nicht tiefer, als er für schön hielt; er steckte die Hände in die Beinkleidertaschen und klapperte mit dem Gelde darin. Er besann sich, schon dem Gesellen am Schuppen gesagt zu haben: „Es bleibt beim alten in der Arbeit. Du nimmst von niemand Befehle als von mir. Ich bin Herr hier“. Und der hatte so eigen Zweideutig gelacht, als sagte er ein lautes Ja zu dem Redenden,und zu sich: „ich lass’ dich so reden, weil ich es bin“. Fritz Nettenmair dachte: „lange wird er nicht bleiben, dafür will ich schon tun“. Und über der Bewegung, die wiederum sagte: „ich bin ein Kerl, der das Leben versteht,“ fiel ihm der Ball ein, an dem er das heute abend noch viel genugtuender empfinden wird, weil er es in allen Augen lesen kann, was er ist, und kein andrer so außer ihm.

Seine junge Frau scheint ähnliches zu denken. Auch sie sieht in den Spiegel; ihre Blicke begegnen sich darin. Die Ehe soll die Gatten sich ähnlich machen. Hier traf die Bemerkung. Das Zusammenleben hatte hier zwei Gesichter sich ähnlich gemacht, die unter andern Umständen sich vielleicht ebenso unähnlich sehen würden. Und es hatte eigentlich nicht beide einander ähnlich gemacht, sondern nur eins davon dem andern. Die übereinstimmenden Züge, das konnte ein scharfes Auge sehen, waren nur ihm eigen; er hatte nur gegeben, aber nicht empfangen. Und doch wäre es umgekehrt besser gewesen für Beide, wenn er es auch nicht eingestehen würde und sie es nicht fühlte, wenigstens in diesem Augenblicke nicht. Vielleicht auch morgen und übermorgen noch nicht. Wieviel Zeit mag nötig sein, wieviel Schmerzen wird sie zu Hilfe nehmen müssen, von einem ursprünglich so schönen Menschenbilde abzuwaschen, womit die Gewohnheit von Jahren es beschmutzt!

Die Tür flog auf, das hochgerötete Antlitz des Dienstmädchens erschien in ihr. „Er kommt!“ Wer in der Straße zufällig am Fenster steht, schaut mit Wohlgefallen auf die frische, schlanke, männliche Gestalt herab, die daher kommt,den Tornister auf dem Rücken, den Stock unter dem Arm. Denn er hat keine Hand frei. An der rechten führt er ein Mädchen, zwei kleinere Knaben halten sich zugleich an seiner linken fest; ein Umstand, der das Fortkommen nicht erleichtert. Die Nachbarn, die wußten, wer erwartet wurde, füllen Fenster und Türen. Er hat nun nicht bloß den unermüdlich auf ihn einredenden Kindern, er hat auch andern zu antworten. Den Alten muß er auf Grüße und Scherzreden erwidern, Schulkameraden zuwinken, vor errötenden Mädchengesichtern sich verneigen. Den Hut kann er nicht abziehen; die Kinder geben seine Hände nicht frei. Aber die Grüßenden verlangen es auch nicht; sie sehen, wie unmöglich es ihm ist. Und wo er vorübergegangen, da sagt ein Winken hinter ihm her: „er ist noch der alte, hübsche, bescheidene Junge,“ und ein gehobener Finger setzt hinzu: „aber er ist kein Junge mehr; er ist ein Mann geworden, und was für einer!“ Ist das Fenster geschlossen, wird alles zu seinem Lobe laut, nur die Mädchen nicht, die reif genug waren, sein Neigen mit unwillkürlichem Erröten zu erwidern; die sind stiller als sonst, und die Sonne, die heut so viel heller scheint als an andern Tagen, bringt die seltsamsten Wirkungen auf sie hervor. Zunächst einen eignen Drang der Füße, in der Richtung nach den Fenstern sich zu bewegen; dann ein ebenso wunderbar plötzliches Wiedererwachen längst entschlafener Freundschaften, deren Gegenstände in der Nähe des Nettenmairschen Hauses wohnen, und die man besuchen muß; endlich merkwürdig oft wiederkehrenden Andrang des Blutes nach dem Kopfe, den man für ein Erröten angesehen hätte, war nur irgendein Grund dazu vorhanden.

Ob die Veränderung, die mit unserm Wanderer in der Fremde vorgegangen, seinen Bruder ebenso erfreuen wird, als die Nachbarn?

Er ist an der Tür des Vaterhauses angekommen. Vergeblich hat er an den Fenstern nach einem bekannten Antlitz gesucht. Jetzt kommt ein untersetzter Herr im schwarzen Frack herausgestürzt. So hastig kommt er gestürzt, so wild umschlingt er ihn, so fest drückt er ihn an seine weiße Weste, so nahe drängt er Wange gegen Wange, so lange läßt er sie da ruhen, daß man die Wahl hat, zu glauben, er liebt den Bruder außerordentlich, oder — er will sich nicht gern in die Augen sehen lassen von ihm. Aber er muß ihn doch endlich einmal aus den Armen lassen; er nimmt ihn unter den rechten und zieht ihn in die Türe.

„Schön, daß du kommst! herrlich, daß du kommst! Es war eigentlich nicht nötig — ein Einfall von dem im blauen Rock, und der hat nichts mehr zu befehlen im Geschäft. Aber es ist wirklich schön von dir; es tut mir nur leid, daß du deiner Braut die Augen rot machst.“ Deiner Braut, das sprach er so deutlich und mit so erhöhter Stimme, daß man es in der Wohnstube vernehmen und verstehen konnte.

Der Ankömmling suchte mit feuchten Augen in des Bruders Angesicht, wie um Zug für Zug durchzugehen, ob auch alles noch darin sei, was ihm so lieb und teuer gewesen. Der Bruder tat nichts dazu, ihm das Geschäft zu erleichtern. Was ihn auch hindern mochte; er sah nur, was sich zwischen Apollonius Kinn und Fußspitzen befand. Er hatte vielleicht gedacht, sich mit der alten Wendung auf den Fersen andie Spitze des Zuges zu stellen. Aber nach dem wenigen, das er gesehen, paßte „der Träumer“ nicht mehr, und die Wendung unterblieb.

„Der Vater hat es haben wollen,“ sagte der Ankömmling unbefangen. „Und was du da von einer Braut sagst —“

Der Bruder unterbrach ihn; er lachte laut in seiner alten Weise, so daß man, sprach Apollonius auch weiter, ihn nicht mehr verstanden hätte. „Schon gut! Schon gut! Noch einmal, es ist prächtig, daß du uns besuchst, und vierzehn Tage wenigstens wirst du festgehalten, magst du wollen oder nicht. Kehr’ dich nicht an die,“ setzte er leiser hinzu, und zeigte mit der Rechten durch die Türe, die er eben mit der Linken öffnete.

Die junge Frau stand mit dem Rücken gegen die Tür an einem Schrank, in welchem sie kramte. Verlegen und nicht eben freundlich wandte sie sich, und nur nach dem Manne. Noch sah der Schwager nichts als einen Teil ihrer rechten Wange und eine brennende Röte darauf. Was man sonst an ihrem Benehmen auszusetzen fände, es zeigte sich darin eine unverkennbare Ehrlichkeit, ein Unvermögen, sich anders zu geben, als sie war. Sie stand da, als mache sie sich gefaßt, eine Beleidigung hören zu müssen. Der Ankömmling ging auf sie zu und ergriff ihre Hand, die sie ihm erst schien entziehen zu wollen und dann regungslos in der seinen liegen ließ. Er freute sich, seine werte Schwägerin zu begrüßen. Er bat ihr ab, daß er durch sein Kommen sie erzürne, und hoffte, durch redliches Bemühen den unverkennbaren Widerwillen zu besiegen, den sie gegen ihn trage …

In so schonende und artige Wendung er Bitte und Hoffnung kleidete, er sprach beide bloß in Gedanken aus. Daß alles so war, wie er es sich gedacht, und doch wieder so ganz anders, nahm ihm Unbefangenheit und Mut.

Der Bruder machte der peinlichen Pause — denn seine Frau antwortete mit keinem Laute — ein willkommenes Ende. Er zeigte auf die Kinder. Sie drängten sich noch immer, unbeirrt von allem, was die Erwachsenen bedrängte und sie nicht bemerkten und verstanden, um den neuen Onkel; und dieser war froh über den Anlaß, sich zu ihnen herabzubeugen und tausenderlei Fragen beantworten zu müssen.

„Die Brut ist aufdringlich,“ sagte der Bruder. Er zeigte auf die Kinder, aber er sah verstohlen nach der Frau. „Bei alledem wundert’s mich, wie ihr bekannt geworden seid. Und so schnell vertraut,“ fügte er hinzu. Er mochte in Gedanken seine letzte Bemerkung weiterspinnen: „es scheint, du verstehst schnell vertraut zu werden und zu machen.“ Ein Schatten wie von Besorgnis legte sich über sein rotes Gesicht. Aber den Kindern galt diese Besorgnis nicht; er hätte sonst dabei nach den Kindern gesehen und nicht nach seiner Frau.

Der Ankömmling sprach immer eifriger mit den Kindern. Er hatte die Frage überhört, oder er wollte vor der zürnenden Frau nicht merken lassen, wessen Bild er so lebendig in sich trage. Die Ähnlichkeit mit der Mutter hatte ihn die Kleinen, die ihm zufällig begegnet, als seines Bruders Kinder erkennen lassen. Die Frage aber, wie sie so schnell mit ihm vertraut werden konnten, hätte man an den alten Valentin tun müssen. War er es doch gewesen, der ihnen immer von demOnkel erzählt, der bald zu ihnen komme. Vielleicht nur, um mit jemand von dem sprechen zu können, von dem er so gern sprach. Der Bruder und die Schwägerin wichen solchen Gesprächen aus, und der alte Herr machte sich nicht so gemein mit dem alten Gesellen, über Dinge mit ihm zu sprechen, die ihm den Vorwand bieten konnten, in irgendeine Art Vertraulichkeit gegen ihn zu verfallen. Der alte Valentin hätte auch sagen können, die Kinder waren nicht zufällig dem Onkel begegnet. Sie waren gegangen, um ihn zu finden. Der alte Valentin hatte daran gedacht, wie tausend Heimkehrenden die harrende Liebe entgegeneilt; es hatte ihm weh getan, daß nur seinem Liebling kein Gruß entgegenkäme, ehe er pochte an des Vaters Tür.

Apollonius verstummte plötzlich. Er erschrak, daß die Verlegenheit ihn des Vaters vergessen gemacht. Der Bruder verstand seine Bewegung und sagte erleichtert: „er ist im Gärtchen“. Apollonius sprang auf und eilte hinaus.

Da unter seinen Beeten kauerte die Gestalt des alten Herrn. Er folgte der Schere des alten Valentin, der auf den Knien vor ihm herrutschte, noch immer mit den prüfenden Händen. Er fand manche Ungleichheit, die der Geselle sofort entfernen mußte. Ein Wunder war es nicht. Der alte Valentin dachte jede Minute zweimal: jetzt kommt er! und wenn er so dachte, fuhr die Schere quer in den Buchsbaum hinein. Und der alte Herr würde noch anders gebrummt haben, hätte nicht derselbe Gedanke die Hand unsicher gemacht, die nun sein Auge war.

Apollonius stand vor dem Vater und konnte vor Schmerznicht sprechen. Er hatte lang gewußt, der Vater war blind, er hatte sich ihn oft in schmerzlichen Gedanken vorgemalt. Da war er gewesen wie sonst, nur mit einem Schirm vor den Augen. Er hatte sich ihn sitzend oder auf den alten Valentin sich lehnend gedacht, aber nie, wie er ihn jetzt sah, die hohe Gestalt hilflos wie ein Kind, die kauernde Stellung, die zitternd und ungewiß vor sich hingreifenden Hände. Nun wußte er erst, was blind sein heißt.

Valentin setzte die Schere ab und lachte oder weinte auf den Knien; man konnte nicht sagen, was er tat. Der alte Herr neigte erst wie horchend den Kopf auf die Seite, dann nahm er sich zusammen. Apollonius sah, der Vater empfand seine Blindheit als etwas, des er sich schämen müsse. Er sah, wie der alte Herr sich anstrengte, jede Bewegung zu vermeiden, die daran erinnern könnte, er sei blind. Er wußte nun erst, was bei dem alten Mann, den er so sehr liebte, blind sein hieß! Der alte Herr ahnte, daß der Ankömmling in seiner Nähe war. Aber wo? auf welcher Seite? Apollonius fühlte, der Vater empfand diese Ungewißheit mit Beschämung, und zwang die versagende Brust zu dem Rufe: „Vater! lieber Vater!“ Er stürzte neben dem alten Herrn in die Knie und wollte beide Arme um ihn schlagen. Der alte Herr machte eine Bewegung, die um Schonung zu bitten schien, obgleich sie nur den Jüngling von ihm abhalten sollte. Der schlug die zurückgewiesenen Arme um die eigene Brust, den Schmerz da festzuhalten, der, über die Lippen gestiegen, dem Vater verraten hätte, wie tief er dessen Elend empfand. Die gleiche Schonung ließ den alten Valentin die unwillkürlicheBewegung, dem alten Herrn sich aufrichten zu helfen, zu einem Griff nach der Schere machen, die zwischen ihm und diesem lag. Auch er wollte dem Ankömmling verbergen, was nicht zu verbergen war. So treu und tief hatte er sich in seinen alten Herrn hineingelebt.

Der alte Herr hatte sich erhoben und reichte dem Sohne die Hand, etwa als wäre dieser so viel Tage fortgewesen als er Jahre fortgewesen war. „Du wirst müde sein und hungrig! Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen. Wegen des Geschäftes rede mit dem Fritz. Ich hab’s aufgegeben. Ich will Ruhe haben. Aber das ist’s eigentlich nicht; junge Leute müssen auch einmal selbständig werden. Das gibt mehr Lust zum Geschäft.“

Er trat dem Sohn einen Schritt näher. Es war wie ein Kampf in ihm. Er wollte etwas sagen, das niemand hören sollte, als der Sohn. Aber er schwieg. Ein Gedankenschatten von Mißtrauen und Furcht, sich etwas zu vergeben, flog über sein steinernes Gesicht. Er winkte dem Sohn, zu gehen. Aber er selbst blieb regungslos stehen, bis sein scharfes Ohr die Tür der Wohnstube öffnen und schließen gehört. Dann ging er nach der Laube, immer voll Anstrengung und scheinbarer Sorglosigkeit. Drinnen stand er lang, mit dem Gesichte der grünen Hinterwand zugekehrt, und schien die Ranken von Teufelszwirn, die diese bildeten, angelegentlich zu mustern. Allerlei Gedanken zogen über seine Stirn. Es waren sorgenvolle, seltener von Hoffnung angeschimmert, als von Argwohn überdunkelt; und alle galten dem Geschäft und der Ehre des Hauses, um das er vor allen, selbst vor den Gliederndieses Hauses, sich nicht im entferntesten zu kümmern den Anschein gab.

Warum er unterdrückt, was er dem Ankömmling sagen wollte? War es vom Geschäft oder von der Ehre des Hauses? Und wußte oder ahnte er, der anstatt seiner nun um beides zu sorgen hatte, stand an die Tür des Gärtchens gelehnt und konnte hören, was er mit dem Ankömmling sprach, und wenn er heimlich mit ihm sprach, wenigstens sehen, daß er dies tat? War es der Grund, warum er Apollonius hatte zurückrufen lassen aus der Fremde? Und schien ihm noch jetzt jedes Aussprechen eines Warum mit seinem Ansehen unverträglich?

Es war ein wunderlich Beisammensein drinnen in der Wohnstube am Mittagstisch. Der alte Herr saß, wie immer, allein auf seinem Stübchen. Auch die Kinder waren entfernt worden und kamen erst nach dem Essen wieder herein. Die junge Frau hielt sich mehr in der Küche oder sonst wo draußen auf; und saß sie einmal wenige Minuten lang am Tisch, so war sie stumm wie bei der Begrüßung; die grollende Wolke wich nicht von ihrer Stirn. Der Bruder war des Vaters Zustand gewohnt, der Apollonius noch mit erster Schärfe in das Herz schnitt; er erzählte nur von den Wunderlichkeiten desselben; der im blauen Rock wisse selbst nicht, was er wolle, und mache sich und allen im Hause ohne Not das Leben sauer. Begann Apollonius von dem Geschäft, von der bevorstehenden Reparatur des Kirchendachs von Sankt Georg, dann sprach der Bruder von Vergnügungen, mit denen er sich freue, dem Bruder seinen Aufenthalt bei ihm angenehmer zu machen, und gedachte dieses Aufenthalts stets als einesvorübergehenden Besuches. Sagte der ihm, er sei nicht gekommen, sich zu vergnügen, sondern zu arbeiten, dann lachte er wie über einen unvergleichlichen Witz, daß Apollonius helfen wolle, nichts zu tun, und zeigte, er verstehe Spaß, und wäre er auch noch so trocken vorgetragen. Dann, war seine Frau hinausgegangen, forschte er nach dem Verhältnis Apollonius zu der Tochter des Vetters und lachte dann wieder über den Bruder Spaßvogel, in dem man den alten Träumer gar nicht wiedererkenne.

Nach Tisch kamen die Kinder wieder herein und mit ihnen mehr Leben und Gemütlichkeit. Während Apollonius vor den alten Verhältnissen noch als vor neuen und fremden stand, hatte das neue zu den Kleinen schon die ganze Vertraulichkeit eines alten gewonnen. Den ganzen Nachmittag beschäftigte den Bruder und, wie es schien, auch die Schwägerin, nur der Ball. Der Bruder vergaß immer mehr, was ihm unbehaglich sein mochte, über dem Eindruck, den er als Hauptperson bei dem Feste auf den Ankömmling machen würde, und benutzte die Zeit bis zum Beginne desselben, ihm durch Erzählungen und hingeworfene Winke von Ehre und Aufmerksamkeit, die ihm bei solchen Gelegenheiten von den angesehensten Bürgern erwiesen werde, einen Vorgeschmack zu geben. Er wurde zusehends heiterer und schritt immer stolzer in der Stube hin und her. Das Knarren seiner wohlgewichsten Stiefel sagte einstweilen, ehe es die Ballgäste taten: „Ei, da ist er ja! da ist er ja!“ und wenn er dazwischen mit beiden Händen in den Hosentaschen mit Geld klapperte, klang es aus allen Saalecken: „Nun wird’s famos! Nunwird’s famos!“ Und dahin zwischen den Bewillkommnenden — aber schon ging er nicht mehr, er schwebte, er schwamm auf der Musik — jeder Tanz war eine Jubelouvertüre auf den Namen Nettenmair — er fühlte keinen Boden, keine Füße, keine Beine mehr unter sich, kaum noch die junge Frau Nettenmair, die neben ihm schwamm, an seiner rechten Floßfeder hängend, die Schönste unter den Schönen, wie er der Jovialste unter den Jovialen, der Daumen an der Hand des Balles war.

Und zwei Stunden darauf klang es wirklich von allen Seiten: „da ist er!“ rief es wirklich aus allen Ecken: „nun wird’s famos!“ Wo sie vorbeikamen, wurden Stühle angeboten. Keine Hand wurde so oft und anhaltend geschüttelt, als des jovialen Fritz Nettenmairs, keinem Gesellschaftsmitgliede so viel ungeheucheltes Lob in die Ohren gegossen, als ihm. Aber wie liebenswürdig war er auch! Wie herablassend nahm er alle die verdienten Huldigungen auf. Wie witzig zeigte er sich; wie gefällig lachte er. Und nicht allein über seine eigenen Späße — denn das war keine Kunst; sie waren so geistreich, daß er lachen mußte, wenn er nicht wollte — auch über andre, so wenig die es, gegen die seinen gehalten, verdienten. Es gab freilich auch Leute, die sich wenig an ihn kehrten, aber er bemerkte sie nicht, und die es deutlicher zeigten, waren „Philister, Alltagskerle, unbedeutende Menschen“, wie er dem Bruder mit verächtlichem Bedauern in das Ohr sagte. Es war ganz eigen; man konnte an dem Grad ihrer Verehrung von Fritz Nettenmair ihre größere oder geringere Bedeutung als Menschen und Bürger ganzgenau ermessen. Da stand er, den roten Kopf in den Schultern, die das ungeheuchelte Gefühl seiner Wichtigkeit — und seine eigene stille Meinung von sich war noch ungeheuchelter als die laut ausgesprochene der bedeutendsten Leute im Saale über ihn — noch mehr als gewöhnlich in die Höhe gezogen, die Arme bald in graziöser Eckigkeit an den Leib gedrückt, bald ausgestreckt, um mit dem Stocke irgendeinem der bedeutendsten Leute eine klatschende Liebkosung zu versetzen, die jederzeit mit einem dankbaren Lächeln erwidert wurde.

Als der Tanz begann, zog Fritz Nettenmair den Bruder in eine Nebenstube. „Du mußt tanzen,“ sagte er. „Von meiner Frau würdest du einen Korb holen und das wär’ mir unangenehm. Ich will dir eine zuführen, die firm ist und dich im Takt erhalten kann. Nur herzhaft, Junge, wenn’s auch nicht gleich gehen will.“

Fritz Nettenmair hatte in der Aufregung der Eitelkeit sechs Jahre vergessen. Der Bruder war ihm noch der alte Träumer, den er zuweilen zu seinem Vergnügen zu tanzen zwang. Als er nun, die Weigerung nicht achtend, Apollonius das Mädchen zuführte, ergab sich dieser, um nicht unhöflich zu erscheinen.

Herr Fritz Nettenmair war der gutmütigste Mensch von der Welt, solang er sich als alleinigen Gegenstand der allgemeinen Bewunderung wußte. In solcher Stimmung konnte er für diejenigen, die sein Glanz in den Schatten stellte, Taten der Aufopferung tun. So auch jetzt. Wie er unter den bedeutenden Leuten saß, die er mit Champagner traktierte, und in den Augen seiner Frau die Befriedigung las, mit der sieihn mit Ehren überhäuft sah, kam die Empfindung über ihn, als habe er dem Bruder ein großes Unrecht verziehen und er sei ein außerordentlich edler Mensch, der alle die Ehrenbezeigungen verdiene und in wunderbarer Anspruchlosigkeit sich dennoch herablasse, sich durch sie rühren zu lassen. Eben tanzte Apollonius vorüber. Er sah, der war der alte Träumer nicht mehr, aber er vergab ihm auch das. Alle Augen waren auf den schönen Tänzer und seinen gewandten Anstand gerichtet. Fritz zog seine Frau auf, und in der Gewißheit, wie sehr er den Bruder überglänzen müsse, hatte er noch die Wollust, dem Bruder wer weiß wieviel Unrecht, das ihm dieser nie zugefügt, zu verzeihen.

Aber der Undankbare! Er ließ sich nicht überglänzen. Fritz Nettenmair tanzte jovial und wie einer, der die Welt kennt und mit der Art umzugehen weiß, die lange Haare hat und Schürzen trägt; der Bruder war ein steifes Bild dagegen. Der nickte den Takt nicht mit dem Kopfe, der warf nicht, trat der linke Fuß im Niedertakte auf, den Oberleib auf die rechte Seite und umgekehrt; der fuhr nicht mit kühner Genialität hin und wieder quer über den Tanzsaal und stach andere Paare aus; der tanzte durchaus weder jovial, noch wie einer, der die Welt kennt und mit der Art umzugehen weiß, die lange Haare und Schürzen trägt; und dennoch blieben alle Blicke auf ihm haften; und Fritz Nettenmair übertraf vergeblich sich selbst.

Es war der ledernste Ball, den Fritz Nettenmair mitgemacht; er konnte nicht lederner sein, war Fritz Nettenmair daheim geblieben. Fritz Nettenmair versicherte es mit hohenSchwüren, und die bedeutenden Leute, die seinen Champagner tranken, stimmten, wie immer, unbedingt in seine Meinung ein.

Einige bedeutende Frauen sprachen gegen Frau Nettenmair ihre gerechte freundschaftliche Entrüstung über den Schwager aus. Daß dieser nicht die Schwägerin zuerst zum Tanze aufgezogen, bewies eine unverzeihliche Mißachtung derselben. Frau Nettenmair, die das allgemeine Unrecht an ihrem jovialen Gatten so tief fühlte, als wäre es ihr selber angetan, sagte, der Schwager habe wohl gewußt, daß er sich nur einen Korb bei ihr geholt hätte. Aber Apollonius wurde nur immer mehr bewundert und geehrt und der Ball demzufolge nur immer noch lederner. So ledern, daß Fritz Nettenmair mit seiner Frau zu einer Stunde aufbrach, wo er sonst erst recht jovial zu werden anfing. Dennoch sammelte er feurige Kohlen auf des undankbaren Bruders Haupt. Er bat in dessen Namen das Mädchen, dem Bruder zu erlauben, daß er sie heimbegleiten dürfe. Dann ging er aus dem Nebenstübchen wieder in den Saal zu seiner Frau und verließ mit dieser unter der ungeheucheltsten Verzweiflung der bedeutenden Leute, die noch Durst nach Champagner hatten, das Haus.

Apollonius fand, als er des aufgenötigten Ritterdienstes gegen seine Dame sich entledigt, die Tür des Vaterhauses offen und alle seine Bewohner schon im Schlafe. Wenigstens zeigte sich nirgends Licht, und alles war still. Der Bruder hatte ihm das Kämmerchen links an der Emporlaube zur Wohnung angewiesen. Zu Apollonius’ Glück hatten die sechs Jahre das Haus nicht verändert, wie seine Bewohner. Er ging leisedurch die Hintertür, an dem freundlich knurrenden Moldau vorbei, dem er voll Dankbarkeit für das Zeichen seiner Beständigkeit den rauhen Hals streichelte, stieg die Treppe herauf, schritt die Emporlaube entlang und fand ein Bett in seinem Stübchen. Aber er saß noch lang, ehe er sich entkleidete, auf dem Stuhl am Fenster und verglich, was er gefunden, mit dem, was er verlassen.

Gedanken und Bilder des Vergleichs spielten noch in seine Träume hinein. Der Vater stand wieder vor ihm und kündigte ihm an, er müsse noch morgen nach Köln, und inmitten der Rede brach die rüstige Gestalt zusammen und tappte hilflos mit zitternden Händen an der Erde herum und schämte sich ihrer Blindheit. Der Bruder saß dabei und trank Champagner. Die Schwägerin kam aus dem Hause, das liebliche, offene Gesicht voll Zutraulichkeit und Aufrichtigkeit von sonst; die Blume, die sie vor Apollonius hinlegen wollte, fiel aus ihrer Hand, als sie den Bruder erblickte und der ihm neue, fremde Zug von Leerheit, gedankenloser, eitler Vergnügungssucht, von grollender Bitterkeit gegen Apollonius legte sich über sie wie ein schmutziges Spinnengewebe. Er wollte arbeitend sich vergessen, aber der Bruder rüttelte an dem Fahrstuhl, daß er fast hinunterstürzte aus der Schwindelhöhe auf das Pflaster und sagte: ein Besuch für vierzehn Tage dürfe nicht arbeiten. Und sonderbar war es, daß ihm jetzt Köln als seine Heimat erschien und seine Vaterstadt so fremd, daß er sich die bittersten Vorwürfe machte in seiner Gewissenhaftigkeit. Dann fand er sich wieder auf dem Fahrstuhl hoch am Turmdach. Da war alles anders, als es sein sollte,die Schiefer in verkehrter Richtung gedeckt, und nun stak er in die Ausfahrtür eingeklemmt, ringsum in staubige Spinnengewebe eingewickelt; er hatte seine Festtagskleider an; sie waren voll Schmutz; er wischte und bürstete, daß er schwitzte, und sie wurden nicht rein.

Und so oft er von der vergeblichen Bemühung aufwachte, wiederholte er sich laut den Entschluß, den er vor dem Niederlegen gefaßt. Am nächsten Morgen mußte er wissen, was er hier sollte, mußte sein Verhältnis zum Vaterhause ein klares sein. War keine Arbeit für ihn, so sah ihn der Morgen noch auf seinem Rückwege nach Köln. —

Mit der Sonne war er auf; aber er mußte lange warten, bis es dem Bruder gefiel, sich von seinem Lager zu erheben. Er benutzte die Zeit zu einem Gange durch Sankt Georg; er wollte sich selbst überzeugen, was dort zu tun sei. Als er wieder zurückkam, traf er auf seinen Bruder und einen Herrn mit ihm, die eben im Begriffe waren, die Wohnstube zu verlassen. Den Herrn kannte Apollonius noch von früher her als den Deputierten des Stadtrats für das Baufach. Sie begrüßten sich. Sie hatten schon gestern auf dem Balle sich gesprochen, wo der Herr sich eben nicht als ein bedeutender Mensch und Bürger ausgewiesen, vielmehr zu den Philistern, Alltagskerlen und Unbedeutenden gehalten hatte. Es schien ihm nicht unlieb, Apollonius eben jetzt zu begegnen. Nach einigen hergebrachten Wechselreden kam er auf den Zweck seines Hierseins. Es sollte diesen Morgen noch eine letzte Beratung von Sachverständigen stattfinden über das, was an Kirchen- und Turmdach zu tun sei, damit das Resultat derselbennoch bei der am Nachmittag stattfindenden Ratssitzung vorgetragen und Beschluß gefaßt werden könne. Fritz Nettenmair und der Ratsbauherr waren eben auf dem Wege nach Sankt Georg, wo sie die übrigen Sachverständigen bereits versammelt wußten.

Der Bruder wollte seinen Besuch, wie er sagte, nicht mit der Teilnahme an fremden Geschäften beschweren: ebensowenig mochte er ihn — aber das sagte er nicht — allein daheim lassen. Er bestellte Apollonius nach dem Waldhause, von wo er ihn zu einem Spaziergange abholen würde. Apollonius versicherte ganz unbefangen, daß er lieber der Verhandlung beiwohnen möchte, und als der Ratsbauherr ihn sogar als einen Sachverständigen mehr zum Mitgehen aufforderte, war kein Vorwand zu finden, es zu verhindern. Vielleicht hatte Fritz Nettenmair eine Ahnung davon, bald werde er dem Ankömmling noch weit mehr zu verzeihen haben.

Sie fanden die übrige Versammlung, zwei fremde Schieferdeckermeister und die städtischen Ratsbauleute, den Ratszimmermann, Maurer und Klempner an der Turmtüre ihrer harrend. Man hatte bereits einige fliegende Rüstungen zum Behufe der Untersuchung an dem Dache angebracht; auf dem Kirchenboden, der größten davon zunächst, ging die Beratung vor sich. Apollonius stand bescheiden einige Schritte entfernt, um zu hören und, wenn er gefragt würde, auch zu reden. Er hatte das Dach vorhin genau untersucht und sich eine Meinung von der Sache gebildet.

Die beiden fremden Schieferdecker sprachen sich für dieNotwendigkeit einer umfassenderen Reparatur aus. Fritz Nettenmair dagegen war überzeugt, mit einigen kleinen Flickereien, die er angab, sei wiederum für Jahre geholfen. Ihm stimmten die Ratsmeister, Zimmermann, Maurer und Blechschmied eifrig bei; lauter joviale und bedeutende Männer vom gestrigen Balle, die gewissenhaft schlossen, wessen Champagner man trinke, dessen Meinung müsse man sein. Die fremden Schieferdecker wußten recht gut, der Rat fürchtete die Kosten einer umfassenderen Reparatur und verschob die höchst notwendige schon lange von Jahr zu Jahr. Da sie obendrein selbst keine Aussicht hatten, sich die Reparatur übertragen zu sehen, so gaben sie sich nicht unnütze Mühe, Herrn Fritz Nettenmair Arbeit und Gewinn aufdringen zu helfen, woran ihm selber nichts gelegen schien. Sie fanden daher im Laufe der Verhandlung immer mehr, daß, je nachdem man die Sache ansehe, auch Herr Fritz Nettenmair recht habe. Vielleicht begriff der Ratsbauherr, ein braver Mann, ihre, wie der bedeutenden Leute Beweggründe. Er hatte mit unbefriedigtem Gesicht eine Weile geschwiegen, als ihm Apollonius einfiel. Er sah in dessen Zügen ein Etwas ausgedrückt, das seiner eigenen Meinung zu entsprechen schien: „Und was sagen Sie?“ wandte er sich zu ihm.

Apollonius trat bescheiden einen Schritt näher.

„Ich wünschte, Sie sähen sich die Sache so genau als möglich an,“ sagte der Ratsherr.

Apollonius entgegnete, er habe das bereits getan.

„Ich brauche Sie nicht darauf aufmerksam zu machen,“ fuhr der Ratsherr fort, „wie wichtig die Sache ist.“

Apollonius verbeugte sich. Der Bauherr hielt zurück, was er noch sagen wollte. Aus des jungen Mannes Angesicht sprach bei aller Weichheit und Milde so strenge Gewissenhaftigkeit und eigensinnige Redlichkeit, daß der Ratsherr sich der Ermahnung fast schämte, die er an ihn hatte richten wollen.

Apollonius begann nun mit den Ergebnissen seiner vorhin angestellten Untersuchung. Er stellte den Zustand der Stellen dar, die er hatte prüfen können und was sich daraus auf die übrigen schließen ließ. Seit achtzig Jahren hatte, das war aus den Kirchenrechnungen bekannt, das Kirchendach keine umfassendere Reparatur erfahren. Wenn auch die Schieferdecke bei gutem Material noch weit länger den Elementen trotzt, ist das doch nicht mit den Nägeln der Fall, mit denen die Schieferplatten auf Belattung und Verschalung aufgenagelt sind. Und wo er geprüft, hatte er die Nägel zum Teil völlig zerstört, zum Teil der völligen Zerstörung nahe gefunden. Das Kirchendach war ein sehr steiles Pultdach; da die Nägel ihre Schuldigkeit nicht mehr taten, hatten sich viele Platten verschoben und der Nässe das Eindringen gestattet; dort zeigte sich, selbst wo sie von Eichenholz war, die Belattung und Verschalung gänzlich morsch; und solche Stellen waren überall.

Es zeigte sich unumgänglich notwendig, die ganze Bedachung umzudecken und die Belattung und Verschalung der morschen Stellen durch neue zu ersetzen. Ein Winter noch mußte den Zustand um weit mehr verschlimmern, als durch Verzögerung der Reparatur an Zinsen gespart wurde; denndiese konnte man ohne den größten Schaden doch nur höchstens bis auf das nächste Jahr hinausschieben. Er führte die Versammelten an Stellen, die zum Belege dienen konnten. Er zog nicht selbst den Schluß, sondern wußte mit der Kunst, die er von dem Vetter gelernt, die Gegner zu zwingen, das für ihn zu tun.

Das Vertrauen und die Achtung des Ratsbauherrn vor unserem Apollonius wuchs zusehends. Er wandte sich im weiteren Gespräch fast nur an ihn und schüttelte ihm herzlich die Hand, als er die Versammlung verließ. Er hoffte, Apollonius werde bei dem Werke, wenn es, wie er nun nicht mehr zweifelte, die Genehmigung des Rats erhielt, sich tätig beteiligen, und trug ihm auf, ein Gutachten abzufassen, auf welche Weise es am zweckmäßigsten anzugreifen sei. Apollonius dankte bescheiden für das Vertrauen, dem er würdig zu entsprechen suchen wolle. Über seine Mittätigkeit bei der Arbeit selbst, entgegnete er, habe sein Vater als Meister zu entscheiden.

„Ich gehe gleich mit Ihnen,“ sagte der Ratsbauherr, „und spreche mit ihm.“

Hatte gleich der Bruder das Geschäft bis jetzt geleitet und wurde er auch von den bedeutenden Leuten als Meister anerkannt und behandelt, er war es noch nicht. Der Alte hatte ihn so wenig Meister werden lassen, als ihm das Geschäft förmlich übergeben; er wollte sich, wo er es nötig fände, ein souveränes Einschreiten freihalten.

Der alte Herr hörte die Kommenden schon von weitem und tastete sich nach der Bank in seiner Laube. Da saß er,als sie eintraten. Nach geschehener Begrüßung fragte der Bauherr nach Herrn Nettenmairs Befinden.

„Ich danke Ihnen,“ entgegnete der alte Herr; „ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen.“ Er lächelte dazu und der Bauherr wechselte mit Apollonius einen Blick, der dem Manne Apollonius ganze Seele gewann. Dann erzählte er dem alten Herrn die ganze Beratung und machte, daß Apollonius in seiner Bescheidenheit errötete und lange nicht seine gewöhnliche Farbe wiederfand. Der alte Herr rückte seinen Schirm tiefer in sein Gesicht, um niemand die Gedanken sehen zu lassen, die da wunderlich miteinander kämpften.

Wer unter den Schirm sehen konnte, hätte gemeint, zuerst, der alte Herr freute sich; der Schatten von Argwohn, mit dem er gestern Apollonius empfing, schwindet. So braucht er doch nicht zu fürchten, der wird mit dem Bruder gemeine Sache gegen ihn machen! Ja, es erschien ein Etwas auf dem Antlitz, das sich zu schadenfreuen schien über die Demütigung des Älteren. Vielleicht wäre er nach seiner Weise eingeschritten mit einem lakonischen: „du versiehst meine Stelle von nun an, Apollonius, hörst du?“ hätte nicht der Bauherr dessen Lob gepriesen und wäre das nicht so verdient gewesen.

„Ja,“ sagte er in seiner diplomatischen Art, seine Gedanken dadurch zu verbergen, daß er sie nur halb aussprach; „ja, die Jugend! er ist jung.“ — „Und doch schon so tüchtig!“ ergänzte der Bauherr.

Der alte Herr neigte seinen Kopf. Wer ein Interesse daran fand, wie der Bauherr, konnte glauben, er nickte dazu.Aber er meinte: „die Jugend gilt heutzutag in der Welt!“ Ja, er fühlte Stolz, daß sein Sohn so tüchtig, Scham, daß er selber blind, Freude, daß Fritz nun nicht mehr konnte, wie er wollte, daß die Ehre des Hauses einen Wächter mehr gewonnen, Furcht, die Tüchtigkeit, der er sich freute, mache ihn selbst überflüssig. Und er konnte nichts dagegen tun; er konnte nichts mehr, er war nichts mehr. Und als hätte Apollonius das ausgesprochen, erhob er sich straff, wie um zu zeigen, jener triumphiere zu früh.

Der Bauherr bat, der alte Herr möge den Sohn für die Dauer der Reparatur hier behalten und dabei tätig sein lassen. Der alte Herr schwieg eine Weile, als warte er darauf, Apollonius solle sich des Dableibens weigern. Dann schien er anzunehmen, Apollonius weigere sich, denn er befahl in seiner grimmigen Kürze: „du bleibst; hörst du?“

Apollonius begab sich auf sein Stübchen, seine Sachen auszupacken. Er war noch darüber, als die Nachricht kam, der Stadtrat habe die Reparatur genehmigt.

So war es bestimmt: er blieb. Er durfte für die geliebte Heimat schaffen und anwenden, was er in der Fremde gelernt.

Wer den ganzen Apollonius Nettenmair mit einem Blicke überschauen wollte, mußte jetzt in sein Stübchen hineinsehen. Das Hauptziel aller seiner Wünsche war erreicht. Er war voll Freude. Aber er sprang nicht auf, rannte nicht in der Stube umher, er ließ nichts fallen, verlegte nichts, suchte nicht im Koffer oder auf dem Stuhle, was er in den Händen hielt. Die Freude verwirrte ihn nicht, sie machte ihn klarer, ja, siemachte ihn eigensinniger. Kein Federchen, nicht ein Stäubchen auf den Kleidern, die er auspackte, übersah er; er strich nicht einmal weniger, als er gewohnt war, darüber hin; nur an der Art, wie er es tat, sah man, was in ihm vorging. Es war zugleich ein Liebkosen der Dinge. Die Freude über ein neugewonnenes Gut verdunkelte ihm keinen Augenblick, was er schon besaß. Alles war ihm noch einmal geschenkt, und das Verhältnis zu jedem seiner Besitzstücke zeigte das Gepräge einer liebenden und doch rücksichtsvollen Achtung. Wenn er an das Lob des Bauherrn dachte, war seine Freude darüber im einsamen Stübchen mit demselben bescheiden abweisenden Erröten gepaart, womit er es in Gegenwart von andern aufgenommen. Für ihn gab es kein Allein und kein vor den Leuten.

Als er sich eingerichtet sah, ging er sogleich an das verlangte Gutachten. Die Reparatur war auf seinen Rat beschlossen worden, er war nicht allein als seines Vaters Geselle, als bloßer Arbeiter dabei beteiligt; er fühlte, er hatte noch eine besondere moralische Verpflichtung gegen seine Vaterstadt eingegangen; er mußte tun, was in seinen Kräften stand, ihr zu genügen. Er hätte keiner solchen Erweckung bedurft; er hätte ohnedies getan, was er vermochte; er kannte sich zu wenig, um das zu wissen.

In dieser erhöhten Stimmung erschien ihm leicht, was sein Dableiben von seiten des Bruders und der Schwägerin unbehaglich zu machen drohte, zu überwinden. Der Bruder wünschte sein Gehen ja nur um des Widerwillens der Schwägerin willen, und der war durch Ausdauer redlichen Mühenszu besiegen. Seinen Bruder hatte er nie beleidigt; er wollte sich ihm im Geschäfte willig unterordnen. Er dachte nicht, daß man beleidigen kann, ohne zu wissen und zu wollen, ja, daß die Pflicht gebieten könne, zu beleidigen. Er dachte nicht, daß sein Bruder ihn beleidigt haben könnte. Er wußte nicht, man könne auch den hassen, den man beleidigt, nicht bloß den Beleidiger.

Unten am Schuppen stand der ungemütliche Geselle grinsend vor Fritz Nettenmair und sagte: „Mit dem ersten Blick hab’ ich einen weg. Ja, der Herr Apollonius! Aber es hat nichts zu sagen. Wird nicht lang dauern das!“

Fritz Nettenmair kaute an den Nägeln und übersah die Gebärde, die ihn reizen sollte, zu fragen, wie der Gesell das meine mit dem nicht lang dauern. Er ging nach der Wohnstube und fuhr im Gehen leise gegen einen jemand auf, der nicht da war: „Rechtschaffenheit? Geschäftskenntnis, wie der Alltagsbauratskerl sagt? Ich weiß, warum du dich aufdringst und einnistest, du Federchensucher! du Staubwischer! Tu’ unschuldig, wie du willst, ich“ — er machte die Gebärde, die hieß: „Ich bin einer, der das Leben kennt und die Art, die lange Haare und Schürzen trägt!“ Damit wandte er sich nach der Tür, aber die Wendung war nicht jovial wie sonst. —

Wie mancher meint die Welt zu kennen und kennt nur sich!

Der Geist des Hauses mit den grünen Fensterladen wußte mehr als Apollonius Nettenmair, wußte mehr als alle. Er schaute nachts durch das Fenster, wo Apollonius bei der Lampe noch immer an seinem Gutachten schrieb. Auf dasPapier vor dem jungen Manne fiel sein bleicher Schatten, und der Schreibende atmete schwer auf, er wußte nicht, warum. Dann schritt er mit ängstlicher Gebärde den Gang zum Schuppen hin, und der alte Hund an seiner Kette heulte im Schlafe und wußte nicht warum. Die junge Frau sah seine Hand über des Gatten Stirne fahren; sie erschrak, der Gatte erschrak mit und wußte nicht warum. Dem alten Herrn träumte, man trüge einen Toten mit Schande in das Haus, und das alte Haus knackte in allen seinen Balken und wußte nicht warum. Und der Geist wandelte noch lange, als alles schon zu Bette war, durch seine Zimmer, herauf und herab, her und hin, auf der Emporlaube, im Gärtchen, im Schuppen und im Gang, und rang die bleichen Hände; er wußte, warum.


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