Chapter 5

Dächer, die mit Metall oder Ziegeln eingedeckt sind, machen in der Regel erst nach einer Reihe von Jahren eine Reparatur nötig; bei Schieferdächern ist es anders. Durch die Rüstungen und das Besteigen der Dachfläche während des Eindeckens entstehen unvermeidlich allerlei Beschädigungen der Schieferplatten, die sich nicht immer sogleich zeigen. Die ersten drei Jahre nach beendeter Ein- oder Umdeckung verlangen oft bedeutendere Nachbesserungen als die fünfzig Nächstfolgenden. Zu dieser alten Erfahrung gab auch das Kirchendach von Sankt Georg seinen Beleg. Die Schieferdecke des Turmes dagegen, die Apollonius allein besorgt, legte genügendes Zeugnis ab von ihres Schöpfers eigensinniger Gewissenhaftigkeit. Die Dohlen, die sie bewohnten, hätten noch lange Zeit Ruhe gehabt vor seinem Fahrzeug, hätte nicht ein alter Klempnermeister seinen kirchlichen Sinn durch Stiftung eines blechernen Zierates an den Tag legen wollen. Es war ein Blumenkranz, den Apollonius dem Turmdach umlegen sollte, um dessentwillen er diesmal seine Leiter an der Helmstange anknüpfte. Vor etwas mehr als einem halben Jahre hatte er sie abgenommen.

Unterdes war sein angestrengtes Bestreben nicht ohne Erfolg geblieben. Die alten Kunden hatte er festgehalten und neue dazugewonnen. Die Gläubiger hatten ihre Zinsen und eine kleine Abschlagszahlung für das erste Jahr; das Vertrauen und die Achtung vor Apollonius wuchs mit jedem Tage; mit ihnen seine Hoffnung und seine Kraft, die er mit verdoppelter Anstrengung bezahlte.

Könnte man nur dasselbe von seinem Bruder sagen! von dem Verständnis der beiden Gatten!

Es war ein Glück für Apollonius, daß er mit seiner ganzen Seele bei seinem Vorhaben sein mußte, daß er keine Zeit übrig behielt, dem Bruder Schritt für Schritt mit Auge und Herz zu folgen, zu sehen, wie der immer tiefer sank, den zu retten er sich mühte. Wenn er sich freute über sein Gelingen, so war es aus Treue gegen den Bruder und dessen Angehörige; der Bruder sah etwas andres in seiner Freude und dachte auf nichts, als sie zu stören.

Es kam weit mit Fritz Nettenmair.

Im Anfang hatte er den größten Teil des wöchentlich für seinen Hausstand Ausgesetzten der Frau übergeben. Dann behielt er immer mehr zurück und zuletzt trug er das ganze dahin, wohin ihm das Bedürfnis, durch Traktieren sich Schmeichler zu erkaufen, treuer gefolgt war, als die Achtung der Stadt. Die Erfahrung an den „bedeutenden“ Leuten hatte ihn nicht bekehrt. Die Frau hatte sich kümmerlicher und kümmerlicher behelfen müssen. Der alte Valentin sah ihre Not, und von nun an ging das Haushaltsgeld nicht mehr durch ihres Mannes, sondern durch Valentins Hände. Zuletztwurde Valentin ihr Schatzmeister und gab ihr nie mehr, als sie augenblicklich bedurfte, weil das Geld in ihren Händen nicht mehr vor dem Manne sicher war. Sie mußte das, wie alles, von ihm entgelten. Er war schon gewohnt, an der ganzen Welt, die ihn verfolgte, an sich selbst, an dem Gelingen Apollonius’, in ihr sich zu rächen. Valentin hätte ihn schon lang darum bei Apollonius verklagt, wenn nicht die Frau selber ihn daran gehindert hätte. Es war ihr eine Genugtuung, um den Mann zu leiden, der ja um sie und ihre Kinder noch mehr litt. Wußte sie Apollonius im Sturm auf der Reise, dann weilte sie stundenlang im unbedeckten Hofe: das Wetter, das ihn traf, sollte auch sie treffen; sie wollte eine gleich schwere Last tragen, wenn sie die seine nicht erleichtern konnte. Soweit trieb sie ihre Opferlust.

Sonst benutzte sie die Zeit, die ihr Wirtschaft und Kinder übrig ließen, zu allerlei Arbeiten, die Valentin als ihr Agent vertrieb. Das Geld dafür verwandte sie zum Teil — sie konnte lieber hungern, wenn auch nicht ihre Kinder hungern sehen — die Wohnstube mit allerlei zu schmücken, wovon sie wußte, daß Apollonius es liebte. Und doch wußte sie, Apollonius kam nie dahin, er sah es nie. Aber sie hätte es nicht getan, wußte sie, er würde es sehen. Ihr Gatte sah es, so oft er in die Stube trat. Ihm entging nichts, was seinem Zorne und seinem Hasse einen Vorwand entgegenbringen konnte. Er sah die Haare seiner Knaben in Schrauben gedreht, wie sie Apollonius trug; er sah die Ähnlichkeit Apollonius in den Zügen der Frau und der Kinder entstehen und wachsen; er hatte ein Auge für alles, was seines WeibesVerehrung für den Bruder, was ihr bewußtes, selbst was ihr unbewußtes Sichhineinbilden in des Verhaßten eigenste Eigenheit ausplauderte; er verfolgte dessen Einfluß bis zu dem rechtwinkligen Stande der Wirbel an der Fenstersäule. Dann begann er auf Apollonius zu schimpfen, und in Ausdrücken, als müßte nun auch er zeigen, wieviel man von fremder Art annehmen könne.

Waren die Kinder zugegen, dann war es der Frau erste Sorge, sie zu entfernen. Sie sollten seine Roheit nicht kennen und den Vater verachten lernen. Nicht um seinet-, um der Kinder willen. Er verriet nicht, wie gern er „die Spione“ los war. Ihm war es nicht um die Kinder, nur um sich selbst. So einsam hatte ihn die Verderbnis schon gemacht. Er fürchtete die Anklage der Kinder bei Apollonius. Er dachte nicht, daß die Frau selbst ihn verklagen könnte, von der er doch annahm, sie treffe sich mit Apollonius. Leidenschaft und wüstes Leben hatten sein geringes Klarheitsbedürfnis aufgezehrt. Seine Voraussetzungen mochten sich widersprechen, widersprachen sie nur nicht der Stimmung des Augenblicks, der Eigenwilligkeit seiner Leidenschaft. Alles, was er im Zimmer sah, war ihm ein neuer Beweis seiner Schande. Wie sollte er glauben, es habe einen andern Zweck, als von Apollonius bemerkt zu werden! Wenn sie ihm dann sagt, sie möge er schimpfen, nur Apollonius nicht, dann zeigt ihm das scharfe Auge der Eifersucht, wie sie einen Genuß darin findet, um Apollonius zu leiden. Er wirft es ihr vor, und sie leugnet’s nicht. Sie sagt ihm: „weil er um mich leidet und um meine Kinder. Er gibt sein mühsam Erspartes her, umzu ersetzen, wenn der Mann ihren Kindern das wöchentlich Ausgesetzte raubt.“

„Und das sagt er dir? Das hat er dir gesagt!“ lacht der Mann mit wilder Freude, sie auf dem Geständnis zu ertappen, daß sie sich mit ihm trifft.

„Er nicht,“ zürnt die Frau, weil der Verachtete Apollonius mit seinem Maße mißt. Er, der Gatte, verkleinert, was andre für ihn taten, und rückt, was er für andre tut, diesen unaufhörlich und übertreibend vor. Apollonius dagegen vergrößert das Empfangene; von dem, was er erweist, redet er nicht, oder er selbst verkleinert es, um dem andern Bitte, Annahme und Verpflichtungsbewußtsein zu erleichtern. Apollonius selbst sollte es sagen! Der alte Valentin hat es gesagt. Der hat ja die Uhr selbst als seine verkauft, die Apollonius von Köln mitbrachte. Apollonius hat ihm verboten, es ihr zu sagen.

„Und auch zu sagen, daß er’s ihm verboten hat?“ lachte der Gatte. Aber es ist ein Etwas von Verachtung in seinem Lachen. Solche Dinge kann man freilich dem Träumer zutrauen; aber jetzt will er es ihm nicht zutrauen. „Freilich,“ lacht er noch wilder. „Ein noch Dümmerer als der Träumer weiß, umsonst tut’s keine. Die Schlechteste hält sich eines Preises wert. Eine mit solchen Haaren und mit solchen Augen, solchem Leib!“ Er greift ihr in die Haare und sieht ihr in die Augen mit einem Blick, vor dem die Reinheit erröten muß, den nur die Verworfenheit lachend erträgt. Er nimmt das Erröten für ein Geständnis und lacht noch wilder. „Du willst sagen, ich bin noch schlechter als er. Hahaha! Duhast recht. Ich habe eine solche geheiratet. Das hätte er nicht. Dazu ist er doch nicht schlecht genug!“

Jeder Tag, jede Nacht brachte solche Auftritte. Wußte Fritz Nettenmair den Bruder auswärts oder auf seiner Kammer und den alten Herrn im Gärtchen, dann ließ er seinen Zorn an Tischen und Stühlen aus. An der Frau selber sich zu vergreifen, wagte er noch nicht. Erst muß ihn die Wut einmal über den Zauberkreis hinwegreißen, den ihre Unschuld, die Hoheit stillen Duldens um sie zieht. Ist es einmal geschehen, dann hat der Zauber seine Macht verloren und er wird zuletzt aus bloßer Gewohnheit tun, wovor er jetzt noch zurückschreckt. Die Menschen wissen nicht, was sie tun, wenn sie sagen: „ich tu’s ja nur dies einemal.“ Sie wissen nicht, welch wohltätigen Zauber sie zerstören. Daß einmal nie einmal bleibt. —

Der alte Valentin mußte doch nicht Wort gehalten haben oder es führte Apollonius ein Zufall an der Tür vorbei, als der Bruder ihn fern glaubte. Er hörte das Poltern, den wilden Zornesausbruch des Bruders, er hörte den reinen Klang von der Stimme der Frau dazwischen, noch in der Aufregung rein und wohlklingend. Er hörte beide, ohne zu verstehen, was sie sprachen. Er erschrak. Soweit hatte er sich das Zerwürfnis nicht vorgestellt. Er mußte tun, was er konnte, den Zustand zu bessern.

Der Bruder blieb erst wie versteinert in seiner drohenden Stellung, als er den Eintretenden erblickte. Er hatte das Gefühl eines Menschen, der plötzlich bei einem Unrechte überrascht wird. Hätte ihn Apollonius angelassen, wie er verdiente,er wäre vor ihm gekrochen. Aber Apollonius wollte ja versöhnen und sprach das ruhig und herzlich aus. Er hätte es freilich wissen können, er hatte es oft genug erfahren, seine Milde gab dem Bruder nur Mut zu höhnendem Trotz; er erfuhr es jetzt wieder. Fritz verhöhnte ihn wild lachend, daß er einen Vorwand mache, wo er Herr sei. Ob er sich deshalb zum Herrn des Hauses gemacht? Er wußte, er an Apollonius’ Stelle wäre anders aufgetreten. Er hätte es die fühlen lassen, die er in seiner Gewalt wußte. Er war ein ehrlicher Kerl und brauchte nicht schön zu tun. Dazu fiel ihm ein, wie oft er vergeblich die Tür umschlichen, um Apollonius in der Stube zu überraschen. Jetzt war er ja da in der Stube. Er war hereingetreten, weil er ihn nicht zu finden meinte. Apollonius war es, der erschrecken mußte, Apollonius war der Ertappte, nicht er. Die Versöhnung war nur der erste beste Vorwand, nach dem Apollonius griff. Darum war er so kleinlaut. Darum erschrak die Frau, die ihn glauben machen wollte, Apollonius komme nie in das Zimmer. Darum sah sie so flehend zu ihm auf. Der verachtende Blick, mit dem sie ihn noch eben gemessen, war mit der Larve der erheuchelten Unschuld plötzlich von ihrem schuldbewußten Angesicht gerissen. Nun wußte er gewiß: es war nichts mehr zu verhindern, nur noch zu vergelten. Er konnte nun dem Bruder zeigen, er kannte ihn, hatte ihn immer gekannt.

Er wies auf die Frau. „Sie bettelt, ich soll gehen. Wozu? Ich sehe zum Fenster hinaus. Das ist ebensogut. Ich sehe nicht, was ihr treibt.“

Apollonius verstand ihn nicht. Die Frau wußte es, ohne ihn anzusehen. Sie wollte hinaus. In seiner Gegenwart erniedrigt zu werden bis zum Kot unter den Füßen, das trug sie nicht. Der Gatte hielt sie fest mit wildem Griff. Er packte sie wie ein Raubvogel. Sie hätte laut schreien müssen, zehrte der Seelenschmerz den körperlichen nicht auf.

„Kehr’ dich nicht daran, daß sie fort will,“ schluchzte Fritz Nettenmair vor krampfhaftem Lachen und faßte den Bruder so mit den Augen, wie er die Frau mit seiner Hand gepackt hielt. „Brauchst nicht ängstlich zu sein. Ich kehre nur den Rücken, so ist sie wieder da. So redet doch miteinander. Du, sag’ ihm, daß du ihn nicht leiden kannst; ich glaub’s ja; was glaubt ein Mann so einer nicht? Und du, gib ihr Lehren, von Köln, wo du alles gelernt hast, wie man seinen Bruder von Haus und Geschäft vertreibt, um — nun, um — hahaha! sag’ ihr doch: ein Weib soll willig sein. Was? O solch ein willig Weib ist — sag’ ihr doch, was so eine ist. Sie weiß es noch nicht, die — Unschuld! hahaha!“

Apollonius begriff nichts von dem, was er hörte und sah; aber der Mißbrauch der männlichen Stärke an einem ohnmächtigen Weibe empörte ihn. Unwillkürlich riß dies Gefühl ihn hin. Er verdoppelte seine ohnedies dem Bruder weit überlegene Kraft, als er den packenden Arm faßte, so daß dieser die Beute losließ und herabfiel wie gelähmt. Die Frau wollte hinaus, aber sie brach kraftlos zusammen. Apollonius fing sie auf und lehnte sie in das Sofa. Dann stand er wie ein zürnender Engel vor dem Bruder.

„Ich habe dich durch Milde gewinnen wollen, aber du bist sie nicht wert. Ich habe viel von dir ertragen und will’s noch,“ sagte Apollonius; „du bist mein Bruder. Du gibst mir schuld, ich habe dich in das Unglück gestürzt; Gott ist mein Zeuge, ich habe alles getan, was ich wußte, dich zu halten. Für wen hab’ ich getan, was du mir vorwirfst, als für dich und um deine Ehre, und deine Frau und deine Kinder zu retten? Wer hat mich dazu gezwungen, gegen dich streng zu sein? Für wen schaff’ ich? Für wen wach’ ich? Wenn du wüßtest, wie mich schmerzt, daß du mich zwingst, dir aufzurücken, was ich für dich tue! Weiß es Gott, du zwingst mich dazu; ich hab’s noch nicht getan, weder vor andern, noch vor mir selbst. Du weißt es selbst, daß du nur einen Vorwand suchst, um unbrüderlich gegen mich zu sein. Ich weiß es und will dich ertragen forthin wie bis jetzt. Aber daß du aus der Abneigung deiner Frau gegen mich einen Vorwand machst, auch sie zu quälen und sie zu behandeln, wie kein braver Mann ein braves Weib behandelt, das dulde ich nicht.“

Fritz Nettenmair lachte entsetzlich auf. Der Bruder hatte ihn auf alle Weise in Schande gebracht und wollte noch den Tugendhaften gegen ihn spielen, den unschuldig Beleidigten, den ritterlichen Beschützer der unschuldig Beleidigten. „Ein braves Weib! Ein so braves Weib! O freilich! Ist sie’s nicht? Du sagst’s und du bist ein braver Mann. Haha! Wer muß es besser wissen, ob ein Weib brav ist, als solch ein braver Mann? Du hast mich nicht um alles gebracht? Du mußt mich noch um meinen Verstand bringen, damit ich deinMärchen glaube. Sie ist dir abgeneigt? sie kann dich nicht leiden? Ja, du weißt’s noch nicht, wie sehr. Ich darf nur fort sein, so wird sie dir’s sagen. Dann wird dir’s schlecht gehen! Sie wird dich erdrücken, damit du ihr’s glaubst. Wenn ich dabei bin, sagt sie’s nicht. So was sagt eine nicht, wenn der Mann dabei ist, wenn sie brav ist, wie die. Warum sagst du nicht, du kannst auch sie nicht leiden? O, ich hab’ schon keinen Verstand mehr! Ich glaub’ schon alles, was ihr mir sagt!“

Fritz Nettenmair war in der Vergeßlichkeit der Leidenschaft überzeugt, die beiden hatten das Märchen von der Abneigung erfunden.

Apollonius stand erschrocken. Er mußte sich sagen, was er nicht glauben wollte. Der Bruder las in seinem Gesichte Schrecken über ein aufdämmerndes Licht, Unwille und Schmerz über Verkennung. Und es war alles so wahr, was er sah, daß er selbst es glauben mußte. Er verstummte vor den Gedanken, die wie Blitze ihm durch das Hirn schlugen. So war’s doch noch zu verhindern gewesen! noch aufzuhalten, was kommen mußte! Und wieder war er selbst — — Aber Apollonius — das sah er trotz seiner Verwirrung — zweifelte noch und konnte nicht glauben. So war sein Wahnsinn wohl noch gut zu machen, so war es vielleicht noch zu verhindern, so war noch aufzuhalten, was kommen mußte, und wenn auch nur für heut’ und morgen noch. Aber wie? wenn er einen wilden Scherz daraus machte? Dergleichen Scherze fielen an ihm nicht auf, und Apollonius war ihm ja schon wieder der Träumer geworden, der alles glaubte, was manihm sagte. Und er selbst wieder einer, der das Leben kennt, der mit Träumern umzugehen weiß. Er mußte es wenigstens versuchen. Aber schnell, ehe Apollonius die Fremdheit des Gedankens überwunden, mit dem er kämpfte. Er brach in ein Gelächter aus, eine schaurige Karikatur des jovialen Lachens, womit er sich ehedem seine eigenen Einfälle zu belohnen pflegte. Es war verwünscht, daß Apollonius sich glauben machen ließ, Fritz Nettenmair sei eifersüchtig! Der joviale Fritz Nettenmair! Und noch dazu auf ihn. Es war noch nichts Verwünschteres auf der Welt passiert als das! Er las in der Frau Gesicht, wie die Wendung sie erleichterte. Er wagte es, sich auf sie zu berufen, wie verwünscht das sei. Ihre Bejahung machte ihn noch kühner. Er lachte nun über die Frau, die so verwünscht sei, ihm zornig vorzuhalten, daß er sie von der Gnade des Gehaßten abhängig gemacht, und lachte, daß daher die kleinen Ehezwiste kamen. Er lachte über Apollonius, daß er einen kleinen Zank so ernst nahm. Wo waren die Eheleute, bei denen dergleichen nicht vorkam? Man sah eben, daß Apollonius noch ein Junggeselle war!

Apollonius hörte von der Hausflur die Stimme des Bauherrn, der nach ihm fragte; er ging rasch hinaus, damit der Bauherr nicht hereinkomme und Zeuge des Auftritts werde. Der Bruder hörte sie zusammen weggehen. Er war noch keineswegs beruhigt. Das ehrliche Gesicht Apollonius’ hatte, als er hinausging, noch immer mit dem Gedanken gekämpft. Fritz Nettenmair war voll Wut über sich selbst und mußte sie an der Frau auslassen. Er fühlte in dem Augenblick, daß er alles tue, was ein Weib schlecht machen kann. IhrBlick verriet ihm, wie sie sich selbst verachtete wegen des Ja, das sie sich hatte abzwingen lassen müssen, wie sie sich sagte, daß nun nichts mehr an ihr zu verderben sei. Er mußte es fürchten, wenn sie das sich selbst sagte. Er durfte sie soweit nicht kommen lassen. Er wußte das, und gleichwohl höhnte er, sie könne ja auch lügen, so geschickt, als irgendeine. Er war nie sein Herr gewesen; jetzt war er es weniger als je.

In Fritz Nettenmair kämpfte heute eine Leidenschaft die andere nieder. Die wüste Gewohnheit, im Trunk sich zu vergessen, zog ihn an hundert Ketten aus dem Hause; die Furcht der Eifersucht hielt ihn mit tausend Krallen darin fest. Hatte der Bruder noch nicht daran gedacht, was er haben konnte, wenn er nur wollte; er selbst hatte ihn nun auf den Gedanken gebracht. Und war der Bruder so brav, als er sich stellte, seine alte Liebe, die Liebe und Schönheit der Frau — Fritz Nettenmair hatte es nie so lebhaft gefühlt, wie schön die Frau war — seine eigene Abhängigkeit von Apollonius, der Haß der Frau gegen ihn, die Gelegenheit des Zusammenwohnens, und, was all diesen Dingen erst die Gewalt gab über seine Furcht, das Bewußtsein seiner Schuld! Und war Apollonius so brav, als er sich stellt — solchen Mächten gegenüber kann er ihm nicht trauen. Den ganzen Tag rechnete er an seiner Angst herum und ließ seine Frau nicht aus seinen Augen. Erst wie es ruhig wird um ihn, die Frau die Kinder zu Bett gebracht hat und selbst zur Ruhe gegangen ist, erstals er kein Licht mehr sieht in Apollonius’ Fenstern, da lassen ihn die Krallen und die Ketten ziehen desto stärker. Er verschließt die Hintertür, die Apollonius von den Räumen des Hauses trennt, er schiebt auch noch den Riegel vor, er schließt sogar die Treppentür der Emporlaube und zuletzt die Tür, durch die er geht. Er hat Ursache zu eilen, ohne daß er es weiß. Der Geselle darf nicht lang mehr warten. Fritz Nettenmair weiß es noch nicht: Apollonius hat es beim Grubenherrn dahin gebracht, daß der Geselle aus der Arbeit entlassen ist; und bei der Polizei, daß er morgen sich nicht mehr in der Gegend betreten lassen darf. Der Geselle ist fertig zur Abreise; von dem Wirtshause hinweg geht er in die weite Welt; er will nur noch Abschied nehmen von seinem ehemaligen Herrn und ihm noch etwas sagen.

Es gibt nicht viel mehr auf der Welt, woran Fritz Nettenmair hängt. Der Weg, den er geht, führt immer weiter ab von dem, was ihm das Liebste war; es ist unwiederbringlich für ihn verloren. Der Bewunderte und Geschmeichelte wird er nie wieder. An seiner Frau hängt er nur noch durch die glühende Kette der Eifersucht gefesselt. An dem Vater hat er nie gehangen; den Bruder haßt er. Er haßt und weiß sich gehaßt oder glaubt sich gehaßt in seinem Wahn. Das kleine Ännchen würde sich an ihn drängen mit aller Kraft eines liebebedürftigen Kinderherzens, aber er scheucht das Kind mit Haß von sich; sie ist ihm „der Spion“. Nur an einem Menschen hängt noch sein Herz, an dem, der es am wenigsten um ihn verdient. Er kennt ihn und weiß, der Mensch hat ihn betrogen, hat geholfen, ihn zugrundezu richten, und dennoch hängt er an ihm. Der Mensch haßt Apollonius, er ist der einzige außer ihm, der Apollonius haßt, und deshalb hängt Apollonius’ Bruder an ihm!

Fritz Nettenmair begleitete den Gesellen eine Strecke Wegs. Der Geselle will schneller ausschreiten und dankt darum für weitere Begleitung. Wenn andre scheiden, ist ihr letztes Gespräch von dem, was sie gemeinsam lieben; das letzte Gespräch Fritz Nettenmairs und des Gesellen ist von ihrem Haß. Der Geselle weiß, Apollonius hätte ihn gern in das Zuchthaus gebracht, wenn er gekonnt. Wie sie nun einander scheidend gegenüberstehen, mißt der Geselle den andern mit seinem Blick. Es war ein böser, lauernder Blick, ein grimmig verstohlener Blick, welcher Fritz Nettenmair fragte, ohne daß er es hören sollte, ob er auch reif sei zu irgend etwas, was er nicht aussprach. Dann sagte er mit einer heiseren Stimme, die einem andern aufgefallen wäre, aber Fritz Nettenmair war die Stimme gewöhnt: „Und was ich sagen wollte: ihr werdet bald Trauer haben. Ich hab’ ihn neulich gesehen.“ Er brauchte keinen Namen zu nennen, Fritz Nettenmair wußte, wen er meinte. „Es gibt Leute, die mehr sehen, als andere,“ fuhr der Geselle fort. „Es gibt Leute, die einem Schieferdecker ansehen, wenn er noch in dem Jahre herunter muß, daß sie ihn getragen bringen und sehen ihn daliegen, nur er selber nicht mehr. Ein alter Schieferdeckergesell hat mir das Geheimnis gesagt, wie man zu dem „Fronweißblick“ kommt. Ich hab’ ihn. Und nun leb’ wohl. Und ergib dich drein, wenn sie ihn getragen bringen.“

Der Geselle war von ihm geschieden; seine Schritte verklangenschon in der Ferne. Fritz Nettenmair stand noch und sah in die weißgrauen Nebel hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über den Wiesen an der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor und verdichteten sich zu seltsamen Gestalten, sie kräuselten sich, flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bäumten wieder auf. Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie diese bald verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann der Nebel zu Bäumen, oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein traumhaftes Treiben, ein unermüdlich Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so ähnlich Bild, daß er nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein. Da war ein nebelhaftes Herabbiegen und Händezusammenschlagen um eine bleiche Gestalt am Boden, dann ein langsam wallender Leichenzug; und bald war es der Feind, bald war es der Bruder, der dort lag, den sie trugen. Bald zuckte es in greller Schadenfreude auf, bald sank es in Mitleid zusammen, bald mischten sich beide und das eine wollte das andere verstecken. Der dort lag, den sie trugen, ihm verzieh er alles. Er weinte um ihn; denn durch die Pausen des Grabgesangs klang leise ein lustiger Schottischer, den die Zukunft aufstrich: „Da kommt er ja! Nun wird’s famos.“ Und neben dem Toten lag unsichtbar eine zweite Leiche, seine Furcht vor dem, was kommen mußte, lag der arme Bruder nicht tot. Und im Sarg trieb verstohlen Fritz Nettenmairs altes joviales Glück neue Keime. Fritz Nettenmair fühlt sich einen Engel; er wünscht, der Bruder müßtenicht sterben, weil — er weiß, daß der Bruder sterben muß.

Er geht noch immer im Nebel, als das Pflaster der Stadt schon wieder unter seinen Tritten hallt. Sein Weg führt ihn am roten Adler vorüber. Die Saalfenster sind erleuchtet, Musik klingt herab. Fritz Nettenmair bleibt stehen und sieht hinauf und bewegt unwillkürlich die Hand in der Tasche, wie sonst, als er noch Geld darin hatte, damit zu klappern. Er hat den Gesellen, den letzten Freund, von dem er mit Schmerz geschieden, schon vergessen. „Der Gesell ist ein schlechter Kerl; gut, daß er fort ist.“ Er hat eine Vergangenheit vergessen, er vergißt die Gegenwart, denn die Zukunft ist wieder sein; sie wohnt da oben und lacht mit hellen Augen zu ihm herab. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, alles, was ihn drückt, mit seinem Bruder zusammenzudenken, daß er es mit ihm in ein Grab steigen sieht. An die Zerrüttung seines Wohlstandes mag er sich nicht erinnern. Er denkt nicht gern an unangenehme Dinge, ehe er sie fühlt. Ist es nicht genug, daß er weiß, er wird den Bruder verlieren? Und wenn sich die Dinge selber ihm aufdrängen, dann hilft ihm sein Leichtsinn. Wie er schnell darüber hindenkt, findet er für alles Rat, und was ihm heute nicht einfällt, das wird ihm morgen einfallen; morgen ist auch ein Tag. Und er ist einer, der —. Die Wendung, mit der er in seinen Weg einschwenkt, gelingt ihm so jovial als je.

Es wird ihm doch wieder eigen zumut, denkt er sich, daß man zu der Tür, die er eben aufschloß, einen Sarg heraustragen wird. Unwillkürlich macht er Platz, wie um Sargund Zug vor sich vorbeizulassen. „In das Unabänderliche,“ sagt er leise, wie sich überhörend, was er einem Tröstenden zu antworten habe, wenn es soweit sei, „in das Unabänderliche muß sich der Mensch ergeben.“ Und wie er die Achsel zu den Worten zuckt, da wird er einen leisen, schlanken Lichtschein gewahr. Ein Stück davon läuft über seinen Ärmel, ein anderes liegt wie abgebrochen und herabgefallen neben ihm auf dem Pflaster. Er späht auf; der Schein kommt daher, wo der untere Abschnitt des Ladens nicht fest an das Fenstersims schließt. Drinnen in der Wohnstube ist Licht. „So spät?“ Der Atem stockt dem Lauschenden, der Alp sitzt wieder auf seiner Brust. Der Bruder lebt ja noch; und was kommen mußte, wenn er leben bliebe, kann noch kommen, ehe er stirbt, oder — es ist schon da! Wie ihm die Hände fliegen, doch ist die Tür leise wieder verschlossen und im Augenblick. Ebenso leise, ebenso schnell ist er an der Hintertür. Sie ist nicht offen, aber nur einmal herumgeschlossen; und Fritz Nettenmair weiß es, er kann schwören, er hat den Schlüssel zweimal im Schloß herumgedreht, als er ging. Er schleicht und tappt sich zur Stubentür; er hat die Klinke gefunden und drückt sie leise; die Tür geht auf; ein trüber Lichtschein fällt auf die Flur. Der Schimmer kommt von einem verdeckten Lichte auf dem Tisch; neben diesem steht im Schatten ein kleines Bett; es ist Ännchens Bett, und ihre Mutter sitzt daran.

Christiane merkt nicht, daß die Tür sich öffnet. Sie hat den Kopf weit vornübergebeugt über das Bett; sie singt leise und weiß nicht, was sie singt; sie horcht voll Angst, abernicht auf ihren Gesang; ihre Augen würden weinen, machten Tränen den Blick nicht trübe. Aber nun kann die Röte auf des Kindes Wange wiederkommen, nun kann der eigene, fremde Zug um des Kindes Augen und Mund verschwinden; und sie säh’ es nicht und ängstigte sich noch vergeblich. Ihr ist es, als müßte jene wiederkehren und dieser gehen, wenn sie sich nur recht angestrengt mühte, dieses Kehren und Gehen zu bemerken. Und dabei kann sie doch noch daran denken, wie plötzlich das gekommen ist, was sie so sehr beängstigt; wie das Ännchen auf einmal im Bette neben ihrem wie mit fremder Stimme aufgeschrien, dann nicht mehr hat sprechen können; wie sie aufgesprungen und sich angekleidet; wie sie in der Angst den Valentin, und dieser, ohne ihr Wissen, den Apollonius geweckt. Der alte Gesell hatte alle Schlüssel im Hause probiert, bis sich ergab, der Schuppenschlüssel schließe die Hintertür; das wußte sie nicht. Desto lebendiger stand es vor ihr, wie Apollonius hereingetreten, wie ihr bei seinem unerwarteten Kommen gewesen, wie sie voll Schreck und Scham und doch voll wunderbarer Beruhigung sich gefühlt. Apollonius hatte sogleich den Arzt, dann Arzneien geholt. Er hatte an dem Bettchen gestanden und sich über das Ännchen gebeugt, wie sie jetzt tat. Er hatte sie voll Schmerz angesehen und gesagt, Ännchens Krankheit komme von dem ehelichen Zerwürfnis, und es werde nicht gesund, höre dies nicht auf. Er hatte von den Wundern erzählt, die einer Mutter möglich würden, und wie sich der Mensch bezwingen könne und müsse. Dann hatte er dem Valentin noch manches des Ännchens wegen anbefohlen und war gegangen aus Sorge, der Bruderkönnte sonst in seinem Irrwahn glauben, er wolle ihn auch von dem Krankenbett seiner Kinder vertreiben. Der Jammer, die Angst wollten sie in Apollonius’ Arme jagen; es war ihr, als wäre alles gut, läge sie an seiner Brust, als dürfte sie ihn nicht wieder von sich lassen. Aber wie er so zu Häupten des Kindes stand und sprach, da kam er ihr so herrlich vor, wie ein Heiliger, vor dem sie nur auf den Knien liegen dürfe. Der Bettschirm hüllte die große, schlanke Gestalt in seinen Schatten, nur seine Stirn und seine hohe Scheitel waren sichtbar und erschienen, von dem Lichte auf dem Tische angestrahlt, wie in einer Glorie. Dachte sie von ihm weg zu ihrem Gatten, dann krampfte eisiger Frost ihr Herz zusammen, und Widerwillen bäumte sich darin wie ein Riese gegen den bloßen Gedanken auf. Aber Apollonius hatte gesagt, Ännchen werde nicht wieder gesund, wenn das Zerwürfnis nicht ende. Er hatte gesagt, der Mensch könne und müsse sich bezwingen; sie wollte sich bezwingen, weil er es gesagt. Einer Mutter seien Wunder möglich für ihr Kind; dachte sie an Apollonius’ Gesicht, wie er so sprach, mußte ihr das größte Wunder möglich werden.

Fritz Nettenmair trat herein. Er dachte an nichts, als daß Apollonius dagewesen sein müsse, wenn er auch jetzt nicht mehr da war. Es flirrte ihm vor den Augen vor Wut. Er wäre auf die Frau losgestürzt, sah er nicht den alten Valentin an der Kammertüre sitzen. Er wollte warten, bis dieser einmal das Zimmer verließe, und schlich sich nach dem Stuhle am Fenster, wo er sonst immer gesessen, und als wie ein andrer, denn jetzt! Die Frau hörte seinen leisen Tritt;sein Antlitz konnte sie nicht sehen. Ihr schien, er wußte um Ännchens Zustand und ging deshalb so leise. Sie sah Ännchen mit einem Blicke an, der sagte, was sie jetzt tun wollte, tat sie nur um ihr krankes Kind; ein Blick nach der Tür, aus der er gegangen war, setzte hinzu: „und weil er’s gesagt“.

„Da ist der Vater, Ännchen,“ sagte sie dann. Sie redete eigentlich mit dem Gatten, der am Fenster saß; aber sie konnte ihm ihr Gesicht nicht zuwenden, ihre Rede nicht unmittelbar an ihn richten. „Du hast immer nach ihm gefragt. Du hast gemeint, wenn er kommt, wird er sein, wie er sonst war, eh’ du krank geworden bist. Deine Mutter will’s auch — um deinetwillen.“

Ihre Stimme klang so tief aus der Brust herauf, daß der Mann seinen Groll mit Gewalt festhalten mußte. Er dachte: „Sie tut so süß, um dich zu hintergehen. Sie haben’s verabredet, als er da war.“ Und der Groll schwoll nur noch grimmiger an den weichen Klängen, mit denen sie fortfuhr:

„Und du gehst noch nicht in den Himmel. Nicht, Ännchen? Du bist ja ein so gut, lieb Kind und bleibst noch bei Vater und Mutter. Wenn nur — du hast kein Herz vor dem Vater, du dumm lieb Ännchen, weil er laut spricht. Er meint’s nicht bös deshalb.“

Sie hielt inne; sie erwartete die Antwort von dem Vater, nicht von dem Kinde. Sie erwartete, er werde an das Bett treten zu dem Kinde und sprechen, wie sie, und durch das Kind mit ihr. Wie sie von ihm denken mochte, das Kind war doch sein Kind, und es war krank.

Der Mann schwieg und blieb ruhig auf seinem Stuhlesitzen. Ein halb Vaterunser lang hörte man nichts als das Ticken der Uhr, und das wurde immer schneller, wie das Klopfen eines Menschenherzens, das Schlimmes kommen ahnt; die Flamme des Lichtes zuckte wie vor Furcht.

Valentin stand auf von seinem Stuhle, um das Licht zu putzen.

Die Brust des Kindes röchelte; es wollte sprechen, es konnte nicht; es wollte mit den Händen nach dem Vater langen, es konnte nicht; es konnte nichts, als die Arme seiner Seele nach dem Vater ausstrecken. Aber des Vaters Seele sah die flehenden nicht; in ihren Händen hielt sie krampfhaft ihren Groll und hatte keine Hand frei für das Kind. Er hört das Röcheln, aber er weiß, das Kind ist abgerichtet von seinen Feinden, es hat kein kindlich Herz gegen ihn; und wäre es wirklich krank, so wäre es absichtlich krank geworden, um ihn betrügen zu helfen, und stürbe es, so würde sein Sterben noch ein Kupplerdienst sein, den es seinen Feinden tut. Wäre sein Auge nicht selber so krank, daß es ihm außen nur immer das eine zeigt, über dem seine Seele innen unablässig brütet, er müßte es am Gesichte der Mutter sehen, an dem Ton ihrer Stimme hören, sie verstellt sich nicht, das Kind ist wirklich krank und sehr krank; aber ihre Weichheit, ihre Angst ist ihm nur die Angst des Gewissens, die Angst vor seiner Strafe, die sie verdient, fühlt und doch entwaffnen will. Valentin tritt von dem Lichte weg und geht hinaus, um sich draußen auszuweinen. Der Mann steht auf und nähert sich leise der Frau, ohne daß sie ihn bemerkt. Er will sie überraschen und das gelingt ihm. Sie erschrickt, wie sie plötzlich über demBette jäh vor sich ein entstelltes Menschenantlitz sieht. Sie erschrickt, und er preßt durch die Zähne: „du erschrickst? Weißt du warum?“

Sie hat ihm selber sagen wollen, daß Apollonius in der Stube gewesen ist, aber noch hat sie es nicht gekonnt; vor dem Bette des kranken Kindes durfte sie es nicht; weil sie weiß, er wird auffahren; den Anblick seiner Roheit hat sie dem Kinde erspart, als es noch gesund war, wenn sie es vermochte; jetzt konnte der Schreck dem kranken Kinde den Tod bringen. Sie antwortet ihm nicht, aber sie sieht ihn flehend an und zeigt mit einem Augenwinke auf das Kind.

„Er war da! War er nicht da?“ fragt er; nicht um zu erfahren, wonach er fragt, sondern um zu zeigen, daß er es nicht erst zu erfahren braucht. Seine Faust hebt sich geballt; Ännchen kämpft, sich aufzurichten. Er sieht es nicht; die Frau sieht es; ihre Angst wächst. Sie schlägt die Hände zusammen, sie sieht ihn an mit einem Blicke, in dem alles steht, was ein Weib versprechen, was ein Weib drohen kann; er sieht nur ihr Erschrecken, daß er es weiß, was geschah, und die Faust fällt nieder auf ihre Stirn.

Ein Schrei klingt; das Kind rollt sich in Krämpfen zusammen, die Mutter, über es hingestürzt, weint laut. Valentin kommt hereingeeilt, Fritz Nettenmair geht in die Kammer.

Er weiß nicht, was in ihm Herr ist, befriedigte Rache, oder Schreck über das, was er getan. Er sinkt auf das Bett, als hätte der Schlag, den er geführt, ihn selbst betäubt; er hört nur halb, wie Valentin nach dem Arzt läuft. Ebenso hört er diesen kommen und gehen, ebenso lauscht er, ob ernicht Apollonius’ Flüstern und seinen leisen Schritt vernehmen kann. Sich zu zeigen, wagt er nicht; Scham hält ihn davon zurück. Er rechtfertigt sein Tun und nennt Ännchens Krankheit eine Pimpelei: „Heute wollen Kinder sterben und morgen sind sie lebendiger als je!“

Aus dem fieberischen Horchen und Sichberuhigen wird ein fieberisches Träumen. Er sieht Apollonius, wie er seine Leiter an der Helmstange festbinden will, und sagt sich bei jedem Schritt des Steigenden fortwährend wie tröstend: „Jetzt wird er fallen! jetzt!“ aber Apollonius fällt nicht. Jeden Augenblick erwartet er, die Taue sollen reißen, in welchen Apollonius mit seinem Fahrzeuge hängt; sie reißen nicht. In diese Träume hinein hört er die Tür der Stube gehen; der Traum macht einen Fall daraus, den Fall eines schweren Körpers aus ungeheurer Höhe. Da wird ihm leicht, als wäre nun alles gut. Im Halbschlummer hört er in der Stube leises Gehen, leises Reden, leises Weinen, und dazwischen ist es wieder still.

Das leise Schluchzen, das zum lauten wird und sich wiederum bewältigt, als sei ein Schlafender in der Nähe, den es nicht wecken will, und wieder ausbricht, daß es den Schläfer nicht weckenkann, und wieder leise wird, weil es wie über sich selbst erschrickt, daß es laut ist: wer kennt es nicht? wer errät es nicht, wenn er es nicht kennt?

Fritz Nettenmair weiß es im Halbschlaf: in der Stube liegt ein Toter. Sie haben ihn gebracht. „In das Unabänderliche muß der Mensch sich ergeben.“

Zum erstenmal seit vielen Monden schläft er wieder ruhig.

Und warum sollte er nicht? Aus dem leisen Weinen wird ein lustiger schottischer Walzer. „Da ist er ja! Nun wird’s famos!“ klingt es aus der Ferne vom roten Adler herein in seinen Schlaf.

Das Leisegehen und Leisereden aber war wirklich und dauerte fort; und eine Leiche war in der Stube, eine schöne Kinderleiche. Während Fritz Nettenmair von Leitern und Fahrzeugen träumte, hatte des kleinen Ännchens Seele sich zu einem besseren Vater gerettet. Der Leib lag starr in dem kleinen Bettchen. Der Zwist der Eltern hatte das Kind krank gemacht; Schmerz über die wilde Tat des Vaters an der Mutter hatte ihm das kleine Herz gebrochen.

Fritz Nettenmair schlief noch den Schlaf eines Bewahrten, als der neue Tag anbrach. Apollonius war schon lange munter; vielleicht hatte er gar nicht geschlafen. Der Kampf, den sein Bruder noch in seinem Angesicht gelesen, als er ihn mit dem Bauherrn das Haus verlassen sah, und den die Mühen des Tages kaum zurückgedrängt, scheuchte nachts den Schlummer von seinem Bett. Der Bruder hatte recht gesehen, seine scherzhafte Wendung des Gesprächs hatte ihren Zweck nicht erreicht. Und wenn Apollonius das Buch seiner Erinnerungen zurückblätterte, mußte er sich in seiner Meinung, der Bruder sei eifersüchtig auf ihn, bestärkt fühlen. Gar manches, das er nicht begriffen, als er es geschehen sah, erhielt Licht von dieser Annahme und half sie wiederum bestätigen. Die Abneigung der Frau schien ein bloßer Vorwand des Bruders, ihn von ihr fernzuhalten. Der Bruder mußte gemeint haben, er könne sie anders als mit den Augen eines Bruders undSchwagers ansehen. Und das schien begreiflich, da Fritz wußte, sie war ihm mehr gewesen, bis sie seine Schwägerin wurde. Er hätte das dem Bruder gern in Gedanken zum Vorwurf gemacht, mußte er sich nicht gestehen, sein Mitleid, das des Bruders rohe Behandlung der Frau hervorgerufen, hatte seinen Empfindungen für sie eine Wärme gegeben, die ihn selbst beunruhigte. Er fürchtete nicht, daß ihn diese hinreißen könnte, des Bruders Furcht wahr zu machen, aber seine strenge Gewissenhaftigkeit machte sich diese Wärme schon zum Verbrechen. „Aber,“ fiel ihm dann ein, „hat die Frau nicht wirklich ihm Abneigung gezeigt? und fühlte sie Abneigung gegen ihn, wie konnte der Bruder dann fürchten? Der Bruder hatte im Tone des Vorwurfs sie ein Märchen genannt, also glaubte er nicht daran und meinte, die Frau heuchle sie nur und empfinde sie nicht.“ Der Vetter hatte oft von der Natur der Eifersucht gesprochen, wie sie aus sich selbst entstehe und sich nähre, wie ihr Argwohn über die Grenzen des Wirklichen, ja des Möglichen hinausgreife, und zu Taten verführe, die sonst nur der Wahnsinn vollbringt. Einen solchen Fall sah Apollonius vor sich und bedauerte den Bruder und fühlte schmerzlich Mitleid mit der Frau.

Aus solchen Gedanken und Empfindungen schreckte ihn Valentin, der ihn hinunterrief. Er kam unruhiger wieder herauf, als er hinuntergegangen war. Es war nicht allein Ännchens Zustand, die er wie ein Vater liebte, was auf seiner Seele lag; auch das Mitleid mit Ännchens Mutter war gewachsen, und eine Furcht war neu hinzugekommen, die er sich gern ausgeredet hätte, wäre solch ein Verfahren mit seinemKlarheitsbedürfnis und seiner Gewissenhaftigkeit vereinbar gewesen. Als der erste Schimmer des neuen Tages durch sein Fenster fiel, stand er auf von dem Stuhle, auf dem er seit seiner Zurückkunft gesessen. Es war etwas Feierliches in der Weise, wie er sich aufrichtete. Er schien sich zu sagen: „Ist es, wie ich fürchte, muß ich für uns beide einstehen; dafür bin ich ein Mann. Ich habe gelobt, ich will meines Vaters Haus und seine Ehre aufrecht erhalten und ich will in jedem Sinne erfüllen, was ich gelobt!“ —

Fritz Nettenmair erwachte endlich. Er wußte nichts mehr von den Traumbildern der Nacht; nur die befriedigte Stimmung, das Werk derselben, war ihm geblieben. Er besann sich vergebens, was diese Stimmung, die ihm so lange fremd gewesen, hervorgerufen haben könnte. Was ihm von den Erlebnissen der vergangenen Nacht einfiel, war nicht geeignet, sie zu erklären. Er wußte nur noch, daß seine Frau ein „Pimpeln“ des „Spions“ zu einer Krankheit vergrößert hatte, um einen Vorwand zu erhalten, mit ihm zusammen zu sein. Mit ihm! Nicht bloß im Gespräch mit dem Gesellen, auch mit sich und seiner Frau nannte er Apollonius’ Namen nicht, vielleicht, weil sein Haß gegen den Mann auf den Namen übergegangen war, vielleicht, weil er Tag und Nacht nur an zwei Menschen dachte, und diese nicht miteinander zu verwechseln waren. Er hatte nichts mehr auf der Welt als seinen Haß; und der kannte nur zwei Menschen, „ihn und sie“. Er dachte schon, wie er der Pimpelei ein Ende machen wollte. Mit diesem Gedanken trat er aus der Tür und stand — vor einer Leiche. Ein Schauder faßte ihn an. Da standdas tote Kind vor ihm wie ein Warnungszeichen: nicht weiter auf dem Wege, den du eingeschlagen hast! Da lag das Kind, das sein Kind war, tot. Sonst scheuchte er es von sich; jetzt blieb es und fürchtete sich nicht mehr und fragte ihn, ob er es noch hassen kann, ob er es noch mit dem Namen nennen kann, mit dem er es im Hasse genannt. Gestern sah er es nicht, wie er über seine Angst hin den Schlag führte; der Vater des Kindes nach der Mutter des Kindes und über den sterbenden Leib des Kindes hin. Gestern sah er es nicht, wie er darüber gebeugt stand; jetzt sieht er es, wohin er die entsetzten Augen wendet, um den Anblick zu entfliehen. Da steht das Kind vor ihm, ein Ankläger und ein Zeuge. Es zeugt für die Mutter. Sie wußte es sterbend, und am Sterbebette ihres Kindes tut die Verworfenste nicht, was er ihr zugetraut. Es klagt ihn an. Er hat eine Mutter am Sterbebette ihres Kindes geschlagen. Das kann kein Mann und wäre das Weib schuldig. Und sie war es nicht; das zeugt das Kind. Jetzt weiß er, was das bleiche, stumme Antlitz der Mutter rief: „Du tötest das Kind; schlag nicht!“ Und er hat doch geschlagen. Er hat das Kind getötet. Das trifft ihn wie ein Wetterstrahl, daß er zusammensinkt vor dem Bette des Kindes, über das hin er die Mutter geschlagen; vor dem Bette, in dem sein Kind starb, weil er seines Kindes Mutter schlug.

Dort lag er lang. Der Blitz, der ihn hingestreckt, hatte zurückgeleuchtet mit grausamer Klarheit; er hatte die beiden unschuldig gesehen, die er verfolgt. Und keine Schuld, als die seine. Er allein hat das Elend aufgetürmt, das erdrückendauf ihm liegt, Last auf Last, Schuld auf Schuld. Des Kindes Tod ist der Gipfel. Und vielleicht ist er es noch nicht! Der Elende sieht, er muß zurück. Er hascht nach jedem Strohhalm von Gedanken, der ihn retten könnte. Da hört er die weichen Klänge wieder, denen er gestern sein Herz verschlossen: „Du hast gemeint, wenn er kommt, wird er wieder sein, wie er sonst war, ehe du krank geworden bist. Deine Mutter will’s auch.“ — Die Klänge waren eine weiche Hand, die die Seele der Frau nach seiner Seele ausstreckte und zur Versöhnung bot; sein Schmerz, seine Angst faßten hastig nach der ausgestreckten. Er sah das Kind im Hemdchen an der Kammertür stehen, wo es so oft gestanden, wenn seine Heftigkeit es aus dem Schlummer geweckt; die Händchen gefalten; die Augen so schmerzlich flehend: er solle doch gut sein mit der Mutter; und so ängstlich zugleich: er soll doch nicht zürnen, daß es fleht. Nun, da es zu spät war, sah er, das Kind wollte sein Engel sein. Aber es war ja noch nicht zu spät! Er hörte den leisen Schritt seiner Frau auf dem Flur der Stubentür nahen. Er hörte sie die Tür öffnen. Stand Ännchen jetzt in der Kammertür, es mußte lächeln. Er wollte gut sein; er wollte sein, wie er war, ehe Ännchen krank geworden ist. Er streckte der Eintretenden die Hand entgegen. Sie sah ihn und schrak zusammen. Sie war so bleich, wie das tote Ännchen, selbst ihre sonst so blühenden Lippen waren bleich. Der Hals, die schönen Arme, die weichen Hände waren bleich; das sonst so glänzende Auge war matt. All ihr Leben hatte sich in ihr tiefstes Herz zurückgezogen und weinte da um ihr gestorben Kind. Als sie ihn sah, stieß ein Zittern durch ihrenganzen Körper. Mit zwei Schritten stand sie zwischen der Leiche und ihm; als wollte sie das Kind noch jetzt vor ihm schützen. Und doch nicht so. Weder Furcht noch Angst bebte um den kleinen Mund; er war fest geschlossen. Ein ander Gefühl war es, was die schön gewölbten Augenbrauen drängend herabfaltete und aus den sonst so sanften Augen flammt. Er sah, es war nicht mehr das Weib, das die schmelzenden Friedensworte gesprochen; die war mit ihrem Kinde gestorben in dieser schrecklichen Nacht. Das Weib, das vor ihm stand, war nicht mehr die Mutter, die zu ihm hinhoffte, deren Kind er retten konnte; es war die Mutter, der er das Kind getötet. Eine Mutter, die den Mörder fortwies aus der heiligen Nähe des Kindes. Ein bleichschreckender Engel, der den befleckenden Berührer fortzürnt von seinem Heiligtum. Er sprach — o hätte er gestern gesprochen! Gestern hatte sie sich nach dem Worte gesehnt; heute hörte sie es nicht.

„Gib mir deine Hand, Christiane,“ sagte er. Sie zog ihre Hand krampfhaft zurück, als hätte er sie schon berührt. „Ich habe mich geirrt,“ fuhr er fort; „ich will’s euch ja glauben, ich seh’ es ein; ich will’s nicht wieder! Ihr seid besser als ich.“

„Das Kind ist tot,“ sagte sie, und selbst ihre Stimme klang bleich.

„Laß mich in dieser schrecklichen Angst nicht ohne Trost. Kann ich anders werden, so kann ich’s nur jetzt, und wenn du mir die Hand gibst und richtest mich auf,“ sagte der Mann. Sie sah auf das Kind, nicht auf ihn.

„Das Kind ist tot,“ wiederholte sie. Hieß das, es warihr gleichgültig, was mit ihm werden sollte, da seine Besserung das Kind nicht mehr rettete? Oder hatte sie ihn vergessen und sprach mit sich selbst? Der Mann richtete sich halb auf; er faßte ihre Hand mit angstvoller Gewalt und hielt sie fest.

„Christiane,“ schluchzte er wild, „da lieg’ ich wie ein Wurm. Tritt mich nicht! Tretet mich nicht! Um Gottes willen, erbarme dich! Ich könnt’s nicht vergessen, hätt’ ich vergebens gelegen, wie ein Wurm. Denk daran! Um Gottes willen, denk daran; du hast mich jetzt in deiner Hand. Du kannst aus mir machen, was du willst. Ich mach’ dich verantwortlich. Du bist Schuld an allem, was noch werden kann.“ — Endlich war es ihr gelungen, ihre Hand ihm zu entreißen; sie hielt sie weit von sich, als ekelte ihr davor, weil er die Hand berührt.

„Das Kind ist tot,“ sagte sie. Er verstand, sie sagte: Zwischen mir und dem Mörder meines Kindes kann keine Gemeinschaft mehr sein, auf Erden nicht und nicht im Himmel.

Er stand auf. Ein Wort der Verzeihung hätte ihn vielleicht gerettet! Vielleicht! Wer weiß es! Die Klarheit, die ihn jetzt zur Reue trieb, war die Klarheit eines Blitzes, was jetzt in ihm wirkte, nahm seine Gewalt von der Jäheit der Überraschung. Wenn das Kind in der Erde ruht, dessen plötzlicher Anblick ihn zurückgebäumt, wird sein Warnungsbild bleicher und bleicher werden; jede Stunde wird dem Gedanken an diesen Augenblick von der Macht seiner Schrecken rauben. Zu tief hat er die Geleise des alten Wahngedankens eingedrückt, um ihn für immer zu verwischen, zu weit ist er gegangen auf dem gefährlichen Wege, um noch umkehrenzu können. Die Klarheit des Blitzes mußte schwinden und der alte Wahn hüllte die Dinge wieder in seine verstellenden Nebel. Fritz Nettenmair heulte auf oder lachte auf; die Frau fragte sich nicht, was er tat; tiefer Abscheu gegen ihn verschloß ihr Ohr, ihre Augen, ihre Gedanken. Er taumelte in die Kammer zurück. Sie sah es nicht, aber sie fühlte es, daß seine Gegenwart nicht mehr den Raum entweihte, darin das Heiligenbild ihres Mutterschmerzes stand. Leise weinend sank sie über ihr totes Kind.


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