Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Zwischen Himmel und Erde, hoch oben auf dem Kirchendach von Sankt Georg, schaffte Fritz Nettenmair, als der alte Herr sich die Treppe zu ihm hinaufführen ließ. Hier herauf war Fritz Nettenmair geflohen vor den Augen der Menschen, die er alle auf sich gerichtet meinte, hier herauf hatte er sich geflüchtet, vor seinen Gedanken in einen wütenden Fleiß. Er hatte die ganze Hölle in seiner Brust mit heraufgebracht; und wie angestrengt er schaffte, der Schweiß, der ihm auf der Stirne stand, war nicht der warme redlichen Mühens, es war der kalte Schweiß der Gewissensangst. Er hämmerte Schieferzurecht und nagelte sie fest, so angstvoll hastig, als nagelte er den Weltenbau fest, der sonst einstürzen müßte in der nächsten Viertelstunde. Aber seine Seele war nicht bei dem Hämmern, sie war dort, wo unaufhörlich Stricke rissen und verunglückende Schieferdecker polternd hinabstürzten in den gewissen Tod. Zuweilen hielt er plötzlich inne; es war ihm, als müßte er hinunterrufen: „Nach Brambach! Er soll nicht die Leiter besteigen! er soll sich nicht auf sein Fahrzeug setzen.“ Aber dann blieben die vielen Hunderte, die wie Ameisen da unten durcheinanderliefen, in Schreck versteinert stehen, und soviel Paar Augen, überfüllt mit Grauen und Abscheu, starrten herauf, und der Häscher kam und stieß ihn vor sich her die Treppe herunter; und vielleicht war es doch zu spät! Dann einmal faltete er die Hände über den Deckhammer und gelobte: stürbe Apollonius nicht, er will ein braver Mann werden. Er denkt nicht, daß ihn das reuen wird, sobald er Apollonius gerettet weiß. — Da kommt jemand die Treppe herauf — ist’s der Häscher schon? Nein. Es weiß niemand, was er getan. Er verzerrt sein Gesicht in Trotz und fragt: „Wer will mir was anhaben?“ Jetzt hört er Stimmen, und die Klänge der einen davon treffen wie Hammerschläge auf sein gequältes Herz. Das ist die einzige Stimme, die er hier zu hören nicht erwartet. Wird der fragen, dem sie gehört: „Wo ist dein Bruder Abel hin?“ Nein. Er will dem Sohne sagen, daß jener verunglückt ist; er meint, es ist ein Unglückstag und er soll heute nicht mehr arbeiten. Und fragt er doch, die Antwort ist fast so alt als das Menschengeschlecht: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“Dabei kommt’s ihm wie eine Erleichterung, daß ihm einfällt, der Vater ist blind. Denn er weiß, seine sehenden Augen könnte er jetzt nicht ertragen. Er hämmert und nagelt immer hastiger. Er würde dem Vater ausweichen, wenn er könnte, aber der Dachstuhl ist schmal und der Alte spricht schon am Aussteigeloch im Dache. Er will ihn nicht eher bemerken, als bis er muß. „Nun ist’s schon gut,“ hört er den Alten sagen. „Mach’ Er Seinem Meister mein Kompliment; und da ist etwas für Ihn. Trink’ Er eine Gesundheit dafür.“ Fritz Nettenmair hört, der alte Herr setzt sich auf die bloßgelegte Latte im Aussteigeloch, und weiß, der alte Herr füllt die ganze Öffnung mit seiner Gestalt. Er hört den Dank des Gesellen und seine Tritte, wie sie immer ferner klingen.
„Schönes Wetter,“ sagt Herr Nettenmair. Der Sohn errät, der Alte will wissen, ob noch jemand in der Nähe ist. Es antwortet niemand; Fritz Nettenmair stirbt der Ton in der Brust; er hämmert immer lauter und hastiger. Er wünscht, die Stunde, der Tag, das Leben wär’ zu Ende. „Fritz,“ ruft der Alte. Er ruft noch einmal, und er ruft noch einmal. Fritz Nettenmair muß endlich antworten. Er denkt an den Ruf: „Kain, wo bist du?“ „Hier, Vater,“ entgegnet er und hämmert fort.
„Der Schiefer ist fest,“ sagte der Alte gleichgültig; „ich hör’s am Klange; er blättert nicht.“
„Ja,“ entgegnete Fritz mit klappernden Zähnen, „er nimmt kein Wasser.“
„Er ist besser geworden als früher,“ fährt der Alte fort; „sie sind tiefer in den Bruch hineingekommen. Es scheint, dubist allein.“ Ein „Ja“ erstirbt im Munde des Sohnes. „Je tiefer er lagert, desto fester ist das Gestein. Ist keine Rüstung weiter in der Nähe?“
„Keine.“
„Gut. Komm hierher. Hier vor mich.“ —
„Was soll ich?“
„Hierher kommen. Was gesagt sein muß, muß leise gesagt sein.“
Fritz Nettenmair trat, in allen Gelenken schlotternd, vor den Vater. Er wußte, der war blind, und doch suchte er seinem Blicke auszuweichen. Der Alte rang nach Fassung, aber davon sprach kein Zug in dem verwitterten Gesicht; nur die Dauer seines Schweigens und sein Atem, der das schwere, ächzende Wandeln des Perpendikels an der nahen Turmuhr wie ein müdes Echo nachzuklingen schien. Fritz Nettenmair ahnte aus den Vorbereitungen, was kommen müsse. Er rang nach Trotz. Wenn er’s in seinem Argwohn errät, wer will mir’s beweisen? Und könnt’ er’s beweisen, er gibt mich nicht an; davor bin ich sicher. Warum auch sonst will er leise reden? mag er sagen, was er will, ich weiß nichts, ich bin nichts gewesen, ich hab’ nichts getan. Sein Gesicht rang sich aus dem Zittern aller Muskeln bis zum wildesten Ausdrucke des Trotzes hindurch. Der alte Herr schwieg noch immer. Gedämpft klang das Treiben der Straßen in die Höhe herauf; unten lag schon violetter Schatten, um das Fahrzeug Apollonius’ bebte der letzte Sonnenstrahl. Etwas ferner rauschte ein Zug vom Felde heimkehrender Tauben vorbei. Es war ein Abend voll Gottesfrieden. Tief unten weit hingedehntdie grüne Erde; oben hoch der Himmel, wie ein Kelch aus blauem Kristall darüber gedeckt. Kleine, rosige Wölkchen wie Flocken hingestreut. Der Lärm von unten erlosch immer mehr. Die Luft trug einzelne Töne einer fernen Glocke mit sich und schlug sie leise spielend wie wiederkehrende Wellen gegen das Dach. Dort über der nächsten grünen Höhe, wo sie herkommen, liegt Brambach. Es muß das Abendgeläute von Brambach sein. Hoch am Himmel und tief auf der Erde, überall Gottesfrieden und süß aufgelöstes Hinsehnen nach Ruhe. Nur zwischen Himmel und Erde die beiden Menschen auf dem Kirchdach zu Sankt Georg fühlen nicht seine Flügel. Nur über sie vermag er nichts. In dem einen brennt der Wahnsinn überreizten Ehrgefühls, in dem andern alle Flammen, alle Qualen der Hölle.
„Wo ist dein Bruder?“ drang es endlich zwischen den Zähnen des einen hervor.
„Ich weiß nicht. Wie soll ich’s wissen?“ bäumt sich im andern der Trotz.
„Du weißt nicht?“ Der alte Herr flüsterte nur, aber jedes seiner Worte schlug wie ein Donner in die Seele des Sohnes. „Ich will dir’s sagen. Drüben in Brambach liegt er tot. Das Seil ist über ihm zerrissen und du hast’s mit Beilstichen zerschnitten. Der Nachbar hat dich in den Schuppen schleichen sehn. Du hast vor deiner Frau gedroht, du willst es tun. Die ganze Stadt weiß es; eben tragen sie’s in die Gerichte. Der erste, der nun die Treppe heraufkommt, ist der Häscher, der dich vor den Richter führt.“ —
Fritz Nettenmair brach zusammen; die Rüstung knackteunter ihm. Der Alte horchte auf. Fiel der Elende am Rande des Gerüstes zusammen, so stürzte er hinab in die Tiefe, und alles war vorüber! Alles, was sein mußte, war getan! Eine Lerche stieg aus einem nahen Garten in die Höhe und streute ihr lustiges Tirili über Bäume und Häuser hin. Glücklichere Menschen hörten den Gesang aus der Ferne; Arbeiter ließen den Spaten ruhen, Kinder Peitsche und Kreisel, und suchten mit himmelaufgewandten Augen den schwebenden Punkt, und horchten mit verhaltenem Atem hinauf. Der alte Herr Nettenmair hörte die nahe Lerche nicht; er hielt auch den Atem an, aber er horchte hinunter, nicht hinauf. Und es war nichts, das wie Lerchengesang klingt, was er erhorchen wollte. Es war ein Poltern auf dem Dach unter ihm, ein gebrochener Angstruf. Er horchte erst voll Hoffnung, dann voll Angst. Nichts klingt herauf. Vor ihm auf den Brettern des Gerüstes röchelt ein schwerer Atem. Er hört, der Zufall, der ihm mitleidig helfend vorgreifen konnte, hat es nicht getan. Er muß es tun, denn getan muß es sein. Sonst zeigen die Menschen mit den Fingern auf die Kinder: Die sind’s, deren Vater seinen Bruder erschlug und auf dem Hochgericht oder im Zuchthause starb. Und wo es längst vergessen ist, da dürfen sie sich nur zeigen, da wird es wieder wach; da deuten die Menschen wieder mit den Fingern und wenden mit Schaudern sich von ihnen ab. Das Vertrauen, das er von den Eltern erbt, ist das Kapital, womit der Mensch anfängt. Es muß ihm erwiesen werden, eh’ er’s hat verdienen können, damit er lernt, Vertrauen zu verdienen. Wer wird ihnen Vertrauen erweisen, die mit ihres Vaters Schande gezeichnetgehen? Wie sollen sie Vertrauen verdienen lernen? Mitten unter den Menschen von den Menschen ausgestoßen, müssen sie nicht werden, wie ihr Vater war? Und sein eigenes langes Leben voll Anstrengung, Ehre zu erwerben und zu bewahren, wird rückwärts angesteckt von des Sohnes Schmach. Die Kinder hält man für fähig zu tun, wie der Vater tat, und es kann kein ehrlicher Vater gewesen sein, der solchen Sohn hatte! — Immer brennender glühte die Röte auf der eingefallenen Wange; die zusammengesunkene Brust richtete sich keuchend empor. Er machte unwillkürlich eine vordeutende Bewegung mit dem Arm. Fritz Nettenmair ahnte ihren Sinn und wollte sich aufraffen und wäre wieder umgesunken, stützte er sich nicht mit beiden Händen. So lag er auf Händen und Knien vor dem Alten, als er den Angstruf ausstieß: „Was willst du, Vater? Womit gehst du um?“
„Ich will sehen,“ erwiderte der Alte mit pfeifendem Flüstern, „ob ich’s tun muß oder ob du’s tun wirst, was getan sein muß. Und getan muß es sein. Noch weiß niemand etwas, was zur Untersuchung führen kann vor den Gerichten, als ich, deine Frau und der Valentin. Für mich kann ich stehen, aber nicht für die, daß sie nicht verraten, was sie wissen. Wenn du jetzt herabfällst von der Rüstung, so daß die Leute meinen können, du bist ohne Willen verunglückt, dann ist die größte Schande verhütet. Der Schieferdecker, der verunglückt, steht vor der Welt als ein ehrlicher Toter, so ehrlich als der Soldat, der auf dem Schlachtfeld gestorben ist. Du bist einen solchen Tod nicht wert, Bankrottierer. Dich sollte der Henker auf einer Kuhhaut hinausschleifenauf den Richtplatz, Schandbube, der du den Bruder umgebracht hast und hast vergiften wollen das zukünftige Leben der unschuldigen Kinder und mein vergangenes, das voll Ehre gewesen ist. Du hast Schande genug gebracht über dein Haus, du sollst nicht noch mehr Schande darüber bringen. Von mir sollen sie nicht sagen, daß mein Sohn, und von meinen Enkeln nicht, daß ihr Vater auf dem Blutgerüst oder im Zuchthause gestorben ist. Du betest jetzt ein Vaterunser, wenn du noch beten kannst. Dann wendest du dich, als wolltest du wieder zu deiner Arbeit gehen, und trittst mit dem rechten Fuß über die Rüstung. Sag’ ich, der Schreck über seines Bruders Unglück hat ihn schwindeln gemacht: mir glauben’s die Gerichte und die Stadt. Das ist’s, was ein Leben einbringt, das anders gewesen ist als deins. Tust du’s nicht gutwillig, so stürz’ ich mit dir hinab und du hast auch mich auf deinem Gewissen. Die Leute wissen, ich leide an den Augen; ich bin gestrauchelt und hab’ mich an dir anhalten wollen und hab’ dich mitgerissen. Meines Lebens ist nach dem, was ich heut’ erfahren hab’, keine Dauer mehr und kein Wert; ich bin am Ende, aber die Kinder fangen erst an. Und auf den Kindern soll keine Schande haften, so wahr ich Nettenmair heiße. Nun besinn’ dich, wie es werden soll. Ich zähle fünfzehn Paar Schläge an dem Perpendikel dort.“
Fritz Nettenmair hatte mit wachsendem Entsetzen die Rede des Vaters gehört. Daß seine Tat noch nicht öffentlich bekannt war, gab ihm Hoffnung. Die Angst vor dem gedrohten Tode weckte einen Teil seiner Kräfte wieder. Er flüchtete sich wieder in seinen Trotz. Hastig sagte er, nachdem der Alte ausgeredethatte: „Ich weiß nicht, was du willst. Ich bin unschuldig. Ich weiß nicht, was du da von Beilstichen sagst.“ Er erwartete, der Vater würde auf seine Einwendungen eingehen, wenn auch erst ungläubig. Aber der Alte begann ruhig zu zählen. „Eins — zwei.“ — „Vater,“ fiel er ihm mit steigender Angst in das Zählen, und der Trotz seines Tones brach im Flehen: „Hör’ mich doch nur. Die Gerichte hören einen und du hörst mich nicht. Ich will mich ja hinunterstürzen, weil du mich tot haben willst, ich will sterben, wenngleich unschuldig. Aber höre mich nur erst!“ Der alte Herr entgegnete nicht; er zählte fort. Der Elende sah, sein Urteil war gesprochen. Der Vater glaubte nicht, was er auch sagen mochte; und er wußte, was der eigensinnige alte Mann sich einmal vorgenommen, das führte er unerbittlich aus. Er wollte sich darein ergeben, da kam ihm der Gedanke, noch einmal zu flehen; dann fiel ihm ein: er konnte den Alten zurückwerfen und über ihn hin entfliehen, dann: er wollte sich anhalten, wenn der Alte sich an ihn hing, um nicht mitzustürzen. Das konnte ihm kein Mensch verdenken. Dazwischen sah er schaudernd, was ihn erwartete, wenn er floh und die Gerichte faßten ihn doch. Es war besser, er starb jetzt. Aber noch Schrecklicheres erwartete ihn über dem Tode drüben. Er sann zurück und lebte sein ganzes Leben im Augenblicke noch einmal durch, um zu finden, der ewige Richter konnte ihm verzeihen. Seine Gedanken verwirrten sich; er war bald dort, bald da, und hatte vergessen, warum. Er sah die Nebel sich ballen, in denen der Gesell verschwunden war, zugleich sah er zu den hellen Fenstern des roten Adlers auf,es klang: „Da kommt er ja! Nun wird’s famos!“ Er stand an den Straßenecken und zählte und die Bretter wollten unter Apollonius nicht brechen, die Stricke über ihm nicht reißen; er stand wieder vor der Frau und sagte über des sterbenden Ännchens Bett gebeugt: „weißt du, warum du erschrickst?“ und holte aus zu dem unseligen Schlage; selbst daß er vor dem Vater dalag und hin und her sann in gräßlich angstvoller Hast, kam ihm vorüberfliehend wie in einem Fiebertraum. Dann war’s ihm, als käme er zu sich und unendliche Zeit sei vergangen zwischen dem Augenblick, wo der Vater die Perpendikelschläge zu zählen begonnen, und jetzt. Es müsse ja alles gut sein. Er müsse sich nur besinnen, ob er über den Vater hinweggeflohen, oder ob er sich angehalten als ihn der Vater mit sich hinunterreißen wollte. Aber da lag er noch, dort saß der Vater noch. Er hörte ihn „Neun“ zählen und dann schweigen. Die Besinnung verließ ihn völlig.
Der alte Herr aber schwieg wirklich. Er zählte nicht mehr. Sein scharfes Ohr hörte einen eilenden Schritt auf der Treppe. Er griff nach dem Sohne und hielt ihn, wie um seiner gewiß zu sein, daß er ihm nicht entgehe. Er fühlte an der Kälte und Widerstandslosigkeit des Gliedes, das er gefaßt, es sei unnötig, den Sohn zu halten! er müsse ohnmächtig sein. Eine neue Sorge wuchs ihm daraus. War der Sohn ohnmächtig, so mußte er, wenn möglich, das fremden Blicken entziehen. Auch diese Ohnmacht konnte den Verdacht entstehen oder wachsen machen. Er erhob sich und wandte sich von der Dachluke nach dem Kommenden. Er war unschlüssig, sollte er die Luke mit seinem Körper decken oder dem Kommendenentgegengehen. Der Geselle, den er vorhin nach Brambach geschickt — denn dieser war’s, der so eilig kam — hustete auf der Treppe. Den konnte er abhalten von der Rüstung; ja, er konnte ihm vielleicht den Anblick des darauf Liegenden entziehen, wenn er ihm entgegenging und ihn noch auf der Treppe abfertigte. So vielleicht gewisser, als wenn er vor der Luke stehen blieb, da es wahrscheinlich war, er verdecke dieselbe doch nicht völlig. Jetzt fühlte der alte Herr erst, wie das, was er heute erfahren, seine Kräfte gelähmt. Aber der Gesell merkte nichts davon als er den alten Herrn, an den Treppenbalken gelehnt, ihm den Weg versperren sah.
„Soll ich ihn herholen, Herr Nettenmair?“ fragte der Geselle, indem er auf der Treppe stehen blieb.
„Wen?“ fragte Herr Nettenmair dagegen. Er hatte Mühe, seine künstliche Ruhe zu bewahren. War der Geselle in Brambach gewesen, so konnte er nicht so ruhig sprechen, er mochte sprechen, von wem er wollte.
„Nun, er wird nunmehr daheim sein,“ entgegnete der Geselle. Der alte Herr wiederholte seine Frage nicht, er mußte sich an dem Balken festhalten, an dem er lehnte. „Er war schon auf dem Wege,“ fuhr der Geselle fort; „ich bin mit ihm ans Tor gegangen. Da hat er mich zum Blechschmied geschickt, ich sollte fragen, ob das Blechzeug endlich fertig wär. Der Jörg sagte, er hätt’s schon hingeschafft, und käm’ eben vom Turmdach von Sankt Georg, da hätt’ er den alten Herrn Nettenmair hinaufgeführt. Da hab’ ich gemeint, er wird noch oben sein; und weil’s so eilig war, wollt’ ich ihn fragen, ob ich vielleicht den Herrn Apollonius heraufschicken soll.“
Jetzt erst gelang’s Herrn Nettenmair, den Balken, an dem er sich hatte festhalten müssen, herauf und herunter zu betasten, als ob er ihn nur umfaßt, um ihn zu untersuchen. Da er fühlte, seine Hände zitterten, gab er seine Untersuchung auf. Er sagte so grimmig, als er im Augenblick vermochte: „Ich komme selber hinunter. Wart’ Er auf dem Absatz, bis ich Ihn rufe.“ Der Geselle gehorchte. Herr Nettenmair schöpfte tief Atem, als er sich nicht mehr beobachtet wußte. Aus dem Atem ward ein Schluchzen. Jetzt, da der Seelenkrampf, in dem er sich seit Valentins Mitteilung befunden, sich zu lösen begann, trat erst der Vaterschmerz hervor, den die leidenschaftliche Anstrengung für die Ehre des Hauses bisher nicht zu Worte hatte kommen lassen. Er fand nun erst Zeit, das Unglück des rechtschaffenen Sohnes zu beweinen, als sich zeigte, es hatte ihn nicht getroffen. Aber es fiel ihm ein, der brave Sohn schwebt noch immer in der gleichen Gefahr, so lange der Schlimme sich in seiner Nähe befindet. Auch diesen Fall hatte er in seinem Plane vorgesehen und sich gesagt, was er dann tun müsse. Die bisherige Kraft, die nur eine angemaßte war, hätte ihn mit dem Krampfe verlassen, galt es nicht noch immer die Rettung des braven Sohnes und die Ehre seines Hauses. Er tastete sich nach der Dachluke hin. Fritz Nettenmair war unterdes aus seiner Betäubung wieder erwacht, und es war ihm gelungen, aufzustehen. Der alte Herr hieß ihn von der Rüstung hereintreten und sagte: „Morgen vor Sonnenaufgang bist du nicht mehr hier. Sieh, ob du in Amerika wiederum ein anderer Mensch werden kannst. Hier bist du in Schande und bringst Schande. Nach mir gehstdu heim; Geld sollst du haben; du machst dich fertig. Du hast seit Jahren nichts für Weib und Kind getan, ich sorge für sie. Vor Tagesanbruch bist du auf dem Weg. Hörst du?“
Fritz Nettenmair wankte. Eben noch hatte er dem unausbleiblichen Tode in die Augen gesehen; nun sollte er leben! Leben, wo niemand wußte, was er getan, wo ihn nicht jedes zufällige Geräusch mit dem Wahnbild des Häschers schrecken durfte. In diesem Augenblicke fühlte er selbst das als ein Glück, daß er fern sein sollte von dem Weibe, um das er alles getan, was er getan, und in deren Anschauen er Tag für Tag alles mitsehen sollte, was er getan; die seine Tat wußte, von der jeder Blick eine Drohung war, ihn der Vergeltung zu überliefern. Es graute ihm vor dem Hause, in dem ihn stündlich alles erinnern mußte an das, was er unter dem fremden Himmel ganz zu vergessen hoffte, und sich vormachte, durch ein neues Leben abbüßen zu wollen. Am liebsten wäre er sogleich unmittelbar von der Stelle, wo er jetzt stand, dem Rettungshafen zugeeilt.
„Apollonius ist nicht gestürzt,“ fuhr der Alte fort und Fritz Nettenmairs ganzer neuer Himmel versank. Das alte Gespenst hatte ihn wieder in seinen Fäusten. Nun liebte er wieder das Weib, das zu fliehen er eben noch sich gefreut. Mit dem Gegenstande seines Hasses lebte der Haß und die Liebe wieder auf, und beide waren Höllenflammen. Er meinte, alles habe er gekonnt; Sterben war ein Scherz, lag nur auch der Nebenbuhler tot. Gewissensangst, das drohende Jenseits, alles war erträglich, nur eins nicht: sie in seinen Armen zu wissen. Der Alte hatte des Sohnes Ja erwartet. „Dugehst,“ sagte er, als dieser schwieg. „Du gehst. Du bist morgen vor Tag noch auf dem Weg nach Amerika, oder ich bin auf dem Weg in die Gerichte. Soll Schande sein, so ist’s besser bloße Schande, als Schande und Mord. Denk’, ich hab’s geschworen, und nun tu’, was du willst.“
Der alte Herr rief den Gesellen herauf und ließ sich heimführen.
Unterdes war das Gerücht, das dem alten Herrn auf seinem Wege nach Sankt Georg begegnet war, auch in die Straße gekommen, wo das Haus mit den grünen Laden steht. Vor den Fenstern erzählte es ein Vorübergehender einem andern. Die Frau hörte nichts als: „Wißt ihr’s schon? In Brambach ist ein Schieferdecker verunglückt.“ Dann sank sie vom Stuhle, von dem sie aufspringen wollte, auf die Dielen. Wiederum mußte der alte Valentin seinen Schmerz um Apollonius über der Angst und Sorge um die Frau vergessen. Er eilte hinzu. Den Fall ganz verhindern konnte er nicht, nur den Kopf der Frau vor der scharfen Kante des Stuhlbeins bewahren. Da saß er neben der liegenden Frau auf den Füßen und hielt in den zitternden Hände Nacken und Kopf der Frau. Von seinem Griffe war ihr das volle, dunkelbraune Haar über der Stirne aufgegangen und verdeckte das bleiche Gesicht. Ihre vorderen Haare hatten einen Drang, sich in natürlichen Locken zu kräuseln, den sie durch das scharfe Anziehen der Scheitel nur vorübergehend überwinden konnte. Es war, als hätten sie die Ohnmacht ihrer Besitzerin benutzt,ihm nachzugeben. Der alte Valentin machte sich die Hände frei, indem er ihre Last vorsichtig leise auf den Boden gleiten ließ, und versuchte die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Er mußte sehen, ob sie noch lebe. Das verursachte ihm lange Zeit vergebliche Mühe; die Angst machte seine alten Hände noch ungeschickter; dazu kam die eigene Scheu, die einen alten Junggesellen unerbittlich in so enger weiblicher Nähe befängt; und der Eigensinn der Haare, die immer wieder im krausen Gelock über dem Gesichte zusammenschlugen. Der Hals- und der Schläfenpuls wehrten sich dagegen, er sah, wie sie die Haare mit ihren Schlägen bewegten und faßte wieder Hoffnung. Auf dem Tisch stand eine Flasche mit Wasser; er goß sich davon in die hohle Hand und spritzte es ihr auf Haare und Gesicht. Das wirkte. Sie machte eine Bewegung; er half ihr den Oberleib aufrichten und stützte ihn. Sie strich sich nun selbst die widerstrebenden Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Ihr Blick hatte etwas so Fremdes, daß der Valentin von neuem erschrak. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser Stimme: „Ja.“ Valentin verstand, sie sagte sich, sie habe die schreckliche Nachricht gehört und nicht geträumt. An dem Ton ihrer Stimme hörte er, sie sagte sich wohl, was geschehen, aber sie begriff es nicht. Es war, als ginge es nicht sie an, was sie sich sagte, und als besänne sie sich, wen es wohl treffen möge. Sie ahnte wohl, es war Schreck und Schmerz, wenn sie dahinter kam, aber sie wußte in dem Augenblicke nicht, was Schreck ist und Schmerz; ein traumhaftes Vorgefühl von Händezusammenschlagen, Erbleichen, Umsinken, Aufspringen, händeringendemUmhergehen, Müdigkeit, die auf jeden Stuhl, an dem sie vorbeiwankt, niedersinken möchte, und doch weiter getrieben wird von fortwährendem wildem Zurückbäumen und wieder matt nach vorn auf die Brust Sinken des Kopfes; ein traumhaftes Vorgefühl von alledem wandelte in der Stube vor ihr, wie ihr eigenes, undeutliches, fernes Spiegelbild, hinter einem bergenden Florschleier. Näher und unterscheidbarer war ein dumpfer Druck über der Herzgrube, der zum stechenden Schmerze wuchs, und das angstvolle Wissen, er müsse sie ersticken, wenn sie das Weinen nicht finden könne, das alles heilen müsse. So saß sie lange regungslos und hörte nichts von alledem, was der alte Valentin in seiner Angst ihr vorsprach. Es war nichts daran verloren; der Alte glaubte selbst nicht an seine Trostgründe, wenn er ihr beweisen wollte, Apollonius könne nicht verunglückt sein; er sei zu vorsichtig dazu und zu brav. Und vollends die Geschichte aus seiner Jugend, wo sich Leute, die nun lange tot sind, von einem ähnlichen Gerüchte vergeblich hatten abschrecken lassen! Er wußte es und erzählte doch immerfort und beschrieb die Personen, als müßte es die Frau unfehlbar beruhigen, wenn sie den alten Amtmann Kern und seine Haushälterin vor den Augen ihres Geistes sähe, wie sie damals leibten und lebten. Er hätte sein Leben hingegeben, um ihr zu helfen; er wußte in seiner Ratlosigkeit nicht, wie? So suchte er sich selbst über die Angst des Augenblicks durch immer eifrigeres Erzählen hinauszuhelfen. Dabei belauschte er die kleinste Bewegung in den Zügen des bleichen, schönen Gesichts; und je schöner und jugendlicher es ihm vorkam, desto schwerer schien ihm,was sie litt, und desto eifriger wurde sein Erzählen. Als eine siebzehnjährige Braut hatte er sie in das Haus mit den grünen Laden einziehen sehen, acht Jahre hatte er in ihrer Nähe gelebt. Die bis in ihr vierundzwanzigstes ein innerlich unberührtes, heiter mit den Dingen spielendes Kind gewesen; was hatte sie in den letzten zwei Jahren erduldet! Und wie schön war sie immer geblieben in ihrem Dulden, wie schön hatte sie geduldet! Nun lag sie zerbrochen als halb aufgeschlossene Blume da vor seinen alten Augen, die so oft um sie geweint; mehr über die Milde und unbewußte, unzerstörbare Hoheit, womit sie ihr Unglück trug, als über ihr Unglück selbst. Es gibt rührende Gestalten, die die Angst, die selbst der Zorn nicht entstellt; und in all ihrem Tun, selbst in ihrem Lächeln, selbst in ihrer lauten Freude uns bewegen, deren Anblick uns rührt, ohne daß wir an einen Schmerz, an ein Leiden bei ihrem Anschauen denken müssen. Es ist auch keine schmerzliche Rührung, die wir da empfinden; und der Schmerz selbst hat auf solchem Gesicht eine wunderbare Kraft, uns zugleich zu trösten und rührend zu erheben, indem er uns zum tiefsten Mitleid mit seinem Träger dahinreißt. Als eine solche Gestalt hatte Christiane, so lang er sie kannte, vor des alten Valentin Augen gestanden, als eine solche lag sie jetzt vor ihm da.
Endlich hatte sie das Weinen gefunden. Der alte Valentin lebte wieder auf; er sah, sie war gerettet. Er las es in ihrem Gesicht, das, so ehrlich, wie sie selbst, nichts verschweigen konnte. Er saß und hörte mit so freudiger Aufmerksamkeit auf ihr Weinen, als wär’s ein schönes Lied, das sie ihmvorsänge. In den Augenblicken, wo der Mensch der stärkeren Natur sich ohne Abzug hingeben muß, erkennt man am sichersten seine wahre Art. Was von Tierheit im Menschen unter der hergebrachten Schminke sogenannter Bildung oder vorsätzlicher Verstellung verborgen lag, trat dann unverhohlen hervor in den Bewegungen des Körpers und in dem Ton der Stimme. Der alte Valentin hörte die reine Melodie in Christianens Stimme im hingegossenen Weinen, welche sie nach dem Schlag über Ännchens Bett im Doppelschrei von Schmerz und Entrüstung nicht verloren hatte. Sie hatte sich ausgeweint und erhob sich; der alte Valentin hätte ihr nicht zu helfen gebraucht. Sie machte sich zum Ausgehen fertig. Ihr Wesen hatte etwas feierlich Entschiedenes angenommen. Valentin sah’s mit Erstaunen und Sorge. Ihm fiel seine Verantwortlichkeit ein. Er fragte ängstlich, sie wolle doch nicht fort? Sie nickte mit dem Kopfe. „Aber ich darf Sie nicht fortlassen,“ sagte er. „Der alte Herr hat mir’s mit Ketten auf die Seele gebunden.“
„Ich muß,“ sagte sie. „Ich muß in die Gerichte. Ich muß sagen, daß ich schuld bin. Ich muß meine Strafe leiden. Der Großvater wird sich meiner Kinder annehmen. Ich möchte den Herren sagen, sie sollen ihn zu dem Ännchen legen; er hat’s so lieb gehabt. Ich möchte auch dabei liegen, aber das werden sie nicht tun. Nein, davon will ich nichts sagen.“
Valentin wußte nicht, was er erwidern sollte. Er durfte sie nicht fortlassen und sah an ihrer Entschiedenheit, er würde sie nicht aufhalten können. „Wenn nur der alte Herr erstda wäre!“ dachte er. Er sagte: „Täten Sie dem alten Valentin nichts auf der Welt zu lieb?“
Sie sah ihn aus ihrem Schmerze freundlich an und entgegnete: „Wie Ihr fragen könnt! Ihr habt ihn immer lieb gehabt, und das vergeß ich Euch nicht, so lang ich noch lebe. Er ist gestorben und ich muß auch sterben. Kann ich Euch noch etwas tun, eh’ ich gehen muß, so dürft Ihr’s nur sagen. Wenn ich’s auch tun kann und wenn Ihr nicht verlangt, daß ich nicht gehen soll.“
„Nein,“ sagte der Alte. „Das nicht. Aber wenn Sie nur so lange bleiben wollten, bis der alte Herr zurückkommt, daß ich meiner Verantwortlichkeit ledig bin.“ Dem Alten war’s nicht allein um sich zu tun. Er hoffte zugleich, der alte Herr würde in seiner Geistesgegenwart ein Mittel finden, wodurch sie von ihrem Vorhaben abzubringen sei.
Die Frau nickte ihm zu. „So lang will ich warten,“ entgegnete sie.
Den Alten trieb Sorge und Hoffnung hinaus, zu sehen, ob Herr Nettenmair noch immer nicht komme. Christiane holte ihr Gesangbuch vom Pulte und setzte sich damit an den Tisch.
Der Valentin blieb länger aus, als er selbst gedacht hatte. Als er wieder hereinkam, war er nicht mehr der, der vorhin hinausgegangen. Er war verwirrt und verlegen, aber ganz anders verwirrt als vorhin. Er stand immer im Begriff, etwas zu tun oder zu sagen, worüber er erschrak und etwas anderes tat oder sagte und wiederum ungewiß schien, ob er nicht auch darüber erschrecken sollte. Immer und wenn er gar nichts gesagt hatte, meinte er, er habe zuvielgesagt. Manchmal war’s, als ob er lachte; dann sah er wieder desto trauriger aus. Und das paßte nicht zu dem, was er sprach; denn er redete vom Wetter. Dazwischen machte er sich viel an der Tür zu schaffen, die er immer wieder einmal öffnete; zuletzt blieb er im Hausflur stehen, wo er den Gang nach dem Schuppen hin übersehen konnte; und es waren die wunderlichsten Vorwände, durch die er all diese Tätigkeiten rechtfertigte. Die junge Frau bemerkte erst die Veränderung nicht, dann bewunderte sie ihn verwundert und immer ahnungsvoller. Zuletzt hatte er sie angesteckt mit seinem Wesen. Wenn er unwillkürlich lachte, glühte sie in Hoffnung auf, wenn er dann ein trauriges Gesicht machte, drückte sie die Hände zusammen und wurde wieder bleich. Sie folgte seinen Augen, ihm selbst nach der Tür und erschrak, so oft er sie öffnete. Dabei sprachen sie immer vom Wetter; wären sie ruhig gewesen, sie hätten über ihre eigenen Reden lachen müssen; aber man sah, er fürchtete sich, etwas zu sagen, sie fürchtete sich, nach dem Etwas zu fragen. Zuletzt preßte sie beide Hände bald gegen das Herz, das das Mieder durchschlagen wollte, bald gegen die brennenden, hämmernden Schläfen. Der Alte meinte sie endlich vorbereitet genug, das Wetter fahren zu lassen. „Ja,“ sagte er, „es ist ein Tag, wo die Toten aufstehen möchten, und wer weiß — aber tun Sie mir noch das zulieb und erschrecken Sie nicht.“ Sie erschrak dennoch. Sie sagte zu sich: „Aber es ist ja nicht möglich!“ Und sie erschrak doch eben, weil es mehr als möglich, weil es gewiß war. „Da sehen Sie einmal dahinter,“ schluchzte der Alte, der nur lachen wollte. Sie sah den Ganghin; sie hatt’ es getan, eh’ der Alte sie dazu aufforderte. Der alte Valentin eilte aus der Vordertür, dem alten Herrn die Freudenpost zu bringen; selig und stolz auf sein klug durchgeführtes Werk. Die junge Frau hielt sich fest an dem Türpfosten, als sie den Schritt hörte durch den Schuppen. Aber auch der Türpfosten stand nicht mehr fest, sie selbst nicht mehr auf dem festen Boden; sie schwindelte zwischen Himmel und Erde. Und als sie ihn kommen sah, war nichts mehr auf der Welt für sie, als der Mann, um den sie wochenlang mehr als Todesangst geduldet; alles ging um sie im Wirbel, erst die Wände, der Boden, die Decke, dann Bäume, Himmel und grüne Erde; ihr war, als ginge die Welt unter und sie würde erdrückt im Wirbel, hielt sie sich nicht fest an ihm. Sie fühlte, wie sie hinsank, dann nichts mehr.
Apollonius war hinzugeeilt und hatte sie aufgefangen. Da stand er und hielt das schöne Weib in seinen Armen, das Weib, das er liebte, das ihn liebte. Und sie war bleich und schien tot. Er trug sie nicht in die Stube, er ließ sie nicht hinabgleiten auf die Erde, er tat nichts, sie zu beleben. Er stand verwirrt; er wußte nicht, wie ihm geschehen war, er mußte sich besinnen. Der alte Valentin hatte ihn noch nicht gesprochen; er hatte nur durch den Gesellen, der vom Blechschmied, der nach Sankt Georg eilte, erfahren, Apollonius folge ihm und werde bald hier sein. Apollonius war vom Nagelschmied am Tor aufgehalten worden. Dann hatte er geeilt, dem Befehle des Vaters nachzukommen. Daß ihn der Vater rufen ließ, hatte ihn befremdet; er konnte sich nicht denken, warum. Von dem Sturze eines Schieferdeckers inTambach hatte er gehört, aber er wußte nicht, daß das Gerücht die Ortsnamen verwechselt hatte, und daß jemand glauben könnte, ihn habe das Unglück getroffen. So gänzlich unvorbereitet auf das, was ihm der nächste Augenblick bringen sollte, war er durch den Schuppen gekommen. Er wollte sogleich zu dem Vater auf dessen Stübchen, da hatte er die junge Frau den Gang herstürzen und mit dem Umsinken kämpfen sehen und war ihr entgegengeeilt. Und nun hielt er sie in den Armen. Die Gestalt, die er schmerzlich mühsam und doch vergebens, seit Wochen von sich abzuwehren gerungen, deren bloßes Gedankenabbild all sein Wesen in eine Bewegung brachte, die er sich als Sünde vorwarf, lag in schwellender, atmender, lastender, wonneängstigender Wirklichkeit an ihn hingegossen. Ihr Kopf lehnte rückwärts gesunken über seinen linken Arm; er mußte ihr in das Antlitz sehen, das schöner, gefährlich schöner war, als alle seine Träume es malen konnten. Und jetzt überflog ein Rosenschein das weiße Antlitz bis in die weichen, braunen Haare, die in den milden, selbstgeschlungenen Locken über die Schläfe hinabrollten, die tiefen, blauen Augen öffneten sich, und er konnte ihrer Gewalt nicht entfliehen. Und nun sah sie ihn an und erkannte ihn. Sie wußte nicht, wie sie hierher und in seine Arme gekommen, sie wußte nicht, daß sie in seinen Armen lag; sie wußte nichts, als daß er lebte. Wie konnte sie noch einen Gedanken denken neben dem! Sie weinte und lachte zugleich, sie umschlang ihn mit beiden Armen, um seiner gewiß zu sein. Und doch fragte sie noch in angstvoll drängender Hast: „Und bist du’s denn auch? Bist du’s auch gewiß? Und lebstnoch? Und bist nicht gestürzt? Und ich habe dich nicht getötet? Und du bist’s? Und ich bin’s? Aber er — er kann kommen!“ Sie sah sich wild um. „Er will dich töten. Er wird nicht eher ruhen.“ Sie umfaßte ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe decken gegen einen Feind; dann vergaß sie die Angst über der Gewißheit, daß er noch lebte, und lachte wieder und weinte zugleich und fragte ihn wieder, ob er auch noch lebe, ob er’s auch noch sei. Aber sie mußte ihn ja warnen. Sie mußte ihm alles sagen, was jener ihm getan und was er ihm noch zu tun gedroht. Sie mußte es schnell; jeden Augenblick konnte jener kommen. Warnung, süß unbewußtes Liebesgeschwätz, Weinen, Lachen; Seligkeit, Angst, Schmerz um das verlorene Glück; Anklage wie des Kindes beim Vater; das Bedürfnis der Liebe, mit allem, was sie ist, was sie freut, was sie bekümmert, ein Gedanken seines Geistes, ein Gefühl seiner Seele zu sein, das er denkt und fühlt wie seine andern; bräutliche Verwirrung und Vergessen der ganzen Welt über den einen Augenblick, der ihr eigentliches Dasein ist, — denn alles, was war und werden kann, ist bloß Schatten — was sie erzählt, hat sie geträumt und erlebt, fühlt und weiß es erst jetzt; was gewesen ist und kommen wird, ist gewesen und kommt nur, damit dieser Augenblick sein kann; vor und nach diesem Augenblick ist die Zeit zu Ende; — alles das durchdrang sich, alles das zitterte zugleich in jedem einzelnen Klang der fliegenden, sich pressenden Rede. „Er hat mich und dich belogen. Er hat mir gesagt, du verhöhntest mich und hättest meine Blume vor den Gesellen ausgeboten. Und du weißt’s ja noch, beim Pfingstschießendie Blume, das kleine Glöckchen, das ich liegen ließ. Und du hast’s ihm geschickt. Ich hab’s gesehen. Ich wußte nicht, warum. Du hast mich gedauert. Daß du so still warst und trüb und so allein, das hat mir weh getan. Da hat er mir beim Tanz gesagt, du hättest deinen Spott über mich. Da gingst du in die Fremde und er hat mir gesagt, wie du in deinen Briefen über mich spottest: das tat mir weh. Du glaubst nicht, wie weh mir das tat, wenn ich schon nicht gewußt hab’, warum. Der Vater wollte, ich sollte ihn frein. Und wie du kamst, hab’ ich mich vor dir gefürchtet; du hast mich immer noch gedauert und ich hab dich immer noch geliebt und wußt es nur nicht. Er selbst hat mir’s erst gesagt. Da bin ich dir ausgewichen. Ich wollte nicht schlecht werden und will’s auch nicht. Gewiß nicht. Dann hat er mich gezwungen, zu lügen. Dann hat er mir gedroht, was er dir tun wollte. Er wollte machen, daß du stürzen müßtest. Es wär’ nur Scherz; aber, sagt’ ich’s dir, dann wollt’ er’s im Ernste tun. Seitdem hab’ ich keine Nacht geschlafen; die ganzen Nächte hab’ ich aufgesessen im Bett und bin voll Todesangst gewesen. Ich hab dich in Gefahr gesehn und durft’ es dir nicht sagen und durft’ dich nicht retten. Und er hat die Seile zerschnitten mit der Axt in der Nacht, eh’ du nach Brambach gingst. Der Valentin hat mir’s gesagt, der Nachbar hat ihn in den Schuppen schleichen sehen. Ich hab’ dich tot gemeint und wollte auch sterben. Denn ich wär’ schuld gewesen an deinem Tode und stürbe tausendmal um dich. Und nun lebst du noch und ich kann’s nicht begreifen. Und es ist alles noch, wie es war; die Bäume da, der Schuppen,der Himmel, und du bist doch nicht tot. Und ich wollte auch sterben, weil du tot warst. Und nun lebst du noch, und ich weiß nicht, ist’s wahr oder träume ich’s nur. Ist’s denn wahr? Sag’ du mir’s doch: ist’s wahr? Dir glaub’ ich alles, was du sagst. Und sagst du, ich soll sterben, so will ich’s, wenn du’s nur weißt. Aber er kann kommen. Vielleicht hat er gelauscht, daß ich dir’s sagte, was er will. Schick’ den Valentin in die Gerichte, daß sie ihn fortführen und er dir nichts mehr tun kann!“
So schwärmte, lachte und weinte das fiebernde Weib in seinen Armen fort. Alles vergessend, wie ein Kind an einem Abgrund spielend, den es nicht sieht, ruft sie unbewußt eine Gefahr herbei, tödlicher als die, über deren Vorbeigehen sie jubelt, drohender als die, wogegen sie den Mann mit ihrem Leibe decken will. Sie ahnt nicht, was ihr leidenschaftlich Tun, die Süßigkeit ihrer unbekümmerten Hingebung, was ihre Liebkosungen, was ihr warmes, schwellendes Umfangen in dem Manne aufregen muß, der sie liebt; daß sie alles tut, was den Mann, dessen Rechtlichkeit und Edelmut sie sich so unbekümmert anheim gibt, Rechtlichkeit und Edelmut im Tumulte des Blutes vergessen machen kann. Sie hat keine Ahnung, welchen Kampf sie in ihm entzündet und wie sie ihm den Sieg erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Und er weiß nun, das Weib in seinen Armen war sein; der Bruder hat ihn um sie und sie um ihn betrogen. Jetzt weiß er’s, wo das Weib in seinen Armen ihm die Größe des Glückes zeigt, um das der Bruder ihn betrogen hat. Er hat sie geraubt und noch mißhandelt; und für alles, was er um ihn gelitten,getan, verfolgt er ihn noch und steht ihm nach dem Leben. Gehört das Weib dem, der sie ihm gestohlen, der sie mißhandelt, den sie haßt? Oder ihm, dem sie schändlich gestohlen worden ist, der sie liebt, den sie liebt? Das alles waren nicht deutliche Gedanken; hundert einzelne Empfindungen, die, in den Strom eines tiefen und wilden Gefühls hingerissen, durch seine Adern stürzten und die Muskeln seiner Arme spannten, etwas, das sein ist, an sein Herz zu pressen. Aber eine dunkle Angst drängt dem Strom entgegen und hält die Muskeln wie im Starrkrampfe fest. Das Gefühl, er will etwas tun und er ist sich nicht klar, was es ist, wohin es führen kann; eine ferne Erinnerung, daß er ein Wort gegeben hat, das er brechen wird — er läßt sich fortreißen; die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, könne er etwas wie ein Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein wertvolles Papier werfen: Alledem lag die angstvolle Vorahnung zugrunde, er könne mit einer Bewegung etwas verderben, was nicht wieder gut zu machen sei. Er rang schon lange unter den berauschenden Tönen nach etwas, bevor er wußte, daß er rang und daß dies Etwas die Klarheit war, das Grundbedürfnis seiner Natur. Und nun kam sie ihm und sagte: „das Wort, das du gegeben hast, ist, die Ehre des Hauses aufrechtzuerhalten, und was du tun willst, muß sie zernichten.“ Er war der Mann und mußte für sich und sie einstehen. Die Klarheit brandmarkte den Verrat, den er mit einem Drucke, mit einem Blicke, an dem rührenden, unbedingten Vertrauen üben würde, das aus des Weibes Hingebung sprach, mit aller Schmach, die sie fand.Sie zeigte ihm die Reinheit des Gesichtes, das an seinem Herzen lag und schwärmend zu ihm aufsah, und wie er mehr an ihr und an sich selbst verderben würde, als das war, worüber er ihren und seinen Feind anklagte. Noch stand die heilige Scheu schützend zwischen ihm und ihr, die ein einziger Druck, ein einziger Blick für immer verscheuchen konnte. Und doch sah er angstvoll sich nach einem Helfer um. Wenn nur Valentin käme, dann mußt’ er sie aus seinen Armen lassen. Valentin kam nicht. Aber die Scham über seine Schwäche, die die Hilfe außen suchte, wurde zum Helfer. Er legte die Kraftlose sanft auf den Rasen. Als er die weichen Glieder aus den Händen ließ, verlor er sie erst. Er mußte sich abwenden und konnte einem lauten Schluchzen nicht wehren. Da sah der jüngste Knabe neugierig in den Hof. Er eilte hin, hob das Kind in seine Arme, drückte es an sein Herz und stellte es zwischen sich und sie. Es war eigen; mit dem Drucke, mit dem er das Kind an sein Herz gedrückt, entband sich der wilde Drang, und nun lösten sich die gespannten Muskeln. Er hatte sie in dem Kinde an sein Herz gedrückt, wie allein er sie an sein Herz drücken durfte.
Die Frau sah ihn den Knaben zwischen sich und ihn stellen und verstand ihn. Glühende Röte stieg ihr bis unter die wilden, braunen Locken. Sie wußte nun erst, daß sie in seinen Armen gelegen, daß sie ihn umfaßt und mit ihm gesprochen hatte, wie es nur erlaubte Liebe darf. Sie sah nun erst die Gefahr, an deren Abgrund sie ihn und sich gestellt. Sie richtete sich auf den Knien auf, als wollte sie ihn flehen, sie nicht zu verachten. Zugleich fiel ihr wiederein, der Mann konnte sie belauscht haben und die Drohung noch vollziehen. Dann hatte sie ihn durch die Freude über seine Rettung erst verdorben. Er sah das alles und litt es mit ihr. Er hatte sich abgekämpft, ihr nicht zu zeigen, was in ihm vorging; aber in seinem Innern war der Kampf selbst nicht ausgekämpft. Er neigte sich zu ihr und sagte: „Du bist meine brave Schwester. Du bist braver als ich. Und über uns und deinem Manne ist Gott. Aber nun geh’ hinein, Schwester, liebe, brave Schwester.“ Sie wagte nicht aufzusehen, aber durch die gesenkten Lider sah sie seine Milde, das tiefe, unauslöschbare Wohlwollen, die unvertilgbare Menschenachtung auf seiner leuchtenden Stirne und um den sanften Mund. Und wie er ihr bewußter und unbewußter Maßstab war, wußte sie nun, sie war nicht schlecht, sie konnt’ es nicht werden; er trug sie bewahrt, wie die Mutter das Kind vorsichtig auf starken Armen. Er wuchs ihr, wie sie ihn durch die gesenkten Lider sah, mit dem Haupte bis an den Himmel. Sie wußte, daß ihm der Mann nicht schaden konnte. Apollonius gab ihr den Knaben in den Arm und bot die Hand, sie aufzurichten. Sie bebte unter der Berührung, und wie sie noch auf den Knien lag, stieg ihr Gedanke in ihm auf wie ein Gebet. Er führte sie an die Tür. Vom Schuppen her kam Herr Nettenmair mit dem Gesellen. Fritz Nettenmair, der ihnen nachschlich, sah noch, wie er sie führte.
Von allem, was er heute gewollt und gelitten, stand nichts in Herrn Nettenmairs verknöchertem Antlitz zu lesen,als er heimkam. Die junge Frau und Valentin mußten eine Predigt über grundlose Einbildungen anhören; denn die Geschichte hatte sich ausgewiesen, wie sie war, nicht wie sie der Valentin zusammengeängstelt hatte. Die Reise Fritz Nettenmair’s gedachte er als eines lang von demselben gehegten, aber von ihm erst heute genehmigten Vorhabens. Apollonius erhielt den Befehl, sogleich mit den Geschäftsbüchern auf des alten Herrn Stube zu kommen. Der alte Herr gab vor, er wollte den Stand des Geschäftes genau kennen lernen; sein wahrer Zweck dabei war, Apollonius so lange bei sich in Sicherheit zu behalten, bis sein Bruder abgereist sei. Apollonius konnte, ohne wegen der nächsten laufenden Ausgaben in Verlegenheit zu kommen, das Geld zu des Bruders Reise bis Hamburg verschaffen. Dort wußte er einen früheren Kölner Freund, der sich in sehr guten Verhältnissen befand, und der, um manche geleistete Dienste zu vergelten, ihm öfter, und noch neulich eine Geldhilfe angeboten hatte. Auf des Vaters Stübchen schrieb er an ihn. Der Freund sollte dem Bruder einen Platz auf einem Passagierschiffe besorgen, seine Aufenthaltskosten bestreiten und ihm — aber nicht eher, als unmittelbar vor der Abfahrt — eine gewisse Summe Geldes übermachen; alles auf Apollonius Rechnung. Valentin mußte noch den Abend auf die Post, um den Brief aufzugeben und Fritz Nettenmair einschreiben zu lassen. Der Wagen ging eine Stunde vor Sonnenaufgang ab; noch eine Stunde früher sollte Valentin auf dem Zeuge sein und sich bei dem alten Herrn melden.
So war das Leben in dem Hause mit den grünen Ladenimmer schwüler geworden. Diese Nacht mit ihrer stillen Unruhe gleich der angstvollen Stille, darin die Kräfte eines Meersturms seinen Ausbruch vorbereiten. Es war ein eigenes Treiben. Wer in dieser Nacht in das Haus, aber nicht in die Seele der Menschen hätte hineinsehen können, der wäre aus einer Befremdung in die andere gefallen. Sonst, wenn ein Glied einer Familie zu einer Reise sich rüstet, von der es vielleicht nicht wieder heimkehren wird, drängen sich die übrigen um ihn. Je weniger der Augenblicke werden, die er noch mit ihnen zubringen kann, je tiefer werden sie ausgenossen. Jahre des gewöhnlichen Miteinanderlebens drängen sich in ihnen zusammen. Jeder Blick, jedes Wort, jeder Händedruck wird als ein ewiges Andenken gegeben und genommen. Stundenweit her kommen die Freunde des Scheidenden, ihn noch einmal zu sehen. Nach Fritz Nettenmair sahen die Leute im Hause nicht. Sie schauderten, ihm zu begegnen, als wär er ein schreckendes Gespenst. Und wie ein solches schlich er darin umher und wich den Menschen aus, wie sie ihm. Und die Menschen, denen er ausweicht, die ihm ausweichen, sind nicht fremde; sein Vater ist’s, sein Bruder, sein Weib und seine Kinder. Ein Reisender, der nicht gesehen wird, der sich nicht sehen läßt, der kein Lebewohl gibt und kein Lebewohl nimmt, und der doch freiwillig reist, und dessen Reise die andern wissen und genehmigen!
Apollonius mußte dem alten Herrn die Geschäftsbücher vorlesen, ein wunderlich zweckloses Werk! Denn weder er noch der alte Herr war im Geiste bei den Zahlen. Und der alte Herr tat noch dazu, als wisse er alles schon. Daß Apolloniusihm die Gefahr des Hauses verschwiegen, erwähnte er natürlich nicht; von den Gedanken, die sich bei ihm daran knüpften, ließ er keinen sehen. Aus seinen diplomatischen Reden, zu denen er sich bisweilen zusammenraffte, um dem Schattenspiel vor dem Sohne einen Schein der Wirklichkeit zu geben, konnte man vielleicht erraten, wenn man genauer aufmerkte, als es Apollonius möglich war, der alte Herr habe alles gehen lassen, um zu zeigen, wohin es kommen müsse, wenn er die Hand vom Ruder abziehe, und daß er gesinnt sei, von nun an selbst wieder das Schiff zu leiten. Dazwischen fragte er den Sohn einmal wie beiläufig, ob er etwas Genaueres von dem Verunglückten in Tambach wisse. Apollonius konnte ihm sagen, er kenne den Mann; es sei derselbe ungemütliche Geselle, der vordem bei ihnen gewesen. „So?“ sagte der alte Herr gleichgültig. „Und weiß man, was die Ursache war?“ Apollonius hatte gehört, das Seil, das über dem Verunglückten gerissen, sei ein fast neues, aber es müsse an der Stelle des Risses rundum mit einem scharfen, spitzen Werkzeug durchschnitten gewesen sein. Der alte Herr erschrak. Er ahnte einen Zusammenhang, auf den auch andere kommen konnten. Valentin, wußte er, hatte vorhin beredet, der Arbeiter, der den Karren mit dem Handwerkszeug nach Brambach gefahren, müsse auf dem Rückweg ein Anschleifeseil verloren haben. Apollonius hatte den Valentin damit beruhigt, er habe das Seil in Brambach verliehen. Der alte Herr war nun überzeugt, auch Apollonius müsse einen Zusammenhang ahnen, wenn nicht mehr als nur ahnen; und habe durch die Antwort des Valentin ihn den Augen des alten Gesellen entziehenwollen. Er sah, daß Apollonius in seinem, des alten Herrn, Geiste verfuhr. Von dieser Seite war also nichts zu fürchten. Aber es konnten Umstände im Spiele sein, die trotz Apollonius’ Vorsicht eine Entdeckung herbeizuführen drohten. Er ließ seine Zurückhaltung, so schwer dies ihm fiel, diesmal beiseite, und auf wiederholte Fragen mußte Apollonius sagen, was er wußte. Es war folgendes. Den ersten Tag hatte Apollonius in Brambach nur die Leiter gebraucht. Der Geselle war in dem Wirtshaus gewesen, als er ankam. Denselben Abend noch hatte er ihn über den Hof schleichen sehen. Am andern Morgen fehlte das Seil. Er hatte sogleich Verdacht auf den Gesellen, aber nach seiner gewissenhaften Weise zögerte er, ihn auszusprechen. Auf dem Heimwege, vor dem Tor der Stadt, erfuhr er das Unglück, das ihn getroffen; zugleich, daß der Geselle bei keinem Meister gestanden, sondern auf eigene Hand die kleine Reparatur an dem Schieferdache in Tambach unternommen. Ein Stück des von ihm hinterlassenen Handwerkszeugs, ein Zimmerbeil, war schon von dem rechtmäßigen Besitzer beansprucht worden. Bald darauf machte die Warnung Christianens ihn gewiß, das Seil, durch dessen Zerreißen der Geselle verunglückt, war das seine. Wie die Sache nun stand, durfte er sich natürlich nicht zu dem Eigentumsrechte daran bekennen; er mußte seiner Ehrlichkeit sogar den Zwang antun, durch Erdichtungen fremder Vermutung der Wahrheit zuvorzukommen.
Der alte Herr gebot dem Sohne, weiter zu lesen. Apollonius tat es, aber im Geiste waren beide wiederum bei andern Dingen. Apollonius wollte sich zwingen. Es warseiner sonstigen Art geradezu entgegen, nicht mit ganzer Seele bei der Sache zu sein, die er trieb. Es gelang ihm nicht. So griff fremde Zerrüttung auch in diese gleichgewichtige, wohlgeordnete Seele herüber. — Endlich kam Valentin, erhielt das Reisegeld für Fritz Nettenmair und die Anweisung an den Hamburger Freund und die Weisung, das Gepäck des Reisenden nach dem Posthofe zu tragen, und etwaigen Auftrages harrend in seiner Nähe zu bleiben, bis er abgefahren sei. Eine Stunde später kam er zurück und hatte den Befehl vollzogen. Er erzählte, Fritz Nettenmair freue sich auf das neue Leben in Amerika. Sie sollten sich wundern über ihn, wenn sie ihn wiedersähen. Er konnte kaum die Zeit erwarten. Der alte Herr richtete sich innerlich hoch auf; er meinte grimmig, Apollonius könne vor Schlaf in den Augen nicht mehr lesen, und schickte ihn ins Bett. Das begonnene Werk fortzusetzen, müsse sich ein andermal Zeit finden.