III

„Eine Sünderin: ja. Aber bedenke auch, wie furchtbar das Frauenleben ist! Welche Schrecken uns drohen jeden Tag! Hast du gehört, was der Beamte in Via del Mezzo mit seiner Frau getan hat? Nun siehst du! Er kommt, mit einem Fiasco unter dem Arm, die Treppe herauf.“

Claudia ahmte seinen Schritt nach. Sie ließ sich breit am Tisch nieder.

„Er will weitertrinken; die Frau rät ihm ab, sie wirft ihm sein Laster vor. Er antwortet nicht; er schweigt und trinkt. Als er fertig ist —“

Claudia wischte sich mit der Handfläche den Mund.

„— steht er auf, holt einen Strick und —“

Claudia stand, von Grausen erkältet, sehr steif, die Arme am Leib. Ihre Augen sahen den Mörder kommen.

„— schnürt ihr den Hals zu, wie einem Spatz. Dann hängt er sie auch noch an die Decke.“

Und Claudia machte sich, dumpf stöhnend, noch starrer, verdrehte die Augen und streckte die Zunge aus. Plötzlich fiel sie auf einen Stuhl. Nach vorn geworfen, heftig flüsternd:

„Und das ist ganz der Typus meines Mannes! Auch mein Mann ist ein Neurastheniker, auch er trinkt,schreit mich an . . . und eines Tages wird er schweigen und —“

Claudia führte mit der geballten Hand rasche Kreise um ihren Hals. Dann zog sich ihr Gesicht zusammen, und laute Tränen kamen. Lola ließ sich, erschreckt, vor ihr auf die Knie.

„Aber Claudia, jene Frau hatte einen Liebhaber.“

Claudia klammerte sich an.

„Ich habe solche Angst!“

„Wovor, Liebling? Du bist nicht wie jene.“

„Doch!“ — mit großen, nassen Sünderinnenaugen. Und schwer nickend:

„Ich habe einen Geliebten. O, frage mich nicht, wen! Aber glaube nur, wenn du’s noch nicht weißt: unsere Männer sind von einer Art, daß wir einen Trost brauchen.“

„Ich weiß es schon.“

„Wie du nun aussiehst. An wen denkst du jetzt? Verrate mir dein Geheimnis, Lolina?“

Lola schrak auf und machte sich los.

„An niemand denke ich, sei versichert. Aber auch wenn ich meinen Mann nicht mehr lieben würde, ich nähme doch nie einen Geliebten. O, ich verurteile euch nicht; ihr seid anders. Nur ich habe nicht das Recht dazu.“

Claudia richtete ihre kleine elegante Gestalt auf. Tragisch:

„Wir bezahlen dafür. Möblierte Zimmer oder . . . so.“

Sie ließ nochmals die ganze Zunge hängen. Und leichtsinnig zärtlich:

„Aber Spaß macht’s doch. Sage, Lolina, warum könntest nicht auch du —? Hast du nicht gemerkt, daß Valdomini in dich verliebt ist? Übrigens sind viele es, nur daß du sie entmutigst. Aber wie ich lachen wollte, wenn Pardi —“

Sie stellte zwei Finger über ihrer Stirn auf.

„Er, der so viele verführt hat! Alle könntest du rächen. Meinst du nicht, daß er dich betrügt?“

„Ich wußte es, bevor ich ihn nahm;“ — und Lola schlug die Augen nieder. „Ich habe ihn genommen, wie er ist.“

„Seid ihr ehrlich! Weißt du, daß das schließlich zum Lachen ist?“

Und sie krümmte sich. Gleich nachher, demütig abbittend, voll Bewunderung:

„Nicht wahr, wenn du einen liebtest, würdest du dich ganz und gar trennen von deinem Mann? Ihn nie mehr zu dir lassen?“

Gramvoll und ohne Mut sagte Lola:

„Ich wollte, ich könnte immer, immer allein bleiben.“

Claudia sprang auf.

„So sehr zuwider ist er dir?“

Sogleich löschte sie ihre Miene wieder aus, machte sich ganz sanft und farblos.

„Dann tu’s doch, arme Kleine! Wie glücklich wärest du!“

Aber Lola war aufmerksam geworden.

„Warum? Du möchtest es?“

Ein Schritt ward laut: Pardi. Angstvoll wendete Claudia sich umher.

„O Gott! ich muß fort.“

„Warum? Bleibe!“

Claudia zuckte, in fliegendem Schrecken, an der Hand, die sie festhielt. Sie drückte die Zähne in die Lippe, sah nicht vom Boden auf und drehte Pardi, wohin er sich immer stellte, den Rücken. Lolas Blick ging von ihr zu ihm. Plötzlich ließ sie Claudia los.

„Adieu,“ sagte Claudia, ohne den Mund zu öffnen. Sie lief hinaus.

„Was hat sie?“ — und Pardi war erblaßt. Lola, am Fenster, kämpfte ihren Atem zur Ruhe. Mit einer langsamen Wendung:

„Ich weiß es nicht.“

Er wanderte umher und stellte Fragen, nach denen er suchte.

„Du antwortest sehr kurz. Bin an deiner schlechten Laune ich schuld?“

„Nein.“

„Du hast mir nichts vorzuwerfen?“

„Nein.“

„Um so besser. Ich sehe, daß du Ruhe brauchst.“

„Das war eine Freundin! Dies kleine schlaue Tier, das sich mit seinen Gazellenaugen in mich eingeschlichen hat, mein Empfinden und meine Stimme nachgeäfft hat! Sie wußte, was sie wollte: vom ersten Tage an! Wir disputierten; ich dachte, Pardi zu gewinnen; ich glaubte, zwei Körper könnten nicht, wieunsere, durch Liebe verschwistert sein, ohne daß auch die Seelen sich umarmten. Sie unterstützte mich, schelmisch, schmiegsam. Im selben Atem — wie abstoßend häßlich! — nahm sie mir den Mann! Daß solch Geschöpf sich leben sehen mag!“

Lola ertrug sich selbst nicht, weil sie dies erlebt hatte. Sie irrte umher, vergrub sich in Winkel.

„Werde ich nie mißtrauisch genug werden? Werde ich nie Weib werden und weiblichen Schlichen zu begegnen lernen? Warum muß mich jeder Mensch, nach dem ich die Hand ausstrecke, in noch tiefere Einsamkeit stoßen? Mein Gott, gib mir Verachtung!“

Sie weinte. Dann sah sie:

„Das alles ist falsch. Sie hat mich betrogen, aber sie liebte mich. Habe ich nicht ihre Reue und ihr schlechtes Gewissen vor Augen gehabt? Sie war wie ein verderbtes Kind, dem plötzlich vor ihm selbst bange wird, und das lieber gut wäre. O, das wäre leicht und einfach: dumm sein und sie hassen! Aber ich fühle, wenn ich mich besinne, von ihr und ihrer Welt gerade selbst genug, daß ich ihr Recht lassen muß. Sie wird schuldig und sie büßt. Unter Gefahren genießen, sich durch einen Tag bringen und durch noch einen, täuschen, siegen, geschlagen werden: es wäre doch eine starke, schöne Welt. Man dürfte keine andere kennen. Auch ich trage sie in mir — neben der anderen, die ich auch in mir trage. Und immer, wenn die eine mich haben sollte, fühle ich das Gewicht der anderen, die mich fortzieht . . .“

Da sprang sie auf, stürzte sich auf die Klingel.

„Ich bitte den Herrn Grafen, sofort zu mir zu kommen.“

„Der Herr Graf ist nicht zu Hause.“

Lola sah sich im Spiegel entstellt von Zorn. „Recht so! Ich werde einen Skandal machen, an den Florenz denken soll! Er ist bei ihr, ich habe ihn sicher gemacht. Sie überraschen, mich rächen, sie beide ganz klein sehen und dann fort: leicht und frei, wieder frei sein!“

. . . Sie merkte, daß sie sich, anstatt die Tür zu öffnen, dagegengelehnt und geträumt hatte.

„Für wen will ich frei sein? Welchen Namen habe ich schon wieder gedacht? Auch Claudia sah, daß ich einen Namen dachte . . . O, ich bin schlechter als sie beide, als sie alle! Heuchlerischer bin ich! Sie bilden sich keine Reinheit ein. Sie sind nicht selbstgerecht. Ich liebte Arnold, als ich, um meiner Sinne willen, Pardi heiratete. Das ist die Wahrheit, die schlimme Wahrheit!“

Sie sah leer vor sich hin . . . Von der Dämmerung beschlichen, schrak sie auf.

„Ich wußte, was ich tat, und daß er noch andere begehren und nehmen würde. Er und sie: es ist so selbstverständlich; wie konnte ich mißverstehen, wie durfte ich mich auflehnen. Bei mir ist kein Recht, keins; und ich schäme mich, ihnen im Wege zu sein.“

Kaum ward es Mai, und schon erklärte sie, nach San Gregorio zu wollen. An den Ort, wo ihre Sinnegeschwelgt hatten, trieb es sie jetzt, um Buße zu tun. Pardis Blick flammte auf.

„Weißt du noch, der Garten, nachts, wenn wir in den Büschen lagen, und es wetterleuchtete? Du möchtest wieder anfangen; und ich sage nicht nein. Aber . . .“

„Du irrst dich. Ich will allein hin.“

„Ohne mich? Was soll nun das wieder? . . . Ach ja, ich weiß, du bist krank. Du bist immer krank, ohne daß der Teufel begreift, woran. Von Giovannino kommt er nicht, dein Zustand: so viel ist sicher, wie? Und nun mußt du aufs Land . . . Aber wenn ich dir befehlen würde, bis Mitte Juni hierzubleiben? Du hast dich, nach unserem Gesetz, dort aufzuhalten, wo es deinem Mann beliebt.“

Sie ließ ihn ohne Antwort. „Ihm ist’s bequem, daß ich gehe,“ dachte sie. Er schloß:

„Nehmen wir an, daß du unser Klima nicht verträgst. Aber ich kann dir sagen, daß man es zuweilen bereut, wenn man eine Fremde geheiratet hat.“

Und Lola:

„Ich hätte daran denken sollen. Ich bitte dich um Verzeihung.“

Ein Aber ließ er dennoch bestehen. Lola erstaunte über seine geringe Eile, sie loszuwerden. Schließlich schlug er ihr einen anderen Landsitz vor. Als sie auf San Gregorio bestand, brach er in Wut aus. Dann verbrachte er den vollen Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, schrieb und telephonierte. Tags darauf eröffnete er ihr, sie könne reisen. Er bot ihr an, sie bis Rom zu begleiten; aber sie dankte ihm.

Draußen blühten Mandel und Pfirsich. Die rosigen Blütenschleier glitten auseinander auf Lolas Wege, wehten ihr nach, hochzeitlich. Droben im Städtchen leuchteten, wie sie sich zeigte, alle Gesichter auf: Lolas Glück von damals glänzte noch einmal auf sie ab. „Das Glück, von dem ich selbst nichts mehr weiß!“ Das Herz zog sich ihr zusammen, wie sie, ganz klein, dem Riesenleib des Palastes entgegenging. Auf kahler Höhe breitete er seine morschen Fledermausflügel nach ihr aus. Die Dächer alle flohen wirr den Berg hinab, als striche ein Angstwind über sie hin. Lola duckte die Schultern; kalt lag es darauf; und begab sich, zwischen der gellend betenden Zwergin und den Alten, die um Barmherzigkeit murmelten, in das Greifenportal, wie in einen Rachen.

Die Zimmer waren verdunkelt und noch kalt. Lola mußte sich anstrengen, um den Befehl zu geben, man solle die warme Luft hereinlassen. Gern hätte sie die Lider gesenkt vor den Dienern, diesen Zeugen dessen, was sie hier einst gewesen war. Des Kastellans kalte Greisenaugen forschten unerträglich. Und das gelbe, mürbe Fleisch der schwarzen Maria erinnerte sich noch immer, mit melancholischem Stolz und Gleichgültigkeit gegen alles, was kommen mochte, jener Wonnen, die sie mit Lola geteilt hatte; kraft deren sie zu Lolas Vertrauter, fast zu ihrer Schwester geworden war; von denen sie ihr, indes ihre schweren Augen erwachten, mit solchen Worten geflüstert hatte, daß plötzlich der Schauer selbst wieder auflebte.

Mit langsamen Schritten, deren jeder eine Weltvon Angst durchmaß, gelangte sie an der Frau vorbei, — hörte sie nicht, sogleich, im Nacken eins jener Worte? — vor die Schwelle des Schlafzimmers und hinüber. Ein kopfloser Griff: die Tür fiel zu. Darangelehnt, die Hände vors Gesicht gedrückt: „Zu viel Demütigung, zu viel!“ Mit geschlossenen Augen fand sie zwischen den Möbeln und am Bett vorbei — „O, ich kenne dies Zimmer, und es kennt mich!“ — und dennoch strauchelte sie, glitt, und meinte, wie ekle Tiere, die Bilder von damals, die sie mit ganzer Seele niederstieß, unter ihren Füßen zu spüren.

Nach allem hatte sie irgendwie den Garten erreicht, ein Versteck und Finsternis. Ermattet und gleichgültig sah sie vor sich hin. Es wetterleuchtete — wie damals. Ins Dunkel, neu gesammelt und mit Beben: „Muß ich mich noch länger quälen? Arnold?“

Jetzt enthielt die dunkle Luft diesen Namen, war erlöst und leichter zu atmen.

„Bist du genug gerächt? Siehst du, ich bin hergekommen, weil ich mich deiner Verachtung ganz ausliefern wollte; weil ich deine Verachtung nötig hatte, wie ein Bad.“

Sie schrak zusammen. „Mein Gott! wenn er käme: wohin mit mir!“

Sie griff sich ans Herz, lauschte — und fühlte das bange Lächeln wieder zergehen. Mit Seufzen:

„Wozu alles? Er hört nicht und hat längst verwunden. Man muß krank sein, um sich aus seiner eigenen Natur eine Marter zu machen. Ich habe nichts getan, was gegen meine Natur wäre.“

„Doch. Ich bin nicht Maria, die breit in ihrem Fleische lebt; der seine Freuden rein sind. Sie gehört nur ihm: die Glückliche . . . Ach nein, ich will nicht lästern, mich nicht selbst verleugnen.“

Sie atmete tief ein; ihr schwindelte; und sie fühlte sich aufgehoben.

„O Arnold! weißt du nicht mehr? Wir liebten uns, als wären wir schon auf einen jener späteren Sterne entrückt gewesen, wo das Höhere in uns sich einen eigenen Körper schaffen soll.“

Staunend bewegte sie den Kopf.

„Ich bin, denke ich deiner, ganz erfüllt vom Licht jener Mondnacht, durch die wir gingen.“

Sie hielt das Gesicht, die geschlossenen Lider einem milchigen Glanze hin.

Und sie besann sich wieder auf das Dunkel.

Nach kurzem Schlaf trat sie aus dem Hause, in einen frischen, perlfeinen Morgen. Zum flimmernden Himmel duftete der weiche Kranz der Berge; klar schossen die Türme hinein; und Glockenklänge wandelten den reinen Raum entlang und sprangen durch ihn hin. Aus der Pforte von Blumen, am Rande der Treppengasse, quoll Blau. Unter betendem Gemurmel entstiegen grelle Standarten der Tiefe und schlangen ihre Flammen in den blauen Tanz des Lichtes. Kleine weiße Mädchen mit wippenden Flügelchen trippelten durch die Blumenpforte; die Sandalen der Mönche schlürften unter ihr hin; der Baldachin des Bischofsneigte sich vor ihr; und Volk in seinem Herdenstaub drängte nach und stieß seine grobfrommen Stimmen durcheinander. Am Ende der Terrasse, im Tor der Klosterkirche, warteten die Nonnen, mit lichtergestirntem Dunkel hinter ihren blassen Gestalten. Die Orgel schnob und grollte. Plötzlich ward sie von Stille geschlagen; — und das Meer ihres Tobens hinterließ nichts, als das Rinnsel eines Kindersingens.

Wie alles, was diese Luft bespülte, rein, wie die Menschen makellos waren! Diese glockentonsatte Luft, worin Seelen badeten, hatte Lola — schrecklich fiel es ihr aufs Herz — einst mit frechen Liebesschreien zerrissen! Sie drückte sich in die hohle Wand des Portals, empfing Staub auf Schultern und Haar, spähte von fern, als eine Unwürdige, nach dem Segen jener Gebärden und Worte und sah, darbenden Gesichtes, den Füßen der Fortziehenden zu, die an ihr Kleid stießen. Dann klappte das Tor; und wie Lola den Kopf hob, bannte sie die dunkle, fensterlose Mauer des Klosters. Kühl war sie und starr; vor unergründlicher, starrer Kühle wachte sie. Wen sie aufgenommen hätte! Wer hinter ihr vergangen wäre! Einst hatte Lola mit Haß zu ihr hinaufgeschmachtet; hätte sie stürmen wollen; hätte aus ihrem schamlosen Blut jenen eingeschlossenen Frauen solche Dinge ins Ohr sagen wollen, daß sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollten. Jetzt wünschte sie sich selbst, so streng und unversucht unter jenen Gewölben zu enden, den Hauch des Geistes kühl auf dem Scheitel. Die Gedanken gebunden, in Gesänge und Gebete gemessen,das Träumen selbst der Nacht durch eine gebieterische Glocke zerschreckt, Stacheln in der Haut und leeres Herz: das lockte. Das Nichts lockte. Noch leben, noch am Leben sein — und dennoch den aus der Seele verstoßen haben, dessen man sich unwürdig gemacht hatte! Den letzten Atem nach einer Richtung seufzen, wo er nicht weilte! War’s Buße genug? Dann sollte es vollbracht werden.

Der Mittag drückte. Sie hielt sich kaum aufrecht und hatte doch den Kopf voll brennenden Dranges. Das Gehirn brachte die Gedanken hervor, wie aus Wunden. Die Glieder wurden, die Terrasse hin und her, durch Sonne geschleppt und durften nicht ruhen. Manchmal wandte der Blick sich, lechzend, nach dem glitzernden Streifen am Horizont, in der Lücke zwischen zwei Bergzügen. Das Meer! Es war der Ausgang und war unerreichbar. „Ich bin gestrandet. Bin ich bestimmt, hier zu enden? Ich mag nicht in das Haus dort, und kenne doch kein anderes, in das ich gehörte. Vielleicht werde ich nie mehr menschliche Gesichter sehen? Wie sollte ich dazu kommen, sie aufzusuchen!“ Plötzlich schwindelte ihr’s, und heftige Angst durchflog sie. „Es ist aus,“ dachte sie und lehnte sich an den Pfeiler beim Haustor. Die Schwäche des Herzens dauerte noch. Lola rief nach Hilfe; aber der kraftlose Ton verging ungehört. Überwältigend weit umwogte blaue Luft ihr geängstigtes Gesicht; Quadern blendeten hart; und wie sie über sich blickte, sah ihr, vom Torgiebel herab, das entfleischte, gierige Gesicht eines Fabelvogels aus schwarzen Höhlen in die Augen. Sie ließ sichgleiten und hing, die Lider geschlossen, am Hals des Greifen, der das Tor hütete. „Also hier. Hier sterben. Warum nicht? Wohin hätte dies noch führen sollen. Nur steinerne Geschöpfe umher, und ein Himmel, der von mir nichts weiß. Genug.“

Und als sie sich ergeben hatte, kehrte ihr Kraft zurück. Sie konnte aufstehen und den Torflügel fortschieben. Ungesehen kam sie in ihr Zimmer. Lange Tage ging sie nicht aus, vermied den Anblick der Hausgenossen, sann im Halbdunkel, matt und verstrickt, den Wegen nach, die hierhergeführt hatten und den Schicksalen, die irgend einmal an ihres gerührt hatten. Mai war nun drüben, hatte Europa, die „Fremden“ und auch Lola gewiß vergessen und schrieb niemals. Für Mai gab es nur körperliche Beziehungen; der Geist war nie, wo nicht auch der Körper weilte. Mai lebte im Stoff und im Augenblick; ihre Persönlichkeit zerflatterte mit den Dingen; sie war glücklich. In Lolas Leben hatte sie, nach der zweiten Trennung, gar keine Lücke gelassen; Lola dachte, da sie sich Mais erinnerte, nacheinander an ein Reiseabenteuer, an die Miene eines Mannes, an ein Kleid. Eine Masse Auftritte kehrten ihr wieder, hastige Vergnügungen, Müdigkeiten, Drang der Sinne, Zuflucht zum Gesang, das Gesicht der Branzilla, gelb und irr, mit den schwarzen Augenhöhlen des steinernen Vogels draußen überm Tor . . . Lola strich die Vision von den Lidern Sie sann beschwerlich weiter. Da war Paolo, ihr Bruder: ein Name nur, kein Gesicht, nichts, was sich vor die Seele hinstellte und befreundet lächelte. Sieverstand seine Sprache nicht, er verdiente ihr Geld, und sie hatte ihm nichts dafür zu sagen. Von anderen Verwandten, dort drüben, anderen Wesen, mit denen sie Blut gemein hatte, waren ihr sogar die Namen unbekannt. Vielleicht nannten sie zufällig einmal den ihren? . . . Auch näher bei ihr lebten Menschen, denen sie sich zurechnen durfte; die Pai lieb gehabt hatten, und um seinetwillen auch Lola! Eins nach dem andern, rief sie die Gesichter herbei: die Brüder ihres Vaters, dann jene Vettern in München. Zögernd folgten sie; und verschwanden rasch, wie unlustige Besucher, die festzuhalten man sich schämt. Lola sah bitter ins Leere. Keine Gemeinschaft. Nichts übrig, von allem Erlebten nichts, worauf sich bauen ließe. Sand rings umher: heimtückisch herabrieselnder Sand; und in der Wüste ihres Lebens nichts Menschliches. Einer war darin begraben: der, an den sie nicht denken wollte.

Kein Gesicht? . . . Da kam ein ungerufenes, schüchtern und herzlich: ein kleines gefälteltes, bittend lächelndes Altjungferngesicht. Erneste, ach ja: die war immer da. Die, der Lola die längste Zeit ihres Lebens hatte ins Gesicht sehen müssen, war ein gutes, unbeträchtliches Geschöpf aus ganz anderer Empfindungswelt, eine Bezahlte, bei der nur äußerer Zwang Lola festgehalten hatte. Sogar jetzt noch, da Erneste tot war, trug Lola es ihr nach, daß sie so viel mit ihr allein geblieben war, sich unter den immer ängstlichen, beschränkten Blicken dieser Verkümmerten hatte entwickeln müssen. „Wie viel freier und glücklicher könnte ichjetzt sein, wenn ich hätte Schauspielerin werden dürfen! O! man hat sich sehr an mir versündigt.“ Die kleine Tini war’s geworden, ihr war das Schicksal günstiger. Marie Gugigls kleine Schwester, die schon fast Diakonissin gewesen war, jetzt spielte sie irgendwo in der Welt Komödie. Neugier kam Lola an, nach Kunde aus solch einem Leben, aus dem, das auch ihres hätte sein können. „Und wir fühlten uns doch zueinander hingezogen. Wir verstanden uns doch.“ Das schrieb sie Tini; und daß sie sie um ihre Laufbahn fast beneide. Es kämen Zeiten, wo man wünschte, man wäre wieder auf sich selbst gestellt. Übrigens sei sie mit ihren Verhältnissen ganz zufrieden, setzte sie, aus Scham, hinzu. Plötzlich fiel ihr die sonderbare Dankesschuld ein, die sie an Tini band. Tinis verstellter Brief, der es Lola ermöglicht hatte, Pardi entgegenzureisen. „Mein Gott, wie vieles liegt dazwischen! Und Tini opferte mir ihre große Backfischleidenschaft! Mit schweren Seufzern des Verzichtes hat das Kind mir nachgeblickt, wie ich dem Glück in die Arme eilte. Und nach drei Tagen ist sie damit fertig gewesen, mit dem großen Ereignis, woran ich den Rest meines Daseins zehren werde. Zu denken, daß ich beneidet worden bin!“ Sie schrieb: „Und ich beneide andere nicht mehr, als sie mich beneiden. Scheint nicht jedem das wünschenswerter, was er verfehlen mußte, um zu erlangen, was ihm beschieden war?“

Der Brief ging in die Welt. Lola sann, in ihren menschenlosen Zimmern, hinter ihm her. Nun kam er an, ward Tini in die Probe getragen. Tinilas ihn in der Erwartung ihres Stichwortes, steckte ihn weg und hatte ihn, bevor sie hinaus mußte, schon vergessen . . . Nein: ihre Antwort kam, am ersten Morgen, da sie kommen konnte. Tini schrieb:

„Liebe Lola. Beneide mich lieber nicht. Damit ist nicht gesagt, daß ich nicht zufrieden bin. Aber was für mich paßt, könnte Dir doch sehr wenig erfreulich vorkommen. Man darf in meiner Lage nämlich nicht so große Ansprüche an das Glück machen, wie Du, glaube ich, tust. Dir würde es, wie ich Dich kenne, nirgends genügen. Von Leuten, die in Florenz waren, hörte ich, daß Deine Ehe nicht für besonders glücklich gilt. Ich darf Dir dies, obwohl Du versuchst, Dir nichts merken zu lassen, wohl verraten: denn, wie mir scheint, unterschätzt Du doch sehr den Preis, den es mich damals gekostet hat, Dir dies Glück zu lassen. Ich hätte nämlich selbst darum kämpfen mögen und fühlte mich ganz gut dazu imstande. Denn ich bin nicht das unbeträchtliche kleine Mädchen, von dem Du Dir damals ein bißchen Gefühl schenken ließest, und an das Du sogar noch jetzt Deinen Brief richtest. Das bin ich nicht. Ich habe schwer genug gelitten Deinetwegen. Heute kann ich Dir sogar sagen, daß ich in dem See, worin Gugigl einmal bei Mondschein so schön badete, an einem nebeligen Oktobermorgen beinahe ertrunken wäre. Wozu das alles, wenn ich nicht Dich noch viel heftiger geliebt hätte, viel hingebender als ihn? Du hast darauf nicht acht gegeben, oder nur, um ein wenig mit mir zu spielen. Wir hätten uns verstanden, meinst Du? Nein, ich Dichdamals auch noch nicht. Inzwischen habe ich freilich über Dich nachgedacht und mir gesagt, daß Du ein anständiger, aber liebloser Charakter bist . . . So, Lola, das konnte ich Dir nicht ersparen. Im übrigen wünsche ich Dir, daß Du Dich einlebst. Das dauert wohl manchmal lange. Auch ich habe Zeit gebraucht, bis ich ganz entschlossen meine Kunst allem, aber allem voranstellte. Wenn ich heute noch einen Mann liebe, nehme ich ihn doch durchaus leicht. Und sobald er meiner Kunst gefährlich wird, mache ich mich unerbittlich von ihm los. Die moderne Frau hat glücklicherweise ihr Schicksal selbst in Händen, und Klagen wären überflüssig. Möge es Dir wohlergehen. Mit Gruß.

Tini.“

Empört warf Lola den Brief hin. War ihre Annäherung nichts Besseres wert als dies? Dann erinnerte sie sich: „Ach ja, so waren sie dort hinten! Etwas hart vor Tapferkeit und Selbständigkeit, etwas anspruchsvoll. Noch ein wenig neu in der Freiheit und darum nicht ganz sicher im Geschmack: so waren die Frauen dort alle und natürlich auch Marie Gugigls kleine Schwester. Die hiesigen haben sich mir von solchen Seiten gezeigt, daß ich die Nachteile jenes anderen Typus beinahe schon vergessen hatte . . . Aber sie wäre fast gestorben?“

Lola nahm den Brief wieder auf.

„Das war also mehr als Kinderei? Sie hat mich so sehr geliebt, daß sie lieber sterben, als mir mein Glück wegnehmen wollte? Als ich abreiste, lag sie krank im Bett: ich war selbst so verstört, daß esmich bloß flüchtig ergriff, daß ich darüber hinweggehen konnte. Und die Tage vorher: so fieberhaft und zerrissen war sie! Ihre Blicke, die darum rangen, mich nicht zu hassen! Wie sie sich gequält hat! Das konnte ich vergessen? Das konnte mir verschwimmen und seine Kraft verlieren?“

Lola richtete sich im Bett auf, als träte ein Unerwarteter ins Zimmer.

„Dann bin ich also blind und undankbar! Sie hat recht: ich verlange alles; ich wundere mich, daß ich nicht von Liebe umringt bin; und ich gebe nichts. Habe ich Erneste gegeben? Habe ich Pai gegeben? Mein Gott, also lieblos? Wirklich lieblos?“

Sie ließ sich sinken, drückte das Gesicht weg.

„Und ich habe doch so viel Liebe erträumt, für so viele! Als Kind war ich bereit, für Mai, für Erneste zu sterben. Ich ersehnte der Menschheit einen bessern Stern. Nur mir? Wer sagt das? Nicht auch jenem die Heimat suchenden Auswanderer, dessen Schicksal meinem glich, und allen, allen? Ich litt, noch voriges Jahr, mit jenen Bauern, denen mein Mann ihr Geld nahm. Auch Tini habe ich lieb gehabt, lieber als sie meint . . . Wen aber habe ich’s je fühlen lassen? Wem ist wohler geworden durch mich? Ich bin eine Unfruchtbare! Mein Gefühl war nie mehr als selbstsüchtige Spielerei. Die wirklichen Menschen berührte ich damit nicht. Konnte ich denn zu ihnen? Ich war allein und einzig und litt, meinte ich, so viel mehr als alle! Sie waren in meiner Schuld; sie hatten mich so einsam gemacht, hatten mir die Heimat genommen.“

Sie stand auf, riß den Vorhang von der Gartentür und spähte leidenschaftlich in die Ferne.

„Pai tat das! Er war der Erste, der mir die Liebe verbitterte. Ich glaube an keinen Menschen mehr, seit er mich, sein kleines Mädchen, in einem fremden Garten heimlich verließ. Er hat mir Mißtrauen und Menschenhaß fürs Leben mitgegeben. Durch seine Schuld habe ich alle Liebe, die mir je entgegenkam, verkannt und versäumt: seine eigene und Ernestes . . . Erneste!“

Das alte kleine Gesicht kehrte wieder, voll schüchterner Mütterlichkeit. Es machte sich künstlich streng, weil es in ein ablehnendes Kindergesicht sah.

„Immer habe ich mich zurückgehalten, habe die Arme steif gehalten, damit sie sich ihr nicht von selbst um den Hals legten. Warum? O! der Tag im Gebirge . . .“

Sie fühlte sich wieder, als Herangewachsene, jenen Sommer vor der Trennung, bei ihrer alten Gefährtin. Draußen im Bergwald hatte unter Stürmen Allliebe sie geschüttelt; und vor dem menschlichen Herzen dort hinterm Tisch, verstopfte sie die Ohren und las. Dennoch fielen wieder, durch Ernestes Scham getrennt, die zart werbenden Worte. Lola atmete rascher. O, zugreifen! „Ich bin nicht taub, nicht fühllos!“

Zu spät. Erneste war tot. So war Pai tot gewesen, bevor Lola ihn hatte lieben können. Die Arme trostlos erhoben, warf sie sich auf die Schwelle. Der Wind schlich ihr über den Rücken, er fingertegeisterhaft schwach in den Falten ihres Hemdes, wie Hände von ehemals.

„Und auch er, auch er ist versäumt! Arnold!“

Sie schrak auf; Blut stieg ihr ins Gesicht; und als habe mit dem Klang seines verbannten Namens der Mann selbst an die Scheibe geklopft, bedeckte Lola sich.

Sie verlangte den Wagen, trieb zur Eile, stieg zitternd über die Treppengassen auf den Platz hinab. Nur diesen Gedanken nicht! „Ich bin seiner zu unwürdig, ich beflecke ihn, wenn ich mich nach ihm sehne. Und mir selbst nehme ich das letzte Recht, mich zu achten.“ Auf den Karren und „Fahr zu!“ Sich betäuben mit Wind und Schnelligkeit. Aber an der Straße, hinter einer Pforte und den Hut in der Hand, stand Arnold, wie er bei ihrer letzten Begegnung hinter der Pforte gestanden hatte, die sie öffnen wollte. Sie schloß die Augen. Umsonst; sein schmerzliches, unsicheres Lächeln war hinter ihr: dies Lächeln, das zurücktrat und sie aufgab . . . Und den Weg zwischen Zypressen von einem kühlen alten Landhause her, kam er, und sie stieg aus und ging ihm entgegen: denn dort wohnten sie beide, die sich gehörten.

Wie beißend in seiner Süßigkeit war dies Gesicht! Es hätte sein können! Unter Liebe, wie im Grunde ewigen Sommerlaubes, versteckt und geborgen; Tau und Gezwitscher in Augen und Ohren; und in der Melodie des frischen, lebendigen Morgens vereint, wieein Paar sorgloser Klänge. Lola sehnte sich nach dem schönen Morgen, durch den sie fuhr. Ihr war, als erlebte sie ihn nicht und hätte ihn doch erleben können.

„Da ich eine Heimat suchte: wie begehrenswert war die, die unsere beiden Seelen uns erbauen konnten! Ich habe eine ganz äußerliche vorgezogen, weil sie üppiger schien, und habe mich in Schande und Lüge finden müssen. Wie er mich klein gesehen hat! Kein Mensch sah mich so, und ihn muß ich lieben! Er hatte recht, daß er stolz war und mir nicht nachreiste. Wozu? Wenn eine einen Pardi vorzieht, überläßt man sie ihrem albernen Schicksal. Aber mag es albern sein, dennoch schmerzt es, Lieber! Könnte ich dir manches erklären! Wüßtest du, was ich leide, und daß ich doch für mein Schicksal nicht klein genug bin! Ach! meine Sühne ist, daß du’s nicht weißt, und daß ich schweige . . .“

Mit verzweifelnden Augen sah sie durchs Land nach Hilfe aus. Der Meilenstein, der sich näherte, machte ihr Lust, sich ihm entgegen zu werfen. Unter dem Druck der äußersten Not stieg es in ihr auf: „Ich will dir alles sagen, was ich bin und wodurch ich es wurde. Alles, was ich gelitten habe, warum ich dich gehen ließ, wie ich gekämpft und verloren habe, beschmutzt, krank und ganz verlassen ward. Du sollst es nicht hören, aber ich will es dir sagen. Es wird sein, als schriebe ich’s auf die Mauer zwischen unseren beiden Gärten, und du wirst sie nie übersteigen. Es wird sein, als sagte ich meine Beichte dem Meer, das uns trennt, und das sie überschreit. Sei ruhig, duvernimmst keinen Hauch meines Geflüsters. Ist es nicht verzeihlich, da ich sonst stürbe?“

Zu Hause, unter Tränen, schrieb sie ihre Kinderjahre auf. Sie führte sie ihm zu, wie einen Zug kleiner dahingeschiedener Mädchen, die er noch einmal segnen und bedauern sollte. Als sie, aufatmend, in den Nachtwind trat, schien der Tag, der vorüber war, ihr voll und tröstlich.

Sie wollte weiterschreiben, ließ Wochen ohne einen Satz und glaubte doch, träumend, die dunkeln und die lichten Tage an ihm vorübergeschickt zu haben: noch die schlimmsten mit unverhülltem Haupt. Er kannte sie ganz. Sie hatte, um sich ihm ganz zu entdecken, namenlose Scham bestanden. Sie hatte durch Tränen nach seinem Verständnis gebangt. Sie hatte sich, wieder wie einst, von seiner Seele durchdringen lassen und hatte zu seinen Füßen sich in Schlaf geschluchzt. Nun sah sie mit Staunen den Garten welken. Der Sommer war zu Ende? Und sie war nie müßig, nie einsam gewesen! Immer war er gegenwärtig gewesen, zuerst als Geist, der ihr zweiflerisch und bitter über die Schulter sah; und endlich wie ein Hausgenosse, dessen Atem sie manchmal beim Lesen auf ihrer Schläfe spürte, und dem sie die durchlaufene Seite hinhielt, damit auch er sie beende. In ihre Augen trat noch, so oft ihr Inneres ihn ansah, Demut. Ihre Schuld war um nichts kleiner. Aber sie konnte fortan mit ihm in Frieden leben. Er wollte nicht, daß sie sich um ihn ängstigen, zu seiner Versöhnung sich quälen sollte. Sie durfte Ruhe genießen. Sie fühlte sichweit gesunder, zuversichtlicher, besser gewappnet gegen die kommenden Alltage. Ihre Spaziergänge wurden lang; der Herbstregen, der schwül einsetzte, erschlaffte sie nicht. „Vertrage ich endlich das Klima eines Landes ganz?“ Pardi verlangte sie zurück. „Warum nicht? Auch mit jenen Menschen wird sich leben lassen. Ich muß sehr krank gewesen sein, um dem, was ich bei ihnen erfuhr, so völlig zu erliegen. Bleibe nicht, wo ich auch sein mag, ich selbst mir? Und nun bin ich gesichert, da ich den zurückhabe, den ich liebe. Unter all den Fremden werde ich mich oft nach einem Vertrauten umwenden, den sie nicht sehen, und mich mit ihm verständigen.“

Jeder fragte Lola:

„Contessa, was haben Sie für eine Kur gebraucht? Sie sind schöner geworden, wissen Sie. Am Ende des Winters sahen Sie nicht gut aus, jetzt aber sind Sie wieder vollkommen schön.“

Sie ging aus, so viel man wollte, gab sorglos ihre Kraft und Anmut hin. Die Triumphe im Casino Borghese kehrten wieder; sie fühlte um sich her den Wettlauf der Männer, angespannter als damals, und ihre unbedingte Sicherheit, einer werde bei ihr ans Ziel kommen. Allen schien der kritische Zeitpunkt da; in aller Augen war sie reif für den Liebhaber, auch in Pardis. Überall im Ballsaal begegnete sie seinem drohenden Blick. Sie verhielt sich gelassen weltlich, ein wenig kokett sogar, in der Empfindung, sie müssediese armen Leute dafür entschädigen, daß sie im Herzen so weit, weit von ihnen weg sei; und auch in der Scham dessen, den eine geheime, innige Religion erquickt, und der den Spöttern ringsum ihre leichten Freuden nicht verleiden möchte. Das lauteste Fest fiel, verließ sie es, ganz plötzlich hinter ihr zusammen, wie eine bunte Drahtpuppe, und Lola in ihrer Wagenecke lächelte still und schwärmerisch. Pardi sagte, als ein Laternenschein sie getroffen hatte:

„Du hast zu oft mit Valdomini getanzt.“

„So? Ich habe nicht darauf geachtet.“

„Aber andere achten darauf . . . übrigens verstehe ich den guten Valdomini nicht. Er ist hinter dir her in einer für sein Alter gradezu lächerlichen Art. Weißt du, daß er ein sans-ventre-Korsett trägt? Tatsächlich; sein Bauch würde sonst hängen.“

„Ich habe ihn mir noch nicht so genau angesehen.“

„Er ist mein Freund, und ich werde niemals leugnen, daß er früher große Erfolge bei Frauen gehabt hat. Trotzdem scheint es, daß er neulich bei der Baldelli abgefallen ist.“

„Wer kann das wissen,“ meinte Lola leichthin; und Pardi, gespannt bei der Sache:

„Wenn sie umhergeht und es erzählt! Schade um ihn: der Takt, rechtzeitig aufzuhören, hat ihm gefehlt. Jetzt wird keine ihn mehr wollen, da schon die Frau eines kleinen Advokaten ihn abgelehnt hat.“

„Sie ist sehr hübsch,“ sagte Lola, um etwas zu sagen; aber sie spürte, wie jede ihrer Antworten ihn heftiger reizte.

Im Theater in Lolas Loge fing am Abend darauf Deneris an:

„Valdomini ist in der Klubloge. Ich weiß nicht, mir gefällt sein Frack nicht. Dabei soll er früher von allen den elegantesten gehabt haben.“

„Das war vor unserer Geburt,“ sagte Nutini.

Lola erwiderte Valdominis Gruß. Er trat, die schlanken Schultern weit zurückgeschoben, die Hände in den Hosentaschen, nachlässig an die Brüstung und überflog die Bühne. Botta bemerkte, fett und phlegmatisch:

„Der Tenor ist gemacht: Valdomini hat ihm zwei Minuten lang in den Mund gesehen.“

Alle lachten, bis gezischt ward. Im Hintergrund flüsterte einer durchdringend:

„Tatsächlich hat er die Calzolai gemacht, aber nicht die kleine Lisa, sondern Tisa, ihre Mutter. Er verwechselt das; er hält sich für einen Zeitgenossen der Lisa.“

„Sein Irrtum bleibt nicht ohne Folgen,“ erklärte Botta. „Die Baldelli —“

Und er erzählte von der Baldelli.

„Sie wird rechtzeitig gefühlt haben, daß er ein Korsett sans-ventre trägt,“ meinte Nutini. Lola lächelte ihm in die Augen. Sie dachte an die Zeit, als er bei ihr gegen Pardi arbeitete. Jetzt, angesichts einer neuen Gefahr, verbündete er sich ihm. Sie schüttelte leise den Kopf, und indes sie das Gesicht nach der Bühne wandte, kehrte sie innerlich zu ihrem Eigensten heim. Von Klatschen und Geschrei aufgeschreckt, mußtesie sich besinnen; die Begehrlichkeiten, die Intriguen um sie her sahen sich wie Spuk an, geschahen kaum auf festem Boden.

Valdomini kam und unterhielt sie während der Pause. Er teilte in der Loge Händedrücke aus, die mit Hingabe erwidert wurden. Als er fort war, ahmte Botta ihm nach.

„Ich brauche wohl Sie und mich nicht anzustrengen und aufzuregen, Contessa. Sie wissen, wer ich bin und daß ich bereit bin.“

„Und,“ fuhr Nutini fort, „meinen Bart behalte ich, wenn jetzt auch alle rasiert sind. Ich behalte ihn aus Pietät für die Vielen, die ihn geliebt haben. Manche sind schon im Jenseits und lieben nur noch Gott, der ihren armen Seelen gnädig sei.“

Er bekreuzte sich, ließ in seinem ausgemergelten Gesicht den Mund stumm betend auf und nieder steigen und schielte dabei auf seine Nasenspitze. In das Gassenjungengelächter trat Pardi; seine Augen stießen, mit bösem Mißtrauen, nach jedem. Beim ersten Wort gegen Valdomini:

„Vergessen Sie nicht, daß er mein Freund ist!“

Er befreundete sich ihm sogar noch enger; er ließ ihn kaum mehr von seiner Seite; er begleitete ihn in die Häuser, wo er Lola treffen konnte. Und die übrige Zeit blieb er bei ihr. Er hatte wieder angefangen, ihr Blumen und Geschenke mitzubringen, ging selbst, ihr ein Band, eine Feder zu besorgen, —und aus den Büchern, die er früher in die Ecke geschleudert hatte, wollte er ihr jetzt vorlesen. Er unterbrach sich, um ihr seine alten Triumphe zu erzählen. Früher hatte er davon geschwiegen. Sie war am Morgen noch nicht fertig angekleidet, und er klopfte schon, fragte, wie sie geschlafen habe, und wiederholte seine ironischen und zarten Werbungen. Endlich:

„Wir sollten wirklich wieder im selben Zimmer schlafen.“

„Wie geschmacklos, mein Herr! So alte Gatten wie wir!“

„Ich versichere dir: wenn ich am Morgen vor deine Tür gehe, ist mir zu Mut, als hätte ich bei dir erst noch alles zu erreichen; als wäre ich dir kaum bekannt.“

Und Lola, über die Schulter weg, vor Selbstsicherheit kokett:

„Dann betragen Sie sich auch so, bitte . . . Und was hat man Ihnen soeben für ein Billet gebracht? Ich rieche es bis hierher. Sie denken es nicht einmal zu lesen?“

Er errötete, erbrach trotzig das Siegel. Lola sah, es war Claudias. Sie ging dreist an ihm vorbei und hinaus. Sie fürchtete ihn nicht. Ihr war Geistesgegenwart gekommen, Ruhe und die Fähigkeit, die Lage zu überblicken und mit der Schwäche des Gegners zu rechnen. In frischer Luft fühlte sie sich und alle Organe frei zum Kampf. Früher, schien ihr, war sie traumbeschwert, unsicher von Begehren, von Grübeln, durch die Welt hier gegangen. Jetzt hatte sie dieGewißheit, sie zu beherrschen, mit keinem Schleier ihrer Seele, die immer um einen Entfernten schwebte, mehr in sie verstrickt zu sein. „Ich gehöre nicht hinein, aber sie genießen, rasch und ohne Verpflichtung, wie eine Vorüberreisende, warum nicht?“

Und sie nahm, stürmisch und mit Dankbarkeit, diesen Winter in sich auf, der sie der erste ganz reine deuchte, dies Land, das sich ihr verjüngt hatte. Oben auf dem Piazzale war sie aus dem Wagen gestiegen. Durchblaute Wolken zogen über ihr, und unten, durch die Stadt, unter sonnigen Brücken hervor, der Fluß, in goldblauen Strängen. Der goldene Wind warf seine Arme um den großen bronzenen David, um die von Licht bebenden Hügel ringsum, — und er stürzte sich in die Stadt, in ihre wilden kleinen Gassen, auf ihre grellen Quais und ihre Plätze mit großen, von Zinnen, Giebeln, Statuen ausgezackten Schatten. Glück leuchtend, boten in schwarzen Laubmassen, auf den Hügeln, Villen sich dar . . . Und nun der Wind abbrach, der Himmel sich bezog und sich dämpfte, lockte jenes erloschene Haus, im Steingrau sanfter Bäume, noch dringlicher. Die Glocken klangen gehaltener, ernster; und fern, jenseits der Gartenwellen der letzten Hügel, dunkelte im grauen Horizont das starke Blau der Berge, wie Augen, die Sehnsucht verdüstert.

„Und ich habe kein Recht, mich zu sehnen. Jenes Haus, oder vielleicht das dort, gehört mir selbst; Pardi spekuliert mit dem Öl des Hügels. Er spricht zu hitzig davon, ich bin besorgt um ihn . . .“

Plötzlich wandte sie sich weg und winkte dem Kutscher.

Dieser Winter schmückte sich mit einer Kette zeitloser Tage; sie waren da wie eine Spiegelung märchenhafter Küsten. Eine blaue Flut von Jugend wallte einem in Augen und Mund. Mit entzücktem Staunen horchte man auf irgend etwas Köstliches, das unverhofft zurückkehrte, leise wieder anschlug. Nun mitten im Januar der Himmel ganz weich zwischen den glitzernden Eichenkronen floß, die Statuen auf den Palästen zerschmolzen im Blau, und dies Blau sich in Säulenhöfe und Hallen wie seidene Fahnen schlang: da hob eine Melodie, die geschlafen hatte, in einem die Lider auf. Lola hatte in der Luft, die sie ein wenig erstickte, vor sich die Augen Pardis. Sie waren der höchste Aufstieg dieser Melodie gewesen. Sie mußte man gefühlt haben, um dies alles zu fühlen.

Wie bei einstigen Gefährten, denen sie unverhofft nochmals begegnete, blieb sie wieder vor den Statuen stehen. Sie waren überall; die Stadt war erfüllt und beherrscht von Statuen, die sich in Hallen und auf Plätzen versammelten, wie ein Haufe schönen, sinnlichen Volkes; die von Brunnen, aus Nischen ihre lauten Gebärden ins Marktgewühl mischten; deren starken, frechen Mündern man die schleierlosen Stimmen der ganzen Menschenmenge entquellen hörte; und von deren göttlicher Nacktheit all dies Leben nackt schien.

„Die Kunstwerke! Es ist wahr, sie alle sind Fleisch, sind die Verherrlichung des Fleisches. Aber nur in der Kunst ist es Herr und ist edel. DieKünstler — wir —“ dachte sie ohne ihren Willen, „erhöhen es über alle menschlichen Maße, über alle menschliche Kraft; und finden doch Kraft und Maß in uns selbst! Dann —“

Mit einen Blick auf das dunkle Gewimmel, das zusammenschrumpfte.

„— kriechen wieder Menschen, klein wie je, darunter hin, und wir selbst haben die Augenblicke unserer Größe vergessen und begreifen sie nicht mehr.“

In sich versunken die volle Straße forttreibend:

„Wie liebte ich doch Pardi! Welche schwärmerische Lust! Manchmal erlebte ich’s, daß die Sinne mich auf ausgebreiteten Flügeln in den reinsten Äther trugen. Und dann gruben sie mich in Morast. Ich habe ihre Anbetung und die Kraft zu ihrer Verherrlichung in mir. Aber ich bin auch geboren, sie zu verachten. Ein ganz anderes Blut steigt mir auf einmal ins Hirn. Ich fühle anders, sehe anders, und mir schaudert vor dem, was ich gewesen bin.“

Aufschreckend und sich zusammenziehend, wie verloren unter Feinden:

„Nicht noch einmal möchte ich solch Schaudern erleben.“

Am Ende des Winters dann ein rätselhaft trüber Abend, voll des Gefühles von verlornem Leben. Sie sehnte sich fort, hinauf, hinaus aus einem Schacht. „Ich kann nicht länger —“ sie wußte nicht, was. Ward nicht noch immer die Tosca gegeben? Niemandging mehr hin; gleichviel. Und als die kleine Logentür hinter ihr dumpf zuklappte und harfend, mit verbleichenden Sternen und erster Morgenröte ein Garten von Tönen, ja plötzlich ein klingendes Paradies sie aufnahm, da stand sie, bebte, verschluckte Tränen, fühlte die Brust sich spannen und das Flügelrauschen der Erlösung über ihren zugedrückten Lidern. Das Glück! Diese Töne waren das Glück. Zwei Stimmen, zwei liebende Stimmen erhoben sich über Knechtschaft, Folter, Richtstätte, als zwei liebesbleiche, feurig gewappnete Engel. Alle Schranken fielen. Mächtig glänzend öffneten sich Himmel, die ganz Liebe waren. Lola fühlte, und hatte keinBewußtsein davon, Pardi sei eingetreten. Sie lächelte, ohne ihn anzusehen, ein Lächeln, das ihm bestimmt war. O! sie fand endlich zurück an die Schwelle jener Freuden mit ihm. Nichts machte ihr mehr Schaudern, denn alles war Liebe gewesen. Noch die Verirrungen: kannten nicht auch die beiden liebesbleichen Engel jener Himmel sie? Das Fleisch konnte heilig sein. Diese Musik heiligte es. „Ich liebe dich! Ich liebe dich!“

Da, ein Rachen, der ein einziges Mal zuschnappte, schlang Stille alles hinab. Man hatte verloren, wo man war, man hatte den Atem verloren, mußte sich herauskämpfen . . . „Was habe ich getan? Mein Gott, er hat mich verstanden!“ Er sprach, und seine Stimme machte ihr kalt und heiß. „Allein, mit ihm allein im leeren Haus. Ganz ihm überantwortet. Wenn er jetzt zugreift, ist es der Tod. Er weiß, daß er’s darf: wie soll ich noch leben!“

Dabei wand sie sich unter den weichen Griffen seiner Stimme, die den Nachhall jener Musik beschwor, ihn aus der Stille zurückbannte.

„Ich bin so glücklich, mich einmal ganz allein mit dir zu finden. Du bist schöner als je, ich liebe dich mehr als je. Hast du gehört, wie viel Liebe in dieser Musik? Für uns, du Engel, für uns! Komm, ich will dir Dinge sagen —“

Sie sprang auf; ihr Stuhl fiel um.

„Ich habe Beängstigungen, laß mich fort, ich werde wieder krank, schon wieder. O, wohin?“

Er folgte ihr bis in ihr Zimmer; er entwand ihr den Türgriff.

„Wozu, wozu. Sei endlich ehrlich! Du liebst mich. Und ich liebe dich.“

Sie riß sich los, sie flüchtete hinter das Bett.

„Was willst du? Ich kenne dich nicht! Sind wir nicht fertig?“

„Es scheint nicht. Und du entsinnst dich wohl noch meiner.“

„Du hast andere Frauen, nicht wahr? Laß mich gehen, ich bitte dich. Ich will fort. Alles war Irrtum, ich könnte dir’s erklären. Ich verliere den Kopf. Mein Gott, ich will fort.“

Da er auf den Bettpfosten gestützt blieb, mit einem langsamen Lächeln, das seine Macht auskostete, bevor er zugriff:

„Den ganzen Winter habe ich dich von mir abgehalten, dadurch, daß ich dich habe merken lassen, ich kenne deinen Betrug. Ein Rest Scham machte, daßdu mich verschontest. Behalte ihn! Laß dir nichts einfallen gegen mich! Ich bin verzweifelt!“

„Du bist verliebt: ich habe es gesehen. Ich brauche nicht auf mein Recht zu pochen; du liebst mich, das genügt. Was täte es noch, wenn ich andere gehabt hätte? Du würdest verzeihen. Übrigens ist es nicht wahr; ich liebe nur dich!“

Seine Augen flammten auf, sein Lächeln war fort; er stieß sich vom Bettpfosten ab, er setzte schon an, loszubrechen gegen sie. Da stockte er: sie stand auf der Fensterbank. Von unten kam das Klirren und Splittern der zerbrochenen Scheibe. Lola schrie:

„Nicht dich liebe ich! Ich liebe einen anderen; — und rührst du mich an, spring’ ich hinab!“

Nochmals, gehaucht:

„Ich liebe einen anderen.“

Er hielt sich knirschend zurück. Er schüttelte die Fäuste.

„Das ist nicht wahr! Ich werde dich holen, ich nehme dich!“

Aber er kam nicht. Lola hatte den Kopf im Nacken. Langsam:

„Ich bin nicht deine Gefangene. Ich kann sterben.“

Sie sah auf ihn nieder, der sich ohnmächtig abarbeitete.

„Und ihm, den ich liebe, verdanke ich meine Rettung. Du hast mich gemein und elend gemacht, weißt du das nicht? Ich war deine schmutzige Magd: er aber hat mich gereinigt und zu seiner Gefährtin erhoben. Das darfst du wissen: ich bin rein!“

Er keuchte:

„Wer ist es? Ich werde ihn töten!“

„Du wirst ihn nie sehen. Auch ich sehe ihn nie.“

Er starrte sie an. Plötzlich sich abspannend, verachtungsvoll:

„Du bist wahnsinnig, das ist alles. Ich habe die Pflicht, dich da herunter zu holen.“

Und er machte einen besonnenen Schritt. Aber sie hing am Fensterkreuz, schon halb draußen. Ihr Blick war irr und wild.

„Zurück, oder ich lasse mich fallen! An dem Tage, wo du mich anrührst, sterbe ich!“

Er hob Schultern und Arme, deutete sich auf die Stirn — und ging rückwärts, leise auftretend, hinaus.

Die Tür hatte sich geschlossen; Lola fühlte sich auf einmal schwach werden. Entsetzt sah sie unter sich, ins leere Dunkel. Die Knie zitterten; ihr schwindelte. Sie ließ sich, die Augen geschlossen, am Fensterkreuz hinab, tastete nach dem Boden. Zurückblickend:

„Wie bin ich dort hinaufgekommen?“

Sie schleppte sich zur Tür, verriegelte sie. Und sie fand noch die Kraft, sich aufs Bett zu werfen.

„Noch einmal gerettet, noch einmal! Auf wie lange? Und ich glaubte mich geheilt! Ich kann mich also nicht auf mich verlassen? In allem lauert, unmerklich, die Verführung, in den Landschaften, in den Bildern, den Tönen: Alles ist geschaffen, mich schwach zu machen, mich zu erniedrigen; in allem ist der Mann,der mich erniedrigt. Die Luft selbst, diese Luft verdirbt mich. Ich habe nicht das Recht, sie zu atmen. Hätte ich vorhin mich fallen gelassen! Er, dem ich mich schulde, würde mir dann verzeihen können. Jetzt darf ich nicht zu ihm sprechen, ihm nie wieder das Gesicht zuwenden. Er weiß nun, daß ich lüge! Meine Lust nach dem andern ist Diebstahl an ihm, an ihm! Ihm bin ich verantwortlich für meine Seele, und bald wird sie nicht Kraft genug mehr haben, ihn zu lieben. Immer neue Zusammenbrüche des Fleisches werden sie abnützen. In meinem Laster wird meine Vernunft erlöschen, und ich werde mich nicht mehr hinaussehnen können, mich nicht einmal mehr sehnen können.“

Sie fuhr auf.

„Das soll nicht geschehen. Ein Gedanke noch an den andern, und es geht da hinab!“

Sie lief zum Fenster, sie maß die Höhe der schwarzen Quadern. Ihr schwindelte schon wieder. Das Haus deuchte sie ein düsterer Riese, der sie auf loser Hand trug, bereit, die Hand umzukehren.

„Ich werde es nicht können. Ich bin feige. Zu viel Begehren macht auch feige.“

Im Umherirren, vor einem alten Schmuckkasten:

„Der? Vielleicht der!“

Und sie zog den winzigen Revolver hervor: ein galantes Geschenk von einst, ein Scherz, weil damals ein Landstreicher sie frech angeblickt hatte.

„Ich habe Begierden erregt und geteilt, wo ich vorbeikam, überall. Ich mag mich nicht mehr leben fühlen.“

Sie sank aufs Bett zurück. Lange blieb sie erschlafft. Dann, hastig an der Waffe fingernd, zu ihr flüsternd:

„Also ich schwör’ dir’s! Da liegst du und bewachst mich. Und den ersten niedrigen Gedanken sollst du mir — hörst du’s? — aus der Stirn schießen!“

Sie warf den Revolver auf den Bettisch. Die eine der Kerzen verlosch, die andere flackerte. Lola sah an der Wand ihre Geste grotesk vergrößert.

„Bin ich ehrlich? Mein Gott, darf ich mir glauben? Wann bin ich denn ich selbst: jetzt, oder vorhin in der Loge? Kann solch Entzücken lügen? Mag sein, ich werde gequält um nichts; das Glück der Sinne wäre dennoch das wahre; und jener Abwesende, mein böses Gewissen, ist nur dazu eingesetzt, mich zu quälen. Dies zu wissen! Wissen, wohin ich gehöre! Ich liebe doch Pardi. Noch an dem Kreuz liebe ich ihn, an das der andere mich schlägt! Sich gehen lassen können, nachgeben können: wie leicht wäre das Leben! . . . Klopft er?“

Sie lauschte . . . Nein: sie hatte sich’s nur gewünscht! Sie schlug die Hände vors Gesicht. Pardis Lippen erschienen ihr, rot hervorstehend aus seiner Blässe. Plötzlich redete sie Arnold an:

„Jetzt verlangst du wohl, daß ich mich töte? Ich tu’s nicht. Ich hasse dich!“

Laut:

„Ich hasse dich!“

Von dem Schall erschrak sie, begann zu zittern, und Tränen kamen.

„Verzeih mir! Sieh, wie ich elend bin! Es waren die höchsten Freuden, als ich dich hatte.“

Und sie sah sich, einsam und doch mit ihm, dem Freund, in der reinen Ruhe des vorigen Sommers. Sie spürte beim Lesen seinen Atem auf der Schläfe und hielt ihm, bevor sie es wendete, das Blatt hin, damit auch er es beende. Unvermittelt trat in dieselben Räume der andere. Ihr Atem vermischte sich mit dem des andern, ihre Glieder verschränkten sich mit seinen. Sie atmete schwer; sie warf das Bild der Lust von ihrer Brust hinab, sie streckte die bittende Hand aus nach dem der Liebe.

„O! wärest du da. Rette mich! Komm!“

Es tagte, und sie schluchzte noch:

„Komm!“

Am Nachmittag erinnerte sie sich, daß Claudia empfange. Sie haßte Claudia nicht: fast war sie ihr ein Trost, die Gefährtin, die derselbe Mann schwach gemacht hatte und quälte. Sie fühlte sich von Claudia beneidet und mit schlechtem Gewissen geliebt. Sobald sie sie sahen, durchforschten Claudias Augen sie eifersüchtig. Dann hatte sie, in Gegenwart Fremder, diesen Ton, der um Harmlosigkeit bat; und kaum waren sie allein, ward sie fast demütig. „Arme Claudia! Als ob du vor mir dich niedrig fühlen müßtest. Vor mir!“

Wie Claudias Salon ihr geöffnet ward, schnellte dahinten vom Teetisch etwas Schwarzes, Gelbes Zappelndes auf sie zu.

„Ah! Guidacci.“

Der kleine Priester trat zwischen sie und die anderen, tanzte vor Freundlichkeit, zwang seine großen kranken Hundeaugen, an den ihren festzuhalten, — indes seine nervigen Hände nicht wußten, ob sie ihre Hand drücken oder durch die Luft fahren sollten, sein gelenkiger Mund alle die engen gelben Falten seines Gesichtchens auf und niederriß und sein Atem, mitdem Geruch von Kellerluft, ihr ins Gesicht fuhr. Plötzlich:

„Wen habe ich Ihnen mitgebracht, Contessa?“

Und er machte ihr Platz. In diesem Augenblick bekam der Teetisch einen kopflosen Stoß, eine Tasse fiel über Claudia, die aufschrie, — und Lola, die sich bleich werden fühlte, sah in ein Gesicht, das bleich war und zuckte. Sie fand keinen Atem, ein inneres Stammeln geschah: „Arnold, Arnold —“; und ihr Herz, mochte sie selbst ohne Regung stehen, beschrieb die weite, zitternde Gebärde des Armen, der nach langem Darben und Nöten des Todes an einer Straßenwendung auf seinen Wohltäter stößt. Sie dachte: „Nun ist alles gut. Jetzt weiß ich, warum ich solche Nacht bestehen mußte. Ich habe ihn gerufen, er ist gekommen. O! jetzt wird sich’s leben lassen.“ Ganz hingegeben war sie der Güte des Schicksals; ihr Leben flößte ihr, wie einen neuen Atem, unverletzliches Vertrauen ein; — und wie sie wach gerufen ward, war’s die eine Minute gewesen, in der Claudia sich das Kleid getrocknet hatte. Claudia umarmte sie.

„Das ist wohl eine angenehme Überraschung, Lolina?“ — flüsternd, mit zaghafter Andeutung, daß sie verstehe. Die Augen des Priesters lächelten fiebrig; er preßte die Mundwinkel und fand den Platz nicht für Lolas Stuhl. Sie suchte, in plötzlicher Hast, ihr Tuch hervor und machte sich über Claudias Kleid her.

„Er hat eine Tasse umgeworfen? Ja, ich erinnere mich, er warf immer Tassen um . . .“

Alle lachten, erlöst und gutherzig. Unvermutet fing Lola, als entschädigte sie ihn für das Gelächter, auf deutsch an:

„Und wo waren Sie seitdem? Haben Sie kürzlich meine Verwandten gesehn? Ich hatte einen Brief von Tini: sie ist jetzt Schauspielerin . . . Meine kleine Cousine wollte Diakonissin werden und ist jetzt Schauspielerin,“ wiederholte sie den beiden anderen; und deutsch weiter: „Was für Schicksale eigentlich! Wer alles hätte voraussehen können!“

Claudia bemerkte, tief erstaunt:

„Ich verstehe kein Wort.“

„Sie auch nicht, Herr Guidacci? Aber Sie kommen doch aus Deutschland?“

Ja, Guidacci kam aus Deutschland. Ihm gefiel das Bier. Überhaupt das eigentümliche Leben der Länder dort oben. „Ah! reisen, etwas unternehmen. Er hatte London bei Nacht durchforscht.“

„Er kennt keine Furcht!“ rief Claudia. „So allein!“

„Ich habe immer meinen Freund in der Tasche;“ und er griff hin.

„Ich weiß,“ sagte Lola, „Sie sind tapfer. In Prato,“ erzählte sie Arnold, „vor zwei Jahren bei den Wahlen —“

Und, ein wenig leiser, auf deutsch:

„Sie wissen, in Prato sind viele Arbeiter. Herrn Guidaccis Besitzung liegt in der Nähe. Er hat sich einmal mit dem Revolver gegen den ganzen Haufen behauptet . . . Man spricht noch jetzt davon,“ setzte siehinzu und kehrte, mit einer keuschen Wendung, zur Sprache der anderen zurück. Der Blick des kleinen Priesters hatte, gespannt wie ein Hund bei der Fütterung, seinen Ruhm, Wort für Wort, von ihren Lippen geschnappt. Kaum schien sie fertig, zeigte er eine bescheidene Miene.

„Das ist nicht der Rede wert. Jeder gute Bürger kann jeden Tag in die Lage kommen. Da, noch gestern: bei San Lorenzo sehe ich einen Kutscher nach einem Kinde schlagen. Ich habe das Pferd zum Stehen gebracht, und der Mann wird bestraft werden.“

„Ein Pferd zum Stehen gebracht?“ rief Claudia. „Er hat sich darangehängt, er ist geschleift worden, hat die Zähne zusammengebissen, und mit dem Schaum des Tieres ganz bedeckt, hat er gesiegt!“

Und mit ihren kleinen weichen Händen malte sie alles in die Luft.

„Was für ein Held Sie sind, Guidacci! Werden Sie Ihre Tat nicht in Ihre Zeitung bringen?“

Nein: in der Zeitung berichtete Guidacci nur über kirchliche Dinge; und es störte ihn nicht, wenn in einem anderen Teil des Blattes die Priester angegriffen wurden, übrigens hatte er, als jener rohe Kutscher daherkam, grade die Kirche San Lorenzo im Geist mit ihrer künftigen Fassade geschmückt. Er hatte die Sache in Händen, der Plan der Fassade war bei ihm zu Hause, man konnte ihn ansehen.

„Auch werde ich Ihnen sehr schöne alte Stoffe zeigen, die ich aufgetrieben habe.“

Er bestätigte Lolas Bemerkung: ja, in Tätigkeitwar er immer; — und er hatte die geplagten Finger um den Sitz: nur bereit zum Aufspringen! So viele fremde Freunde, denen er Florenz zu zeigen hatte!

„Mein lieber Freund Arnold zwar kennt es besser als ich selbst. Wie froh bin ich, daß er mich nach Italien begleitet hat. Er selbst schien, als ich ihn in Berlin wiedersah, traurig. Er werde Florenz nicht mehr betreten, sagte er; wer weiß, warum. Dann stellte sich heraus, daß ich wie er Ihre Freunde waren, Contessa . . . Ich hoffe, wir werden einmal alle zusammen bei Digerini die Musik anhören? Lieber würde ich Ihnen ein Theater vorschlagen, aber das Kleid, das ich trage, verbietet es mir. Auswärts bin ich frei; nur hier, wo man mich kennt —. Ah! von allem am schwersten entbehre ich das Theater.“

„Und die Frauen?“ fragte Claudia begierig.

Der Priester hatte plötzlich ein tief stilles Gesicht. Aber die Finger, am Stuhl, wanden sich angstvoll.

„Den ganzen Tag ist er mit Frauen; die schönsten Fremden kennt er. Ich glaube ihm nicht, daß er das alles für nichts tut. Es wird wohl manches dahinter stecken. Ein Genie wie er, ist so tief. Nicht umsonst heißt er der galante Priester.“

Er hob nachsichtig die Hand. Dann, fest:

„Man muß verzichtet haben: und man ist fertig; alles ist gut.“

Claudia seufzte.

Lola sah ihn an.

„Sie sagen das, als ob es vom Willen abhinge.“

Der Priester antwortete mit Schultern, Händenund einem geduckten stummen Lachen, daß er nichts dafür könne, wenn die anderen sich nicht beherrschten. Er begreife sie; sich nehme er aus. Er verurteile sie nicht; einer wie er, habe zu leiden.

Lola verstand ihn. Heute war sie durch eigenes Leiden geschärft genug, in ihn einzudringen. Einfachen Wesen konnte er wie ein gequältes Genie aussehen. Aber er war nur einer, der sein Blut hatte unterdrücken, seine Rasse hatte verkehren müssen. Alle diese, deren Geschlecht allzu wach war, verlangten von ihm, daß er seins abtöte. Sie brauchten ihn zu ihrer Ergänzung und Rechtfertigung. Er sollte statt ihrer fasten und rein sein. Er war’s; — und da er vom Geschlecht nicht weniger erfüllt gewesen war als sie alle, war, was er erwarb, ein sehr leeres Glück. Er floh vor dem Alleinsein, vor dem Stumm- und Müßigsein. Er reiste zwecklos, brach Abenteuer vom Zaun, betäubte sich ohne Geschmack an den Mitteln: nur um sich leben zu fühlen, sich noch leben zu fühlen, nachdem das eine, größte geopfert war.

„Was ist’s denn auch,“ sagte er, „was ich opfere. Einmal habe ich einen Hund aufgezogen: es machte mir wahre Leidenschaft; aber ich wurde darum nicht zum Hundezüchter. Alle diese Tiere gleichen sich.“

Claudia lachte betroffen.

„Sie vergleichen uns Frauen den Hunden?“

Die Augen des Priesters funkelten, weil er sich rächte. Lola sagte schlicht:

„Sie vergessen, daß die Seelen sich nicht gleichen.“

Und er, überlegen:

„Die Seele sehnt sich fort und wird erst im Himmel ihre Flügel entfalten. Hier sind alle gleich. Der Leib ist ein Tyrann, der nicht nachgibt, der keine Konstitution gewährt und keinen Pakt eingeht. Jeder Mann will von Ihnen dasselbe.“

Lolas Blick verließ ruhig den Priester, ging zu Arnold und fragte ihn. Er wollte sprechen; aber Claudia murmelte stürmisch:

„Es ist zu wahr, es ist zu wahr.“

„Und darum,“ fuhr der Priester fort, „hat die Kirche recht, daß sie keine Scheidung zuläßt. Mögen die Seelen sich scheiden; wer will sie hindern? Aber den Körpern darf nicht ihr Wille geschehen, sie müssen sich beugen. Damit das Fleisch demütig sei, darf es keine Scheidung geben.“

Claudia sagte und nickte schwer:

„Wir würden sie nicht verdienen, Reverendo.“

Erschüttert goß sie Tee ein. Wie sie Lola die Tasse gab, flüsterte sie ihr, mit erweiterten Augen, ins Gesicht:

„Er wird mich umbringen; er hat mir gesagt, daß er’s tun wird. Aber er ist mein Mann.“

Guidacci fragte:

„Wollte nicht ihr Gatte, Contessa, sich zum Abgeordneten wählen lassen, vor zwei Jahren, als man meinte, uns drohe eine Ehescheidungsvorlage? Jetzt kommt sie sicher; und er sollte sich seiner edlen Absicht erinnern.“

Bei der Erwähnung Pardis sah Lola weg underrötete. Arnolds Blick machte ihr Scham; sie fühlte sich ihm bloßgestellt.

Arnold räusperte sich, er begann mit bedeckter Stimme:

„In Italien ist die Ehescheidung wohl wirklich nicht wünschenswert. Die Leidenschaft würde hier, trotz der Möglichkeit, sich zu scheiden, Verbrechen zeitigen; vielleicht mehr als vorher. Diese Frauen wären der unverhofften Freiheit möglicherweise nicht gewachsen . . .“

„Sie haben recht!“ sagte Claudia stürmisch. „Schlecht würde es uns ergehen.“

Der Priester nickte wissend. Lola sagte, ernst lächelnd, zu Arnold:

„Auch Sie?“

Er verwirrte sich.

„Sie, Contessa, vertreten in diesen Fragen natürlich das Land Ihrer Erziehung und den Fortschritt Ihres Geschlechtes. Bedenken Sie nur, bitte, daß dem Fortschritt sein Weg von der Rasse gewiesen wird. Ein Teil der italienischen Frauen wird vielleicht, lange vor den deutschen, das politische Wahlrecht erlangt haben; und im Hause werden noch immer alle Odalisken sein.“

Claudia verwahrte sich. Nicht alles müsse die Frau erdulden. Führe der Mann eine Geliebte unter ihr Dach ein, dürfe sie’s verlassen.

„Das ist doch viel, Lolina,“ setzte sie hinzu, „daß wir das dürfen?“

„Zu viel,“ erklärte spöttisch der Priester. Erkonnte nicht länger stillhalten. Er schürzte sein enges Kleid, ließ sich vor dem Kamin nieder und blies hinein.

„Gleichviel,“ meinte Arnold, „in dieser geselligen, vor allem öffentlich empfindenden Rasse bleibt die öffentliche Freiheit immer wichtiger als die private. Wir Deutschen reden uns, wenn wir an politischen Rechten ärmer sind, als irgend ein anderes Volk Europas, gern auf unsere innere Freiheit hinaus. Was tut’s uns, daß wir in der rohen Welt der Erscheinungen Herren haben, da wir ja innerlich über alles hinaus sind und jeder für sich, im Kämmerlein, ein kleiner König, wohl gar ein großer, sind. Diese hier aber sind selten im Kämmerlein. Sie steigen auf die Plätze hinab, reden durcheinander, denken nur gemeinsam und durch Ansteckung und kennen, als rechte Jünglinge, die noch mit Vernunft und Auge leben, keinen Unterschied zwischen Gefühltem und Sichtbarem.“

Claudia sah, fassungslos, auf Lola.

„Wie diese Deutschen klug sind!“

Guidacci kehrte mit tränenden Augen vom Kamin zurück und wiegte, Kennerschaft heuchelnd, den Kopf.

„Denn sie sind Jünglinge,“ wiederholte Arnold mit Liebe; „ewige Jünglinge.“

Lola lehnte sich zurück, sah irgendwohin, wo kein Blick den ihren kreuzen konnte, und lauschte seiner Stimme, die sich befreite.

„Geblüht haben sie ein für alle Male zur Zeit der Renaissance, als es galt, jung zu sein, für Freiheit, Schönheit und Liebe zu schwärmen. Darüber kamensie nie hinaus. Nie konnten sie sich moralisch spalten und vertiefen. Von unserer neuen Kultur geht nur die Technik sie an, nicht das Sittliche. Skepsis erlernt sich nicht unter dem Hochdruck des Geschlechts. Sie macht Leidenschaft hart; und macht sie hochherzig und romantisch. Voll jugendlicher Widersprüche sind sie, die uns rühren. Sie, denen auf ein Leben so wenig ankommt, haben die Todesstrafe abgeschafft.“

„Spricht dieser Herr gegen uns?“ fragte Claudia.

„Im Gegenteil,“ sagte Lola, er gibt Euch so viel Gutes, daß ich’s nicht verantworten könnte.

Guidacci erklärte:

„Diese Deutschen sind alle Philosophen und wissen stets zu beweisen, daß sie die ersten sind. Hat mir nicht in Berlin einer klargelegt, daß von jeher nur die Völker Erfolg gehabt haben, die tüchtig tranken?“

Und Arnold:

„Sie irren, mein Lieber: nicht uns wollte ich herausstreichen. Das Wünschenswerte ist, jung zu sein, und Ihr seid es. Ich habe Euch zu danken, denn der Aufenthalt unter Euch erleichtert und erfrischt mich. Und ich bin überzeugt, Euch steht die Aufgabe bevor, unsern übermüdeten Erdteil zu erleichtern und zu erfrischen. Er wird genug bekommen von Innerlichkeit und von Tiefe. Im Begriffe, am Geist zugrunde zu gehen, wird die Menschheit des Nordens sich erneuern müssen durch die des Südens: durch ihre gesündere Animalität, die sie vor den Verführungen und Lastern des Geistes bewahrt hat. Es ist nicht wahr, daß Ihr nur eine Blüte gehabt haben sollt. Ihr werdetnochmals blühen, sobald die Zeit Euch nochmals braucht. Und die Menschheit wird glücklicher sein, wenn ihr repräsentativer Typus wieder der Jüngling ist!“


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