„Wie ist es gekommen? Mir war schwindlich; ich muß mich setzen . . . Aber du hast geweint?“
„Nie hast du so gesungen. Du bist eine große Künstlerin geworden.“
„Nein; aber ich liebe dich!“
„Weißt du noch deine ehrgeizigen Träume? Jetzt könntest du dich berühmt machen.“
„Nur einer soll mich hören. Wir lieben uns. Was könnte unsere Kunst anderes sein als unsere Verklärung.“
„Ich wußte, daß du kommen würdest! Wie lange, lange haben wir uns nicht gesehen!“
„Endlos lange. Warte: einen Tag erst?“
„Und warum?“ fragte er. „Warum haben wir gestern versäumt?“
„Versäumt? Findest du? Hatten wir nicht genug Glück für einen Tag? Ich war voll davon; es stieg mir jeden Augenblick blendend in Stirn und Augen. Vielleicht mußte ich allein sein? Du hättest mich getötet.“
Sie schwiegen, hielten sich umschlungen und atmeten kaum. Plötzlich:
„Aber jetzt haben wir uns wieder, haben uns, und die Sonne scheint, und wir können gehen, wohin wir mögen!“
Sie staunten heimlich, daß Pardi nicht zurückkomme; daß keiner von ihnen erkranke; daß der Himmel ihnen das Glück noch lasse.
Jeder allein, fuhren sie bis vor die Stadt, trafen zusammen und erstiegen die alte Straße nach Fiesole.
„Wie leicht sich’s steigt! Wie merkwürdig hell der Kopf sich anfühlt! Ich war lange nicht so.“
„Ich habe lange nicht diese Blütenfarbe gesehen. Sah ich sie je? . . . Die immergrünen Eichen schieben solche hohen, schimmernden Dächer über unsern Weg; hinter dem Gitter — o, wie neu es drinnen duftet! — geht der Laubgang so groß gewölbt zu Dornröschens Schloß; Rosen, ja Rosen schlagen um die Halle: wo sah ich das alles? Vielleicht als Kind? Wenn ich in die Ferne sann?“
„Vielleicht sind wir wieder sehr jung?“
„Nun sieh hinab! Aus dem Dunst der Stadt hebt sich kaum noch die Kuppel. Wir sind darüber und allein.“
Sie richteten sich auf und faßten sich bei den Händen. Welt und Sinne sollten sie nicht hinabziehen; sie gingen hoch durch reine Luft. Stolz lächelten sie sich zu. Ein Vergnügen trug sie, über die Triebe aller erhöht zu sein, ein künstlerhafter Genuß ihrer Keuschheit.
Auf der Terrasse des Hotels Aurora mischten sie sich unter die Fremden, traten, wie jene, in den Domund besuchten die Ruinen. Unter einem Baum, vor einem Bauernhause, vergaßen sie die Stunde und brachen erst auf, als aus dem erbleichten Blau leise ein erster Stern hervorbebte. Sie fuhren hinab durch Nachtwind, mit Angst in der Kehle, weil dort im Himmel schon die weite Pinie lag, bei der Arnold aussteigen sollte.
„Bald wieder! Morgen: warum nicht morgen!“
Sie verweilten in Landwirtshäusern und Klostergärten. Sie erfanden, wenn es regnete, Verstecke in der Stadt: den Hof eines entlegenen Hauses, eine unbesuchte kleine Kirche. Und sie machten, da es schön ward, den einsamen Weg von Settignano nach Fiesole, mit dem rauhen Profil jenes Schlosses, den Tälern ohne Herden und, auf der Lohe des Sonnenunterganges, dem schwarz verkohlenden Walde. Die Kräuter, in denen sie geruht hatten, dufteten noch aus ihren Händen. Sie sagten sich, es sei schade, daß dieser Duft verfliegen solle; und sie hielten dabei einer des andern Schulter umfaßt, vor der Wendung in die Dorfgasse, in der äußersten Minute ihres Alleinseins. Lola konnte Arnolds Augen nicht loslassen.
„Daß ich mich jeden Abend von dir trennen muß! Du weißt nicht, welche Angst ich davor habe, schon stundenlang vorher, und wie ich mich des Nachts nach dir sehne! Könnten wir immer beisammen sein! Uns nie trennen! Sich trennen ist furchtbar! Du fühlst es nicht wie ich. O! du liebst mich nicht, wie ich dich. Sehnst du dich nach mir?“
Sie gingen ein Stück Weges zurück, damit er esihr beteuern konnte. Sie überlegten das Wagnis, aufs Land zu fahren, einige Tage sich ganz zu haben, sich keine Minute zu lassen.
„Keine Minute! Ich werde keine verlieren, ich werde nicht schlafen!“
Sie besprachen es täglich, nannten immer neue Winkel im Lande, die sie verbergen konnten, berieten über die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden. Lolas Jungfer mußte wohl an Pardi berichten; er hatte geschrieben und Andeutungen gemacht, als ob er etwas wisse. Vielleicht drohte er aufs Geratewohl? Er verhieß auch längst sein Kommen, und kam nicht. Ende Juni fand sie ihn plötzlich, wie er im Zimmer auf- und abging. Die Dienstboten hatten sie heimkehren gesehen und geschwiegen; sie erschrak heftig. Er erklärte auffahrend, einmal Ordnung schaffen zu wollen. Eine Frau, die nachts ausgehe, sei nicht auf guten Wegen. Lola erwiderte, noch mit Herzklopfen, sie sei keine dieser Frauen hier; ihre Freiheit, sich zu bewegen, habe sie seit der Heirat nicht aufgegeben. Er hatte plötzlich die Fäuste an den Schläfen; er krümmte sich und pfauchte.
„Wenn ich wüßte! Wenn ihr nicht so schlau, so kalt und schlau wäret! Jemand fassen! Ich weiß wohl, wen. Zweifle nicht! Aber du bist eine Fremde: du versteckst die Deinen gut. Immer greift man bei ihr in Luft! Immer ist sie gewappnet!“
Er ließ sie zwei Tage nicht aus den Augen, durchwühlte alles, verhieß ihr den Tod, wenn er je Beweise finde; und mitten aus wütender Wachsamkeitheraus, war er wieder verschwunden. Die Sarrida gab ihm wohl noch zu viel zu tun; seine eheliche Ehre hatte nur nebenbei und in Eile ein wenig befestigt werden können.
Lola eilte sofort zu Arnold: nun wollten sie reisen! Pardis Dazwischenkunft hatte ihr erst gezeigt, was sie versäumt haben würden. Er hatte sie empört und verwegen gemacht.
„Was kommt, ist alles gleich; aber diese Tage in Abetone wollen wir haben!“
Am Morgen folgte sie Arnold, der in Pracchia übernachtet hatte. Sie stieg aus, bevor er sie sehen konnte, und im Vorbeistreifen flüsterte sie ihm zu:
„Keine Bewegung! Ein Bekannter ist in der Bahn!“
Sie fühlte sich sicher in aller Erregung; erhöht, über alles hinaus, und dennoch dankbar und ihm hingegeben bis zu Tränen. Im kühlen Saal des Gasthauses, hinter ihrem gefärbten Eiswasser, bewegte sie leise den Kopf.
„Daß ich dich wiedersehe!“
Lachend mit feuchten Augen:
„Seit gestern abend nicht! Die ganze Stadt ohne dich!“
In den Korbsesseln der Halle fächelten sich feucht beperlte Frauen, und weißgekleidete junge Leute versahen sie, bei aller Hitze, mit Komplimenten, als entschlüpfte ihnen das Herz. Draußen auf den Bänken lungerten andere, in der weißen Sonne, dem Bahnhof gegenüber, am Fuß des grünen Appennins, den sie unbestiegen ließen.
Lola und Arnold fuhren hinauf. Ihre Straße umschlang weite Täler mit Dörfern, laubversunken, beschrieb den Rand rauschender Mühltäler, ließ Täler zurück, die kahl zu Füßen eines Trümmerschlosses schmachteten. Die leichten Schritte der Esel erstiegen, zum Geschrei derer, die sie trugen, drüben den Schlangenpfad; Staub fegte auf vor grellen Wirtshäusern; und am stumpfen Grün der Waldzinnen brach sich die heiße Himmelsflut. „Dort oben werden wir glücklich sein!“ Von der Höhe rieselte manchmal, mitten durch die Mittagsluft, ein dünner, kalter Hauch. Dann schlossen sich Fichtenmauern, hoch, still. Von den Hufen klappte ein Echo nach.
„Im Hotel lassen wir nur unsere Sachen; noch sind wenige Leute hier; nun haben wir den großen Wald: wir wollen ganz bis in die Tiefe . . . O! die Quelle! Wir wollen uns hinlegen: deinen Kopf in meinen Schoß. Hast du mich lieb? Nun sind wir hier. Heute abend brauchen wir uns nicht zu trennen. Dieser Tag hat kein Ende.“
. . . „Ich mag nicht essen: wollen wir weitergehen? Ich habe solche Unruhe; mir ist immer, keine Minute sei so lang, wie sie sein müßte. Bleib stehen, sieh mir in die Augen! O! wohin sind wir gelangt? Dies ist der Appennin aus den Geschichten, dies ist das Räubergebirge. Schleicht es nicht durch die Schlucht? Farren und Fichten: ein Drunter und Drüber. So war es hier auch vor tausend Jahren. Laufen wir hinab? Lauf! O, du läufst schlecht! Hol’ mir die rote Blume, willst du? Die einzige kleine rote Blume amAbhang. Nein, du kannst es nicht. Laß! Verzeih, daß ich so dumm gebeten habe!“
„Kehren wir um? Schon dämmert es . . . Da ist eine Bank: erzählst du mir etwas? . . . Du quälst dich, glaube ich, recht sehr, um etwas für mich zu finden. Ich höre nicht zu? Ja, diese Unruhe. Ist es die hohe Luft? Dort bei den Obelisken steht es geschrieben, wie hoch wir sind. Denke dir den kleinen Florentiner Tyrannen, der seinen Namen auf die Obelisken gesetzt hat, der in Perrücke und gesticktem Frack hier auf dem wilden grünen Rücken gestanden und ihn eingeweiht hat. Da lies! Die Straße führt in die Lombardei. Es dunkelt, und wir gehen nun in die Lombardei. Wie das klingt! Nach ganz alten, merkwürdigen Gefahren und Abenteuern. Und wir haben kein Geld, kein Dach, sind allein auf der Welt und müssen uns durchbetteln. Möchtest du’s? Sag’! für mich?“
„Alles möchte ich für dich tragen: ohne dich zu besitzen. Ich liebe dich zu sehr, um dich besitzen zu wollen.“
Lola lies seinen Arm los; sie senkte die Stirn. Nach einer Weile:
„. . . Nun ist’s Nacht. Wohin nun mit uns?“
„Lausche, Lola! Lausche auf das Wogen der Schatten im Tal, und auf das leise, mondleise Geläut der Gipfel, die fern daraus aufschweben! Wir hören’s, weil wir uns lieben. Und hebe das Gesicht zum Himmel, zu diesem Becken voll weißen Sternenfeuers, woraus Funken spritzen! Vergehen wir nicht darin,wir, die vom selben Feuer sind? Fühlst du dich nicht aufgelöst? Schwinden dir nicht Sinne und Kraft?“
„Mir ist bange. Wie wird’s sein, wenn wir uns nicht mehr lieben?“
„Kannst du dir’s denken?“
„Dann müssen wir uns doch trennen? Wir wollen aufrichtig sein, hörst du?“
„Lieben wir uns denn nicht? Du weichst zurück? Besinne dich! Lola!“
„Ist das Liebe? Die geschwisterliche Zusammengehörigkeit, die wir fühlen? Warum liebst du mich? Was willst du? . . . Ach nein, ich quäle dich. Komm lieber hier hinab, wo das Wasser rauscht. Da hört man seine Gedanken nicht. Mitten in den Bach: die Steine sind schlüpfrig, wir können stürzen und fortgerissen werden. Sage: würdest du für mich sterben? Ja? Ganz sicher? Ach ja, du würdest dich vielleicht fallen lassen, dich vom Wasser ergreifen lassen. Aber würdest du dich erschießen? Sage auch das! Die Waffen liebst du nicht, wie? . . . Oder würdest du . . .?“
Sie schüttelte sich; neugierig und böse, überschlichen lauter Bilder seines Sterbens sie. Hilfesuchend, drängte sie sich an ihn.
„Lieber! Ach, verzeih! Ich will keinen Helden. Du brauchst nicht, wenn einmal unser Pferd scheut, den Wagen umzuwerfen, damit ich auf dich falle und gerettet bin. Ich verachte den Helden! Ich verachte den Mann, der an meinen Körper denkt und an das Kind aus meinem Körper. Wir wollen keins. Wirhaben beide in der Liebe nicht die Einfachheit derer, die eine Rasse fortzusetzen haben.“
„Lola, ich liebe dich.“
„Mir ist auf einmal das Wort so fremd. Worauf soll ich mich verlassen? Wäre die Welt nicht so weit und treulos. Was heißt’s, daß wir uns lieben? Sieh, jenen blauen Berg umkränzen weißliche, und steigen wir hinüber, erwartet uns das Meer. Vorgebirge entschleiern sich, eins ums andre, dem, der wandert; den Küsten folgen Küsten; die Vogelschwärme ziehen, und die Städte liegen versammelt unter Wolken, die sich auflösen, wie die Schwärme sich auflösen werden, wie die Städte sich auflösen werden . . . Warum liebst du mich, und nicht eine Fremde, dort hinten?“
„Lola, welch kläglich einsames Lächeln! Du tust mir sehr weh. Deine Augen zucken so voll Angst hin und her, als grüben sie sich, leise und stumm, durch meine hinab. Dringst du endlich bis zu meinem Herzen vor? Öffnet es sich dir? Nein? Du seufzest? Es ist unmöglich? . . . Was murmelst du?“
„Ich liebe zu sehr. Wie solltest du so lieben können? Diese Welt, in der ich keine Heimat habe, kennt solche Liebe nicht. Ich verstehe, daß Frauen meinesgleichen sich Christus verlobten. Nur ihm durften sie trauen. Ich, die nicht gläubig bin, sollte ein Bild, eine abwesende Seele lieben . . . Sieh, gerade unter uns, mitten im Hasten des Baches, schließen große Steine einen Spiegel ein. Wie still er ist! Das Mondlicht zaudert an seinem Rande. Unsere aneinander gelehnten Gesichter haben in ihm keine Augen mehr:nur Schatten, die verfließen. So war neben dem Schiff, das mich vor langer Zeit herüberfuhr, in den Wellen ein Gesicht: ja, und manchmal schleifte bläulich ein Mantel heraus. Die Gottesmutter, sagten die Matrosen; sie begleite uns. Fast wünschte ich, du wärest nur ein Bild, das im Meer neben mir herzieht.“
Sie stiegen zur Straße zurück, wanderten schweigend weiter. Da hielt Lola an und legte ihm, schweigend, die Arme um den Hals.
„Was ist dir, meine Lola? Weinst du? Lachst du?“
„Alles war nicht wahr. Du hast es doch nicht geglaubt? Wir lieben uns: das ist immer der Schluß.“
„Der Schluß des Schicksals. Denn in der weiten, weiten Welt hat es mich planvoll auf dich zugeführt, Lola. Mein Leben war Vorbereitung auf dich; mit allem, was mein war, hingst du von je zusammen, warst mein Gedanke und mein Werk. Ich denke daran, daß einmal eine Idee in mir sich klärte gemeinsam mit dem Bild einer Wiese. Viele Blumen trug die Wiese; keine von ihnen hatte ich zuvor gesehen; aber ich wußte: diese da, nur diese ist verbunden mit dem, was jetzt mein Hirn gebiert, kommt aus verwandtem Stoff und liebt mich. Lola, deinen Mund?“
Die Straße hatte sich gesenkt, sie stiegen sie wieder hinan. Lola ließ sich von ihm stützen. Sie ließ ihn seinen Mantel auch um sie breiten. Der Mond war fort, und schon strich der Bergwind her. Sie setzten sich jenem Ausschnitt im Gebirge gegenüber, worin einSchein empordämmerte; und unter dem Mantel, der unbewegt blieb, drängten sie sich fester zusammen.
„Meine Lola.“
„Ja, ganz dein“; — inbrünstig. Aber seltsam hoch und süß, wie mit entrücktem Spott:
„Nein: doch nicht ganz.“
Nun sickerte Röte in die tiefsten Wolken. Vogelstimmen versuchten sich. Lola und Arnold streiften ihre in Glück und Gram ermüdeten Hände durch betautes Gras. An den Stämmen des Waldes züngelten die ersten roten Tagesflammen: sie traten ein, betteten sich aufs Moos und sagten einander, die Augen geschlossen, daß sie daheim seien.
Sie erwachten; und wirklich, sie sahen sich daheim im Walde: in seinen Verstecken, vor dem Ungewissen seiner langen Schattenlauben, in seiner grünen Tiefe, zu der hier und da Sonne hereinglitzerte, als flackere sie auf allen Seiten und verbrenne den Wald und die in ihm sich liebten. Hier genossen sie etwas wie Ruhe auf der Flucht, blickten bedächtig ihren seltsamen Gefühlen in die unerforschlichen Augen und hofften fast, zu vergessen und dahinzuschwinden . . . Sie traten hinaus: und da hatten die Berge schon sich aufgelöst ins Licht, und beugte schon die Welt sich unter einem blau brennenden Himmel.
„Ein neuer Tag!“
Sie merkten erst jetzt, daß sie eine Nacht beieinander gewesen waren: die erste. Und sie lachten, fielen sich in die Arme und küßten sich Tränen von den Wangen.
„Wir haben uns nicht getrennt, noch lange nicht trennen wir uns, noch lange nicht. Wir genießen doch viel Gutes!“
Sie suchten das Gasthaus auf; und da, allein im Zimmer und indes sie ihr Haar kämmte, mußte Lola denken:
„Wie Pardi ihn jetzt verachten würde!“
Die ganze Nacht unter seinem Mantel, und er hatte sie nicht genommen. Sie hörte Pardis Auflachen und kämmte, die Zähne zusammengebissen. Der Kopf schmerzte ihr; sie schrak auf; und im Spiegel sah sie sich rot von Scham.
„Wie? Ich habe mich seiner geschämt? Arnolds? Meines Geliebten? Weil ein Mensch von niedrigerer Gattung ihn nicht verstehen würde? Versteht er denn mich? O!“
Nicht schnell genug ließ sich das gutmachen. Hinunter, — er wartete am Tisch — und noch ehe sie sich setzte, ihm die Hand geben und unter den Blicken des Saales ihm leise und stolz in die Augen sprechen:
„Mein Geliebter!“
Nach fünf solcher Tage, schon im Wagen, der sie forttrug:
„Ach! sieh noch einmal das Haus an, — und die Obelisken! Werden wir je wieder diese Straße gehen? Zusammen gewiß nicht. Die Straße in die Lombardei. Das ist nun aus. Was wird kommen? Mir ahnt nur Trübes.“
„Warum, Lola? Da wir uns lieben?“
Sie senkte den Kopf. Verstand er denn nicht? „Wir haben nun doch gesehen, daß unsere Liebe uns nicht wohltut, mitten im Glück nicht wohltut.“ Aber sie schwieg. Wie er sie drunten in Pracchia zur Bahn brachte, war sie unaufmerksam und reizbar. Endlich, noch aus dem Fenster:
„Lieber, komme mir nicht nach! Fahre nach Deutschland! Es ist besser, wir trennen uns.“
Aber da sie ihn fassungslos erschreckt sah, stieß sie die Tür auf und war bei ihm.
„Nein! nein! Wie könnte ich’s ertragen! Du glaubst doch nicht? Ich sagte das, weil ich hier so glücklich war. Nimm meinen Fächer! Und daß du ihn mir morgen zurückbringst! Nicht später als morgen!“
Von ganz fern winkte sie nochmals. Er erwartete es nicht mehr, stand versunken und atmete das Parfüm ihres Fächers. Lola ließ sich auf den Sitz fallen und schloß die Augen. Die schwere Luft des Tunnels ängstete sie. Ihr war’s, sie führe dem Verfall entgegen: ihrem und seinem.
Aber sie trafen sich, wie früher, in Vorstädten, bei entlegenen Landwirtshäusern; schlenderten Hand in Hand durch Schafherden, kleine Abendbäche entlang und lasen im Schatten von Klostermauern, vor gewellten Olivenfeldern, in Dichtern. Manchmal überschlug Lola eine Seite und wartete, daß Arnold nach Pardi frage. „Hat er ihn vergessen? Er nimmt unsere Freiheit hin, als sei sie verdient. Aber wem verdankenwir sie? Wenn Pardi zurückkäme —. Wenn er mich zu sich riefe —.“ Und etwas Zorniges hob sich auf in ihr gegen diesen Träumer und sein über dem Buch gesammeltes Gesicht.
Der Herbsthimmel hatte sich weich und trübe um die Stadt geschlossen: da kam Pardi.
„Wie wir es nun wieder schwer haben,“ klagte Arnold. Nach ihrem unzufriedenen Schweigen sagte Lola:
„Wir wenigstens machen es ihm nicht schwer. Er darf sich trösten, wie er mag, für die Sarrida.“
Arnold merkte nichts.
„Ich bin ihm begegnet; mir klopft, ich gestehe es, immer ein wenig das Herz: als ob ich nahe an einen Raubtierkäfig hinträte. Dennoch sehe ich ihm gern zu, gestatte mir bei seinem Anblick oft auch eine leichte Sehnsucht, — wenn er sich so bewegt und spielen läßt, immer ein Ziel vor Augen, immer gespannt und bereit. Ich erkenne dann in ihm den Mars von der Treppe der Uffizien.“
„Das ist wohl interessant?“ — ganz leise; und ausbrechend:
„Aber daß er mein Leben zerstört hat, vergessen Sie! Sie sind kalt! Lassen Sie mich allein!“
„Ich bitte dich!“ Er stammelte, und er lief weiter mit durch den Nebel, wie ein Hündchen. „Wie magst du auf einmal alles verkennen? Haben wir uns nicht? Sind wir nicht eigentlich besser daran, unser sicherer, als der, der sich mit einem unverstandenen Schicksal herumschlägt? Ich liebe dich nicht weniger, weil ich ihn nicht hassen kann.“
„Doch.“
„Weil ich ihn ansehe, wie ein böses Bild.“
„Sagen Sie das ihm! Sie werden erfahren, daß er kein Bild ist. Kann sein, daß er Sie tötet. Er wäre durchaus nicht zu fein und bedenklich, Sie zu töten — und auch mich. Ach! haben Sie denn kein Blut? Ist es denn nicht möglich, Sie zum Äußersten zu treiben? Nie könnten Sie etwas tun, was Sie bei kalter Vernunft nicht billigen würden: etwas Abschließendes, etwas Gewaltsames?“
„Wenn ich es vorauswüßte, würde ich es nicht tun.“
„Sie haben Recht Sie sind immer klar und vernünftig. Wie sollten Sie etwas Dummes tun. Gewalt ist natürlich dumm.“
„Ich bin so sehr dein, daß ich auch etwas tun würde, das mich Ehre und Leben kosten würde, und das ich ohne Überzeugung, nur in deinem Namen täte. Ich verachte die Gewalt; ich glaube, daß sie uns schlecht macht und die Dinge nicht bessert. Durch das Tragen einer Waffe fühlte ich mich einst schlechter werden — und lächerlich. Denn alles Schlechte, Rückständige ist lächerlich. Der Gewaltmensch, der Krieger ist eine Karikatur . . .“
„Vorhin begeistertest du dich für den Mars.“
Seine Erregung, seine Widersprüche und seine trotzige Übertreibung versöhnten sie. Nun seine Stirn zornig gerunzelt war, zerging zwischen ihren Brauen die Falte. Sie atmete ruhiger, fast glücklich, weil sie ihn hatte reizen können. Nur nicht immer diesesnüchterne Gleichgewicht, diese künstliche Ruhe des Schwachen!
Da haschte sie nach seinem Arm.
„Um Gottes willen, wir müssen ausweichen. Siehst du ihn nicht kommen? Drüben, hinter dem Wagen?“
Aber er stieß hervor:
„Nun geschieht, was geschehen will. Mein Weg geht hier.“
„Du bist kindisch;“ und zitternd, die Augen gradaus, folgte sie. Der Nebel zog sich noch dichter zusammen; sie kamen vorbei.
Lange nachher:
„Du wünschtest den Zusammenstoß?“
„Ja.“
„Wünschest du ihn noch?“
„Nein.“
„Das ist gut. Wir müssen vernünftig sein.“
„Du findest?“ fragte er mit einem langen, bitteren Blick. Sie senkte die Stirn. Ja: was er sagen wollte, war wahr; sie schwächte ihn, wie er sie. Sie glichen sich, konnten einander nicht helfen, und schleppten einander nach.
Und zu Hause beweinte sie sich und ihn.
„So redlich er seine Liebe meint: wie lange wird’s dauern, und alles ist nur gewesen, damit er ein Werk daraus macht. Er ist nicht, wie ich, dazu geboren, von der Liebe sein Schicksal hinzunehmen: sondern damit er innere Spiele aus ihr gestalte. Er kann nichts im Leben ganz und für immer ernst nehmen. Noch im äußersten Elend der Seele bleibter ein spielender Knabe. Vielleicht, daß eine Tat, eine große Schuld ihn reifen und ernst machen würde? . . . Aber weiß ich, ob ich sie ihm verzeihen würde? . . . Keine Hilfe. Ich bin noch immer allein.“
Was tun? Dies hatte schon wieder an eine Stelle geführt, wo es nicht vorwärts noch zurück ging. Wie oft im Leben hatte sie solche Aussichtslosigkeit erlitten! Überdruß machte einem alles zweifelhaft: jede Zukunft, die Liebe selbst. Wozu diente das eine? Warum nicht ebensogut das andere tun? Lola ward krankhaft unentschlossen, versäumte Zusammenkünfte, weil sie das Kleid nicht fand, das zum Wetter paßte, und grübelte gramvoll durch den Tag hin:
„Was ist’s: er fühlt diesen Dichter nicht, den ich doch fühle? Dies haben wir also nicht gemein. Was eigentlich haben wir gemein?“
Rastlos durchforschte sie sich: „Kann ich ihm nicht entkommen?“ — „Nein: denn ich liebe ihn; trotz allem muß ich ihn lieben.“
„Wollte er mich doch betrügen! Ich würde zu stolz sein, ihn noch zu lieben. Und auch ihm wäre besser, wir wären uns los. Denn auch er fängt an, mich zu hassen.“
Er sagte ihr jetzt:
„Du hast wenig an mir: ich weiß es. Du bist sinnlich. Wäre auch nicht deine Vergangenheit, ich spüre doch immer deine Verachtung, weil du mir nicht gehörst. Die Verachtung des Weibes für jeden, der sie nicht umwirft und nimmt. Welche Selbstverachtung!“
Seine Härte erleichterte sie; sie haschte demütignach einem Blick des Grams und des Zorns; sie antwortete zart:
„Ich quäle dich, Lieber.“
Und sie verziehen einander.
„Daß wir uns zanken müssen! Als ich dich wiederfand, glaubte ich, nun wäre auf immer Friede. Du Lieber, wir verstehen uns nicht, selbst wir nicht. Noch lieben wir uns; jetzt sollten wir uns trennen. Noch würden wir einander nur Gutes hinterlassen.“
Sie hielten einer des andern beide Handgelenke, und sie sahen sich bleich und bebend in die Gesichter.
„Ich will nicht, daß du noch länger leidest. Ich will, daß du mich lieb behältst. Wir wollen uns trennen.“
Mit Wildheit sagten sie sich, wie glücklich sie einander wissen würden, fern voneinander. Und endlich mußte jeder an des Gefährten Schulter seine Tränen verstecken.
„Ich habe keine Geistesgegenwart,“ sagte Arnold, „und mißverstehe dich oft. Nachher, allein, sehe ich eine deiner Gebärden wieder und weiß, was sie, trotz deinen Worten, sagten.“
Lola erwiderte:
„Ich bin ein schwieriger Charakter; ich werde dich sehr unglücklich machen.“
Und er:
„Gleichviel: du brauchst Liebe; und ich will lieber für einen andern leiden, als durch und für mich selbst.“
Seufzend sahen sie auf. Der Sonnenuntergang türmte sich als geröteter Rauch wild über den Hügeln.Sie wandten sich und fanden drüben, in monddurchträumtem Nebel, andere, müde und gütige. Hinter den leisen Lichtern dort war wohl Friede. „Wir werden Frieden haben. Wir müssen ihn finden, denn wir werden voneinander nie loskommen.“
Das Schicksal, das sie verband, hatten sie immer neu zu begreifen, mußten einander durch schlimme Wetter schleppen, vor allen Blicken ihre Liebe bergen und dabei an ihr zweifeln und am Grunde der Glücksstunde schon die Tränen rinnen hören.
Manchmal versuchten sie es, einander auszuweichen. Lola betrat tagelang nicht die Straße. In einer Dämmerstunde vor Weihnacht fand sie ihn neben ihrer Tür.
„Verzeih’ mir, daß ich mich an dein Haus gelehnt habe. Es ist schon dunkel genug; und ich war so müde. Aber ich wäre bis morgen auf deiner Schwelle geblieben: bis du gekommen wärest. Warum kommst du nicht mehr?“
Sie vergaß alles; sie zog ihn hinter das Tor und faltete die Hände um seinen Hals. Geräusch auf der Treppe scheuchte sie von seiner Brust auf; sie entwichen.
Unter den starken, schwarzen Häuserfesten der hallenden Straße schlichen sie hin, trennten sich, bevor das Gewimmel der Alten Brücke sie über den Fluß trug, und führten jenseits einander durch ein Kreuz und Quer von Gäßchen, die Plätze zu umschreiben, den Hauptwegen auszuweichen. Sie gingen einsam und mitten auf dem engen Pflaster, das kein Trottoirsäumte. Im Licht armer Läden streifte manchmal einer verlangend und traurig das Gesicht des andern. Die Tür einer Kneipe flog auf, und sie hielten den Schirm zwischen sich und jene Augen . . . Unter dem Schwebebogen der Via della Morte:
„Sollen wir nicht ein wenig ausruhen dürfen? Wir sind durchnäßt.“ Sie wagten sich in ein dürftiges Café. Die Glastür wankte klirrend; drei Kartenspieler sahen ihnen gespannt entgegen; und sie drückten sich hinter den Pfeiler.
„Wir haben Ruhe, wir sind geborgen. Draußen ist’s schlimm für uns.“
Er trocknete ihr Gesicht und Haar, — und er erzählte ihr, daß eine andere Frau vor langen Jahrhunderten eben hier durch solche schlimme Nacht, wie sie, gegangen sei: Ginevra degli Amieri, die im Dom auf einer Bahre erwachte, in ihrem Totenhemd zu den Menschen zurückwollte, aber nicht bei Gatte und Eltern Einlaß fand, nur bei ihrem Geliebten.
„Sie hatte sich ihm immer versagt?“ wiederholte Lola. „Auch ihnen also fehlte der Mut? Aber nach ihrem Tode war er ihre Zuflucht. O! du würdest mich lieben, wenn ich tot wäre.“
Er sagte zitternd, wie sehr er sie liebe, und sie lächelte trübe an ihm vorbei.
„Wir haben das Gute gehabt, das uns bestimmt war. Denke an unsern Frühling, an den Tag in Monte Turno. Mein Gott, daß das Leben einmal so süß und rein war! Wären wir damals gestorben! Wie nun alles sich unheilvoll anfühlt! Ist jemandan der Tür? Ach, mein Herz klopft bei jedem Windstoß.“
Und Arnold, tonlos:
„Es ist wohl wahr, wir haben ein gehetztes Dasein.“
Räderrollen ward lauter; sie unterschieden den Hufschlag zweier Pferde. Der Wagen hielt vor der Tür; Wirt und Kellner sprangen auf der Straße umher. Aus dem Wagen kam undeutlich eine Stimme, man solle dem Kutscher ein Glas Punsch bringen. Er bekam ihn; und draußen — die feuchte Luft strich herein — blieb es still, stockende Minuten still. Lola hatte die Hand auf dem Herzen. Die andere hielt Arnolds Arm gepackt; und Lola beugte sich, hinter dem Pfeiler hervor, langsam und bebend, bis in die Tür.
„Ich kann nicht mehr, ich muß sehen —“
Da riß sie sich zurück; er fand ihre Augen wie Geister blaß und irr; — und dann sah auch er: dort stand der Wagen des Hauses Pardi.
Lola hob sich, zagend, vom Sitz; Arnold legte ein Geldstück hin; und ohne einander loszulassen, glitten sie hinaus. Das Fenster des Wagens war verhängt. Der Kutscher schlürfte und sah gradaus. Sie hatten den Wagen umgangen, sie konnten fliehen . . . Das Fenster war verhängt? Lola stand und zauderte, halb gewendet. Dann sagte ihrem Genossen ihr krank herbeischleichender Blick, daß sie sich ergebe. Jener dort solle zuschlagen, endlich zuschlagen. Die Neugier des Opfers war über sie gekommen, die Lust nach dem Opfer. Er sah sie an und erbleichte.
Sie setzte den Fuß an; sie erreichten drüben dasFenster: es stand offen; lautlos neigten ihre beiden Gesichter sich darauf. Und ihre beiden Gesichter empfingen die Atemstöße derer, die dort innen umkrampft lagen, sich wanden und zuckten. Lola bewegte die Wimpern nicht. Ohne Eile richtete sie sich auf; Claudias von Lust gebrochene Augen waren noch immer, ohne zu verstehen, an ihr; — und Lola und Arnold gingen ungedämpften Schrittes von dannen, hinaus in Regen, zeitlose Stille und totes Menschengewühl, durch Vorstädte mit elendem Lichtflimmern im Pflaster und endlos weiter auf einer braunen, müden Landstraße ohne Lampe, ohne Stern . . . Arnold tastete nach Lolas Arm und stützte ihn. Ihre Schultern sanken im Gehen zueinander. Sie empfingen mit ihren Schläfen den Regen, stießen fremd an Steine und gaben ihre willenlosen Stimmen der leeren Weite hin, die sie trank.
„Meine arme Geliebte!“
„Mein armer Geliebter!“
Lola fieberte, schon die zweite Nacht. Sie fühlte sich als Kind und auf der Großen Insel. Feenlicht in stiller Runde, über Meer und Garten; und hielt man ihm nur das Gesicht hin, war’s einem, man lächele. Weite Blumenkelche schwankten bedächtig, und Lola gab ihnen Namen: jedem einen längst befreundeten Menschennamen. Da tat aber ihr Herz einen Sprung, die schöne Luft ward schwer; Lola wollte laufen, laufen, und blieb stecken in der Luft; wollte schreien und hörte sich nicht. Sie atmete auf: dort saßen um ihren Suppenkessel die Schwarzen. Alles war gut, die Boa war verschwunden, Lola war ihr entronnen. Ein starker Schwarzer hob sie den Kessel hinan, sie tauchte ihren Löffel ein und sah stolz umher, wie alle ihre blonden Locken bewunderten. Und nun schlug eine Stimme an: o, jene Stimme, bei der man vor Liebe zitterte und sprang; und aus den Bäumen trat die große, ernste Gestalt. „Pai! Pai!“
Sie erwachte, die Hände hingestreckt und auf den Lippen ein Lächeln. Aber ein fremdes Gesicht bewegte sich auf ihres zu; sie schrak zurück: „Claudia!“ — und sie bedeckte die Augen und stöhnte.
„Ich erschrecke dich wohl, Lolina? Ach, sieh mich an, ich flehe darum! Wirklich? Ich mache dir Grauen. O, du hast recht, ich bin grauenhaft, und ich will gehen.“
Alles war wieder da; nichts half es, die Lider zuzudrücken. Dahinter schimmerte dennoch, wie aus dem Dunkel eines Wagens, Claudias Gesicht, mit den von Lust gebrochenen Augen. Und auch er war zurückgekehrt, der unfruchtbar Geliebte. Das Schicksal war zurückgekehrt.
„Du bringst mir Nachricht von ihm?“
Claudia blieb scheu dorthinten gegen die Wand gedrängt, als wollte sie hindurch. Sie stammelte:
„Warum bist du krank geworden? O! ich bin eine Verbrecherin. Wollte doch Tullio mich umbringen, mich endlich umbringen! Ich habe dich gesehen, Lola, als eine Erscheinung: ich darf dir nicht sagen, wann. Du erscheinst mir oft: ich darf dir nicht sagen, wann.“
„Bin ich dir erschienen, Claudia? Ach, laß das! Es wird nicht wahr sein; denn ich glaube nicht, daß meine Seele von mir fortschweifen kann. Sie sitzt immer über sich selbst gebeugt. Du verstehst das nicht. Hat er dir Aufträge gegeben?“
„Nur, daß er sich sehr um dich ängstet. Er hat es nicht gesagt: ich sah es. Aber nun wirst du genesen, Lolina. Ich will ihm sagen, wie gut du aussiehst.“
„Tu’ es nicht! Sage ihm, ich werde sterben . . .“
Sie sann müde. „Er verdient es. Wenn ich tot bin, wird er bereuen. Dann wird er mir alles gebenwollen, als lebte ich. Jetzt liebt er mich nur so, wie man eine Tote liebt. Vielleicht gibt es ein Jenseits? Dort sehe ich seiner Liebe zu und freue mich meines Todes.“
„Ja,“ sagte sie, „ich wünsche mir sehr, zu sterben. Niemand weiß, wie gut das wäre.“
Claudia kauerte am Boden und haschte mit den Lippen nach Lolas Hand.
„Du bist weich und unschuldig, meine Claudia; ich habe dich gern. Aber geh’ nun, ich bitte dich, — und sei unbesorgt. Ich werde wohl nicht sterben: es wäre zu viel Glück. Nur träumen darf ich. Vorhin träumte ich, und da war’s, als sei noch nichts geschehen, von allem Schlimmen noch nichts.“
Noch wachte sie, und fühlte sich doch ganz deutlich aus dem Meer steigen: über große flache Steine und auf den Strand. Er war nun leer; und das schwarze Laubdach, unter dem sie hinging, blitzte oben weiß vom Mond. Sie wußte sich allein auf der Großen Insel: die Blumen im Mondlicht sahen aus wie Seelen, — und da erinnerte Lola sich, sie sei gestorben. Dies war das Jenseits; und doch lag es auf Erden, und wer sie sehr liebte, konnte sie einholen und es ihr sagen. Sie vermochte nicht zu sprechen, aber sie erriet, was drüben geschah: erriet seine Sehnsucht und lauschte lächelnd übers Meer hin . . . Nun war er da. Noch fand er sie nicht, sie aber spähte schon bis in sein Herz und sah es bereit, mit ihrem auch den Tod zu teilen. Sie dachte: Hier bin ich! Komm! — und da war er unter ihrer Palme; ihre Hände streiften sich,seine Wärme rann ihr ins Herz und erweckte sie. Ein Schrei: sie schrak auf.
Er liebte sie! Das Glück dehnte in ihr seine großen Flügel. Weich ward sie gehoben, schloß wieder die Augen und ließ sich tragen. „Nun bin ich seiner gewiß, — da er mir bis hierher gefolgt ist. Nun liebt er mich mehr als sein Leben.“
Träume mußten es ihr beweisen; — und sie erhielt sich im Traum von ihm, fand es süß, seiner zu denken und ihn nicht zu sehen. Längst ging sie wieder umher und wollte doch den Brief, den Claudia für ihn verlangte, nicht schreiben. Ihr Traumgespinst wäre durch Worte zerrissen worden. Er hätte sie enttäuscht. Als sie ihn wiedersah, war’s Zufall, und sie erschrak. Er begegnete ihr sanft und reuevoll, — und in ihr wallten Tränen auf. Warum schalt er sie nicht? Er mußte wissen, daß sie gestern große Gesellschaft bei sich gehabt hatte. Sie sah alle Welt, nur ihn nicht; er aber blieb gütig.
„Mein Mann ließ mir keine Ruhe,“ sagte sie, und da sah sie ihn aufzucken. Also brauchte jetzt nur Pardis Name zu fallen, und er war getroffen und sank in eifersüchtiges Grübeln?
„Er ist ruiniert,“ sagte Lola mit Herzklopfen; „um sich zu halten, bleibt ihm nur, daß er sich wählen läßt. Und da die Kammer aufgelöst ist —. Aber du hörst nicht zu?“
Er stammelte. Nein: sein Zorn, sein Haß waren wieder ausgewichen. Die Eifersucht machte ihn nur noch verlegen. Lola sagte gereizt:
„Warum schiltst du nicht? Ich bin schlecht.“
„Du warst krank. Ich habe dich zu lieb . . .“
Immer diese Gerechtigkeit. Hätte er den Herrn gezeigt — wie der andere! In ihrem Zimmer träumte sie davon: auch davon. Er befahl ihr, und sie arbeitete für ihn. Denn sie waren arm, waren entflohen und lebten in einer Hütte: sie seine Magd. „Wie ich dich liebe! Schlage mich!“ Sie saß, in ihrem Sinn, zu seinen Füßen; und wie sie zu ihm aufsah, schob seinem Gesicht sich, und sie wußte es kaum, Pardis unter. Als sie es merkte, vertrieb sie’s. Noch oft kehrte es wieder, statt des gerufenen. Und mehrmals erwachte sie und bebte noch davon, daß sie in Armen gelegen hatte, die der Geliebte ihr geöffnet und der Gehaßte um sie geschlossen hatte.
„Warum suche ich nach allem Leiden, das jener mir auferlegt hat, in Arnold doch wieder den anderen? Bin ich denn wirklich unheilbar? Ach, wollte mein Geliebter mich erlösen! Eine Tat! Ein Zugreifen!“ Sie wußte nicht, wie, wollte es nicht wissen. Es war seine, des Mannes, Sache. Er hätte handeln sollen trotz ihr, und wenn sie selbst ihm auch die Hände festhielt. Sie irrte durchs Zimmer. Vielleicht lag alles daran, daß er sie nicht nahm? Er verstand sie nicht, er war ein schlechter Seelenkenner. Sie sträubte sich, sie hatte Bedenken: welche Frau hatte sie nicht. „Ich bin eine gewöhnliche Frau!“ Er ließ sich täuschen, er war lächerlich vor Zartgefühl. Wäre er einen Augenblick ganz Mann gewesen! Es blieb wider die Natur, daß sie, die sich alles gegeben hatten, einanderdie Körper versagten. Daraus kam diese Sucht, einander zu quälen, diese Feindseligkeit im Sehnen, diese Träume, die ins Irre und Verderbte schweiften. Sie legte Claudia eine zornige Beichte ab.
„Wir Frauen erfinden Gott weiß was, zu unserer Verteidigung. Du weißt selbst, daß wir’s übel nehmen, wenn man es gelten läßt. Er aber läßt alles gelten. Ich bin noch immer nicht seine Geliebte. Du hast es mir früher nie geglaubt und wirst es auch jetzt nicht glauben: wie könntest du. Aber es ist so.“
Claudia spähte in Lolas Augen, ob dies die Wahrheit sei. Sie war sprachlos. Dann schob sie den Mund vor; die anstürmenden Worte blähten ihn; und plötzlich erbrachen sie ihn. Arnold war ein elender Feigling; er sollte eine Schürze vorbekommen; Lola konnte sich von ihm ihr Schlafzimmer aufräumen lassen. „Ah! auch dies laß ihn tun, —“ und Claudia machte eine Gebärde. Vor Entrüstung ward sie unanständig. Übrigens beteuerte sie, sie habe Arnold nie getraut. Er sei kein Mann. Seine Augen mißfielen ihr. Erschreckt griff Lola ein, erklärte und suchte gutzumachen.
„Ich wußte wohl,“ gab Claudia zu, „daß ihr anders seid, als wir: du eine andere Frau, er ein Mann, nicht wie die unseren. Ich verstehe eure Sachen nicht, ihr müßt selbst zusehen.“
Aber ihre Phantasie war nun umgelenkt. Claudia bewegte langsam ihren kleinen Kopf und verdrehte, vor schmerzlicher Bewunderung, die großen bräunlichweißen Tieraugen.
„Ihr seid Engel. Wir gewöhnlichen Menschenkönnen euch nicht nachahmen, ihr aber seid Engel. Tröste dich, Lola: deine Leiden werden dir mit himmlischen Freuden vergolten werden, für meine aber bin ich verdammt. Ach! weine nicht, Lolina. Was soll dann ich tun?“
Lola wandte sich ab. Sie erkannte das Leiden anderer nicht mehr: ihr eigenes hatte alles verdunkelt. „Und wenn es ein Jenseits gäbe,“ dachte sie, „es wäre dennoch leichter, sich mit allen anderen verdammen zu lassen, als ganz einsam selig zu werden.“
Sie forderte von Arnold:
„Sei ein einziges Mal leichtsinnig! Bist du mir nie untreu gewesen? Hast du dich je geschlagen? Ach nein, — aber so verschwende doch irgend etwas!“
Er war gar zu sparsam: mit dem Seinen und mit sich. Sie warf ihm, wenn sie grübelte, vor, daß er ihr nie ein Geschenk gemacht habe. Pardi hatte für die Sarrida Hunderttausende fortgeworfen, — „aber auch für mich war er immer bereit: ich brauchte nur Launen zu zeigen. Ein Gericht zu viel machte ihn wütend; aber er hätte mir eine Yacht gekauft. Wem eine Frau nicht das Geld wert ist, dem ist sie schwerlich das Leben wert. Arnold ist mäßig und vernünftig; seine Tugenden sind sehr bürgerlich . . .“
Und hingen nicht ebenso bürgerliche Untugenden mit ihnen zusammen? „Seine Kälte und seine Art, Menschen anzusehen! Ach! er wird niemandem unrecht tun: nicht durch blindes Lob und nicht durch Verleumdung.Er zerlegt und begreift. Er kennt nicht Freund noch Feind: nur das kleine selbstsüchtige Vergnügen des Durchschauens. In dem Gerechtigkeitssinn dieser Schwachen, wie viel kleinliche Bosheit! Pardi: o, dem wird’s heiß, der liebt und haßt; und wen er nicht ersticht, den hält er gradaus für einen Ehrenmann. Bei dem würde man selbst wissen, wer man ist, würde seiner selbst sicher und geborgen sein . . .“
Und sie dachte der Zeit, da sie’s war. „Das einzige Gute war doch das Sinnenglück: damals, wie ich jung war.“ Das schien Jahrzehnte her. Sie saß in wehmütigen Erinnerungen, wie eine Greisin. Plötzlich eine Wallung, daß die Luft zu flimmern schien, — und sie bebte vom Gefühl abenteuernder Jugend, vom Gefühl des Lebens von damals. Noch immer war’s da, ging aus und ein mit dem Mann, und war toller als je. Ein Schritt nur! Das andere vergessen können! Pardis Untergang mitmachen! Sein ganz und für immer verwirrtes Schicksal teilen, dies von jeder Verantwortung, allem Denken befreite; lieben und betrügen, sich durchschlagen, Hunger haben wie ein Tier und tafeln wie die Götter, gehetzt werden und atemlos lachen. „War ich nicht schon früher etwas wie eine Abenteurerin? Ich gehöre zu ihm. Was er mir zu bieten hat, kommt mir zu.“
Dann fing sie einen Männerblick ab, der sich auf eine Frau niederließ, und ihr ward kalt. Die unkeusche Wirkung dieser Frau, die Unkeuschheit unter ihren Kleidern, hinter ihren Augen, die Unkeuschheit, die ihr Gedanke, ihr Zweck, ihre Funktion war, machte Lolaerstarren vor Ekel und Grauen. Sie selbst war, in ihrem Bewußtsein und Willen, diese Frau gewesen! Sie fühlte sich nackt unter allen Menschen und verlor den Kopf.
Der Spalt, der von jeher durch ihr Leben schnitt, war weit aufgerissen, und Flammen schlugen heraus. Ihr verstörtes Innere warf, durcheinander, alle Triebe empor, brachte alle Bilder zurück. Sie hätte auf einem kalten Meer mit Arnold Schiffbruch erleiden mögen. Aber das Polster eines Wagens erschien ihr und zwei Gestalten, die sich umkrampft hielten und zuckten. Sie töten! Ach! dies erlösende Wort. Wie kam es denn, daß diese Claudia noch lebte, daß Lola ihr die Hand reichte, ihr ihren Namen gab — „Claudia“ — als dürfe sie leben? Beide töten! Gereinigt war dann alles und still.
Wie sie sich im Qualm ihres blutigen Traumes betraf, fielen ihre Züge zusammen, und sie schloß, sich zu fliehen, die Augen. Sie verachtete ihr Wüten, das Wüten der Ohnmacht, und verachtete die Stunden der Sehnsucht, rein zu sein; denn immer schlugen tierische Dämpfe hinein. Sie litt Abscheu vor jeder ihrer Regungen; alle deuchten ihr uralt, verbraucht und vorauszusehen; die Gedanken abgespielt, die Empfindungen schal und verderbt. Sich los sein! „Da ich nie wissen werde, wozu ich geboren bin: lieber nichts mehr wissen!“
Ein Ausweg: sich beschränken, Ansprüche und Gedanken abwerfen, ihre Kraft nur mehr gebrauchen, um zu erhalten, was im Zusammensturz aller Dinge,ihrer Liebe und ihres bürgerlichen Daseins, noch stand. Sie machte sich an eine genaue Beaufsichtigung des Haushaltes, wollte sparen, kleinlich sparen. Was half’s, da Pardi die letzte Habe zu Geld machte und es verstreute. Ein Fremder kam ins Haus und verhandelte über den Preis der Verkündigung, draußen an der Fassade. Lola sprach lachend davon zur Tochter des Präfekten und fühlte sich gerettet, als am Abend drunten eine Wache stand. Pardi deklamierte vor den Freunden, die hereinströmten. Ob die Verkündigung sein sei, oder der Nation. Warum die Nation, anstatt nur den Verkauf zu verbieten, ihm das Kunstwerk nicht lieber gleich wegnehme. Lola mischte sich heiter ein.
„Was er für Einfälle hat, wie, meine Herren? Wenn du das Bild nicht sehen magst — auch ich habe es satt —: warum muß dieser Amerikaner es haben? Warum nicht das Museum?“
„Einfalt! Weil es nur die Hälfte dafür gibt. Und meinst du, eine Wahl sei umsonst? Zehntausend Wähler wollen bezahlt sein, jeder mit fünf Lire, und die großen kosten mehr. Aber ich mache es; wir haben gewettet: wie, Marco, Carlino? Ihr sollt sehen, ob ich noch der Alte bin.“
Er verbreitete sich, lockeren Herzens, nach allen Seiten, feuerte Sympathien an, zauberte einen ganzen Garten von Leichtsinn und guter Laune aus all diesen Gesichtern. Musik näherte sich, und eine Schar Volkes, vom Fürsten Valdomini geführt, schrie zu den Fenstern herauf, daß Pardi leben solle, und daß seine Feindesterben sollten. Und sie machten sich über die beiden Carabinieri her, die die Verkündigung bewachten. Pardi war schon unten und fiel den Angreifern in den Arm. Er sprang auf die Stufen zum Tor und redete: etwas wesenlos Begeisterndes, wovon die Augen ringsum zu blitzen begannen. Dann, die Hand nach der Hausecke gestreckt:
„Dort in meinem Keller wird euch mein Wein für fünf Soldi verkauft. Ihr wißt, daß das wenig ist. Von heute ab aber sollt ihr ihn für drei haben.“
Er war auf einmal in einem Sturm von Händedrücken, ward auf Schultern gehoben und zum Weinkeller getragen. Das Gelage dauerte lange; Lola sah, allein zurückgeblieben, daß auch die Wächter sich hinziehen ließen. Und am Morgen gafften Bürger die nackte Hauswand hinan. Die Verkündigung war fort.
Pardi stand inmitten aller Diener und lachte, daß es ihn bis auf die Knie beugte.
„Ah! Geld wollt ihr?“ rief er den aufgeregten Eindringlingen zu. „Ich habe keins: weniger als gestern. Denn meine Madonna hat man mir gestohlen.“
Er hatte keins. Längst waren die Summen, die er noch erraffte, nutzlos dahin, bevor sie eingingen. Pardi focht nur noch, um zu fechten und mit dem Bewußtsein, auch den Fußbreit Boden, worauf er sein Florett führte, werde er aufgeben müssen. Er scheute nicht mehr Ungesetzlichkeiten noch Unzartheiten: blieb ihm nur die furchterregende Gebärde, die große Maske, der alles erschütternde Abgang. Er war dabei, seinenRest bürgerlicher Ehre abzustreifen, und behauptete um so wuchtiger die des Helden. Wegen eines Hemdes, das er einem Freunde aus der Kommode genommen und sich angezogen hatte, kämpfte er ein Duell. Und am Abend vorher war er bei erhöhter Laune, versprach Lola eine Reise nach Paris und lobte sein Leben. „Wie viel Tätigkeit! Wie viel Bewegung!“ Indes er in Versammlungen auftrat, mit dem Waffenkasten vors Tor fuhr und täglich Frauen kraft seines ganzen Feuers, als brenne es nur dafür, in allen Winkeln der Stadt Frauen im Dahinstürzen mit sich riß, hatte er durch Laufen, Lungern, Kartenspiel und Drohungen den Sturz seines Hauses hinzufristen, zwölf Stunden noch, und noch zwölf.
Lola kam, wie sie ihm zusah, in zitternde Bewegung. Sie konnte nicht schlafen, dachte sie an das feurige Leben, das er Tag und Nacht unterhielt. In welchem trüben Grau schlich man mit Arnold dahin! Pardi war bewundernswert. Mit einer todverachtenden Freude sah sie ihn alles, was er war, wie ein Feuerwerk in die Luft schicken. Gleich war das letzte abgebrannt; der Rest war Pulverdampf und Nacht. Inzwischen aber genoß man einen berauschenden Jubel, einen glänzenden Leichtsinn. Und man empfand sich vergrößert und stärker beleuchtet, wie auf einer Bühne. Aus Lola lösten sich, indes sie dies miterlebte, Akzente und Gebärden, die sie in sich nicht gekannt hatte.
„Sie, Botta, unser alter Freund, unterstützen die Kandidatur meines Mannes. Ich habe es nicht anders erwartet, aber werden Sie ihn durchbringen?“
Botta schmatzte; und die Tischnachbarn wandten sich her nach Lolas lauten Worten.
„Contessa, wir haben viel für uns, vor allem seine Gläubiger. Jawohl, das Konsortium seiner Gläubiger, denen wir klargemacht haben, daß nur seine Wahl ihnen zu ihrem Gelde helfen kann. Sie sind von Eifer erfüllt.“
„Warum nicht,“ sagte Lola. „Auch niedrige Interessen müssen dienen, damit Hohes erreicht wird.“
Gegenüber begann Nutini:
„Jeder tut das Seine, damit die gute Sache siegt. Wissen Sie schon das von der Linda Vitali? Also, der Vitali hatte, vom Klub her, eine Forderung an Ihren Gatten, Contessa, und bekommt sie durch Scheck vom Juwelier Spontelli. Er geht der Sache nach und entdeckt — niemals raten Sie, was er entdeckt: daß er mit den Juwelen der Linda bezahlt ist, mit den Colliers seiner eigenen Frau.“
Links und rechts lachte es diskret. Nutini schielte auf seine Nase.
„Und der Vitali schweigt. Was opfert man, als Gatte der Linda, nicht alles, um einen Kandidaten in die Kammer zu bringen, der die Ehescheidung verhindert. Auch Sie, Contessa, werden schwerlich einen größeren Wunsch haben.“
Die anderen wiederholten:
„Jeder tut das Seine, um Pardi durchzubringen.“
Lola hob die Tafel auf; und im Aufstehen, mit großartiger Handbewegung:
„Ich mache kein Hehl daraus, daß ich Geldopfergering anschlage und das Geld verachte. Die Geschichte hat erhabene Bettler gekannt. Niemand kann dem Conte Pardi ein Opfer bringen, das er ihm nicht im voraus hundertfach bezahlt hätte: als er sich für Italien in Afrika schlug.“
Sie stand aufgerichtet und den Kopf im Nacken, im glitzernden Fluß ihrer Schleppe. Die Gestalten um sie her bückten sich unbewußt ein wenig, die Blicke wurden verehrend. Lola sah, daß es alle antreibe, ihr „Brava!“ zuzurufen. Sie biß sich auf die Lippe, und sie fürchtete, zu erröten. Gleich darauf war sie um so glücklicher: ganz Heldin, diesem allen gewachsen und verbündet mit Pardi. Er kam herbei. Von drüben hatte er bemerkt, daß sie Wirkung übte: noch eine Wirkung, die sich mitnehmen ließ. Lola sagte „Mein Freund —“, und sie gaben sich die Hand, beide stolz und bewundert.
Sie wußten kaum noch, wie sie es miteinander meinten. Was sie der Öffentlichkeit vorführten, spielten sie nun auch unter vier Augen. Erst wenn er fort war, erschrak Lola. „Habe ich denn keine eigenen Gefühle mehr? Was soll diese Komödie: zwei Schritte vom Abgrund? Ich wollte uns doch aufhalten, ihn aufhalten; — und jetzt treibe ich ihn vorwärts. Mein Gott, welche Angst! Ich muß etwas tun, ich muß ihn warnen.“
Sein Schritt war, als er heimkam, schwerer als sonst; sie hörte ihn auf den Sitz fallen. Sie legte die Hand ans Herz, das klopfte; dann trat sie ein.
„Guten Abend, mein Lieber. Stehen unsere Sachen nicht gut?“
„Unsere Sachen?“
„Nicht die Stirn falten!“
Sie berührte sie mit dem Finger.
„Wir haben doch, trotz allem, dieselben Interessen. Laß mich ein wenig für dich denken. Der Trubel, in dem du lebst, erlaubt es dir nicht. Aber wie soll dies alles enden. Magst du gewählt werden oder nicht, — ein Spiel ist auch dies dir nur: nicht wahr, ich kenne dich? Und was bleibt dir vom Gewinn? Vielleicht ist alles Geld, das in den Spielsälen von Florenz umläuft, schon durch deine Hände geflossen; was aber hast du nun? Und wenn die letzte Frau dir gehört hat, was wirst du noch haben? Werde ruhiger, Freund, widerstehe deinen Wünschen!“ Und leiser, mit Zittern: „Wir sind nicht geboren, um glücklich zu sein: gewöhne auch du dich an den Gedanken.“
Er schüttelte ihre Hand von seiner Schulter; er sah sie knirschend an. Erschreckt murmelte sie noch:
„Ich sage es aus Sorge um dich, um mich selbst. Wir haben doch dieselben Interessen.“
Und er brach aus.
„Die Erkenntnis kommt dir also? Sie kommt nicht zu früh! Andern Frauen kommt sie vielleicht ein wenig früher. Ich habe gehört, daß der Untergang eines Hauses durch die Frau verhindert worden ist. Aber wahrscheinlich sah sie etwas anders aus als du. Die Cupola hat ihrem Mann das Trinken und die Weiber abgewöhnt: alles beides. Sie hat ihn sichzurückgeholt, sie hat ihn mit ihren Umschlingungen erweicht, sie hat sich, für ihn, so lasterhaft gemacht, daß sie ihm zwei Laster ersetzte. Vernunft brauchte sie ihm nicht zu predigen: ihre Vernunft war in ihrer Liebe. Aber die hast du nicht. Das ist es: du hast keine Liebe!“
Sie wendete ihm die Flächen ihrer gesenkten Hände zu und hielt seinen von Verachtung schweren Blick aus.
„Ah! jetzt findet sie Tränen: jetzt, da es auch ihr an den Hals geht. Und doch schien dir an diesem Hause nie viel gelegen. Ich sah dich in diesen Zimmern immer sitzen, wie eine Gefangene; wie eine Reisende, die in einem Hafenhotel warten muß, weil der Dampfer beschädigt ist. Als ob du auf deinem Koffer saßest. Wir alle waren dir unheimlich — und du uns. Nie hast du aufgehört, in einer fremden Sprache zu denken; und was du dachtest, war uns fremd: fremd und nicht befreundet. Du warst unsere Feindin: ja, ich hatte eine Feindin im Haus. Was Wunder, wenn ich nicht darin blieb?“
Lolas Brust ging rascher, ihr Blick ward hart; sie stieß hervor:
„Du warst mit allen verbündet gegen mich. Ich war allein — und wäre es überall. Was ich gelitten habe, gibt mir am Ende mehr Recht, darauf stolz zu sein.“
„Ach ja — und selbstgerecht. Du warst immer die Überlegene, weil du die Kalte warst. Ich bin so unbesonnen gewesen, hier eine Fremde einzuführen, die uns in aller Ruhe ausspionieren durfte.“
„Wir waren beide unbesonnen. Aber ich habe nicht spioniert; ich habe vor manchem, was ihr mich sehen ließt, die Augen geschlossen.“
„Mit jenem andern Fremden, deinem Freunde, mußt du sehr geistreich über uns philosophiert haben. Du hast einen Freund, einen Liebhaber gehabt. Du hast ihn vielleicht noch. Ich sehe ihn nicht, aber was beweist das bei euch. Sieht man euch und eure Taten? Ihr treibt gewiß aus der Ferne mit eurem Gedanken mehr Unzucht, als wir, wenn wir zusammen im Bett liegen. Ich mußte es zulassen. In deinen Kopf hineingreifen zu können, dafür hätte ich manchmal mein Leben gegeben. Man greift nicht in einen Kopf wie den deinen, man kommt dir nicht bei. Da: wenn ich so um dich kreise, gibt es immer einen Strich, über den ich nicht hinweg kann: nicht hinein zu dir und dich totschlagen. Ach! hätte ich dich damals aus dem Fenster fallen lassen! Du wagtest mir ins Gesicht zu sagen, daß du den andern liebtest; du drohtest mir, wenn ich dich anrührte, und du hingst halb hinaus: wie kam’s, daß ich dich nicht ganz hinabwarf? Ich begreife es nicht.“
„Ja: warum nicht. Du hättest es tun sollen!“
Sie nickten beide wild. Sie standen einander entgegengeworfen und hielten sich keuchend ihre Wunden vor. Pardi schrie auf, als seien alle seine Verbände fortgerissen.
„Denke ich an dein geheimes Leben mit dem andern, dann entschuldige ich jeden Verrat, den je eine Frau beging: sehne mich nach jedem. Es gibt Frauen, dieim Verrat groß waren. Die Cupola hat, um ihren Mann zu retten, auch das getan; sie hat sich verkauft. Ah! dir hätte deine hohe Selbstachtung das verboten: ich weiß. Wie solltest du dienen? Bist du eine Frau wie die unseren? Ich aber schwöre dir: du hättest, wie die unseren, zehn Liebhaber haben können und mein Weib sein; ich hätte dich gejagt und erlegt; dann aber hätte ich geweint auf deinem Sarg vor Liebe. Und jetzt werde ich darauf speien.“
„Töte mich!“
Sie warf die Hände empor.
„So töte mich doch!“
„Damit ich Mörder bin und durch dich vollends verderbe? Hoffe das nicht! Wir werden zusammen weiterleben. Mein Haus scheint mir nicht mehr meins. Kein Kind ist darin. Du hast mein Geschlecht getötet; wo ist Giovannino? Nun am Haus die Verkündigung fehlt, kommt er nie mehr hinein. Ich fühle mich daraus vertrieben, ich bin wie in Reisehast. Du, eine Heimatlose, hast mich heimatlos gemacht! Und jetzt möchtest du mich allein lassen? Das Schiff räumen, da es sinkt? Hoffe das nicht! Wir sind untrennbar. Weißt du nicht, warum ich gewählt werden will? Aus Haß auf dich! Damit ich das Gesetz der Scheidung verhindern kann! Damit unsere Hölle ewig ist!“
Lola stand, Kopf und Schultern gebeugt. Er wütete.
„Vielleicht wirst du mit mir in einem Ministerpalast wohnen, wirst zusehen, wie ich mir die Banken dienstbar mache, Gold in Barren verdiene, gefürchtet und gefeiert, von den Frauen begehrt werde, und wirstvon meiner Übermacht erdrückt, dahinleben. Vielleicht auch werde ich mich, ausgepfiffen und als Bettler, in meine letzte schmutzige Kate werfen, nach scharfem Käse stinken, ein Schwein züchten, das ich am nächsten Markt verhandele, und mit der Magd schlafen. Du wirst niedriger sein als sie! Denn du bist dabei: zweifle nicht. Das Gesetz zwingt dich zu mir, wohin ich auch gehe; und ich denke es auszunützen. Nur darauf noch werde ich aus sein, dich, meine Verderberin, zu erniedrigen und mit Schande zu beladen . . .“
Stimme und Atem blieben ihm aus; er stand, verzerrt, und würgte. Lola flüsterte:
„Tu’s! Ich nehme es hin.“
Er fuchtelte haltlos; er krümmte sich.
„Die Heuchlerin! Die schmutzige Heuchlerin! Wie soll man sie fassen? Könnte ich dich nackt durch die Straßen jagen! Eine solche Schande erfinden, daß du endlich einen Seufzer tätest, der nicht lügt: und wäre es dein letzter!“
Die Faust an der Stirn, taumelte er hinaus. Lola ließ sich mit dem Arm, der die Augen bedeckte, gegen die Wand fallen. Sie dachte, von Schrecken dumpf: „Es ist, wie er sagt: ich bin schuld. Ich wollte nur mein eigenes Elend fühlen, aber auch seins fällt mir zur Last, — und unter ihrer Wucht werde ich nicht mehr aufstehen. Liegen bleiben und abbüßen! Er sah fahl und alt aus: zum erstenmal; und ich habe das gemacht, ich selbst. O räche dich! Daß du mich leben läßt, ist zu wenig!“
Am Morgen erfuhr sie, daß eine Geliebte ihres Mannes im Hause sei. Die Kammerfrau wußte von Cesco, daß der Herr Graf sie nachts in seinem Zimmer gehabt habe. Jetzt war sie fort; — aber am Nachmittag flog Clotilde, von Neuigkeiten außer Atem, ins Boudoir. Ob die Frau Gräfin nichts höre: das Haus sei in Aufruhr, die Treppe verstellt mit Möbeln. Man schaffe Möbel ins untere Stockwerk; der Herr Graf und jene Frau seien drunten; es scheine, sie solle dort wohnen . . . Die Kammerfrau war hinaus und wieder zurück. Cesco hole Stühle aus dem Speisezimmer. Ob das nicht eine Schande sei, der Frau Gräfin ihre Sachen wegzunehmen und sie einer solchen Person zu geben.
„Die Möbel gehören dem Herrn,“ sagte Lola.
„Aber wenn die gnädige Frau hinunterginge und jene davonjagte: es wäre nur Ihr Recht; der Herr Graf könnte es nicht hindern. Das Gesetz ist für die Frau Gräfin: der Koch weiß es bestimmt.“
Lola dachte daran, daß einst Claudia sie belehrt hatte, die Konkubine im Hause sei ein Trennungsgrund. Vielleicht war’s der einzige. Er brachte sogar die Dienstboten auf ihre Seite, sie, die Pardis Spione gewesen waren. Sie sagte:
„Laß! Der Herr bleibt der Herr.“
Clotilde behielt den Mund offen.
„Die Frau Gräfin ist eine Heilige,“ schloß sie dann. Lola fuhr auf.
„Daß du das nie wieder sagst! Mir geschieht recht. An dem, was der Herr jetzt tut, bin ich schuld. Sage das den andern: ich will, daß sie es wissen.“
Die Kammerfrau antwortete nicht; rückwärts und ohne ihre starren, ängstlichen Augen von denen der Herrin zu trennen, ging sie durch die Tür. Am Abend, wie sie Lola das Haar löste, hatte sie die Lippen fest aufeinander, eine streng behutsame Miene und die Art, als bediene sie eine Kranke. Im Spiegel warf sie nach Lola manchmal den traurig überlegenen Blick der Wärterin. Lola hielt die Augen gesenkt und zog unter den Kammstrichen des Mädchens den Kopf in die Schultern. Endlich, leise bittend:
„Sprich doch!“
Clotilde zauderte; dann begann sie im Ton eines schonenden Vorwurfs. Der Herr Graf hatte eine seltsame Frau ins Haus gebracht, eine, die seiner augenscheinlich nicht würdig war. Es sollte eine Französin sein, nun ja. Aber Carlotta hatte ihre Kleider gesehen: und wenn sie seidenes Futter hatten, war doch keins heil und keins recht sauber. Und die Wäsche! Es gab Dinge, die man der Frau Gräfin nicht sagen konnte . . . Den Morgen darauf fing Clotilde von selbst an. Inzwischen hatte Leopoldo, der Kutscher, die Frau zu Gesicht bekommen, und alles war erklärt. Sie war eine von jenen, die des Abends auf den Straßen umhergehen. Leopoldo kannte sie; erst vor vierzehn Tagen war er selbst bei ihr gewesen. Cesco, der ihm übelwollte, hatte dies sofort dem Herrn Grafen berichtet, während er ihn rasierte; aber der Herr Graf — es war unbegreiflich — hatte nur gelacht.
„Es ist eine rechte Schande, in ein Haus wie dieses, eine solche Frau einzuquartieren. Wer will ihrdas Bett machen? Noch ist es nicht gemacht, und es ist in einem schönen Zustand. Der Herr Graf sollte bedenken, daß auch Dienstboten anständige Leute sind, — wenn er schon nicht an die Frau Gräfin denkt. Wir haben in der Küche beraten, ob wir alle sofort kündigen wollten. Cesco wollte es: aber mehr, weil er den Kutscher haßt. Wir anderen haben ihn beredet, dazubleiben, aus Liebe zur Frau Gräfin.“
„Wer gehen will, soll gehen,“ sagte Lola.
Und am Abend ließ sie die Fenster offen, um besser den Lärm des Festes zu hören, das Pardi drunten seinen Freunden gab. Sie waren gekommen; sie hatten sich eine Treppe erspart und waren zu der Dirne gekommen, anstatt zu der Hausherrin. Lola unterschied Stimmen. Sie lehnte sich hinaus, horchte, und ihr rauschendes Blut formte aus dem Gelächter der Männer schmutzige Worte, die ihr galten. Schon einmal, in dem Sommer vor ihrer Verlobung, war sie von oben Zeuge gewesen, wie jene sie mit Worten auszogen. Pardi hatte ihnen damals nicht ins Gesicht geschlagen, und jetzt überbot er sie: er war’s, der die Dirne zu diesem gellenden Lachen brachte. Er gab seine Frau einer Dirne preis. Zwischen dieser Schändung und jener lag Lolas Ehe. „Und es ist gut so. Nur weiter! Ganz mit ihm zugrunde gehen und im Elend seine Magd sein! Ich wäre Arnolds Magd gewesen, wenn er gewollt hätte. Aber er läßt mich allein. Dieser hält die Hand auf mir, ihm entrinne ich nicht. So sei es! Ich kenne nun mein Schicksal; und so schlimm es immer werden mag, ich lobe es, darum daß ich’s kenne.“
Sie hatte die Furcht, die Dirne möchte sich von ihr verachtet glauben. Jene hätte erfahren sollen, daß Lola ihre Anwesenheit guthieß, sich ihr unterwarf und nicht Dame noch Märtyrerin sein wollte. Immer, wenn Clotilde um sie war, drängten sich Lola Worte auf die Lippen, die das Mädchen der andern hätte bestellen sollen; und immer riß Lola, im Schrecken, das Geständnis zurück. Zehnmal am Tage trieb es sie, auszugehen, nur um drunten die offene Tür zu streifen und hineinzuspähen. Schon zitterte auf ihrem Gesicht das Lächeln, mit dem sie vor der Dirne den Kopf geneigt hätte . . . Da sprang eine Tür auf; Lola drängte sich in den Winkel beim Schrank; und eine Frau mit gelben Haaren lief im Halbdunkel vorbei, drehte sich plötzlich um und fing Nutini auf, der sie küßte. Lola dachte zornig: „Er hätte mich ihm wegnehmen wollen, und jetzt nimmt er ihm diese!“ Sie schlich, wie die beiden fort waren, zurück, voll Reue, daß sie gesehen hatte, was Pardi vor ihr demütigte.
Ein einziges Opfer brachte sie zaudernd: das Bild drunten im Saal, das Bild jenes Knaben in alter Tracht, mit dem weichen, traurigen Goldgeriesel des Haars; aus dessen weißem Gesicht der Mund feuchtrot hervorstand und fleischig. Aber dies Fleisch, das vom Blute Pardis war, schien zu seufzen über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Die Augen Pardis in ihnselbst zurückschauend, in eine Seele, die nicht seine, sondern Arnolds war; seine Stirn durch Arnolds Güte und Sehnsucht gereinigt: Das war jener Tote, der Lola ihre mildesten Träume geschenkt hatte. „In ihm konnte ich beide lieben. Nur bei ihm war ich gestillt. Es ist sehr schwer, zu denken, auf welche Dinge jetzt seine Augen blicken, die zuletzt mich sahen. Pardi weiß nicht, wie gut er sich rächt. Er zerreißt in meinem Herzen den letzten Wohllaut.“
Oft fuhr sie auf und wollte das Bild fordern. Andere Stunden weinte sie darum. Und jedesmal neu hatte sie sich der darzubringen, die ihr als Henkerin bestimmt war. Sie stellte sich die Dirne kalt und frech vor, voll der Sucht, die Frau, deren Mann sie besaß, mit Füßen zu treten, ihre Erinnerungen zu schänden. Auf der einsamen Folter ihrer Gedanken fühlte Lola dort unter sich einen schmutzentstiegenen Dämon, der erst aus den Trümmern dieses Hauses, gell auflachend, entflattern würde. Und eines Tages traf dies Lachen sie so nahe, daß sie sich verloren glaubte. Sie wollte ihren Wagen besteigen; hinter ihr im Hause rief es, herbeilaufend: „Schön! Der Wagen für mich;“ — und plötzlich standen sie voreinander. Lola hatte im Schrecken nur grelle Flecken vor Augen: die gelben Haare, das kreidige Gesicht. Da hörte sie stammeln:
„Ich habe mich wohl geirrt, der Wagen ist wohl nicht für mich?“
Lola brachte hervor:
„Ich bitte, bedienen Sie sich!“
Aber die andere tat einen tastenden Schritt rückwärts.
„Ich möchte doch nicht die gnädige Frau —“
Lolas Blick klärte sich; sie entdeckte große blaue Augen, die vor ihr erschrocken waren.
„Ich werde zu Fuß gehen,“ — und das Mädchen verneigte sich scheu.
„Nein!“ sagte Lola. „Fahren Sie mit mir!“
Jene zögerte, senkte die Stirn und gehorchte. Der Kutscher sah sich empört nach ihr um. Lola fiel es ein, daß die beiden sich kannten. Sobald sie das Mädchen neben sich hatte, sagte sie dringend:
„Glauben Sie nicht, ich wolle Sie demütigen! . . .“
Sie fürchtete, zu schluchzen, und schwieg. Leopoldo peitschte aus Zorn; sie jagten über die Brücke. Männer starrten zu ihnen herein; die Dirne sah willenlos hin; und dann zuckte sie zurück und tat, mit geducktem Blick, bei Lola Abbitte. Lola roch das unelegante Parfüm, bemerkte unter dem Spitzensaum einen rauhen Schuh und fühlte sich nüchtern und übel werden. Diese Arme hätte nichts verstanden von allem, was vorging; empfand nichts und wollte nichts. Lola hatte den dürftigen Dingen Geist und Phantasie geliehen, hatte Schicksalsgötter gegen sich am Werk geglaubt. „Das Schwerste ist immer wieder, durch das Unglück nicht hochmütig zu werden. Kein Schicksal, auch meins nicht, darf uns glauben machen, wir seien einzig und erlitten Ungeheures. Sich bücken unters Gewöhnliche!“ Sie grüßte die alte Marchesa Triborghi, und der Gruß blieb unerwidert. „Was tue ich auch? Ich weiß nichtmehr, in welcher Welt ich lebe. Nur mir, scheint es, geschehen solche Vergeßlichkeiten.“ Sie fragte das Mädchen, wo es abzusteigen wünsche. Es hatte, in der Fassungslosigkeit, all sein Italienisch vergessen.
Den selben Abend mußte sie im Palazzo Valdomini sein und Anspielungen hören.
„Sie haben Ihr unteres Stockwerk vermietet, meine Liebe?“
„Es werden Verwandte sein?“