18

Im nächsten Augenblick war Panik im ganzen Zimmer. Der Betrunkene hatte einen Revolver. In jäher Hast stoben alle auseinander und so groß war der Schreck, so groß die Verwirrung, daß keiner zur Tür hinausfand. Weiner ließ das Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein ergoß sich auf den Fußboden. Horvath rannte in kopfloser Flucht an Sonja an, stolperte und warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf ihn fiel, blieb er sogleich wie gebannt stehen und gab jeden Gedanken an Entkommen auf. Die beiden Mädchen hatten sich in die Fensternische geflüchtet und starrten, eng aneinander gepreßt, voll Entsetzen hinter den Falten des Fenstervorhanges hervor auf Demba, der in der Mitte des Zimmers stand, stumm, drohend und zur furchtbaren Tat entschlossen.

»Stanie! Was willst du tun?« rief Sonja angstvoll. Sie zitterte für das Leben Weiners.

Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen machte ihn noch furchtbarer. Doch in Wirklichkeit blickte er mit einem Gemisch von Staunen und Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff. Warum schrie Sonja? Und was trieben die anderen? Wollten sie sich über ihn lustig machen? War das alles verabredet? Gehörte es zu den Scherzen, die man eben noch mit ihm getrieben hatte?

Er stand, regte sich nicht und wartete.

»Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den Revolver weg!« bat Sonja mit verstörtem Gesicht.

Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja auf den Gedanken, daß er einen Revolver habe? War das ihr Ernst? Er mußte es erproben.

Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf nicht ganz verloren hatte. Er stellte sich, als sähe er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos und unbefangen, trank gemächlich seinen Wein aus und griff nach seinem Hut.

»Also, gehen wir, meine Herren!« schlug er in gleichgültig klingendem Ton vor. »Auf was warten wir noch? Zahlen können wir auch draußen.« – Er wollte zur Tür.

»Zurück!« rief Demba. Er rief es sehr zaghaft und erst nach einigem Zögern. Denn natürlich, jetzt wird der Spaß ein Ende haben, jetzt werden sie alle anfangen zu lachen und zu brüllen, so wie vorhin. Demba reute es, daß er »zurück« gerufen hatte und er hätte sich ohrfeigen mögen.

Aber nein! Keiner lacht. Und – wie sonderbar – der Mensch dort gehorcht. Er bleibt stehen. Er geht zurück, Schritt um Schritt, wie ein Hund, dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er hat Angst vor der Waffe, vor dem scharfgeladenen, sechsläufigen Revolver.

Nein, sie spielen alle nur Komödie. Gut ausgedacht, schlau eingefädelt, damit sie mich wieder zu ihrem Narren machen und verlachen können. Oder nicht? Die Mädchen dort in der Fensternische machen so entsetzte Augen, das kann doch nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert, ja, die Hände zittern ihm. –

Die erstaunliche Tatsache, daß Dr. Fuhrmann vor ihm zitterte, verwirrte Demba mehr noch als die Trunkenheit und der Haß. Er verbiß und verstrickte sich in den Gedanken, daß er eine Waffe schußbereit in Händen hielt, und erprobte, zögernd vorerst und ängstlich, die Gewalt, die ihm über die anderen gegeben war.

Er wandte sich Horvath zu und stieß mit dem Fuß an den Schildpattkamm und den zerbrochenen Spiegel, die immer noch auf der Erde lagen und sein Mißfallen erregten.

»Werden Sie das endlich aufheben? Oder soll jetzt ich bis drei zählen?«

Horvath und Weiner sprangen zu gleicher Zeit herbei und beeilten sich, die Gegenstände, die auf dem Fußboden verstreut waren, aufzulesen. Auch Dr. Fuhrmann hielt es für geraten, mitzuhelfen. Demba war betrunken und hatte einen Revolver. Sie waren in seiner Hand. Da half nichts, als alles tun, was er verlangte, und wäre es das Tollste. Und abzuwarten, ob sich Gelegenheit bot, ihn unschädlich zu machen.

Demba freute sich über diesen Eifer. Jetzt hatte er Genugtuung, volle Genugtuung für die schmähliche Behandlung, die ihm zuvor zuteil geworden war. Wie sie sich vor ihm bückten und duckten und zu verstecken suchten! Das Bewußtsein seiner Macht stieg ihm zu Kopf und brachte Unordnung in seine Gedanken. Ja. Den beiden anderen wollte er das Leben schenken. Er begnadigte sie. Aber Weiner, der ihm Sonja gestohlen hatte, der sollte seiner Waffe nicht entgehen, dem sollte alles Bücken und Ducken nicht helfen, der kam jetzt an die Reihe.

»Weiner!« rief Demba mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß.

Weiner tat, als hörte er nicht, und fuhr fort, auf dem Erdboden nach Kupferkreuzern und Bleistiften zu suchen.

»Weiner!« brüllte Demba und bekam einen Wutanfall, als er sah, daß Weiner nicht hören wollte.

Bestürzt fuhr Weiner auf und glotzte Demba mit stumpfen Augen an. Er sah voll Entsetzen, wie sich unter Dembas Mantel der Revolver regte, blutgierig und bereit, sein tödliches Werk zu verrichten. Er stand und wartete, wie der Verurteilte den Henker erwartet, der ihn aus der Zelle holt.

Sonja machte einen ängstlichen Versuch, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen.

»Kellner!« schrie sie plötzlich laut. »Kellner!«

Aber schon stand Demba vor ihr.

»Still!« befahl er. »Keinen Laut mehr, oder –«

Sonja verstummte. Demba drehte sich um und ging auf Weiner los.

»Was wollen Sie von mir?« rief Weiner geängstigt und machte einen Schritt zurück. »Lassen Sie mich hinaus.«

»Sie wissen sehr gut, was ich von Ihnen will,« sagte Demba.

»Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja kaum!« zeterte Weiner.

»Wo waren Sie gestern nachts mit Sonja?« brach Demba los. Sein Gesicht war verzerrt, Wut, Eifersucht und Schmerz hatten sein Gehirn in Aufruhr gebracht.

»Wo Sie gestern nachts mit Sonja waren, will ich wissen!«

Und Weiner, der die Mündung des Revolversgegen seinen Leib gerichtet fühlte, – nur eines Zuckens des Fingers bedurfte es, und die Kugel bohrte sich in seine Brust, – Weiner, der sah, daß in diesem Augenblick sein Leben völlig in die Hand eines Wahnsinnigen gegeben war, lud, um sich zu retten, alle Schuld auf Sonja, klagte sie an und gab sie, ohne zu zaudern, Dembas rasender Rachgier preis.

»Das hab' ich dir zu verdanken, Sonja!« rief er. »Nur du bist an allem schuld. Hundertmal hab' ich dir gesagt –«

Er unterbrach sich und wandte sich an Demba.

»Hören Sie mich an, ich schwöre Ihnen, ich wußte bis gestern nachts gar nicht, wie Sie mit ihr gestanden sind. Ich hab' keine Ahnung davon gehabt, sie hat mir nichts gesagt. Ist das wahr oder nicht, Sonja?«

Sonja gab keine Antwort. Weiner aber, der fürchtete, daß Demba seinen Beteuerungen keinen Glauben schenken werde, redete unaufhaltsam weiter.

»Ich hab' mich nie um sie gekümmert. Aber sie hat mich zehnmal im Tag angerufen. Sie hat mir Briefe und Karten geschrieben, einmal einen zwölf Seiten langen Brief. Ja. So ist die Sache.«

Sonja wurde rot, preßte die Lippen zusammen und blickte zu Boden. Weiner sah mit angstvoll irrenden Augen bald sie, bald Demba an. Aber Dembas Gesicht hatte einen unerbittlichen und grausamen Ausdruck bekommen. Ekel und Verachtung waren in ihm aufgestiegen und er hatte beschlossen, den Feigling niederzuschießen um dessentwillen, was er da sprach.

»Ist es etwa nicht wahr?« rief Weiner, der die Nähe der Gefahr fühlte. »Hast du mich nichtTag für Tag gequält, daß ich zu dir kommen soll, vierhändig spielen? Bist du nicht auf die Universität gekommen, wenn ich in der Vorlesung war? Nur dir hab' ich jetzt das zu verdanken.«

»Genug!« rief Demba. Er fühlte plötzlich Mitleid mit Sonja, die stumm dastand und Weiners Vorwürfe über sich ergehen ließ.

Aber Weiner war nicht zu halten.

»Ist es etwa nicht wahr? Bist du mir nicht nachgegangen auf Schritt und Tritt –«

»Ja, es ist wahr,« sagte Sonja. »Und jetzt sind wir fertig miteinander.«

»Jawohl. Jetzt sind wir fertig. Jawohl. Fertig,« schrie Weiner erbost, und seine Stimme überschlug sich. »Und jetzt –«

»Und jetzt – da hast du dein Geld zurück.« Sonja riß ihr grünes Krokodilledertäschchen auf und schleuderte ein schmales, rötlichgelbes Heftchen in Weiners Gesicht.

»Da hast du es zurück!« rief sie. »Du Feigling! Du Feigling! Pfui, du Feigling.«

Das Rundreiseheft für die Fahrt nach Venedig fiel zu Boden. Und in diesem Augenblick war es Demba, als ob sich etwas Schweres, Drückendes von seinem Herzen löste.

Einen ganzen Tag hindurch hatte ihn das Verlangen gehetzt und getrieben, dieses Heft in seine Hände zu bekommen, um es in Stücke zu zerreißen und fortschleudern zu können. Einen ganzen Tag hatte ihn die Furcht gefoltert, daß er zu spät kommen, daß dieses Heft ihm Sonja entführen werde. Einen ganzen Tag hindurch war er in atemloser Jagd hinter dem Gelde hergewesen, das ihm helfen sollte, dieses Heft zu erobern und zu vernichten.Aber das Geld hatte sich, listig und voll Tücke, vor ihm versteckt, den ganzen Tag hindurch. Und jetzt, am Abend, da er sich mutlos und mit leeren Händen, ein Geschlagener und Besiegter, hierhergeschlichen hatte, jetzt lag dieses Heft, das er gehaßt und gefürchtet hatte, am Boden, wertloses Papier, das er mit dem Fuße beiseite stoßen konnte. Von selbst war sein Triumph gekommen, er hatte erreicht, was er sich den ganzen Tag hindurch gewünscht hatte, ohne Mühe, ohne Kampf hatte er es erreicht, nur weil er seine Hände unter dem Mantel versteckt hatte.

Und jetzt, um seinen Sieg zu einem völligen zu machen, trat Sonja zu ihm. Denn, zwiespältig in ihrer Seele, wurde sie zu ihm zurückgezogen, weil er nicht, wie Weiner, feig seinem Leben nachgelaufen, sondern um ihretwillen rasend geworden und bereit war, einen Mord zu begehen.

»Komm, Stanie! Gehen wir,« sagte sie leise. »Ja, du hast recht gehabt: Er ist nichts wert. Komm, laß den Feigling! Geh, wisch' dich doch ab.« – Sie nahm eine Serviette vom Tisch und wischte ihm den Wein aus dem Gesicht.

Demba sah Sonja an und wunderte sich über alle Maßen. Was war in ihn gefahren gewesen daß er um dieses Mädchens willen wie toll durch den Tag gerast war, daß er gelogen, gestohlen und gebettelt hatte um ihretwillen? Sie stand vor ihm und er sah nichts an ihr, nichts, was ihn fröhlich oder traurig machen konnte, sie war sein, aber er fühlte nichts, nicht Stolz, nicht die selige Unruhe des Besitzes, nicht die Angst, sie zu verlieren.

Er war ihrer satt.

Was wollte er noch hier? Was hatte er hiernoch zu suchen? Er wandte sich zum Gehen und konnte doch nicht fort. Die Liebe war tot, nicht gestorben, o nein: Verreckt, wie ein krankes, häßliches Tier. Aber der Haß lebte, der ließ sich nicht verscharren, der war groß und mächtig und zwang ihn, seine Rache zu vollenden.

Die Waffe, die er in seinen Händen zu halten vermeinte, hatte ihn zu ihrem Sklaven gemacht. Der Rausch der Macht hatte ihn unterjocht, die Lust zu morden, hielt ihn gepackt und gab ihn nicht frei. Sollte er gehen und denen dort ihr Leben schenken? Daß sie, wenn er zur Tür hinaus war, ihn wieder verlachten oder verhöhnten wie zuvor? Nein, sie sollten nicht lachen. Keiner durfte lebendig aus dem Zimmer. Keiner. Und er sah sich im Geiste mit hoch erhobenem Revolver vor die drei hintreten und Schuß auf Schuß in totenblasse Gesichter feuern.

Er beugte sich über den Tisch.

»Es ist fünf Minuten vor halb neun. Ich gebe den Herren fünf Minuten Zeit,« sagte er, und seine Stimme klang eiskalt und so voll grausamer Entschlossenheit, daß ihm selbst ein Schauer vor der Furchtbarkeit des Augenblicks über den Rücken lief. »Verwenden Sie die Zeit nach Ihrem Gutdünken.«

»Demba! Sind Sie denn verrückt? Was wollen Sie tun?« rief Horvath.

»Ich habe wirklich nicht länger Zeit, ich bedaure, ich werde erwartet,« sagte Demba und wurde sogleich ärgerlich und verstimmt, weil man seine Zeit so ungebührlich in Anspruch nehmen wollte. »Nein. Hinaus dürfen Sie nicht. Zurück!« befahl er. »Oder ich schieße!«

Die drei standen starr und unbeweglich. Der Trunkene machte Ernst. Es gab keine Rettung vor dem geladenen Revolver. Sie standen und wagten sich nicht zu rühren. Nur die Gasflammen sangen und die Uhr tickte und ihre Zeiger krochen ohne Erbarmen dem Ziele zu.

Demba blickte von einem zum andern, prüfte, auf wen er zuerst anlegen sollte, es war Zeit, die Uhr mußte gleich schlagen und er entschied sich für Horvath.

Horvath. Ja. Der mußte der erste sein. Nie hatte er ihn leiden mögen. In seinem Innern begann er mit Horvath noch einen letzten Zank auszutragen. Dieser hochnasige Flegel! Ist die Elli zu Hause? Nein, die Elli ist nicht zu Hause, aber ich bin da, guten Tag, Herr Horvath, haben mich wohl noch nicht bemerkt? So und jetzt – halb neun –

Ein Geräusch ließ Demba aufhorchen.

Schritte kamen, der Kellner war ins Zimmer getreten.

Demba drehte sich um.

»Packen Sie ihn!« rief Dr. Fuhrmann und sprang ihm an die Gurgel.

»Ich hab' ihn!«

»Halten Sie fest!«

»Die Hände! Packen Sie seine Hände!« schrie Weiner dem Kellner zu.

»Lassen Sie los!« brüllte Demba auf und wehrte sich wie ein Wütender gegen die Arme, die ihn umklammert hielten.

»Geben Sie acht! Er schießt!«

»Er hat einen Revolver!«

»Den Arm! Weiner, pack' den Arm!«

»Achtung!«

Demba war es gelungen, sich loszureißen. Er teilte nach allen Seiten Stöße und Fußtritte aus und rannte in seiner Wut wie ein Stier mit dem Kopf gegen den Kellner.

»Festhalten! Festhalten.«

»Ich hab' ihn!«

»Doktor! Packen Sie seine Beine!«

»Loslassen!« tobte Demba und stieß mit dem Fuß aus.

»Ich bin getroffen!« heulte Weiner und fiel in einen Sessel.

Die beiden Theaterschülerinnen kreischten laut auf und hielten die Hände vor das Gesicht. Sonja stand schon bei Weiner.

»Georg! Was ist dir geschehen?« schrie sie angstvoll.

»Ich bin getroffen! Hilfe!« ächzte Weiner.

»Wo? Um Gottes willen!« – Alle Feindschaft war vergessen und Sonja mühte sich totenblaß vor Schrecken um den wimmernden Weiner.

»Lassen Sie los! Ich ersticke!« keuchte Demba; der Kellner preßte ihm mit beiden Händen den Hals zusammen.

»Den Revolver fort!« befahl Dr. Fuhrmann.

»Ich hab' ihn! Ich hab' seine Hände!« schrie Horvath triumphierend.

»Lassen Sie los! Sie brechen mir den Arm!« gurgelte Demba, blaurot im Gesicht.

»Ich hab' den Revolver.«

»Achtung! Er ist geladen.«

»Vorsicht! Er geht los!«

Ein letzter, kurzer, verzweifelter Kampf.

Dann stieß Demba einen Schrei aus. Horvath hatte ihm die Hände im Gelenk gedreht.

»Da ist er.« Und Horvath brachte triumphierend Dembas Hände unter dem Mantel hervor, zwei unselige, hilflose, jammervolle Hände, mit Ketten kläglich aneinander gefesselt.

Einen Augenblick lang war alles starr.

Dann gelang es Demba, sich loszureißen.

Er blickte wild um sich, stöhnte leise, schöpfte tief Atem und rannte zur Tür hinaus.

Ein paar Sekunden lang hörte man ihn im Dunkeln zwischen Stühlen, Tischen und den leeren Kleiderständern poltern.

Dann krachte eine Tür und alles war ruhig.

Dr. Fuhrmann war der Erste, der die Sprache wiedergewann.

»Was war das?« fragte er, noch immer außer Atem.

»Habt Ihr das gesehen –?« keuchte Horvath, erschöpft von der Anstrengung des Ringkampfes.

»Der muß wo aus'kommen sein,« sagte kopfschüttelnd der Kellner.

»Wir müssen ihm nach,« rief Dr. Fuhrmann.

»Zur Polizei! Zur Polizei!« schrie Weiner und rieb sich sein Schienbein.

Der Gedanke, daß sie sich alle von einem Schatten, einer Lüge, dem Phantom einer Waffe hatten betrügen und in Furcht setzen lassen, brachte sie in Wut. Weiner hob das Rundreiseheft vom Boden auf und wischte sorgfältig den Staub von seinen Seiten.

»Es ist am besten, wir gehen aufs nächste Kommissariat,« sagte Dr. Fuhrmann entschlossen. »Weiß vielleicht jemand, wo der Kerl wohnt?«

»Ich,« sagte Sonja mit harter Stimme und sie nahm das höhnische Lächeln, die spöttischen Blicke und die Verachtung aller auf sich, um Demba zu verraten. »Ich weiß, wo er wohnt.«

Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstür stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln.

»Stanie?« rief sie ihm leise entgegen. »Daß du doch kommst! Endlich! Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So spät!«

»Wartest du lang?«

»Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die Tür aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, für dich.«

»So,« sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt unten.

»Gehen wir nicht hinein?« bat Steffi.

»Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr' auf. Aber leise – leise! Es muß niemand wissen, daß ich nach Hause gekommen bin.«

Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tür und zog den Schlüssel ab.

»Also da wohnst du,« sagte Steffi leise. »Wo ist dein Freund, nicht zu Hause? Wart', ich werde Licht machen.«

»Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein. Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du den Schlüssel?«

»Ja. – Ich glaube.«

»Du glaubst? Was soll das bedeuten?«

»Ich hab' den Schlüssel. Gewiß hab' ich den Schlüssel,« sagte Steffi. »Gib mir die Hände her. Schau, da liegt der Brief.«

Demba riß den Umschlag auf. Der Brief war von Hübel. Er enthielt die Mitteilung, daß Dr. Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das Geld zurück, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hübel, sich erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am nächsten Ersten.

Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam zu spät.

»Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich muß nach Hause,« drängte Steffi Prokop. »Gib die Hände her, ich will versuchen, ob der Schlüssel sperrt.«

»Versuchen?«fragte Demba.

»Natürlich, er muß sperren, das ist ja klar,« sagte Steffi und holte den Schlüssel hervor. »Ich brauch' mehr Licht.« Sie schob die Kerze an den Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.

»So viel Geld!« sagte sie und suchte das Schlüsselloch. »Was wirst du machen mit dem vielen Geld?«

»Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu spät.«

»Zu spät? Warum?«

»Es ist gleichgültig, warum,« sagte Demba müde. »Der Schlüssel kommt zurecht. Gebe Gott, daß ich im rechten Augenblick die Hände frei bekomme.«

Steffi blickte unruhig auf.

»Im rechten Augenblick?« fragte sie.

»Sie sind wieder hinter mir her,« sagte Demba.

»Wer denn, Stanie, wer denn?«

»Ich glaube, sie werden gleich da sein.«

»Wer denn, Stanie? Die Polizei?«

»Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst. Wenn die Handschellen fort sind, fürcht' ich die Polizei nicht. Die Hände muß ich frei haben. Die Handschellen müssen fort!«

»Ja. Die Handschellen müssen fort,« stammelte Steffi. »Die Handschellen müssen fort! Die Handschellen müssen fort! Stanie, er paßt nicht! Er ist zu groß.«

»Wer? Der Schlüssel?« – Demba fuhr erschrocken auf.

»Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich Angst gehabt.« Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte hilfesuchend in Dembas Gesicht.

»Wie ist das möglich!« stieß Demba hervor.

»Ich bin nicht schuld,« schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung bittend. »Dieser dumme Mensch!«

»Was ist denn geschehen?«

»Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag, während ich im Bureau war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, weißt du, der Bub von nebenan. Er hat gesagt, daß er meinen Wachsabdruck verloren hätte und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel öffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlüssel zu meinem Tagebuch gemacht!«

»Es ist gut,« sagte Demba leise zu sich selbst.

»Stanie! Was werden wir tun?«

»Ich weiß, was ich tun werde,« sagte Demba mit einem Seufzer.

»Stanie!« begann Steffi. »Du mußt mir folgen, ich mein's mit dir gut. Schau, wär' es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles, was geschehen ist? Du bekämst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du hinauskommst, bist du frei, hörst du, Stanie, dann bist du frei! Frei, Stanie –«

»Bis auf die Handschellen,« sagte Stanislaus Demba.

»Bis auf die Handschellen?«

»Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die behält ein jeder, der aus dem Kerker kommt. Weißt du's nicht, Steffi? Strafen werden von der Gerechtigkeit immer lebenslänglich verhängt. Wer aus dem Kerker kommt, der muß seine Hände verstecken, denn sie sind für immer geschändet. Er kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er muß mit ängstlich versteckten Händen durch sein Leben schleichen, so wie ich heute zwölf Stunden lang die Hände unter dem Mantel – horch! Da sind sie schon.«

Es hatte geläutet.

Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals.

»Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie mich hier finden!«

Es läutete nochmals. Die Tür der Wohnung wurde geöffnet. Männerschritte, zwei harte Schläge an die Zimmertür. »Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie!«

»Wenn sie mich hier finden,« klagte Steffi.

Demba stöhnte. Ein Windstoß kam durchs Fenster und löschte die Kerze aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes Dämmerlicht.

»Heute morgen,« sagte Demba, »als ich in der Dachkammer am Fenster stand, hab' ich an dich gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab' mir gewünscht, daß du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich bin nicht froh, hab' dich mit in mein Unglück gerissen. Jetzt wollte ich, du wärest weit fort von hier.«

Der Druck der Arme ließ nach. Steffis Bild sank, als hätte sie auf dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, löste sich und verflog in nichts.

Das Pochen und Klopfen hatte aufgehört. Harte Instrumente arbeiteten an der Holzfüllung der Tür.

»Es gibt Menschen,« sagte Demba, »die macht die Freiheit nicht glücklich, Steffi. Nur müde.«

Es kam keine Antwort.

»Ich hab' mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder Fiber meines Körpers, Steffi. Aber ich bin nur müde geworden und jetzt will ich nur noch eines: Ausruhen.«

Keine Antwort.

»Wo bist du,Steffi?«

Stille.

Nur das Holz der Tür knirschte und krachte.

Demba stand auf. Er stieß mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens. Er machte zwei Schritte vorwärts, stolperte über einen zusammengerollten Teppich, stieß mit dem Kopf an die Wäscheleine und fiel auf einen Strohsack. Die staubgesättigteLuft der engen Kammer legte sich ihm drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke.

Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher? Eine Turmuhr schlägt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich? Wie lange steh' ich schon hier und hör' die Turmuhr schlagen? Zwölf Stunden? Zwölf Sekunden?

Die Tür springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den »Prinz Eugen«. – Jetzt – das Schieferdach glänzt so fröhlich in der Morgensonne – zwei Schwalben schießen erschreckt aus ihren Nestern – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Als die beiden Polizisten – kurz nach neun Uhr morgens – den Hof des Trödlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus Demba.

Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit –

Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer Wunde am Hinterkopf floß Blut.

Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten ruhelos durch die Straßen der Stadt, schweiften über Gärten und Plätze, tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, stürmten Treppen hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken, klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zumletztenmalvon Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden sehr müde und fielen zu.

Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und Dembas Hände, die Hände, die sich in Angst versteckt, in Groll empört, im Zorn zu Fäusten geballt, in Klage aufgebäumt, die in ihrem Versteck stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, – Stanislaus Dembas Hände waren endlich frei.

Leo Perutz

Die dritte Kugel

Roman. 5. AuflageGeheftet 5 M., gebunden 8 M.

Kölnische Zeitung: Das in bewegter Handlung, die doch nicht grob nach alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt, sich aufbauende Werk ist geradezu meisterhaft im Sinne der dargestellten Zeit empfunden. Reiche kulturgeschichtliche Studien sind künstlerisch lebensvoll verarbeitet, an keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung geltend, … kein Geschenkbuch für junge Damen, sondern ein solches für Männer, und zwar ein richtiges Meisterstück.

Wiener Allgemeine Zeitung: In schlaflosen Nächten, die einem dieser Krieg so freigebig und überreichlich beschert, mag unter tausend wichtigen und unwichtigen Fragen, die einen bedrängen und für die man doch nie eine Antwort gewußt, auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das Buch dann beschaffen sein, später, nachher, wenn alles vorüber ist?… Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende – aber das Buch ist schon da. Es heißt »Die dritte Kugel«, und der es geschrieben, ist ein neuer, ein unbekannter Mann und heißt Leo Perutz. Ein Buch, das einen überrascht, das einen überrennt, das nicht zart und sanft, wie es oft üblich war, um den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festhält und überhaupt nicht mehr losläßt. Auch dann nicht, wenn man längst damit zu Ende ist. Und das ist das Beste, was man dem Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann geschrieben hat, das auch einer neuen Zeit angehört … Kein Buch für Frauen; eines für Männer. Vor allem eines, das im ganzen deutschen Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande wäre.

Außerdem erschien:

Leo Perutz und Paul Frank

Das Mangobaumwunder

Eine unglaubwürdige Geschichte11. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 7 M.

Zeit im Bild, Berlin: »Das Mangobaumwunder« gehört zu jenen Büchern, die man in einem Zuge bis zu Ende lesen muß. Die Grundidee der Erzählung ist konsequent, geist- und humorvoll durchgeführt, und die Verfasser verstehen es meisterlich, unsere Spannung und unser … Gruseln ununterbrochen wachzuhalten.

Verlag von Albert Langen in München

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.Einbände von E. A. Enders in Leipzig.

Anmerkungen zur Transkription:Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.Seite 37:Wie schauerlich die leerenArmelherunterhingen.Wie schauerlich die leerenÄrmelherunterhingen.Seite 39:diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaubiudiktiert, und dazwischen über den KohlenstaubinSeite 43:dasRundereisebillettzweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-WiendasRundreisebillettzweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-WienSeite 43:unterbrechen und eine Besteigung desSonnwendeinesunterbrechen und eine Besteigung desSonnwendsteinesSeite 43:unternehmen. Für die BesichtigungLaistbachsunternehmen. Für die BesichtigungLaibachsSeite 45:egal sein.Uberhauptheiß' ich für Sie: Fräuleinegal sein.Überhauptheiß' ich für Sie: FräuleinSeite 48:kommen sollte, so rufen Sie mich imCafèkommen sollte, so rufen Sie mich imCaféSeite 49:CaféSistiniaund ausgerechnet den NeuhäuslCaféSistianaund ausgerechnet den NeuhäuslSeite 56:an. »Ubrigenswar ich bei meiner Tante, diean. »Übrigenswar ich bei meiner Tante, dieSeite 79:»Es tut mir leid um dieWohnung,sagte Eisner»Es tut mir leid um dieWohnung,«sagte EisnerSeite 94:deklamiert,»Integervitae …– wie geht's weiter?«deklamiert,Integervitae …– wie geht's weiter?«Seite 105:die in einem Winkel aufdenbloßen Erdbodendie in einem Winkel aufdembloßen ErdbodenSeite 108:den Schlüssel zu derKasettenicht, in der er seinden Schlüssel zu derKassettenicht, in der er seinSeite 109:ein paar seiner Sachen: EinenSenftigelein paar seiner Sachen: EinenSenftiegelSeite 119:leicht in die allergrößte Verlegenheit kommenkönnenleicht in die allergrößte Verlegenheit kommenkönnen.Seite 128:Vater ausKorksstöpselnhergestellt hatte. DerVater ausKorkstöpselnhergestellt hatte. DerSeite 135:außer Atem in das Privatkontor ihresMannesaußer Atem in das Privatkontor ihresMannes.Seite 153:Polzeiberichtvon heute morgen: Junger, etwaPolizeiberichtvon heute morgen: Junger, etwaSeite 162:LegitimationskartederDetektivs vermutete.LegitimationskartedesDetektivs vermutete.Seite 170:›DieGattin des Realschulprofessors Ernest W.,DieGattin des Realschulprofessors Ernest W.,Seite 175:»DerLeichsinnIhres Zimmerkollegen.«»DerLeichtsinnIhres Zimmerkollegen.«Seite 183:genußfrohenJeunessedoreéder Leopoldstadt auferlegte.genußfrohenJeunessedoréeder Leopoldstadt auferlegte.Seite 197:Demba fuhr zusammen. »Was wollenSie?»Demba fuhr zusammen. »Was wollenSie?«Seite 210:Tat ein vorzüglichesRenomnee,« versicherte erTat ein vorzüglichesRenommee,« versicherte erSeite 220:»Möchte nurfestellen–,« begann Demba nochmals,»Möchte nurfeststellen–,« begann Demba nochmals,Seite 220:Er fand einen Rückhalt an dermasivenEr fand einen Rückhalt an dermassivenSeite 237:»Versuchen?fragte Demba.»Versuchen?«fragte Demba.Seite 240:»Wo bist du,Steffi?»Wo bist du,Steffi?«Seite 241:um Geld und um Liebe, kosteten zumletzenmalum Geld und um Liebe, kosteten zumletztenmal

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.


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