5

»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß ist ihm dann eine Idee gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fräulein Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.«

Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung keinen Eindruck, Fräulein Postelberg hingegen gerietdurch die bloße Erwähnung von »Paris« in Ekstase.

»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte schwärmerisch zur Decke empor. »Paris! Die Boulevards! Der Père Lachaise! Der Montmartre!«

»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl mit einer Grimasse nach, »Chapeau claque! Voilà tout!«

Dann stand er auf und begann im Flüsterton eifrig auf den Buchhalter einzusprechen.

»Mister Brown« schien ihm nicht zuzuhören, schrieb und rechnete unermüdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin, warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die Stirne.

»Dreiviertel zehn ist schon? Ist das möglich?« fragte er. »Wieviel Uhr haben Sie, Herr Neuhäusl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf mich warten lassen. – Eine geschäftliche Besprechung, Herr Neuhäusl, Sie können mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich imCaféSistiana an, Fräulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist die Nummer.«

»All right, Mister Brown,« sagte Etelka Springer.

»Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fräulein Postelberg?« stellte »Mister Brown« die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef stumme Blicke eines vergnügten Einverständnisses gewechselt hatte.

»Aber wo denken Sie hin?« verteidigte sichKlara Postelberg. »Ich weiß doch:Les affaires sont les affaires.«

»Ich möchte wetten,« sagte sie, als »Mister Brown« mit Herrn Neuhäusl das Bureau verlassen hatte, »daß er jetzt mit dem Neuhäusl Karambol spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er geschäftliche Besprechungen im CaféSistianaund ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er jedesmal mit.«

»Recht hat er,« sagte Etelka Springer.

Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.

»Was hast du denn gegen den Stanie?«

»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.«

»Warum eigentlich? Und seit wann?«

»Seit wann? – Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab' ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, daß er mit irgend jemandem Streit beginnt.«

»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg. »Und er versteht einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt, warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die Blumenweiber in der verlängerten Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder vergessen, aber es war interessant. Außerdem ist er doch groß und ein hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der –«

Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet. Sie sprang auf und lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinenPlatz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück.

»Sonja, du wirst verlangt.«

»Georg –?«

»Ich glaube. Ja.«

Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften, die ›jenes entzückende Fräulein‹ in Weiß, Rosa oder Blau mit stammelnden Liebesrufen zu betören suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.

Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. »Ethel, horch einmal! Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.«

Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau führte, knarrte unter schweren Schritten.

Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern. Zwei Köpfe beugten sich über die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches umher.

Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam, sondern Stanislaus Demba.

In der Türöffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das Zimmer ab. Lose über die Schultern gehängt trug er seinen hellbraunenHavelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den Händen zusammen.

»Ist Sonja nicht hier?« fragte er. Er sah übernächtig aus und schien vom raschen Gehen und vom Treppensteigen ermüdet zu sein.

»Sie sind's, Herr Demba? Grüß Sie Gott!« rief Klara Postelberg. »Sonja ist drüben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein.« Sie verschwieg vorsichtig, daß Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongespräch führte.

»Ich werde warten,« sagte Demba.

»Dann nehmen Sie aber, bitte, gefälligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im Zimmer nimmt man den Hut ab,« sagte Etelka Springer.

Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerfällig da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schweißtropfen glitt ihm von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nervös mit den Gesichtsmuskeln, als ob er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte. Den Hut behielt er auf dem Kopf.

»Siehst du, Claire, so macht man das,« sagte Etelka Springer und nahm ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen, aber er ließ es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu. »So, jetzt dürfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.«

Stanislaus Demba starrte haßerfüllt auf Etelka Springer und dann mit einem Ausdruck völliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehängt hatte. Schließlich zuckte er die Achseln und ließ sich auf den Stuhl nieder.

»Mir können Sie aber doch die Hand geben.Ich hab' Ihnen doch nichts getan?« sagte Klara Postelberg.

Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und wurde mit einemmal gesprächig.

»Was für reizende, kleine Hände Sie haben, Fräulein Klara. Nie im Leben hab' ich so aristokratisch-edle Hände gesehen. Was gäb' ich für einen einzigen Kuß auf diese Hand!«

»Aber bitte!« ermutigte ihn Fräulein Postelberg und hielt ihm auch die andere Hand hin.

»Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle Illusionen,« sagte Demba.

»Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.« Klara Postelberg trat tiefgekränkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.

Demba blickte nachdenklich auf ihre Hände.

»Chwoykas Seifensand!« sagte er plötzlich. »Hält rein die Hand.«

»Sie sind wirklich unausstehlich heute.«

»Heute? Immer ist er unausstehlich,« erklärte Etelka Springer. »Nicht wahr, Stanie. Deswegen können Sie aber einer alten Freundin doch die Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.«

Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem jüngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka Springer der Ehre eines Händedruckes nicht für würdig erachtet.

»Ihnen?« sagte Demba und verzog die Lippen. »Sie renken den Leuten die Arme aus.«

»Sie sind ein Flegel!« sagte Etelka Springer. »Sonja hat ganz recht, wenn sie –«. Sie brach ab.

»Was ist's mit Sonja?«

»Nichts.«

»Was ist's mit Sonja?« schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem Sessel in die Höhe und war kreidebleich. »Was ist's mit Sonja?«

»Schreien Sie nicht so! Nichts,« sagte Etelka Springer.

»Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten!« brüllte Demba ganz außer sich.

»Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie gefälligst aus dem Spiel.« Etelka kehrte ihm den Rücken.

Krachend fielen Stanislaus Dembas Fäuste auf die Tischplatte nieder. Irgend etwas klirrte, als sei eine große Spiegelscheibe in Trümmer gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt stehen. Er war offenbar selbst erschrocken über seinen plötzlichen Ausbruch. Seine Hände waren wieder unter dem hellbraunen Havelock verschwunden.

»Sind Sie verrückt, Stanie?« rief Etelka Springer. »Sie haben mein Tintenfaß zerschlagen.«

Doch das Tintenfaß stand unbeschädigt auf dem Schreibtisch. Nur ein wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der metallenen Schreibtischplatte.

»Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben.Ein Glas oder so was. Ich hab' es doch deutlich klirren gehört!« Etelka Springer suchte vergeblich auf dem Boden nach Glassplittern.

»Was ist's mit Sonja?« fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig.

»Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,« sagte Etelka Springer und wies auf Sonja Hartmann, die durch den Lärm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat.

Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte – weiß Gott, wer ihm davon erzählt haben mochte – so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen, daß er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten. Diese Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerwärtigkeiten, die überwunden werden mußten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie gehörte zu dieser Reise, genau so, wie das umständliche Packen der Koffer, wie der peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich das dürftig möblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten teuer genug bezahlen ließen und sich zudem noch für berechtigt hielten, eine Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin auszuüben.

Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich überstanden, und so hieß es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über sich ergehen zu lassen.

Sonja war bereit.

»Du bist's?« fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck ängstlicher Verlegenheit. »Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr im Bureau zu besuchen. Du weißt, der Chef –«

Der ärgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die Stellung des sich Verteidigenden.

»Bitte verzeih, wenn ich dich hier störe,« sagte er. »Aber ich habe mit dir zu sprechen.«

»Muß das unbedingt jetzt sein?« fragte sie mit der allergleichgültigsten Miene, die sie zustande brachte.

»Ja.«

»Wenn es unbedingt sein muß, dann bitte, nimm Platz.«

Demba setzte sich.

»Nun? Laß hören,« sagte Sonja.

Demba schwieg eine Weile. – »Vielleicht wird es doch besser sein, wenn die Unterredung unter vier Augen –«

»Komm, Claire,« sagte Etelka Springer. »Wir wollen nicht stören.«

»Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder hören,« sagte Sonja rasch. Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht bleiben.

»Nein!« sagte sie. »Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm, Claire!«

»Enfin seul,« konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht enthalten, als sie hinter EtelkaSpringer das Zimmer verließ. Der Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur wenige Worte Deutsch, – erst vor drei Wochen war er aus seinem böhmischen Nest nach Wien gekommen – und so war eine Indiskretion von seiner Seite nicht zu erwarten. Außerdem war er eingeschlafen.

»Nun?« sagte Sonja, als sie allein waren.

Demba stand auf. »Wo bist du heute nacht gewesen?«

»Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigenswar ich bei meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht über allein bleiben.«

»Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstraße vielleicht?«

Sonja errötete. – »Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die Liechtensteinstraße?«

»Sie fiel mir zufällig ein. Übrigens, sehr schwer krank scheint deine Tante nicht zu sein, sonst würdest du wohl kaum mit dem Weiner auf Reisen gehen.«

»Weht der Wind daher?«

»Jawohl. Daher.«

»Bitte, entschuldige, daß ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu fragen,« sagte Sonja spöttisch.

»Du wirst nicht fahren!« rief Demba.

»Doch. Morgen früh um neun.«

»Ich will es nicht!« schrie Demba wütend.

»Aber ich will es,« sagte Sonja immer gleich ruhig.

»Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es dann zwischen uns für immer zu Ende ist.«

»Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen,daß es für mich schon seit einem Vierteljahr zu Ende ist.«

»So,« sagte Demba. »Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab' ich dir noch zu sagen, daß du mir geschworen hast, niemals einen andern als mich zu lieben.«

Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja begann zu lachen.

»Wirklich?« fragte sie.

»Ja,« sagte Demba. »Vorigen Herbst. In der Rohrerhütte. Wir gingen nach dem Nachtmahl in den Park und da –«

»Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, daß ich niemals mehr Hunger bekommen werde? Das hätt' ich ebensogut tun können. Ich hab' wirklich nicht geglaubt, daß du so kindisch bist, Stanie.«

»Willst du es vielleicht abstreiten?«

»Nein,« sagte Sonja. »Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender Mensch. Das ist doch sehr einfach.« Sie zuckte die Achseln. »Jetzt ist eben alles anders.«

Demba, der geglaubt hatte, in der Erwähnung jenes Abends in der Rohrerhütte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen, wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, daß »jetzt eben alles anders sei«, war er nicht vorbereitet. Er blickte voll Ärger auf die Uhr und stampfte mit dem Fuß.

»Ich hab' gedacht, daß ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft bringen können. Wenn ich dir nur begreiflich machen könnte, wie kostbar heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so viel zu tun und muß hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.«

»Ich find' auch, daß du hier ganz unnütz deine Zeit verlierst,« sagte Sonja.

»Da hilft aber nichts,« sagte Demba entschlossen. »Ich gehe nicht fort, ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es mein Verderben ist. Und ich glaube« – Demba warf nochmals einen Blick auf die Uhr und stöhnte ganz leise – »es wird mein Verderben sein.«

Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, daß Demba irgend etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf hatte er da in Vorbereitung?

»Du mußt nicht glauben,« sagte jetzt Demba, »daß ich dir die Reise mißgönne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen früh können wir abreisen.«

»Wirklich?« spottete Sonja. »Zu lieb von dir, zu freundlich.«

»Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,« sagte Demba unbeirrt.

»Jetzt hör' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das glaubst du doch selbst nicht, daß ich mir von dir Briefe an meine Freunde diktieren lasse. Es wird für deinen Geisteszustand am besten sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.«

Demba wurde es langsam klar, daß er gegen Sonjas kühle, überlegene Ruhe nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er sich und kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas festen Entschluß war,wußte kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu.

Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag, stach ihm ins Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers reizte ihn zur Wut und er begann über Georg Weiner loszuziehen.

»Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraßenaff! In so einen Hohlkopf hast du dich vergaffen können!«

Sonja wurde zum erstenmal scharf.

»Wenn du anfängst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafür, daß wir beide nicht zueinander passen.«

»Schön,« sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu rächen, wenn er ihn auch nurin effigievernichten konnte.

Er wählte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den Säumen seines Mantels zum Vorschein, näherte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom Tisch. In der Nähe des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor Mißhandlungen schützen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, daß Sonja Stanislaus Dembas Hand berührte.

Sie stieß einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurück.

Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und den Bruchteil einer Sekunde lang einen Blick auf ein weißblinkendes, metallisch glitzerndes Instrument erhascht.

Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar: Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu können, ob es ein Revolver war, oder ein Messer, oder ein Todschläger, sie wußte nur, daß sich ihr Leben in höchster Gefahr befand.

Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand zwischen ihr und der Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu erwarten. Schlug sie Lärm, so erreichte sie nur, daß Demba seinen Mordplan sofort ausführte. Sie beschloß, sich zu stellen, als hätte sie nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte. Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung möglich.

Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet. Jetzt richtete sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden. Er stieß sie mit dem Fuß in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu. Die Hände mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock verborgen.

Er bemerkte nicht, daß Sonja am ganzen Körper zitterte, und daß sie sich mit beiden Händen an dem Schreibtisch festhalten mußte, um nicht zu Boden zu sinken.

»So,« sagte er. »Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren?«

Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.

Aber Sonja sagte leise:

»Ich weiß es noch nicht.«

Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht spöttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm sich nicht die Mühe, nach einer Erklärung für diese Wandlung zu suchen.

»Du bist noch nicht entschlossen?« fragte er.

»Ich muß es mir erst überlegen.« Durch Sonjas Kopf raste ein einziger Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den Händen, er war jähzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr –

»Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpaß geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.«

»Vielleicht,« hauchte Sonja geängstigt. »Wenn …« Sie stockte. Was sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.

»Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr?« Er trat näher heran. Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung.

»Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,« sagte er. »Ich erwarte das Honorar für den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt habe. Außerdem kann ich in ein paar Häusern, in denen ich unterrichte, Vorschuß bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.«

Sie hörte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch hätte sie sie nicht beschreiben können. Jetzt aber war sie überzeugt, den Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte: Einen Browning, der wie ein großer Haustorschlüssel geformt war und sie aus einer dunklen Mündung mordlustig anglotzte.

»Bis zum Abend ist das Geld beisammen,« wiederholte Demba. Er warf einen Blick auf die Uhr. »Halb elf ist's!« rief er. »Der Teufel noch einmal. Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen müssen.«

Jetzt wird er gehen – dachte Sonja. – Wenn er doch nur schon endlich fort wäre! –

»Jetzt versprich mir also, daß du mit mir fährst, morgen,« drängte Demba.

»Ja,« hauchte Sonja. »Vorausgesetzt, daß –« Sie suchte nach irgendeinem Vorbehalt.

»Vorausgesetzt, daß ich das Geld habe. Natürlich,« unterbrach sie Demba. »Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.«

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu:

»Ich wußte, daß wir uns bald einigen würden, wenn wir erst vernünftig über die Sache zu sprechen begonnen haben würden. Ich komm' am Abend nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich muß gehen. Ich hab' keine Zeit zu verlieren.«

Er blickte im Zimmer umher, als suche er nochetwas. Er biß sich in die Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tür. Auf dem Wege stieß er in einem plötzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter.

Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie Sonja schluchzend und das Gesicht in den Händen vergraben.

»Was ist geschehen?« rief Klara Postelberg.

»Er hat auf mich schießen wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich schießen wollen.«

Etelka Springer schüttelte den Kopf.

»Unsinn!« sagte sie. »Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.«

»Nein!« beteuerte Sonja. »Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit über hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall hab' ich ihn zu sehen bekommen.« Sie begann von neuem zu schluchzen. »Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch gebeten: Bleibt da! – Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.« – Sie zitterte noch immer an allen Gliedern.

Etelka Springer wurde nachdenklich.

»Er ist ein gewalttätiger Mensch, das ist richtig,« sagte sie. »Und sehr leicht erregbar. Aber –« Sie unterbrach sich. »Auf jeden Fall mußt du den Weiner benachrichtigen.«

»Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, daß er zu seinen Eltern nach Mödling fährt.«

»Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's nicht anders geht, mit Gewalt,« sagte Etelka Springer. »Wo ist er denn jetzt?«

»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.«

»Aber nein. Dort hängt doch noch sein Hut.«

Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am Kleiderhaken.

Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld.

Oskar Miksch dehnte sich, gähnte, rieb sich die Augen und richtete sich halb in seinem Bette auf. Wieviel Uhr es sein mochte, wußte er nicht, sicher aber war es noch nicht spät. Er konnte nicht lange geschlafen haben. Er war nicht von selbst erwacht. Ein Geräusch, das wie das Klirren aufeinander schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte ihn geweckt.

Er erinnerte sich, daß die Überbleibsel seines Frühstücks, eine halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes Marmeladebrot, auf dem Tisch liegengeblieben waren und begann innerlich, aber ziemlich intensiv auf seine Hausfrau, Frau Pomeisl, zu schimpfen, die wieder einmal die Frühstückstasse abräumte, während er noch schlief, und dazu noch unnötigen Lärm machte.

Als sich seine Augen an das Halbdunkel des Zimmers gewöhnt hatten, – er pflegte, bevor er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen zu schließen, um nicht durch das Tageslicht gestört zu werden, – erkannte er, daß er der ehrwürdigen Matrone schweres Unrecht zugefügt hatte. Nicht sie war es, die Mikschs gestörten Schlummer auf dem Gewissen hatte, sondern sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus Demba.

Demba stand über den Tisch gebeugt, und Mikschsah ihn undeutlich auf komische und gravitätische Art das Marmeladebrot verspeisen – er hob es mit beiden Händen in die Höhe und zum Mund, es sah aus, als ob er feierlich eine heilige Handlung zelebrierte. Und so oft er die Hände sinken ließ, klirrte der Teller aus irgendeinem rätselhaften Grund, und eben dieses Geräusch hatte Miksch geweckt.

Auf dem Sessel neben der Tür saß noch eine zweite Gestalt, die sich bei schärferem Hinschauen als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen Schatten vergrößerter Havelock erwies.

Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu sehen. Sie trafen einander sonst tagelang nicht. Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um diese Zeit hatte Demba gewöhnlich schon die Wohnung verlassen; den Tag über ließ er sich nur selten blicken und auch abends war er meist noch nicht zu Hause, wenn Miksch wieder in seinen Dienst ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe ein halbes Jahr lang und hatten während dieser Zeit kaum ein dutzendmal miteinander gesprochen. Dinge von Wichtigkeit pflegten sie einander auf zurückgelassenen Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhältnissen war Miksch ziemlich vertraut, er wußte es genau, wenn Demba in Geldnöten war, in Prüfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in Liebesabenteuer verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten kämpfte. Denn der Student hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bücher und Notizhefte herumliegen zu lassen, und Frau Pomeisls Neigung, dem einen vom andern zu erzählen, tat das übrige. Hie und da wandten siesich mittels Zettelpost aneinander um Aushilfe, und entliehen etwa eine alte Frackhose, einen frischen Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Höhe von fünf Kronen voneinander.

»Guten Morgen! Wünsch' guten Appetit!« rief Oskar Miksch den Studenten an.

Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine Sekunde lang auf das Bett. Er merkte offenbar erst jetzt, daß Miksch erwacht war. Der Teller begann wieder zu klirren und gleich darauf verschwand Demba hinter dem Tisch, so plötzlich, als wäre er versunken.

»Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas zu Boden gefallen? Was suchen Sie? Warten Sie, ich mache Licht.«

Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster, um die Fensterladen zu öffnen. Als ein schüchterner Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brüllte Demba, vom Licht wie von einem Messerstich getroffen, plötzlich auf:

»Zum Kuckuck, was fällt Ihnen ein? Lassen Sie doch die Laden geschlossen. Ich vertrage kein Licht, ich habe Augenschmerzen.«

»Augenschmerzen?« Miksch schloß augenblicklich die Fensterladen, und es war jetzt stockdunkel im Zimmer.

»Rasende Augenschmerzen! Ich muß doch endlich zu einem Spezialisten gehen.« Stanislaus Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht und schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen, das auf dem Tische lag.

»Zum Teufel, es geht nicht!« fluchte er. »Schneiden Sie mir doch ein Stück Brot ab, Miksch.«

»So wird's freilich nicht gehen,« sagte Miksch.»Man nimmt das Brot in die eine und das Messer in die andere Hand.«

»Hol Sie der Teufel!« brüllte Demba in einem Anfall ganz unerklärlicher Wut. »Geben Sie mir keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein Stück Brot ab.«

»Es ist nur Faulheit von Ihnen,« sagte Miksch gelassen und langte über den Tisch nach dem Brotlaib und dem Messer. »Sie lassen sich ganz gern ein bißchen bedienen, nicht? So, da haben Sie Ihr Brot. Streichen müssen Sie es sich selbst.«

Demba aß, und wieder benützte er beide Hände, um das Brot zum Mund zu führen – in dem dunklen Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet mühsam mit beiden Händen ein Fünfzigkilogewicht.

Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete im Dunklen nach seiner Hose und seinen Hausschuhen und begann sich anzukleiden.

»Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frühstück weg,« sagte Demba.

»Aber nein! Ich bin vollständig satt.«

»Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor Hunger. Ich habe seit gestern mittag nichts gegessen, und heute morgens hat mir ein Hund mein Frühstück weggeschnappt.«

»Wer? Ein Hund?«

»Ja. Ein häßlicher, braungefleckter Pinsch. Und ich mußte ruhig zusehen.«

»Warum mußten Sie das?«

»Ich hatte im Augenblicke zufällig die Hände nicht frei. Was kümmert Sie das übrigens? Man kommt manchmal in Situationen, in denen man seine Hände nicht gebrauchen kann. Ich bringe Sie übrigens um Ihren Schlaf?«

»Ich bin nicht müde. Ich kann nachmittags noch ein paar Stunden schlafen. Wir sehen uns ohnehin so selten. – Wie kommt es, daß Sie heute zu Hause sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?«

»Ich bin hergekommen, um mir von der Frau Pomeisl einen Mantel auszuleihen. Meiner ist zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem Sohn, der eingerückt ist, zu Hause.«

»Ihr Mantel ist zerrissen?«

»Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie, hat nach ihm geschnappt.«

»Sie können meinen haben. Ich brauche ihn erst am Abend. Bis dahin hat Frau Pomeisl ihren Mantel ausgebessert.«

»Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.«

»Aber wir haben ja die gleiche Größe.«

»Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine anziehen, die der Sohn der Frau Pomeisl zurückgelassen hat.«

»Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?«

»Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem Georg Weiner nach Venedig fahren.«

»Georg Weiner? Wer ist das?«

»Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch, der niemals von etwas anderem spricht, als von irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.«

»Geben Sie ihm Ihren Segen.«

»Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich etwa bestehlen?« rief Demba zornig.

»Wer bestiehlt Sie denn?«

»Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer die Sonja wegnimmt?«

»Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden. Sie kann tun, was sie will.«

»So. Sie haben einen Posten bei der Bahn. Und einen Protektor im Ministerium. Wenn nun irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium, der doch auch ›frei‹ ist und tun kann, was er will, verdrängen und Ihnen Ihren Posten wegnehmen würde – ließen Sie sich das gefallen? Ich soll zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt? Wenn ein armer Teufel ein Stück Brot stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese Buschklepper der Liebe gibt es kein Recht?«

»Wollten Sie denn das Mädel heiraten?«

»Nein.«

»Sehen Sie! In ein paar Wochen hätten Sie sie stehen gelassen. Der Verlust ist also nicht so groß.«

»In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut bin ich noch nicht zu Ende.«

»Was heißt das: Noch nicht zu Ende? Die paar Tage oder Wochen können doch keine Rolle spielen.«

»Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen Sie das nicht? Wie soll ich Ihnen das begreiflich machen? – Hören Sie: Sie essen ein Salzstangel. Oder eine Birne. Und Sie legen das letzte Stückchen aus der Hand, irgendwohin, und Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben. Sie können andere Dinge essen, soviel Sie wollen, hundertmal bessere Dinge: das kleine Stückchen Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen Tag hindurch werden Sie unbewußt ein Verlangen in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben nach jener Birne, nur weil Sie das letzte Stückchen nicht gegessen haben.«

»Nun. Und?«

»So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht hätt' ich sie in ein paar Wochen vergessen. Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen sind, als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern mit mir gebrochen hat, kann ich heute ohne sie nicht leben. Der letzte Bissen – verstehen Sie das nicht? – Miksch, Sie müssen mir Geld verschaffen.«

»Sechs Kronen können Sie sofort haben.«

»Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.«

»Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll ich Ihnen verschaffen?« Miksch begann aus vollem Halse zu lachen. »Wozu brauchen Sie das Geld, Demba?«

»Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.«

»Ich dachte mir's. Glauben Sie, daß es mit dem Geld allein getan wär'? Wenn das Mädel den andern nun einmal lieber hat!«

»Wenn ich das Geld habe, fährt sie mit mir.«

»Glauben Sie das im Ernst?«

»Ich glaube nichts. Ich weiß es,« sagte Demba. »Ich war vor einer halben Stunde bei ihr, und sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie zur Vernunft gebracht. Mit ein bißchen Diplomatie und Menschenkenntnis geht alles. Sie hat seit jeher einen unbezähmbaren Drang, sich die Welt anzusehen. Siemußdiese Reise machen, und wer ihr dazu verhilft, das ist ihr nebensächlich. Wenn ich mir bis heute abend das Geld verschaffe, ist der Weiner erledigt.«

»Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit her, lieber Demba,« sagte Miksch skeptisch.

Stanislaus Demba hörte nicht auf ihn.

»Und heute morgen hätt' ich beinahe die zweihundertKronen gehabt, die ich brauche. Wenn ich nur im rechten Moment zugegriffen hätte! Aber ich habe zu lang gewartet, und seither ist mir das Zugreifen erheblich erschwert worden. Ich könnte mich ohrfeigen, wenn –«

»Wenn?«

»Wenn ich es könnte. Auch das geht nicht mehr so leicht.« Demba lachte kurz auf. »Genug davon! Also Sie haben kein Geld für mich. Dann muß ich schauen, daß ich mir's wo anders beschaffe. Leben Sie wohl. – Ja, richtig: Die Pelerine! – Frau Pomeisl!«

Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte. Die Hauswirtin steckte den Kopf zur Tür herein.

»Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas, haben Sie's aber heut dunkel. Man sieht ja seine eigenen Händ' nicht.«

»Frau Pomeisl!« bat Demba. »Können Sie mir für heute die Pelerine leihen, die ihr Sohn früher immer getragen hat? In meinen Mantel hab' ich mir ein Loch gerissen.«

»Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie? Aber warum denn nicht. Die wird Ihnen nur zu schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der letzten Zeit, bevor er zum Militär gegangen ist, gar nicht mehr auf die Gassen gehen wollen mit der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie Ihnen heraus.«

Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer, und kam nach ein paar Augenblicken mit der Pelerine zurück.

»So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel nach Naphtalin stinkt sie halt.«

»Das macht nichts. Geben Sie sie nur her,«sagte Demba. »Ein praktisches Ding, so eine Pelerine. Man wirft sie einfach um und knöpft sie vorn zu und muß sich nicht erst damit plagen, die Arme in diese scheußlichen Futterale zu zwängen, die der Teufel erfunden hat –«

»In welche Futterale?« fragte Miksch.

»In die Ärmel. Ich vertrage Ärmel nicht. Machen Sie die Fensterladen auf, Miksch.«

»Haben Sie keine Schmerzen mehr?«

»Schmerzen? Was für Schmerzen?«

»Augenschmerzen.«

»Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit Ihren Fragen und öffnen Sie die Fensterläden.«

Helles Tageslicht flutete in das Zimmer.

Demba trat vor den Spiegel, der die Tür des Kleiderkastens und das Prunkstück des dürftig möblierten Zimmers bildete. Er besah sein Spiegelbild und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine schien seinen Beifall zu finden.

»Jesses, Sie sind's, Herr Demba!« rief Frau Pomeisl, die ihn erst jetzt erkannte. »Wenn ich gewußt hätt', daß Sie zu Hause sind. Ich hab' geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie der Geldbriefträger gesucht.«

»Der Geldbriefträger? Ist er fort? Sie haben ihn doch nicht fortgehen lassen?« schrie Demba.

»Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen. Er muß gleich herunterkommen. Er hat einen Geldbrief für Sie.«

»Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und ihn abpassen.« Stanislaus Demba wandte sich zu Miksch und lachte. »Der Herr Weiner wäre erledigt. Es ist das Geld von dem Schundverleger, dem ich seinen Roman ins Polnische übersetzthabe. Einen Kolportageroman für Dienstmädchen in vierhundert Lieferungenàzwanzig Heller, in jeder Lieferung ein Raubmord oder eine Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine Kindesunterschiebung – er bietet jedem Geschmack etwas. Ich sollte mich eigentlich schämen, aber Sie wissen, Miksch:Non olet.Und er läßt mich nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese Wilden sind doch bessere Menschen.«

»Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie haben wahrhaftig Glück, Demba!«

»Glück? – Verdammtes, elendes Pech habe ich!« schrie Demba. »Warum konnte das Geld nicht gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern gekommen wäre!«

»Nun, und worin läge der Unterschied?«

»Daß ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor mir hätte, heute – weiter nichts,« sagte Demba und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen Ruck:

»Jetzt muß ich hinaus, sonst läuft mir der Geldbriefträger fort.«

Nach ein paar Minuten kam Demba zurück. Er öffnete, ohne ein Wort zu sprechen, den Kleiderkasten, und vergrub sich zwischen alten Hosen, Röcken und Westen. Als er wieder hervorkam, hatte er einen hochbetagten, speckig glänzenden, an den Rändern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf, einen monströsen Methusalem von Hut, den Miksch vor etlichen Jahren in den wohlverdienten Ruhestand geschickt hatte.

»Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen Sie doch nicht unter Menschen gehen?« rief Miksch.

»Ich hab' keinen andern.«

»Wo haben Sie denn den Ihren?«

»Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.«

»Wie kann man denn nur so zerstreut sein.«

»Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen lassen müssen.«

»Müssen? Ja, warum denn?«

Demba wurde ungeduldig.

»Fragen Sie nicht soviel. Sie können sich das nicht vorstellen? Sie werden mich mit Ihrer verdammten Phantasiearmut noch ärgerlich machen. Man muß Ihnen alles lang und breit erklären. Also: Es ist windig. Der Hut fliegt mir auf das Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will nach ihm greifen – da kommt der Stadtbahnzug. – Manchmal ist es besser, die Hand nicht auszustrecken, wenn man nicht unter die Räder geraten will, Miksch!«

»Sie müssen sich gleich einen neuen Hut kaufen, Demba. Jetzt haben Sie ja Geld.«

»Nein,« sagte Demba, »ich habe kein Geld.«

»Ist der Briefträger nicht gekommen?«

»O ja,« sagte Demba.

»Oder war das Geld am Ende gar nicht für Sie bestimmt?«

»Doch. Es gehörte mir. Aber –«

Ein Wutanfall kam über Stanislaus Demba. Er stieß wie irrsinnig nach Frau Pomeisls rotem Plüschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher nach etwas, was er in Trümmer schlagen könnte. Frau Pomeisls seidengestickter Ofenschirm, auf dem die Legende der heiligen Genoveva dargestellt war, hatte das Unglück, Dembas Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er erhielt einen Fußtritt, stürzte ächzend zu Boden und starb den Märtyrertod. Dasschien Herrn Demba soweit zu beruhigen, daß er in seinem Berichte fortfahren konnte.

»Er hat mir das Geld nicht geben wollen!« tobte er. »Nur gegen Unterschrift! Er hat mich zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden Tintenstift in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch anzufassen, und meinen Namen auf eine schmierige Stelle darin zu setzen. Sonst könne er mir das Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld, hören Sie, Miksch? Mein Geld!«

»Nun, und?«

»Ich lasse mir nichts erpressen,« sagte Demba. »Ich habe nicht unterschrieben.«

»Dreizehn vier sechsundfünfzig! – Nein, Fräulein, dreizehn vier sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal acht. – Ja. – Wer dort, bitte? Ja? – Ich bitte, kann ich vielleicht mit Fräulein Prokop sprechen? Prokop. Pro–kop. Steffi Prokop. Ja. Ich werde warten.«

»Steffi? – Ja? – Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab' ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. – Ja. – Grüß dich Gott. Steffi, hör' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womöglich gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch jetzt, vielleicht läßt dich dein Chef – nein? Herrgott, hat sich heut alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann wenigstens allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen. – Das kann ich dir durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd' ich dir's erzählen, deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich nicht. Es steht einer draußen und hört jedes Wort, und ist schon sehr ungeduldig, weil er so lange warten muß. Ich läut' jetzt ab. Also um zwölf Uhr. – Nach zwölf. – Gut. – Gut. Grüß dich Gott, Steffi!«

Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ einen kleinen, dicken Herrn, der ihn wütend anblickteund unverständliche Beleidigungen murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war, wurde er von der andern Seite der Straße angerufen.

»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück mit Ihnen.«

Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.

Demba nickte ihm flüchtig zu.

»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie vormittags spazieren gehen können?« fragte er.

Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch von sich.

»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe mich gehen? Aber ich komme eben von der Börse. Ich hatte dort zu tun.«

Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschäftigt. Mit dem Börsengeschäft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen größeren Geldbetrag bei sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung dieses Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die Ringstraße zu promenieren – die Glacéhandschuhe in der rechten, das Stöckchen in der linken Hand – nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich in seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in einem freien Beruf tätig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemächlich seine Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemenFauteuil zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf dem Marmortisch, das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags zur Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut, Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu Mittag speist und schließlich nachmittags an seinem Schreibtisch ein paar wichtige Geschäfte erledigt. – Willy Eisner jedoch war genötigt, von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen Bleistifthäkchen zu versehen.

Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und war überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhörte, wenn er es für gut fand, eine Äußerung zu machen.

»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich schöne Wohnung. Aber sie war mir ein bißchen zu eng geworden – ich brauchte einen Raum für meine Bibliothek –«

»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba. »Sie müssen ein bißchen schneller gehen, ich habe wenig Zeit.«

»Es tut mir leid um dieWohnung,«sagte Eisner und setzte sich in Trab. »Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen –«

»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn Stanislaus Demba. »Das ist wohl nicht Ihr Weg?«

»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere, ich verkehre, ich wickle Geschäfte ab – alles.«

»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut.

»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen – kennen Sie den Reifflingen? Ich speise manchmal mit ihm im Imperial – gestern fragt er mich also: Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung für dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen: Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hände, aber –«

Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen Begleiter an. »Was sagen Sie da? Gebundene Hände?«

»Ja. Weil nämlich –«

»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß unangenehm sein.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit einem hämischen Blick. »Gebundene Hände! Ich stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat, als ob sie bersten wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht –«

»Was reden Sie da?«

»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein muß, wenn Sie mit gebundenen Händen herumlaufen.«

»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenenHänden, insoferne ich nämlich das Interesse der Bank …«

»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem Mund sind, schon wie Aas.«

»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Straße. Ich hab' ihm ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt: Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich –«

»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet. Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?« Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanfälle zu unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es muß sein. Angst bekommt man erst – furchtbare Angst! – in der Sekunde, in der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich. Man spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und dann – nun, was geschieht dann? Nun?«

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte Willy Eisner verwundert.

»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen nicht –? Wie können Sie sich dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage, bekomme kalten Schweiß auf der Stirneund die Knie zittern mir. Aber Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen nichts dabei.«

»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,« sagte Willy Eisner. »Es können nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder –«

»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei Ihnen verreckt alles, was einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das ist: gebundene Hände. Mir hat einmal geträumt, daß ich einen widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, wirklich gebundene Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden –«

»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte Eisner, dem unbehaglich zumute wurde. »Ich muß mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß Sie der Himmel.«

»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners ausgestreckte Hand.

»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich muß schon sagen, eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Straße – Aber es scheint, daß Sie –« Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.

»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten Sie mir das nicht sagen?«

Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags, wenn die Essensstunde heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia gegenüber der Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die hier ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten, Konjunkturen erörterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die Zeitungen studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft des Kaffeehauses, der Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler begann erst nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem für diese Stunde auch das Ressort des Zahlmarkörs übertragen war – der »Ober« war beim Mittagessen –, lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schläfrig mit den Augen und kiebitzte den beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden, die ihre Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Fräulein an der Kasse pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.

Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das fiel in dem mitten im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten,und in dem jeder Eile hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf.

Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit den Augen eines Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nähe der Kasse als für seine Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzüglicher Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich schließlich für einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei Kleiderständern.

Der Kellner kam mit einem Bückling heran.

»Befehlen der Herr?«

»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus Demba. »Was haben Sie?«

»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Rostbeaf wär' da!«

Stanislaus Demba schien zu überlegen.

»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen,« empfahl Franz in der höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden, als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie« anzusprechen.

»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas –,« rekapitulierte er nochmals.

»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach längerem Nachdenken, »bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.«

»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner, der eine Bestellung von größerem Nährwert erwartet hatte, verblüfft.

»Beide Bände.«

Der Kellner holte die dicken Bände aus dem Bücherkasten, legte sie auf den Tisch und wartete auf den nächsten Auftrag.

Der ließ nicht lang auf sich warten.

»Haben Sie ein Lexikon?«

»Wie, bitte?«

»Ein Konversationslexikon.«

»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.«

»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.«

»Welchen Band belieben?«

»A bis K,« befahl Demba.

Der Kellner brachte drei Bände.

»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir die übrigen Bände auch,« sagte Demba.

Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei, der ganze kleine Brockhaus lag auf Dembas Tisch.

»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?« fragte Demba.

»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.«

»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba ungeduldig. »Ich benötige die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen Untersuchungen.«

Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll zurück. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll:

»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.«

»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba.

»Befehlen der Herr?«

»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?«

»Leider nicht dienen –«

»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch für Heer und Flotte und was Sie sonst von militärischen Handbüchern haben.«

Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin.

»Gegen die hohen Militärs geht's,« sagte er mit einem Blick auf Demba. »Haben Sie gehört? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's ihnen nur geben! Wer spielt aus?«

»Wer sagt Ihnen, daß ergegendie Militärs ist? Genau so gut kann erfürdie Militärs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner.

»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?« forschte inzwischen Demba den Kellner aus.

»Jawohl.«

»Den bringen Sie mir auch.«

»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte der Reisende. »Und da hört man immer: Die Journalisten sind nicht gründlich.«

»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt etwas gegen den Minister des Äußeren. Der ist ja ein Graf von und zu.«

»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein Freiherr von.«

Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das gräfliche Taschenbuch auf Dembas Tisch.

»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn Demba an. »Bringen Sie mir die anderen Bändeauch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von Reifflingen aus der älteren Sebastianischen oder aus der jüngeren Cyprianischen Linie stammt?«

Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu ein Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher, das ihm mit unter die Hände gekommen war.

Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student völlig verschwunden war. Nur sein speckig glänzender Hut allein war noch sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht zu genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen Landeskalender, den Wiener Kommunalkalender und das Hof- und Staatshandbuch der österreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang.

»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was steht dort für ein Buch im Kasten. Dort, das große, schwarze?«

»Das Fremdwörterlexikon, bitte.«

»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch' ich sehr notwendig. Ich muß unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche übersetzt. Leptoprosopie! Oder können Sie mir das vielleicht sagen?«

»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf geworden war.

Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben,die er zu seiner Arbeit benötigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner trat an ihren Tisch und sah zu.

»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, daß das Fräulein in der Kasse das Stück Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen ließ. »Kell–ner!«

»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen Blick in den Bücherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte gläserne Tintenfaß und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war, vom Büfett, denn er glaubte den nächsten Wunsch des Gastes erraten zu können.

»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba.

»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?«

»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im Glas, Brot und eine Flasche Bier.«

Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bücherwall bald sichtbar wurde, bald verschwand.

Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz diesen Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Herrn Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu unterhalten.

»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lüfterl,« begann er das Gespräch und deutete auf den Reisenden.

Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört,als der Kellner in seine Nähe kam. Er ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillengläser über den Lexikonband Löffelhuhn – Nebenniere hinweg wütend an.

»Was wollen Sie?«

»Mußte leider die Fenster schließen, weil der Herr dort –«

Der Kellner kam nicht weiter.

»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!« brüllte Demba. »Aber stören Sie mich nicht beim Essen!«

Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und kam erst wieder hervor, als Stanislaus Demba »Zahlen!« rief.

»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine Flasche Bier, – Brote? Zwei? Drei?«

Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel.

»Drei Brote.«

»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig, drei Kronen zweiundvierzig, bitte –.«

Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und ein paar Nickelmünzen.

Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er auf die Straße trat, wandte er den Kopf und sagte mit verdrießlicher Miene zum Kellner:

»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation über den Stand des menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel Lärm in dem Lokal.«


Back to IndexNext