EIN NACHTRAG
Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein „Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun, infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich einefortdauerndeSache sein könne, sondern eine durchHaß-,Verachtungs- und vor allemGleichgültigkeits-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen verfügbaren Sinne sein müsse!Man kann niemanden auf die Dauer gleichmäßig gern haben! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eineanständige Stetigkeit und VerläßlichkeitderGefühlswelt, ja sogar der Sinnenwelt, was einenoch entsetzlichere Stupiditätist! Die „Mehrheit“ will uns ebenblöde machen! Strindberg ist tot, Ibsen, Björnson, Tolstoi. Ja, da müssenwir Flöheuns halt aufraffen, und stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auchverwunden,ohneGenies zu sein! Wir haben dengesundenMenschenverstand! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere, liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihrGlücklichen, ihr wart niemals auch nur eineStunde langwirklich glücklich!Geschäftehabt ihr gemacht undBilanzenberechnet! Ihr „Aktiven“ seid ewig „passiv“ gewesen!